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Grindhouse-Nachlese März 2026: Geistertanz und Pantherkommando

 Grindhouse Double Feature, 28. März 2026, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„The Ghost Dance“, USA 1982, Regie: Peter F. Buffa

 

„Kommando Panther“ / „The Panther Squad“, Frankreich/Belgien/Spanien 1986, Regie: Pierre Chevalier

 

 

Es ist ja immer so eine Sache mit den Indianern: Im Film sind das meistens die, die um ’ne Wagenburg reiten und von den weißen Siedlern abgeschossen werden. Schießbudenfiguren, die der manifest destiny im Weg stehen. Typen aus dem Mythos des Wilden Westen, Klischees – im Gegensatz dazu die American Natives, die tatsächlichen Ureinwohner, die als menschliche Wesen, als Individuen mit eigenem Schicksal im Kino kaum vorkommen. Außer in sozial bewussten Dramen, oder so.

Die Unterscheidung ist jedenfalls wichtig zwischen den Indianern, die in den Geschichten der Weißen vorkommen, und den Ureinwohnern, die ihre eigene Geschichte haben, eine meist leidvolle, die nur selten erzählt wird. „The Ghost Dance“ ist zwar eine Geschichte der Weißen, ein Genrefilm noch zumal – aber er erzählt keine Indianerstory, sondern eine Horrorgeschichte der Natives.

Peter F. Buffa kennt sich aus im Horrorgenre: Der Anfang, eine Ausgrabungsszene auf Reservatsterritorium, ist eine klare Referenz an den „Exorzisten“, später wird auch auf die klassische Universal-„Mumie“ verwiesen, natürlich gibt es eine Duschszene mit unheimlichem Beobachter: eine gemeine Hauskatze, allerdings nur dem Aussehen nach, tatsächlich eine der Formen, die Nahalla annimmt, ein seit 100 Jahren toter Schamane, der gewaltvoll das Ende der weißen Vorherrschaft über das amerikanische Land herbeiführen wollte. Der nun, durch ein Totem-Ritual, im Geist übergeht auf einen anderen Radikalo; ein Wiedergänger und Gestaltwandler, mit telepathischen Fähigkeiten. Hört sich abgeschmackt an? Scheint sich auf die typischen Bösewicht-Indianer zu beziehen? Könnte zu einer „Rot gegenWeiß“-Konfliktsituation führen, nur im Horror, nicht im Western? Tja, wäre, wäre Fahrradkette – is aber nicht.

Tatsächlich werden die Ureinwohner vollkommen ernst genommen; ebenso, wie das universitäre Institut für Anthropologie ernst genommen wird – hier arbeitet Dr. Kay Foster, sie ist Expertin für Glauben und Sitten der Natives, sie erklärt in einer Vorlesung ziemlich exakt das Phänomen der „Ghost Dance“-Bewegung, mit deren Hilfe die Ureinwohner im späten 19. Jahrhundert mit der Niederlage, mit der Vertreibung, mit dem Völkermord klarkommen wollten. Kann man im Film sehen, kann man auch bei Wikipedia nachlesen; kann man sich vorstellen als Krisensymptom: Wenn alles den Bach runtergeht, dann klammert man sich aneinander, und man klammert sich an die Ahnen, die ein besseres Leben hatten, die auf weitem Land lebten, die Bisons jagten, die frei die Prärie bewohnten. „Geistertanz“, das ist der spirituelle Versuch einer Rückführung in die Zeit, von der die Traditionen erzählen, und wer das als spinnerter Quatsch abtut, muss ja nur mal schauen, wie in Krisenzeiten der „westlichen“ Gesellschaft sich viele Leute dem radikal-evangelikalen Christentum zuwenden (Beispiel: Bill Graham in der Nachkriegszeit, und so weiter bis heute), oder dem „Früher war alles besser“ der Neu-Faschos (Beispiel: Trad Wives als Aushängeschilder des neuen Rechtsradikalismus).

Regisseur Buffa kennt seine Klassiker, und zugleich weiß er, wie er Neues, Originelles erschaffen kann im Horrorfilm. Und wenn dieses auch nur darin bestehen sollte, neue thematische Gefilde zu betreten, das ist ja schonmal was! Aber er kann auch inszenieren (im Rahmen seiner zugegebenermaßen etwas beschränkten Produktionsmöglchkeiten), erschafft jedenfalls eine wirklich unheimliche Atmosphäre zwischen der Asservatenkammer des anthropologischen Museums, wo die Nahalla-Mumie aufbewahrt wird, und den Erscheinungen des spirituellen Wiedergängers, der in seiner Mordserie seinen bösartigen Rachefeldzug durchführt. Der ist blutig und mit Schock und Schrecken behaftet; aber er denunziert nie, wo dieser Rachegedanke herkommt: In einer der Ursünden der USA. Die Ursünde der Sklaverei wird im Blaxploitationfilm seit Anfang der 70er durchdekliniert, mal mehr, mal weniger offensichtlich (und manchmal auch in der Exploitation völlig vergraben); hier geht es um die Ursünde von Landnahme und Völkermord, Anfang der 1980er noch mehr tabu als die Sklaverei, und auch heute zuwenig aufgearbeitet. Im Film versucht sich Dr. Kay Foster an einer solchen Aufarbeitung im akademischen Bereich – der Film weiß natürlich, dass er als Low Budget-Horrorfilm wenig beitragen kann, aber er ist auf jeden Fall ehrlich mit den Schrecklichkeiten, die die weißen Eroberer den American Natives angetan haben. Schon, dass er sie nicht zu Mythen-Indianern verniedlicht, ist aller Ehren Wert!


Im Gegensatz dazu – weil dies wieder einer der Grindhouse-Abende der großen Kontraste war – hat Pierre Chevalier keine Ahnung, was er da macht. „Kommando Panther“ ist ein einziges Durcheinander, und Regisseur Chevalier tut gut daran, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Ob es aber bei „Peter Knight“ nicht doch irgendwer irgendwann draufkommen könnte? Chevalier war damals schon alt – 70 –, und eigentlich muss er sich nicht schämen, weil „In den Krallen des Unsichtbaren“ von 1970 ein echter Knaller ist, uh: da gibt es einen Monsteraffen, der unsichtbar ist. Und mit einer fantastischen Vergewaltigungsszene, bei der sich die Darstellerin nackt auf Heu räkeln muss und nicht nur sich, sondern auch den Unsichtbaren, der sie durchkopuliert, darstellen muss. Mega.

In diesem seinem letzten Film hält sich Chevalier sichtbar zurück. Weil man(n) nix zu sehen bekommt, keine nackten Geschlechtsmerkmale zumindest. Dabei wäre Gelegenheit reichlich gegeben, besteht das titelgebenden Panther-Kommando doch aus lauter heißen Miezen, die mit den Waffen einer Frau nicht geizen. Das heißt, sie rennen im Bikini rum und ballern mit ihren Piffpaffpistolen, sprich: mit allerhand Schusswaffen, weil das ist so ein Girls-with-Guns-Film.

Jetzt ist es aber so, dass diese Damen nicht mehr können als rumstehen, und das auch nur recht mühsam, weil sie nicht wissen, wie das so ist mit dem Filmen. Und weil sie nicht nur Dasteherinnen sind, sondern sowas wie Darstellerinnen sein sollen, müssen sie sich bewegen und müssen reden, und da hapert es schon stark. Weil sie eher rumstaksen und weil sie eher plappern. Wahrscheinlich – ich will das gar nicht weiter recherchieren – sind die meisten der Panthergirls Mannequins, die in ihrem wirklichen Leben mehr oder weniger nackig vor Fotokameras posieren. Hier aber bekommen sie es plötzlich mit so etwas wie Handlung zu tun, huch!


Naja, Handlung. Da macht der olle Chevalier es sich und seinem Cast schon einfach. Man muss das wirklich mal konstatieren: Es gibt einen Drehbuchautor, Georges Friedland! Der hat sich eine tolle Prämisse ausgedacht: Die Erde wird von einer globalen Regierung geführt, die ist gut, alle Länder sind demokratisch vertreten, heißt N.O.O.N. – Neue Organisation der Nationen. Da wird beschlossen, dass der Weltraum urbar gemacht werden muss, und deshalb werden Raketen rausgeschossen, soweit so Science Fiction. Die Gefahr kommt aus der außerparlamentarischen Opposition: Eine Gruppe radikaler Umweltschützer stellt sich dem Plan entgegen und manipuliert eines der Raumschiffe, so dass es keine Lenk-Orders von der Erde mehr bekommen kann! Menno, Funkverkehr gestört, die Rakete rast in den sicheren Orbit-Tod! Diese verdammten Klimaterroristen!

Erpressung der N.O.O.N.-Staaten folgt auf dem Fuße: Das Weltall darf nicht besiedelt werden, weil die Menschen die Weite des Raumes nur genauso beschmutzen und letztlich kaputtmachen werden wie die Erde, so die Forderung. Eigentlich stichhaltig, im Film aber komplett verwerflich. Die Mittel der Radikalinskis: nicht nur Sabotage, auch Entführung! Deshalb schließen sich die Nationen zusammen, und das ist so putzig anzusehen: Geben Sie mir Brüssel! – und zack, ist der Typ aus Brüssel am Telefon. Zack, der General, zack, die Raketenüberwachungsstation: Eigentlich ist das ganz geschickt, denn alles wird weggeschnitten, was unnütz ist, also das Telefonwählen, das Sichverbindenlassen und so. So narrativ clever, wie es scheinen mag, ist es natürlich nicht: Tatsächlich ist es einfach Quatsch aus Unvermögen. Keiner der am Film beteiligten interessiert sich für Kameraführung, Filmmontage, Dramaturgie, schon gar nicht sowas irrelevantes wie Schauspielführung oder so. Nee, man macht einfach mal und wurschtelt sich durch, mehr schlecht als recht. Und wahrscheinlich wissen die Leutchen auch alle, dass das ziemlicher Mist ist, und lassens grad deshalb laufen, weil das ist ja letztlich der einzige Grund, warum sowas noch 40 Jahre später im Grindhouse-Kino läuft!

Aus der schönen Weltregierungsprämisse wird natürlich nix, weil der SciFi-Part bald abgeschlossen ist und sowas wie ein Agentenfilm entsteht – hihi, jetzt hätt ich fast „Thriller“ gesagt!

Nee, hier zeigt sich die wirkliche Gleichgültigkeitshaltung des Films: Weil eine veritable James-Bond-Parodiefigur auftaucht, ein dauerbesoffener Typ, der im Exotischen weilt und alles lässig nimmt. Heißt: Er macht nix, ist aber der große Zampano – wobei er im Film nix zu melden hat, seine Aufgabe vor allem: Wenn der Paketdienst kommt, dann muss er ein Paket annehmen.

Ja, echt jetzt, und als das Paket dann kommt, das ist ja so furchtbar wichtig, dann übergibt er es an die Frau Panther und ihre Spießgesellinnen, und das darf immer noch nicht aufgemacht werden, sondern nur im äußersten Notfall!

Dieser Notfall tritt nach viel hin und her ein, nachdem wir gelernt haben, dass die Klimaterroristen – die sind so böse die ganze Zeit! – eigentlich auch nur gelinkt worden sind von einem größenwahnsinnigen Superschurken, der die Weltherrschaft und so weiter, und vor allem hat er auch eine tolle Superschurkenunterkunft, hypermodern, das ist das Technologiezentrum, von dem aus der Weltraum kontrolliert, ach was weiß ich. Jedenfalls gibt es da einen Parkplatz, und als eigentlich überhaupt keine große Not ist, also keine größere als vorher oder nachher, weil einen wirklichen Höhepunkt gibt es natürlich nicht, weil es ja auch keine Spannung oder Dramaturgie oder sowas gibt, jedenfalls packen sie das Paket aus, und. Ich sage nur: Laser! Der wird übrigens nicht genutzt, um die Zentrale der Bösen zu pulverisieren, da wär’ der Film zu schnell zu Ende. Und wir wollen ja mehr von diesem Blödsinn haben! Das immerhin hat der Herr Knight aka Chevalier richtig gemacht.

 

Harald Mühlbeyer

 

Grindhouse-Nachlese Februar 2026: „Invasion U.S.A.“ und „Ninja: Silent Assassin“

Grindhouse Double Feature, 28. Februar 2026, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Invasion U.S.A“, USA 1985, Regie: Joseph Zito

 

„Der schwarze Tiger“ / „Ninja: Silent Assassin“ / „Black Ninja“ / „Knight & Warrior“, Hongkong 1987, Regie: Godfrey Ho


Jetzt ist Chuck Norris gestorben, heißt es. Naja, vielleicht ist er auch einfach hinter dem Sensenmann her. Sicher ist, dass dieser Stahltitan Ende März erstmals der Grindhouse-Leinwand einen Besuch abgestattet hat, um Amerika zu retten.

 

Eine Armee ausländischer Terroristen überfällt die USA und verursacht eine Welle von Gewalt. Chuck Norris stellt sich dagegen. „Invasion U.S.A.“ ist eine Cannon-Produktion über Inlandsterrorismus, das hatte man in den USA bis 2001 ja nicht so wirklich in echt gekannt, dass da ein wirklicher Angriff kommen könnte, und deshalb haben Regisseur Joseph Zito und Drehbuch-Coautor Chuck Norris und die Produzenten Yoram Globus und Menahem Golan nicht so wirklich einen Plan für die Angreifer, die eher so random operieren und zum Beispiel in Polizei-Verkleidung ein paar Latinos massakrieren und mit einem Raketenwerfer Einfamilienhäuser in die Luft sprengen, mitsamt den weihnachtlich vorfreudigen Familien drin, oder sie zerbomben ein Einkaufszentrum. Der Terrorboss sagt mal was davon, dass die USA und die Amis überhaupt so überheblich sind und es sowieso viel zu viele gibt, und haha, sie ahnen gar nicht, was auf sie zukommt, und für die Behörden – Polizei, FBI, Armee – ist das Schlimmste, dass durch die Gewalt die Bevölkerung gegeneinander aufgewiegelt wird. Sogar eine Frau ist dabei, eine Reporterin, die überall auftaucht – das zeugt von unheimlich modernem Vibe mit dem Bemühen, nicht einfach nur einen Männerfilm zu drehen, andererseits ist es egal, weil die Frau nix macht, nicht mal eine Liebesgeschichte generiert.

Chuck Norris als Matt Hunter weiß zwar nicht, was vor sich geht, aber er kämpft dagegen an. Und das ist ja das Tolle an ihm: Er weiß immer, was passieren wird, und er weiß, dass ihm nichts passieren wird.

James Bond zum Beispiel weiß auch, dass ihm nichts passieren wird, und wir, das Publikum, wir sind uns sicher, dass er wiederkehren wird – denn auch wenn ihm etwas passiert: die Figur lebt ewig, auch wenn sie andere Gestalt annimmt. Bond ist ein Archetyp, der immer wieder neu aufersteht, eine immerwährende Instanz, bei der lediglich die Zuschauer diskutieren können, welche Reinkarnation denn nun „besser“ ist, was auch immer das heißen möchte. Bei Chuck Norris ist es ähnlich, aber noch reduzierter, noch einfacher: Er sieht immer gleich aus, schon immer, er wird gleich aussehen bis ans Ende unser aller Tage, und er guckt immer gleich, und er macht immer das Gleiche; als Archetyp aller Archetype, der dann im Baustellenstau plötzlich auftaucht, weil er weiß, dass ein paar Bösewichter eine Bombe an einem Schulbus drapiert habe, und nicht nur kann er im Fahren die Bombe entschärfen, in den verbleibenden Sekunden die Schurken einholen und deren Auto in die Luft sprengen, nein, er hat mal von vornherein und überhaupt gewusst, was da generell so los ist.

Diese absolute Überlegenheit, gepaart mit stoischer Gelassenheit, das ist ein Ideal, das wir wohl alle zu erreichen trachten und dem wir niemals auch nur in allernächste Nähe kommen werden. Chuck Norris ist wie ein Magnet, der alles anzieht – er steht still, und die Filmhandlung formiert sich um ihn, so, wie im Comic alles Metallene dem Riesenmagneten entgegenfliegt: Pistolen und Maschinengewehre und Autos und Schulbus und Kanonen und Panzer, alle gruppieren sich in ihren Handlungsfragmenten um das Norris-Gravitationszentrum.

Norris’ enorme Macht zeigt sich im Finale, als er allein durchs Gebäude streift, wo sich der Oberböse versteckt hält, um ihn endlich zur Strecke zu bringen, während außen die US-Armee die letzte große Schlacht gegen die Terrorsöldner führt; und die regulären GIs sind so doof, dass sie vor ihren Panzern in „Deckung“ gehen, also locker abgeknallt werden können, immerhin zerschießen die Panzer mit ihren langen, harten Kanonen die Fahrzeuge der Bösen und auch die Bösen selbst – aber so viel Aufwand hat Chuck halt gar nicht nötig, weil er sich selbst genügt.

Und ich möchte explizit anmerken, dass ich alle, wirklich alle Chuck Norris-Witze kenne, die es auf der ganzen Welt gibt, gab oder geben wird. Nur Chuck Norris kennt einen mehr, wo immer er jetzt ist.

 

„Ninja: Silent Assassin“ prunkt mit einem ganz besonderen Unique Selling Point: Alphonse Beni, der Hauptdarsteller, stammt aus Kamerun und ist schwarz und bringt hier volle Ninja-Action. Daher auch der deutsche Titel „Der schwarze Tiger“, unter dem man sich nicht das vorstellen kann, was der Film bietet: eine lange, lange, laaange Todesszene der liebsten von Alvin, unserem schwarzen Cop/Ninja, die sterbend eine lange, lange, laaange Ansprache hält über ihre Liebe und die schöne Uhr, die sie ihm zum Hochzeitstag und so weiter, jedenfalls kriegen wir da erst mit, was Alvin kann, als zwei schwarzgekleidete Ninjas ihn in seiner Wohnung angreifen und er so mit den Händen vor den Körper und Stopptrick – und er ist Ninja und zack.

Oder die beiden (!) Bösewichter Rudolph und Norman, die sich zusammentun. Oder Richard Harrison, der zweite Ninja-Meister namens Gordon, der irgendwie auftaucht und mithilft, die Bösen zu bekämpfen. Oder natürlich – führt das zu weit? – der Handlungsstrang um Tiger und Edmond und Vivian, die letztere irgendwie so Undercovercop, angeblich, aber in Wirklichkeit, also in produktionstechnischer Wirklichkeit sind die aus einem anderen Film, nämlich ausm taiwanesischen Kriminalfilm „Nu tai bao“ von 1983, den Godfrey Ho freimütig recycled, indem er die Szenen jenes Films in diesen seinen Film einbaut.

Das macht er ja gern, wir hatten schon das „Frauenlager der Ninja“ und „Mission Thunderbold“ in ähnlicher Manier im Grindhouse, und natürlich „Ninja: Champion on Fire“, bei dem Ho ungenannt Regie führte, zusammen mit Joseph Lai, nicht von ungefähr Produzent von „Ninja: Silent Assassin“; und von „Mission Thunderbold“…

Weil Altes aufzukaufen und neu zu verwursten wahrscheinlicher billiger ist als selbst zu drehen, haben wir hier eine Story, die in Paris beginnt (ohne dass wir Paris sehen) und wo’s um die Kontrolle über den Hafen von Aberdeen geht (den wir nicht sehen), und zwar indem Tiger die Gewerkschaft übernimmt und damit den Drogenschmuggel ermöglicht (das ist der alte Film), und außerdem kämpfen zwei gute Ninja gegen zwei böse Ninja, und die Bösen haben natürlich noch Helfershelfer, die auch Ninja sind, das ist der neue Film.

Richard Harrison guckt monoton in die Welt, und dann kämpft er, und Alphonse Beni guckt immer mal wieder so wie einer, der versucht, traurig zu sein, weil seine Frau ist ja tot, und er kämpft, und die Connection zwischen altem und neuem Film, die ist gelungen, weil wir einmal Tiger aus dem alten Film mit Norman aus dem neuen Film in dessen Büro miteinander sprechen sehen, das muss ein Double sein oder auch geschickte Filmmontage. Also ein Angelpunkt, von dem aus wir immer wieder zwischen altem und neuem Material hin- und herspringen, und das funktioniert sogar ziemlich gut, wenn man in Betracht zieht, dass das Ganze halt total irre ist, weil sich die Typen im Handumdrehen (buchstäblich!) in Ninja verwandeln. Das hat was von unseren geliebten mexikanischen Catcherfilmen, wo El Santo und Co. dauernd ihre Masken aufhaben, aber in Anzug rumlaufen – die Ninja zwar ohne Maske, aber innerlich stets bereit, das Schwert zu ziehen oder Sternchen zu werfen.

Godfrey Ho ist einer, der perfekt aufspringt auf den Ninja-Zug der 80er, hier einen ultimativ internationalen Hongkong-Film dreht, nämlich inkl. echtem Taiwan-Material und gespickt mit westlichen Darstellern, die ständige Action versprechen. Er fährt halt schwarz auf dem Ninja-Zug.

 

Harald Mühlbeyer

 

 

Grindhouse-Nachlese 2025-03: Killer in Tokio und Todesengel in Hongkong

 Grindhouse Double Feature, 15. März 2025, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Die Killer von Tokio“ / „Gyangu tai gyangu“, Japan 1962, Regie: Teruo Ishii

 

„Die Todesengel des Kung Fu“ / „Karateschule der Töterinnen“ / „Qiao tan nu jiao wa“, Hongkong & Südkorea 1977, Regie: Hun Choi, Hsueh-Li Pao


Panther kommt aus dem Gefängnis, und wie er die Straße entlangläuft, kommt ein Auto, und aus dem Fahrzeug heraus wird auf ihn geschossen. Er schlägt sich in die Büsche, eine Kugel im Oberarm. Und er weiß genau, wer dahintersteckt und was zu tun ist.

„Die Killer von Tokio“ ist ein Schwarz-Weiß-Japan-Noir, mit wortkargen Figuren in einer Rachestory in der Unterwelt, und Teruo Ishii gelingt es sehr gut, eine düstere Atmosphäre des Fatalismus zu schaffen, mit Figuren, die in all ihrem Tun seltsam unbeteiligt wirken, einfach deshalb, weil sie wissen, dass sie nicht anders können, und dass die anderen auch nicht anders können, und dass damit der Lauf des Geschehens nur minimal beeinflussbar ist.

Nach dem Shooting taucht Panther im Büro seines Bosses auf, der seine diversen Handlanger um sich versammelt hat. Vor fünf Jahren ist Panther für sie alle ins Gefängnis gegangen, um die Mafiaorganisation zu schützen, als Bauernopfer. Dafür war ihm nun eigentlich der Stellvertreterposten versprochen worden, aber daran will sich keiner mehr erinnern können. Wie er sie einzeln abfragt, wie sie halb beschämt, halb angewidert den Kopf abwenden, wie sich der Boss windet, der sowieso eine lächerliche Figur ist, sichtlich am Ende seines Weges. Wie die jetzige Zweite Hand – der direkte Rivale – erklärt, dass sich die Zeiten halt geändert haben, jetzt hat die Organisation Hotels und Immobilien, und überhaupt… Panther, die eine Hand in der Schlinge, zieht die Pistole und schießt auf den Boss, wohlgezielt: in den Oberarm, Auge für Auge, Arm für Arm. Wendet sich ab und geht. Und die anderen sehen zu: Das ist ebenfalls ein Prinzip des Films, dass er sich nicht zu Aktion – bzw: zu Aktion-Reaktion – hinreißen, sondern alles nacheinander ablaufen lässt. Wie das Tit-for-Tat von Laurel und Hardy, die jemandem ’nen Weihnachtsbaum verkaufen wollen, und am Ende sind Haus und Auto zerstört, und jede Seite schaut zu, was der Gegner als nächstes tut, bevor sie selbst zur Tat schreitet; schön eins nach dem anderen.

Der Stellvertreter – Panthers Rivale – vollendet dessen Werk und erschießt nonchalant den Boss. Was wiederum natürlich Panther in die Schuhe geschoben wird, die Unterwelt ist hinter ihm her. Aber da wartet schon dieses Auto, und ein junger Mann und eine junge Frau fahren Panther weg, in ein schönes Landhaus, und der Alte dort – wohl der Onkel der Frau und der Vater des Mannes –, der schmiedet gerne Pläne, und auch jetzt hat er einen augebaldowert: Wie nämlich die Organisation vernichtet werden kann, indem die Verteilzentren für die Drogen wie auch die Produktionsstätten Stück für Stück trockengelegt werden können. Die kann dann ihre Kredite nicht mehr bedienen, wird damit pleite und weg vom Fenster sein.

Jetzt ist dies so ein bisschen das Problem des Films: Diese merkwürdige Familie, die Panther hilft, die wird nie hinterfragt, weder von Panther, der mit ihr seine Rache vollzieht, noch vom Film, der Fragen schlichtweg ignoriert: Warum machen die das alles? Was haben sie davon, wenn die Drogen-Mafia zerschlagen ist? Wollen sie selbst einsteigen, oder geht es um Recht und Gerechtigkeit, und wenn dies, warum wird es nicht einfach mal erklärt? Immerhin: Das Pläneschmieden klappt soweit, als das Trio um Panther nach und nach die verschiedenen Schuppen – die Kneipe „Eifersucht“, oder das „Pistolen-Eck“ – ausheben. Teils, indem Panther mit einer nymphomanen, heroinabhängigen Wirtin schläft, teils, indem Yuki – die junge Frau – sich verführerisch zu den Drogendealern einschleicht und sie damit verblüfft, dass sie genau weiß, wo das Rauschgift ist, was sie damit vorhaben, und wenn sie nicht alles hergeben, dann ist es aus. Woher sie das alles weiß; welche enorme Recherche dahinterstecken muss; wie dämlich die Drogenfuzzis sein müssen, dass sie das alles mit sich geschehen lassen: auch dies solche offenen Fragen, die im Film schlicht nicht vorkommen.

Aber diese Löcher in der Handlung werden durch das Geschehen schön verdeckt, in dem sich Rädchen zu Rädchen fügt, bis am Ende nur noch ein „Lohn der Angst“-mäßiges Finale bleibt: Bei einem Landhaus nämlich ist der Stoff in einer Propangasflasche versteckt, mit einem gekaperten Laster der Gasgesellschaft klaut unser Quartett um Panther diese Gasflasche, und das ist sehr schön, wie sie uns vorher den Fluchtweg erklären. Und wie der natürlich gleich am Anfang geblockt ist. Mit eine Masse an Propan auf der Ladefläche geht’s durch den Dschungel, verfolgt von den Gangstern, über Steine, durch Pfützen, in Serpentinen den Berg hinauf, und dabei Schießerei rund um die explosive Ladung drumherum! Das ist super – und zwar auch deshalb, weil der Film, der sonst immer wieder melancholischen Jazz als Soundtrack nutzt, hier ganz still ist, nur Fahren, Schießen, Rufen ist zu hören. Hochkonzentriert, und sehr spannend. Ein Gangster-Noir, irgendwie, tja, französischinspiriert, zwischen Clouzot – von dem sie sicher abgeguckt haben – und Melville – der wahrscheinlich wohl eher nicht von diesem Film inspiriert wurde…

 

Mit etwas mehr Bewusstsein für die Löcher in Dramaturgie, Figurenzeichnung, Handlung wäre aus „Die Killer von Tokio“ sicherlich ein Klassiker, vielleicht gar ein Genremeisterwerk geworden. Bei „Die Todesengel des Kung Fu“ ist es gerade andersrum: Wenn es hier etwas weniger doofen Trash gäbe, wär’s schnurzlangweilig und damit völlig uninteressant. So ist es ja oft in der Grindhouse-Reihe, mit all den Filmen, die nur deshalb bis heute ihr Existenzrecht besitzen, weil sie so lächerlich sind. Etwas weniger mistig, und sie würden ins breite Loch des Mittelmaßes fallen, diesen tiefen Abgrund des Vergessens…

Ging es in der Tokioter Unterwelt um Drogenhandel, geht es jetzt in Hongkong um Diamantenschmuggel, und zwar auf ganz besondere Weise: Junge Mädchen verstecken die Klunker im BH, das hat den großen Vorteil, dass sie sich erstmal ausziehen müssen. Dann werden sie, nach Abgabe in Südkorea, erschossen. Damit sie nicht nichts verraten können, oder so. Das ist filmisch gesehen natürlich überaus fruchtbar, weil es mit Nacktheit und Gewalt um die zentralen Elemente des Exploitationkinos geht. Handlungslogisch ist das allerdings vollkommen unökonomisch, weil die böse Bande ständig neue Schmugglerinnen anheuern muss, die erstens gut aussehen, zweitens naiv sind und drittens nicht gerade zur Polizei gehören.

Und genau da haken nun die versammelten Ordnungshüter von Hongkong, Südkorea und Scotland Yard (!) ein: Da sind nämlich diese drei jungen, hübschen asiatischen Polizeiagentinnen, die sich einschleichen sollen, und dazu kommt die Schweizerin Evelyn Kraft (die ungefähr zeitgleich auch noch „Lady Dracula“ war). Da hat man sich beim Setting kräftig bei den „Drei Engeln für Charlie“ bedient, aber inhaltlich halt auch wieder die unökonomischste Variante gewählt, weil mindestens drei der vier Agentinnen sich im Lauf des Films als komplett überflüssig erweisen. Sie sind ja noch nicht mal zur Verkomplizierung der Handlung geeignet, sondern machen halt irgendwas, und man verwechselt die Leute auch gerne, zum Beispiel Gangster und Polizisten.

Aber das ist egal, Hauptsache, es geht vorwärts – und erstmal geht es ins Trainingslager, wo die drei Damen (Frau Kraft guckt zu, weil sie ist ja zur Aufsicht da) ihr Können zeigen. Wieder im Blick von außerhalb des Films: Die können nicht viel, was Martial Arts angeht, haben schöne Kleidchen an, aber kaum schnelle Moves drauf. Filmintern sind sie natürlich klasse, so wird’s zumindest behauptet, und dann holen sie ein paar nette Gadgets raus, wie zum Beispiel so Explosivkörper und was weiß ich, damit Schwung aufkommt, und sie hauen und schießen die Gegner kräftig zusammen, auch wenn die nur befreundete Sparringspartner sind. Zum Glück gibt es kugelsichere Schutzwesten!!!

Die eine soll als Sängerin anheuern, die andere als Tänzerin, die dritte weiß ich nicht mehr, aber die ist gleich drin im Diamantenschmuggel. Während auf der höheren Ebene der Gangsterseite eine Frau mitmischt, die sich gerne auszieht und mit verschiedenen Gangstermännern rummacht, und sie ist auch grausam und tut jungen Mädchen weh. Es spitzt sich zu (das ist ein Euphemismus. Es spitzt sich eigentlich gar nichts zu. Es plätschert dahin. Nur merkt das keiner im Film und am Film, die Filmschaffenden finden das offenbar alles super, oder zumindest in Ordnung. Naja. Wahrscheinlich wollen sie alle nur nach Hause für’n Feierabendbier) – jedenfalls irgendwann merken die Gangster, dass was nicht in Ordnung ist, als die eine nämlich die gesamten Südkorea-Mannschaft auseinandernimmt, und im großen Finale sind sie alle beisammen und schlägern. Und es war, zumindest für mich, vollkommen überraschend, wer da alles auftaucht, auch Typen, die man irgendwann mal irgendwie gesehen, aber kaum wahrgenommen hat, und vor allem der Ehemann der einen Polizistin, der ihren Beruf ziemlich missbilligt. Der findet es nämlich gar nicht gut, sie sie in ihrer Undercover-Rolle aufreizend vor fremden Männern auftritt, und da hat er ihr mal im Nachtlokal eine Szenen gemacht, der Komplettidiot, hat damit fast ihre Tarnung gesprengt! Ich meine, jeder Gangster merkt doch, wenn da einer eifersüchtig wird, weil seine Frau halbnackt rumtanzt, und weiß dann, aha, die ist eigentlich ein Spitzel. Zum Glück ist nicht nur der Ehemann ein Vollhonk, auch die Gangster sind Trottel, so dass der Film ungestört weitergehen kann. Dies aber war irgendwann mittendrin, jetzt im Finale schießen sie alle, und schlagen und treten, und immer neue Gangster, und die Polizei inkl. Evelyn Kraft kommen auch dazu, und der Ehemann, der ist da und macht mit, und einer der Gangster sagt, was wir alle im Kinosaal denken: Wer bist du denn eigentlich?

Ende vom Lied ist Flucht übers Meer, und zum Glück zaubert die Kraft eine kräftige Wumme aus dem Nichts, Panzerfaust nichts dagegen, und sprengt die wegschwimmenden Bösewichter aus dem Wasser raus hoch in die Luft, so dass man die dicken Taue sieht, an denen die Schauspieler/Stuntmänner/explodierten Puppen hängen.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese November 2024: Geburtstags-Slasher und Kampfgigant

 Grindhouse Double Feature, 23. November 2024, Cinema Quadrat, Mannheim:

„Ab in die Ewigkeit“ / „Happy Birthday to Me“, Kanada 1981, R: J. Lee Thompson

 „Der Kampfgigant“ / „Double Target“, Italien 1987, R: Bruno Mattei

 

Zunächst eine Ergänzung zum September-Grindhouseknaller„Ninja: Champion on Fire“ – hier habe ich nach intensiver Recherche die Rätselfrage nach der Musik gelöst. Es ist tatsächlich „Tubular Bells“, und zwar ungefähr nach zwei Dritteln auf der zweiten Schallplattenseite. Die Frage bleibt, warum Google das nicht wusste. Da muss Mike Oldfield offenbar seine digitale Präsenz erhöhen.

 

Im November dann ist ebenfalls gewaltige Musik zu hören, aber woher die zusammengeklaubt ist, das kann ich nun auch nicht sagen. Vielleicht sogar originaler Soundtrack, immerhin wird Stefano Mainetti als Komponist geführt. Man weiß es nicht, auf jeden Fall ist die Musik ansprechend martialisch, denn es geht um eine Mission im Dschungel von Vietnam, die „Der Kampfgigant“ durchführt, weil er seinen Sohn sucht. Und weil ihn Donald Pleasance als Bürokratenarschlochsenator dazu anstiftet, in der nationalen Sache, dort die russisch-kommunistischen Terroristen auszuspähen. Dies tut der Kampfgigant ganz ordentlich, nämlich mit vielen (und immergleichen) Explosionen. Damals war Benzin noch billig, das einfach so in die Luft gejagt, mit einer Menge Granaten, die auf unschuldige Holzbaracken abgefeuert werden…

Es ist ein Heidenspaß, nicht umsonst ist der „Kampfgigant“ sowas wie ein Klassiker des Trashfilms. In der Hauptrolle Miles O’Keeffe als Bob Ross, und das ist schonmal einer der großen Gags, denn er ist alles andere als ein Hippie-Landschaftsmaler, vielmehr ein muskelgestärkter Typ, der erstmal mit nacktem Oberkörper in seinem Zimmer guckt und dann zum Kühlschrank geht. So wird er uns vorgestellt, dann wird er in der vietnamesischen Botschaft getriezt und von den Russen fast umgebracht, die erste Ballerei, die ersten Explosionen, ein amerikanischer Hubschrauber… Was sich aufregend und spannend anhört, ist tatsächlich über weite Strecken langweilig. Und weil es langweilig ist, ist es super, denn Langeweile gehört nun mal so gar nicht ins Konzept eines Actionknallers.

Ziemlich am Anfang seiner Mission besucht Bob Ross seinen Sohn in dessen vietnamesischen Dorf, den hat er noch nie gesehen, aber damals, im Krieg, mit einer Vietnamesin gezeugt. Der Sohn ist zwölf oder so, und der Vater steckt ihm ein Foto von sich selbst mit der Mama zu, Worte werden nicht gewechselt, aber für den Papa ist klar: Der Sohn liebt ihn, weil er ihn so sehr dringend rausholen will und in die USA und dort ist das Leben gut, und überhaupt, der Sohn ist sein Fetisch.

Was wir im Folgenden sehen, ist die lange Geschichte der Entführung dieses Sohnes, der gegen seinen Willen durch Quasi-Krieg mit russischen Soldaten und vietnamesischen Terroristen außer Landes gebracht werden soll, von einem Typen, den er nicht kennt, und den er hasst. Das Schöne ist, es geht gut aus, weil nach viel Tod und Leid und Explosionen sagt der Junge „Papa“, und er will „heim“ in die USA. In der Zwischenzeit ist beispielsweise der Kumpan vom Vater im Minenfeld verreckt (nicht, ohne ein paar böse Feinde mitzunehmen, indem er sich mit letzter Kraft mit einer Handgranate in der Hand auf eine der Minen wirft), es gab Kopfschüsse, eine Vize-Kumpanin wurde aufgetan, die ist ungefähr 30, soll aber wohl eine Teenagerin spielen (jedenfalls gibt es keine Erotik zwischen Bob und ihr). Ihr Vater ist einer von denen, die im Maschinengewehrkugelhagel starben, und das geht so: Schreien, Arme hochreißen, dann bersten viele kleine Löcher ins Wams, und das alles in Zeitlupe, also wirklich langsam, damit man’s genießen, sprich: damit man so richtig mittrauern kann, dass wieder einer sinnlos zu Tode gekommen ist.

Und „Bob Ross“ ist kein schlechter Heldenname, weil der Film aus seinen vielen happy little accidents das Allerbeste rausholt.

 

Was so ziemlich das Gegenteil ist vom ersten Film des Abends, dem Horror-Quasi-Slasher „Ab in die Ewigkeit“, der im Original den sehr viel schöneren Titel „Happy Birthday to Me“ trägt. Es hat sich wer gedacht: Klar, diese aktuellen Horrorfilme, die hängen ja alle an so’nem besonderen Tag, Halloween, Freitag der 13., Valentin und so… Geburtstag! Das ist es! Und man kann sich vorstellen, dass das so ein Möchtegern-Berufsjugendlicher war, der die Idee „klasse“ findet und dann so: Kinder, das ziehen wir durch!

Zieht aber nicht wirklich. Und zwar wegen seiner Widersprüche. Regisseur: J. Lee Thompson. Ein Veteran, und das ist das Problem: Thompson ist zu gut. Er weiß, wie er die Kamera setzen muss, wie er Atmosphäre gestaltet, aber ihm steht der große Feind „Handlung“ gegenüber, und dagegen kommt er nicht an.

Es geht um zehn Schülerinnen und Schüler, die dem „Top Ten“-Club der Schule angehören, also alles Klassenbeste. Die haben ihre Clique, das ist so ein bisschen wie bei Pepe Nietnagel, weil sie immer gerne Streiche spielen an der Schule, einfach deshalb, weil sie sichs leisten können von der schulischen Leistung her. Und von ihnen werden immer mehr Leute umgebracht. Durchaus einfallsreich: Einer wird von seiner Hantel beim Bodybuilding erdrückt, dem anderen den Schal in die laufende Kette seines Motocross-Motorrads gehängt. Virginia ist mittendrin, und mehr und mehr enthüllen sich ihre psychischen Dysfunktionalitäten. Die nämlich von einer experimentellen Behandlung herrühren: Die Gehirnzellen wurden per Stromstößen angeregt, um sich zu regenerieren und wieder zu wachsen, offenbar war zuvor ein schlimmer Unfall geschehen. Immer wieder blicken wir zurück auf diese OP-Tortur, und ihr Psychiater, den sie vertraulich „David“ nennt, der versucht nach Kräften zu helfen. Gespielt wird er von Glenn Ford, ja Mensch, ein waschechter Star!

Allerdings scheint er nicht wirklich bei der Sache zu sein, meistens guckt er nur und sagt irgendwas Belangloses. Auch er kann nicht verhindern, dass der Film immer mehr in Quatsch abdriftet, bis zu einer hanebüchenen Auflösung, die, ja was weiß ich wer sich sowas hat einfallen lassen!

Das Problem des Films: Wäre irgendein lustiger Quatschfilmer, Format Jess Franco oder schlimmer, auf dem Regiestuhl gesessen, dann wäre das alles nicht so gediegen, sprich: wirkungsvoll altmodisch, inszeniert worden, sondern als wilder Blödsinn mit dem Zeug zum Grindhouse-Klassiker. Weil die Handlung würde das locker hergeben. Aber Regisseur Thompson, Jahrgang 1914 und immerhin mit den „Kanonen von Navarone“ und dem ersten „Cape Fear“ im Filmografie-Gepäck, da scheint so ein Wille vorhanden gewesen zu sein, einen wirklich „guten“ Film zu machen. Und dass der Film das gar nicht hergeben kann, das macht ihn „schlecht“. Aber auf interessante Weise – nämlich ganz anders als die „schlechten“ Filme, die so „schlecht“ sind, dass sie schon wieder „gut“ sind, sondern als „guter“ Film, der so „schlecht“ ist, dass er schon wieder auf „schlechte“ Weise „gut“ ist. Zwiespältige Gefühle. Immerhin konnte einen der „Kampfgigant“ dann im Anschluss wieder auf grindhousige Gleis der Eindeutigkeit setzen.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese April 2024: Nackt für den Killer und CIA-Klauen

Grindhouse Double Feature, 27. April 2024, Cinema Quadrat Mannheim:

„Nackt für den Killer“ / Der geheimnisvolle Killer“ / „Die Nacht der blanken Messer“ / „Strip Nude for Your Killer“ / „Nuda per l’assassino“, Italien 1975, R: Andrea Bianchi

 

„In den Klauen des C.I.A.“ / „Die Todesfalle des C.I.A.“ / „Ninja in the Claws of the CIA“ / „

Natürlich ist der Film frauenfeindlich. Die meisten Grindhouse-Filme sind das. Das ist ja Teil des Vergnügens, aus heutiger Sicht: Dass man reintaucht in ein sleazy Zeitalter, dass man den ganzen misogynen Mist durchschaut, sich wundert, sich schlau vorkommt, dass man im Vergleich sieht, dass heutzutage doch alles viel besser ist. Aber andererseits auch: Weil heute sowas nicht mehr gemacht hat, freut man sich auf diese Zeitreise in eine vollkommen andere Ära, setzt sich hinein in ein merkwürdiges mindset: Aus diesem heraus wurden die Filme gedreht, und mit diesem wurden die Filme geguckt, von irgendwelchen Herren, die daran etwas Erregendes fanden, vielleicht nicht mal sexuell, sondern einfach nur einen Thrill, einen Kitzel, und vielleicht auch das Ausleben der eigenen frauenfeindlichen Triebe beim Kinobesuch.

Heute steht man drüber, man guckt meta, und man erfreut sich an der ersten Szene: Eine Frau, nackt im Gynäkologenstuhl, wenn die Kamera zwei Zentimeter weiter runter gerichtet wäre, hätte man tiefste Einblicke. Der Doktor schraubt an und in ihr rum, die Dame stöhnt, und es könnte durchaus lustvoll sein – ist aber ihr Todesröcheln. Verdammt, murmelt der Doc, im Sinne von: Nasowas, schon wieder. Die Frau ist hopsgegangen, und mit nem Kumpel schleppt er die Leiche heim in die Badewanne, damit sein Tun verborgen bleibt…

Zwei Szenen später: Ein Hallenbad, eine Menge Männer lümmeln rum und kommentieren eine „heiße Schnitte“, die mit wiegenden Hüften vorbeischreitet, und der kecke Carlo scharwenzelt ihr hinterher, den Fotoapparat im Anschlag, mit dem er den knapp bedeckten Hintern ablichtet. An der Bar macht er sie an, obwohl oder gerade weil sie sich das Fotografieren verbittet, weil sie sieht ja super aus, und er als Fotograf sucht Models, und sie ist perfekt, naja, etwas pummelig am Bauch, aber weißt du, was da hilft? Sauna! Sie weiß, wie sie auf Männer wirkt, und sie genießt es, und in der Sauna zieht sie blank. Und bemerkt, dass der Fotoapparat ja gar nicht klickt – alles nur fake? Egal. Sie bumsen. Und Carlo lässt sich auch nicht stören, als seine Freundin reinkommt und sauer ist.

Er ist aber doch tatsächlich Fotograf, beim Studio Albatros, und um dieses Fotoatelier wird sich nun alles kreisen. Und zwar hat der Film zwei Impulse: Einmal das Hin und Her und Drumherum um Fotoshootings, Casting Couches und Rumvögeln, wie es ja bei jedem Fotostudio gang und gäbe ist – dieser Aspekt des Films behandelt den Voyerismus, und zwar total affirmativ: Frauen sind zum Ausziehen und Ansehen da, zum Ablichten, und dafür, dass der Film das Ablichten en detail bebildert. Der zweite Impuls sind die Morde, die sich rund um die Atelierbelegschaft abspielen, heftige Killings durch einen Täter in Leder-Motorradkluft, behelmt und mit langem Messer bewaffnet, der nach und nach alle abmurkst. Dies ist der vorwärtstreibende Strang des Films, bei dem ein paar originelle Mordideen zu erkennen sind, der das typischen Giallo-Rätsel aufbaut, das sich dann am Schluss genregerecht ins Uninteressante hin auflöst. Das Schöne an dem Film ist, dass er doch recht Unvorhersehbar ist, weil ständig jemand wegen Tod wegfällt, und es ziemlich lange unklar bleibt, wer denn nun Final Girl sein wird – also zusammen mit Carlo überleben wird. Weil dass der durchkommt, ist bald klar, er ist der Held des Films, wenn man so will.

Das ist die weniger schöne Seite des Films: Dass dieser Carlo als Held gehandelt wird. Wo er doch so ein Arschloch ist, wie wir es in der ganzen langen Geschichte der Cinema-Quadrat-Grindhouse-Double-Features bisher kaum je gesehen haben!

Sexistisches Schwein, aufbrausender Idiot, schmieriger Drecksack, Frauenvernascher und -missbraucher. Wie er beim Fotografieren mit den Models umgeht, sie anpflaumt und so weiter! Wie er die Weiber nimmt und fallen lässt, wie’s ihm seine Triebe einflüstern! Wie er Magda, die Assistentin, dominiert nach Gutdünken! Spät im Film, da ist sie im Atelier, und der Killer ist unterwegs, und das Licht geht aus, und er, aus dem Bett im Krankenhaus, mansplaint, was sie machen soll! Ach, das ist sicher nur die Sicherung. Der Kasten ist beim Eingang, mach dir keine Sorgen! Aber mach das jetzt halt so, wie ich sage, und nimm die Pistole mit, aber keine Angst, mach dir keine Sorgen! Wie man halt mit kleinen Mädchen spricht, wenn man Mann ist.

Bianchi verbindet seine beiden Sphären recht gut. Die Atelierchefin ist eine harte Lesbe, die ihre Models gegen Sex einstellt, das führt dazu, dass die Dame aus der Sauna bei ihr landet und nackig durch die Wohnung wandert, und der Wasserhahn in der Küche läuft, und sie macht ihn aus, und dann läuft der Wasserhahn im Bad, und sie will ihn ausmachen und wird vom Motorradfahrerkiller gekillt. Später läuft der Mann der Lesbe durchs Haus und die Wasserhähne laufen, und weil er offenbar im höheren Level ist, nimmt er aus Vorsicht ein Messer mit, wird aber trotzdem vom Motorradfahrerkiller gekillt. Der Mann ist ein notgeiles Würstchen zum comic relief, wir haben schon gesehen, wie er eines der Fotomodels vergewaltigt hat, weil sein Trieb so stark war, sie hat es dann über sich ergehen lassen, also alles gut.

Die ganze Anlage des Films federt die Arschlochigkeit des Carlo-Helden ab, weil alle so ähnlich drauf sind (Carlo freilich hat die Mittel dazu, seine arschige Neigung voll auszuleben). Und das Happy End, das Happy End! Da ist Carlo mit seiner Loverin im Bett, und der Killer ist überwunden, und was nun noch bleibt zum Glück ist Analsex.

 

Ja wirklich! Und mit diesem schrägen, aber ernstgemeinten Glück verbindet sich der erste Film des Abends mit dem Zweiten: „In den Klauen des C.I.A.“ aka „Die Todesfalle des C.I.A.“ endet mit zwei Männerndie sich schwören, fortan unverbrüchliche Freundschaft, eine wunderbare Beziehung zu führen. Also „Casablanca“, aber in einem plötzlichen und unvermuteten schwulen Kontext. Und ich glaube, der Film merkt das gar nicht. Naja, er merkt vieles nicht. Beispielsweise, dass der Bruder des Helden John, ein Vietnamveteran, plötzlich nicht mehr gelähmt ist, als er am Ende nochmal auftaucht – Regisseur John Liu spielt persönlich die beiden in einer Doppelrolle, John, den desillusionierten Superkämpfer, und James, den (zunächst) rollstuhlsitzenden Veteranen, der seinen Scheitel anders trägt und der John dazu bringt/zwingt, sich beim CIA zu verdingen. Das setzt den ganzen Film in Gang, der sich nun von Kampfszene zu Kampfszene weiterhangelt, vieles davon ist Ausbildung, manches auch ernst, aber alles auf jeden Fall gut gemacht! Die Martial Artists sind Künstler ihres Faches, Artisten der Kampfkunst, Liu macht hohe Kicks, dass es ein Lust ist!

Es ist nicht so ganz einfach, die Handlung nachzuvollziehen. Es geht, kurz gesagt, darum, dass die Russen eine neue Kampfmethode entwickelt haben, nämlich Hypnose bzw. Selbsthypnose der Soldaten, die damit alles vergessen und den reinen Tötungstrieb ausleben Ja, auch der Geschlechtstrieb ist ausgeschaltet, das fragt Col. Sanders explizit nach! Sanders wird gespielt von Christian Anders, der Schlagersänger, der sichder Kampfkunst ergeben hat und hier einen Gastauftritt hat – Gastauftritt auf merkwürdige Art: Er bringt John ins CIA-Ausbildungscamp und verschwindet dann aus dem Film. Einfach weg! Dafür kommt eine schöne laszive Dame ist Spiel, die so ein bisschen kämpfen tut, aber es nicht wirklich kann, und John hält ihr Bein gerade, ums zu zeigen, und tätschelt ihren Popo, aber eigentlich widersteht er ihren Verführungskünsten. Dafür wird er in die Intrigen von Pasco verwickelt, den Offizier, der ihn hasst und was weiß ich warum.

Jedenfalls interessant ist, dass alles Szenen mit hypnotisierten CIA-Soldaten nur in der spanischen Fassung vorkommen, nicht in der internationalen, und dass diese Szenen daher auf spanisch mit engl. Untertiteln zu sehen sind. In diesen Szenen gibt Pasco per Funkgerät Anweisungen, wie John angegriffen werden soll, oder wie die Soldaten ein süßes weißes Kaninchen packen und zerreißen sollen (das funktioniert dadurch, dass die Schauspieler rote Farbe auf den Karnickel schmieren und so tun als wär er tot). Im Wald sehen wir John bei seiner Kampfmeditation, und sein hypnotisierter Kumpel greift ihn an, und die hypnotisierte Frau schmiegt sich lasziv an einen Baum und dann lasziv an John, und dann kniet sie vor ihm, aber wir sehen nicht, was sie macht, nur, dass John sich total beherrschen muss, um nicht… Naja, egal, warum genau der CIA-Offizier dem CIA-Ausbilder mit allen Mitteln reingrätschen will, ist völlig unklar, vor allem, wo John doch der einzige in ganz Amerika ist, der die Selbsthypnose beherrscht und damit die US-Soldaten den Russen gleichstellen kann!
Jedenfalls flieht er mit einer Geliebten, und die wird von Tauchern getötet, und dann hat er eine Geliebte in Paris, und die wird auch getötet, weil CIA überall seine Leute hat, auch wenn das Trottel sind, und die Pariserin hat zwei Kinder, und das macht John schon richtig doll wütend, und in Spanien, da findet das Finale statt. Aber eigentlich ist sowieso so ziemlich alles in Spanien gedreht, auch und gerade die Szenen, die in Kalifornien spielen sollen. Man sieht das daran, dass Kisten und Flaschen immer spanisch beschriftet sind.

Einen Kampf gibt es im Keramikladen, und das gäbe eine Menge Möglichkeiten, aber die bleiben ungenutzt, und nur ein paar wenige Teller gehen kaputt, die ganzen Vasen und Töppe, die im Freigeländer drapiert sind, bleiben unangetastet! Wahrscheinlich, weil das Budget des Films nur einen ganz kleinen Posten für verscherbelte Töpferware vorgesehen hat.

Am Flughafen der Höhepunkt, irgendwie will der CIA-Direktor im Hubschrauber weg, tut das aber nicht, sondern es gibt viel Palaver, und ein paar Hypnotisierte tauchen auf, und Kampf und so. Und irgendwie geht es um wichtige Geheimdokumente, die John anscheinend hat mitgehen lassen, was wir bisher nie gesehen haben, aber jetzt sind alle hinter einem Aktenkoffer her. Und wir beginnen zu ahnen, warum im ganzen Film immer wieder chinesische Gesichtsmasken aufgetaucht sind, bei irgendwelchen Random-Leuten, die sie aufhaben, und im Wald an den Bäumen, die John zerhaut: Jetzt, am Ende, da haben wieder welche diese Masken auf, und zwar soll der eine offenbar Pasco darstellen, aber dessen Darsteller war möglicherweise nicht mehr verfügbar, aus dem Film gefallen wie lange zuvor Christian Anders, und jemand musste ihn doubeln, und das geht am besten mit Vollgesichtsmaske.

Dann Explosion, und vieles bleibt ungeklärt, außer dem Beziehungsstatus zwischen John Liu und Johnny Wong.

 

Harald Mühlbeyer

 

Grindhouse-Nachlese Dezember 2023: Nicht ins Haus gehen! und Bronx 1990

Grindhouse Double Feature, 16.12.2023, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Das Haus der lebenden Leichen“ / „Don’t Go in the House“, USA 1979, R: Joseph Ellison

 

„The Riffs – Die Gewalt sind wir“ / „1990: I guerrieri des Bronx“, Italien 1982, R: Enzo G. Castellari

 

Große Feuer überall: Bei diesem Grindhouse Double Feature passten die Filme wie Faust auf Auge, Arsch auf Eimer, Feuerzeug auf Zunder, Asche in Urne. Da hat der Max, unser großer Kurator, mitten reingegriffen in die Kiste und zwei Filme für einen perfekt runden Abend rausgezogen.

 

„Don’t Go in the House“ heißt auf deutsch „Das Haus der lebenden Leichen“, und das ist fast schon betrügerisch falsch, aber wohl nicht justiziabel: Ja, naja, es gibt Tote, die aufstehen und rumlaufen, aber das sind keine Zombies. Sondern Halluzinationen. Donny hat sie tot gemacht, und Donny redet mit ihnen, und Donny erschrickt vor ihnen, und er ist es, der sich das „Leben“ in den Toten einbildet. Aus seiner Sicht erleben wir alles, und das macht diese bedrückende Atmosphäre aus, die den Film durchzieht.

Am Anfang: Ein Industriebetrieb. Öfen, Feuer, Donny starrt durchs Sichtfenster. Ein Kollege stochert im Feuerloch, das ist seine Aufgabe. Schnitt in die glühende, flammenumzüngelte Schlacke: Dort liegt eine Spraydose. Donny starrt. Der Kollege stochert. Die Dose wird von Feuer umflammt. Explosion. Der Kollege brennend am Boden. Donny starrt. Andere helfen, Donny starrt. Der Chef ist sauer. Er schimpft: Du stehst nur rum! Donny antwortet: Ich konnte nichts anderes tun, als Decken auf den Kollegen werfen! Was er nicht getan hat. Was er aber glaubt von sich, er ist da ganz ernsthaft. Sein Freund Ben baut ihn auf: So ein Schock, da reagiert jeder anders. Kann dir keiner was vorwerfen, dass du nichts getan hast! Und Donny steigt drauf ein: Genau, ein Schock! Ich konnte mich nicht mehr bewegen! Was er von sich glaubt, er ist da ganz ernsthaft.

Aber eigentlich, das weiß er im geheimen Inneren, ist er schlicht fasziniert von Feuer. Und er ist voll Hass, auf sich, auf die Welt; auf Frauen. Auf Mutter. Zuhause sitzt sie im Lehnstuhl, er pflegt sie täglich, kümmert sich, und heute, ja heute ist sie tot. In verzweifeltem Schmerz entringt sich seiner Seele ein Schrei – und dann wird ihm klar: Er kann jetzt alles machen. Die bösartige Frau bestimmt nicht mehr sein Leben. Er ist frei! Er kann laut Musik hören! Was er tut. So’n 70er-Discopop. Dann springt er auf einem Sessel rum, das hat er sich wohl schon als Kind gewünscht!

Wie er diese neue Freiheit erkannt hat? Es wurde ihm eingeflüstert. Drei Frauenstimmen sprechen unisono mit ihm. Donny ist zumindest schizophren. Und Pyromane. Und Serienkiller.

Dann sehen wir ihn mit Hammer und Nagel und Metallplatten. Und dann geht er in den Blumenladen, nach Ladenschluss bequatscht er die Floristin, als die den Bus verpasst, bietet er an, sie nach Hause zu fahren. Ach, können wir nur noch kurz bei Mutter vorbeischauen? Wollen Sie nicht Mutter kennenlernen? Sie geht in sein Haus – genau, wovor der originale Filmtitel warnt. Wird niedergeschlagen. Erwacht. Nackt. Mit den Händen oben an der Decke gefesselt. In einem Raum aus Metall, den Donny sich in sein Haus gebaut hat. Auftritt Donny, der Killer: In Feuerwehr-Asbestanzug mit Schweißgerät, oder eher Flammenwerfer. Und mit Benzinkanister. Was folgt, ist eine unglaublich harte Szene: Weil der Film bisher alles daran gesetzt hat, keine Distanzierung zuzulassen. Uns zu Donny gedrängt hat, und zugleich Donnys derangierte Psyche hat spürbar werden lassen. Und klargemacht hat: Hier passiert alles; das Schlimmste. Donny zündet die nackte Frau an. Die brennt lichterloh. Wir sehen ihren Todeskrampf, wie sie verkohlt.

Nach dieser krassen Szene hat Regisseur Joseph Ellison nicht mehr nötig, weiteren Gore zu zeigen, weitere Gewalt. Es reicht, dass Donny Frauen anspricht, sweettalked, und dann das Haus im Filmbild zu zeigen. Und irgendwann sind da drei verkohlt-verbrannte Leichen. Und im Oberstock verwest die Mutter vor sich hin.

Der Film ist sehr, sehr stark. Der Regisseur weiß genau, was er will, und was er wie einsetzen muss, um es zu bekommen: Kameraeinstellungen der Extraklasse, perfekte Bildkompositionen; Darsteller, die nicht viel tun, das heißt: die alles in ihrem Inneren zeigen, ohne es nach außen zu tragen. Eine Filmmontage, die perfekt das auslässt, was ausgelassen werden muss, damit das Kopfkino anspringt. Und das Haus! Das Haus! Ein enormes Herrenhaus, das „Psycho“ weit in den Schatten stellt… Überhaupt „Psycho“ – klar ist dies ein, nein das große Vorbild. Aber Ellison nutzt diesen Über-Film nicht, um sich ranzuwanzen: Wenn er einzelne Einstellungen direkt übernimmt – der Priester am Ende steigt die Treppe rauf so wie Martin Balsam im Bates-Mansion –, dann nicht, um zu klauen, sondern um den Resonanzraum des Bösen in der kaputten Seele nochmals zu erweitern.

Donny ist ein Opfer seiner Mutter. Häusliche Gewalt: Seine Sünden brennt sie über dem Gasherd aus, seit Kindesbeinen an; die rächt sich an ihm für den Vater, der die Familie verlassen hat. Das Mutter-Über-Ich spricht mit ihm, über den leiblichen Tod hinaus – und das Es spricht aus den Frauenstimmen. Donny ist ein Frauenmörder, aus Hass auf das Weibliche; und lässt sich leiten von den Frauen in seinem Kopf, die ihm alles erlauben. Feuer zerstört, Feuer reinigt. Donny heißt mit Nachname „Kohler“ – auch im Original.

 

Mit Feuer endet „The Riffs – Die Gewalt sind wir“; der internationale Titel „The Bronx Warriors“ – direkt vom italienischen Original her übersetzt – zeigt an, dass es sich um einen Rip-off von Walter Hills „The Warriors“ handelt, und sowieso setzt Enzo G. Castellari alles daran, sich mitten ins Genre zu setzen; von „West Side Story“ bis „Clockwork Orange“. 1982 ist ja auch die richtige Zeit dafür – Coppola verbindet ungefähr gleichzeitig ja auch das Jugendgangmotiv mit seiner Filmkunst (oder was davon nach „Apokalypse Now“ noch übrig ist)…

Jedenfalls: Eine Frau entkommt rüber in die Bronx. Dort herrscht Anarchie: Wir befinden uns im Jahr 1990, die Polizei hat das Gebiet längst aufgegeben, Gangs beherrschen die Straßen und die Häuserruinen. (Ist also nicht allzuweit entfernt von der Bronx-Realität Anfang der 80er…) Die Rollers schnappen sich die junge Frau: Die fahren auf Rollschuhen und haben so eishockeyhaftes Image. Mit ihren Hockeyschlägern erwehren sie sich auch der Riffs, die Motorradgang mit den beleuchteten Totenköpfen auf den Lenkstangen. Aber sie werden in die Flucht geschlagen. Trash, der Riffs-Anführer, hat Ann, die junge, geheimnisvolle Dame, für sich gewonnen.

Das Hin und Her geht seinen gewohnten Gang. Einmal die Gangs gegeneinander; dann Konflikte innerhalb der Gang; und dann die Polizei. Und dann ein eiskalter Killer. Und die Manhattan Corporation, der größte und mächtigste Konzern der Welt: Ann wird das Unternehmen erben, wenn sie 18 ist, also bald. Und deshalb floh sie in die Gesetzlosigkeit. Und deshalb ist der Konzern hinter ihr her, mit allen Mitteln. Das wichtigste Werkzeug dabei: Hammer, der Killer. Kurz und gut: Trash glaubt nicht, dass die „Tigers“ hinter all dem Unbill stecken, sondern, dass von außen Zwietracht gesät werden soll. Weshalb er sich aufmacht zu Oggio, gespielt vom unverwüstlichen Fred Williamson, Chef der Tigers und König der Bronx. Zwischendurch: Menschenfressende Lumpen, und dann noch diese clockworkorangemäßigen Stepptänzer, durch deren Gebiet Trash durch muss, naja, sorgt für Kämpfe und Tote.

Das Ende vom Lied ist, dass die Polizei – klar, die wird gelenkt von der Manhatten Corporation – angreift, geleitet von Hammer, der, jawoll, Polizeichef ist, und halt auch Killer, weil die Bronxianer eh vogelfrei sind. Die Polizei also mit Flammenwerfern auf die Menge der Bronxer, Feuer, Brennen – (fast) alle tot.

Das ist Exploitation vom Feinsten: Ausbeutung der Genregeschichte, indem die Errungenschaften vorheriger Filme genommen und wiedergekäut und ausgewalzt, aber auch perfekt durchperformt wird; und Ausbeutung der aktuellen Lage, indem die Kriminalitätsproblematik speziell von New York, die natürlich notorisch und in aller Munde ist, extrapoliert wird, verdichtet und vergrößert; und damit keine Ausbeutung der Zuschauer, die genau das kriegen, was sie wollen: Action und Spannung und Nervenkitzel und das Gefühl, dass dies irgendwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Dabei hat es natürlich eigentlich nur etwas mit den vorherigen Filmerfahrungen und mit den Filmerwartungen zu tun; die immerhin werden erfüllt.

Man muss, um diesen Film würdigen zu können, aber auf jeden Fall einen Blick auf die Hauptfigur werfen. Abgesehen davon, dass sie „Trash“ (in einem Film, der nicht Trash ist), wird sie nämlich gespielt von Mark Gregory. Der heißt in Wirklichkeit Marco De Gregorio. Er wurde wohl im Fitnessstudio entdeckt. Und jetzt ist es so: Er sieht aus, als hätte jemand einer Pre-Alpha-Version eines KI-Prototypen: Nimm einen Jim Morrison-Mutanten und mach aus ihm einen steroidvollen Bodybuilder, der in einer schlechten Hair-Metal-Band-Parodie mitspielt. Heraus kam Trash, ein junger Mensch, dessen Kopf nicht zum Körper passt, und dessen Bewegungen zu gar nichts passen. Er stakst durch die Gegend und weiß nichts mit irgendwas anzufangen. Und dies, zu seiner Ehrenrettung, vielleicht nur deshalb, weil seine Jeans so eng ist, dass er sie nie wieder wird ausziehen können.

Castellari ist natürlich ein Veteran des italienischen Genrekinos. Und er macht hier auch alles richtig: Alles, was der Film braucht, das hat er. Und er macht dann noch richtiger: Indem er seinem Film diesen Darsteller gibt, erhebt er ihn über die zeitgemäße Begeisterung für kaputte New Yorker Stadtteile und die Gangs, die darin herumfuhrwerken, mit Mark Gregory transzendiert Castellari seinen Film zu einem zeitlosen Werk, indem er dem glatten, sauberen Herunterspulen der Film-Standardkonfiguration diesen Störkörper reinsetzt. Und er setzt auch noch einige andere tolle eigene Ideen ein: Bei einer Versammlung am Flussufer, da sitzt einer am Schlagzeug und gibt einen Solo-Percussionsoundtrack zur Szene, einfach so, und warum auch nicht.

 

Harald Mühlbeyer