Berlinale Retrospektive 2022: Mae West: „Night After Night“

Night After Night

USA 2932. Regie: Archie Mayo, mit George Raft, Constance Cummings, Wynne Gibson, Mae West.

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.


Ein knackiger Liebesfilm in Prohibitionszeit mit viel Komik ist „Night After Night“, der Film, in dem erstmals Mae West auf der Leinwand erscheint. Und was für eine Erscheinung: Sie stürmt herein in die Stadtvilla von Joe Anton, der hier sein Speakeasy unterhält, und der Raum gehört ihr. Das Garderoben-Girl bewundert ihren Schmuck: „Goodness, what beautiful diamonds!“, und West zurück: „Goodness had nothing to do with it“; es ist klar, dass sie ihre eigenen Dialoge schrieb, dieser Oneliner gab auch den Titel ab für ihre 1959 erschienene Autobiographie.

 

Sie hat einen kleine Rolle, die für die Handlung selbst ganz unbedeutend ist: Es geht um Joe Anton und seinen illegalen Nachtclub in Prohibitionszeiten, der sich einerseits gegen Gangster, andererseits gegen eine besitzergreifende Geliebte wehren muss, der aber vor allem sich verguckt hat in die schöne, einsame Miss Healy, die Abend für Abend allein an ihrem Tisch in seinem Lokal sitzt. Der komische Teil: Der dreht sich um seine Bemühungen, ein Gentleman zu werden, indem er Unterricht nimmt bei einer Matrone namens Miss Jellyman, die ihm die „ain’t“s und „don’t nothing“s austreiben und ihn zur gehobenen Konversation führen will. Der Kniff des Films ist nun, dass Anton für sein erstes Rendezvous mit Miss  Healy diese Benimmlehrerin mit einlädt, um mit wohlgeprobten Dialogen in gesetzten Worten den Mann von Welt darstellen und die Angebetete beeindrucken zu können. Und hier hinein platzt Mae West als Maudie Triplett, das pralle Leben selbst, die alsbald allen die Show stiehlt und alle becirct, weil sie sagt, was Sache ist; und weil West in diesem ihrem ersten Auftritt sehr genau weiß, wie sie kunstvoll und gezielt und ganz charmant vulgär sein kann, ohne wirkliche Vulgarität auszustrahlen. Vielmehr ein lebendiges Wesen, das ganz bei sich ist. „Could you help me get rid of my inhibitions?“, fragt Miss Jellyman, die zunehmend betrunken wird und zunehmend dieses Speakeasy-Leben genießt.

 

Anderntags gibt es für diese beiden ein Happy End: Maudie bittet Miss Jellyman, in ihr Business einzusteigen, und die ist geschmeichelt, aber zugleich (erneut) gehemmt: Ja sicher, das ist sicher ein wichtiger Beruf, der viele gute Ehefrauen vor Unbill geschützt hat, und hat lange Tradition von Cleopatra bis Dubarry, aber ob sie denn dafür nicht zu alt wäre? Um dann zu erfahren, dass Maudie nicht – es wird nicht direkt ausgesprochen, aber entgegen der Vermutung führt sie einen Schönheitssalon, und da sagt Jellyman nicht nein.

 

Anton hat es mit Miss Healy nicht so einfach, sie ist möglicherweise vor allem verliebt in die Aufregungen der Halbwelt, will aber einen anderen wegen des Geldes heiraten, und (ebenfalls mit anderen Worten) wirft Anton ihr daraufhin Prostitution vor. Sie zerdeppert sein Schlafzimmer, er nimmt dies als Liebesbeweis und zwingt ihr Küsse auf, viele Küsse, er weiß, dass sie es eigentlich will. Das ist heute nicht mehr komisch; komisch ist der Dialog zwischen Jellyman und Maudie: „Glaubst du an Liebe an den ersten Blick?“ – „Ich weiß nicht, kann aber viel Zeit sparen.“

 

Harald Mühlbeyer

 

Fotos (c) Universal Studios