Grindhouse-Nachlese Dezember 2021: „Sometimes Aunt Martha Does Dreadful Things“, „Saat der Angst“, „Das Blut der roten Python“

Grindhouse Triple Feature: Drei Überraschungsfilme am 18. Dezember 2021, Cinema Quadrat Mannheim

 

„Sometimes Aunt Martha Does Dreadful Things“, USA 1971, Regie: Thomas Casey

„Die Saat der Angst“ / „Una vela para el diablo“, Spanier 1973, Regie: Eugenio Martin

„Das Blut der roten Python“ / „Tian long ba bu“, Hongkong 1977, Regie: Hsueh-Li Pao


Familie: Gerade an Weihnachten liegen dem Menschen der traute Partner, die lieben Geschwister, der süße Nachwuchs am Herzen, und bewusst oder unbewusst bedient dieser formidable Grindhouse-Dreifach-Abend die Sehnsucht im Herzen nach den geschätzten Mitmenschen. Also, ich mein’ jetzt: vermischt mit Hass und Blut und Mord und Intrige und so weiter und so fort.

 

Tante Martha kehrt nach Hause zurück. Die Nachbarin, hochschwanger, sucht Anschluss, aber Martha fertigt sie ab – sie will rein ins Nest ihrer Privatheit, wo sie endlich die kratzende Perücke absetzen kann. Weil eigentlich ist Martha nicht Martha, sondern Paul: Ein untersetzter, etwas rundlicher, nicht mehr ganz vollhaariger Herr in den besten Jahren. Der hier in den Suburbs von Miami zusammen mit Stanley lebt: Der ist jünger, und wie es um ihre Beziehung bestellt ist, das sehen wir schon in dieser ersten Sequenz von „Sometimes Aunt Martha Does Dreadful Things“: Das Telefon klingelt, Martha weiß schon, wer dran ist, aber Stanley sagt nichts, er ist unterwegs mit einer jungen weiblichen Schönheit und quält Martha/Paul, indem er sie/ihn genau dies wissen lässt. Stanley und seine Gespielin haben Spaß am Strand, nachts drängt sich das Mädel auf, sie will mit Stanley ins Haus, will mit ihm ins Schlafzimmer, zieht sich dort aus, sie ist schlichtweg geil – und Stanley krümmt sich in Unbehagen, schließlich ist die „Tante“ nebenan, er wehrt sich, als das Girl ihm an den Hosenlatz geht, da stürmt die Tante auch schon rein, wütend wie eine Tarantel, jagt das Mädchen aus dem Haus, verfolgt sie, Martha hat auch ein Messer dabei, sie holt ihr Opfer ein - - -

Tante Martha hat wieder mal eine ihrer fürchterlichen Taten vollbracht, von denen der Filmtitel redet. Und sie – also er: also Paul – hält Stanley weiter in ihrem Bann, in Abhängigkeit: Denn die beiden sind Verbrecher, das haben wir schnell raus, in Baltimore sind sie gesucht, haben sich nach Florida abgesetzt, hier hausen sie zusammen, ein Liebespaar, das sich hasst, das fiese Spiele miteinander treibt, das sich triezt und neckt, und das Necken und Triezen geht bis aufs Blut. Stanley zahlt Paul einiges heim, indem er mit Frauen rummacht, gleichzeitig tickt er aus, wenn die ihm an die Wäsche wollen, Paul ist eifersüchtig bis ins Letzte, behandelt zugleich Stanley wie den letzten Dreck, hängt aber an ihm, hat ihn an sich gebunden: Denn Stanley hat damals in Baltimore die gute alte Mrs. Robinson gekillt, Paul hält ihm das immer wieder vor, und welche Opfer er, Paul, auf sich nimmt für Stanley, und wie er sich abmüht…

„Sometimes Aunt Martha Does Dreadful Things“ ist ein kruder Film, Regisseur Thomas Casey hat das filmischen Handwerkszeug nicht drauf. Schauspielerführung, Kameraführung, Filmschnitt, das ist alles nur sehr rudimentär, der Film ist ohne Kunstfertigkeit zusammengekloppt, die Schauspieler gehen eher in Richtung Laiendarstellung, und die Dramaturgie ist auch mitunter willkürlich – aber das Krasse ist, dass der Film trotz dieser Mängel, dieser Low Budget-Machwerkigkeit packt, dass er emotional funktioniert: „Emotional“ nicht im Sinne von Einfühlung und/oder Identifikation, sondern von abschreckender Ergriffenheit angesichts dieser schrecklichen Paarbeziehung. Ein schwules Paar in einem Grindhouse-Film ist ja ohnehin eine höchste Seltenheit, zumal wenn die Schwulen nicht als lächerliche Pausenclowns, sondern als ernstzunehmende Hauptfiguren gesetzt sind. Paul und Stanley sind auch nicht pure filmische Gimmicks, die’s halt interessanter machen: Sie sind vielmehr Exemplare einer psychopathischen Paarbeziehung, in der zumindest Paul wirklich irre ist, Stanley auf bestem Weg dahin, beide nicht voneinander lassen können, beide sich zutiefst quälen – und diese toxische Beziehung vergiftet nicht sie selbst, sondern wirkt nach außen, durch ein, zwei, drei Morde.

Paul ist ein Killer, kein Zweifel – und der Film zeigt ihn als Liebenden, erfüllt zumindest von dem, was bei einem Psycho- und Soziopathen wie ihm der Liebe nahe kommt. Er und Stanley zerfleischen sich selbst, metaphorisch, und buchstäglich zerfleischt Paul dann die weiblichen Eroberungen, die Stanley macht. Wieweit Stanley davon weiß, vielleicht auch sadomasochistische Befriedigung darin findet, das lässt der Film nicht so recht raus. Stanley jedenfalls ist jung und unbedarft, und deshalb kann auch Paul mit ihm rumspringen, wie er will: Mit demütigenden Bemerkungen beispielsweise, oder mit konservativ-reaktionärem Rollenverhalten, mit dem er Stanley Anstand beibringen will – hier gelingen einige schöne subkulturelle Spitzen gegen das Nixon-Amerika, gegen die 50er-Jahre-Doppelmoral, gegen die guten alten Werte, die im Generationenkonflikt der 1960er zur Disposition standen: Tante Martha wird zur alten Vettel, wenn sie Stanley runterputzt, weil er nichts im Haushalt macht, und überhaupt: Geh zum Friseur! Sowieso: Meinst du, es macht Spaß, die ganze Zeit im Fummel und mit Perücke rumzulaufen, nur um die Tarnung aufrechtzuerhalten, um Stanley zu schützen?

Einen reichhaltigen Assoziationsspielraum eröffnet der Film: Der reicht von Laurel und Hardy, wenn Martha wieder mal einen ihrer „Da hast du uns ja wieder eine schöne Suppe eingebrockt“-Blicke wirft; geht weiter zum „seltsamen Paar“, mit dem waltermatthauischen Hallodri und dem jacklemmonischen Pedanten – nur dass „Martha“ ihre Neurosen nicht in sich reinfrisst, sondern sie in psychotischen Morden externalisiert; das Jack-Lemmon-hafte natürlich erweitert bis zum Drag-Träger in „Manche mögen’s heiß“. Was in der Filmkomödie Gang und Gäbe ist, die Beziehungsbrüche, verquickt mit latenter Homoerotik, das spielt Regisseur Casey voll aus, gewendet in den Psychothriller mit diesem unglaublich vergifteten Verhältnis der beiden Liebhaber zueinander. Katalysator der Katastrophe ist ein alter Bekannter aus Baltimore, der sich bei Stanley für ein paar Nächte ins „Tante Martha“-Haus einlädt, dort rumschnüffelt und eine zumindest erpresserische Bedrohung ist…

Wichtig ist die Gartenhütte, die ist ein paar Meter durchs Gebüsch vom Haus entfernt, hinten, versteckt – dort ist die Truhe mit dem in Baltimore erbeuteten Schmuck; dort feiert Stanley mit ein paar Freunden eine Haschorgie, dort kommt es fast zu einem flotten Vierer – wenn Stanley nicht einen seiner Rückzieher machen würde. (Was natürlich wieder Tante Martha auf den Plan ruft…) Dort kommt es auch zu einer der schrecklichsten Szenen: Die Nachbarin nämlich, die Schwangere, die so gerne eine Freundin sucht in „Tante Martha“, wird umgerannt, als Martha in Mordsraserei den Baltimore-Schnüffler verfolgt; Stanley packt sie ins Auto, fährt – nein: nicht ins Krankenhaus, sondern zur Gartenhütte, wo die Schwangere am Herzanfall stirbt! Schwanger! Und tot! Das kann nicht einmal Stanley ertragen, der so viel ertragen hat und das Ertragene immer wieder seinem Paul zurückgezahlt hat: Mit dem Messer, mit dem einst Frau Robinson gekillt wurde, schneidet er die Nachbarin auf, holt das Baby – das sehen wir nicht, was alles umso schrecklicher macht. Immerhin überlebt das Kleine. Sonst überlebt, natürlich, keiner, wie denn auch. In einem Filmstudio, auf der Flucht, kommt es zum Showdown zwischen den Liebenden…

 

Eine Mutter mit Kleinkind in Todesgefahr: Das ist eine der Verbindungslinien zwischen „Sometimes Aunt Martha Does Dreadful Things“ und dem spanischen Horrorthriller „Die Saat der Angst“ – im Original „Una vela para el diablo“, also: Eine Kerze für den Teufel. Hier ist es nicht die pervertierte Psychopathologie der Liebe, sondern die durch und durch empfundene Frömmigkeit des Katholizismus, die eine simple Herberge in einem spanischen Dörfchen zur Mörderhöhle macht – „It Happened at Nightmare Inn“ lautet der englische Titel dieses Films, in dem wir zwei Schwestern erleben, die über Leichen gehen, für die Liebe Gottes.

Es ist ja auch furchtbar: Da versammeln sich die Jungs auf dem Nachbardach, um rüberzulinsen zu diesem englischen Flittchen, das sich oben, auf der flachen Fläche überm Hotel, sonnt – oben ohne! Die Schwestern Laura und Marta (!), Inhaberinnen der Pension „Las dos hermanas“, sind empört, stellen ihren Gast zur Rede, schmeißen sie raus (wohlgemerkt: die Frau, nicht die jugendlichen Spanner) – und werfen sie dabei die Treppe runter. Das kann ein Unfall sein, wirkliches Zufallspech, zumal, dass das Opfer in ein kirchenfensterlich bemalten Glasscheibe fällt und daher stirbt. Man könnte zur Polizei gehen – doch Marta besteht darauf: Das war der Wille Gottes, der diese Sünderin bestraft hat. Und in der Küche, da brennt ja das Feuer im großen Holzofen…

Später sehen wir eine junge Frau aus dem Bus aussteigen, der ein-, zweimal am Tag den Ort befährt, und wir sehen da schon alles in der Wahrnehmung der beiden Schwestern: Wie die aussieht! Kurze, aufreizende Hose, knappes, durchscheinendes Top: ein Flittchen, wie es im Buche steht, das den Männern den Kopf verdreht (im wahrsten Sinne des Wortes: Sie läuft mal durch die Straße, und alle starren ihr nach, alle, alle!) Sie steigt in dem Hotel ab. Sie wird misstrauisch beäugt von den Wirtinnen. Und weil sie auch gerne spätnachts erst in der Pension austaucht, und weil sie die Schwestern provoziert, und weil sie gar halbbesoffen der einen das Kleid runterzieht, aus Spaß und Heissassa – klar, sie wird auch umgebracht.

Und dann kommt da noch eine: Eine junge Frau, Ausländerin wie die anderen, sie hat ein Baby in der Rückentrage, und das Baby ist süß, und die Mutter ist nett, und die beiden Schwestern ganz angetan. Bis sie erfahren, dass das Kindlein keinen Vater hat! Eine Frucht der Sünde ist! Und sie werden doch nicht… eine junge Mutter… mit süßem Baby…???!!! Es gibt definitiv eine innere Verbindung zwischen „Saat der Angst“ und dem „Aunt Martha“-Film, zuerst eine Schwangere, jetzt eine Mama.

Die mörderischen Schwestern – eine Frau entkommt ihnen, zunächst. Die Schwester des ersten Opfers stellt Ermittlungen an, sie lernt dabei einen Reporter kennen, der war mit dem Mordopfer verabredet, beide sind misstrauisch, da ist doch was los – und das ganz, ganz große Plus des Films ist, dass zwischen diesen beiden, die dem verdächtigen Verschwinden mehrerer junger Frauen nachgehen, keine Liebesgeschichte losdampft! Zeichen für die hohe Qualität des Films, der aus dem möglicherweise höchst reißerischen Stoff einen nahezu hitchcockesken Horrorthriller entstehen lässt – und Hitch hätte natürlich die Liebesgeschichte zugelassen! Regisseur Eugenio Martin aber fokussiert auf die beiden Schwestern, Marta, die Dominante, und Laura, die Mitläuferin – beide so fest im Glauben, dass diese Frömmigkeit jedes fünfte Gebot übertrumpft.

Und das Besondere daran: So sehr die beiden, unter Martas Führung, ihre Religiosität leben – und anderen das Leben nehmen –, so sehr sind sie selbst dem Weltlichen unterworfen: Denn Laura schleicht immer wieder aus dem Haus, um sich mit dem jungen Hausknecht zu treffen, dann ficken sie. Was Marta natürlich nicht wissen darf – aber sie ahnt es: „Laura – der ist 20 Jahre jünger als du!“ Und wenn Marta spazieren geht und in den Dünen heiteres Lachen hört, dann versteckt sie sich im Gras und schaut den nackten Jünglingen beim fröhlichen Ballspiel am Strand zu, und ein merkwürdiges Gefühl bemächtigt sich ihrer, und des Abends kleidet sie sich in einem feinen Tuche und schminkt sich den Mund…

Das weitere Plus des Films ist, dass er diese Scheinheiligkeit zeigt, aber darüber nicht übermütig wird: Es gibt keine direkte moralische Verurteilung der beiden Mörderinnen, sondern alles bleibt beim Darstellen, bei der Darstellung einer komplexen Welt, in der die Menschen nicht sind, was sie scheinen, die deshalb Gott als alleinigen Maßstab nehmen, diesen Maßstab aber drehen und verbiegen, bis er ihren Maßen passt.

Dabei folgt die Handlung einem wirklich bitteren Weg; nicht nur der Schock, dass eine junge Mutter hinweggerafft wird, sondern auch, sozusagen genrebezogen, der Schock, dass es möglicherweise gar kein Final Girl gibt und geben kann, weil die ermittelnde junge Dame und ihre Reporterfreund den beiden Mordschwestern zu spät oder zum falschen Zeitpunkt auf die Schliche kommen: Nachts schleichen sie in den Keller unter der Küche, nacheinander, immer einzeln, immer ohne Backup, unten stehen zweifrauhohe Tonkrüge, in denen der Wein lagert, und nicht nur der Wein. Man muss den schweren Deckel abnehmen, kann mit einem langen Holzstab in der roten Flüssigkeit rühren, und dann findet man…

Bis zum Schluss bleibt der Film spannend, der einem keine Erleichterung durch komische Momente bietet, durch Ironie oder auch durch dilettantisches Filmhandwerk, nein: durchweg gut gemacht ist der Film, und auch klug konzipiert: Zwischendurch gleitet der Film in ein Kloster, das nun Museum ist, die Kamera schleicht in Nahaufnahmen über die Gemälde von Hieronymusboschhöllen.

Dass ein solches Werk im spätfaschistischen Franko-Spanien entstehen konnte, das nicht wie sonstiger Spanienhorror rein auf Grusel und Publikumskitzel aus ist, sondern tief einsteigt die die Religionsgewalttaten, ist erstaunlich – demgemäß wurde der Film auch im Heimatlande tunlichst zusammengekürzt. Aber Gottseidank gibt es Auslandsfassungen…

 

Kommen wir zum lustigen Teil des Abends, der den Themenkreis von Familienbande und Tötungen harmonisch abrundet.

„Das Blut der roten Python“ beginnt mit einer elegischen Kamerafahrt durch ein heimeliges Heim. Geschirr auf dem Tisch, eine Kerze brennt, die Vorhänge ums Himmelbett bauschen sich, darin liegen engumschlungen Frau und Mann in zärtlicher Vereinigung – keusch angekleidet übrigens, ohne zuviel nackte Haut, denn in dieser Szene geht es um etwas anderes, nämlich um Unmoral. Die Frau, total verliebt, gesteht ihm ihre Schwangerschaft, er guckt so, dass man nichts Gutes befürchtet, beteuert allerdings seine Freude, sieht aber Schwierigkeiten, weil die Frau ist ja verheiratet – und schon tritt der Gehörnte ein, und es kommt zum Kampf, weil beide können gut kämpfen. Nicht nur die üblichen Martial Arts-Moves, nicht nur das Shaw-Brothers-typische Hochhüpfen vulgo Fliegen, sondern der Liebhaber schießt auch aus seinen Handflächen leuchtende Strahlen ab. Nein, das ist keine Zauberei, das Geheimnis der Strahlen ist uraltes Wissen in seinem Clan, während der gehörnte Ehemann seinerseits das Geheimnis des sengenden Feuers kennt, aber das kann er hier nicht mehr offenbaren, weil er hoch aufs Dach gehüpft ist und an der Dachkante sitzt und die Strahlen treffen ihn an den Knien und seine Beine fallen ab und landen auf dem Boden. Dann taucht die Verlobte vom Liebhaber auf und verkündet, ja, das Techtelmechtel ist ja gut und schön, aber der Liebhaber kann ja nicht unter Stand heiraten und überhaupt und die Schwangere bleibt einsam und verzweifelt sitzen. Ende des Epilogs.

20 Jahre später lernen wir einen jungen Mann kennen im Palast seines Vaters. Er ist ein Bücherwurm, der die Poesie liebt und den Kampf hasst, sprich: ein Schwächling; sein Vater ist da von anderem Geblüt – er ist der Liebhaber vom Anfang, König in seinem Reich und Ursache für den Männerhass der Frau, die er damals schwanger hat sitzen lassen – sie hat die Frucht ihres Leibes inzwischen zur männerhassenden Kämpferin ausgebildet; während der beinlose Ehemann wiederum auf einer Art Thron in einer düsteren, aber bunt beleuchteten Felsgrottenhölle sitzt und einen Kumpel hat: Der ist wohl eine Art Dämon, mit enormer Hummerzange als Arm (vielleicht aber auch geschmiedetes Stahlwerkzeug, das ist nicht ganz klar), jedenfalls mit grüner Hautfarbe in Gesicht und Glatze – wobei er ein hervorstechendes Gebiss hat, so dass er aussieht wie Toni Erdmann in der Hongkong-Märchenfilm-Version.

Beim müßigen Spazierengehen durch den Wald lernt unser poetischer Jüngling eine weitere Protagonistin kennen, die dort sitzt und mit ihren Schlangen spielt, und zwischen ihnen entwickelt sich ein spritziger Dialogschlagabtausch, ganz klar, Liebe liegt in der Luft, aber dann geraten sie unter die Räuber. Die haben eine Grube ausgehoben, darinnen sind sie nun gefangen, und die Schlangenfrau zaubert eine ihrer Schlangen unter die Haut des Räuberhauptmanns, der dafür den Jüngling freilassen muss – sie will ihm die Schlange dann irgendwann wieder rausnehmen.

So. Zusammenfassung. Wir haben eheliche Untreue, Verrat, Demütigung, einen Schwächling, Laserstrahlen, Schlangenzauber. Ach ja, eine Zauberkröte hat die Schlangenfrau auch noch. Und einen Namen nennt sie, ich weiß nicht mehr welchen, und alle Leute scheuen zurück, wenn der Jüngling ihn ausspricht, denn, das ist bald heraus, es ist ein Spitzname, und der wirkliche Name gehört genau zu der männerhassenden Kämpferin, von der allein wir wissen, dass sie die Halbschwester unseres Jünglings ist. Weil er sie vor Unholden warnen will, und weil sie aber die Unholde ordentlich verdrischt und dabei ebenfalls lasermäßig aus ihren Händen schießen kann, finden die beiden sich gut. Am Flüsschen hocken sie traut beinander, als – oh, ich habe vergessen vom Mythos zu erzählen, der den Filmtitel ausmacht! Wie konnte ich nur so dumm sein! Das ist doch das Wichtigste!

Aber andererseits auch egal, weil nämlich auch nur eines von vielen Sensationen in vielen Episoden in diesem unheimlich vollgepackten Film, in dem jederzeit alles passieren kann! Da gibt es nämlich eine mysteriöse rote Python, hat die Schlangenfrau erzählt, die erscheint nur selten, nämlich dem, der nie etwas Böses getan, und da haben wir die Nachtigall schon trapsen gehört – jetzt isse da. Also die Python, die eher eine Art Monsteranakonda ist, da, im Bächlein, und der Jüngling springt rein und beißt ihr, verheißungsgemäß, die Kehle durch, trinkt ihr Blut und wird unheimlich stark, also so siegfriedmäßig. Man sieht die Schauer der Stärke durch seinen Körper schimmern, das ist so auf das Filmbild draufgemalt, ähnlich wie die Strahlenblitze, das ist technisch ungefähr so wie in „Krieg der Sterne“, aber irgendwie noch cooler. Weil jetzt der Toni Erdmann-Hummer-Dämon auftaucht und die beiden aufmischen will, und die starke Männerhasserin ist aber jetzt nicht mehr so stark, weil sie ja auch keine Männerhasserin mehr ist, sondern vielmehr verknallt in den Jüngling, weil nun der so stark ist und sie sich ihm unterordnen kann, der Dämon jedenfalls wird von unserem Jüngling ordentlich verdroschen und schleicht sich zurück zu seinem Meister, dem gehörnten Ehemann vom Anfang, und der freut sich, weil nun das Ultimative geschieht, dass nämlich Bruder und Schwester sich alsbald verloben werden, harharhar!

Es geht dann noch viel hin und her. Das liegt auch daran, dass dieser Film eine Literaturverfilmung ist, eines dreibändigen Fantasy-Romans, und wahrscheinlich sind alle drei Bände hier untergebracht, wer weiß. Bei den Eltern jedenfalls kommt es zur Keilerei zwischen beinlosem Bösewicht inkl. Dämon und dem Papa, der seinerseits schon den Inzest wittert – wobei auch Feuerspucken ins Repertoire aufgenommen wird. Ex-Jüngling und Ex-Männerhasserin werden in einen tiefen Brunnenschacht geworfen. Und nicht nur das: Es wird auch ein Kampfgorilla auf sie losgelassen. Warum nicht? Ich meine, klar, der Kampfgorilla, vor dem wir alle uns ja in Acht nehmen müssen, weil er so stark ist! Stärker noch als der pythonblutgestärkte Jüngling, da hilft nur eines!

Wer aufgepasst hat, kann es erraten. Klar, die Lösung ist die Zauberkröte von der Schlangenfrau, die trägt er nämlich in seinem Wams, und er schleckt daran, und wieder jagen die aufgemalten Schauer in seinem Körper, und wumms, und dann kann er auch noch den Brunnenschacht hochfliegen und die Steinplatte wegstemmen, die ihn verschließt, und im Endkampf vor dem Brunnenturme hoch oben auf dem Berge, da kommt dann endlich das am Anfang versprochene Geheimnis des sengenden Feuers ins Spiel, abgesehen von den Laserstrahlen aus den Händen, die übrigens auch noch die verschärfte Form der Sichelstrahlen annehmen kann, und es geht hin und her und es gib Tote! Nämlich die Schwester, also Beinaheverlobte, was den Vollzug des Inzests glücklich verhindert, und die Moral von der Geschicht ist am Ende: Es ist immer gut, wenn man(n) noch eine Ersatzfrau aufbieten kann, sprich: die Schlangefrau – und damit Happy End.

Ein ganz unglaublicher Film ist dies, in dem alle Schandtaten vorkommen, der den familiären Hass wie kaum ein anderer abbildet und daraus die schönsten Geschichten spinnt, die nie jemals vorhersehbar sind. Und deshalb ist dieser Film einer der besten Märchenfilme, die es überhaupt geben kann, weil all seine Gestalten durch all den Zauber um sie herum ganz unbedarft wandeln. In seinem überaus wichtigen Buch Das europäische Volksmärchen arbeitet Max Lüthi das heraus:

„Der Märchenheld handelt und hat weder Zeit noch Anlage, sich über Seltsames zu wundern. […] Er verwundert sich nicht, er fürchtet sich nicht: das Gefühl für das Absonderliche fehlt ihm. […] Das Wunderbare ist dem Märchen nicht fragwürdiger als das Alltägliche. […] Es ist, wie wenn die Märchengestalten Papierfiguren wären, bei denen man beliebig irgend etwas wegschneiden kann, ohne dass eine wesentliche Veränderung vor sich geht. In der Regel äußert sich bei solchen Verstümmelungen weder körperlicher noch seelischer Schmerz; nur wenn dies für die weitere Handlung wichtig ist, werden Tränen vergossen.“

Undsoweiterundsofort, you get the picture. So einigermaßen zumindest. Denn all die fantastischen Bilder des Films – und dabei auch ein paar Waldwegszenen, die erstaunlicherweise offenbar nicht im so wunderbar künstlichen Shaw-Brothers-Studio gedreht wurden! – können gar nicht in einem Text wiederauferstehen, man muss das sehen, dann kann man staunen, und natürlich lachen, weil sehr lustig ist das alles auch.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese November 2021: „Nacht der Gejagten“, „FBI jagt Phantom“ und „Mission Thunderbolt“

Grindhouse-Triple-Feature, 27. November 2021, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Nacht der Gejagten“ / „Die Nacht der Gehetzten“ /  „La nuit des traquées“, FRA 1980, Regie: Jean Rollin

 „FBI jagt Phantom“ /  „The Human Duplicators“, USA 1965, Regie: Hugo Grimaldi

 „Mission Thunderbolt“, Hongkong 1983, Regie: Godfrey Ho


Scheinwerfer in der Nacht, ein Auto auf kurviger Straße, eine Frau in weißem Nachthemd, verängstigt, gehetzt – das ist Brigitte Lahaie in ihrer Rolle als Elisabeth, die nun von Robert, dem Autofahrer, gerettet wird. Lahaie ist vollkommen unten durch, ein Nervenwrack – Robert stürzt auf sie zu, packt sie an, der Zuschauer ist einen Moment im Ungewissen, was er ihr antun will. Aber er will nur helfen!

Mitunter sind es solche Momente der Nachlässigkeit in Inszenierung oder Schauspielführung oder Darstellung, die „Nacht der Gejagten“ ins Grindhousemäßige abrutschen lassen – und natürlich die Tatsache, dass offenbar jeder Protagonist mit geladener Pistole in der Hosentasche rumläuft, mit der auch über 50 Meter Entfernung sicher getroffen werden kann, und dass Frauen sich baldmöglichst nach ihrem Leinwandauftritt ausziehen müssen. Diese filminszenatorischen Einschränkungen – wenn man sich die Mühe machen sollte, sie als solche anzusehen – müssen mitgedacht sein; aber das eigentlich äußerst Merkwürdige ist, dass sie nicht daran rütteln, dass wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun haben.

Jean Rollin gelingt dabei eine Besetzungstrinität: Er wählte seine Darsteller(innnen) offenbar danach aus, ob sie in die Rolle passen (tun sie), ob sie schauspielerische Qualitäten aufweisen (tun sie) und wie wohlgeformt ihre Brüste sind (sehr).

Brigitte Lahaie war damals Pornodarstellerin. Doch Jean Rollin hatte schon zuvor einige Nicht-Hardcorefilme mit ihr gedreht, er nutzt in „Nacht der Gehetzten“ auch ihre Körper – aber nicht, um den Zuschauer aufzugeilen. Bald, nachdem Robert Elisabeth in seinem Auto mitgenommen hat, merken wir: Sie leidet unter Gedächtnisverlust; was ein paar Minuten zuvor passiert war, entfällt ihr unweigerlich. Auch die nackte Frau, die durch den Wald zur Straße läuft, ihren Namen ruft, die verzweifelt sieht, wie Elisabeth mit Robert wegfährt, existiert kurz darauf für Elisabeth nicht mehr. Véronique heißt sie, irgendwie sagt der Name Elisabeth etwas, aber was? War es wichtig?

Mit Robert macht Elisabeth Liebe. Und das ist nicht ihrem Pornostatus geschuldet, denn Rollin inszeniert diese Liebesszene nicht als Bums-Akt, nicht für den Zuschauer. Vielmehr sehen wir zwei Körper, die sich vereinigen, mit ganz wenigen Schnitten quasi in Echtzeit, ein Verlangen, eine Zärtlichkeit, ein Ineinanderübergehen – und zwar eben nicht voyeuristisch, sondern sozusagen protokollarisch aufgenommen von der Kamera, die immer wieder die Gesichter ins Blickfeld nimmt und eben nicht Geschlechtsorgane, die keine „Ästhetik“ erzeugt, sondern von außen betrachtet, wie zwei sich einander hingeben. Diese Liebesszene ist gerade in ihrer Ausführlichkeit ungeheuer wichtig: Weil hier das Miteinander gefeiert wird von Elisabeth und Robert – und weil wenige Minuten später sie alles wieder vergessen haben wird.

Elisabeth, gedächtnislos, lebt im Moment, kann nicht anders. Sie wird aus Roberts Wohnung abgeholt von Dr. Francis und seiner Assistentin Solange; beide in Trenchcoats gekleidet, ohne jedes Mitgefühl in der Mimik, ja, ohne Gefühl überhaupt führen sie Elisabeth ab, führen sie in ihr Zimmer im 30. Stock eines dunklen Hochhauses. Dort wohnen eine Menge Leute, die an Amnesie leiden, und es könnte eine Klinik sein, dessen Personal bis hin zum Chefarzt Dr. Francis schlicht vollkommen überlastet ist von Patienten, die immer wieder ausbüchsen, ohne zu wissen wohin. Es könnte auch ein Gefängnis sein, das Menschenlabor eines sinistren Mad Scientist. Oder eine Selbsthilfegruppe von desorientierten Menschen, denen Reden und Medikamente möglicherweise helfen sollen… Catherine ist Elisabeths Zimmergenossin, ebenfalls ohne Gedächtnis; die beiden erfinden sich eine eigene Vergangenheit, eine Kinderfreundschaft, die es nie gab und die bei ihnen wiederum nur Verstörung hervorruft.

Im Flur stehen die weiteren Patienten, eine Frau sucht ihr Kind, sie ist sicher, dass sie mal eins hatte, eine andere blättert in einem Fotoalbum mit uralten Schwarzweißporträts, ob das mal ihre Verwandten waren?

Menschen, die nicht mehr sich selbst kennen, geschweige denn andere – torkelnde Männer; ein geiler Aufseher, der sich etwas darauf einbildet, Zimmernummern wiederzufinden und dafür von den Frauen belohnt werden will. Er führt eine junge Frau in einen Filmsaal, dort vergewaltigt er sie – sie wird sich danach ja nicht mehr erinnern können. Ein Mann taucht auf, er hat einen Hammer. Blut. Mord. Ein anderer wird von einer Frau angesprochen: zu zweit ist besser als allein. Nackt in der Sauna liegen sie aufeinander. Er erwürgt sie. Es geht nicht nur um Gedächtnisverlust, um Störungen den Gleichgewichtssinns: Die Menschen hier töten, sie sind gefährlich füreinander, für sich selbst… Sind es noch Menschen?

Véronique ist da. Sie und Elisabeth erkennen sich. Zwischen ihnen scheint etwas zu bestehen, was älter ist und tiefer geht als die normalen Erinnerungen. Sie wollen fliehen. Véronique sitzt am Fenster, sie kennt ihren Zustand, zumindest in diesem Moment kennt sie ihn, sie wird wenig später vielleicht alles wieder vergessen haben: „Wenn es Nacht wird, bleibt nur die Angst derer, die leiden in der Welt der Hochhäuser.“

Jean Rollin ist gewiss ein Erotomane. Am nackten Leib berauscht er sich, am weiblichen vor allem, wir hatten von ihm bereits „Die nackten Vampire“ im Grindhouse-Programm, der war ebenfalls verstörend, von einer merkwürdig abseitigen Erotik durchzogen; in „Nacht der Gejagten“ aber erzeugt Rollin eine ganz faszinierende Stimmung, der man sich nicht entziehen kann, die einen mit runterzieht in Verstörung und Verlorenheit: Immer wieder lässt er seine Protagonisten in den Statussymbolen der Moderne agieren, inmitten kalter Architektur, die Welt der Hochhäuser ist keine menschliche, sie ist fremd und übergestülpt, hier kann man verloren gehen.

Elisabeth schleicht sich an einen Wächter, stiehlt seine Pistole und erschießt ihn, ohne Mitgefühl, von hinten. Ein Schock – Elisabeth, die immer einfühlsam war, auch in der eigenen Verzweiflung, die Catherine mit ihren motorischen Störungen gefüttert hat, die so zärtlich ist und so unschuldig… Mit der Pistole in der Hand erkämpft sie sich einen Weg nach außen, sie schießt, wenn nötig; es gelingt auch, Robert zu benachrichtigen. (Auch hier wieder eine der Nachlässigkeiten: „Ich weiß nicht, wo ich bin, es ist ein schwarzes Hochhaus…“ – „Das kenne ich, ich bin in zehn Minuten da!“) Doch eigentlich ist klar, dass alles zu spät ist, denn die Gedächtnis-, die Denkfunktionen nehmen rapide ab.

Die Patienten sind nur noch Körper, und Rollin stellt sich mit seinem Film ganz deutlich in die Philosophiegeschichte: „Ich denke, also bin ich“ hat Descartes erkannt, ein Schlüsselsatz der Moderne, der Aufklärung – für Descartes gab es Geist und Körper, beziehungslos, aber miteinander verbunden, eine Dualität, in der der Geist das Menschsein ausmacht, in dem Denken, Fühlen, Seele sich finden, dem Körper entgegengesetzt, der rein mechanisch seine Funktionen erfüllt: „Nacht der Gejagten“ führt diese Thesen unerbittlich weiter dahin, wo das Unerträgliche lauert; denn er verlässt mit seinem Film nun die Welt der Hochhäuser, die Hypermoderne, die den Menschen kaputtmacht, verlässt das Hochhaus, das auch Gesellschaftsgleichnis war, wo die Geistlosen hausten, dieses System des überwachten Funktionierens, der Entindividualisierung – Rollin verlässt diese parabelhafte Kritik am menschlichen Zustand, um zurückzufinden zum ultimativ Unmenschlichen: Die verbliebenen Gedächtnislosen stehen zombiehaft in einem leeren Eisenbahnwaggon, sie werden nach und nach abgeholt, maskierte Ärzte mit Todesspritzen, ein Feuerloch als Krematorium: Faschismus, Holocaust sind die Endpunkte der düsteren Analyse, die Rollin der Descartes-Philosophie anlegt. Wer nicht denkt, ist nicht; er lebt nicht mehr, existiert nur noch, ist Körper, ohne Mensch zu sein – oder doch nicht?

Die Körper, die schönen filmischen Aktbilder, die Jean Rollin in seinem Film zeigt – es sind eben nicht die Obsessionen eines Erotomanen, der dem Voyeur im Publikum Futter bietet – es sind dies die einzigen Artefakte des Menschlichen, die den Protagonisten bleiben. Selten war Nacktheit im Film depressiver.

 

„FBI jagt Phantom“: So ein Quatsch. FBI? Phantom? Beides hat nichts mit Hugo Grimaldis Film zu tun, der Titel ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass Hauptdarsteller George Nader in Deutschland als filmgewordener Jerry Cotton Berühmtheit erlangt hat, damals, in den 1960ern, als man mit Abenteuerkrimithrillergenrefilmen noch Geld im Kino zu verdienen versucht hat. „FBI jagt Phantom“ entstand vorher und kam mitten in der Cotton-Reihe in Deutschland raus – doch Naders Figur Glenn Martin ist in diesem Film nicht „G-Man“, sondern Agent der NSA: Die NSA, das waren damals noch die Guten!

Aber beginnen tut der Film mit dem Weltall, und ein Ufo taucht auf, das wie ein Brummkreisel aussieht. Es ist nicht auszuschließen, dass wir tatsächlich einen sehen, der ein Ufo darstellen soll, und dass irgendwo ein Kind weint, weil ihm sein Spielzeug geklaut wurde, um es an einer Schnur vor einen nachgemachten Sternenhimmel zu hängen! Drinnen befindet sich der Beißer. Ja, der Beißer, also: Richard Kiel zehn Jahre vorher, er heißt im Film Koloss, weil er so ein Koloss ist, und wird von der Zentrale instruiert: Um die Menschheit zu infiltrieren, muss er sich an Professor Dornheimer ranmachen. Achtung: deutscher Name auch im Original – das heißt übersetzt, dass Dornheimer zwar eine Kapazität ist, aber auch eigentlich böse, weil mit einer Elite-Philosophie ausgestattet, die nur einen Führer anerkennt. Koloss wird zu Dornheimers Villa gebeamt (avant la lettre), als Dr. Koloss übt er sofort seine böse Macht über Dornheimer und seine beiden hübschen, jungen Assistentinnen aus, die unten im Kellerlabor – Labor im Keller, klar, wo sonst! –, jedenfalls –. Also. Es gibt auch noch Dornheimers Tochter, sie ist blind. Was aber wirklich passiert, darüber gab es bisher nur Andeutungen, und die NSA ist auch ratlos!

Der aufgeklärte Zuschauer von heute kennt das alles natürlich. Im Film aber muss lang und breit erklärt werden, was Androiden sind. Was die Körperfresser in den 1950ern mit außerirdischen Kokons vollbracht haben, das kann Koloss mithilfe von Dornheimers Laboratorium auf technischem Wege bewerkstelligen: Kopien erschaffen! Und dann passiert es immer wieder, dass hochrenommierte Wissenschaftler mit tadellosem Ruf in ihren Wissenschaftsinstituten einbrechen und hochsensible Gerätschaften stehlen, und das Wachpersonal kann nichts gegen sie tun, weil sie haben als Roboter übermenschliche Kräfte!!!

Einmal sehen wir, wie das Kopieren von Menschen geht. Es funktioniert überraschenderweise eigentlich genau so wie 40 Jahre zuvor in Fritz Langs „Metropolis“. Nur dass um den Androiden keine Lichtkreise auf- und abschwingen, das war wohl im Filmbudget nicht drin, vielmehr hängen kreisförmig Lichterketten runter, drinnen dann entsteht die Kopie, in diesem Fall einer Frau, was aber nicht heißt, dass es unzüchtig würde, wenn die Kleider noch nicht fertigkopiert sind.

George Nader als NSA-Agent Glenn Martin tappt lange im Dunkeln, weiß aber sofort bei Durchsicht der Fotos aller wichtigen Wissenschaftler, dass er diese eine Chinesin gerne mal persönlich beschatten würde. Weil er halt ein Mann ist! Ein Mann, der mehr ist als wie die Agentin Wilson, die eigentlich, also in Wirklichkeit, sehr flott viel mehr weiß als Martin und sein Chef, die aber immer rumkommandiert wird und auch mal in der Bibliothek vorbeischauen muss, wenn Nader was braucht: Sie ist eine Frau, der Film hat da klare Standpunkte, so ist das in den 1960ern. Agentin Wilson aber ist herzlich in Martin verliebt, der sie immer gerne mit Missachtung behandelt, sich aber auch mal zu einem Kuss herablässt. Irgendwie wohnen die beiden auch zusammen, oder so. Es ist halt nicht alles klar, der Film hat einige Geheimnisse.

Die androidischen Menschenkopien jedenfalls sollen nach außerirdischem Willen irgendwie die Invasion vorbereiten, das werden Klonkriege werden, Koloss muss alles irgendwie anstoßen mit der Dornheimer-Kopie in dessen Labor, das aussieht wie jedes Labor in einem B-Film, und es gibt immer wieder neue Menschenkopien und die Frage, wie man eigentlich einen Androiden erkennt. Und auch Glenn Martin wird kopiert! Aber nicht Lisa, des Professors blinde Tochter. Denn Koloss zeigt menschliche Züge, er ist blind in sie verliebt, als Außerirdischer. Und der Klon von Prof. Dornheimer baut sich seine eigene faschistisch-darwinistische Ideologie auf, denn: Koloss hat den wichtigsten wissenschaftlichen Grundsatz vergessen! Man darf nämlich die mechanischen Technikgehirne der Androiden nie mit dem ganzen Wissen des Originals ausstatten, sonst werden die Kopien die Originale irgendwann erledigen, denn sie sind sehr viel weiter als der bloße Mensch: Sie haben nicht den Fehler der Emotion!

Soweit der philosophische Überbau. Das Sein des Films ist jedenfalls sehr viel unterhaltsamer als sein Bewusstsein – weil der Film gar nicht weiß, wie doof er ist. Ich meine, hallo, der Plan der Außerirdischen könnte auch einem Ed Wood-Gehirn entsprungen sein! Irgendwann ist Glenn Martin, also das Original, eingesperrt, und die blinde Tochter muss ihm unbedingt seinen Talisman bringen, eine Münze, das ist unheimlich wichtig – als er sie hat, fummelt er an seiner Taschenuhr rum, er hat nämlich da ein James Bond-Gimmick: einen langen Draht, mit dem zersägt er mühsam die Eisenstäbe. Die Münze hat er dafür gebraucht, weil er sie dafür gebraucht hat. Punkt.

Kurz vor seinem Ausbruch gibt ihm Professor Dornheimer, das Original, einen Tipp: Die Androidengehirne funktionieren ja mechanisch, und die sind so sensibel, dass ein übergroßer Lichtschock – oder was weiß ich. Jedenfalls hat natürlich jede wissenschaftliche Kapazität, die etwas auf sich hält, eine Laserkanone im Labor liegen, und damit werden all die Klone des dornheimerschen Dieners – ungefähr sieben Stück! – total aufgewiegelt, so dass sie sich gegenseitig umbringen. Die Laserkanone ist eine Art Scheinwerfer-Spot, man muss das Licht halt scharf genug einstellen, weiß Prof. Dornheimer (der echte). Der gefälschte kann fliehen, aber nicht lange, jedenfalls gibt es einen Kampf, und eine filmgeschichtliche Erkenntnis: Nicht erst in „Blade Runner“ kann man Androidenaugen weinen sehen.

Ein höchst unterhaltsamer Film, der so gefangen ist in seiner Zeit, dass er davon gar nichts mitbekommt!

 

Aber immerhin ist „FBI jagt Phantom“ ein Film, also: ein Film, bei dem irgendwo klar ist, wer was will, warum wer wohin geht und was wer wann warum tut – auch wenn nach menschlichen Maßstäben alles blödsinnig ist. Godfrey Ho hat versucht, irgendwas zu machen, herausgekommen ist „Mission Thunderbolt“.

Nachdem der erste Film des Abends überraschend komplex und hochatmosphärisch den Menschen im Prozess seiner Entmenschlichung gezeigt hat, und der zweite Film sich auf seine Art mit dem herumgeschlagen hat, was den Menschen ausmacht und was passiert beim Kopieren, schlägt der dritte Film des Abends einen ganz anderen Weg ein im Themenbereich Identität: Denn er ist mit sich selbst nicht identisch. Das ist nämlich so: Da wurden zwei Filme ineinandergezwängt. Und zwar nach einem Geheimrezept, das so geheim ist, dass wir bei IMDb gerade mal erfahren, dass der Originalfilm „Bie ai mosheng ren“ heißt, eine taiwanesische Produktion von 1982. Die muss den hongkongerischen Produzenten in die Hände gefallen sein, die sie mit eigenen Szenen anreicherten, um den doppelt aufgemischten Film dann auf den Videomarkt zu schmeißen.

Am Anfang sieht man Stadtimpressionen von London; New York; Sidney. Dort nämlich passieren Dinge: Ein Mann steigt aus einem Auto, und dann rast ein Rollschuhfahrer herbei und hat eine Sichel in der Hand. Zwei Männer öffnen einen Lieferwagen, und drin ist keine Ware, sondern ein Mörder mit Maschinenpistole. Eine Frau liebkost den Bauch eines Mannes (ohne dass irgendwelche naughty bits gezeigt würden), knabbert an seiner Brustwarze, dann wendet sie ihren Kopf ab, hat plötzlich eine Rasierklinge zwischen ihren Lippen und ratsch, durchtrennt sie die Kehle des sich wollüstig Räkelnden. Und dann ist große Aufregung bei Interpol in Hongkong, der Stadt, in der der Film spielt: Weil diese drei weltbekannten Auftragskiller alle gleichzeitig hier angekommen sind.

Soweit, so klar. Nur sehen wir jetzt zwei junge Frauen miteinander in der Welt der Hochhäuser umeinandertollen, sie haben so richtig Spaß. Und dann wird eine Frau von ein paar gewalttätigen Jugendlichen auf Motorrädern bedrängt. Und bei Interpol soll ein Diavortrag die ganze Geschichte erklären: Es gibt da nämlich zwei Gangsterbanden, die miteinander um die Unterwelt konkurrieren, und ja. Irgendwie gibt es Morde. Eine Frau sieht, wie ihrer Schwester der Bauch aufgeschlitzt wird. Das sind, glaube ich, die, die zuvor herumgetollt sind. Aber da sind auch noch die Killer, die treffen ihren Auftraggeber in ihren Autos auf einer Brücke und bei Interpol wird viel telefoniert und es gibt verschiedene Anweisungen. Die Schwester, deren Schwester ermordet wurde, bietet sich als Schuhputzerin an, andere Schuhputzer wollen sie vertreiben, aber die Gangster der einen Bande laden sie für abends in ihren Nachtklub ein. Wo sie als Animiermädchen mit ihrer miesen Laune die Gäste verkrault und auch mal verhaut. Und dann sind da noch die Killer von auswärts! Die bringen auch Leute um. Und Interpol hat einen Agenten, der sich im Fitnessstudio stählt. Und auf dem Schrottplatz trifft sich die Schwester mit wem, und dann tauchen plötzlich hundert Leute auf und prügeln sich. Und später trifft sie sich nochmal mit wem, und wieder tauchen hundert Leute auf und prügeln sich. Und die Killer treffen ihren Auftraggeber, und der Auftraggeber trifft einen weiteren Auftraggeber, und der Mann aus dem Fitnessstudio prügelt auch herum.

Es ist hier nicht meine Aufgabe, Handlungszusammenfassungen von Grindhouse-Filmen zu liefern, aber bemerkenswert ist doch, dass nicht einmal „Mission Thunderbolt“ selbst seine eigene Handlung erzählen zu können scheint, weil der Film immer wieder über sich selbst stolpert. Und nahezu unmöglich ist es, die heitere Stimmung zu schildern, die dies wiederum auslöst, weil man als Zuschauer ja noch verlorener ist als der Film selbst, man sieht zu und versucht zu folgen, und das Interessante ist, dass man dabei nicht verwirrt wird, sondern dass man die Verwirrung als Teil des Ganzen empfindet, und das ist lustig.

Vielleicht so: Wenn Taube Freejazz spielten; und wenn diese Töne bei einem Publikum von Synästhetikern Farbempfindungen erzeugten; und wenn diese Farben von einem blinden Maler zu einem Landschaftsbild verarbeitet würden; und wenn der demente Opa dieses Gemälde beschriebe: Dann, möglicherweise… aber lassen wir das. Irgendwann im Film versteht man, dass wohl alle Szenen, in denen Asiaten auftauchen, aus dem einen, ursprünglichen Film stammen, in dem es möglicherweise um eine Rachegeschichte wegen des Mordes an der Schwester der Frau geht, die sich deshalb in der Unterwelt hochdient. Und dass alle Szenen mit nicht-schlitzäugigen Darstellern – also die Killer und Interpol – nachgedreht wurden. Und dass diese merkwürdige Rahmenhandlung absolut nicht rahmt, sondern eher alles verquirlt. Weil’s nichts miteinander zu tun hat. Godfrey Ho hat anscheinend ein paar Ideen für diverse ulkige Gewalt- und Mordszenen gehabt und diese dann einfach mal so gedreht und dem anderen Film einverleibt – einmal mit Armbrust! Einmal kopfüber in ein Fass gesteckt und Ratte mit rein und dann eine Katze! Zusatznutzen der Zusatzszenen: Die nicht-asiatischen Darsteller sollten wahrscheinlich dem auf diese Weise neu entstandenen Film ein Standing in westlichen Videotheken verleihen, in der Annahme, dass dort kein All-Asian-Cast goutiert würde. (Dies alles Spekulation meinerseits übrigens: am Film selbst können diese Annahmen nicht verifiziert werden, es gibt nichts Greifbares darin.)

Am Ende jedenfalls bietet der Film doch in einer Sache Klarheit. Da trifft sich unser weißer Interpolagent mit irgendeinem Gegner auf einem Staudamm. Welcher Gegner, weiß ich nicht, ich glaube nicht, dass er zuvor schon einmal aufgetaucht ist, und den Damm gab es vorher auch nicht. Der Gegner jedenfalls ist Asiate, die kaukasischen Auftragskiller hat unser Held nämlich zuvor schon auf einer Baustelle nacheinander getötet mit schönen Kampfmoves, das muss man ihm lassen. Beim Staudamm-Endkampf nun hören wir auf dem Soundtrack ein treibendes Bassmotiv, und dann Gitarrenakkorde: Die markanten Klänge sind eindeutig reinkopiertes „On the Run“ vom „The Wall“-Album, und damit ist nachträglich klargestellt, dass mich meine musikalischen Déja-vus bei der Filmmusik nicht getrogen haben und der Soundtrack kräftig bei Pink Floyd plündert; meines Erachtens hauptsächlich beim „Ummagumma“-Album.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2021: Tollwütige, Slaughter, ein rasender Planet

 11. September 2021: Grindhouse Triple Feature, Cinema Quadrat, Mannheim

 

Die Tollwütigen / I Drink Your Blood / Die Satansbande / Blood Suckers, USA 1970, R: David E. Durston

 

Slaughter, USA 2972, R: Jack Starrett

 

Ufos zerstören die Erde / Yōsei Gorasu, JAP 1962, R: Ishirô Honda


Es war Lockdown. Es gab kein Kino, und als Kino im letzten Herbst dann doch wieder möglich war und damit auch die Grindhouse-Abende im Cinema Quadrat, war wieder Lockdown.

Ich habe, und darauf weise ich jetzt mal einfach so hin, während dieser grindhouselosen Zeit das Buch Grindhouse-Kino. Schund – Trash – Exploitation deluxe! zusammengestellt, aus all den fantastischen Screenshot-Texten hier, und möchte auch betonen, dass bald Weihnachten ist!

Das Buch kann als eine Art haptischer Zwischenstand der Grindhouse-Nachlesen verstanden werden, aber natürlich kein Endpunkt, es geht weiter, und nach dem Lockdown ist vor dem Grindhouse – weshalb nun, als es wieder ging, das Cinema Quadrat gleich ein Triple-Feature geschmissen hat, eines, das tief hineinfährt in die filmischen Grundlagen des Bahnhofskinos. Und auf verblüffende Weise mit der Gegenwart korrespondiert.

 

„I Drink Your Blood“ heißt der erste Film des Abends im Original, und es kommt niemand vor, der Blut trinkt. Auf deutsch: „Die Tollwütigen“, das trifft es, und selbst der, laut IMDB, spätere Videotitel „Die Satansbande“ passt – letzterer zum ersten Teil des Films, ersterer zur zweiten Hälfte.

Im Wald sitzen ein paar, und der Obermotz von ihnen hält eine Predigt über Satan, über sich selbst als dessen Nachkommen, über die Freiheit des Tuns und das Loslassen des Bösen in einem, und drumrum sitzen seine Jünger. Wie wir allmählich erkennen, sind sie nackt, vor ihnen liegt eine Dame, und jemand hat ein Huhn, und der Satansschamane ein Messer, aber da! Hinterm Baum steht eine und guckt zu, fasziniert und abgestoßen zugleich. Als die Bande sie entdeckt, wird sie gejagt, sie stolpert, die Satanisten über ihr, Schnitt. Die brutale Vergewaltigung sehen wir in ihren Auswirkungen, als die junge Frau ins Dorf torkelt, körperliche und seelisch fertig, vollkommen traumatisiert.

Die Satanisten wollen sich in diesem Dorf niederlassen, und nachdem wir sie beim Ritual kennengelernt haben und bei der Grausamkeit gegen andere, lernen wir sei jetzt bei ihren internen Späßen kennen: Einer schläft im Lieferwagen und die anderen spielen ihm einen Streich, indem sie das Auto einen Abhang runterschubsen. Hahaha! Man ist also auch untereinander arschig.

Das Dorf ist so gut wie verlassen, nur wenige Einwohner gibt es, die Häuser sind verfallen, ein Geisterort für Satanisten, perfekt! Im alten Hotel nisten sie sich ein und jagen erstmal Ratten, das macht Spaß, und der Gewinner bei der Ratz-Hatz darf eine Nacht lang Boss sein. Das führt dazu, dass der Underdog im Team an den Füßen aufgeritzt wird und am Dachbalken aufgehängt, ja so ist das, wer mitmachen will, muss leiden!

Klar nehmen alle LSD.

Bemerkenswert ist, wie divers der Film besetzt ist. Der Boss ist Inder – ich dachte beim Gucken erst: Indianer, aber nein, laut Internet: Inder; eine Ostasiatin gibt es, einen Schwarzen, einen Hispanic. Bemerkenswert auch, wie der Film trotz (und aus) seiner Diversität untergründig Ressentiments schürt: Die Genannten sind die Bösesten, und der Gute unter den Satanisten ist ein blonder Weißer, der überläuft, der sich nämlich in die Vergewaltigte verliebt hat. Die übrigens anderntags eigentlich nix mehr spürt und sich zurückverliebt.

Nun haben wir aber nicht nur die Teufelsanbeter, die Terror machen, gegen die paar, denen sie begegnen, und gegen sich selbst, sondern wir haben auch noch Pete. Der ist vielleicht zwölf Jahre alt und der Enkel vom örtlichen Tierarzt – den gibt’s noch, außerdem eine Bäckerei, sonstige Bürger Fehlanzeige –, und der findet die Satanisten blöd, und weil er weiß, wie’s geht, erschießt er einen tollwütigen Hund, der plötzlich durchs Bild läuft, und dessen Blut impft er in die Hackfleischpasteten aus der Bäckerei als leckeres Mahl für die Bösewichter. Nun wird aus der Charliemansonploitation eine unglaubliche Sause, denn der Tierarzt erkennt ganz klar: Diese Tollwut macht ungeheuer toll und wütend, und die wildgewordenen Infizierten werden wild auf frisches Fleisch, und auch sonst verlieren sie einige Hemmungen, und sie haben großen Durst und zugleich Angst vor Wasser.

Der Virologe hat gesprochen, und die Krankheit breitet sich aus. Nach dem Nachtmahl nämlich schlachtet erstmal der Schwarze seine Teufelskollegen ab, hat ein Beil gefunden, Flucht in alle Richtungen, und oberhalb des Dorfes, da gibt es einen Staudamm. Der leitende Ingenieur will nix wissen von der Gefahr, die von den Satanisten ausgeht, und von der Tollwut weiß er da noch gar nichts! Schickt seine Leute trotzdem los, mal nach dem Rechten zu sehen, da, eine Anhalterin, eine der Verfolgten, sie geizt nicht mit ihren Reizen, und alsbald kommt’s zum Rudelbums im Staudammarbeitercamp. Tja. Weniger anregend als ansteckend.

Max, der Kurator der Grindhouse-Reihe, hat kurz vor Beginn des Abends bemerkt, wie passend ein Film über diese Seuchenausbreitung ist. Wollte er eigentlich gar nicht in dieser Weise machen, die Gegenwart kommentieren, aber so ist das mit guten Filmen: Auch 50 Jahre später passen sie wie die Faust aufs Auge. Ähnlich wie Zombies, nur lebendig und durchaus schlau, überrollen die Tollwut-Infizierten die noch Gesunden, in hochgradigem Blutrausch. Beine absägen und Köpfe abhauen: Kein Ding!

„Die Tollwütigen“ ist natürlich ein Reißer, der sich auf die Hippieundergroundszene stützt und auf die Satanisten, die da in Hollywood Polanski häckseln wollten, der auch noch Romeros „Nacht der lebenden Toten“ toppen will, das alles aber für billig Geld, und der aus seinem langsamen Beginn eine unglaubliche Dynamik entfaltet, Tollwut ist ja super ansteckend. Schaum am Mund und Mordlust im Auge!

 

„Slaughter“ ist ein früher Blaxploitationfilm mit Jim Brown in der Hauptrolle. Wer er eigentlich ist, weiß ich gar nicht mehr so recht, auf jeden Fall Vietnamveteran, und er will Rache, weil sein Vater in die Luft gesprengt wurde. Der hatte irgendwas mit der Unterwelt am Laufen, ist egal, ein Mordanschlag hat ihn erwischt, und auf jeden Fall gibt es da eine Dame, die sich zuerst als Reporterin ausgibt und dann nackig in Slaughters Bad auftaucht, und sie ist die Botin von Mr. Price. Schöner Name für einen, der’n hohen Posten beim Finanzamt hat! Mr. Price ist also so etwas wie die US-Version von Olaf Scholz (schönen Gruß! In zwei Stunden schließen die Wahllokale…), er hat eine Menge Agenten überall, die die Bösewichter der Welt überwachen, und weil Slaughter ebenfalls seinem Namen alle Ehre macht, hat Price ihn an den Eiern. Sie haben nämlich einen gemeinsamen Feind; Slaughter muss also nun die Finanzministeriums-Drecksarbeit machen, muss der bisher unfassbaren Gangsterbande nachsteigen, die so viele Schurkereien macht und jetzt irgendwas mit Computern vorhat. Ich hab nicht kapiert, was genau, weil wenn’s um Steuern geht, gehen bei mir die Schotten dicht, verstanden hab ich aber, dass so eine Lochkarte irgendwelche Daten enthält, damit sie als MacGuffin funktionieren kann und Slaughter was hat, an dem er sich festhalten kann, weil’s jetzt nach Südamerika geht.

Wohin genau hält der Film gegenüber dem Zuschauer geheim, weil der Dreh in Mexiko nur unter der Auflage genehmigt wurde, dass Mexiko nicht schlecht rüberkommt, sprich: nicht erwähnt wird. Dort aalt sich Slaughter am Pool, zusammen mit Sidekick Harry, der ist die lustige Figur im Film und der örtliche Finanzamtsgeheimagent, und die beiden ermitteln fleißig, indem Harry Frauen anbaggert und Slaughter Informationen bekommt.

Kurz und gut: Da gibt’s ein Casino, das dem Schurken gehört, aber es gibt nicht nur den einen Schurken, sondern auch noch den Oberboss-Schurken, der bleibt im Hintergrund und lässt seine Geschäfte laufen, aber sein Unterschurke ist wild und crazy, er hat auch die Autobombe für Slaughters Papa gelegt, er weiß, wie der Hase läuft, glaubt er, ist aber ein Heißsporn – Rip Torn spielt ihn, es ist unglaublich, ein totaler Psycho! Ein besitzergreifender, eifersüchtiger Laffe, der die Macht und den Anspruch hat, jeden zu killen, der ihm querkommt, der vor nichts zurückschreckt, egomanisch und fies und ehrgeizig, erzrassistisch sowieso. Also alles, was den Aufstieg garantieren mag, außer dass er ’n bisschen eine zu kurze Zündschnur hat und dann strategisch nicht so die guten Entscheidungen trifft, aus Sicht des Kriminalitätsnetzwerkes, in dem er sich hochkämpft. Seine Blonde wird zum love object von Slaughter, gut, das ist jetzt keine Überraschung, aber für Dominic, den Psychopathen, ein weiterer Trigger.

Im Ringen mit den Finanzministerium

Blaxploitation ist erstmal per definitionem cool, und wenn Jim Brown die Hauptrolle hat, dann sowieso. Der macht nicht so sehr auf Macho und Pimp, wie’s später zum Standard wird im Genre, sondern ist einfach ein Actionheld, Hautfarbe schwarz. In diesem Fall offiziell in Diensten des Finanzministerium (ich krieg mich immer noch nicht ein deswegen!), aber natürlich vor allem in eigener Mission. Ihm ist klar und er sagt es laut: „Mr. Price, you’re a prick!“; der lässt’s sich’s gefallen, weil er sich’s leisten kann, es sich gefallen zu lassen. Slaughter hat da nämlich schon zugestimmt, bei den Gangstern aufzuräumen, und dass er auf eigene Rechnung arbeitet, ist für den Herrn Finanzbeamten ja auch gut für die moralische Bilanz.

Eine ordentliche Schießerei rundet alles ab, aber vor allem knallt der Titelsong rein: Harter E-Gitarrenriff und funkiger Rocksound von keinem Geringeren als Billy Preston, der hat ja für die Stones und die Beatles georgelt und haut hier richtig drauf: „My advice to you is this: if you shoot at him, you better not miss!“

 

Wir hatten eine Seuche. Wir hatten das Finanzministerium auf Gangsterjagd. Es fehlt noch die globale Bedrohung und der Disput zwischen Wissenschaft, die weiß, was zu tun ist, und Politik, die grad so rumeiert. Es fehlt also „Ufos zerstören die Erde“!

Ein Titel, der Unfug ist, weil kein Wort von Ufos fällt, und Außerirdische gibt’s auch nicht, sondern den Planeten Gorath, der aus den Tiefen des Weltalls kommend Kurs auf die Erde genommen hat.

Zwei junge Frauen fahren im Auto ans Meer und wollen sich gerade ausziehen (und das ist so eine kleine Neckerei: Sie haben nämlich keine Badeanzüge dabei, Nacktbaden ist also angesagt!), aber da gucken sie in den Himmel: Denn eine Rakete steigt auf, darin von der einen den Papa, von der anderen der Verlobte. Die Mission ist ganz klar: Die Radialsphäre ist viel zu stark frequentiert! Oder so ähnlich, was Astrophysisches halt, auf jeden Fall muss man mal raus und nachsehen, sagt die Weltregierung.

Wir befinden uns, wenn ich die japanischen Zeitungsschlagzeileneinschübe richtig entziffert habe, irgendwann zwischen 1979 und 1981. Die UN regiert, die einzelnen Länder sind in einem föderalen System miteinander verbunden, die Ost- und Westblöcke sind überwunden. Das heißt aber nicht, dass die Borniertheit und der nationale Stolz keine Rolle mehr spielen! Japan bildet sich einiges darauf ein, dass die Rakete nach draußen der hiesigen Forschung zu verdanken ist, auf dem Weg ans Rand des Sonnensystems grüßen beim Saturn die amerikanischen und europäischen Raumstationen, doch was ist das! Gorath wird vom Computer berechnet, sein Kurs wird genau auf die Erde treffen – er ist zwar kleiner, aber 600 Mal mehr Masse! Oder Volumen, das wird im Film auch mal verwechselt, so wie Gorath mal Planet, mal Stern ist (von letzterem ist anzunehmen, dass „Fixstern“ gemeint ist); Astrophysik halt, da steigt man nicht immer durch als Filmemacher Schrägstrich Synchronregisseur.

Der heroische Untergang dieser ersten Rakete – mannhaft für das große Ganze! – erschüttert die Nation, vor allem aber die Wissenschaft, die mehr Daten braucht, und er stachelt die Brigade junger Astronauten auf, ein tolldreister Haufen verwegener Männer voll Abenteuerlust! Die Politik aber mauert, so viel Geld, und jetzt ist doch erst eine Rakete kaputtgegangen, und die Wissenschaftler mahnen, und dann wird aber quasi rumgemerkelt: „Politik ist das, was möglich ist“, und was möglich ist, bestimmt immer noch die Politik, und die Wissenschaft verzweifelt, kurz: Es ist ein Schauspiel wie zu Corona- und Klimakrisenzeiten 60 Jahre nach der Filmpremiere, schon wieder ein so visionäres Werk!

Die Rakete, die aussieht wie eine V2, nur nicht kariert, steht da, wird aber nicht abgefeuert, weil Gorath ist ja noch weit weg, aber die UN versammelt sich, die Weltregierung sagt: Doch, jetzt muss was getan werden, und mit Atomkraft soll der Planet weggesprengt oder vielleicht auch nur abgelenkt werden. Plan B gibt es auch, aber das verrate ich noch nicht.

In der Rakete ist der tolldreisteste Verwegene, ein junger Mann, der sich in die Frau vom Anfang verliebt hat, und da deren Verlobter ja im All geblieben ist, rechnet er sich Chancen aus. Eine Liebesgeschichte muss eben auch in einem Wissenschaftsfilm sein! Im All nähert sich die Crew Gorath, der junge Liebhaber steigt in eine Forschungsraumkapsel und kommt völlig derangiert wieder zurück, weil sein Gehirn vom Planeten Gorath gelöscht wurde, er jedenfalls derartige geistige Überwältigung nicht verarbeiten konnte. Man darf ihm nicht zu Nahe kommen. Sagt jemand „Solaris“?

Ein Weichei auf der Erde, dem keiner was zutraut, hatte aber zum Glück noch eine andere Idee: Man könnte ja die Erde vom Kurs abbringen. Die UN hat auch das beschlossen, und nach einigem Zögern stimmen die Länder der Erde zu, ihre Geheimnisse um Nuklearkraft, um Tritium und Deuterium nicht länger vor anderen zu verstecken, sondern für die gemeinsame Anstrengung zum Überleben des Planeten mitnand zu teilen. Auf der Antarktis werden in kürzester Zeit riesige Düsen gebaut, und hier wird klar, warum Regisseur Ishirô Honda der beste Mann für diesen Film ist: Wer „Godzilla“ kann, der kann auch diese Großbaustelle inszenieren! Es ist unglaublich schön, so liebevoll und detailliert, diese Modelllandschaft mit halbfertigen Gebäuden, riesigen Kränen, mit Schaufelbaggern, mit Transportbändern, mit Containern und kleinen Menschen, alles in Fitzelarbeit aufgebaut, und das nur, um es dann wieder zu zerstören, weil sich die Erde bewegt und vieles einstürzt!

Als alles doch fertig ist, und die Düsen gezündet werden, da passiert noch was. Plötzlich nämlich tut sich ein Riss auf, die Kommandozentrale ist im Eimer, und erstmal weiß keiner warum, nur wir Filmzuschauer sehen es: Da wurde offenbar ein riesiges Urzeitmonster aufgeweckt, eine Art Walrossungeheuer, das seinem Unmut freien Lauf lässt, wiewohl es noch etwas verschlafen wirkt!
Monster muss sein, daran haben wir bisher nicht gedacht!

Was uns dieser Film also lehrt, ist letztendlich optimistisch: Trotz größter Opfer, trotz unvorhersehbarer Ereignisse, trotz saumseliger Politiker kann die Menschheit zusammenwachsen, kann sich ihrer größten Bedrohung stellen, ob aus dem Weltall oder aus den Tiefen des antarktischen Eises. Aber es ist ein Kampf, ein Kampf gegen viele Widerstände, und am Ende ist doch noch nicht alles wieder an seinen Platz zurechtgerückt. Dass des Astronauten Gedächtnis wieder da ist, und seine Liebe zur Dame seines Herzens auch, ist aber ein Trost.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Januar 2020: "Mosquito – Der Schänder" und "Der Krieger und die Hexe"

18. Januar 2020: Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim:

"Mosquito – Der Schänder", Schweiz 1977, Regie: Marijan Vajda

"The Warrior and the Scorceress" / "Der Krieger und die Hexe", USA 1984, Regie: John C. Broderick


Die Schweizer! Dieses gemütliche Völkchen hinter den sieben Bergen, mit Schokolade und Alm-Öhi und brüderlicher Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden, und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr! Und natürlich diesen Film, der, man fasst es nicht, ohne Erwin C. Dietrich produziert wurde! Und dessen Titel "Mosquito – der Schänder" auch noch komplett wahr ist, obwohl er sich so reißerisch anhört wie tausend andere Filme: Die Hauptfigur nennt sich Mosquito. Und sie ist ein Schänder, von Frauen, besser: von Frauenleichen. Denn der Moskito steigt nachts ein in Beerdigungsinstitute, in Leichenschauhäuser, und dort sucht er sich eine aus, die da im Sarge liegt, und liebkost sie. Sticht auch mal mit dem Messer in ihre Brust, um ihr Blut zu sehen – rote Milch, die ihn nähren soll. Denn das ist sein Liebstes: Den roten Lebenssaft aus den toten Körpern zu trinken, und hui, wie das Blut fließt, als sei es noch frisch!

Jetzt: Wer hat's erfunden? Nein, nicht die Schweizer: Der Film geht ziemlich akkurat dem Fall des "Würgers von Nürnberg" nach: Kuno Hofmann hatte sich Anfang der 1970er bluttrinkenderweis' an weiblichen Leichen vergangen und später ein Liebespaar ermordet, um auch deren Blut zu saugen. "Mosquito" ist ein Film darüber, nur ganz leicht von der Wirklichkeit versetzt.

Die namenlose Hauptfigur ist taubstumm – und das macht den Film zum natürlichen Nachfolger, war doch in der vorherigen Grindhouse-Nacht die stumme "Ms. 45" zu sehen gewesen, als Opfer, das zum Täter wird; hier nun Werner Pochath in einer doch recht intensiven Darstellung des Täters, der stets auch Opfer ist. Ein Buchhalter, penibel und genau, er ist ja nicht abgelenkt vom üblichen, laut plappernden Bürogeplänkel seiner Kollegen und der Kollegin, er bekommt zu Filmbeginn eine Gehaltserhöhung, weil er mit den Tabellen der Prä-Excel-Zeit so gut umgehen kann. Zuhause dann sieht er die Nachbarin, die sich wie immer das Maul über ihre Mitmenschen zerreißt, das Nachbarsmädel – die wohl jung sein soll, vom Verhalten her vielleicht 13, 14, gespielt aber von einer Frau an die 30 –, und der Handwerker im Erdgeschoss prügelt seinen Sohn, keiner greift ein.

Rückgriff auf Mosquitos Kindheit. Der Vater prügelt ihn wegen einer Kleinigkeit, mit dem Gürtel in der engen Stube, halb kaputt liegt der Junge da, an der Tür dann die kleine Schwester: "Papa, Papa", er nimmt sie in den Arm, auf dem Sofa schmiegt sie sich an ihn, er schmiegt zurück, schmust, betatscht sie, und wie er ihr die Unterhose unterm Nachthemd auszieht, das sieht der Junge mit Angst, Ekel und vielleicht auch Lust… Das ist eine krasse Szene, und sie muss so krass sein: Sie ist der Schlüssel für Mosquitos Taten, für sein ganzes Erwachsenendasein. Psychologie, Psychologieeee!

Mosquitos Wohnung ist voll mit Puppen. Schön angeordnet im Regal. Die Nachbarin beschwert sich, weil seine Wohnung so dunkel ist, sie kann gar nicht richtig durchs Fenster reingucken. In das "junge" Nachbarsmädel ist er verliebt. Aus der Werkstatt des Handwerkers leiht er sich einen Hammer; und ein paar dicke Drähte. Aus denen formt er sich ein paar Dietrichs – wenn schon Erwin C. nicht dabei ist –, mit denen bricht er nächtens in Leichenhallen ein. Dazu läuft jazzig-psychedelische Orgelmusik, ja: Der Soundtrack des Films ist absolut bemerkenswert!

Was sich reißerisch anhört – Leichenschändung! Blutdurst! –, behandelt der Film als ein Porträt des Alltags: Er folgt schlicht dem Täter und ist damit anderen Filmen weit voraus; "Henry: Portrait of a Serial Killer" lief auch mal in der Grindhouse-Reihe… Marjan Vajda – den die Schweizer aus Kroatien importiert haben – beobachtet ganz ruhig die Untaten und kontrastiert die (psychische) Erlebniswelt des Mosquitos mit seinem gleichgültigen bis feindseligen gesellschaftlichen Umfeld: Ja, der Film ist tatsächlich Drama.

Aber auch Bahnhofskino. Blutrünstige Szenen mit den Leichen, ein brutaler Mord, zwischendurch fällt eine von Mosquitos Puppen vom Balkon und liegt zerstört auf dem Beton, grässlich anzusehen und ein Vorausblick auf das "junge" Mädchen, das irgendwann auf dem Dach tanzt und abstürzt – die Bestürzung darüber treibt Mosquito noch mehr an. Zwischendurch auch ein paar Sexszenen, weil Mosquito eine vom Strich aufließt, die dann sauer ist, weil er nichts mit ihr anfängt, später guckt er im Puff einer langen Lesbenszene zu, vernünftiges Sexleben hat er halt nicht. Dafür kauft er sich im Medizinerladen ein Glasröhrchen, das sich auf der einen Seite gabelt, damit sticht er in die Leichen ein, um noch besser Blutsaugen zu können – mit seinen Puppen hat er's zuhause geübt.

Mosqito ist einer der unauffälligen Menschen, einer der stillen Nachbarn, denen man "so etwas" nie zugetraut hätte.

Ruhig geht auch der zweite Film des Abends an: Felslandschaft, ein Mann in brauner Kutte, zwei Sonnen am Himmel. Ein paar kleine Gestalten lugen um die Steine. Das könnte ein Jediritter sein auf dem Weg in die Eremitage, beobachtet von ein paar Ewoks. Ist aber David Carradine, der Krieger, der in eine Stadt kommt, in der um einen Brunnen gestritten wird: Wir sind auf irgendeinem Planeten, und dort geht es mittelalterlich zu und gleichzeitig sci-fi-mäßig, und vor allem nackig. "Der Krieger und die Hexe" hört sich vom Titel her wie ein Disneyfilm an, sieht aus wie ein merkwürdiges "Star Wars"-Spinoff und ist in Wirklichkeit ein weiteres "Yojimbo"-Remake, in dem Regisseur John C. Broderick in eine an Leone angelegte Filmästhetik wieder den Kurosawa-Schwertkampf eingefügt hat, als Beitrag zum "Sword and Sorcerer"-Genre, das in den 80ern wieder mal aufkam: Mittelalter-Fantasy mit Kampf und Nackedeis.

Es geht um einen Brunnen, der liegt auf dem Dorfplatz, links und rechts die Herren, die das Dorf je zur Hälfte im Griff haben, der eine hat den Brunnen erobert, der andere hat Geld, es ist ein fragiles Gleichgewicht, dahinein platzt der Krieger Kain, der die beiden gegeneinander ausspielt… Wenn der Brunnen mal von der einen Seite erobert wird, kommen die gnomenhaften, in Säcken gehüllten Bewohner der Stadt aus ihren Höhlen gekrochen und holen Wasser, und am Brunnenrand tanzen nackte Damen im Tanga. Und der eine der Herrscher – der harte Zeg – hat eine Frau in seiner Gewalt, Naja heißt sie, die die ganze Zeit ziemlich nackig rumläuft, im Tanga, der auch mal die Farbe wechselt. Und irgendwie kennt Kain sie von früher, sie soll irgendeinen Zauber tun, es ist wurscht, Hauptsache ihre wohlgeformten Brüste sind schön im Bild.

Auf der anderen Seite des Dorfplatzes liegt Bal Caz in seinen Kissen, er ist fett und sieht aus wie der Kalif, hat aber die bösartige Seele von Isnogud. Und ein echsenartiges Maskottchen, das ist irgendwas Außerirdisches, so 'ne Art Schoßleguan, der aber zischend kommunizieren kann und ehrlich gesagt total lächerlich aussieht, wenn er aufrecht rumläuft. Auf dieser Seite der Macht gibt’s ne Menge nackter Damen, wohl so was wie ein Harem, aber nicht so prominent in Szene gesetzt wie unsere Busen-Naja. Eine vierbrüstige Dame macht mal 'nen Lapdance für Kain und will ihn mit einen Stachel, der aus ihrem Bauch rauskommt, töten.

Einen weisen Priester gibt's auch, der ist neutral, Clint Eastw David Carradine kommt bei ihm ab und zu unter, und irgendwann machen sie eine Klappe im Felsen (!) auf und verstecken sich dahinter und da ist der Zugang unter den Brunnen (!) und die Wasserversorgung kann gekappt werden, nach Bedarf. Einen Sklavenhändler gibt es auch, der hat auch viele schöne Frauen (nackt) dabei. Irgendwann wird dessen Gefolge vergiftet. Irgendwann fällt eine nackte Frau (ohne Tanga) in ein Aquarium, weil der böse Zeg sie töten will, und dort ertrinkt sie dann qualvoll, wir sehen das in ganzer Länge, Zeg will damit Kain beeindrucken. Zeg hat einen bösen Handlanger, der ist Kains Feind. Immer wieder mal wird gekämpft. Die nackte Naja und Kain heiraten am Ende nicht, weil Kain weiterziehen muss, nachdem die Bösewichter sich gegenseitig abgeschlachtet haben oder vom Sklavenhändler abgeschlachtet wurden oder dann am Schluss von Kain selbst.
Roger Corman steckt hinter dem Film, er hat ihn mit Argentinien coproduziert, weil er von dort so viele schöne nackte Frauen in den Film stecken konnte. Ein tolles Erlebnis.

Harald Mühlbeyer