Grindhouse-Nachlese März 2022: „Search and Destroy“ und „Lion Man“

Grindhouse Double Feature, 26. März 2022, Cinema Quadrat Mannheim:

 
„Der Mann, der aus dem Dschungel kam“ / „Search and Destroy“, USA 1979, Regie: William Fruet
 

„Lion Man“ / „Die Todeskralle aus Istanbul“ / „Kiliç Aslan“, Türkei 1975, Regie: Natuk Baytan

 

Wenn die Säbel rasseln, dann erklingt im Soundtrack Musik. Eingespielt wird dieses Musikstück häufig, nämlich immer, wenn im Film gekämpft wird, und das ist, nun ja, häufig der Fall. Eigentlich dauernd. Und es ist eine schöne Sache, dass die monatlichen Grindhouse-Kinogänger geradezu eine Gemeinschaft bilden, denn einer weiß dann am Ende, was hier gespielt wird: Es soll Aram Chatschaturjan sein, und zwar ein Ausschnitt aus seinem Ballett „Spartacus“, das zu den Bildern des Films „Lion Man“ nun wirklich ganz und gar überhaupt nicht passt. Dies ist auf mehrfache Weise bemerkenswert. Erstens ist Chatschaturjan Armene, und es handelt sich um einen türkischen Film. Was fast schon ein Frevel am türkischen Patriotismus wäre. Dann wird nicht naheliegenderweise Chatschaturjans Hit-Single „Säbeltanz“ genommen. Drittens stimmt es gar nicht, auch wenn das Adagio aus dem „Spartacus“-Ballett auf IMDB genannt wird. Zumindest stimmt’s nicht für die „Kampfmusik“, die ich hier meine, denn ein Adagio ist viel zu langsam. Was wir hier hören sind schmissige Streicher mit einschmeichelnder Melodei, geradezu Jahrmarktsmusik für eine Tanzaufführung aufbereitet. Ich bin inzwischen fast schon Chatschaturjan-Experte, so oft wie ich auf Youtube durch diverse „Spartacus“-Musiken geklickt habe, um dann nichts zu finden. Könnte Chatschaturjan sein, oder auch nicht – und in Wirklichkeit ist es egal, denn im Originalfilm, den wir auf Youtube finden (und der anders beginnt als die deutsche Fassung, nämlich nicht auf dem Schlachtfeld), da ist es sowieso wieder eine andere Musik, die da läuft – ist dies vielleicht das „Spartacus“-Ballett?

Es ist also hochkompliziert, weil die Musik so bemerkenswert ist, andererseits für mich als Nicht-Musikhistoriker nicht identifizierbar, drittens derselbe Film mit verschiedenen Schnittfassungen und unterschiedlichen Soundtracks aufwartet. Was machen wir nun daraus? Wir nehmen es als Symptom. Der deutsche Verleih macht mit dem Ton, was er will, so wie der ganze Film macht, was er will – im Übrigen nennt der Abspann lauter amerikanische Pseudonyme, damit wir gar nicht erst auf den Gedanken kommen könnten, es mit einem türkischen Film zu tun zu haben.

Es geht um Tyrannei und den Kampf dagegen, um Sadismen gegen Frauen und um ein Kind, das von Löwen aufgezogen wurde. Und das groß wird, und das als Erlöser gefeiert wird, ohne dass jemand wüsste, ob es diesen Löwenmann tatsächlich geben könnte oder ob er je auftauchen würde, und es geht ums Kämpfen und nicht zuletzt um geheimnisvolle Brüder, die völlig überraschenderweise erkennen, dass sie Brüder sind. Was vor allem deshalb überraschend ist, weil beide ein bestimmtes Muttermal an der Schulter haben, das einen Löwen und ein Schwert darstellt, was nichts anderes bedeutet, als dass der eine sich ca. drei Jahrzehnte seines Lebens nicht gewaschen hat, sonst hätte er das Muttermal ja irgendwann mal im Spiegel gesehen, oder im türkischen Bad hätte einer ihn drauf hingewiesen, oder Mama oder Papa hättens bei der Babypflege bemerkt. Egal.

Löwenmann ist Supermann und kämpft total, und der Bruder auch, und es gibt Verrat und tolle Kostüme, weil einige Darsteller mutmaßlich direkt vom Casting für die Spaßliederkapelle „Dschingis Khan“ ans Set gekommen sind. Gefilmt ist alles im „Wir filmen das!“-Modus, und das bedeutet auch, dass besonders gelungene Aufnahmen mehrmals hintereinander geschnitten werden, so dass es so aussieht, als würde Löwenmann ganz viele Leute bekämpfen, aber eigentlich ist es immer dasselbe. Er macht auch immer wieder die gleichen Moves, nämlich mit weit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Händen auf den Feind losspringen und ihn so zu Fall bringen. „Zu Fall bringen“ ist gleichbedeutend mit „töten“. Er kann auch einen Baum ausreißen und auf die Feinde schmeißen, die fallen dann um und sind tot.

Am Anfang verführt eine Prinzessin den König Solomon; die „Prinzessin“ ist ca. 40 Jahre alt, hat aber eine blondbezopfte Perücke auf und soll daher als Teenager gelten. Der König hinterlässt all seinen Söhnen besagtes Muttermal an der Schulter. Der Zwangsverlobte der Prinzessin heißt Antoine (!?!) und ist Solomons Todfeind. Deshalb killt er diesen auch. Dessen schwangere Frau flieht mit dem treuen Diener. Sie entbindet unter einem Viadukt und stirbt. Antoine und seine Mannen stürmen heran. Der Diener legt das Neugeborene ins Gebüsch und findet’s dann nicht wieder. Hier nun die tolle Stelle, als ein echtes Kind mit einem echten Löwenbaby spielt. Von da an sind die Wege des Films klar: Löwenkind wird Super-Löwenmann. Antoines Sohn – also: der Sohn von Solomon, aber das weiß keiner, weil keiner je dessen Schulter erblickt hat – wird zum Tyrannennachwuchs. Die Tochter des treuen Dieners wird Rebellin. Deren Freundin zur Verräterin. Die Ehefrau von Antoine sitzt jahrzehntelang im Gefängnis und spielt später eine alte Frau, die das Geheimnis um die Brüder lüftet. Es gibt auch viele Geheimgänge, wie in einem „Fünf Freunde“-Buch, nur dass bei Enid Blyton keine Säure über die Hände eines Mannes gegossen wird, der unter einem vergitterten Eingang zum Geheimschacht hängt. So kann der Löwenmann seine Hände nicht mehr gebrauchen. Also lässt er sich vom Dorfschmied stählerne künstliche Löwenklauen herstellen, und mit denen ist er im großen Endkampf noch unbesiegbarer. Dazu tönt Musik. Und wenn sie nicht von Chatschaturjan stammt, dann ist das mit dem türkischen Patriotismus auch kein Problem.

 

Wenn man allmonatlich Grindhouse-Filme anschaut, dann wächst eine kleine Grindhouse-Anschau-Gemeinschaft heran. Und wenn auch der eine möglicherweise mit dem „Spartacus“-Ballett einen falschen Tipp abgegeben hat, dann hat der andere sicherlich recht, wenn er meint: „‚FM’ – das ist doch so eine kanadische Rockband, oder?“ FM nämlich hat die Musik zu „Search and Destroy“ gemacht, und die ist wirklich gut und passend! Wobei es mehrere „FM“-Bands gibt – die hier gemeinte kann sehr gut Synthesizerklänge mit scharfen Gitarrentönen und prägnantem Schlagzeug verbinden. Man hat ja schon allerlei gehört, gerade wenn es um Synthies geht, die kleben ja oft genug den ganzen Film zu, Rick Wakeman macht das ja gerne. Hier aber haben wir tönezerfetzende Musik für einen nervenzerfetzenden Film – zumindest will er das sein und hat das Potential dazu: „Search and Destroy“ ist ein Krimithriller mit Vietnam-Heimkehrer-Background. Das war ja in den 70ern nicht ohne Grund immer wieder zu sehen, Stichwort „Taxi Driver“, Stichwort Paul Schrader, Stichwort „Rolling Thunder“ aka „Der Mann mit der Stahlkralle“. Angereichert übrigens nach der damaligen Kinomode um ein paar Martial Art-Kampfsequenzen, bei denen sich die Darsteller eifrig bemühen.

Es geht hier um eine Pioniereinheit von fünf Mann, die 1968 in ein Massaker gerieten, ein Hinterhalt der Vietkong, und zehn Jahre später tötet einer die Männer dieser Einheit nach und nach. Kip Moore ist der Held des Films, seine Freundin wird von Tisa Farrow gespielt, Schwester von Mia und Lucio Fulci-Veteranin. Sie hatte damals Kunst studiert, während er in Vietnam war, sie war für den Frieden marschiert. Er, nonchalant: „Ob für Frieden oder im Krieg, marschiert wird immer“.

Denn er und seine Kumpels fanden’s trotz allem ziemlich geil damals, im Dschungel, er erläutert das mal seiner Freundin: Damals waren sie jung, und sie konnten machen, was sie wollen, Leute killen, jede Frau haben, es war wie ein Rausch. Inzwischen kommt der Kater, denn einer dreht durch mit seiner Killer-Serie – es ist der Vietnamese der damaligen Spähereinheit, der Verbindungsmann, dessen Aufgabe es war, Vietkong aufzuspüren und von innen zu vernichten.

Ein paar Kriegsszenen gibt es, mitten im Film wird das Geheimnis enthüllt: Wir sehen den Killer, wie er im Jahr 1978 schießt, und bekommen eine Rückblende, wie er damals, 1968, einen GI in der Schlacht zurückgelassen hat, woraufhin ihn voll Wut die vier 1A-Amerikaner ebenfalls zurückgelassen haben – „missed in action“. Nun will er Rache.

Spätestens hier wissen wir, dass wir es mit einem ur-US-patriotischen Film zu tun haben. Mit Veteranen, die den Krieg damals als wichtige Station ihrer Mannwerdung betrachten, mit einem Krieg gegen Vietnamesen, der nachträglich gerechtfertigt wird, indem sich die Vietnamesen als fies und böse und mordlustig darstellen, egal ob Nord oder Süd. Das ist das große Problem des Films: Wie sehr er in Klischees badet, mit den Asiaten, die einfach nur böse sind und nebenbei auch überhaupt nicht schießen können (dabei war der Killer ja ein Ass im Krieg und hätte danach noch 10 Jahre üben können, aber jetzt hat er ein Sniper-Gewehr und trifft nicht auf 20 Meter!) Und mit den good clean Americans, die sich tapfer wehren, vor allem Kip, der locker mit der MP aus der Hand feuert, wie es sich gehört. Das Lustige daran ist, dass der Film in den USA spielen soll und dass auch mal das FBI im Gespräch ist, dass er aber offensichtlich in Kanada gedreht wurde, nämlich auf der Nordseite der Niagara-Fälle. Das ist ein spektakuläres Setting, stände nicht die reale Geografie der Behauptung entgegen, und wäre nicht eines der Wasserfall-Ausflugsboote, das die Protagonisten benutzen, kanadisch beflaggt.

Aber wurscht. Pluspunkt ist sicherlich: So sehr sich der Film in US-Filmklischees ergibt, so tief versenkt er sich auch in die US-Postwar-Psyche. Denn was er eigentlich zeigt ist die Rückkehr des Verdrängten, der deutsche Titel deutet es an: Der Mann, der aus dem Dschungel kam, das ist das Vietnam-Trauma, das jeder Amerikaner, vor allem die damaligen Kämpfer, jahrelang mit sich herumtragen. Und das irgendwann zuschlägt im Alltag. Und dem man sich dann mannhaft zu stellen hat.

Weitere Pluspunkte: Sehr spannende Szenen. Der Killer verfolgt mal eines seiner Opfer durch die Turbinenhalle des Niagara-Wasserkraftwerks, und zwischen den riesigen Maschinen kann man sich gut verstecken, und man kann gut suchen, und die Kamera kann gut umherschleichen, und die Musik kann gut Spannungsatmosphäre liefern. Oder: Der Killer auf dem Dach, unten – vor einem Frankenstein-Gruselkabinett-Tussaud-Wachsfiguren-Touristennepp – eine Menge von hunderten von Leuten, offensichtlich hat man den ganzen Ort Niagara Falls zusammengetrommelt. Und der Killer oben zielt und schießt, und Kip unten sieht ihn, und verfolgt ihn, und die Menge wogt hin und her… Dann verlieren sich die beiden im Stadtpark, und die Moose und Farne könnten auch der Dschungel sein, wo sich nun der Showdown abzeichnet.

Dritter Pluspunkt: George Kennedy als Sheriff, der die Ordnung hüten will und dabei genau weiß, dass er den Zweikampf zwischen Kip und Asiate nicht aufhalten kann, der müde ist von der alltäglichen Verbrechensroutine und der all die Mühen trotzdem auf sich nimmt. Der viel später den Polizeichef in der „Nackten Kanone“ spielen wird, dessen Untergebener in diesem Fall ebenfalls Frank heißt (wenn auch nicht Drebin) und der viele Jahre im Voraus schon ganz nonchalant den Begriff „Spezialeinheit“ ausspricht, als wär’s nichts.

  

Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese Februar 2022 – „Deranged“ und „Death Promise“

Grindhouse Double Feature: Zwei Überraschungsfilme am Samstag, 26. Februar 2022, Cinema Quadrat, Mannheim

  

„Besessen“ / „Deranged“ / „Deranged: Confessions of a Necrophile“ – USA 1974, Regie: Jeff Gillen, Alan Ormsby
 
„Slum Fighters“ / „Death Promise“ – USA 1977, Regie: Robert Warmflash

 

Grindhouse-Filme werden gerne als Eskapismus angesehen, als Ausflucht aus einer Welt hinein in (vorwiegend männlich konnotierte) Fantasien von Schlägereien und Nackedeis, primitive Ansprache niedriginstinktiver Reize mit dem unausgesprochenen Vertrag zwischen Filmproduktion und Kinobesuchern, dass dies, was hier zu sehen ist, grade mal Wegwerfware ist mit dem Zweck des momentanen Vergnügens und der Billigung, das Ganze nach anderthalb Stunden wieder zu vergessen, bis zum nächsten Mal.

Erst retrospektiv wird dann ein Schuh draus: Dass diese Filme zwar längst vergessen sind, aber dennoch vorhanden, und dass sie zur Wiederentdeckung verfügbar sind. Und vielleicht erst dann wird klar, dass in diesen Filmen Wahrheit steckt, Wirklichkeit. Oder zumindest: Dass die wirkliche Welt in diesen Filmen drinstecken kann. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die Filmemacher haben das beabsichtigt, oder es ist ihnen einfach so reingerutscht, das Reale.

 


In „Deranged“ geht es ganz klar darum, die „Wirklichkeit“ zu zeigen. Und das zunächst auf eine Weise, die im True-Crime-Genre gang und gäbe ist: Nämlich die Nacherzählung eines Verbrechens, so authentisch wie möglich. „Das Geschehen in diesem Film ist absolut wahr“, konstatiert der Vorspann, lediglich Namen und Schauplätze seien geändert worden. Denn es geht in diesem Film um die Morde und die Persönlichkeit des berüchtigten Ed Gein, hier Ezra Cobb genannt. Und wie immer beim True Crime hängt das Ergebnis irgendwo zwischen dokumentarischer Aufarbeitung und effektheischendem Sensationalismus – weil es natürlich darum geht, das Faszinosum von Verbrechen dem Zuschauer nahezubringen, ihn zu thrillen mit dem besonderen Kick des Re-Enactments (man guckt ja nicht „Aktenzeichen XY“, um Verbrechen aufzuklären, sondern damit man hautnah von ihnen erfährt und sich so richtig schön in den Fernsehsessel reingruseln kann!)

„Deranged“ ist klar ein Low Budget-Film, der offensichtlich eher über Grindhouse-Vertriebswege als über höherklassige Filmverleihschienen in die Kinos kommen würde – aber auf ganz erstaunliche Weise gelingt es den Filmemachern Jeff Gillen und Alan Ormsby, spannend, aber nicht im eigentlich zu erwartenden Maße reißerisch die Untaten von Ed Gein in ihren Film zu übertragen. Gein war in den 1950ern der Push im amerikanischen Bewusstsein, dass tatsächlich unter der Oberfläche der allgegenwärtigen Freundlichkeit was Schreckliches lauert. Storys über abnormale Mörder gab es immer, Jack the Ripper hat hier ebenso inspiriert wie der Vampir von Düsseldorf Peter Kürten (siehe Fritz Langs „M“) oder der Werwolf von Hannover Fritz Haarmann (siehe Götz George) oder der Vampir von Nürnberg Kuno Hofmann (siehe „Mosquito – Der Schänder“) – aber Ed Gein war derjenige, der in die US-Populärkultur hineinsickerte, denn in ihm ist das Grauslige aufs Schönste vereint mit den freudschen Ideen von Trieb-Psychosen und Sexualverdrängung. Nicht nur Morde, mindestens zwei, sondern vor allem auch das Leichenschänden hat sich in die Neugierde der Leute eingebohrt, dass Gein frisch Verstorbene ausgrub und Leichenteile sammelte und aus Hautstücken Kleidung und Gesichtsmasken anfertigte… dazu die extreme Mutterbindung… Weshalb bereits 1959, zwei Jahre nach der Aufdeckung von Geins Taten, Robert Bloch ihn literarisch verarbeitete in einem Roman namens „Psycho“… texanische Kettensägenmassaker und Killer, denen nur mit einem Dr. Hannibal Lecter beizukommen ist, folgten. Aber „Deranged“ macht sich die Mühe, nah am Objekt zu bleiben. Und der Film unterstreicht dies mit einer mutigen Entscheidung.

Denn als erstes tritt ein gediegener Herr mit dicker Hornbrille auf, der sich als Journalist vorstellt, der die schrecklichen Taten damals recherchiert habe und der uns fortan durch den Film führt. Er stellt uns Ezra Cobb vor, wie er Suppe für die Mama kocht. Die liegt im Sterben, der Sohn will es nicht wahrhaben – und bereits diese Szene überzeugt den Zuschauer davon, dass wir es nicht einfach mit einem sleazy Rip-off zu tun haben, sondern mit dem (gelungenen!) Versuch, diesem Charakter gerecht zu werden. Die Mutter weiß um den nahen Tod, der Sohn sitzt neben ihr, voll hilfloser Fürsorge verdrängt er diesen Gedanken, „iss etwas, die Suppe ist heiß und gut!“, er steckt ihr den Löffel zwischen die Lippe, sie schluckt und hustet, die grüne Erbsensuppe vermischt sich mit dem roten Blut aus ihrer Lunge, es ist ein unglaubliches Bild – und in seiner Emotionalität absolut wahr, ein Sohn, der unendlich liebt.

Und immer wieder schleicht sich der Reporter ins Bild, um zu kommentieren – etwa wenn Ezra seine verstorbene Mutter ein Jahr nach der Beerdigung aus dem Grab holt und im Bett drapiert, als wäre sie nie weggewesen: Dann schwenkt die Kamera auf unseren Master of Ceremonies, folgt ihm aus dem Raum, durch den Flur, und da haben wir wieder Ezra, ein geschickter Zeitsprung in ungeschnittener Kameraeinstellung. Was gleich mal die nächste Qualität des Films deutlich macht, der eben nicht nur mit einer sehr intensiven, dennoch subtilen darstellerischen Leistung aufwartet, sondern auch inszenatorisch auf hohem Niveau liegt.

Und der dabei dennoch hineingeht ins Volle; vor allem, wenn Ezra seinen Knacks abbekommen hat und Leichen ausbuddelt; da braucht er ein Auge, öffnet das Grab, öffnet den Sarg, und hat einen Esslöffel parat, um das Objekt seiner Begierde rauszuhebeln. Oder wenn er seine Leichen dann zuhause do-it-yourself-präpariert, beinahe liebevoll den Schädel aufsägt, das Gehirn sanft heraushebt… Tom Savini taucht in diesem Film erstmals mit einem Credit für Make-up-Effekte auf.

Ezra hat Freunde – seine Nachbarn kümmern sich um ihn, geradezu liebevoll, sie wissen um seine geistige Schwäche, aber er ist nett und freundlich, und sie bemühen sich, ihm zu helfen. Beispielsweise eine Frau für ihn zu finden. Sie wissen nicht, wie querverstört sein Verstand ist, wie ihm die Mutter auf dem Sterbebett, die Bibel in der Hand, noch eingebläut hat: „Der Sünde Lohn sind Syphilis, Tripper und Tod!“ Eine alte Freundin der Mutter sucht er auf, die ist, nunja, psychisch instabil und sexuell vollkommen irre, sie spricht mit ihrem verstorbenen Mann, in einer Séance „erlaubt“ er ihr, sich körperlich mit Ezra zu vereinigen, in ihm streiten die Gefühle von Begehren und Abscheu, sie verführt ihn, indem sie mit der Stimme des Verstorbenen spricht, sie liegen auf dem Bett, sie fühlt an ihm runter, „oh, there you are!“ – aber es ist die Pistole, die er zu seinem Schutz mitgebracht hat, und die er nun einsetzt. Wie hier zwei auf ganz verschiedene Weise Verrückte und ihre Sexualneurosen aufeinanderprallen, wie die Verdrängungen aufgebrochen werden, wie die generelle Unterdrückung des Erotischen durch eine bittere Sexualmoral zu den merkwürdigsten Entladungen führt, weil die Frau, die körperlich begehrt, hierfür ersteinmal das OK ihres verschiedenen Ehemannes einholen muss, wie Ezra hier möglicherweise erstmals fleischliches Begehren erfährt, wie er sich herauswindet aus kindlicher Latenzphase und zugleich die Übermutter ihn fesselt, in ihm Hass schürt – und wie dies alles in der Umkehrung eines klassischen Knallerspruches von Mae West sich entlädt: Er ist nicht glücklich, sie zu sehen, nein, es ist wirklich eine Pistole, und er benutzt sie: das ist eine ganz, ganz große Szene, die so viel erzählt darüber, wie Amerika in den 50ern – und auch später – funktioniert!

„Deranged“ ist eine Entdeckung; auch und gerade, weil der Film zwar behauptet, wirkliches Geschehen nachzubilden, dies aber gar nicht im Detail tut, sondern Ed Geins Geschichte fiktionalisiert, filmgemäß aufbereitet – aber sich auch nicht zu weit entfernt, um bloße Effekthascherei zu betreiben: Deshalb trifft er einen Kern der Wahrheit, den viele andere Filme verfehlen, gerade wenn sie sich weit mehr darum bemühen. Es gibt spannende Szenen, wenn Ezra auf der Pirsch ist, wenn ihm eine Frau gefällt und ihm dies so gar nicht gefällt und er sie deshalb ins Visier nimmt – und es gibt auf den darunterliegenden Schichten tiefe Einblicke in die amerikanische Volkspsyche. Nämlich nicht nur, weil der Film versucht, Ed Gein recht wahrhaftig auf die Spur zu kommen, sondern auch durch die Tatsache, dass dieser Film versucht, Gein einem Publikum zu präsentieren, das auf Sensation aus ist und dem diese oberflächliche Sensation verweigert wird. Der Balanceakt zwischen Publikumswirksamkeit, zwischen Befriedigung von Schaulust und von Nervenkitzel einerseits und andererseits einem Anspruch auf Authentizität ist dem Film stets eingeschrieben, und genau deshalb hält er sich perfekt in Balance: Weil er zwar nicht tatsächlich „wirkliches Geschehen“ abbildet, aber „Wahrhaftigkeit“ ausstrahlt in seinem Porträt eines soziopathischen Killers.

 

„Death Promise“ geht ganz anders mit der Wirklichkeit um. Er greift nämlich mitten in sie hinein, walkt sie in den Händen und schmeißt sie dann durch die Leinwand dem Zuschauer ins Gesicht. Also: Das ist zumindest der formulierte Anspruch des Films, denn es geht um Gentrifizierung. Es geht um die armen Mieter in den slumartigen Vierteln von New York, die von den großen Wohnungsvermietungsgesellschaften rausgeekelt werden, um mit dem nächsten Mieter mehr Geld einzunehmen. Eine Erzählstimme erläutert diese Umstände, unter denen die armen Leute hausen müssen, und der Film zeigt dann auch gleich, was abgeht: Da wird das Gas abgedreht und das Wasser und der Strom, und wenn die Mieter dann nicht gefügig werden, dann schicken die Kapitalistenbonzen Schlägertypen los, oder sie lassen eine Kiste voll Ratten im Hausflur frei. Wir sind also hineingeworfen in den realexistierenden Klassenkampf zwischen den kleinen Leuten und den reichen Großkapitalisten, es geht um Solidarität der Mieter und im Grunde um die Revolte gegen die Ausbeuter. Diesewelche sind geradezu karikaturesk gezeichnet rund um den Bösewicht Alden: ein Richter ebenso wie ein Italo- und ein Afroamerikaner und ein Jude – Prototypen des Gangstertums US-amerikanischen Typs, die für sich in Anspruch nehmen, den American Dream für sich gepachtet zu haben. „Law and order“, tönt der Richter: Es ist doch völlig verdreht, wenn das Gesetz sich auf die Seite von diesem Abschaum stellt und nicht den Reichen hilft!

New York war in den 70ern heftig gebeutelt von den hier dargestellten Klassengegensätzen. Das ist denn ja auch eine gute Grundlage für einen Film, und sicherlich Motivation für alle Beteiligten. Was sie draus gemacht haben? Eine Rache- und Prügelorgie reinsten Wassers!

Hauptfigur ist der energiereiche Charly, der kann Karate. Und er hat einen Vater, der hält die Moral der armen Mieter hoch. Und er hat einen Freund, der hilft Charly bei allem. Also beim Prügeln. Jetzt ist es so, dass der Papa von Alden bestochen werden soll, aber natürlich ablehnt, weil er anständig ist, und deshalb wird er umgebracht. Er hat vorher in weiser Voraussicht einen Brief geschrieben, wer sein Mörder ist, und den bei seinem Freund, einem Karatelehrer, hinterlegt, der ihn seinem Sohn weitergeben soll, wenn dieser bereit ist. Bereit ist Charly erst nach einem mehrmonatigen Kampftraining in Japan.

Prinzipiell ist ja klar, dass man eine Handlung haben muss, um ein sozialpolitisches Anliegen dem Publikum nahezubringen. Aber dass soviel Spaß dabei ist, das ist dann doch eher ungewollt. Denn „Japan“ besteht aus einem Garten mit weißblühender Hecke. Das soll wohl die Kirschblüten darstellen; ich bin botanisch nicht so bewandert, aber wenn da mal essbare Früchte rauskommen sollten, dann am ehesten Schlehen. Der Kampflehrgang besteht aus nicht gezeigten Kämpfen (und der Aufforderung des Gurus: Time for Dinner!) sowie aus Charlys Gedankenstimme, die bekundet, dass er den Papa rächen will. Und vor allem geht es ihm ganz stark um den Brief mit dem Namen des Mörders! Währenddessen in New York: Charlys Freund Speedy nutzt die Zeit, um die Vermietergangster zu beschatten. Woher er weiß, wen genau er verfolgen muss, ist nicht klar, zeigt aber vor allem, wie unwichtig der Brief eigentlich ist. Das muss auch Charly nach seiner Rückkehr erkennen, und alles ist gut! Weil wenn beide wissen, wer bekämpft werden muss, dann können ja beide gleich loslegen!

Man muss aber dringend die Qualitäten des Films darlegen. Die da mitspielen, die können scheint’s richtig kämpfen! Die Kampfszenen sehen gut aus, keine Frage, kraftvoll und gelenkig, 1A. Und: Die Macher hatten wirklich super Ideen, wie die Bösewichter um die Ecke gebracht werden sollen. Der Italomafiosityp beispielsweise ist Bogenschießfanatiker, und während er seinen Lakaien nach dessen Bogen in der Gartenhütte suchen lässt, tauchen unsere Gerechtigkeitskämpfer auf (der Garten vom Italotypen sieht übrigens verdächtig nach Japan aus). Als der Lakai mit Pfeil und Bogen zurückkehrt, ist der Alte nicht mehr da, also schießt er halt ein paar Mal auf die Zielscheibe und erkennt erst, als er die blutverschmierten Pfeile rauszieht, dass er seinen Boss erschossen hat, der gefesselt hinter der Zielscheibe drapiert wurde. Wunderbar, hochoriginell!

Der korrupte Richter hat sich eine kleine Privatarmee zusammengestellt, und außerdem ein paar Polizisten angeheuert, die ihn bewachen. Da hilft ein „old Japanese assassin trick“, den wir hier in Echtzeit verfolgen können: Speedy hält die Bodyguards auf, und Charly klettert aufs Dach. Durch das Oberfenster der Tür, hinter der der Judge schnarcht, schiebt er einen Bambusstab – die Polizisten, die die Tür bewachen, merken nix. Den Stab hält er in der Luft, lässt daran einen Faden herunterbaumeln, träufelt Gift drauf, das dem Richter in den Mund tropft. Perfekt ausgeführt! Also: Perfekt von Charly. Von Regisseur Robert Warmflash jetzt nicht so. Weil hier nämlich wieder das Lustige durchschlägt: Gedreht wurde offenbar ohne ausgearbeitetes Drehbuch, so dass die Darsteller (meist sowieso Pflaumen) nicht wissen, welche Dialoge sie jetzt eigentlich aufsagen müssen. Regieanweisung offenbar: Unterhaltet euch! Weshalb sich die Polizistendarsteller pflichtschuldig miteinander unterhalten. Doof nur, dass ihnen nichts einfällt. Und so hört man über die gesamte, minutenlange Szene ihr unbedarftes Plappern, das aus ca. drei Sätzen besteht: Der Richter ist ein „good guy“ – da hinten ist was los, aber wir bleiben hier – wir passen gut auf den Judge auf. Und das dauernd. Weil: Was soll man auch sonst sagen, wenn man die Anweisung hat, solange zu reden, bis über einem der Rächer seinen Plan ausgeführt hat, und man darf das nicht bemerken, sondern soll sich halt unterhalten!

Es scheint so, offenbar ein paar Kumpels sich gedacht haben, mensch, machen wir nen Film, mit Action und Schlägern! Und das haben sie gemacht. Denn Kampfkunst können sie, der Rest wird sich finden. Das ermöglicht nun wiederum einen ganz eigenen Blick auf die Wirklichkeit: Denn die Wirklichkeit, die gezeigt werden soll, die Mieterverarsche durch das Große Geld, die ist leicht als Vorwand zu durchschauen für Rumkloppen; und so drängt sich eine Wirklichkeit in den Film, die die Macher nicht beabsichtigt haben, nämlich die Wirklichkeit hinter den Kulissen dieses Filmdrehs: Filmische Dilettanten am Werk, die aber immerhin Kämpfe performen können. Was auf der anderen Seite bedeutet, dass alles, was zwischen den Kämpfen passiert, total langweilig ist. So langweilig, dass es schon wieder hochinteressant ist: Wieso ist das langweilig? Wie wird diese Langeweile gestaltet? Warum ist das Langweilige interessant? Wann endet die Langeweile, und in welcher Form kehrt sie wieder? Film sei „life without the boring parts“, hat Alfred Hitchcock (und sicher noch ein paar andere) erklärt, und hier sehen wir die „boring parts“ darauf warten, dass was passiert, und dann passiert was, und dann kommen sie wieder.

Das hat einen eigentümlichen Rhythmus, es ist der Rhythmus des Performance-Films: So ähnlich ist es ja auch beim Musical, das auf musikalische Nummern zugeschnitten ist, mit ein bisschen Handlung zwischendrin. Oder bei der Komiker-Comedy, bei den Komödien, die um bestimmte komische Persönlichkeiten gestrickt und darauf ausgerichtet sind, dass diese ihre Nummern geben – die Marx Brothers-Filme der 30er Jahre sind niedriger Filmstandard, sobald die Brüder nicht mehr zu sehen sind; Heinz Erhardt-Filme sind billiges „Papas Kino“-Spießertum, wenn Erhardt nicht grade mit seiner schusselig-schelmischen Art Kalauer von sich gibt. Performance-Film, dazu gehört übrigens auch der Pornofilm (in seiner Spielfilmausführung), und eben das Kampfkunst-Kino, das erstmal dazu dient, Choreografien zu zeigen.

Kampfchoreografien: Da findet „Death Promise“ zu sich, und das Gute ist, dass die Kämpfe sich steigern im Lauf des Films, bis hin zu einem unglaublichen Exzess in Aldens Konferenzraum, wo dessen Handlanger auf die zwei Kämpfer losgehen und einfach mal archaisch brüllen. So richtig brüllen, ein Urbrüllen aus Urzeiten, Kampflust und Angstmachen und Lungefreimachen und schlichte Freude an der Lautstärke vermischen sich da zu vormenschlichen Lauten, wie es wohl in der Filmgeschichte nie wieder vorkommt.

Danach kommt als Höhepunkt des Films die große Auflösung, wer nun wirklich hinter dem Vermietersyndikat steckt, und was uns als Überraschung präsentiert wird, hat der Film in seinem Dilettantismus schon gleich zu Anfang preisgegeben, als nämlich dieser Oberbösewicht, standesgemäß mit oberbösewichtiger Katze auf dem Schoß, im Halbschatten da sitzt und ganz klar erkennbar ist, was vor allem bedeutet, dass die Filmemacher sich ihren eigenen Film nie richtig angesehen haben.

 

Harald Mühlbeyer

 

Grindhouse-Nachlese Januar 2022: „Die Brut des Bösen“ und „Der Clan der Killer“

Grindhouse Double Feature: Zwei Überraschungsfilme am Samstag, 29. Januar 2022, Cinema Quadrat Mannheim

  

„Die Brut des Bösen“, DEU 1979, Regie: Christian Anders, Antonio Tarruella

 

„Der Clan der Killer“ / „Ricco“, ITA/ESP 1973, Regie: Tulio Demicheli


Christian Anders: Das ist der mit dem „Zug ins Nirgendwo“, ein blonder Schlagerbarde, der unterm blonden Haarschopf super aussieht und mit intensivem Blick Mädchenherzen schmelzen lässt. Und der ganz tiefsinnige Texte singt von Liebe und Einsamkeit und Verlassenwerten und Reue. Aber das, was Anders Ende der 1960er als Laufbahn in der DT Heck-Hitparade aufgebaut hat, ist nur Fassade. Eigentlich und in Wirklichkeit geht es ihm nicht um persönlichen Ruhm, das muss man ihm glauben, sondern um die allumfassende Liebe unter den Menschen – so ähnlich drückt er es in seinem Filmregiedebüt „Die Brut des Bösen“ aus, und er prügelt diese Liebe in seine Gegner rein, aber kräftig!

Denn C. Anders ist zudem Martial Arts-Meister mit Schwarzem Karategürtel, und in „Die Brut des Bösen“ plaudert er aus der Schule, aus der Kampfschule nämlich: In Madrid lehrt er die Kunst des waffenlosen Kampfes, und er betont total, dass man keinen einfach so angreifen und umhauen darf, sondern ihm mit Liebe und Respekt begegnen muss. Die innere Stärke ist die äußere Stärke, und nur zur Verteidigung und so weiter.

Es kann als gesichert gelten, dass Christian Anders dies alles glaubt, es ist aber so, dass der Film ganz anderes zeigt. Da kommen drei Neue in die Karateschule, und deren supercooler Oberdroog dröhnt herum, ob denn Karate wirklich besser sei als seine Kampftechnik, nämlich einfach Kicken und Treten. „Na, greif mich an“, lockt Anders, denn nur wer ihn mit Schlägen trifft, darf als Schüler aufgenommen werden (zwinkerzwinker), und Anders kloppt den Kerl brutal zusammen, vor seinen Schülern und dessen Kumpels. Ja, Frank Mertens – so heißt die Christian Anders-Figur im Film – ist hier ganz schön fies und gefällt sich darin, den anderen auflaufen zu lassen. Soviel zur allumfassenden Liebe, die halt über einen kleinen Gag doch nicht erhaben ist. Man muss mit so ’nem Film die Leute ja auch unterhalten!

Die Geschichte ist einfach. Da gibt es nämlich einen Gangster, der heißt Van Bullock, und der will eine Karateschule in Madrid eröffnen. Und dann merkt er, dass auf der anderen Straßenseite schon die Karateschule von Frank Mertens steht, und also muss Van Bullock den Frank Mertens fertigmachen. Mit seinen Schlägertypen versucht er es, die haben aber keine Chance, mit Geld versucht er es, aber Mertens ist Idealist. Dann versucht er’s mit den Waffen einer Frau, nämlich mit seiner Sekretärin Cora (gespielt von Dunja Rajter, Schlagerkollegin von Anders), die verführt Mertens und schiebt ihm einen Beutel Heroin unter, und Mertens gerät in eine Polizeirazzia und ins Gefängnis, und dann merkt er, dass der Van Bullock Jahre zuvor seinen japanischen Karatemeister hatte ermorden lassen und er sinnt auf Rache, und alles könnte gut sein, Dutzendware wie in jedem Martial Arts-Film, nur eben diesmal eine deutsche Produktion, die in Spanien spielt, und keine Hongkong- oder Japan-Kungfu-Schwert-Karate-Haudraufaction.

Könnte also ein Film von vielen sein, doch Christian Anders macht vieles anders. Und zwar anders, als er selbst denkt. Nicht nur die Inkonsequenz, wenn es um die Werte von Liebe und Frieden geht, die genau dann nicht mehr gelten, wenn Frank Mertens zuschlägt (und der Kampf auf dem Friedhof gegen Van Bullocks Schergen ist wirklich ganz gut).

Da ist zum Beispiel der Immobilienmakler, bei dem Van Bullock das Haus für seine Karateschule kaufen will, und der ist Jude; so ein Jude wie er im Buche der Klischees steht, mit Jiddisch-Akzent und Feilschen und Geldhabenwollen; wie kann man das tun, in einem deutschen Film? Gut, es ist alles deutsch synchronisiert, der Schauspieler ist Spanier und hat das möglicherweise nicht so im Sinn gehabt, aber Anders als Regisseur (und Mit-Investor) hat das sicherlich so gewollt. Warum?

Da fährt ein goldener Rolls Royce vor, in Madrid mit Münchner Kennzeichen (ja, äh. genau???), es steigt ein Schrank von einem Mann aus, öffnet den hinteren Schlag, rollt einen roten Teppich aus in Richtung Gehsteig, und Van Bullock steigt majestätisch aus – er ist kleinwüchsig. Das ist OK, bei James Bond gibt es auch kleinwüchsige Bösewichter, warum auch nicht. Ein Passant aber läuft vorbei und murmelt verächtlich: „Was ist das für’n Wurzelzwerg?“; und Mertens wird später seinen Gegenspieler auch mal als „Gnom“ betiteln; das ist wohl lustig gemeint und sagt eben auch viel darüber, wie Anders keineswegs nachdenkt bei seinem Film.

Als Zwischenspiel sehen wir Christian Anders einmal, völlig der Handlung enthoben, beim Muskeltraining. Also, es soll wohl Muskeltraining sein, ist aber eigentlich Posieren für die Kamera. Er zeigt seinen Oberkörper, was für ein Oberkörper, und hält diese Bodybuildingprahlerei für total männlich, weil Mertens nun mal der Held der Geschichte ist. Aber dann lässt Anders seine Bauchmuskeln von links nach rechts rollen, Bauchtanz ist nichts dagegen, und nach dem nächsten Schnitt steht er da in Lederunterhose (!), an die er Expander hängt, und er (also Regisseur Anders) merkt nicht wie er ihn (also Darsteller Anders) hier als schwule SM-Ikone präsentiert. Zum Abschluss dieser eigentlich sehr peinlichen Sequenz liegt Anders, immer noch in der Leder-Bux, auf dem Boden und schnalzt sich hoch wie ein halbtoter Fisch. Es sieht furchtbar lustig aus.

Christian Anders, wie Christian Anders ihn inszeniert, ist sehr lächerlich, und keiner von beiden merkt es. Im Film lächerlich soll der Zwerg sein, Van Bullock, der im Grunde ein trotziges Kleinkind ist, das alles sofort haben will und wütend wird wenn nicht. Aber was wir sehen ist ein bedauerlicher Behinderter, der mehr noch seine psychische als seine physische Zukurzgekommenheit kompensiert mit narzisstischer Machtfülle – er kann nichts dafür, dass er ein Psychopath ist. Seine geliebte Cora sticht er ab, als er mitkriegt, dass die sich nach ihrer Auftragsnacht mit Mertens in diesen verknallt hat; seinen Handlangerschrank Komo braucht er, liebt ihn vielleicht, haut an ihm trotzdem seinen Spazierstock kaputt. (Gespielt wird Van Bullock übrigens von Roy Deep, den wir alle kennen in vielfacher Ausfertigung, weil er alle Oompa Loompas spielt in Tim Burtons „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Leibwächter Komo wiederum hat dieselbe Synchronstimme wie Bud Spencer, und sein Kampfstil Marke FaustaufdenKopp ähnelt diesem ebenfalls.)

Am Ende wird Van Bullock von Frank Mertens in einen Bach geschmissen, Komo wird im Anschluss getötet, indem sich Mertens auf dessen Rücken setzt und die Beine hochzieht, das soll vielleicht sowas wie den Bruch des Rückgrates symbolisieren, was weiß ich. Auf jeden Fall singt Thomas Anders im Titelsong dann von dem fruchtlosen Pfad namens Rache, ein letzter Beweis dafür, dass der Film nichts von sich selbst weiß: „It’s a dead end! The road to revenge. Just a dead end! Don’t make any sense.“

 

Nicht mehr als er ist will der zweite Film des Abends sein, damit hat er einiges gegenüber der „Brut des Bösen“ voraus: „Der Clan der Killer“ ist eine italienisch-spanische Koproduktion, spielt in Turin, es geht um die Mafia. Es geht um Ricco, der dem Film seinen Originaltitel gab: Er wird gespielt von Christopher Mitchum, Sohn des großen Robert (und Bruder von Jim, den wir in „Blackout“ bewundern konnten). Er sieht ein bisschen wie Robert Mitchum aus, hat aber auch einiges von der unbeeindruckbaren Ennui David Hemmings’ in „Blow Up“, so um die Augen rum. Und ähnlich wie dieser geht Ricco mit mutwilliger Unwilligkeit durchs Leben – gerade ist er aus dem Knast gekommen, saß zwei Jahre, und schon wieder wird von ihm erwartet, seinen Vater zu rächen. Dieser Vater wiederum hat die Synchronstimme von Robert Mitchum, Familie ist nicht einfach.

Riccos Vater jedenfalls war der Mafiaboss, der ermordet wurde mutmaßlich von Don Vito, der ihm dann nachfolgte. Ricco hat keine Lust, sich da einzumischen, er hat genug von Blutrache und will lieber der Schwester und dem Schwager helfen beim Aufbau eines Motels; die beiden haben eine Tankstelle, sind aber die meiste Zeit im Bett zugange: „Wenn du bumsen willst, vergisst du die Ölkrise!“ Ricco gerät trotzdem rein in den Strudel, einmal, weil ein alter Kumpel von Papa ihn drängt, vor allem aber, weil seine Geliebte Rosa jetzt die Geliebte vom neuen Boss ist.

Aus der Unlust des (Anti)Helden macht der Film zuwenig, das wäre sehr reizvoll gewesen; überhaupt geht Regisseur Tulio Demicheli seinen Film geradezu betulich an (also: für einen Mafia-Rachethriller), ohne daraus aber großen Mehrwert zu ziehen – im Mittelteil zumindest. Dann aber zieht der Film an, Ricco will einen großen Diamantendeal durchkreuzen, wird selbst aufs Kreuz gelegt, Don Vito hat nicht nur Rosa in seiner Hand, sondern lässt auch Riccos Familie – die Mutter im Rollstuhl, die ihn aufgehetzt hat, Schwester und Schwager direkt im Bett – killen. Währenddessen geht auch Rosas Plan schief, den Leibwächter zu verführen, um Don Vito zu entkommen, und das ist der Punkt, an dem der Film wirklich drastisch wird und deshalb wirklich gut: Don Vito nämlich, der Mafiaboss, residiert offiziell als Boss einer Seifenfabrik; und das ist ziemlich geschickt, denn Natron, billiges Parfum, Fett und Knochenmehl kann er immer gebrauchen für sein Produkt, und er bezieht seine Rohstoffe auch aus seinen Widersachern, denen er den Garaus macht und deren Überreste er dann weiterverwertet. Nicht einfach so: Er lässt sie erstmal brutal zusammenschlagen, Sadismus gehört dazu, und das geschieht auch mit dem Leibwächter, der ihn hintergangen hat, verprügeln, nackt ausziehen, und dann. Dann: Der Schniedel schwingt auf dem Fliesenboden, schnippschnapp – eine solche Kastration ist denn doch selten im Grindhousekino, obwohl ja das Heftige dabei des Salz in der Suppe ist. Dann wird der schreiende Typ in den Bottich mit brodelnder Lauge geworfen, Rosa muss dabei übrigens zusehen. Kurz darauf kommt ein Paket an bei Ricco, Seife – das, was von seiner Rosa übrigblieb.

Nunja. Er hängt zwar an Rosa, hat inzwischen sich aber auch deren Kusine geangelt, eine Zweitfrau in der Hinterhand ist nie verkehrt, es kommt dann auch noch zum großen Rachefinale, klar. Aber zwischendurch hatten wir auch komische Momente. Nämlich Scilla, Riccos neue, hatte im Zuge von dessen Feldzug gegen Don Vito den Wagen von dessen Geldeintreibern angehalten, auf die Tasche mit den Millionen haben sie und Ricco es abgesehen. Da steht sie im Dunkeln auf der Straße und zieht sich aus, und die deutsche Synchro schlägt Purzelbäume vor Entzücken: „Ich glaub, ich steh im Spargelfeld!“; „Zum Glück bin ich nicht nachtblind!“; „Sowas Heißes auf meinem Kühler!“; und natürlich: „Entweder hat die’n Hammer, oder sie ist so voll Hasch wie ein türkischer Reisebus!“ Da hat der Zuschauer dann wirklich Glück, wenn der Filmschnitt über lange Passagen die Münder der beiden Gaffer nicht zeigt, damit derartige Sprüche drübergelegt und aus den Lautsprechern gehauen werden können.

 

Harald Mühlbeyer

 

Berlinale Retrospektive 2022: Carole Lombard: „To Be or Not to Be“

To Be or Not to Be

USA 1942. Regie: Ernst Lubitsch, mit Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Sig Ruman

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.


Eine Theatersatire verknüpft mit einer Nazi-Satire, und beides mit eigenem Recht: Carole Lombard nimmt als Maria Tura ihren Diven-Part aus „Twentieth Century“ erneut auf: Wir sehen sie in „To Be or Not to Be“ als Drama-Queen, die in ihrer Theaterwelt aufgeht. Bei der Probe zu einem Nazi-Stück im Warschauer Theater schreitet sie in einem typischen Lombard-Kleid auf die Bühne, seidig, glänzend, vermutlich golden. Das will sie tragen in ihrer großen Konzentrationslager-Szene, es ist eigentlich vollkommen lächerlich, aber die Charakterisierung dieses Charakters, der nur in der Kunst lebt, in der Kunst, für das Publikum etwas Besonderes zu sein, ist es perfekt. Verblendung, Eitelkeit, Glamour – später werden wir das Kleid wiedersehen. Als Mitglied der Warschauer Untergrundbewegung besucht sie Prof. Siletsky, einen brandgefährlichen Gestapozulieferer, der sowohl berufliches – Spionage! – als auch persönliches Interesse an ihr hat. Sie trägt das Kleid, um ihn zu bezirzen. Da weiß sie schon, wie es zugeht in einem wirklichen Leben in einem Polen, das von den Nazis überfallen und zerstört wurde.

Sie geht damit die umgekehrte Entwicklung durch: In „Twentieth Century“ wurde sie zum Theater- und Filmstar aufgebaut und tritt schließlich mit all den divenhaften Allüren auf, die sich das Klischee vorstellen kann. Bei Ernst Lubitsch nun wird sie aus ihrer Theatralik herausgerissen durch die Katastrophe des Weltkriegs, sie landet in der Wirklichkeit und muss mit ihr zurechtkommen. Und Carole Lombard kann das wunderbar spielen, um ihre Augen, ihren Mund immer ein träumerischer Zug, ein Sehnen nach der Fantasie, die sie aus der Realität trägt – da ist das romantische Mädchen der Anfänge gegenüber Clark Gable in „No Man of Her Own“ nicht weit, auch nicht die ideenreich schwindelnde Nicht-Mörderin in „TrueConfession“. Doch Hitler hält sie fest, unten, im Elend, ohne Chance.

Lubitsch führt seine Theater-Backstage-Komödie über in eine pralle Farce über Narzissmus im Nazismus, der sich über alles stellt und so lächerlich wird – sehr prägnant blendet Lubitsch damit das überbordende Theaterwesen mit seinen überbordenden Stars über auf die trotteligen Uniformträger, die sich ganz ganz wichtig vorkommen. Und Lubitsch zeigt deutlich, wer die Profis in Sachen Popanz sind – es triumphieren natürlich die Theaterleute, die die Nazis bis ganz nach oben nach Strich und Faden lächerlich machen.

Carole Lombard steht im Mittelpunkt der Charade um Verkleidungen und Verwechslungen, sie ist fast so etwas wie der Ruhepol – und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie kann ihre Verführungsmechanismen nach Belieben anwerfen, etwa, um hochrangige Nazis vor Liebesbegehren verblendet für die Wirklichkeit zu machen. Aber auch geschickt zum eigenen Nutzen, wenn sie ihre Liebhaber um die Theaterauftritte des eitlen Ehemannes herum orchestriert und sie während des „Sein oder Nicht-Sein“-Monologs in ihrer Garderobe empfängt. Dass da nichts gelaufen wäre, glauben doch höchstens ein paar betriebsblinde Hays-Zensoren!

Ich kann mich gerade gar nicht mehr erinnern – wie wohl die deutsche Synchonisation lautet beim Dialog auf der Theaterbühne, in dem der Kleindarsteller Greenberg seinen überagierenden Kollegen zuwirft: „What you are, I wouldn’t eat!“ – „How dare you calling me a ham!“

 

Und wenn man den Film nun nochmals sieht, mit all den anderen Lombard-Komödien im Hinterkopf: Traurig. Sie hat die Premiere nicht mehr erlebt, am 16. Januar 1942 ist Carole Lombard bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

 

Harald Mühlbeyer

 

Bilder (c) Deutsche Kinemathek

Berlinale Retrospektive 2022: Carole Lombard: „Mr. & Mrs. Smith“

Mr. & Mrs. Smith

USA 1941. Regie: Alfred Hitchcock, mit Carole Lombard, Robert Montgomery, Gene Raymond

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.


„Mr. & Mrs. Smith“ ist eine der wenigen Ausflügen von Alfred Hitchcock ins Komödiengenre; doch anders als in „The Trouble With Harry“ oder „To Catch a Thief“ kann er mit diesem Stoff für eine Screwball-RomCom wenig anfangen. Die Gags gehen weitgehend daneben, und schon allein das ist erstaunlich, weil die Pointen in seinen Thrillern ja immer sitzen. „Der Film entstand aus meiner Freundschaft mit Carole Lombard“, erklärt Hitch gegenüber Truffaut: „Sie frage mich: ‚Würden Sie einen Film mit mir machen?’ Ich weiß nicht, weshalb ich angenommen habe. Ich habe mich mehr oder weniger an das Drehbuch von Norman Krasna gehalten. Da ich die Art von Leuten nicht verstand, die in dem Film gezeigt wurden, habe ich die Szenen fotografiert, wie sie geschrieben waren.“

Und auch wenn man all die Koketterie berücksichtigt, zu der Hitchcock fähig ist, und auch, wenn man all die Mythenbildung berücksichtigt, die Hitchcock im Truffaut-Interview betreibt, trifft es diese (Selbst)Einschätzung doch ziemlich genau.

Carole Lombard spielt Ann Smith, und sie hat in ihrer Ehe klare Regeln aufgestellt: Bei einem Streit müssen die Ehegatten so lange im Schlafzimmer bleiben, bis sie versöhnt sind (und das bedeutet nicht Sex, sondern Entschuldigungsagen). Regel Nummer 7 wurde eigentlich aufgehoben, sie beharrt dennoch darauf: Nämlich bei Fragen eine grundehrliche Antwort zu geben. Sie hat es sich also selbst zuzuschreiben, wenn ihre Ehemann David auf die Frage, ob er alles noch einmal genauso machen würde, antwortet, dass er wohl eher nicht geheiratet hätte. Sie ist sauer. Sie hatte beim Frühstück ihre Füße seine pyjamabedeckten Hosenbeine hochgeschoben, jetzt zieht sie sie wieder raus (das ist wohl die äußerste Möglichkeit, so etwas wie ein körperliches Eheleben in Hays-Code-Zeiten zu zeigen; Hitch macht das sehr gut!)

Der Zufall will es, dass es in den USA zwischen den Bundesstaaten doofe Gesetze gibt, und weil der Ort, in dem Ann und David geheiratet haben, dem falschen Bezirk im falschen Staat zugeordnet war, sind alle Ehen, die dort seit 1936 geschlossen wurden, ungültig. Ist ja klar; da kann David, seines Zeichens Anwalt, nichts machen. Aber es ist nichts passiert: Er bekommt vom Standesbeamten seine zwei Dollar für die Heiratslizenz zurück, also kein Cent verloren!

Auch Ann bekommt diesen Makel in ihrem Zusammenleben mit. Und wartet darauf, dass David ihr einen neuen Antrag macht. Was dieser verstoffelt. Und sie schmeißt ihn raus. Wenn schon nicht verheiratet, dann richtig! Wurschtegal, dass sie drei Jahre lang in wilder Ehe lebte – jetzt genießt sie das Single-Dasein. David ergeht sich in Selbstmitleid.

Rainer Rother schreibt in seinem Band zur Berlinale-Retro über den Film: „Konventionell entworfene, stereotyp geschriebene Charaktere waren das Material für Carole Lombard, abhängig jeweils davon, wie weit das Drehbuch einer freieren Interpretation Raum bot. In ihren Komödien nutzte sie die Vorlagen, um ihre Figuren in eine Richtung zu entwickeln, die vermutlich von den Autor/-innen nicht immer vorgesehen war. [...] Ann Smith ist von der ersten Szene an schwierig, um es gelinde auszudrücken.“ Und später: „Das böse Wort ‚zickig’ grundiert den Entwurf dieser Mrs. Smith, durchaus passend für einen Hitchcock-Film.“ Ja, es ist absolut richtig, dass Carole Lombard ihre Ann sehr viel liebenswerter spielt, als sie geschrieben wurde – sie hat ihre Ausfälle, die geradezu obsessiv aggressiv sind; bei einem Mann würde man es wohl cholerisch nennen, bei ihrer Ann ist es freilich immer weiblich konnotiert: Sie fordert wütend, und sie will bekommen, was sie fordert. Beispielsweise, dass ihr Mann nachgibt, und wenn sie 8 Tage im Schlafzimmer ausharren müssen. Aber es ist nicht so, dass nur Ann als „schwierig“ charakterisiert ist. Auch David verhält sich allzu wurschtelig; er unternimmt stets das genau Falsche, um die juristisch ledige Ann zurückzugewinnen. Statt die gemeinsamen Jahre mit ihr heraufzubeschwören, versucht er in die verriegelte Wohnung einzudringen, er beschattet sie, indem er ihr im Taxi hinterherfährt, er wird handgreiflich an ihrer Arbeitsstelle als Verkäuferin. Mal ehrlich: Warum sollte sie ihn zurückhaben wollen?

Die Antwort liegt in den Mysterien der Drehbuchkonventionen, dass ein Paar, das als Paar beschrieben wird, auch ein Paar werden und bleiben muss. Egal, was dagegensteht – und wenn es das Paar selbst ist.

Und Hitchcock interessiert sich nicht dafür, filmt einfach, was zu filmen ist – er war frisch in Amerika, musste sehen, wie er sich einrichtet in Hollywood, und musste seine Nische erst einmal schaffen. Und wenn nun die Charaktere nicht zur Story passen, und wenn die Darsteller – und eben vor allem Lombard – sich einzufügen haben in die Klischeehandlung, dann ist das halt so, abgehakt und fertig.

Dass er allerdings auch lustigen Szenen den Witz nimmt, überrascht dann doch. Lustig ist beispielsweise, wenn David mehr oder wenig unwillig sich mit „Damen“ (= Prostituierten) im Nachtlokal trifft und dabei seine Ann mit ihrem Neuen flirten sieht, worauf David Ann eifersüchtig macht, indem er seiner unbeteiligten Sitznachbarin mimisch, aber lautlos scheinbare Liebesworte zuflüstert; aus der Situation kommt er nur raus, indem er sich selbst die Nase blutig haut. Aber andere Szenen versteht Hitchcock nicht, im ganzen komisch zu gestalten. Wenn Ann mit ihrem neuen Verlobten (ja, verlobt muss sein!) im Vergnügungspark hoch oben feststeckt, dann holt er nicht mehr als einen Schnupfen aus der Episode. Sogar wenn der Verlobte im Folgenden besoffen ist und dabei sich unendlich abmührt, weiterhin Gentleman zu sein, gibt es keine Lacher. Auch am Ende Ann, die im Alleingang eine Liebesszene mit ihrem Lover akustisch nachstellt, um den verlorenen Ehegatten zuhörenderweis eifersüchtig zu machen, ist nicht ausgereizt.

In diesem Film bleiben alle unter ihren Möglichkeiten.

 

Harald Mühlbeyer


Bilder (c) Deutsche Kinemathek

Berlinale Retrospektive 2022: Carole Lombard: „True Confession“

True Confession

USA 1937. Regie: Wesley Ruggles, mit Carole Lombard, Fred MacMurray, John Barrymore

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.


Wieder Fred MacMurray, ein großer Komödiant mit perfektem Timing und klarem Bewusstsein, was wie auf der Leinwand rüberkommt – er war gegenüber Carole Lombard in „Hands Across the Table“ der alberne Typ zum Verlieben, und in „Take a Letter, Darling“ musste er als Sekretär von Rosalind Russell bestehen. Hier nun spielt er einen ehrlichen Anwalt, der nur Unschuldige verteidigt – das ist an sich natürlich schon ein Witz, und da sitzt er in seinem heruntergekommenen Büro und wartet auf Mandanten, und der einzige, der auftaucht, ist einer, der bestreitet, beim Metzger Schinken gestohlen zu haben, aber um Aufschub bei der Bezahlung bittet, bis er die Schinken verkauft hat. Auf dem Schreibtisch hat MacMurrays Ken Bartlett eine Flasche, und es ist nicht die obligatorische Büroflasche Whisky aus den Hardboiled-Krimis, sondern Milch.

Carole Lombard spielt seine Frau Helen, leichtköpfig, fantasievoll, head in the clouds; sie schreibt Geschichten, die keiner kaufen will, sorgt sich einerseits um das Einkommen der kleinen Familie, lebt andererseits im Wolkenkuckucksheim ihrer Schwindeleien, die ihr einfach so aus dem Mund ploppen. Der Vermieter will die Schreibmaschine pfänden, und sie spinnt eine Geschichte zusammen von ihrem Mann, der verrückt wurde wegen des gestorbenen Babys und nun die Schreibmaschine liebevoll in Armen hält… Sie kommt damit durch, der Vermieter lässt ihr das Arbeitsgerät, sie ist ja auch süß dabei, und nur ihre Freundin Daisy durchschaut sie – und der Zuschauer: Denn immer, wenn wieder mal eine ihrer spinnerten Ideen in ihrem Kopf Form annimmt, schiebt sie kindlich die Zunge in die Wange.

Nun hat Helen, hinter dem Rücken ihres Mannes, einen Job angenommen. Er hat sich das natürlich verbeten, denn wie sieht das aus: Sie ist ja keine der gelangweilten Frauen, die wegen der Ödnis ihrer Tage arbeiten wollen – bei ihr hieße eine Stellung, dass der Mann sie nicht ernähren kann. Privatsekretärin soll sie sein, obwohl sie kein Steno kann, für 50 Dollar die Woche – wie unseriös dies ist, geht ihr erst auf, als der Chef sie heftig bedrängt. Sie boxt ihn in den Bauch und haut ab – und kehrt zurück, um ihren Mantel und die Handtasche zu holen. Da ist der böse Boss tot, und sie wird festgenommen.

Und im Verhör kann Carole Lombard wieder ihre präzise Fähigkeit zum Doppelspiel präsentieren; einerseits ist sie völlig eingeschüchtert, wenn der Kommissar aber die Möglichkeiten, wie der Mord vonstatten ging, ausbreitet, dann blüht sie auf, im Reich der Fantasie ist sie zuhause, und sie reichert seine Theorien begeistert mit ihren eigenen Ideen an; tongue in cheek, buchstäblich: als reizvolles Spiel mit Lüge und Wahrheit, die den Film ohnehin antreibt.

Denn, wie sich herausstellt: Wenn sie fälschlich gesteht, hat sie größere Chancen, davonzukommen, nämlich wegen Notwehr – ihr Mann verteidigt sie, für ihn ist der große Fall, auf den er gewartet hat. Sie will ihn nicht enttäuschen, lügt also herbei, den Sexualaggressor getötet zu haben, stellt damit alle zufrieden, auch ihr eigenes Münchhausensyndrom – nur darf natürlich Ehemann/Anwalt Ken nichts von der Lüge erfahren, als notorisch ehrliche Haut. Der in seinem Plädoyer übrigens, zu Helens Freude, das Recht der Frau auf Arbeit gepriesen hat.

Angereichert wird das witzige Spiel um das Lügengespinst durch einen Verrückten. Den spielt John Barrymore, ein abgehalfterter Dandy in der Bar, der seine Theorien über das Leben mittels eines Luftballons demonstriert, dem die Luft ausgeht, der von sich selbst als Kriminologen so überzeugt ist, dass er Stammgast ist bei Gericht, der alle – vor allem den Bartender – für Idioten hält und daher den erhofften Alkohol nicht eingeschenkt bekommt. Er ist wieder eine dieser grandiosen Nebenrollen, die den Film nochmals aufwerten, ihn füllen und zugleich eine ganze Spur verrückter machen – er spielt – nach „Twentieth Century“ erneut sich selbst karikierend den egomanischen Wahnsinnigen, mit viel Lust an Witz und Spaß. Und mit dessen Auftritt zum Finale das Rätsel um den Mordfall bis in alle Ewigkeit ungelöst bleiben wird.

 

Harald Mühlbeyer

 

Bilder (c) Universal Studios

Berlinale Retrospektive 2022: Carole Lombard: „Nothing Sacred“

Nothing Sacred

USA 1937. Regie: William A. Wellman, mit Carole Lombard, Fredric March, Charles Winninger, Walter Connolly, Sig Ruman

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.

 

Carole Lombard als Kleinstadtmädchen mit einem Traum: New York zu sehen – diese Basis bekommt einen besonderen Dreh. Denn Lombards Hazel Flagg stirbt langsam an einer Radiumvergiftung. So stand es in einer kleinen Zeitungsmeldung, und Wally Cook, Reporter, springt auf die Story an: Eine schöne Frau in der Blüte ihres Lebens dahingerafft von innen heraus! In Warsaw, Vermont, sucht er sie auf – und das ist schon auch heute noch, weit von Amerika entfernt, sehr komisch, wie die Provinz karikiert wird, mit ihren „Nope“-„Yap“-einsilbigen Einwohnern, die für Nichtauskünfte Dollar sehen wollen, mit der allgemeinen Garstigkeit, mit dem versoffenen Kleinstadtarzt, der die Zeitung hasst, weil er vor 22 Jahren um 10.000 Dollar betrogen worden war, weil er ein Preisausschreiben nicht gewonnen hat. Er ist es auch, der die Radiumvergiftung diagnostiziert hat. Falsch diagnostiziert hat, wie er Hazel gestehen muss. Und die ist hin- und hergerissen zwischen Freude und Traurigkeit, weil sie von den 200 Dollar Entschädigung für ihre Strahlenkrankheit nach New York wollte. „Da wird man zum zweiten Mal geboren, und wieder ist es Warsaw!“, schimpft sie aufgebracht.

Wally missversteht die aufgebrachte Stimmung und lädt sie nach New York ein, als letzte Freude in ihrem kurzen Leben und als Sensation für seine Zeitung. Mit dabei ist Dr. Enoch Downer, der Quacksalber – hauptsächlich, weil eine Komödie komische Figuren braucht. Und die hat der Film reichlich, der Zeitungsherausgeber gehört auch dazu; gespielt werden sie von Charles Winninger als Arzt (der mit Mae West als reicher Gönner in „Every Day’sa Holiday“ zu sehen war) und Walter Connolly als Zeitungsboss (der beispielsweise mit Lombard in „Twentieth Century“ – als Buchhalter des exzentrischen Theatermagnaten – und als Richter in „Lady by Choice“ aufgetreten war, und neben Rosalind Russell als Spielzeugeisenbahnfan in „Four’s a Crowd“ zu sehen war). Ben Hecht hat das Drehbuch geschrieben, und er hat ein Händchen für skurrile Charaktere, die skurrile Sachen machen, und zwar im Nebenher. Und natürlich hat er ein Händchen für das Skurrile, das seinen Hauptfiguren zustößt. Die Selznick-Produktion dauert nur 75 flotte Minuten – und ist in Technicolor gedreht. Man denke: ein „kleiner“ Film, kein Epos, aber alles in Farbe, 1937 – eine Seltenheit; und Carole Lombards einziger Farbfilm.

Natürlich wird die angeblich sterbende Hazel Flagg die Sensation der Stadt, eine Inspiration für das ganze Land, ein großer Star – ihr Leiden, ihr Dahinsiechen bringt ihr viele Fans ein; ihre Beerdigung werden sicherlich eine halbe Million Menschen besuchen – wenn sie denn doch nur tatsächlich todkrank wäre.

Lombard spielt auch hier „doppelt“, als ein Fake: und dies wiederum anders als die überemotionale Diva in „Twentieth Century“ oder als der naive Park-Avenue-Sprössling in „My Man Godfrey“: Hier nämlich als eine, die versehentlich in eine Lüge reinrutscht und nicht mehr rauskann, und die zugleich dieses Lügenleben willentlich genießt, weil es ihr das große Leben in New York ermöglicht. Ihr zur Seite: Fredric March als Reporter Wally Cook, der an ihr hängt, der damit seine berufliche Laufbahn zu retten versucht, der sich natürlich verliebt – und der ungewollt gerne Opfer von Täuschungen wird, Hazel ist nicht der erste Fall. Der Anfang des Films zeigt ein großes Galaessen zu Ehren eines reichen Sultans, der gleich darauf als Schuhputzer aus Harlem entlarvt wird – Wally hat ihn entdeckt. Später wird der Schuhputzer – eine durch und durch rassistische Szene – gezeigt, wie er in Hazels Krankenzimmer einsteigt und für seine Frau Blumen klaut. Der Herausgeber jedenfalls will zu Beginn Wally aus dem Reich der Lebenden entfernen – er muss nun im Kellerarchiv Nachrufe tippen. Hazel ist für ihn der Ausweg aus der Misere seines Lebens – er bringt sie damit in die Misere ihres Lebens.

Eine der besten Szenen des Films ist die Liebeserklärung, die als Kampf ausgetragen wird. Denn Hazels Täuschung ist aufgeflogen, nun soll sie wenigstens Lungenentzündung haben und muss fiebrig erhitzt werden: Ein Boxkampf wird es tun. Und Wally provoziert Hazel, und sie wird wütend, und sie kämpft – wie ein Mädchen. Also: Lombard spielt Hazel, die so kämpft, wie im Allgemeinen die Vorstellung ist, dass Mädchen kämpfen. Nahezu hysterisch, mit fuchtelnden Rundschlägen, die niemals treffen, sehr hampelnd – eine tolle Performance, zumal, wenn Wally sie dann KO schlägt – sie soll ja krankheitshalber bewusstlos sein. Er boxt ihr aufs Kinn, was ein Gentleman niemals tun sollte, sie steht, er tippt sie an, sie fällt aufs Bett – Simulant durch Schlagkraft. Und das Prügeln – es ist immer Liebeserklärung, da besteht nie Zweifel. Kurz darauf wird sie ihn KO schlagen, da hat er’s zurück.

Weitere bemerkenswerte Szenen: Bei einem Galaabend im Nachtlokal treten große Heroinen der Weltgeschichte auf; unter anderem Katinka, die Holland gerettet hat, indem sie ihren Finger in das Loch eines rissigen Damms gesteckt hat (das muss man erstmal kompliziert googlen…) – „show the finger!“, heißt es – es ist der Mittelfinger, den sie uns entgegenreckt. Als alles auffliegt, beschwert sich eine typische reaktionär-prüde Matrone: Sie stehe für alle Jungfern des Landes, und gerade erst wurde der Kurs gegen die kommunistische Bedrohung durch einen über die inspirierende Hazel ersetzt. Und in einer Szene – in besagtem Nachtlokal – sitzt Wally traurig gegenüber Hazel: „Es gibt keinen besseren Spaß als eine Totenwache“; sie entgegnet: „Sprechen wir nicht über Berufliches“ – und blinzelt dabei verschwörerisch in die Kamera, zu ihrem Publikum.

 

Harald Mühlbeyer

 

Bilder (c) Deutsche Kinemathek (im Film in Farbe!)