"Tod den Lebenden" - ARD-Serie von Tom Lass

Tod den Lebenden

ARD 2023. Regie: Tom Lass.

Mit Odine Johne, Julius Feldmeier, Kristin Suckow, Lea van Acken, Jan Henrik Stahlberg, Jörg Schüttauf, Ursuala Werner u.v.a.m.

6 Folgen à ca. 30 Minuten.

Hier im Stream: https://www.ardmediathek.de/serie/tod-den-lebenden/staffel-1/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RvZC1kZW4tbGViZW5kZW4/1 (bis 15.10.2025)

 


Eine Auftragsarbeit ist dies, zugegeben, und dann auch noch eine, die der Regisseur selbst geordert hat – in sehr netten Mails hat mich Tom Lass auf seine ARD-Kurzserie „Tod den Lebenden“ aufmerksam gemacht. Ich lasse ja Serien immer schmählich liegen, einfach aus Zeitgründen, und ignoriere auch geflissentlich beispielsweise das „Fernsehen“-Segment beim Filmfest München, wo 2023 „Tod der Lebenden“ gezeigt wurde… Bin aber auch immer dabei, was Neues und vor allem Gutes zu sehen, wenn’s mir unterkommt!

Im Hotelzimmer ein paar verlorene Gestalten, eine weitere steht vor der Tür, die Sporttasche voller großkotziger halbautomatischer Gewehren, damit nimmt alles seinen Lauf: Das Ende ist der Beginn, oder besser: mit dem Anfang vom Finale beginnt Lass seine Serie, die aber alsbald ins ganz normale WG-Leben von Heidi, Becky und Juklas führt, in der alles ganz einvernehmlich und demokratisch geteilt wird; Liebe, Körper, nur nicht das Denken. Denn das ist Heidi vorbehalten, weil jeder freiwillig ihrer Meinung zu sein hat. Einfache Regeln, eigentlich, die ein gedeihliches Miteinander garantieren in der polyamourösen Führerinnengemeinschaft. Denn, und das ist eine der schönen Volten des Films, es gibt keine Revolte unter den dreien. Einfach, weil es für Becky und Juklas bequem ist, sich einzufinden.

Odine Johne spielt diese Heidi, die Anführerin, die sich nicht als Anführerin gibt, weil ja alles sehr achtsam vor sich gehen muss; Becky wird von Kristin Suckow gespielt, die ein bisschen den Eindruck macht, als wüsste sie, was eigentlich vorgeht in diesem Beziehungsgeflecht, aber das ist nur eine leise Ahnung im Zuschauer… – grade andersrum bei Julius Feldmeier als Juklas, der wahnsinnig doof rüberkommt, aber es vielleicht gerade deshalb doch nicht ist.


Dann kommt Akki (Lea van Acken) dazu, und sie durchschaut das Ganze – ist aber zugleich ganz kindlich, kleine Hundewelpen sind ihr ganzes Glück. Sie wird aufgenommen in die WG, in der sich alle liebhaben, denn Heidi hat Probleme, die nur eine Anführerin hat. Sie sollen rausfliegen aus der Wohnung! Und Akki hat Verbindungen – sie ist die Tochter des Vermieters, den Jan Hendrik Stahlberg auf ganz unnachahmliche Weise spielt. Einerseits als Profit-Kapitalist, andererseits als Vater; er weiß, dass er strikt streng sein muss, und er ahnt, dass er seine Tochter damit verliert – er ist eine ganz traurige Gestalt, und weil Stahlberg Stahlberg ist, ist das sehr lustig.

Stahlberg verkörpert so etwas wie eine Traditionslinie. Denn die Improvisationsmethode im modernen deutschen Film ist unmittelbar mit ihm verbunden, mit dem ersten „Muxmäuschenstill“ von 2004, aber vor allem schon vorher mit Franz Müllers „Kein Science Fiction“ von 2003, in dem er sich zusammen mit Arved Birnbaum durchs Paralleluniversum improvisiert: Sobald eine Tür hinter den beiden zuschlägt, sind sie für die Leute im anderen Raum vergessen… Improvisiert, das heißt: zusammen mit den Darstellern erfunden; und das ist ja das, was zehn Jahre später mit German Mumblecore so etwas wie eine neue Bewegung wurde, die richtig Schwung ins deutsche Kino brachte. Tom Lass war zusammen mit Bruder Jakob die eine Seite der Hauptprotagonisten dieser neuen Welle – Axel Ranisch auf der anderen Seite; und seither hat es viele weitere, natürlich auch weibliche, German Mumblecorers gegeben! Und das, was sich daraus entwickelte – nämlich eine neue Frische, eine Unmittelbarkeit, ein Bewusstsein, dass man einfach mal machen kann. Das Schöne ist, dass auch die ARD via Degeto bei sowas mitmacht; und dass Tom Lass sich mit seiner Methode hier austoben kann.

Lass ist Improvisationsleiter; seine Protagonist*innen sind als „Writer’s Room“ in den Credits gelistet. Man kann davon ausgehen, dass sie ihre Charaktere selbst gestaltet haben, und dass Lass vor allem die Aufgabe blieb, den Überblick zu behalten. Und zwar nicht nur darüber, dass kein Holterdipolter entsteht, sondern auch, dass die Serie ihre Stimmung(en) erhält. Denn das macht „Tod den Lebenden“ aus: dass bei diesen sechs knapp halbstündigen Episoden die Atmosphäre immer wieder umschlägt – nein, falsches Wort: „umschlagen“ würde ja Plötzlichkeit einer Wende suggerieren. Die Serie spielt mäandernd mit dem Publikum, Lass lädt es zunächst ein als Zaungast in dieser WG, in der alles geht, solange es nach Heidi geht, lässt dann geradezu soapoperaartige Storyschlangenlinien einfließen, um nachgerade ins Ultrabrutale zu münden…

Es ist ein Spiel mit der Atmosphäre, das nicht nur Lass und sein Film mit dem Zuschauer spielt, sondern das die Charaktere untereinander spielen, teils, ohne es zu wissen. Da kommt Micha mit rein, der neue Freund von Becky, der dann auch bei dieser Wir-teilen-alles-WG mitmachen darf, und für den Heidi dann doch eine Überraschung bereithält. Weil natürlich nichts geschehen darf, das nicht auf ihre Initiative hin geschieht. Oder: Heidi will natürlich Mutter werden! Aber nicht schwanger sein. Könnte nicht Becky… mit einer Eizelle von Heidi? Die Juklas befruchtet hat? Heidi findet ihren Plan super, und so gibt es eine weitere Keimzelle dafür, dass ihr Projekt Risse bekommt. Zumal irgendwann auch der Kampf gegen den Klimawandel ins Spiel kommt – wie so vieles hier aufgrund einer persönlichen Heidi-Befindlichkeit. Sie ist nämlich schon von Anfang an immer wieder unerklärlich zusammengebrochen; jetzt ist klar: die Lunge. Der Klimawandel. Und keiner tut was dagegen, dass Heidi todkrank ist!

Das Private wird politisch: Lass lässt den alten Slogan geschickt auflaufen, nämlich in sein komplexes System von Macht und Abhängigkeiten, von Manipulation und Ausnutzung, von achtsamer Sprache und oberflächlicher Behutsamkeit und von komplizierten Emotionen, die sich in verschiedene Richtungen immer wieder neu justieren. Jetzt geht es ums Ganze, um die Rettung der Welt, die direkt verknüpft ist mit der Rettung von Heidi (in einem kleinen Denk-Kurzschluss), und damit mit der Rettung dieser Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die sich erweitert, weil der Kampf um eine bessere Welt anziehend wirkt.

Jetzt haben wir also diese Situation: Heidi – Becky und Juklas – Akki – und weitere Aktivist*innen, die es geil finden, mal mit Schusswaffen zu hantieren für eine bessere Welt; der Vermieter, dessen Verbindung zu Akki immer mehr schwindet; Akki, die Oberwasser bekommt, als sie die Macht hat über den Verbleib in der Wohnung; der Polizeipräsident (Jörg Schüttauf in toller Gastrolle), der von der Heidi-Clique in seinem Büro belagert wird, weil er ja wohl den Klimawandel aufhalten kann!

Die Ideen sind in dieser ganzen Serie mitunter ausgesprochen doof, aber nicht aus Doofheit, sondern deshalb, weil in der ganzen Mannschaft jede*r für sich auf andere Weise irgendwie lebensuntüchtig ist. Weil Heidi & Co. das große Ganze herunterbrechen auf ihren Horizont, der ziemlich schmal ist – einfach deshalb, weil sie immer zusammen sind, und weil Heidi sich durchzusetzen weiß, und weil die anderen kaum aufmucken, und wenn doch, dann radikal komplementär, was nichts besser macht. Eine ganz eigentümliche Komik hat „Tod der Lebenden“, eine Komik, die direkt mit den Figuren zu tun hat, mit den Verhältnissen, in denen sie leben, mit dem Kontrast aus fürsorglichem Umgang und autoritärer Führung, aber auch mit der selbstgewählten Unterordnung, mit den kindlichen Spielereien, die sich im Zusammenleben ergeben, überhaupt mit dem Spielerischen, das von den Figuren so ernst genommen wird, aus dem sich der ganze Umgang miteinander und mit anderen ergibt: Man geht über Leichen, weil das Konzept von „Leiche“ gar nicht vorhanden ist im System Heidi; oder im System Akki; oder in den ganzen Subsystemen, die hier umeinander kreisen.

Weshalb das Finale des Films dann auch ein gewaltvolles ist, blutig und grausam und ganz und gar spielerisch.

Lass lässt auf diese Weise ganz subtil diese, ich sach mal, einfach gestrickten Menschen aufeinanderzulaufen, mit dieser ganz besonderen Komik, die sich nicht lustig macht über die Protagonist*innen; die nicht daraus entsteht, dass willentlich, von außen, alles ins Absurde, zumindest Ironische (des Schicksals) gezogen wird. Sondern die daraus entsteht, dass alle, so wie sie es vermögen, das Beste wollen, und dass dieses Beste für andere das Schlechteste bedeuten kann. Und dass dabei niemand in der erzählten Welt den Überblick behält, und dass Lass ganz souverän sich zurücknimmt (da sei der Impro-Charakter vor!), um sich nicht selbst als Übervater in dieses ganze Serienkonstrukts hineinzuschreiben. Spielerisch wurde es entwickelt, spielerisch haben die Protagonistinnen und Protagonisten ihre Charaktere erschaffen, und diese Charaktere sind es, aus denen der Witz entsteht. Ein Witz ohne Pointen, ein Charakter-Situationen-Witz, der auch ganz tragisch sein kann.

Es geht um das Spiel, und das Spiel entpuppt sich mehr und mehr als ein Spiel von kindlichen Gemütern, die mit dem Ernst des Lebens konfrontiert werden, mit diesem aber wenig anzufangen wissen. Außer irgendwann selbst ernst zu machen, aber auch das nur als Spiel. Dass dabei über diese Komik, die irgendwo zwischen den Charakteren, zwischen den Szenen entsteht, auch echte Emotionen ins Spiel kommen, die die ganzen Figuren füreinander und/oder für sich selbst vielleicht gar nicht fühlen können, die aber doch den Zuschauer packen, weil man all diese kleinen Egos, die versuchen, irgendwie miteinander irgendeine Utopie zu leben, lieb gewinnt: Das ist die Kunst dieser großen, kleinen Serie.

Irgendwann, die Krise ist schon ganz doll am Überkochen, stehen Heidi, Becky und Juklas auf einem Feld, die Sonne geht unter, es könnte romantisch sein. Und Heidi will, dass alles so bleibt, und welch eine Enttäuschung, dass die Sonne doch untergeht und keiner sie aufhält, obwohl Heidi sich das so sehr wünscht! Und irgendwann, die Krise ist noch immer am Überkochen, suchen sie sich ein Plätzchen am See – dort, nein dort, oder ein anderer See? Und da sitzen sie, und die Stimmung ist schlecht, und Heidi muss einsehen, dass sie vielleicht doch zu viel bestimmt hat. Nachdem Juklas sie sanft gedrängt hat, doch mal nachzudenken. Und irgendwann, die Krise ist schon final tödlich, findet Akki ihren Babyhund, und er ist tot.

 

Harald Mühlbeyer

 

Zum Thema "German Mumblecore" ein kleiner Verweis auf den Band "Ansichtssache - Zum aktuellen deutschen Film", herausgegeben von Bernd Zywietz und mir - Zywietz beschreibt und analysiert schon damals, 2012, das German Mumblecore-Phänomen, und hat damit ein Zeichen gesetzt!

https://www.schueren-verlag.de/programm/titel/ansichtssache-zum-aktuellen-deutschen-film.html

 

Grindhouse Nachlese Dezember 2024: Frauenhass und Hexenwahn

 Grindhouse Double Feature, 7. Dezember 2024, Cinema Quadrat, Mannheim:

„Totentanz der Hexen“ / „The Devonsville Terror“, USA 1983, Regie: Ulli Lommel

„Hexen bis aufs Blut gequält“, BRD 1970, Regie: Michael Armstrong, Adrian Hoven


Grindhouse-Filme können unendlich frauenfeindlich sein. Das ist bei dieser Filmsparte eigentlich nicht weiter schlimm, im Gegenteil: Die ausgestellte Feindlichkeit gegen Frauen (oder gegen andere: Schwule, Schwarze, Asiaten etc.) machen dieses Segment der Filmgeschichte erst richtig genießbar, nämlich auf Metaebene. „Solche Filme werden heute nicht mehr gemacht!“ Da ist was Wahres dran, aber nicht in einer quasi nostalgischen Bedeutung im Sinn von „Heute darf man nichts mehr“, Gott bewahre! Sondern als direkter Blick in eine vergangene Zeit, als sowas noch ungeniert und ungeschönt auf die Leinwand gebracht wurde. Man muss bedenken: Grindhousefilme setzten ja keine Agenda, sondern reagierten auf das, was in der Bevölkerung (männlich natürlich) im Schwange war. Denn Filme der Grindhouseklasse sind ja auf das Publikum (irgendein Publikum) angewiesen, sprich: sie sprechen dem Volk aus dem Herzen, und gerne mal aus dem Schritt.

Das heißt: dass solche Filme heute nicht mehr gemacht werden, bedeutet sicherlich, dass in der Filmproduktion sich etwas geändert hat: Es werden keine Filme mehr gemacht, die niedere feindselige Instinkte verstärken (zumindest nicht mehr in dieser Öffentlichkeit), und das ist auch gut so. Was sich vielleicht nicht wirklich geändert hat: Dass im (männlichen) Volk noch immer niedere feindselige Instinkte herumgeistern – nur, dass Filme darauf nicht mehr so direkt und so unanständig reagieren.

 

Wie wenig sich im männlichen Urwesen geändert hat, das zeigt „The Devonsville Terror“ von Ulli Lommel; der deutsche Titel schon: „Totentanz der Hexen“, das ist einer dieser reißerischen Reißer, der die Männer ins schmierige Kino locken soll… Und dabei ist genau dies die Haltung, die Lommel kritisiert, und das heftig! Denn so etwas wie „The Devonsville Terror“ hatten wir (meines Wissens) noch nicht in der Grindhouse-Reihe von Cinema Quadrat: Ein Film, der das misogyne Patriarchat als teuflisch darstellt.

Das Erschreckende ist, dass sich seit 1983, als der Film herauskam, eigentlich wenig geändert hat. Sie rotten sich jetzt ja wieder zusammen, die Männlichkeitsmänner, und spülen die Manosphere direkt an den US-Kabinettstisch!

Der Film beginnt im Jahr 1683, Frauen werden als Hexen angeklagt und brutal getötet, vom aufgeputschten Mob. Die Anklage: sie hätten nackt getanzt, sich den Dämonen hingegeben, der übliche Quatsch. Eigentlich gemeint: Sie waren so frei, freie Frauen zu sein. Eine wird den gierigen Wildschweinen vorgeworfen, eine wird auf ein großes Wagenrad gebunden, das angezündet und seinen Berg hinuntergerollt wird, bis sie komplett zerstört ist, eine andere wird verbrannt. 300 Jahre später ist wieder November, der Jahrestag der Mordtaten nähert sich, und die Männer im Dörfchen sind aufgeregt: Denn der Legende nach liegt seither ein Fluch auf ihnen. Die Hexe auf dem Scheiterhaufen hat, bei Blitzgetobe, die Täter und ihre Nachfahren verdammt…

Das finden die Herren an sich ja ganz aufregend. Und dann reist mit dem Bus eine junge Frau an, Jenny, die neue Lehrerin. Und der eine nimmt sie gleich in seinem Truck mit ins Dörfchen, und der andere spricht sie gleich im Ortsladen an, und dessen Besitzer, Walter, ist ganz entzückt, dass er ihr Kräutertee besorgen darf. Dass Jenny mit ihnen redet: Das nehmen die Männer als Beweis, dass sie mit ihr machen können, was sie wollen; sie war schließlich freundlich, warum soll das nicht so weitergehen?

Doch dann weist sie die Einladung zum Abendessen aus. Und Walter besucht sie abends, bringt ihr den Tee und labert sie voll, wie einsam er ist seit dem Tod seiner Frau, und was das mit einem Mann machen kann, und dann hat er die Geige seines Opas dabei und spielt ihr etwas vor, das Albioni-Adagio.

Und dieses Stück ist die perfekte Wahl für diesen Film, der diese Männergesellschaft mit diesen männlichen Illusionen darstellt. Was Lommel wahrscheinlich gar nicht wissen kann: Das weltberühmte Adagio verweist, via Albioni, zurück auf die Barockzeit, damit zurück auf die Hexeninquisition, die wir hier gesehen haben – und ist zugleich ein Fake, weil es gar nicht wirklich von Tomaso Albioni stammt, sondern weil mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit der Musikwissenschaftler Remo Giazotto es gefälscht hat. Ohne, dass Lommel darauf hinarbeitet, verweist er auch hier auf all die falschen Illusionen, denen das Patriarchat im Film und in der Welt anhängt…

Tags darauf, wieder im Laden, da entschuldigt sich Walter bei Jenny, dass er am Vortag so monologisiert hat, und sie ist freundlich und höflich, und das nimmt er wieder als Ermunterung, und er fragt, ob sie das nicht kennt, das man jemandem begegnet, dem man sich sofort für immer zugehörig fühlt. Wieder ist sie höflich und freundlich, und zugleich sehr geschickt, indem sie ausweicht: Das sei aber eine romantische Vorstellung, und er so: Sie sind vielleicht auch Romantikerin?, und sie wieder höflich und freundlich: Ja, vermutlich, und er, weiter angestachelt: Männer könnten über derartige Gefühle eben leichter reden als Frauen – ach, er ist jetzt total hoffnungsfroh, und sie, immer noch freundlich und höflich: Ja, das ist vielleicht so, aber ihre Gefühle, die seien eben „slightly different“. Es ist dies ein toller Dialog, der sich ganz tief in die Situationen seiner Protagonisten hineinversetzt, und so eine freundlich-höfliche Abfuhr!

Daraufhin träumt Walter, dass Jenny eine Hexe ist.

Und wir, als Zuschauer, wissen sowieso, dass er keine Hemmungen hat, egal wie dick und plump er daherkommt. Er hat seine Frau umgebracht, mit dem Kissen auf dem Gesicht, weil sie mit ihrem ständigen Stöhnen ihn gestört hat bei der Buchhaltungsabrechnung: Die Frau lag krank im Bett, warum also nicht die Luft abschnüren? Sie war nur eine Last!, weiß Walters Kumpel, das war schon richtig so!

Dass Jenny mit ihren Schulkindern bespricht, dass in anderen, früheren Kulturen Gott als eine Frau angesehen wurde, macht alles nicht besser. Dass Monica, Moderatorin beim örtlichen Radio, öffentlich im Rundfunk als Briefkastentante für Frauen fungiert, die bei ihr anrufen und von ihrem Alltag erzählen – der Mann, der abends immer mit den Kumpels weggeht und sie mit den Kindern allein lässt, der Mann, der der Frau nicht erlaubt zu arbeiten; und dass eine junge Ökologin die giftigen Rückstände im See misst, als ob die Leute im Dorf schuld seien, wenn sie die Natur kaputt machen – dies alles führt langsam, immer mehr zu einem klaren Beschluss der Männerrunde. Und es kommt erneut zur Inquisition, und es kommt zu Femiziden, die so schrecklich inszeniert sind, weil sie so wahrhaftig sind…!

Der Dorfarzt wird gespielt von Donald Pleasance (der gerade einen Lauf zu haben scheint, war ja schon im letzten Monat zu sehen!); sein Dr. Warley ist der direkte Nachfrage des Inquisitionsscharfrichters von vor 300 Jahren, und da er sich für die Geschichte des Dorfes, des Fluches, des Aberglaubens und der männlichen Gewalt interessiert, weiß er auch, was mit ihm los ist: Er wird innerlich von Würmern aufgefressen, das ist das Schicksal seiner Familie seit 1683, solange jedenfalls, bis jemand aufsteht gegen die Männergewalt, die sich fortsetzt wie die Pilzwurzeln, von denen Jenny im Schulunterricht spricht, die unter der Erde, ohne das Sonnenlicht zu brauchen, immer wieder Fruchtkörper entwickeln, die ihre feindseligen Sporen weiterverteilen…

Wir sehen, wie der Doc sich immer wieder Würmer aus seinen Armen zieht, das ist einerseits etwas sehr grindhousemäßig, andererseits eine tolle Metapher dafür, wie die Manosphere sich selbst innerlich zerfrisst. Ähnlich cheesy Effekte gibt es am Ende, bei den Femiziden, wenn Jenny Blitze aus ihren Augen schießen lässt, die aussehen wie Blitze aus 80er-Jahre-Filmen; naja, Ulli Lommel hat schließlich einen Genrefilm gedreht!

Aber einen Genrefilm, der den normalen Genregehalt umdreht. Lommel kommt aus dem Fassbinder-Universum, Rainer Werner hat ja immer den Puls an der Gesellschaft gehabt! In den USA ist er ins Genre-, B-Movie-, Direct-to-Video-Segment gekommen, und bei einem Film wie diesem ist das nicht weiter schlimm. Seine damalige Lebensgefährtin Suzanna Love spielt nicht nur die Jenny-Rolle, sondern hat auch am Drehbuch mitgearbeitet…

Die Genreelemente, vor allem gegen Ende, die sind dem Horrorpublikum geschuldet, auf das Lommel schielt. Aber die Aussage (ja, der Film hat eine Aussage, die er deutlich macht, aber nicht herausposaunt), die sich gegen die Männerwelt, gegen die Männergewalt richtet, die ist gegen das Genre gebürstet. Und gegen eine Welt, deren Männerbünde offenbar seit 1683, seit 1983, bis heute weiterwirken, im Internet, in Wirtschaft, in Politik und vor allem im Alltag.

 

Die Gewalttaten im „The Devonsville Terror“, sie sind nicht zur Ergötzung geschaffen – die B-Seite dieses Filmabends geht genau den anderen Weg: „Hexen bis aufs Blut gequält“ (Regie: Michael Armstrong, Produzent, künstlerischer Leiter und ungenannter Regisseur: Adrian Hoven) gibt sich den Anschein historischer Genauigkeit, nämlich die Wahrheit über die grausamen und schändlichen Hexenprozesse der bösen alten Zeit zu erzählen, und ergötzt sich in all den Qualen, die er zeigt. Wir steigen rein in die Folterkammern, wo die hübschen jungen Frauen halbnackt langgezogen werden, wo ihnen die Finger gebrochen werden, wo sie auf der Streckbank gequält werden, wo sich Männer nackt auf Nägel setzen müssen, wo gepeitscht und geschlagen wird, und wir sehen die Lust in den Gesichtern der Folterknechte (beispielsweise Herbert Fux), es ist die sadistische Lust, die auch im Zuschauer angeregt werden soll.

Der Film ist total bunt, und da säuselt immer die schöne Filmmusik – die von Schlagersänger Michael Holm stammt, zeitgenössisch mit „Mendocino“ in der Hitparade –, und wir haben sogar Romantik im Film. Vor allem aber haben wir den bösen Hexenjäger Albino, der seine Lust am Sadismus ebensowenig verhehlt wie die falschen Anklagen, die er gegen die jungen Frauen erhebt. Und wir haben den Großinquisitor Lord Cumberland, gespielt von Herbert Lom, der sich auch selbst synchronisiert! Cumberland gibt sich als harten, aber gerechten Mann, der das Hexenwesen im Innersten aufspüren kann, aufgrund seiner theologischen Erfahrung. Das macht der Film auch sehr geschickt: Beim Hexenprozess lässt Cumberland die erste (junge, hübsche) Angeklagte frei, weil der Advocatus an ihrem ganzen Körper nirgendwo das Teufelsmal hat finden können. Und dann schlägt Cumberland immer unverhohlener zu; eine Nonne ist angeklagt, weil sie ihren Embryo gekocht haben soll, so dass die Mutter Oberin einen Kropf bekommen hat. Ja klar, sie ist eine Hexe! Denn sie behauptet, sie sei vom Erzbischof vergewaltigt und geschwängert worden… Was nicht sein kann, das darf nicht sein. Ein junger Baron wird als Hexenmeister angeklagt, bei seinem Tod wird sein Besitz in die Hände der Kirche fallen – klar, er ist schuldig, wird schlimmstens gefoltert.

Die eigentliche Hauptfigur im Film, die spielt der junge Udo Kier. Er ist so ein schöner Mann! Ihm macht auch gleich die Kellnerin Vanessa schöne Augen, es entspinnt sich eine schmalzige Liebesgeschichte – vor allem aber ist Udo Kier Lehrling des Inquisitors, der ganz unbedingt an dessen gerechtes Wesen und an dessen gerechtes Wissen glaubt und der im Lauf des Films bitter enttäuscht wird.

Das alles ist aber nur die Zutat dafür, damit sich so etwas wie eine Handlung ergibt, und ein Alibi, derartige Szenen, in denen Gewalt und Lust sich vermählen, zu zeigen. Damit fügt sich der Film perfekt ein in den ganz normalen Fluss des Grindhouse-Kinos, das zu zeigen, was die Leute sehen wollen, und auch die heimlichen Sadisten zu bedienen, die halt jetzt sich ein paar schöne Stunden im Bahnhofskino machen wollen.

Vielleicht ja die, die ein paar Jährchen zuvor in den KZs Wache schieben mussten, war ja Befehlsnotstand? Ach, wir wollen nichts unterstellen!

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese November 2024: Geburtstags-Slasher und Kampfgigant

 Grindhouse Double Feature, 23. November 2024, Cinema Quadrat, Mannheim:

„Ab in die Ewigkeit“ / „Happy Birthday to Me“, Kanada 1981, R: J. Lee Thompson

 „Der Kampfgigant“ / „Double Target“, Italien 1987, R: Bruno Mattei

 

Zunächst eine Ergänzung zum September-Grindhouseknaller„Ninja: Champion on Fire“ – hier habe ich nach intensiver Recherche die Rätselfrage nach der Musik gelöst. Es ist tatsächlich „Tubular Bells“, und zwar ungefähr nach zwei Dritteln auf der zweiten Schallplattenseite. Die Frage bleibt, warum Google das nicht wusste. Da muss Mike Oldfield offenbar seine digitale Präsenz erhöhen.

 

Im November dann ist ebenfalls gewaltige Musik zu hören, aber woher die zusammengeklaubt ist, das kann ich nun auch nicht sagen. Vielleicht sogar originaler Soundtrack, immerhin wird Stefano Mainetti als Komponist geführt. Man weiß es nicht, auf jeden Fall ist die Musik ansprechend martialisch, denn es geht um eine Mission im Dschungel von Vietnam, die „Der Kampfgigant“ durchführt, weil er seinen Sohn sucht. Und weil ihn Donald Pleasance als Bürokratenarschlochsenator dazu anstiftet, in der nationalen Sache, dort die russisch-kommunistischen Terroristen auszuspähen. Dies tut der Kampfgigant ganz ordentlich, nämlich mit vielen (und immergleichen) Explosionen. Damals war Benzin noch billig, das einfach so in die Luft gejagt, mit einer Menge Granaten, die auf unschuldige Holzbaracken abgefeuert werden…

Es ist ein Heidenspaß, nicht umsonst ist der „Kampfgigant“ sowas wie ein Klassiker des Trashfilms. In der Hauptrolle Miles O’Keeffe als Bob Ross, und das ist schonmal einer der großen Gags, denn er ist alles andere als ein Hippie-Landschaftsmaler, vielmehr ein muskelgestärkter Typ, der erstmal mit nacktem Oberkörper in seinem Zimmer guckt und dann zum Kühlschrank geht. So wird er uns vorgestellt, dann wird er in der vietnamesischen Botschaft getriezt und von den Russen fast umgebracht, die erste Ballerei, die ersten Explosionen, ein amerikanischer Hubschrauber… Was sich aufregend und spannend anhört, ist tatsächlich über weite Strecken langweilig. Und weil es langweilig ist, ist es super, denn Langeweile gehört nun mal so gar nicht ins Konzept eines Actionknallers.

Ziemlich am Anfang seiner Mission besucht Bob Ross seinen Sohn in dessen vietnamesischen Dorf, den hat er noch nie gesehen, aber damals, im Krieg, mit einer Vietnamesin gezeugt. Der Sohn ist zwölf oder so, und der Vater steckt ihm ein Foto von sich selbst mit der Mama zu, Worte werden nicht gewechselt, aber für den Papa ist klar: Der Sohn liebt ihn, weil er ihn so sehr dringend rausholen will und in die USA und dort ist das Leben gut, und überhaupt, der Sohn ist sein Fetisch.

Was wir im Folgenden sehen, ist die lange Geschichte der Entführung dieses Sohnes, der gegen seinen Willen durch Quasi-Krieg mit russischen Soldaten und vietnamesischen Terroristen außer Landes gebracht werden soll, von einem Typen, den er nicht kennt, und den er hasst. Das Schöne ist, es geht gut aus, weil nach viel Tod und Leid und Explosionen sagt der Junge „Papa“, und er will „heim“ in die USA. In der Zwischenzeit ist beispielsweise der Kumpan vom Vater im Minenfeld verreckt (nicht, ohne ein paar böse Feinde mitzunehmen, indem er sich mit letzter Kraft mit einer Handgranate in der Hand auf eine der Minen wirft), es gab Kopfschüsse, eine Vize-Kumpanin wurde aufgetan, die ist ungefähr 30, soll aber wohl eine Teenagerin spielen (jedenfalls gibt es keine Erotik zwischen Bob und ihr). Ihr Vater ist einer von denen, die im Maschinengewehrkugelhagel starben, und das geht so: Schreien, Arme hochreißen, dann bersten viele kleine Löcher ins Wams, und das alles in Zeitlupe, also wirklich langsam, damit man’s genießen, sprich: damit man so richtig mittrauern kann, dass wieder einer sinnlos zu Tode gekommen ist.

Und „Bob Ross“ ist kein schlechter Heldenname, weil der Film aus seinen vielen happy little accidents das Allerbeste rausholt.

 

Was so ziemlich das Gegenteil ist vom ersten Film des Abends, dem Horror-Quasi-Slasher „Ab in die Ewigkeit“, der im Original den sehr viel schöneren Titel „Happy Birthday to Me“ trägt. Es hat sich wer gedacht: Klar, diese aktuellen Horrorfilme, die hängen ja alle an so’nem besonderen Tag, Halloween, Freitag der 13., Valentin und so… Geburtstag! Das ist es! Und man kann sich vorstellen, dass das so ein Möchtegern-Berufsjugendlicher war, der die Idee „klasse“ findet und dann so: Kinder, das ziehen wir durch!

Zieht aber nicht wirklich. Und zwar wegen seiner Widersprüche. Regisseur: J. Lee Thompson. Ein Veteran, und das ist das Problem: Thompson ist zu gut. Er weiß, wie er die Kamera setzen muss, wie er Atmosphäre gestaltet, aber ihm steht der große Feind „Handlung“ gegenüber, und dagegen kommt er nicht an.

Es geht um zehn Schülerinnen und Schüler, die dem „Top Ten“-Club der Schule angehören, also alles Klassenbeste. Die haben ihre Clique, das ist so ein bisschen wie bei Pepe Nietnagel, weil sie immer gerne Streiche spielen an der Schule, einfach deshalb, weil sie sichs leisten können von der schulischen Leistung her. Und von ihnen werden immer mehr Leute umgebracht. Durchaus einfallsreich: Einer wird von seiner Hantel beim Bodybuilding erdrückt, dem anderen den Schal in die laufende Kette seines Motocross-Motorrads gehängt. Virginia ist mittendrin, und mehr und mehr enthüllen sich ihre psychischen Dysfunktionalitäten. Die nämlich von einer experimentellen Behandlung herrühren: Die Gehirnzellen wurden per Stromstößen angeregt, um sich zu regenerieren und wieder zu wachsen, offenbar war zuvor ein schlimmer Unfall geschehen. Immer wieder blicken wir zurück auf diese OP-Tortur, und ihr Psychiater, den sie vertraulich „David“ nennt, der versucht nach Kräften zu helfen. Gespielt wird er von Glenn Ford, ja Mensch, ein waschechter Star!

Allerdings scheint er nicht wirklich bei der Sache zu sein, meistens guckt er nur und sagt irgendwas Belangloses. Auch er kann nicht verhindern, dass der Film immer mehr in Quatsch abdriftet, bis zu einer hanebüchenen Auflösung, die, ja was weiß ich wer sich sowas hat einfallen lassen!

Das Problem des Films: Wäre irgendein lustiger Quatschfilmer, Format Jess Franco oder schlimmer, auf dem Regiestuhl gesessen, dann wäre das alles nicht so gediegen, sprich: wirkungsvoll altmodisch, inszeniert worden, sondern als wilder Blödsinn mit dem Zeug zum Grindhouse-Klassiker. Weil die Handlung würde das locker hergeben. Aber Regisseur Thompson, Jahrgang 1914 und immerhin mit den „Kanonen von Navarone“ und dem ersten „Cape Fear“ im Filmografie-Gepäck, da scheint so ein Wille vorhanden gewesen zu sein, einen wirklich „guten“ Film zu machen. Und dass der Film das gar nicht hergeben kann, das macht ihn „schlecht“. Aber auf interessante Weise – nämlich ganz anders als die „schlechten“ Filme, die so „schlecht“ sind, dass sie schon wieder „gut“ sind, sondern als „guter“ Film, der so „schlecht“ ist, dass er schon wieder auf „schlechte“ Weise „gut“ ist. Zwiespältige Gefühle. Immerhin konnte einen der „Kampfgigant“ dann im Anschluss wieder auf grindhousige Gleis der Eindeutigkeit setzen.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2024: SM-Baba Jaga und Ninja-Italowestern

Grindhouse Double Feature, 21. September 2024, Cinema Quadrat Mannheim:

„Foltergarten der Sinnlichkeit 2“ / „Baba Yaga“, Italien/Frankreich 1973, R: Corrado Farina

 

„Ninja: Champion on Fire“ / „Ninja Avengers“ / „Ninja Operation 6: Champion on Fire“, Hongkong 1987, R: Joseph Lai


Eine wahrhaftige Hexe, vermutlich, vielleicht auch nur Einbildung/Obsession/Angst/Wunsch? „Baba Yaga“ ist einer der rätselhaftesten und gleichzeitig faszinierendsten Filme in der Grindhouse-Reihe, und dazu gehört auch der deutsche Titel „Foltergarten der Sinnlichkeit 2“, denn einen Foltergarten gibt es nicht, Sinnlichkeit zumindest in dem vom Titel angerissenen exploitativen Sinn auch nicht, und Teil 2 schon gar nicht. Weil „Foltergarten der Sinnlichkeit“ („Emanuelle e Françoise“ vom notorischen Joe D’Amato) erst 1975, also zwei Jahre später gedreht wurde! Was also dem deutschen Verleih durch den Kopf gegangen ist, ist komplettamente mysteriös, vor allem, weil die Stoßrichtung ja so klar ist: geiler Sexklopper, schreit uns der Filmtitel an, und nichts könnte ferner liegen.

Denn „Baba Yaga“ ist eigentlich eine Comicverfilmung, Valentina, die Hauptfigur, ist eine der Charaktere des Comic-Autors Guido Crepax, und der fand die Verfilmung auch ziemlich gelungen. Und der Regisseur Corrado Farina hat immerhin mit seinem vorherigen Film den Goldenen Leoparden gewonnen! Ist bei „Baba Yaga“ allerdings ziemlich im Clinch gelegen mit den Produzenten, hat danach mit dem Spielfilm aufgehört… schade eigentlich.

Er weiß nämlich sehr genau, wie er eine merkwürdige Atmosphäre zu schaffen hat, wie er mit dem Genres – Mystery, Grusel, Erotik, Giallo – zu spielen hat, und wie er zugleich von der Gegenwart, von den Rissen in der Gesellschaft erzählen kann. Und dabei auch noch spielerisch bleibt! Dass nackte Haut zu sehen ist, dass die Frauen in unergründlicher Erotik versinken, das ist nicht reißerisch dahingehauen, wie wir’s aus dieser Reihe gewohnt sind, sondern das hat Hand und Fuß, und die souveräne Machart, mit Vor- und Rück-Flashs, mit Fantasie- und Halluzinationsschnipseln, mit Fotoinserts, die Erinnerungen oder Ahnungen sein können, die hat ihre ganz eigene, ganz eigenwillige Qualität.

Der Vorspann, das sind Comic-Panels, und würde mich nicht wundern, wenn die aus’m originalen Valentina-Comic stammen. Dann unterhalten sich die Linksintellektuellen, es geht um Comics und Revolution, und um Fotografie und Film, um Kunst und darum, wie man über die Runden kommt. Weil sich alle irgendwo bewusst sind, dass sie Huren des Kommerzes sind, aber das reflektieren sie, und darüber reden sie, und das könnte fast sowas wie Woody Allen sein, nur halt avant la lettre, weil der damals seine dollen Comedies gedreht hat.

Valentina jedenfalls ist Fotografin, Mode, Werbung, aber sie hat Marx‘ „Das Kapital“ rumstehen – gespielt wird sie von Isabelle de Funès, Nichte des großen Louis, die hier aber eben nicht in dessen Tradition überkandidelte Hysterie, sondern wirklich schön zurückgezogen, aber zugleich aktiv zielstrebig – zumindest in den Bereichen ihres Lebens, die ihr vertraut sind… So will sie mit Arno (George Eastman – von den Produzenten aufgedrückt, abe
r nicht schlecht in seiner Rolle als Werberegisseur) erstmal nichts anfangen, und das macht sie ihm auch klar, als er ihr nachstellt.. Deshalb wandert sie durch die nächtlichen Straßen, und da ist der niedliche Hund, und sie streichelt ihn, und sie bedauert ihn wegen der Narbe an seiner Stirn, und dann werden die beiden beinahe umgefahren. Von einer Frau, die sich fortan in Valentinas Leben mischt, die sich reindrängt, die raumgreifend ihren Platz beansprucht, und Vals Aufmerksamkeit, und ihre Ergebenheit.

Untertöne von lesbischer Obsession, von Fetisch und Dominanz werden immer lauter, und sinnlich umstreicheln ihre Finger die Rolleiflex von Valentina, jaja, eine Kamera, die friert die Wirklichkeit ein, sagt sie (ein kleiner Reflex auf Godard, über den unsere Intellektuellen gerne diskutieren, und seine Wahrheit in 24 Bildern/Sekunde), jedenfalls: Valentina wird eingeladen, muss diese Frau, die sich als Baba Yaga vorstellt, besuchen, sie kann nicht anders, sie darf nicht anders. Ein altes, vollgestelltes Haus, mit allerlei Antiquitäten, Valentina tritt ein und weiß es nicht anders vor sich und Baba Yaga zu rechtfertigen, als dass sie hier ein paar Fotos machen sollte. Dabei ist Val gar nicht duckmäuserisch, keine graue Maus, nein, sie ist gut in ihrem Job, weiß das auch, wählt ihre Liebhaber und weist sie ab, geht ihren Weg, selbstsicher, selbstbewusst. Außer in diesem einen Bereich, wo Baba Yaga immer mehr von ihr beansprucht.

Dazu kommt: Wenn sie fotografiert, dass geht etwas kaputt. Die Filmkamera von Arno, beispielsweise, oder ihre Modelle, die schönen Frauen, die Val vor ihrer Linse hat, die brechen unerklärlich zusammen… Baba Yaga ist eben eine Hexe, eine böse, man kennt sie aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, böse, verführerisch, ihr ist nicht zu entkommen…

Zumal die Baba Yaga hier etwas hat, mit dem sie Valentina kontrollieren kann, sie schenkt ihr eine Puppe, in Lederkluft, bloßgelegtem Oberkörper, SM-like, es gilt kein Widerspruch, Val muss die Puppe nehmen. Und die guckt, und vielleicht manipuliert sie Wille und Gedanken, und vielleicht kann sie auch zustechen mit ihrer Haarnadel – im Dunklen (!) wurden Fotos gemacht, die das zeigen… Und dann steht sie wahrhaftig da, nicht nur Val sieht sie, auch Arno, der inzwischen doch ihr Liebhaber wurde, vielleicht aus Trotz gegen Baba Yaga? Irgendwann befindet sich Val komplett in den Fängen der Hexe, und sie wird ausgezogen und von der Puppe ausgepeitscht, Qual – und Lust? Und in dem Hexen-Haus, da ist ein tiefes, ein bodenloses Loch im Dielenboden, vielleicht das Portal zur Hölle?

Was Val glauben kann, was Wirklichkeit ist, was fließende und was eingefrorene Realität, was ihr tatsächlich widerfährt… Corrado Farina baut die Ambivalenzen aus, und zwar nicht als Gegensätze, sondern als würden sie sich ergänzen zu einer neuen, eigenen Wirklichkeit, einer inneren Realität, der wir ausgeliefert sind, in einer Welt, in der der Kulturkampf von Polizei und Kirche, von Hippies und Linken brodelt, basierend auf faschistischer Vergangenheit, in die Val immer wieder in ihren (Wach)Träumen zurückkehrt…

 

Gegensätze in eins gefügt – das passt sowieso zu diesem Abend mit seinen beiden ganz unterschiedlichen Filmen, und es passt insbesondere auch zu dem zweiten Film selbst, aber ganz anders als in „Baba Yaga“. Weil „Ninja Operation 6: Champion on Fire“ nämlich zwei Filme in einem ist, ganz nach Art des Hauses IDF, von Hongkong-Produzent Joseph Lai zusammengezwungen, koste es, was es wolle. Also: geldmäßig nix, sinnmäßig alles.

Man macht das so: Nimmt einen alten Klopper, dreht paar Szenen dazu, und schon hat man einen neuen Klopper. Weil es halt so ist: Die Zeitläufte machen vor Genre-Moden nicht halt, und Kung Fu ist längst out, Ninja ist in, die Videotheken suchen Stoff, und der Titel (einer von vielen) deutet ja schon an, dass hier eine längere Ninja-Filmreihe bedient wird, natürlich ohne Zusammenhang. So ist das eben: Wenn die Citroën-Ente nicht mehr gefragt ist, stülpt man eine VW-Käfer-Karosse drüber.

Da hat man also, vielleicht sogar rechtmäßig, ich will da gar keine Anschuldigungen erheben, einen Film auf Lager, der (vermutlich) im China der 30er spielt, während der japanischen Besatzung, und dabei einen auf Italowestern macht, inklusive Kungfu-Kämpfen. Dann nimmt man eine Kamera, dreht auf einem Hügel mit vier, fünf Darstellern eine Zusatzhandlung, und zack: man hat nicht nur einen Ninja-Film, sondern auch einen, der sich ganz doll in den Westen verkaufen lässt. Weil man ein paar Stars in petto hat, die gegeneinander antreten, und die haben keine Schlitzaugen! Richard Harrison gegen Stuart Smith. Letzterer tritt zu Beginn aus einer Hütte aufm Hügel und atmet tief durch, und man meint, aha, Ricola, aber er ist eigentlich total böse und erklärt uns, dass er fünf Jahre im Knast war, und zwei Hanseln kommen, und das ist der Rest seiner Bande, wie der Dialog schlüssig erklärt, weil die anderen bei den vielen Versuchen, den Boss zu befreien, draufgegangen sind (man muss es ja auch nicht übertreiben mit Schauspielermassen, ist auch billiger), und dann sagt der Boss: „Scheiße.“ Und wer hat ihn verraten? Antonio! Der ist oben in Nordchina zugange, hat was mit den Japanern am Laufen. „Was machen die Japaner in Nordchina?“, fragt der Boss, der ja fünf Jahre hinter Gittern nix mitgekriegt hat, „Die rauben und plündern, genau wie wir!“, und wir schalten um zu Antonio.

Und das ist nun der alte Film, nämlich genau gesagt: „Django - Im Reich der gelben Teufel“ aus dem Jahr 1974, den hamse genommen und zusammengeschnitten, aber wir bekommen eine ziemlich gute Ahnung, was da so los ist: Antonio nämlich streift in Mönchskutte und mit riesigem Holzkreuz aufm Buckel durch die Lande, genauer über Eisenbahnschienen, und da hören wir Django wirklich ganz laut trapsen! Nur eben: Kein Italowestern, sondern Eastern, mit Zugüberfall und Schießerei und Verrat und so, wir brauchen eine Weile, bis wir durchsteigen, wer gegen wen warum kämpft, die einen jedenfalls haben Säbel, das sind die Japaner, und der andere, das ist Dragon, ein toller Kämpfer, der sich Antonio anschließt. Warum, wissen wir nicht, und Antonio trickst ihn auch immer wieder aus, dann ist er allein unterwegs, und in der nächsten Szene sind sie wieder zusammen!

Es ist ja so: Der alte Film, also der, den sie hier ninjamäßig aufgehübscht haben, der hält sich natürlich auch nicht mit Logik auf, man kann das mit Sicherheit annehmen, selbst wenn man ein gewisses Rausschneiden und Ummontieren miteinberechnet. Vielmehr ist dieser originale Film ja nicht nur ein Italowestern im Martial Arts-Format, sondern vielmehr ein Derivat der Italowestern-Degeneration, wie sie Bud Spencer und Terrence Hill ziemlich gut hingekriegt haben und wie sie dann viele nachzuahmen versucht haben. Also: Paar Buddies unterwegs, und sie hauen sich, und klopfen nicht nur auf Köppe, sondern auch Sprüche. Antonio ist der Plapperer, der immer nach dem eigenen Vorteil schielt, Dragon ist der Ruhige, der stoisch voranschreitet.

Und zwischendurch immer wieder die neuen Szenen vom grünen Hügel – also: das sollen natürlich immer andere Schauplätze sein, ist aber alles am gleichen Ort gedreht. Apropos drehen: Wenn sich die Gegner gegenüberstehen, dass machen sie ne Pirouette, und schwupps, haben sie Ninjakleidung an! Richard Harrison als Master Gordon in weiß und gold, die Gegner rot, und zackzackzack, sind die Bösewichter immer bald tot. Drei Kämpfe gibt es! Und damit wir zwischendurch und am Anfang nicht vergessen, mit wem wir es zu tun haben, hat Meister Gordon immer ein Stirnband um, auf dem groß NINJA steht!

Was ich erwähnen will, auch wenn es für empfindliche Gemüter ein Spoiler ist: Das Kreuz, das Antonio mit sich schleppt, mit dem er auch reitet, klettert und rennt, das ist eigentlich ein Hohlkreuz, und darin versteckt hat er ein Maschinengewehr. Mit dem ballert er am Ende, wenn es nun wirklich gegen die bösen Japsen geht, alle nieder, während Dragon schön rumkungfut. Und auf dem grünen Hügel ist auch alles gut, weil Master Gordon, der Harrison, der ist ja angeblich der Bruder von Antonio, und der hat Ringo, den Herrn Smith, am Ende besiegt, so dass von Ninja-Seite keine Gefahr mehr droht…

Was bleibt ist die Frage nach dieser Musik, die kenn ich irgendwoher, also nicht die paar Takte „Tubular Bells“, die immer wieder anklingen, oder auch mal Bach, sondern dieses mit Orchester gespielte Riff, das auch von ner Prog-Band stammen könnte, Alan Parson oder Ekseption oder was immer, das beim Ausklingen am Ende auch zu sowas wie den „Säbeltanz“ führen könnte, eine Musik also, die ganz ähnlich wie beim türkischen Quatsch-Actionreißer „Die Todeskralle aus Istanbul“ https://screenshot-online.blogspot.com/2022/04/grindhouse-nachlese-marz-2022-search.html mit voller Unwucht die Bilder überlagert, und ich hab das Gefühl, ich kenn die irgendwoher, und komm nicht drauf, und Google weiß auch nicht weiter…

Naja, nicht zuviele Gedanken verschwenden.

 

Harald Mühlbeyer

 

Ergänzung November 2024:

 Nach nach intensiver Recherche habe ich die Rätselfrage nach der Musik gelöst. Das gesuchte Stück tatsächlich „Tubular Bells“, und zwar ungefähr nach zwei Dritteln auf der zweiten Schallplattenseite. Die Frage bleibt, warum Google das nicht wusste. Da muss Mike Oldfield offenbar seine digitale Präsenz erhöhen.