Grindhouse-Nachlese September 2018: Tollwütige Jugend und gedemütigte Koreanerinnen


Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 29.9.2018:

"Wie tollwütige Hunde"/ "Come cani arrabiati", Italien 1976, Regie: Mario Imperioli

"Frauenlager der Ninja" / "Shadow Killers Tiger Force", Hongkong 1986, Regie: Godfrey Ho



Ein Fußballstadion. Kein kleines. Zweite Liga, mindestens. Noch ist es leer. Zwei junge Männer setzen sich. Mützen auf dem Kopf, weiße Polyester-Sportjacken. Die Ränge füllen sich. Die Kamera schweift über die Zuschauer. Das Spiel beginnt. Gelegentlich fängt die Kamera zwischen Schwenks und Zooms Spielszenen ein, nichts Spektakuläres, keine Spielhöhepunkte, kein Tor des Monats; ansonsten die Zuschauer im Bild, immer wieder unsere zwei Protagonisten. Die stehen irgendwann auf, laufen durch die Katakomben, überfallen die Kasse, schießen einen Polizisten tot.

"Wie tollwütige Hunde" ist ein Film, der lange verschollen war. Und der nun wieder aufgetaucht ist, zum Glück, muss man sagen: Er ist ein wirklich spannendes und ziemlich hochkarätiges Stück Kriminal- und Sozialkino, reingesetzt in die von gesellschaftlichen Spannungen und allseitiger Gewalt geprägten Gesellschaft des Italiens der 1970er. Drei Jugendliche stellt der Film uns alsbald vor, Studenten, reich, verzogen, gelangweilt. Der Anführer hat eine Papa, den er hasst, der sein Geld unsauber verdient, der von Erfolg spricht und davon, die anderen zu übertrumpfen mit allen Mitteln. Auf der Gegenseite ein Kommissar, der zwar ermittelt, der aber zugleich persönlich ein Arsch ist. Zwischendurch Verstörung:

Beispielsweise, wenn wir uns plötzlich in einem verdunkelten Raum befinden. Eine Frau zieht die Vorhänge auf, als Silhouette sehen wir im Gegenlicht ihren gewölbten Bauch. Dann steigt die Schwangere aufs Fensterbrett und stürzt sich runter, und – habe ich das noch richtig in Erinnerung: Ist der Sturz in subjektiver Kamera gefilmt? Ich kann's nicht mehr sagen, die Wirkung aber ist groß. Weil wir nun überhaupt nicht wissen, was hier passiert. Später wird in einem Dialog ganz en passent, quasi im Nebensatz, erklärt, dass die Selbstmörderin die Verlobte des ermordeten Polizisten sei, unehelich schwanger, Trauer und Schande…

Oder: Nach einem Überfall nehmen die drei eine Frau als Geisel. Die erwacht irgendwann in einem kargen Raum, kann sich befreien, kriecht voll Panik durch das scheinbar verlassene Gebäude, doch immer wieder Schatten bewaffneter Typen, sie kommt zu einer Tür, trifft auf eine Frau – aber von der wissen wir, dass sie eine der Täterinnen ist. Und dass sie der Lockvogel ist. Weil man einer Frau so was nicht zutraut. Jedenfalls haben sie die Geisel dann am Haken, reißen ihr die Kleider runter, doch nicht in sexueller Absicht: Einfach aus Spaß an der Demütigung. Und, um Angst zu erzeugen. Bevor die drei Killer sie über die Badewanne beugen und ihr das Gehirn rausblasen.
Klassischer Shakespeare.

Die drei Killer sind ein eingeschworenes Dreierpack. Zwei junge Männer, eine junge Frau, die das Leben als Spiel begreifen, das Töten als Spaß, und das Sexuelle zwischen ihnen als ironisches Schauspiel, das sie füreinander aufführen: Als es mal an einen Dreier geht zwischen ihnen, läuft das über Shakespeare-Zitate, die sie als Othello, Desdemona, Iago deklamieren, als Vorspiel für die eigentliche – uneigentliche – Sache.

Der Kommissar, auf der anderen Seite, ist gut (auch, wenn er aussieht wie das Morphingopfer zwischen Herbert Lom und Graham Chapman). Er hat bald seine Pappenheimer in Verdacht. Um den Beweis zu erhalten, greift er zu unkonventionellen Mitteln: Er hat nämlich eine Assistentin. Die ist jung und hübsch und sendet laufend Signale aus an unseren Herrn Kommissar, die der geflissentlich übersieht. Der freilich die Waffen dieser Frau zu nutzen versteht: Er verwandelt sie in eine Stricherin, und schaut auch genüsslich zu, wie sie nuttige Kleider anzieht. Er ist halt schon auch geil auf sie. Aber er weiß auch: Die drei Kriminellen suchen sich die Nutten des Vaters aus, holen sie ab und killen sie. Also gibt sich die Polizistin als Daddys Lieblings-Bordsteinschwalbe aus, und schon hamwer die Täter…

Zugegeben: Dieser Plotzweig ist reichlich doof. Es ist zwar völlig klar, dass Papa Bonze irgendwie drin verwickelt ist – sein Geld wird gestohlen, seine Nutten umgebracht –, aber es muss ja noch andere Mittel geben, die Feinde des Ausbeuters zu finden. Nun ist die Assistentin, als Stricherin verkleidet, im Wagen mit den zwei Mörderjungs, die ihren Spaß mit ihr haben – und der Kommissar kommt erst im allerletzten Moment… Hat die Assistentin nun genug von dem feinen Herrn Chef? Nein, sie lässt sich intim mit ihm ein. Und während der Polizeichef diverse Bestechungsangebote erhält und der Kommissar rumtappt, sich den Verdächtigen nähert, die blonde Killerin beim Autorennen beobachtet, mit dem Herrn Sohnemann beim Ausritt parliert, beschattet die junge, heiße Assistentin die Bösewichter, und zwar näher, als ihr lieb ist…

Mario Imperioli macht das sehr geschickt: Die, sagen wir, exploitativ-spekulativen Elemente der Story lässt er unter dem ständigen Rückbezug zur Realität verschwinden; das fängt mit dem tatsächlichen Fußballspiel vom Anfang an und hört bei den nebenbei einfließenden Kommentaren zur sozialen Situation nicht auf: Das Geld, das fehlt, die Politik, die sich nicht kümmert, die Ökonomie, die nur in die eigene Tasche wirtschaftet… Am Ende, ziemlich krass, haben wir eine Verfolgungsjagd. Und eine Demo wütender, enttäuschter Arbeiter. Und wenn der rücksichtslose Killer in diese Straße einbiegt, und in der Menschenmenge nicht weiterkommt, und nicht respektvoll ist, dann ist es das Ende, nicht nur des Films. Ein Film, der wie eine gelungene Mischung aus "Clockwork Orange" und "Funny Games" wirkt; und zwar durchdekliniert als Parabel zum Nationalsozialistischen Untergrund.

Das Qualitätslevel, das "Wie tollwütige Hunde" aufgelegt hat, erfährt einen krassen Abfall mit dem zweiten Film des Abends: "Frauenlager der Ninja" hat den Vorteil, dass der Titel nicht lügt. Es gibt ein Frauenlager. Und es gibt Ninjas. Das Problem ist, dass das Frauenlager aus einem anderen Film ist wie die Ninjas. Und zwar buchstäblich. Weil Regisseur Godfrey Ho einfach einen alten koreanischen Film genommen und durch ein paar selbstgedrehte Rahmenhandlungsszenen ergänzt hat. Die leider gar nicht zum Originalfilm passen…

Am Anfang: Bilder von Hongkong. Flughafen, Hafen, Küste. Dann, bei einem Schwenk über den Jachthafen, eine Stimme: "Sieh mal da rüber!" Hä?! Das gibt Raum für eine schöne Vorstellung, und vermutlich ist diese Vermutung wahr: Der Kameramann schwenkt, und ein Assistent weist ihn auf irgendwas hin, was er auch aufnehmen soll, und der Tonmann nimmt das auf, und im Schnitt bleibt's drin, und die Synchro übernimmt den Satz. Der nirgendwo hindeutet, und überhaupt nicht zu irgendwas gehört. Und so ist halt auch der Film.

Junge Menschen beim Picknick, Cola und Hühnchen, und dann tauchen schwarzvermummte Ninja auf und entführen die Mädels. Oder: Ein Pärchen rudert im Boot, und Ninja schwimmen hin, schmeißen den Dödel ins Wasser und entführen das Mädel. Das alles sind die nachgedrehten Sachen, ein Kampf auch, bei dem die Ninja kräftig gegen ein paar Mädelverteidiger kämpfen. Und Schnitt, sind wir bei einer blonden, kurzhaarigen Dame, ohne Schlitzaugen, die zwei Ninja vermöbelt. Das war ein Test, sie hat bestanden, sie ist die Richtige und bekommt eine Menge Geld, um die Tochter ihres Auftraggebers aus dem Frauenlager zu befreien. Dahin bringen nämlich die Ninja die Mädels, mit bösen Absichten: Sie müssen eine steinige Böschung bearbeiten.

Der alte Film ist eher blass, und in ihm spielen nur Koreanerinnen. Und koreanische Wärter: Es ist ein Frauengefängnisfilm, der offenbar nicht auf sexuelle Reize aus ist, sondern auf die Gruppendynamik unter Zwang. Ein gutes Dutzend Frauen in einer Zelle, sadistische Gefängnisaufseher – aber sorgsam keine unzüchtigen nackten Stellen. Das ist an sich nicht schlecht – aber auch nicht zwangsweise gut. Es ist offensichtlich ein Dutzendfilm, der nicht weiter interessiert. Also: Außer Mr. Ho, unseren wackeren Regisseur. Den interessiert's so sehr, dass er seine blonde Kämpferin einschleust. Und bald ist klar: Alle Szenen, wo die Blonde auftaucht oder dieser fiese Typ, der der Oberbösewicht sein soll und die gefangenen Mädels nach Dienst an einen Mädchenhändler weiterverfrachten will, die sind nachträglich erschaffen worden. Mit Europäern als Protragonisten, für den westlichen Markt. Zwei der Gefangenen haben Streit – der alte Film –, und die Blonde versöhnt die beiden – der neue Film –, indem sie mit einem Handstreich eine Steinlawine an der Böschung löst und die eine die andere retten lässt. Eine der Gefangenen bricht aus – der alte Film –, und die Blonde – im neuen Film – besorgt ihr die nötige Zeit, indem sie an der Böschung ruft: Wir arbeiten weiter, wir wollen keinen Feierabend! Ein weiterer Ausbruchsversucht – der alte Film –, die Blonde verführt einen Müllkutscher – im neuen Film –, damit die Gefangen in dessen Exkrementekübel versteckt sich aus dem Lager schmuggeln kann.

Was sich beinahe so anhört, als sei das aufeinander abgestimmt, dem sei gesagt: Die Blonde sieht nicht nur doof aus – es ist eine furchtbare 80er-Kurzhaarfrisur! –, sondern sie kann auch noch zaubern. Blöd nur, dass der Gegenspieler, der Ober-Ninja (also der hinzuerfundene Frauenlagerchef) auch zaubern kann. In einem Wald (warum auch nicht) kommt's zum Endkampf, der dauert sehr lange; vorher haben sich die beiden durch verschiedene Dimensionen teleportiert, inklusive hypnotischer Verführungsszene. Im Wald geht's hart auf hart, und einer der Helfer der Guten holt die Bazooka raus (!), und der Bösewicht wird von der Rakete verfolgt, und das ist lustig anzusehen, aber halt auch reichlich bescheuert.

Das größte Manko des Films aber – jenseits des Offensichtlichen –: Nie zieht sich jemand aus. Im alten koreanischen Teil sowieso nicht, aber der neue, nachgedrehte schreit geradezu danach, wenn man sich das Genre und das Niveau ansieht. Ich meine, man kennt das ja, beispielsweise aus "Firecracker", wo eine Karatekämpferin während des Kampfes nackig ausgezogen wird. Ja, sowas wäre halt wahre Inszenierungskunst gewesen!

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juni 2018: Körper, Leiber, Bodies


Grindhouse Double Feature, 9. Juni 2018, Cinema Quadrat Mannheim:



"Hölle hinter Gittern" / "Penitentiary", USA 1979, R: Jamaa Fanaka

"Pornospiele mit Stock und Peitsche" / "Love Rebellion", USA 1968, R: Joseph W. Sarno


Körper. Körper, die sich ineinander verschlingen, die aufeinander prallen, die miteinander und gegeneinander agieren, reagieren, sich ausagieren. Körper, die sich nahe sind, die nicht ohne einander können, die nicht voneinander lassen können, in Liebe und in Kampf… Gefängnis und Mietshaus sind die Schauplätze dieses Double Features, mit zwei ganz verschiedenen Filmen, die aber eigentlich doch gleich sind. Zwei Seiten einer Doppelvorstellung: Einer kommt ins Gefängnis, weil er ein Schwarzer ist; eine andere kommt ins Mietshaus, weil dort ihre Mama lebt. Mit ihrer Körperlichkeit müssen sich beide auseinandersetzen, mal männlich hart, im Boxring, mal weiblich zart, im Bett. Initiationsgeschichten sind das, aufs Härteste werden unsere Protagonisten ins Leben hineingerammt. Lernen, was es heißt, Bedürfnisse zu haben, diese Bedürfnisse durchzusetzen, sich mit der Dialektik von Geist und Körper auseinanderzusetzen.

Zunächst haben wir Martel. Der pennt am Straßenrand, zwei Biker mit röhrenden Maschinen wecken ihn auf, er fährt per Anhalter weiter, eine junge Frau nimmt ihn auf, begehrt ihn, verführt ihn, bietet sich ihm an. Muss aber zuerst noch die beiden Biker maßregeln. Wird selbst gemaßregelt. Blackout. Martel im Gefängnis.
"Penitentiary" von Jamaa Fanaka. Hier herrschen raue Sitten. Männliche Regeln, männliche Spielchen, männliche Sexualität. Nachts wird viel geblasen und gebumst, und ein dicker Häftling läuft als weibische Tunte rum. Martel wehrt sich. Er weiß: Niemand ist jemandes Eigentum. Das macht er auch dem Underdog in der Zelle gegenüber klar. Der wird heftig gepiesackt. Martel braucht keinen "großen Bruder", der gegen gewissen Gegenleistungen nach ihm sieht… Ein langer, langer, langer Kampf in der nächtlichen Zelle macht das klar, für den Gegner, für den Zuschauer. Sie prügeln aufeinander ein, Martel und der Obermotz des Zellenblocks, mit Klauen und Zähnen, mit Eisenrohr und Stuhl, Schweiß, Blut und Tränen…

Martel wird im Boxteam des Gefängnisses aufgenommen. Der Direktor ist sehr stolz darauf. "Penitentiary" wird vom Gefängnisfilm zum Sportfilm, und selten haben die Dramaturgie des Boxfilms und die Tatsache des Boxens so viel Sinn ergeben. Das Boxen kanalisiert die Aggressionen, die Hormone, die Einsamkeit, die Zwangsprostitution/Vergewaltigungen, den Überschuss an allem im Inneren, das man hier nicht nach außen abtragen kann. Zumal verlockende Preise für die Sieger warten: Eine Nacht im Wohnwagen mit einer Frau (wer keine Frau hat, dem wird vom Gefängnis eine gestellt); und sogar Freiheit, in Zusammenarbeit mit dem Schwager, der Talente sucht für sein Profiboxteam…

Und das sind tolle Szenen, wunderbar choreographiert und inszeniert, in denen mehrere Elemente
wunderbar zusammenkommen: Die beiden Kämpfer, die aufeinander einprügeln in den verschiedenen Kämpfen, kein schönes Boxen, nichts technisch Versiertes, sondern rau, animalisch – ein Abreagieren, eine Verschiebungsarbeit vom nächtlichen Kampf um sexuelle Abfuhr hin zum einigermaßen nach Regeln ausgerichteten Verkloppen des halbnackten Gegnerkörpers. Der Schiedsrichter ist auch Häftling, tut, was er kann, so gut er es kann; hinter ihm die jubelnde Menge – darunter auch eine Abteilung aus dem nebenan liegenden Frauengefängnis: Die heizen die männlichen Körper so richtig an… Und dazu eine kleine lustige Nebenhandlung, ein Mann und eine Frau, beide sexuell ausgehungert, die sich aufs Klo geschlichen haben…


Sexuell ausgehungert; beziehungsweise unerfahren; beziehungsweise raffiniert: In dem Film mit dem schönen und absolut unzutreffenden Titel "Pornospiele mit Stock und Peitsche" glotzen die Lagerarbeiter mit unverhohlener Begierde Wendy, der Tochter der Chefin, nach, die hier neu anfängt. Die Chefin hat was mit ihrem Geschäftsführer, darf aber keiner wissen. Die Tochter gerät in die Sphäre der Sekretärin, die im selben Haus wohnt. Und zwar mit ihrem Freund und mit einer Freundin. Der Freund ist Maler, und wir sehen ihn beim Zeichnen eines Rückenaktes; die Sekretärin wird sauer: Bohème ist ja alles gut und schön, aber irgendwo muss auch Geld herkommen! Die Tochter wird zur abendlichen Party eingeladen. Die Freundin der Sekretärin zieht sich aus. Das ist sowieso ihr Hauptjob in diesem Film. Hat ja auch ganz schön Holz vor der Hütte! Ebenfalls eingeladen sind die Nachbarn: Sie ein Mäuschen, er ein Brutalo mit Zigarre. Den haben wir in einer urplötzlichen Szene vorher schon kennengelernt, als er sauer ist auf seine Frau, die sich eine neue Bluse gekauft hat. Er beschimpft sie und verbrennt sie (off-screen) mit seinem Zigarrenstummel. Dabei erbebt er heftig: Ein schöner Sado-Orgasmus! Nun glotzt er lüstern nach Wendy, unserer jungen Heldin. Währenddessen vergnügt sich die Frau Mama mit ihrem Herrn Geschäftsführer. Und oben gibt’s nach der Party einen flotten Vierer, bei dem Wendy in die Liebe eingeführt wird.

Das Besondere daran: Alle sind süchtig nach den Körpern der anderen, und sie haben zugleich ein unheimlich schlechtes Gewissen. Die Mama vor der Tochter, die Tochter vor der Mama, der Freund vor der Freundin, und nur unser Zigarrensadist lebt seine Lüste straight aus. Er ist aber auch der supertumbe Oberdoofi im Film. Dieserwelcher hat eigentlich keinen Plot, und wo er mal so was wie eine Spannungshandlung entwickeln will – nämlich, dass das Trio von obendrüber die Frau Firmeninhaberin kräftig bestehlen wollen –, da geht der Film schnurstracks einen ganz anderen Weg, wenn der Malerfreund sich Mrs Robinson-mäßig verknallt. Das ist alles völlig hanebüchen, aber vor allem eine schöne C-Film-Studie über Leiber und das, was man damit machen will. Was man machen soll. Was man machen darf. Und was man macht. Wobei – der Film ist aus den 60ern! – alles recht züchtig gezeigt wird, zwar nackt, aber immer nur hüftaufwärts, auch wenn sie's wild treiben.

Das Tolle daran ist, dass das Ganze einerseits sowieso nicht ernstzunehmen ist, weil's halt ein billiger Nudie ist. Dass er aber dennoch ganz ordentlich gefilmt ist, was Kamerapositionen und Beleuchtung angeht; dass die Darsteller mit der relativen Versiertheit der Inszenierung keinesfalls mithalten können; und dass der Film mit einer ungeheuerlich supi Synchronisierung überzogen ist, deren Qualitäten sich am deutschen Verleihtitel von "Love Rebellion" ermessen lässt.

Am Ende wird der, der mit seinem drängenden Begehren über die anderen Körper stets zu verfügen gewohnt ist, sich per Pistole aufdrängen; und eine andere, die aus Liebe stets sich zurückgehalten und alles ausgehalten hat, wird plötzlich per Messer über sich selbst bestimmen wollen. Das kann nur Tote geben. Und ein paar, sagenwirmal, geläuterte Leiber.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Mai 2018: Car Chase und ein Pimp


Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 26. Mai 2018:

"Kesse Mary – irrer Larry" / "Auf Risiko ist kein Rabatt" / "Dirty Mary Crazy Larry", USA 1974, Regie. John Hough

"The Candy Tangerine Man", USA 1975, Regie: Matt Cimber

Außerdem:
"Alien, die Saat des Grauens kehrt zurück" / "Alien 2 – Sulla terra", Italien 1980, Regie. Ciro Ippolito

"Die nackten Vampire" / "La Vampire Nue", Frankreich 1970, Regie: Jean Rollin



Sorry. Wirklich, tut mir leid. Ich bitte aus tiefstem Herzen um Entschuldigung – ich habe seit Monaten keine Grindhouse-Nachlesen mehr hinbekommen. Was größtenteils an fehlender Zeit lag; nur teilweise daran, dass mich der eine oder andere Film nicht inspiriert haben. Naja, der Jess-Franco-Horrorkrimi "Der schreckliche Dr. Orloff" beispielsweise; immerhin von 1961, aber andererseits eben auch nur ein Jess-Franco-Horrorkrimi (obwohl der blinde Morpho halt doch was hat…)

Um meine Versäumnisse ein bisschen wiedergutzumachen, sei hier im Erinnerungsmodus auf ein paar bemerkenswerte Filme verwiesen – "Alien 2 – Sulla terra" etwa, auf deutsch "Alien, die Saat des Grauens kehrt zurück". Sein Science-Fiction-Horrorwerk geht Ciro Ippolito schamlos dreist an: Juristisch gesehen taufte er seinen Film in Anlehnung an einen uralten Roman – weshalb Hollywood aus irgendwelchen Quatschgründen nichts gegen den Alien-Teil im Titel unternehmen konnte; kurz, nachdem Ridley Scotts Meisterwerk rausgekommen war…

Tatsächlich spielt sich der Film vornehmlich in einer Höhle ab, nicht in der Höhe des Weltalls. Immerhin wird zu Anfang des Films kräftig auf die Ankunft einer Raumkapsel nach erfolgreicher Weltraummission gewartet. Deshalb interviewt ein Herr Interviewer im TV-Studio auch kräftig eine – ähm, ja: Höhlenforscherin, logisch. Die wird live im Fernsehen ohnmächtig, ihr Freund – mit Conchita-Wurst-Bart – weiß auch, warum: Sie hat wieder einen ihrer hellseherischen Anfälle, denn sie ist telepathisch veranlagt. Thelma hat auch noch was vor, sie trifft sich nämlich mit ihren Höhlenforscherfreunden in einer Kegelbahn (! – fragen Sie nicht), und dann geht's auch schon los, nachdem einer der Forscher noch in einem Laden Magnesiumstäbe gekauft hat, die aber den ganzen Film über nicht mehr auftauchen. Im Übrigen ist das alles eher so eine Art Wochenend-Ausflug, eine Höhlenparty vergnügungssüchtiger junger Leute.

Wir Geologen, Paläontologen und Troglodyten unter den Filmzuschauern kriegen das kalte Grausen, wie sie ohne Schutzhelme in die Höhle runtersteigen, wie sie respektlos an herrlichen Tropfsteinen rumturnen, und natürlich muss unsere Heldin zwischendurch ihre Brüste freilegen. Sie sieht zwar hell, aber nicht hell genug, um die Gefahr abzuschätzen, die von dem blauen Stein ausgeht, den sie gefunden hat und im Rucksack mit sich herumschleppt. Daraus schlüpft irgendwann so ein Alienteil, das die Höhlenmeute nach und nach niedermetzelt – mit schönen Effekten, weil das irgendwie auch alles Körperfresserqualitäten hat und aus scheinbar intakten Menschen durch die Augenhöhle das Alien rausbrechen kann. Später fliehen die Überlebenden weiter, weiter nach vorne, da sind dann auch so eine Art lebende Steine, die alienmäßig die Leute zerfleischen. Telepathisch kann unsere Heldin dann dieses Geschöpf mental sprengen. Um dann im desillusionierenden Ende zum eigentlichen Sinn und Zweck des Films vorzustoßen: Der besteht nämlich in der brillanten Idee, subjektiv den Alienblick aufzunehmen, während Thelma durch die verlassene Kegelbahn irrt: Die Kamera mit Fleischfetzen behängt blicken wir durch die Augen der menschenfressenden Apokalypsereiter.
Oder: "Die nackten Vampire" von Jean Rollin, eine surreale Phantasmagorie um, ja: um was eigentlich? Die Erinnerungen verwirren sich, Bilder rollen auf mich ein, ungeordnet, sich überlagernd, traumartig – äh Halt: Ich glaube, das ist doch genau der Film, wie er auf der Leinwand war. Ungeordnet, sich überlagernd, traumartig: Ein Forschungsinstitut mit Laboren, bunt beleuchtet und mit bunten dampfenden Flüssigkeiten, und Untersuchungen an jungen Mädchen, denen Blut abgezapft wird – von einem anderen jungen Mädchen… Ein mondäner Selbstmörderklub, alle merkwürdig maskiert, das hallt nach bis zu "Eyes Wide Shut"; drei gierige Geschäftsmänner, die sich eben jene junge Frau als Forschungsobjekt halten, die nämlich ist Vampirin, vielleicht glauben sie auch nur, dass sie Vampirin ist, vielleicht reden sie es ihr auch ein: Aus ihr jedenfalls soll Ewige Jugend springen, ihr Blut ist besonders (sagen die Herren), doch der Sohn des Oberbosses kommt mit ihr in Kontakt. Und sieht mehr als die Geschäftsmänner, sieht den Menschen in ihr, und wird hinübergezogen auf die andere Seite. Eine Armee von "anderen" dringt in das Schloss der Herren ein, und wir erkennen: Die anderen sind die Guten, die die Mächte des Alten, des Verkrusteten aufbrechen, und in einem Herrenhaus, vielleicht auch ein Theater, darf sich unser junger Held einschreiben für die Reise ins Anderswo, in die Unendlichkeit, in die Unsterblichkeit, wer weiß. Hochsymbolisch, tiefmetaphorisch, in unglaublichen Bildwelten, unausdeutbar – aber doch erstens recht deutlich, nämlich im Sinn von 68er-Befreiungsmythen, und zweitens sehr cool.
Von sich aus weniger inspirierend freilich war der zweite Beitrag in der aktuellen Mai-Grindhousenacht: "The Candy Tangerine Man" von Matt Cimber Ein Blaxploitation-Pimp-Movie aus Los Angeles (nein: nicht New York!), der im Vorspann stolz verkündet, dass die Nutten und Pimps frisch und direkt aus der Szene kommen. Im Mittelpunkt: The Baron, dessen Darsteller wir aus dem ein Jahr später erschienenen "Black Shampoo" kennen: Er fährt einen alten Rolls Royce, rot-gelb. Und putzt sich immer schön raus mit feiner Straßencredibilitätskleidung. Er hat Feinde bei der Polizei, die ihn wegen Rumpimpens austricksen und einbuchten wollen. Und bei der Konkurrenz, einem schmalen, weichlichen, großmäuligen, zugekokst lachenden Zusatzpimp, der unter der Fuchtel der Italien-Mafia steht. Der ist auch ein super Billardspieler, aber der Baron kann ihm trotzdem bei einem Spiel ein allzu junges Indianermädchen wegnehmen, setzt seinen Gewinn aber nicht lukrativ im eigenen Nuttenzirkus ein, sondern schickt sie im Greyhound-Bus nach Hause. Er ist nämlich ein Guter!

Zuvor hat er gezeigt, dass in seinem Auto 007mäßig Maschinengewehre stecken, mit denen er auf Knopfdruck Widersacher von der Straße ballern kann. Gleich danach wird er von der Polizei festgenommen wegen nix, und dann ist er wieder frei. Und als wäre das nicht genug, fährt er am selben Abend ins Grüne, entsteigt seinem überspannten Auto, zieht die überspannten Klamotten aus, gewandet sich in einem Anzug und fährt im typischen Wagen eines typischen Mittelklasslers in die typische Vorstadtsiedlung, weiße Häuschen mit reinlichem Vorgarten, wo die nette Gattin wohnt, die ganzwöchentlich ihres trauten Gatten harrt, der in der Stadt die langen und schwierigen Vertreterjobs innehat – denkt sie. Wir wissens besser, und wir sind voller Anerkennung für diesen großartigen Storytwist, dass der Baron in Wirklichkeit Ron heißt und ein Doppelleben führt. Und dass er sowohl der Oberpimp ist als auch der überaus liebevolle Familienvater. Beides. Gleichzeitig. Mit gleichem vollem Herzen.

Da ist dann ca. ein Drittel des Films rum, und es geht weiter mit dem Baron, mit den korrupten Bullen, den Mafiosi, immer wieder wird geballert, es wird auch eng, ein Devisenschwindel fliegt auf, die Sekretärin des Baron verschwindet, einige Freunde sterben, aber er weiß immer, was zu tun ist. Auch wenn seine Nutten eingeschüchtert werden, wenn ihnen die Titten abgeschnitten werden, er ist gut zu ihnen, weil er gut ist. Moralisch gut wie auch actionmäßig gut, er räumt auf und hat ja einen Rückzugsort, bei seiner Familie.

Das ist gut und schön, für sich aber denn doch auch nicht so total gut und schön. Da brauchts für einen wirklich gelungenen Abend noch ein Zusatzplus. Nämlich einen irren Larry, eine kesse Mary und einen getreuen Heinrich, bzw. Deke. Tatsächlich heißt der Film auf deutsch "Kesse Mary – irrer Larry", und der Wahnsinn – im Original "Dirty Mary, crazy Larry". Hört sich bescheuert an, trifft aber den Kern der Qualität des Films auf überraschend genaue Weise mitten ins Herz. Es geht tatsächlich in einer Art Non-Comedy-Variante einer Screwballcomedy um das komplizierte und komplexe Verhältnis zwischen besagter Mary (Susan George) und besagtem Larry (Peter Fonda), mit einer kleinen Zusatzkomplikation: Larry hat einen Supermarkt ausgeraubt und ist auf der Flucht, als sich Mary einfach so an ihn dranhängt, weil er zuvor mal eine Nacht mit ihr verbracht hat.

Man merke auf: Allein schon, dass sich der Zuschauer Gedanken macht über die Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und ihre Motivationen, sagt schon viel aus über die Qualität des Films. Dass Mr. Landis sich für seine Blues Brothers viel abgeschaut hat, kommt ihm ebenfalls nur zugute: Lange Flucht, Polizisten als Versagerverfolger, gar ein Sprung über eine sich öffnende Klappbrücke…

Und letztendlich, newhollywoodlike, ist das Ganze natürlich auch 'ne Art Generationenporträt: Warum die kesse Mary überhaupt bei der ganzen Chose dabei ist? "Ich hab nichts anderes zu tun."

Jetzt sitzt sie da, in seinem Auto, und er wird sie nicht mehr los. Sie ist offenbar verschossen in ihn und zeigt das, indem sie spielerisch rumzickt. Er zickt zurück, allerdings weniger spielerisch als aggressiv. Zeigt dabei aber sein breites Peter Fonda-Grinsen, das dem nicholsonschen Markenzeichen kaum zurückzustecken hat. Das macht sie umso heißer. Kampf als Flirt – schön und gut, aber vielleicht nicht gerade im Fluchtauto, oder?

Deke sitzt dabei und verdreht die Augen. Er ist Komplize bei einem hervorragend geplanten und konsequent ausgeführten Plan: Supermarktkasse ausrauben, indem der Boss kurzzeitig erpresst wird. Während Larry im Laden das Geld aus dem Chefbüro abkassiert, hat Deke beim Boss zuhause dessen Familie als Geiseln genommen. Mittels Kassettenrekorder am Telefonanschluss wird dann Zeit gewonnen, und wusch!. Gleich mal über eine Rampe und über ein paar Bauarbeiter, und dann geht er ab, der Larry! Denn er ist Rennfahrer. Und will sich mit dem Überfall das Startkapital für eine Karriere verdienen. Und da sieht man, wie wunderbar man Pläne schmieden und doch erstens den Über-, zweitens den Unterbau völlig vernachlässigen kann. Larry ist ja nicht maskiert oder so: Wie will er da in die Nascarserie einsteigen? Und wie will er unauffällig verschwinden, wenn er erstens bei jedem Truck, den er sieht, Gas gibt, um ihn in halsbrecherischen Fahrmanövern zu schneiden und auszubremsen und zweitens eine Spur an verunglückten Polizeiautos hinter sich herzieht, die er mit Karacho abhängt?

Der Plan an sich ist super: Über Nebenstraßen Richtung Staatsgrenze, und dort in einer riesige Walnussplantage, mit einem Straßennetz labyrinthisch durchzogen, die Bullen vollends abhängen. Nur halt die Details. Und die Ausführung. Weil Larry halt irre ist. Und Mary zu kess. Und Deke zu loyal.


Harald Mühlbeyer

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"Lustig" ist das "Zigeuner"-"Leben": Retrospektive Tony Gatlif, Hofer Filmtage 2017

51. Hofer Filmtage – 24. bis 29. Oktober 2017

Retrospektive Tony Gatlif 

Thorsten Schaumann
In diesem Jahr übernahm Thorsten Schaumann die Leitung der Hofer Filmtage. Seit ihrer Gründung bis – fast – zur 50. Ausgabe 2016 wurden sie von Heinz Badewitz geleitet; und dass die diesjährige Ausgabe sich ganz auf die Tradition einließ – inkl. Bratwurst und Fußballspiel –, nicht mit den vorherigen Jahrzehnten brach, auch und vor allem in der Filmauswahl einen ähnlichen Stil aufwies, bedeutet einerseits die starke Stellung, die Heinz Badewitz dem Festival erarbeitet hatte. Und andererseits, dass das Festival stärker ist als die Person, die im Frühjahr 2016 überraschend verstorben war. Die Hofer Filmtage gehen weiter; und glücklicherweise auch mit einer Retrospektive. Die Hof-Retros nämlich haben regelmäßig Filmemacher (neu oder erneut) ins Bewusstsein gerückt, die zumindest in der deutschen Rezeption im Abseits standen. Entdeckungen der Filmgeschichte sind hier zu machen – nicht notwendig in vollständigen Werkschauen, aber in Schlaglichtern, die das filmhistorische Bewusstsein erweitern.

Tony Gatlif
Nun war in letztem Jahr die Retro – geschuldet wahrscheinlich dem Interims-Leitungstrio um Schaumann, Alfred Holighaus und Linda Söffker – sehr einfallslos und mau ausgefallen: Fünf Filme aus fünf Jahrzehnten, das auszudenken und zu organisieren war sicherlich nicht allzu viel Arbeit. Verständlich: Die drei mussten sich erstmal überhaupt darauf konzentrieren, das Festival als Gesamtes zu stemmen. 2017 nun, da sich Schaumann auf das Festival einlassen und das rege Hofer Filmtage-Team ganz neu einspannen kann, ist sie gottseidank wieder da, die Retro. Diesmal mit dem französischen Filmemacher Tony Gatlif.

Gatlif – ich habe sogar einmal einen Film von ihm gesehen, 2002: "Swing". Eine meiner allerersten Pressevorführungs-Besuche. Ich wusste kaum mehr etwas von dem Film, bis ich ihn hier in Hof wiedersah. "Swing" enthält typische Gatlif-Elemente: Auf der ersten Ebene das Präsentieren der französischen Roma-Kultur; auf der zweiten Ebene läuft das dadurch ab, das ein "Nicht-Eingeweihter" in diese Kultur eingeführt wird. Drittens haben wir einen Durchwurschtler als Hauptfigur, einen Angehörigen der Roma, der sich das Leben, das er haben will, auf verschiedenen Wegen erschleicht. Und viertens wird all dies eng mit der Musik verbunden. Im Kontext von "Swing" sogar schon im Titel – der Name auch des Zigeunermädchens, um das es geht, mit dem der zehnjährige Max Freundschaft schließt: Max ist ein Gadjo, ein Nicht-Rom, der die Musik liebt, der sich über Swing eine Gitarre besorgt und bei Swings Onkel Miraldo Unterricht nimmt. Und dadurch so richtig initiiert wird.

Die Story ist einerseits die einer Freundschaft, warmherzig erzählt, dem Film-Standard "Letzter Sommer der Kindheit" entsprechend – zwischen Kindheit und Pubertät, zwischen Kumpelbeziehung und Liebe spielt sich das ab, was Max und Swing erleben. Andererseits ist die Story lediglich Aufhänger und roter Faden für das, was Gatlif tatsächlich will: Er will die Musik wieder ins Bewusstsein bringen, Meister wie Tchavolo Schmitt und Mandino Reinhardt – aus der weitläufigen Familie des Altvorderen Django Reinhardt: Die spielen sich weitgehend selbst, und in langen Passagen feiert der Film die Musik, wenn sich alle zum spontanen Fest versammeln, wenn der Wohnwagen angefüllt ist mit Musikern, wenn der Swing so richtig rüberkommt.


Ein anderes Element des Gatlif'schen Kinos findet sich in "Swing": Die Angstfreiheit vor dem Klischee. Denn wenn Gatlif seine Kultur zeigt, dann einerseits realistisch, mit all dem Dreck im Slum, dem Druck der Obrigkeit, dem Hass der Nicht-Roma, der Mehroderweniger-Klein-Kriminalität, der jahrhundertewährenden Geschichte von Unterdrückung, Vertreibung und Vernichtungsversuchen. Doch andererseits findet er auch immer wieder auf die Schiene des Märchenhaften, vor allem in den Abendszenen, wenn die Gemeinschaft am Lagerfeuer sich zu Tanz und Musizieren zusammenfindet – dann sind wir sehr nah dran am typischen Bild der Zigeunerromantik. Das ist zunächst nicht allzu schlimm – Woody Allens beste Filme baden im Klischee des New Yorker Judentums –; ist bei Gatlif aber mitunter beinahe schon störend.

Deutlich wird das in "Transylvania" aus dem Jahr 2006. Hier reisen zwei Freundinnen nach Rumänien, Zingarina sucht in Begleitung von Marie ihren Geliebten, einen Roma, der abgeschoben wurde. In Transsilvanien geraten sie in die Kultur von, was sonst, Musik und Tanz, in kleinen Kellerkneipen, in edlen Hotels, beim großen Festumzug. Der Traum von der großen Liebe zerplatzt schnell, auch die Gemeinschaft der Freundinnen zerbricht – und erst im Mittelteil kommt der Film so richtig zu sich, wird zu einem großen Erlebnis. Bezeichnenderweise, wenn die Musik aufhört. Denn Zingarina ist nun mit dem Durchwurschtler Tchangalo unterwegs, der sie aufgelesen hat. Er ist irgendwie Deutscher, Antiquitäten- und Goldhändler, wird gespielt von Birol Ünel; und im Team mit Asia Argento, die die französisch-italienische Zingarina spielt, ist er unschlagbar. Die beiden zusammen: Eine Amour fou on the road durch Transylvanien. Er ein Hallodri und Geschäftemacher, sie schwanger, verzweifelt und immer mehr wie eine gipsy woman angekleidet. Schmuck, bunter Rock, Kopftuch. Zwei, die nirgends dazugehören und deshalb zusammenfinden. Geschickt baut Gatlif die merkwürdige, ambivalente Beziehung der beiden auf, führt sie lange Wege über die Straßen, vom Sommer in den Winter; zwei Einzelgänger, die die Unabhängigkeit suchen, tun sich zusammen. Das ist stark inszeniert, mit situationskomischen Einsprengeln und dramatischen Emotionen – und die einzige Musik dabei: Wenn sie mal auf dem Rad dem Auto davonfährt und "Avanti popolo" singt; und wenn er ihr "seine" Musik vorführt, den deutschen Schlager: "Marmor, Stein und Eisen bricht". Ansonsten im Mittelteil musikfrei – und man kann sich wohltuend auf die Charaktere und ihren Weg konzentrieren.

In "Transylvanien" verpasst Gatlif zu Beginn die rechte Balance, was den Musikeinsatz angeht. Er selbst ist Musiker, schreibt den Soundtrack und spielt ihn oft auch mit ein – ohne Musik kein Film. In "Exils" von 2004 geht es denn tatsächlich um einen Musiker; freilich keinen Roma, sondern einen algerischstämmigen Franzosen – Gatlifs Vater stammt aus Algerien, die Familie ist nach dem Algerienkrieg nach Frankreich umgesiedelt. Genau darum geht es in "Exils", allerdings geht die Reise in die andere Richtung. Zano (Romain Duris) und seine Freundin Naïma (Lubna Azabal) beschließen eines nachmittags, nach Algerien zu reisen. Sie ist Nordafrikanerin, aber voll französisch erzogen. Naïma hört revolutionäre Musik, ein Rock-Techno-Agitprop-Misch, den Gatlif betextet und komponiert hat; Zano mauert seine Violine ein, er kann die Musik nicht weiterverfolgen, bevor er etwas über seine Vorfahren in Algier erfahren hat.
Die Reise geht los, und sie hangelt sich an musikalischen Zwischenspielen entlang. Mal eine Gruppe "manouches", mal Flamenco – ohne Geld über paar tausend Kilometer bis zu den Klängen Nordafrikas, wo in einer langen, hypnotischen Sequenz Musik, Trance und Selbstfindung zusammenfallen. Gatlif findet in "Exils" zu einem mitreißenden Roadmovie, zu einer schönen Liebesgeschichte, zum Clash und zum Finden der Kulturen – in Cannes erhielt er für den Film den Regiepreis.

Der Gatlif-Film, der mich am meisten beeindruckt hat, stammt allerdings aus dem Jahr 1982: "Les Princes", der früheste Gatlif-Film, der in Hof gezeigt wurde. Nara ist der Proto-Rumtreiber par excellence, um ihn spinnt sich – nein, keine Handlung, sondern Situationen des Lebens selbst. Wir tauchen tief ein in den Alltag der Roma, die in zerfallenen Wohnungen in zerfallenen Häusern hausen, stets bedroht von der Zwangsräumung. Auf der Straße steht ein Pferd, auf der Wiese voller Schrott spielen die Kinder. Man muss irgendwie durchkommen – mal hier Antiquitäten renovieren, An- und Verkauf von allem möglichen, gerne auch mal ein kleiner Diebstahl. Wichtig: Die Familie. Und: Das Überleben. Liebe – nur nach den Regeln der Tradition und der Ehre.

Nara hat seine Frau verstoßen, wohnt jetzt mit seiner Mutter und seiner Tochter; die Frauen haben wenig zu sagen, regeln aber hintenrum ziemlich viel. Die Mutter aber darf die Tochter nicht sehen. Ihr Vergehen: Sie hat zehn Jahre lang die Pille genommen und Nara nichts davon gesagt. Lüge und Vorenthaltung von Nachwuchs – das ist zuviel. Auch, wenn sie nur naiv dem Rat des Sozialamtes gefolgt ist. Mit ihren Brüdern muss Nara die Sache regeln. Sein Freund, ein Gadjo, ist Kumpan bei diversen kriminellen Aktivitäten – bis es Nara zuviel wird, und er zeigt, was in ihm steckt, auch über das fragile Konzept von Freundschaft hinaus. Nachts brüllt jemand auf der Straße nach seiner Beatice, die ihn verlassen hat, ein Verrückter, der zum Erscheinungsbild gehört. Einmal trägt einer ein halbes geschlachtetes Tier auf der Schulter durch die Gegend – Rind? Schwein? Pferd? –, Nara darf sich eine Scheibe davon abschneiden. Irgendwann rückt die Polizei an, Nara und Familie werden rausgeschmissen; und im letzten Drittel des Films geht es radikal um die Selbstbestimmung dieser Kultur. Naras alte Mutter macht sich auf, will zum Anwalt, jetzt reicht es. "Ihr seid Ratten, ihr müsst vertrieben werden!", ruft einer der Flics, als sie den Wohnwagen anzünden, in dem Naras Familie zwischendurch nächtigen. Sie sitzen auf der Straße, Mitleid und Unterstützung gibt es kaum, außer von den eigenen Leuten – aber die haben auch nichts. Der Weg zum Anwalt ist lang, vielleicht zu lang für ein Leben, für eine Generation; all die Last der Vergangenheit, der ständigen Repressionen, der Vernichtungsaktionen der Nazis, der Verdrängung lasten auf den Schultern. Das Höchste an behördlicher Hilfe: Zuweisung eines Lagerplatzes für die "nomades"; der entpuppt sich als die örtliche Müllkippe.

In einem Nobelgasthaus hat Nara ein Interview arrangiert mit einer Journalistin, der er die Situation schildern will; die aber, ganz engagierter Kulturmensch, interessiert sich vor allem für die Frage der Frau in der gipsy-Kultur. Ja sicher, angesichts des patriarchalischen Chauvinismus von Nara eine spannende Frage – aber nicht existentiell brennend für die, die am Abgrund stehen und von hinten geschubst werden. Erstmal muss überhaupt eine Lebensgrundlage geschaffen werden, bevor sich die Frage stellt, wie gelebt werden könnte oder sollte…
Ein unglaublich starker Film ist "Les Princes", der unversöhnlich von der Unüberbrückbarkeit erzählt, der die ganz eigene Kultur der Manouches vorstellt und dabei jeden Anflug von Zigeunerromantik unterlässt. Dafür äußerst detailreich das Elend beschreibt, ohne etwas zu beschönigen: Da hat sich die Retro gelohnt – von diesem Frühwerk ausgehend die Filmographie von Tony Gatlif zu erforschen.



Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juli 2017 - Blut am Freitag; auf einer Insel; und in einem unsinnig schlechten Film

Grindhouse-Triple-Feature:

"Blutiger Freitag", BRD/ITA 1972, Regie: Rolf Olsen

"Nove ospiti per un delitto" / "Neun Gäste für den Tod", ITA 1977, Regie: Ferdinando Baldi

"Samurai Cop", USA 1991, Regie: Amir Shervan


Banküberfall mit Geiselnahme – das war 1971 was ganz Neues. Großes Geld ganz auf die Schnelle, ohne Risiko, mit einer Polizei, die angesichts der neuen Brutalität völlig überfordert ist… Man braucht nur einen Plan, und den muss man präzise ausführen, das weiß Heinz Klett, der ganz genau ausgebaldowert hat, was die Gangster in der Prinzregentenstraße in München, in Köln, in Ludwigshafen alles vermasselt haben. Er und seine Kumpane werden es anders angehen!

"Blutiger Freitag" nimmt eine hochinteressante Perspektive an: Inspiriert vom Prinzregentenstraßen-Bankraub vom August 1971 bringt er eine Art Action-Aktualitätenschau ins Kino, nur wenige Monate nach der aufsehenerregenden Tat inkl. totem Räuber und toter Geisel – und er beleuchtet davon ausgehend die Trittbrettfahrer, die sich ein Beispiel nehmen an der Untat. Man muss es vor allem brutal angehen, dann glauben die Bullen, sie haben's mit Baader-Meinhof persönlich zu tun; und man darf nicht zimperlich sein, in jedem Kampf gehen Unschuldige drauf.

Rolf Olsen hat sich sofort nach der kriminalhistorischen Geiselnahme ans Drehbuch gesetzt, hat gedreht, hat seinen Film rausgehauen, und es wurde ein leider ganz unbekannter Kriminalklassiker des deutschen Kinos daraus. "Blutiger Freitag" – wie sehr Dominik Graf von diesem Film schwärmt in seiner Doku "Verfluchte Liebe Deutscher Film"! Mit Hochdampf fängt der Film an, mit Hochdampf geht es weiter, immer direkt am Tempolimit: Wir folgen Reimund Harmstorf in seiner Rolle als Heinz Klett, brutaler Straftäter und Berufszyniker, der vor nichts zurückschreckt. Mit zwei Kumpanen entflieht er aus dem Gerichtsgebäude, in das er von der U-Haft transportiert wurde, haut zwei Polizisten auf dem Klo zu blutigem Brei ("Ich knall dich hier auf dem Scheißhaus ab, du Drecksau!" – er lässt es sich nicht nehmen, stets noch ein paar demütigende Beschimpfungen draufzusetzen.) Zusammen mit dem Italiener Luigi und dessen Freundin Heidi will er eine Bank überfallen, das große Geld und danach die große Flatter machen. Heidis Bruder Christian, frisch von der Bundeswehr desertiert, stößt auch dazu, und um 15.15 Uhr geht es los: Eine Bank, zehn Geiseln, vier Millionen Mark Forderung und hunderte Schaulustiger auf der Straße. Maschinenpistolen und Handgranaten, Polizisten und Reporter, und bald der erste Todesfall: Ein Kind spielt mit einer der Handgranaten, ein Polizist wirft sich heldenmutig drauf, und ungeahnt blutige Gedärme fallen ihm nach dem Knall aus dem Bauch…

Olsen macht kein verzärteltes "Tatort"-Kino (und hätte er ein paar Romanzen-Motive rausgenommen, wäre der Film überhaupt nicht mehr zu toppen gewesen). Olsen zeigt the real thing, die Brutalität der Gangster, die Folgen dieser Brutalität, und in gewisser Weise auch die Ursache. Denn neben der spannenden Gangstergeschichte ist "Blutiger Freitag" auch ein Gesellschaftsporträt, in der die Abgehängten – oder die, die sich dafür halten – aufbegehren. Auf falsche Weise, aber irgendwo mit berechtigten Einwänden gegen und Ansprüchen an die Gesellschaft. Teilhabe am großen Kuchen, kein vorgefertigtes Leben in Büro und Ehe, kein Staat, in dem die Reichen schalten und walten, wie es ihnen gefällt, kein Staat, in dem das Kapital bestimmt. Klett und Konsorten haben sich ein kleines Sammelsurium an revolutionärem Vokabular angelernt, nachgeplappert von den politischen Oppositionskräften der Straßen, von den Studenten und auch von den Terroristen. Das ist einerseits reichlich hilfloser Ausdruck tief empfundener Ungerechtigkeit nach vorgefertigten Schablonen, das ist andererseits Rechtfertigung des eigenen bösen Handelns, indem es auf eine höhere Ebene des Gesellschaftskampfes gestellt wird – das hat aber drittens auch eine Wahrheit in sich: Denn wir sehen ja die Enge, die Tristesse der Nachwirtschaftswunderjahre, die Spaltung, in der der gestandene Bayer für die Todesstrafe plädiert, in der andererseits der pleitegegangene Bankkunde am liebsten bei den Geiselnehmern mitmachen würde: Heinz H. Hilbich, hippelig wie immer, spielt diese Witzfigur auf geradezu berührende Weise, ein kleiner Wurm mit einer bösartigen Frau und einem entfremdeten Kind, der hier seine Chance sieht, sich an Heinz Klett anzuhängen, ach, nehmt mich doch mit, ich tu, was ihr wollt!

Eine der Geiseln: Gila von Weitershausen, eine selbstbewusste Studentin und Tochter des Kaufhauskönigs der BRD, mit hohem Geldwert – und ihr Vater, der Oberbonze, hat sie alle in der Tasche, die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Politik. Bei solchen Leuten kann man die Gangster irgendwie verstehen, räsoniert der Einsatzleiter der Polizei… Und das ist quasi die Essenz dieses Films, ein Gesellschaftssumpf, aus dem die Heinz Klett-Faulgase hochsteigen, und es wird nicht zu stoppen sein, zumindest nicht im Kugelhagel der Maschinenpistolen.

Waren wir mit "Blutiger Freitag" filmisch direkt dran an der Wirklichkeit, so geht es mit "Nove ospiti per un delitto" ins Giallo-mäßig Irreale bis Irre. Der Film, der in Deutschland ursprünglich nicht rausgekommen ist und inzwischen auf DVD veröffentlicht wurde – daher nachträglich der Titel "Neun Gäste für einen Toten" – ist typisch. Wir hatten ja schon mal "Five Dolls for an August Moon" im Grindhouse, und dem können die neun Gäste eigentlich wenig hinzufügen: Zumal Mario Bava der bessere Regisseur ist, visuell zumindest, wenn auch nicht erzählerisch. Wieder haben wir eine einsame Insel, auf der die Reichen ihre Ferien verbringen, wieder werden sie einzeln abgemurkst. Das ist stylisch gemacht, ganz klar, das Haus ist schön modern, und es stehen allerhand Spielzeug-Gegenstände herum – ein Stehaufmännchen, Kugelstoßpendel, Geduldspiele: Sie zeugen symbolisch von der Sinnlosigkeit der Bonzenexistenz, in der Reichtum, Neid und Langeweile schon längst alle Gefühle abgetötet haben.

Interessant an dem Film ist die Entwicklung der Geschichte: Zunächst befinden wir uns in einer "Reich und schön"-Seifenoper, in der schmierige Charaktere querbeet miteinander rummachen, Seitensprung ist öffentlich, Untreue ist en vogue, und Gehässigkeit wird unter der Hand voll ausgespielt. Wir erleben neun Menschen, die sich selbst zuviel sind, die mit dem Alter kämpfen – das Haar wird dünn, das Gesicht faltig, und wahrscheinlich um sich ihrer Körper zu versichern laufen die Frauen in transparenten Kleidern mit nix drunter rum. Nymphomanie und Testosteron treffen auf Frigidität und Impotenz, Bruder hasst Bruder hasst Vater, die Frauen sind im Hyperverführungsmodus, und irgendwann geht eine – bunter, durchsichtiger Kleidung natürlich – auf die Terrasse, sie hat soeben einen Akt des Ehebruchs beobachtet, und wie aus dem Nichts und völlig überraschend und deshalb sehr witzig macht sie – neben dem Garten! – eine Dusche an und zeigt uns ihren noch recht ansehnlichen Leib!

Dann beginnen die Morde, ein Whodunnit, wie er im Buche steht, und irgendwie scheinen alle nicht so richtig das zu tun, was man im Angesicht einer Mordserie so zu tun pflegt, vielleicht sind sie alle tatsächlich verrückt, nicht nur die Hellseherin und die Tante, die besessen ist von einem Mord auf der Insel, der 20 Jahre zurückliegt… Immerhin hat der Serienkiller einiges drauf an Einfallsreichtum, was die Mordmethoden angeht: Da wird eine Frau mit Ankündigung durch einen Traum von der hohen Klippe gestoßen, da scheint eine andere zu schlafen, aber in Wirklichkeit liegt nurmehr ihr abgetrennter Kopf im Bett, ein anderer stürzt in eine Fallgrube, wird in ein Fischernetz gewickelt, mit Benzin übergossen und zur Explosion gebracht. Sex und Mord – die Giallo-Elemente sind hier voll ausgespielt.

Nun war dieser Abend ein warmer Juli-Sommerabend, und für warme Juli-Sommerabende hat sich die Tradition eingebürgert, die monatlichen Grindhouse-Doppelnächte zum Triple-Feature auszuweiten. Ein Glück für mich, war ich doch in den vergangenen Monaten terminlich verhindert und leide an heftigen Trashfilm-Entzugserscheinungen; und ein löbliches Ansinnen, kann auf diese Weise doch in einer einzigen Nacht ein beinahe repräsentativer Querschnitt dessen geboten werden, was innerhalb des Grindhouse-Labels möglich ist. Dazu gehört Krimikunst wie Sex&Crime, und dazu gehört auch das richtig schlechte Kino. Ein Kino, in dem nichts mehr zusammenpasst, in dem die Story zusammengestoppelt ist, in dem die Handlungen unmotiviert sind, in dem Darstellung, Kamera, Schnitt, Musik, kurz: alles, was einen Film zum Film macht, nicht einmal mehr unterrepräsentiert, sondern überhaupt nicht vorhanden sind. Ein solcher Film ist "Samurai Cop", eine Direct-to-video-Produktion von Anfang der 1990er im Gefolge der "Lethal Weapon"-Reihe.

Hier herrscht nicht einmal mehr Lustlosigkeit vor, sondern vollkommenes handwerkliches Nichtkönnen. Dies ist natürlich der Grund, den Film anzusehen, und tatsächlich hat "Samurai Cop" eine ansehnliche Anhängerschaft versammeln können, schlicht, weil er so schlecht ist, dass es kracht. Andererseits: Was soll man über einen Film sagen, wo schon die Kamerawinkel so bekloppt mies sind, weil keiner je was von Blickachsen gehört hat, wo die Schauspieler nichts tun können als immer gleich gucken, und wenn sie gucken, dann auch noch in die falsche Richtung, wo Schmalhans Ausstattungsmeister war, wo die Filmmontage genau die falschen Schnitte setzt, zur falschen Zeit und am falschen Filmmaterial, wo die Essenz, die Botschaft im Befehl des Hauptkommissars liegt: "Kill them all!", die Bösewichter nämlich, wo ohne Sinn und Verstand geprügelt und geschossen wird, und schön gestorben natürlich auch.

Und wo der Hauptdarsteller – Matt Hammon hat sonst eigentlich nix mehr gemacht, lebt wahrscheinlich von der Tatsache, in diesem legendären Film mitgespielt zu haben –, wo der Samurai Cop mit Silberblick und unermesslichem Schlag bei den Frauen (die sich gerne ausziehen und ihre Hintern im Stringtanga zeigen), wo dieser Haudrauf-Cop mit seinen langen, schön gefönten Haaren immer mal wieder eine Perücke (!) aufhat, einfach deshalb, weil er nach den Dreharbeiten beim Friseur war und dann doch noch, wen wundert's, für Nachdrehs eingesetzt werden musste. Die freilich haben den Film nicht verbessert. Bzw. doch: Weil durch diese ausgedehnten Perückenszenen der Film genau über das Maß gezogen wird, das von "schlecht" zu "schon wieder unterhaltsam" führt. Weshalb man "Samurai Cop" mit gutem Vergnügen ansehen kann. Aber nicht muss – im Gegensatz zum noch schlechteren und deshalb noch besseren Nazi-Rocker-Martial Arts-Quatsch "MadFoxes".


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Januar 2017 – Der Zug, der nicht anhalten konnte, und die Aliens, die Spielzeug waren

Cinema Quadrat, 28. Januar 2017:

"Shinkansen daibakuha" / "Panik im Tokio-Express" / "Killer Train – Höllenfahrt ins Jenseits" / "Bullet Train", Japan 1975, Regie: Junya Satô.

"Sûpâ robotto Maha Baronu" / "Roboter der Sterne", Japan/Taiwan/Hongkong 1974, Regie: Koichi Takano.


Vor ungefähr 20 Jahren lief da dieser eine Film in den Kinos, großer Erfolg, na, wie hieß er noch? Ach ja: "Der Bus, der nicht anhalten konnte"! Da fahren die und dürfen nicht langsam sein, weil sonst explodiert's. Und jetzt pass auf: Ungefähr 20 Jahre vorher lief ein Film in den Kinos, der hieß, na, "Der Zug, der nicht anhalten konnte", oder so ähnlich. Beziehungsweise "Panik im Tokio-Express". Von 1975. Es geht darum, dass die nicht langsamer fahren dürfen, weil sonst explodiert's.

Die Japaner! Das Spannungskino haben sie drauf, wahrscheinlich, weil sie "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn Pelham 123" gesehen haben. Und so legen sie hier einen ganz straighten Thriller vor, und das in Überlänge von zweieinhalb Stunden. Gütezeichen: Kommt einem nicht so vor. Klar ist manches ein bisschen billig inszeniert. Zum Beispiel die Rückprojektionen, die eine Zugfahrt simulieren. Aber andererseits hat Hitchcock in dieser Disziplin auch versagt, wie in seinen diversen Filmen seit Ende der 50er zu besichtigen ist… Oder die Panik der Passagiere, die immer ein bisschen zu gewollt ist und wo man sieht, dass die Statisten halt nicht die besten Schauspieler sind.

Aber andererseits ist der Film sehr schön aufgebaut: Wir haben den Zug, eine Art Proto-ICE, der von Tokio nach Hakata rast und immer über 80 km/h bleiben muss. Wir haben die Eisenbahnbehörde mit ihrem tollen Kontrollraum, wo an den Wänden mit blinkenden Lichtern die Positionen der Züge angezeigt werden. Wir haben die Polizei, die alles tut, um die Erpresser zu ermitteln; auch die Passagiere dem Risiko des Todes aussetzen. Und wir haben die Verbrecher, und deren Boss bekommt als einziger im Film eine Backstory verpasst, die mehr ist als seine Handlungsfunktion. In Rückblenden bekommen wir sein Schicksal mit, der Verlust seiner Firma, der drohende Bankrott, die Scheidung, und seine jungen Freunde, zwei Männer, die er bei sich aufgenommen hat. Und nein, dass die drei irgendwie schwul sind, wird nie behauptet! Und selbst wenn das im Subtext aufscheinen würde: Es wäre nicht schlimm, wird nicht verteufelt. Nein, das ist ein armer Hund, und Menschenleben will er auch nicht aufs Spiel setzen.

Zwischen Eisenbahn und Polizei gibt es feines Kompetenzgerangel – Kompetenz weniger im Sinne von "Zuständigkeit" denn von "Fähigkeit". Die einen zeihen die anderen der Inkompetenz, die Ziele sind eben auch unterschiedlich zwischen Rettung und Verbrechensbekämpfung. Und zwischendurch bekommt der Film seine besondere Kraft durch die Dynamik, die sich ergibt, weil diese beiden Institutionen des Guten trotz ihrer Gegensätzlichkeiten zusammenarbeiten müssen. Die Polizei ermittelt auf ihre Art, via Fingerabdrücke, Beschattung, Zugriff. Die Eisenbahner versuchen, das Versteck der Bombe im rasenden Zug herauszubekommen, mittels Hochgeschwindigkeitsfotographie: Kameras filmen von unten den über eine Brücke brausenden Zug…

Ja, ein guter Film, ein echter Thriller, kaum trashig, dafür Hochgeschwindigkeitsaction, aus der man Blockbuster stricken kann.

Der zweite Film des Abends: Ebenfalls asiatisch. Allerdings: völliger Blödsinn. "Roboter der Sterne" ist ein Zusammenschnitt einer Fernsehserie, aufbereitet für den Kinoeinsatz in Japan und, seltsam genug, in Deutschland; sonst nirgendwo auf der Welt. Und so hören wir Robert De Niro, wie er hier Kai spricht, der Held dieser abstrusen Geschichte von Weltallrobotern und irdischen Gegenrobotern, die sich im Bermudadreieck bekämpfen. Nichts mit "Du laberst mich an", siehe ein Jahr später. Sondern: "Macht sie fettig!" Das ist der Kampfruf der Guten, die in ihrem unterseeischen Versteck immer wieder ausfahren mit U-Booten und Kampffliegern und als Wunderwaffe einem Riesenkampfroboter, um die Bösewichter zu bekämpfen. Dieser Superroboter heißt "magischer Ballermann", weil auf seinem Gürtel die Initialen "MB" stehen; muss man ja irgendwie übersetzen. Die außerirdischen Schurkenfeinde sind dafür verantwortlich, dass im Bermuda-Dreieck Schiffe und Flugzeuge verschwinden, und der Herrscher der Galaxie will die Erde untertan machen und hat dafür Haare am Kopf, die meterweit ins All hinausragen und immer wieder von anderer Farbe sind.

Eigentlich scheint das ein Kinderfilm zu sein. So albern sind die Bilder und Geschichten: Sie könnten das sein, was sich im Kopf eines Fünfjährigen mit zu viel Plastikspielzeug im Kinderzimmer zusammenfantasiert. Wenn er seine Pillen nicht, bzw. die falschen, bzw. zu viel genommen hat. So schön bunt das alles ist, und so sehr im Deutschen die Synchro sich bemüht, noch mehr Quatsch auf den Zuschauer abzudrücken (insofern ist sie in diesem Fall kongenial): Irgendwann kommt ein Polizist angeflogen(!) auf seinem Motorrad (!), an das er einen bunten Luftballon gebunden hat (!). Und die Guten werden immer wieder angegriffen von den Außerirdischen auch an Land, und zwar von einer Mannschaft von American Football-Spielern. Wohlgemerkt: Das sind alles Schlitzaugen hier! Christian Brückner, der De Niro-Sprecher, sondert ähnlichen Sprachmüll ab wie seine Kollegen, und irgendwann werden seine Flugpilot-Kameradin und deren Geschwisterchen von den Bösen entführt, weil, und das ist wohl die Haupthandlung, die Aliens aus einem Bergwerk irgendein Erz brauchen, und die Guten unter Führung des Professors und unter Mithilfe von Kai in seinem Roboter müssen kämpfen, was das Zeug hält, und übrigens kann der Roboter seine Fäuste schleudern, aber die Feinde haben immer neue Roboter, und die sind auch unbesiegbar wegen dem Erz aus dem Bergwerk, und der Professor stirbt, aber mit Deltastrahlen kann er wieder auferstehen, und ach, es ist schade, ich habe all die Sprüche im Film nicht mitgeschrieben, die Kai in seiner Kiste und all die anderen Futzis so von sich geben, man müsste den Film nochmal sehen aber andererseits nee, doch lieber nicht.



Harald Mühlbeyer