Grindhouse-Nachlese Mai 2019: "Maniac Cop" und "Patrick"


Grindhouse Double Feature, 18. Mai 2019, Cinema Quadrat Mannheim:

 "Maniac Cop", USA 1988, Regie: William Lustig

 "Patrick", AUS 1978, Regie: Richard Franklin


Maniac Cop
Zeit, einmal nachzudenken über den Begriff des Reißerischen. Der begleitet ja die Trash-/Grindhouse-/Exploitationfilme seit jeher, ja, macht sie per definitionem aus. Was wird beim Reißerischen gerissen? Die Latte? Das wäre ja schon fast schlüpfrig, aber vielleicht kommen wir gerade so drauf: Ist das Reißerische das, was auf unsere "niedrigen Instinkte" zielt? Das Voyeuristische, das Gewalttätige, das ansonsten Tabuisierte macht natürlich das Grindhouse-Kino aus. Aber eben in unterschiedlichem Maße. Und Tarantino nimmt das auf, und es ist Kunst. Oder Kurosawa. Oder Scorsese. Oder Melville. Oder Bergman. Gewalt – oder auch Sex – sind also nicht per se Kennzeichen des Reißerischen, des Exploitativen, eher, sagen wir, der Selbstzweck – auch so ein Schlagwort fürs Grindhouse-Kino. Selbstzweck: Ist nicht alles, was in einem Film vorkommt, Selbstzweck: Bezweckt nichts anderes, als in genau diesem Film vorzukommen? Mit dem Genaunehmen der Begrifflichkeiten kommen wir wohl nicht weiter. Selbstzweck: Das ist also das Aufnehmen eines Motivs – nackte Brüste oder blutig zerstückelter Torso – in den Film mit keinem anderen Zweck, als den Zuschauer aufzugeilen: Sexuell oder in sonst einem Begehren: Nach Männlichkeit, nach Befriedigung seiner Gewaltfantasien. Freud kommt auf: Eros und Todestrieb, konzentriert und gebündelt im Ausbeutungsfilm.

Selbstzweck: Wer definiert das? Der Zuschauer. Aber wohl kaum der Zuschauer, der dem Selbstzweck, also der Befriedigung seiner libidinösen oder brutalen Triebe, erliegt. Der "mündige", der "aufgeklärte" Beobachter. Ist das gleichzusetzen mit dem Sittenwächter? Zensurgeschichtlich auf jeden Fall. Was da oftmals mit hanebüchenen Begründungen angemahnt oder gar verboten wurde… (Ich bin glücklicher Besitzer der "6000 Filme", die die katholische Filmkommission in den 50ern bewertet und oft genug verworfen hat…! Von der FSK in den 80ern gar nicht zu reden.) Aber zum Glück gibt es auch zugewandte Beobachter: Die innerlich mitgehen und geistig sich distanzieren, die begutachten, analysieren, bewerten. Die sich mit den Filmen beschäftigen. (Ich selbst bin da nur ein kleinstes Licht…) Man kann sich erfreuen, seinen Trieben freien Lauf lassen, ist schließlich alles schön fiktiv und auf die Leinwand gefesselt; und kann dabei drauf schauen, was das Gesehene filmisch ausmacht: Filmgeschichtlich, genrespezifisch, zeitgeistlich.

Wenn nun der Selbstzweck, wie vage auch immer, auf das Zeitgeistliche verweist – beispielsweise Blaxploitation auf die Bürgerrechtsbewegung, Sexploitation auf die Liberation der Libido, Nazisploitation auf den Muff von tausend Jahren unter den Talaren –, dann ist er plötzlich kein Selbstzweck mehr, sondern so eine Art soziologischer Seismograph. Ex negativo, von mir aus.
Knochenbrecher
Der Punkt ist: Es ist nicht so einfach mit dem Reißerischen, dem Selbstzweck, dem Grindhouse. Wobei andererseits: Die Filme, die im April im Cinema Quadrat-Grindhouse-Double-Feature liefen, die waren denn doch eindimensional. Unterhaltsam, das sicher: Aber in "Monkey Kung Fu" (aka "Hurra, die Knochenbrecher sind da", Hongkong 1979, Regie: Mar Lo) ist Handlung auf alle Fälle wurscht.  Es geht halt vor allem um höchst akrobatische Martial Arts, die direkt aus dem Zirkus stammen könnten – Affentechnik meets Geier- und Betrunkenenstil, wenn zwei aus dem Gefängnis Ausgebrochene es mit dem Gibbon-Clan aufnehmen: Das hat was von der guten alten "Robert und Bertram"-Story, wobei Obacht: Die Millowitsch-Torriani-Filmversion unbedingt meiden, und die von 1939 ist der Versuch einer antisemitischen Propaganda-Komödie; bemerkenswert unlustig noch dazu…
Grausame Leichen
Und mit "El jorobado de la morgue" (aka "Die Stunde der grausamen Leichen", Spanien 1973, Regie: Javier Aguirre) hat Paul Naschy – Drehbuch und buckliger Hauptdarsteller – einen billigen Frankenstein-Abklatsch gedreht inklusive brennender Ratten und einem per Menschenfraß gentechnisch kreierten Urzeitmonster, das aussieht wie ein in Gummi gewickelter Komparse. Interessant: Spielt im bayrischen Flecken Feldkirch, wohl, weil Frankenstein persönlich ja aus Ingolstadt kam… Ansonsten aber halt doch eher Wegwerfware, bzw. Guck- und Genieß- und Abhak-Ware. Im Vormonat waren Grusel und Kung Fu tatsächlich Selbstzweck. So wie Zirkus oder Geisterbahn auch nichts anderes bedeuten wollen als sich selbst.

Ganz anders dann im Mai. Da haben wir zwei Filme mit Untoten, die eigentlich doch keine sind. Untote sind ja die Fantasiegestalten, in die der Filmemacher ungefähr alles reinprojizieren kann. Hier aber: Nur scheinbar tot! Das macht das Ganze schon mal interessant. Und dann haben wir eben in "Maniac Cop" von William Lustig eine junge, schöne Frau in einem durch und durch verkriminalisierten New York, und sie kann sich gegen zwei puertoricanische Handtaschenräuber mit aller Kraft wehren und rennt dann auf einen Uniformierten zu: "Officer, Officer!", das sind ihre letzten Worte. Mit ungeheurer Kraft nimmt der ungeheuer große Polizist sie am Hals, hebt sie hoch, sie ist tot. Das ist der Anfang einer heftigen Mordserie, die die Stadt erschüttert. Und weil ein Cop – der weiße Schnurrbart zeigt seine Erfahrenheit an – ahnt, dass ein echter Polizist der Täter ist, leakt er das an die Presse. Und eine Ebene der Medienreferenzen tut sich auf, denn nun kommen die Toten in den Nachrichten, und alle Welt fürchtet sich vor allem, was uniformiert ist. Eine Hysterie, die in Einklang steht mit der filmisch etablierten Atmosphäre eines New York im Ausnahmezustand, zwischen Verbrechen und Polizeigewalt: Der Film stammt aus den 80ern, als alles versucht wurde, den Big Apple von bösen Würmern zu säubern, mit einer heftigen Null-Toleranz-Politik, in der kleinste Vergehen heftigst bestraft wurden. Was sich freilich rückwirkt auf die Befindlichkeiten, dieser Film zeigt es, und er legt den Finger in die Wunde: Die Verunsicherung in den Reihen der Polizei ist nicht geringer als die Verunsicherung der Bevölkerung, weil nie klar sein kann, aus welcher Ecke das Kriminelle kommt.

Dann werden plötzlich Szenen einer zerfallenden Ehe gezeigt, ein Polizist, groß genug, um der Mörder zu sein, wird von seiner Frau (im Nachthemd) durch die Straßen verfolgt, weil sie ihm nicht traut – bzw.: Weil sie ihm alles zutraut. Und dann, lediglich: Eine Affäre, in einem billigen Motel. Wütend zieht die gehörnte Ehefrau ab, und dann wird sie von bekannt muskulöser Hand in einen Wagen gezogen. Und tags drauf tot im Motelbett gefunden. Und die Polizei, die schnelle Aufklärung liebt, mehr noch als die Wahrheit, die hat den gefunden, den sie als den Killer hinstellen kann. Nur ist da noch besagter erfahrener Cop. Und eine Frau mit Gehkrücke. Und am Pier 14 dieser Hüne, der rachsüchtige Bösewicht. Und so spitzt sich alles zu, ein ganzes Polizeirevier wird massakriert, die St. Patricks-Parade beinahe zur Killerkatastrophe – das ist alles zwar in B-Film-Manier gefilmt, aber herausgesogen aus den Straßen von New York, nicht unähnlich dem "Taxi Driver", Urbild des Stadtgewaltfilms.
Am Ende dann ein erstaunlich großartiger Stunt, ein Gefängniswagen der Polizei fällt mitsamt durchstoßenem Killer und dem Helden auf dem Trittbrett in den Hudson River, und nein: Das ist keine Puppe, die im Stürzen vom Auto abspringt, das ist ein tatsächlicher Mensch! Doch gerettet ist erstmal niemand, die Unsicherheit geht weiter im Hinweis auf das Sequel, das Lustig denn auch pflichtschuldig zwei Jahre später drehte.

Was nun erhebt "Maniac Cop" über die "Knochenbrecher" oder die "grausamen Leichen" des Aprils? Nun: Lustig legt seinen Film, so wahnsinnig er sein mag (der Bösewicht, ein Ex-Polizist, der in Sing Sing beinahe hops ging und nun, nach seinem Nahtod, übermenschlich wirkt!), er legt seine Fantasie über die urbane Gewalt getrost in die Welt, wie sie wirklich ist. Die Realität schimmert durch, hinter der Polizeifilm meets Horror-Fiktion. Eine Philosophie wird sichtbar, krude vielleicht, oder vage, aber fatalistisch genug, um wahrhaftig zu wirken und die Menschen anzusprechen.

Wobei Lustigs "Maniac Cop"-Überbau noch gar nichts ist gegen den Australier Richard Franklin, dem es in "Patrick" 1978 gelingt, die "Tommy"-Story der Who ins Grauen zu überführen und dabei "The Shining" vorwegzunehmen.
Ein tauber, stummer/dummer, blinder Junge liegt im Krankenhausbett, völlig karthatisch, ohne sichtbare Regungen, scheinbar ohne Sinneswahrnehmung. In einem ruhigen Land der Vibrationen hat er Gedanken, so kühn, wie Gedanken nur sein können: Die Krankheit wird sicherlich seinen Verstand erreichen, und er spielt zwar nicht Flipper, aber dafür mit allen Gegenständen, die seine Gedankenmacht erreichen kann. "Patrick", so der Filmtitel, ist ein Telekinesefilm, das ist ja schon mal selten. Ein Film, der reingeht in die Gedankenkraft seiner Titelfigur, die die allermeister Zeit reglos, mit weit geöffneten Augen, im Krankenhausbett liegt. Und die dennoch ihre Umgebung manipuliert. Wie, glaubst du, macht sie das? Ich weiß es nicht!

Ihn sehen, ihn fühlen, ihn berühren, ihn gar heilen: Das funktioniert nicht. Die neue Krankenschwester Jacquard tut ihr Bestes, ist einfühlsam, streichelt Patrick die Wange. Mit dem Ergebnis, dass er spuckt. Seine Art der Ejakulation, wie man annehmen muss. Seine einzige Art, sich auszudrücken. Das aber, aus Zuneigung (oder Begierde? Oder Obsession?), sehr deutlich: Denn Schwester Jacquard gelingt es tatsächlich, mit dem komatösen Patienten zu interagieren. Einmal spucken: Ja. Zweimal spucken: Nein. Und dann tippt die Schwester auch noch in Trance seine Gedanken auf die Schreibmaschine…

Was hier, in der schnellen Zusammenfassung, krude und durcheinander wirken mag, entwickelt der Film mit langsamer, zwingender Stringenz. Und genau das macht ihn aus: Wie er einerseits den privaten Trouble der Krankenschwester zeigt, die sich von ihrem Mann getrennt hat und sich einem Playboy-Arzt zuwendet – und die andererseits ihre Pflicht tut bei den täglichen Schichten mit dem Patienten Patrick, der reglos und anscheinend hirntot dahinvegetiert, seit drei Jahren. Zuvor, am Anfang des Films, das Schockerlebnis für ihn: Die Mutter, die mit einem Mann rummacht, ohne an Patrick im Nebenzimmer den kleinsten, lusttötenden Gedanken zu verschwenden. Der daraufhin den beiden in der Badewanne den Garaus macht. Und sich in sich selbst verschließt. Vermutlich, der Film legt es nahe, in ultimativem Narzissmus. Vielleicht aber auch das Opfer langjähriger Vernachlässigung? Oder das Böse an sich?
Keine Heidi weit und breit.
Patrick jedenfalls, der weder Körper noch Geist mehr ist, begehrt seine Krankenschwester. Und manipuliert per Gedankenkraft ihr Leben, vor allem ihr Liebesleben. Ihr Liebesleben zwischen zwei Männern, anderen Männern als Patrick: Das ist das Problem. Psychoanalytiker sollten sich diesen Film mal vornehmen, da haben sie wahrscheinlich alles, was Freud sich jemals hat träumen lassen! Wo William Lustig die Ängste und Unsicherheiten veräußerlicht, da setzt Franklin ganz auf das Innerliche: Die Kraft des Verstandes, geschärft, weil nichts anderes mehr funktioniert, dahingehend, dass mit dem Geistigen physische Aktionen möglich sind. Den Playboy-Arzt im Swimming Pool unter Wasser festzuhalten. Oder dem Ex-Mann die Hände zu verbrennen. Oder Schreibmaschinenbuchstaben zu bewegen. Oder. Oder. Oder. Es steigert sich, das hat ein Film so an sich. Aber es ist von Anfang an Unheimlich – auch das im freudschen Sinne: un-heimelig –, und zusehends werden menschliche Verhaltensweisen von Mitgefühl oder Nächstenhilfe unterwandert und subversiv abgetragen. Nicht nur, weil Patrick bei der Liebe der Krankenschwester Agape mit Eros verwechselt, bewusst, wie einem scheinen kann, auch, weil die Oberschwester gleich zu Anfang klar macht, wie fräuleinrottenmeyerhaft kaltblütig sie ist, sich ins Privatleben einmischt und alles andere als barmherzig handelt.
 
Und wenn diese Oberschwester in ihrer roten Tracht vor grün gemustertem Teppichboden von oben gefilmt wird, wie sie versucht, in Tommys, Verzeihung: Patricks Krankenzimmer einzudringen, dann hat das was von den labyrinthischen Fluren des Overlook Hotels. So, wie Patricks starre Augen die von Alexander DeLarge sind, während der hirnzerfressenden Ludovico-Therapie.

"Patrick" hat nichts Grelles. "Patrick" ist wie Patrick: Scheinbar bewegungslos, aber mit größter Wirkung. Das hat der Film dem "Maniac Cop" voraus, der auch mal auf seine heftigen Szenen setzt, auf das krasse Zeigen von Gewalt und auf die Action. Was ja klar ist, weil es sich um einen Killer-Thriller handelt.


Was kann dies alles nun aussagen? Kommen wir weiter in unseren Überlegungen? Klar ist, dass die Filme des Mai-Grindhouse-Abends, ihre je eigenen Philosophien haben. Sind die auszuformulieren, in Worten? Oder nur in Film auszudrücken, in einer Form, die interpretativ unklar bleibt und doch Ahnungen hervorruft? Vielleicht ist das ja das Geheimnis, das die Grenze zwischen Trash aka Selbstzweck und B-Movie aka verkanntes Kunstwerk ausmacht: Dass das Reißerische auf der anderen Seite nur die Hirnareale aufreißt, die sonst für Körpersäfte zuständig sind, für Blut- und Spermafluss, und die im Sinne des Kultur- und Zivilisationsprozesses besser unterdrückt bleiben. Und bei Filmen der "höheren Kategorie" wird das Hirn rechts- und linkshälftig aufgerissen, zueinander gedrückt, ineinander verschoben, so dass sich Assoziationen ergeben, die das Psycho- und Philosophische erreichen, zumindest ansatzweise, zumindest… Die etwas aussagen über den Menschen, über das Böse und über das Gute, das über Banalitäten hinausgeht: Eben nicht hanebüchen zwei Holzstücke zusammenfügen, um weitere Bösewichter vermöbeln zu können, wie im Hongkongaprilfilm, oder einen Mad Scientist den buckligen Diener schöne Frauen killen lassen wie im Paul Naschy-Vehikel. Sondern, ob gewollt oder nicht, etwas aussagen über die conditio humana: Im New York der Dauerkriminalität oder im Spinnennetz der menschlichen Beziehungen, auch, wenn die rein über Gedankenkraft gelenkt werden.
A bsoffene G'schicht:
Unbemerkt aufgenommenes Selfie des Autors
beim Verfassen dieses Textes.

Und dabei nicht allzu laut werden. Das "Zuviel" vermeiden. Das "Zuviel" ist ja ohnehin ein Schlüssel in mehrerlei Hinsicht: Zu große Ambitionen des stümperhaften Regisseurs, zu nackig, zu blutig, zu eklig, zu wenig von allem – das kann alles eine Rolle spielen, jenseits von allem Inhaltlichen. Wichtig bei der hingebungsvollen Beurteilung ist eben auch: Die handwerkliche Fertigkeit der Filmemacher. Ein Knallophag wie das März-Filmdebakel "Dolemite" ist zwar höchst vergnüglich – sagt aber, trotz seiner Bemühungen, herzlich wenig über die Black Community aus. Aber andererseits ist ein High End-Produkt, das super aussieht, vom Reißerischen nicht weit weg. Ich sach mal: Star Wars.
Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese März 2019: "Dolemite" und "Hi-Riders"


Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 30. März 2019



"Dolemite", USA 1975, R: D'Urville Martin


"Hi-Riders – Jungs lasst die Fetzen fliegen" / "Hi-Riders", USA 1978, R: Greydon Clark


Dolemite – ja, da klingelt's! Im Jahr 2010, da gab es eine ganze Doppelnacht mit Rudy Ray Moore; von den Filmen selbst weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr viel (könnten also auch nochmal laufen im Grindhouse Double Feature…), aber der Körper, dieser Körper von Mr. Moore: irgendwie vollkommen unproportioniert, zu dick, mit Plautze und Brüsten, ein ungestalter Leib, der so gar nicht zu dem passen will, was Moore darzustellen vorhat: Ein ladies' man, ein Pimp, dem die Weiber freiwillig zu Füßen liegen, ein hartgesottener Ghetto-Bursche, ein Kungfu-Kämpfer vor dem Herrn…

"Dolemite" war sein erster filmischer Versuch. Ziemlich vollkommen missglückt. Gerade deshalb sehenswert: Man muss ja auch gerade im retrospektiven Blick das Scheitern schätzen lernen können. Gleich in der ersten Szene, Dolemite sitzt im Gefängnis und hat seine Mitgefangenen offenbar schon lange zu Kumpels gemacht, da ist oben links was zu sehen, ziemlich direkt vor der Kamera, wahrscheinlich 'ne Lampe oder so, irgendwas Filmtechnisches vom Drehort auf jeden Fall. Später, das ist mit das Lustigste, redet Dolemite mit einem Junkie auf der Straße, und unten rechts hockt der Tonmann mit seinem Mikro – und man sieht ihn!!! Es war wohl tatsächlich so, dass Kameramann Nicholas Josef von Sternberg – jawoll: Sohn des Josef von, der Marlene Dietrich zu der machte, die sie war! –, dass dieser junge Filmenthusiast überhaupt nicht wusste, wie eine Filmkamera funktionierte, weil er wie die Jungfrau zum Kind zu dem Job gekommen war, und so hat er das Bild zu sehr aufgezogen und man sieht Mikros, Beleuchtung und alles das, was eigentlich ausgespart bleiben sollte…

Wobei dies ja nur ein handwerkliches Versehen ist. Kann passieren, wenn Amateure einen Film drehen. Und Amateure warense wohl alle, die bei "Dolemite" mitgemacht haben, Amateure im Filmbereich zumindest. Rudy Ray Moore, Mastermind hinter diesem Film, wiederum war durchaus Profi – Profi im Bereich von Underground-Standup-Comedy, der schon einige Tourneen und einige Platten hinter sich hatte. Und der in den Jahren zuvor die Dolemite-Figur erschaffen hat, als Plattform für komische, gereimte Stories, die er aufgeschnappt hat und die er nun aufpeppt, eine Art Oral History schwarzer Urban Legends; so 'ne Art Proto-Rap-Speech. Man muss also verstehen: Dolemite, die Figur, und "Dolemite", der Film, sind uneigentlich gemeint, als nahezu parodistisch konzipiert, komisch gemeint. Nur, dass diesem ersten Film – im Gegensatz zu "The Human Tornado", dem Nachfolger – es nicht so recht gelingen mag, die ironische Ebene rüberzubringen. Weil er halt viel zu läppisch daherkommt, als dass man irgendwelche Feinheiten erkennen oder gar nur vermuten könnte.

Handlung: Nullachtfuffzehn. Dolemite war zwei Jahre im Knast, aber der Knastchef und Dolemites Freundin Queen Bee wissen, dass er unschuldig ist, weil er von Cops reingelegt wurde, die ihm gestohlene Pelzmäntel und zwei Packen Rauschgift im Kofferraum untergejubelt haben. Das sehnwer in einer Rückblende und auch Dolemites Kampf, sich der Verhaftung zu entziehen: Weil er kann ja Kungfu, oder vielleicht auch Karate, ist alles nicht so richtig auszumachen, zumal die Schläge ja weit von den Körpern der Gegner entfernt bleiben, die aber trotzdem umfallen, und natürlich sind die Kämpfenden viel zu unbeholfen, um irgendeine Art von Choreographie hinzubekommen. Im Abspann immerhin ist als erstes der Martial Arts-Einweiser genannt, und ein nettes Dankeschön an die Chuck Norris-Karateschule gibt es auch.

Jedenfalls soll Dolemite rauskommen und rausfinden, wer an Schulkinder Drogen und Waffen verkauft, einen Mord hat es auch gegeben, und außerdem hat der böse Widersacher Willie Greene – gespielt vom Regisseur des Films, da hat er sich was zugetraut! – ihm einen seiner Clubs weggeschnappt und auch eine seiner Huren, bzw. Mädels. Vor dem Knastausgang erwarten ihn gleich vier, fünf nette Girls, die ihm im Wagen auch ihre Brüste zeigen, dann gibt es einen Mordanschlag, ein missglücktes Drive-By-Shooting führt dazu, dass Dolemite seine Schießkünste zeigen kann, und schon wieder sind ein paar Bösewichter tot. Er hat sich auch gleich nach dem Knast seine schönen bunten Pimp-Klamotten angezogen und steigt wieder ins Geschäft ein, sprich: Mädchen bumsen und Schurken verkloppen und zugleich den Club retten. Zwischendurch erzählt er Stories, gereimt, so, wie Mr. Moore es auf seinen Dolemiteplatten tut, Zuschauer applaudieren, und in diesen Momenten kommt der Film komplett zum Halten.

Wie er ohnehin sehr langsam ist, mit einigen langen, langweiligen Szenen, bis dann wieder der eine oder andere Knaller kommt. Immerhin schaffen's die Filmemacher, dramaturgisch sich zu steigern bis zu einem Eröffnungsabend im Club mit Musik und Tanz, einer Rudy Ray Moore- aka Dolemite-routine, Schlägerei und Schießerei und einem Cop, der Dolemite glaubt, dem einzigen, der nicht korrupt ist. Hatte ich erwähnt, dass während Dolemites Knastaufenthalt seine Girls Karate gelernt haben? Nun geht es aber noch weiter, im Krankenhaus nämlich, wo Killer ihre Aufwartung machen und der gerade noch schwer verletzte Dolemite sie alle abfertigt. Und die Oberkorrupten unter den Bullen tauchen auch auf! Der Bürgermeister wiederum, der hinter allem steckt, wäre vorher schon beinahe bei 'nem Flotten Dreier von einem seiner Betthäschen erschossen worden, war aber selbst zu schnell und killt stattdessen sie; und es gibt einen radikalen Pfarrer, der für den Kampf der Nigger gegen die Weißen Waffen sammelt und der Damenwelt gegenüber auch sehr aufgeschlossen ist. Kurz: Ist alles dabei, was man haben muss für einen Blaxploitation-Actionknaller. Wenn er allerdings besser gemacht wäre, wär's besser – aber zum Glück ist der Abend ja noch nicht zuende!

Denn als Zweites gab es Autoaction. Mark und Lynn kommen neu in die Stadt, sie sind auf der Durchreise, aber sie suchen nach "Action". Ein paar der Kids weisen ihnen den Weg – nachdem ein paar Mädels ihre nackten Hinter- und Vorderseiten aus dem Autofenster gestreckt haben, das ist für die Einheimischen die Action –, Mark und Lynn jedenfalls finden sich bei einer Wette wieder: Ein Autorennen, wer gewinnt, kriegt 50 Dollar. Natürlich verlieren sie. Ja, einer der "Hi-Riders" ist nicht zu schlagen! Mark und Lynn fordern Revanche: Diesmal geht's um 500 Dollar. Natürlich gewinnen sie. Sie sind ein eingespieltes Team, sie haben Bill reingelegt, jetzt ist der sauer. Prellt sie um denn Wettgewinn, und so kommen Mark und Lynn zum Village der Hi-Riders, das sind die Merry Men von Kalifornien, die sich auf einem Filmset, einer alten Westernstadt, niedergelassen haben, da gibt's Bier, da gibt's Autos, sie leben in einer Art motorisierten Hippiekommune, und der Boss findet Mark und Lynn sofort gut.

Die beiden sind so was wie die pärchengewordene Variante des Fahrers und seines Mechanikers aus "Two-Lane Blacktop", wie der Film sich ohnehin aus dem ganzen Individualisten- und Freiheitstopos speist, den das sagenwirmal semi-undergroundische, newhollywoodische US-Kino der vorvergangenen zehn Jahre, also seit Ende der 60er, hervorgebracht hat. Die ganze Bande von "lost boys" (inklusive ein paar weiblicher Anhängsel) macht sich auf zu einem großen Wagenrenn-Festival, bleibt aber in einer Kneipe am Wegesrand hängen. Dummerweise. Denn Billy, der ja ohnehin gerne wettet und ab und zu unfair fährt, fordert einen Einheimischen raus. Zweimal. Das zweite Mal geht's schlecht aus. Die beiden krachen in eine Baustelle, da, wo die Gastanks stehen, und es gibt enorme Explosionen, und damit fängt der Ärger an.

Und man merkt: Ja, der Film hat was. Denn dass bei diesem Unfall die Feuerbälle in die Höhe schießen – klar. Aber, und das ist das Gute: Wenn später Autos kaputtgehen, durch die Luft fliegen etc., dann explodieren sie nicht. Ganz gegen jede Gewohnheit dieses Filmgenres – und das spricht definitiv für die Qualität des Films. Zweites Qualitätsmerkmal: Ein guter Kameramann – im Gegensatz zum "Dolemite"…! Dean Cundey fotografierte später "Halloween" und weitere Carpentersachen, "Zurück in die Zukunft" und weiter Spielberg-Produktionen… Regisseur von "Hi-Riders" ist Greydon Clark, von dem kennen wir den Blaxploitationreißer "Black Shampoo"; hier scheint er sehr viel ernsthafter mit seinem Film umzugehen.

Die Hi-Riders bekommen es mit dem Daddy des verunfallten, verbrannten einheimischen Buben zu tun. Der nämlich hat seine Gang an alten Hinterwäldlern, das sind ungefähr die, die zehn Jahre vorher Dennis Hopper und Peter Fonda von ihren "Easy Rider"-Bikes geschossen haben: Rednecks, die die jugendlichen langhaarigen Autorebellen grundsätzlich scheiße finden und nun einen Anlass gefunden haben. An einer Tankstelle gibt es ein Massaker, fast alle Hi-Riders sind tot. Und schnell beseitigt, so dass der Sheriff wenig Grund zum Eingreifen sieht. Die alten Spießer sind gut organisiert in ihren Pick up-Trucks, immer wieder sehen wir einen in einer Ecke stehen, der beobachtet und die anderen via Funksprechgerät instruiert – Mark, Lynn, der Boss und ein Barmädchen sind übrig, einerseits geschockt, andererseits romantisch infiltriert, an einem schönen Felsenweiher sitzen sie und beginnen mit Liebesszenen, bevor sie gegen die Proto-Trumpwähler Recht und Ordnung wieder herstellen.
Was heute ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint, wenn inzwischen – m. E. zurecht – junge, rücksichtslose als Mörder verurteilt werden, die hier aber die Guten sind.

Kein großer Film, das Budget nur minimal höher als beim Low-Budget-Dolemite – aber effektvoll inszeniert, ohne grobe Fehler, wenn man mal von der Softrock-Musikberieselung absieht, wo sehr mau bei Fahrtszenen Einfach-Riffs eingesetzt werden, die sogar Status Quo-Fans beschämt weggucken lassen, und zwischendurch, bei Romantik, säuselt die Akustikgitarre… Aber sonst: Gutgut.
Und: Sehen wir da nicht mal eines der Hi-Riders-Autos mit "Dolemite"-Aufdruck…? Göttliche Fügung, würde ich sagen.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese Februar 2019: Laser und Aliens


Cinema Quadrat, Mannheim, 23.2.2019: Grindhouse Double Feature

"Laserkill – Todesstrahlen aus dem All" / "Laserblast", USA 1978, R: Michael Rae


Sprechen wir mal in diesem Fall nur vom zweiten Film des Double Features: "Laserblast" von 1978. Ein Melodram der Jugend, ein verkehrter Entwicklungsroman, der ins Verderben führt, eine Meditation über das Böse und die Rettung, die von außen kommen kann; und über den Preis, der bezahlt werden muss für das Wohl der, wie anzunehmen ist, gesamten Menschheit.

Billy hat eine Freundin, aber die hat einen bösen Opa, na ja, böse: Er ist verwirrt, ein Schwätzer, ein Verschwörungsdenker, der Billy fortjagt, weil er ja auch nur einer von denen ist. Mit Kathy muss sich Billy also anderweitig treffen, am malerischen Picknickplatz, wo Billy es schön romantisch einrichtet. Aber Billy ist sowieso anders als die anderen, wird von zwei Polizisten schikaniert und von den Orts-Bullies beschimpft. Und zwar, weil er aus reichem Hause kommt und sich manchmal komisch benimmt. Dieses komische Benehmen sehen wir nicht, müssen es aber glauben, weil der Dialog es so will. Seine Mama muss immer mal wieder nach Acapulco und lässt ihn allein, und er muss immer mit freiem Oberkörper rumlaufen.

Die Polizei kifft, Gras genug wird ja konfisziert, und das sind die beiden lustigen comic reliefs im Film: Dick und doof sind die Bullen, weil die immer alles ziemlich falsch machen und der Dicke dem Doofen immer das Essen wegisst. Hihi. Die jedenfalls haben ein scharfes Auge auf Billy geworfen. Und zudem beschimpfen ihn zwei jugendliche Grobiane in ihrem Cabrio  und sagen "Arschloch" und vergewaltigen mal fast Cathy. Eine Prügelei entspinnt und dann scheidet man unentschieden.

Aber in der Nacht, da… Doch halt. Ich möchte zunächst am Anfang beginnen. Da rennt nämlich eine zombieähnliche Gestalt durch die kalifornische Wüste. In der Hand: Eine Laserkanone. Das ist so eine Art Plastik-Ofenrohr, in das man seinen Arm reinsteckt, und vorne dran ist so was wie ein Auspuff in Handstaubsaugerform, und daraus schießt es Laserstrahlen. Und deshalb gibt es einen Kampf mit Aliens. Jawoll, mit Aliens: die perfekten scene stealers in diesem Film, man wartet immer drauf, dass die wieder auftauchen! Die Außerirdischen sehen aus wie Schildkröten ohne Panzer, sie haben kleine, aber mächtige Laserpistolen, und sie sind in Stop Motion animiert. Das ist ganz, ganz toll, herzallerliebst! Allein, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, diese Außerirdischen zu kreieren und aus Knete oder sonst was zu basteln und dann auch noch Bild für Bild zu bewegen! Und diese Aliens und der Zombietyp schießen aufeinander, und dann verbrennt der Zombietyp zu Asche.

Später dann fährt Billy, in seiner sexuellen Frustration und in seiner vom Film behaupteten Teenager-Einsamkeit (bei der man nicht vergessen darf, dass der Billy-Darsteller schon auf die 30 zugeht!), jedenfalls ist er in der Wüste und findet den Laser-Ofenrohr-Auspuff. Und mit dem spielt er rum wie ein kleines Kind mit der Faschingspistole, aber immerhin, das ist dem Film zugute zu halten, ruft er nicht "Piffpaff". Sondern findet beim Aschehaufen des zuvor von den Aliens Gehetzten so eine Art Fahrradkette, an dem so ein metallischer Hoden bommelt, der im Dunkeln übrigens blinken kann. Das hängt er sich um den Hals, und zu seinem (und unserem) Erstaunen schießt jetzt die Laserkanone. Weil das ist außerirdische Technologie: Man muss so ein Funk-Ei um den Hals tragen, damit Energie entsteht.

So, wieder zurück, beziehungsweise voraus, denn nach der Poolparty mit der Beinahevergewaltigung schießt Billy mit seinem Laserstrahl das Auto der beiden Bösewichter zusammen. Und er sieht dabei aus wie sein Möchtegern-Alice Cooper!!! Was Energie in den Laser schleust, erzeugt offenbar auch heftiges Gesichts-Makeup. Und wir bekommen das Leitmotiv des Film zu erleben: Große, schöne Explosionen. Und was für welche! Andauernd! Der Pyrotechniker muss ein Workaholic sein! Billy lässt es sich nicht nehmen, Nacht für Nacht seinen inneren Alienzombie rauszulassen und auf Zeug zu schießen. Zum Beispiel auf den Doktor, der ihn behandelt hat: Denn das bommelnde Ei hat auf seiner Brust eine Wunde hinterlassen, in die eine außerirdische Metallplatte aufgeklebt ist, die der Arzt rausoperiert und um Mitternacht ins Labor bringen will – wieder geht ein Auto hoch. Oder die beiden depperten und bösartigen Polizisten – ein Glück sind die gerade bei einer Tankstelle, da gibt’s noch mehr und noch größere Feuerbälle!

Kurz und gut: Billy wird böse, und tagsüber weiß er nichts davon. Die Aliens im Weltraum kriegen das mit, weil ihr Boss ihnen per Alien-Skype zeigt, was in der Wüste vorgeht: Und wieder bekommen wir Einblicke in avancierteste Alien-Technologie, denn was auf dem großen Infobildschirm im Raumschiff erscheint, das sind die Bilder des Films, wie Billy mit dem Lasergewehr in der Wüste rumspielt. Die können das Bildmaterial vom Schneidetisch der späteren (!) Postproduktion abzapfen und direkt aufspielen, so dass im Film der spätere geschnittene Film auftaucht, ein unglaublicher Paradoxon-Effekt, und wir würden uns nicht wundern, wenn die Aliens die Quadratur der eierlegenden Wollmilchsau in dutzendfacher Lichtgeschwindigkeit durchführen könnten. Im Quantenuniversum.

Jedenfalls: Washington ist ja auch noch da. Wir haben also nichts zu befürchten. Der geschniegelte Mann in seiner schwarzen Limousine ist von, wahrscheinlich, FBINSACIA und er weiß Bescheid. Er verfügt auch über die natürliche Autorität, den örtlichen Sheriff sofort strammstehen zu lassen. Er hat Billy bald im Blick, die Aliens auch, und sie alle wollen nur helfen. Nämlich verhindern, dass Billy seinen Amoklauf ungehindert fortführt. Er schießt auf Briefkästen und Telefonhäuschen und auf Autos und auf Häuser und freut sich dabei so sehr, dass alle Klischees des Horror-Buckligen in ihn zusammenfallen – er ist ja jetzt dauerhaft so ein Zombie-Geschöpf, und Cathy ist deshalb traurig.

Ende des Films.
Ach ja: Produzent Charles Band hat damit kokettiert, dass der Film quasi nix gekostet habe. Das können wir nicht glauben. Benzin oder was immer da dauernd explodiert hat auch in den 70ern ein paar Cent gekostet. Im Übrigen blafft der dicke Polizist einen der Bullies – der von Laser redet – an, dass der wohl zu oft "Krieg der Sterne" geguckt hat. Und Billy zerschießt ein "Star Wars"-Werbeplakat. Das ist lustig.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese November 2018: Wurfbeil im Italowestern und Mitchum Jr. beim Stromausfall

Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 24.11.2018:

"Mannaja – Das Beil des Todes" / "Mannaja", ITA 1977, R: Sergio Martino

"Die Bestien" / "Blackout", USA 1978, R: Eddy Matalon



"You're ---  alone, a sol-itar-y maaan", weiß die tiefsonore Stimme im Titelsong zu singen über unseren Helden: Der jagt in der Anfangsszene einen Mann, der ein bisschen zu sehr an Kinski angelehnt ist, um nicht vermuten zu lassen, dass dieser für diesen Film zu teuer war. Durch Fluss und Nebel hetzt der, hebt schließlich die Pistole gegen seinen Verfolger, der aber mit schneller Bewegung sein Beil wirft und ihm die Hand abschlägt. Daher nämlich der Titel des Films: "Mannaja – Das Beil des Todes", und Mannaja ist ein Indianer-Wurfbeil. Weil halt Helden im Italowestern, vor allem im fortgeschrittenen Stadium des Genres, eine originelle Waffe brauchen.

"Mannaja" krankt ein bisschen daran, dass der Held zu sehr Held ist. Aber dabei nicht wirklich so aussieht. Die Pausbacken werden vom Dreitagebart verdeckt, wie ihn später Walker, Texas Ranger tragen wird, ansonsten bleibt er immer sauber. Auch, wenn er sich gegen den Bösewicht und dessen Handlanger einer Schlägerei im knöcheltiefen Matsch liefert, wirkt er hinterher nicht dreckig. Mannaja ist zwar Kopfgeldjäger und schnell mit Colt und Beil, aber er ist von vornherein der Gute, ohne Fehl und Tadel. Ein bisschen wie jener andere arme und einsame Cowboy, weit weg von zuhause (der schneller schießt als sein Schatten), der am Ende seiner Abenteuer ein Lied singt, das textlich dem von Guido und Maurizio De Angelis a.k.a. Oliver Onion für diesen Spät-Italowestern komponierten durchaus ähnelt (Ihr wisst schon. Oliver Onion. Die Spencer-Hill-Filme!)

Mannaja ist der Gute, der Minenbesitzer McGowan ist der Böse, aber noch böser ist dessen rechte Hand Waller. Mannaja bekommt's mit denen zu tun, die Fronten sind klar, keine Ambivalenzen, was den Film etwas zu simpel gestrickt erscheinen lässt, geradezu klassischer Westernstoff. Und zwischendrin gibt es eine Aussprache zwischen den Feinden, zwischen Mannaja und McGowan, in der die ganze Backstory erklärt wird, weil natürlich auch Rache mit im Spiel sein muss; und Mannaja wird genregemäß nach seinem wahren Namen gefragt – der bisher nie als wirkliches Geheimnis geführt wurde –, jedenfalls weiß McGowan nach Identifizierung seines Gegenübers gleich, worum es diesem geht und warum Mannaja hinter ihm her ist. McGowan scheint also nicht allzu viele Familienväter auf dem Gewissen haben, kann sich jedenfalls gut erinnern, denn die Erinnerung nagt eben nicht nur an Mannaja, sondern auch an dem Bösewicht, der dadurch plötzlich gar nicht mehr sooo böse wirkt…

Die Bilder aber sind ganz klar Italowestern, darauf legt Regisseur Sergio Martino auch ganz offensichtlichen Wert. Im Saloon, in einer der ersten Szenen, gibt's ein Kartenspiel, Waller spielt falsch, Mannaja macht alles richtig, die Leute gucken sich böse an, ziehen schnell, und natürlich schiebt sich das Gesicht des Bösewichts von rechts im Profil ins Bild; dazu spielt stilecht eine Mundharmonika, und eigentlich müsste Morricone wegen Plagiat klagen. Später gibt es Hinterhalte, Schlägereien, zwei Wagenladungen voller Huren, und ein Massaker an einer Postkutschengesellschaft ist wirklich übelst! Mannaja fällt in die Hände der Bösewichter und wird bis zum Hals im Sand eingegraben, und damit beginnt die interessanteste und effektivste Sequenz des Films. Ausgedörrt ist sein Kopf der Sonne ausgeliefert, und dann kommt einer und rettet ihn, ganz unvermutet, nur um dann in einem zweiten Oliver Onion-Song überdeutlich charakterisiert zu werden: "Son of a devil, you're a traitor, you deserve a nasty ending, something's gonna happen very soon."

's Passiert dann auch was – und zwar hat Mannaja, blind wegen der Sonne, in einer Höhle versteckt, aus Ästchen und Steinen ein paar seiner Hackebeilchen gefertigt, und da er verraten ward nehmen seine Feinde ein schlimmes Ende, und es ist Heulen und Zähneklappern beim schlangenhaften Verräter. Das ist wirklich eine tolle, originelle Szene, wie der Blinde sich in der Höhle zurechtfindet im Gegensatz zu den Verfolgern, die da herumtasten und -tapsen, bis das Beil sie erreicht. Und auch der finale Showdown ist cool: Im Nebel nämlich wartet Waller, und das ist – ohne dass der es wüsste – ein großer Vorteil für Mannaja, der ja kurz zuvor noch blind war. Keiner sieht was, aber man trifft. Aber wie so oft in dem Film, der so viele gute Ideen hat, haut die Regie dann wieder mit dem Hintern ein, was sie mit klugen Händen so schön aufgebaut hat. Weil Waller an seinem Ende dann so theatralisch herumwirbelnd stirbt, dass – ach, sagen wir so: Man findet "Mannaja" nicht wirklich gurkig, freut sich aber auf den zweiten Film des Abends.

Und der stellt sich als super heraus: "Die Bestien" – auf deutsch, im Orginal: "Blackout", in der Hauptrolle: Jim Mitchum, Sohn des großen Robert – unverkennbar: Jim sieht dem Papa dermaßen ähnlich, sagenhaft. Gleich zu Beginn zeigt er seine moralische Integrität, wenn er auf den Straßen New Yorks einem Handtaschenräuber hinterherjagt. Und der Film zeigt, wie Moral und Integrität eine erschöpfende Sisyphusarbeit ist, vergeblich, aber notwendig – der Räuber entkommt, Mitchum ist erschöpft, aber ungebrochen.

Geschickt springt Regisseur Eddy Mantalon dann von Schauplatz zu Schauplatz, von Wohnung zu Wohnung, wir lernen die Figuren kennen, mit denen wir es im weiteren Lauf zu tun haben werden, ohne zu wissen, wer diese Figuren sind, welche Funktion sie haben werden und was mit ihnen geschehen wird. Hängen bleiben wir in einem Psychiatriegefängnis, wo ein Transporter gefüllt wird mit allerlei schlimmen Fingern, ein Pyromane, ein Serienvergewaltiger, ein Super-Psychopath, der gar mit dem Hochsicherheitshubschrauber angeliefert wird (wobei unklar bleibt, warum der Hubschrauber diesen von Robert Carradine gespielten Brutaloirren nicht einfach direkt zu seinem Bestimmungsort fliegt…)
Egal. Die sind also alle versammelt in der Grünen Minna, und dann beginnt der Film so richtig. Mit einer Schalte ins Elektizitätswerk nämlich, wo sie eines herannahenden Sturmes nicht mehr Herr werden können, weshalb überall der Strom ausfällt.

Und da kommen wir in den Bereich, den damals jeder kannte: Denn 1977 war in New York tatsächlich nach einem Unwetter der Strom ausgefallen, und die Produzenten hängten sich mit diesem Film an das reale Trauma an – es kam in der Dunkelheit des kriminalitätsgeplagten New York zu diversen Plünderungen, "marodierende Horden plünderten über 1600 Geschäfte und legten mehr als 1000 Feuer", wie Spiegel Online 2007 zu berichten wusste.

Mantalon legt recht schnell seinen Fokus von der episodenhaften Einführung in die Filmhandlung aus auf einen Appartementblock. Von dem wissen wir, dass beispielsweise im obersten Stock eine große fette jüdisch-griechische Hochzeit gefeiert wird. Dass eine Frau ihren Sohnemann fürs Einkaufen kurz alleingelassen hat. Dass in der Ehe eines superreichen Paares (Ray Milland brillant als Millionärsarschloch) in gewohnter Weise Geld über Liebe herrscht; und so weiter. Außen vor dem Gebäude kommt's zum Unfall; die Psycho-Schwerverbrecher kommen frei. Und sie dringen in das Gebäude ein, nicht ohne den Portier vorher schön effizient aufzuhängen.

Stockwerk für Stockwerk erobern sie das Mietshaus, auf der Suche nach Geld und weiteren Wohltaten. Der Sex-Maniac bleibt alsbald hängen bei einer Blonden, die er in ihrem Bett brutal vergewaltigt – was wir im Off erleben. Da aber eilt Jim Mitchum als Polizist Dan Evans herbei, einziger Bulle weit und breit, der zumindest diesen Gangster ausschaltet. Und das Vergewaltigungsopfer erstmal tröstet, dann gleich rekrutiert. Sie ist überraschend schnell auf den Beinen, noch überraschender sofort bereit, als Hilfskohorte den Kampf gegen das Böse aufzunehmen, indem sie, während Evans deren Spuren folgt, hintenrum aufräumt. Leute aus dem festsitzenden Fahrstuhl rettet, beispielsweise. Oder diverse Opfer das Treppenhaus runterführt.

Dan Evans dagegen geht an die Gangster ran; freilich ohne zu wissen, wer genau die sind. Und geschickt schneidet Mantalon zwischen den Verbrechern und ihrem Verfolger hin und her, baut so eine großartige Suspense auf, die sich aus verschiedenen kleinen Spannungselementen, aus einer klaren Informationsökonomie und aus den schrecklichen Untaten, die wir miterleben müssen, zusammensetzt.

Und das wirklich Faszinierende in "Blackout" ist der Oberschurke Christie – nicht ganz falsch, dass der deutsche Verleihtitel "Die Bestien" den Fokus auf ihn und seine Gang wirft. Während der eine geil wird bei allem Weiblichen, und der andere bei Feuer, und der dritte, ein großer, starker Bär von einem Mann, schweigend mitläuft, heckt Christie alle Pläne aus. Aus einem tiefen inneren Sadismus heraus; oder vielleicht eher nicht Sadismus, das würde ja so etwas wie Lust und Leidenschaft, wenn auch pervertiert, tief in seinem Inneren bedeuten. Völlig gefühllos benutzt er Menschen, um mit ihnen, ja: im Grunde zu experimentieren. Sowohl seine Mit-Irren als auch seine Opfer: Er setzt sie ein, um zu sehen, was passiert. Ein Psychopath in absoluter Reinform – und weil der Bösewicht so gut ist, und dabei (wie auch alle anderen Filmfiguren) psychologisch nachvollziehbar bleibt, ist das nun wirklich ein Film, der in seiner handwerklichen Perfektion und seiner effektiven Story zu den Top-Angeboten in der Grindhouse-Reihe zählt.

(Und die Bösewichtigkeit ist denn auch das, was den ersten Film des Abends, "Mannaja" ausmachte: Weil die Schurkerei dreigeteilt ist. Da ist der kapitalistische Ausbeuter McGowan, der die Dorfbewohner in seiner Silbermine schuften lässt und mit puritanisch-prüden Gesetzen die Moral im Dorf hochhält und jede Triebhaftigkeit brutal unterdrückt; sein Erster Mann Waller ist ein Brutalo, wie er im Buche steht, der auch nicht davor zurückschreckt, gegen seinen Brotherren vorzugehen; und seine Tochter ist an Niederträchtigkeit nicht zu übertreffen, ach, sie wirkt so unschuldig…)

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2018: Tollwütige Jugend und gedemütigte Koreanerinnen

Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 29.9.2018:

"Wie tollwütige Hunde"/ "Come cani arrabiati", Italien 1976, Regie: Mario Imperioli

"Frauenlager der Ninja" / "Shadow Killers Tiger Force", Hongkong 1986, Regie: Godfrey Ho



Ein Fußballstadion. Kein kleines. Zweite Liga, mindestens. Noch ist es leer. Zwei junge Männer setzen sich. Mützen auf dem Kopf, weiße Polyester-Sportjacken. Die Ränge füllen sich. Die Kamera schweift über die Zuschauer. Das Spiel beginnt. Gelegentlich fängt die Kamera zwischen Schwenks und Zooms Spielszenen ein, nichts Spektakuläres, keine Spielhöhepunkte, kein Tor des Monats; ansonsten die Zuschauer im Bild, immer wieder unsere zwei Protagonisten. Die stehen irgendwann auf, laufen durch die Katakomben, überfallen die Kasse, schießen einen Polizisten tot.

"Wie tollwütige Hunde" ist ein Film, der lange verschollen war. Und der nun wieder aufgetaucht ist, zum Glück, muss man sagen: Er ist ein wirklich spannendes und ziemlich hochkarätiges Stück Kriminal- und Sozialkino, reingesetzt in die von gesellschaftlichen Spannungen und allseitiger Gewalt geprägten Gesellschaft des Italiens der 1970er. Drei Jugendliche stellt der Film uns alsbald vor, Studenten, reich, verzogen, gelangweilt. Der Anführer hat eine Papa, den er hasst, der sein Geld unsauber verdient, der von Erfolg spricht und davon, die anderen zu übertrumpfen mit allen Mitteln. Auf der Gegenseite ein Kommissar, der zwar ermittelt, der aber zugleich persönlich ein Arsch ist. Zwischendurch Verstörung:

Beispielsweise, wenn wir uns plötzlich in einem verdunkelten Raum befinden. Eine Frau zieht die Vorhänge auf, als Silhouette sehen wir im Gegenlicht ihren gewölbten Bauch. Dann steigt die Schwangere aufs Fensterbrett und stürzt sich runter, und – habe ich das noch richtig in Erinnerung: Ist der Sturz in subjektiver Kamera gefilmt? Ich kann's nicht mehr sagen, die Wirkung aber ist groß. Weil wir nun überhaupt nicht wissen, was hier passiert. Später wird in einem Dialog ganz en passent, quasi im Nebensatz, erklärt, dass die Selbstmörderin die Verlobte des ermordeten Polizisten sei, unehelich schwanger, Trauer und Schande…

Oder: Nach einem Überfall nehmen die drei eine Frau als Geisel. Die erwacht irgendwann in einem kargen Raum, kann sich befreien, kriecht voll Panik durch das scheinbar verlassene Gebäude, doch immer wieder Schatten bewaffneter Typen, sie kommt zu einer Tür, trifft auf eine Frau – aber von der wissen wir, dass sie eine der Täterinnen ist. Und dass sie der Lockvogel ist. Weil man einer Frau so was nicht zutraut. Jedenfalls haben sie die Geisel dann am Haken, reißen ihr die Kleider runter, doch nicht in sexueller Absicht: Einfach aus Spaß an der Demütigung. Und, um Angst zu erzeugen. Bevor die drei Killer sie über die Badewanne beugen und ihr das Gehirn rausblasen.
Klassischer Shakespeare.

Die drei Killer sind ein eingeschworenes Dreierpack. Zwei junge Männer, eine junge Frau, die das Leben als Spiel begreifen, das Töten als Spaß, und das Sexuelle zwischen ihnen als ironisches Schauspiel, das sie füreinander aufführen: Als es mal an einen Dreier geht zwischen ihnen, läuft das über Shakespeare-Zitate, die sie als Othello, Desdemona, Iago deklamieren, als Vorspiel für die eigentliche – uneigentliche – Sache.

Der Kommissar, auf der anderen Seite, ist gut (auch, wenn er aussieht wie das Morphingopfer zwischen Herbert Lom und Graham Chapman). Er hat bald seine Pappenheimer in Verdacht. Um den Beweis zu erhalten, greift er zu unkonventionellen Mitteln: Er hat nämlich eine Assistentin. Die ist jung und hübsch und sendet laufend Signale aus an unseren Herrn Kommissar, die der geflissentlich übersieht. Der freilich die Waffen dieser Frau zu nutzen versteht: Er verwandelt sie in eine Stricherin, und schaut auch genüsslich zu, wie sie nuttige Kleider anzieht. Er ist halt schon auch geil auf sie. Aber er weiß auch: Die drei Kriminellen suchen sich die Nutten des Vaters aus, holen sie ab und killen sie. Also gibt sich die Polizistin als Daddys Lieblings-Bordsteinschwalbe aus, und schon hamwer die Täter…

Zugegeben: Dieser Plotzweig ist reichlich doof. Es ist zwar völlig klar, dass Papa Bonze irgendwie drin verwickelt ist – sein Geld wird gestohlen, seine Nutten umgebracht –, aber es muss ja noch andere Mittel geben, die Feinde des Ausbeuters zu finden. Nun ist die Assistentin, als Stricherin verkleidet, im Wagen mit den zwei Mörderjungs, die ihren Spaß mit ihr haben – und der Kommissar kommt erst im allerletzten Moment… Hat die Assistentin nun genug von dem feinen Herrn Chef? Nein, sie lässt sich intim mit ihm ein. Und während der Polizeichef diverse Bestechungsangebote erhält und der Kommissar rumtappt, sich den Verdächtigen nähert, die blonde Killerin beim Autorennen beobachtet, mit dem Herrn Sohnemann beim Ausritt parliert, beschattet die junge, heiße Assistentin die Bösewichter, und zwar näher, als ihr lieb ist…

Mario Imperioli macht das sehr geschickt: Die, sagen wir, exploitativ-spekulativen Elemente der Story lässt er unter dem ständigen Rückbezug zur Realität verschwinden; das fängt mit dem tatsächlichen Fußballspiel vom Anfang an und hört bei den nebenbei einfließenden Kommentaren zur sozialen Situation nicht auf: Das Geld, das fehlt, die Politik, die sich nicht kümmert, die Ökonomie, die nur in die eigene Tasche wirtschaftet… Am Ende, ziemlich krass, haben wir eine Verfolgungsjagd. Und eine Demo wütender, enttäuschter Arbeiter. Und wenn der rücksichtslose Killer in diese Straße einbiegt, und in der Menschenmenge nicht weiterkommt, und nicht respektvoll ist, dann ist es das Ende, nicht nur des Films. Ein Film, der wie eine gelungene Mischung aus "Clockwork Orange" und "Funny Games" wirkt; und zwar durchdekliniert als Parabel zum Nationalsozialistischen Untergrund.

Das Qualitätslevel, das "Wie tollwütige Hunde" aufgelegt hat, erfährt einen krassen Abfall mit dem zweiten Film des Abends: "Frauenlager der Ninja" hat den Vorteil, dass der Titel nicht lügt. Es gibt ein Frauenlager. Und es gibt Ninjas. Das Problem ist, dass das Frauenlager aus einem anderen Film ist wie die Ninjas. Und zwar buchstäblich. Weil Regisseur Godfrey Ho einfach einen alten koreanischen Film genommen und durch ein paar selbstgedrehte Rahmenhandlungsszenen ergänzt hat. Die leider gar nicht zum Originalfilm passen…

Am Anfang: Bilder von Hongkong. Flughafen, Hafen, Küste. Dann, bei einem Schwenk über den Jachthafen, eine Stimme: "Sieh mal da rüber!" Hä?! Das gibt Raum für eine schöne Vorstellung, und vermutlich ist diese Vermutung wahr: Der Kameramann schwenkt, und ein Assistent weist ihn auf irgendwas hin, was er auch aufnehmen soll, und der Tonmann nimmt das auf, und im Schnitt bleibt's drin, und die Synchro übernimmt den Satz. Der nirgendwo hindeutet, und überhaupt nicht zu irgendwas gehört. Und so ist halt auch der Film.

Junge Menschen beim Picknick, Cola und Hühnchen, und dann tauchen schwarzvermummte Ninja auf und entführen die Mädels. Oder: Ein Pärchen rudert im Boot, und Ninja schwimmen hin, schmeißen den Dödel ins Wasser und entführen das Mädel. Das alles sind die nachgedrehten Sachen, ein Kampf auch, bei dem die Ninja kräftig gegen ein paar Mädelverteidiger kämpfen. Und Schnitt, sind wir bei einer blonden, kurzhaarigen Dame, ohne Schlitzaugen, die zwei Ninja vermöbelt. Das war ein Test, sie hat bestanden, sie ist die Richtige und bekommt eine Menge Geld, um die Tochter ihres Auftraggebers aus dem Frauenlager zu befreien. Dahin bringen nämlich die Ninja die Mädels, mit bösen Absichten: Sie müssen eine steinige Böschung bearbeiten.

Der alte Film ist eher blass, und in ihm spielen nur Koreanerinnen. Und koreanische Wärter: Es ist ein Frauengefängnisfilm, der offenbar nicht auf sexuelle Reize aus ist, sondern auf die Gruppendynamik unter Zwang. Ein gutes Dutzend Frauen in einer Zelle, sadistische Gefängnisaufseher – aber sorgsam keine unzüchtigen nackten Stellen. Das ist an sich nicht schlecht – aber auch nicht zwangsweise gut. Es ist offensichtlich ein Dutzendfilm, der nicht weiter interessiert. Also: Außer Mr. Ho, unseren wackeren Regisseur. Den interessiert's so sehr, dass er seine blonde Kämpferin einschleust. Und bald ist klar: Alle Szenen, wo die Blonde auftaucht oder dieser fiese Typ, der der Oberbösewicht sein soll und die gefangenen Mädels nach Dienst an einen Mädchenhändler weiterverfrachten will, die sind nachträglich erschaffen worden. Mit Europäern als Protragonisten, für den westlichen Markt. Zwei der Gefangenen haben Streit – der alte Film –, und die Blonde versöhnt die beiden – der neue Film –, indem sie mit einem Handstreich eine Steinlawine an der Böschung löst und die eine die andere retten lässt. Eine der Gefangenen bricht aus – der alte Film –, und die Blonde – im neuen Film – besorgt ihr die nötige Zeit, indem sie an der Böschung ruft: Wir arbeiten weiter, wir wollen keinen Feierabend! Ein weiterer Ausbruchsversucht – der alte Film –, die Blonde verführt einen Müllkutscher – im neuen Film –, damit die Gefangen in dessen Exkrementekübel versteckt sich aus dem Lager schmuggeln kann.

Was sich beinahe so anhört, als sei das aufeinander abgestimmt, dem sei gesagt: Die Blonde sieht nicht nur doof aus – es ist eine furchtbare 80er-Kurzhaarfrisur! –, sondern sie kann auch noch zaubern. Blöd nur, dass der Gegenspieler, der Ober-Ninja (also der hinzuerfundene Frauenlagerchef) auch zaubern kann. In einem Wald (warum auch nicht) kommt's zum Endkampf, der dauert sehr lange; vorher haben sich die beiden durch verschiedene Dimensionen teleportiert, inklusive hypnotischer Verführungsszene. Im Wald geht's hart auf hart, und einer der Helfer der Guten holt die Bazooka raus (!), und der Bösewicht wird von der Rakete verfolgt, und das ist lustig anzusehen, aber halt auch reichlich bescheuert.

Das größte Manko des Films aber – jenseits des Offensichtlichen –: Nie zieht sich jemand aus. Im alten koreanischen Teil sowieso nicht, aber der neue, nachgedrehte schreit geradezu danach, wenn man sich das Genre und das Niveau ansieht. Ich meine, man kennt das ja, beispielsweise aus "Firecracker", wo eine Karatekämpferin während des Kampfes nackig ausgezogen wird. Ja, sowas wäre halt wahre Inszenierungskunst gewesen!

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juni 2018: Körper, Leiber, Bodies


Grindhouse Double Feature, 9. Juni 2018, Cinema Quadrat Mannheim:



"Hölle hinter Gittern" / "Penitentiary", USA 1979, R: Jamaa Fanaka

"Pornospiele mit Stock und Peitsche" / "Love Rebellion", USA 1968, R: Joseph W. Sarno


Körper. Körper, die sich ineinander verschlingen, die aufeinander prallen, die miteinander und gegeneinander agieren, reagieren, sich ausagieren. Körper, die sich nahe sind, die nicht ohne einander können, die nicht voneinander lassen können, in Liebe und in Kampf… Gefängnis und Mietshaus sind die Schauplätze dieses Double Features, mit zwei ganz verschiedenen Filmen, die aber eigentlich doch gleich sind. Zwei Seiten einer Doppelvorstellung: Einer kommt ins Gefängnis, weil er ein Schwarzer ist; eine andere kommt ins Mietshaus, weil dort ihre Mama lebt. Mit ihrer Körperlichkeit müssen sich beide auseinandersetzen, mal männlich hart, im Boxring, mal weiblich zart, im Bett. Initiationsgeschichten sind das, aufs Härteste werden unsere Protagonisten ins Leben hineingerammt. Lernen, was es heißt, Bedürfnisse zu haben, diese Bedürfnisse durchzusetzen, sich mit der Dialektik von Geist und Körper auseinanderzusetzen.

Zunächst haben wir Martel. Der pennt am Straßenrand, zwei Biker mit röhrenden Maschinen wecken ihn auf, er fährt per Anhalter weiter, eine junge Frau nimmt ihn auf, begehrt ihn, verführt ihn, bietet sich ihm an. Muss aber zuerst noch die beiden Biker maßregeln. Wird selbst gemaßregelt. Blackout. Martel im Gefängnis.
"Penitentiary" von Jamaa Fanaka. Hier herrschen raue Sitten. Männliche Regeln, männliche Spielchen, männliche Sexualität. Nachts wird viel geblasen und gebumst, und ein dicker Häftling läuft als weibische Tunte rum. Martel wehrt sich. Er weiß: Niemand ist jemandes Eigentum. Das macht er auch dem Underdog in der Zelle gegenüber klar. Der wird heftig gepiesackt. Martel braucht keinen "großen Bruder", der gegen gewissen Gegenleistungen nach ihm sieht… Ein langer, langer, langer Kampf in der nächtlichen Zelle macht das klar, für den Gegner, für den Zuschauer. Sie prügeln aufeinander ein, Martel und der Obermotz des Zellenblocks, mit Klauen und Zähnen, mit Eisenrohr und Stuhl, Schweiß, Blut und Tränen…

Martel wird im Boxteam des Gefängnisses aufgenommen. Der Direktor ist sehr stolz darauf. "Penitentiary" wird vom Gefängnisfilm zum Sportfilm, und selten haben die Dramaturgie des Boxfilms und die Tatsache des Boxens so viel Sinn ergeben. Das Boxen kanalisiert die Aggressionen, die Hormone, die Einsamkeit, die Zwangsprostitution/Vergewaltigungen, den Überschuss an allem im Inneren, das man hier nicht nach außen abtragen kann. Zumal verlockende Preise für die Sieger warten: Eine Nacht im Wohnwagen mit einer Frau (wer keine Frau hat, dem wird vom Gefängnis eine gestellt); und sogar Freiheit, in Zusammenarbeit mit dem Schwager, der Talente sucht für sein Profiboxteam…

Und das sind tolle Szenen, wunderbar choreographiert und inszeniert, in denen mehrere Elemente
wunderbar zusammenkommen: Die beiden Kämpfer, die aufeinander einprügeln in den verschiedenen Kämpfen, kein schönes Boxen, nichts technisch Versiertes, sondern rau, animalisch – ein Abreagieren, eine Verschiebungsarbeit vom nächtlichen Kampf um sexuelle Abfuhr hin zum einigermaßen nach Regeln ausgerichteten Verkloppen des halbnackten Gegnerkörpers. Der Schiedsrichter ist auch Häftling, tut, was er kann, so gut er es kann; hinter ihm die jubelnde Menge – darunter auch eine Abteilung aus dem nebenan liegenden Frauengefängnis: Die heizen die männlichen Körper so richtig an… Und dazu eine kleine lustige Nebenhandlung, ein Mann und eine Frau, beide sexuell ausgehungert, die sich aufs Klo geschlichen haben…


Sexuell ausgehungert; beziehungsweise unerfahren; beziehungsweise raffiniert: In dem Film mit dem schönen und absolut unzutreffenden Titel "Pornospiele mit Stock und Peitsche" glotzen die Lagerarbeiter mit unverhohlener Begierde Wendy, der Tochter der Chefin, nach, die hier neu anfängt. Die Chefin hat was mit ihrem Geschäftsführer, darf aber keiner wissen. Die Tochter gerät in die Sphäre der Sekretärin, die im selben Haus wohnt. Und zwar mit ihrem Freund und mit einer Freundin. Der Freund ist Maler, und wir sehen ihn beim Zeichnen eines Rückenaktes; die Sekretärin wird sauer: Bohème ist ja alles gut und schön, aber irgendwo muss auch Geld herkommen! Die Tochter wird zur abendlichen Party eingeladen. Die Freundin der Sekretärin zieht sich aus. Das ist sowieso ihr Hauptjob in diesem Film. Hat ja auch ganz schön Holz vor der Hütte! Ebenfalls eingeladen sind die Nachbarn: Sie ein Mäuschen, er ein Brutalo mit Zigarre. Den haben wir in einer urplötzlichen Szene vorher schon kennengelernt, als er sauer ist auf seine Frau, die sich eine neue Bluse gekauft hat. Er beschimpft sie und verbrennt sie (off-screen) mit seinem Zigarrenstummel. Dabei erbebt er heftig: Ein schöner Sado-Orgasmus! Nun glotzt er lüstern nach Wendy, unserer jungen Heldin. Währenddessen vergnügt sich die Frau Mama mit ihrem Herrn Geschäftsführer. Und oben gibt’s nach der Party einen flotten Vierer, bei dem Wendy in die Liebe eingeführt wird.

Das Besondere daran: Alle sind süchtig nach den Körpern der anderen, und sie haben zugleich ein unheimlich schlechtes Gewissen. Die Mama vor der Tochter, die Tochter vor der Mama, der Freund vor der Freundin, und nur unser Zigarrensadist lebt seine Lüste straight aus. Er ist aber auch der supertumbe Oberdoofi im Film. Dieserwelcher hat eigentlich keinen Plot, und wo er mal so was wie eine Spannungshandlung entwickeln will – nämlich, dass das Trio von obendrüber die Frau Firmeninhaberin kräftig bestehlen wollen –, da geht der Film schnurstracks einen ganz anderen Weg, wenn der Malerfreund sich Mrs Robinson-mäßig verknallt. Das ist alles völlig hanebüchen, aber vor allem eine schöne C-Film-Studie über Leiber und das, was man damit machen will. Was man machen soll. Was man machen darf. Und was man macht. Wobei – der Film ist aus den 60ern! – alles recht züchtig gezeigt wird, zwar nackt, aber immer nur hüftaufwärts, auch wenn sie's wild treiben.

Das Tolle daran ist, dass das Ganze einerseits sowieso nicht ernstzunehmen ist, weil's halt ein billiger Nudie ist. Dass er aber dennoch ganz ordentlich gefilmt ist, was Kamerapositionen und Beleuchtung angeht; dass die Darsteller mit der relativen Versiertheit der Inszenierung keinesfalls mithalten können; und dass der Film mit einer ungeheuerlich supi Synchronisierung überzogen ist, deren Qualitäten sich am deutschen Verleihtitel von "Love Rebellion" ermessen lässt.

Am Ende wird der, der mit seinem drängenden Begehren über die anderen Körper stets zu verfügen gewohnt ist, sich per Pistole aufdrängen; und eine andere, die aus Liebe stets sich zurückgehalten und alles ausgehalten hat, wird plötzlich per Messer über sich selbst bestimmen wollen. Das kann nur Tote geben. Und ein paar, sagenwirmal, geläuterte Leiber.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Mai 2018: Car Chase und ein Pimp


Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 26. Mai 2018:

"Kesse Mary – irrer Larry" / "Auf Risiko ist kein Rabatt" / "Dirty Mary Crazy Larry", USA 1974, Regie. John Hough

"The Candy Tangerine Man", USA 1975, Regie: Matt Cimber

Außerdem:
"Alien, die Saat des Grauens kehrt zurück" / "Alien 2 – Sulla terra", Italien 1980, Regie. Ciro Ippolito

"Die nackten Vampire" / "La Vampire Nue", Frankreich 1970, Regie: Jean Rollin



Sorry. Wirklich, tut mir leid. Ich bitte aus tiefstem Herzen um Entschuldigung – ich habe seit Monaten keine Grindhouse-Nachlesen mehr hinbekommen. Was größtenteils an fehlender Zeit lag; nur teilweise daran, dass mich der eine oder andere Film nicht inspiriert haben. Naja, der Jess-Franco-Horrorkrimi "Der schreckliche Dr. Orloff" beispielsweise; immerhin von 1961, aber andererseits eben auch nur ein Jess-Franco-Horrorkrimi (obwohl der blinde Morpho halt doch was hat…)

Um meine Versäumnisse ein bisschen wiedergutzumachen, sei hier im Erinnerungsmodus auf ein paar bemerkenswerte Filme verwiesen – "Alien 2 – Sulla terra" etwa, auf deutsch "Alien, die Saat des Grauens kehrt zurück". Sein Science-Fiction-Horrorwerk geht Ciro Ippolito schamlos dreist an: Juristisch gesehen taufte er seinen Film in Anlehnung an einen uralten Roman – weshalb Hollywood aus irgendwelchen Quatschgründen nichts gegen den Alien-Teil im Titel unternehmen konnte; kurz, nachdem Ridley Scotts Meisterwerk rausgekommen war…

Tatsächlich spielt sich der Film vornehmlich in einer Höhle ab, nicht in der Höhe des Weltalls. Immerhin wird zu Anfang des Films kräftig auf die Ankunft einer Raumkapsel nach erfolgreicher Weltraummission gewartet. Deshalb interviewt ein Herr Interviewer im TV-Studio auch kräftig eine – ähm, ja: Höhlenforscherin, logisch. Die wird live im Fernsehen ohnmächtig, ihr Freund – mit Conchita-Wurst-Bart – weiß auch, warum: Sie hat wieder einen ihrer hellseherischen Anfälle, denn sie ist telepathisch veranlagt. Thelma hat auch noch was vor, sie trifft sich nämlich mit ihren Höhlenforscherfreunden in einer Kegelbahn (! – fragen Sie nicht), und dann geht's auch schon los, nachdem einer der Forscher noch in einem Laden Magnesiumstäbe gekauft hat, die aber den ganzen Film über nicht mehr auftauchen. Im Übrigen ist das alles eher so eine Art Wochenend-Ausflug, eine Höhlenparty vergnügungssüchtiger junger Leute.

Wir Geologen, Paläontologen und Troglodyten unter den Filmzuschauern kriegen das kalte Grausen, wie sie ohne Schutzhelme in die Höhle runtersteigen, wie sie respektlos an herrlichen Tropfsteinen rumturnen, und natürlich muss unsere Heldin zwischendurch ihre Brüste freilegen. Sie sieht zwar hell, aber nicht hell genug, um die Gefahr abzuschätzen, die von dem blauen Stein ausgeht, den sie gefunden hat und im Rucksack mit sich herumschleppt. Daraus schlüpft irgendwann so ein Alienteil, das die Höhlenmeute nach und nach niedermetzelt – mit schönen Effekten, weil das irgendwie auch alles Körperfresserqualitäten hat und aus scheinbar intakten Menschen durch die Augenhöhle das Alien rausbrechen kann. Später fliehen die Überlebenden weiter, weiter nach vorne, da sind dann auch so eine Art lebende Steine, die alienmäßig die Leute zerfleischen. Telepathisch kann unsere Heldin dann dieses Geschöpf mental sprengen. Um dann im desillusionierenden Ende zum eigentlichen Sinn und Zweck des Films vorzustoßen: Der besteht nämlich in der brillanten Idee, subjektiv den Alienblick aufzunehmen, während Thelma durch die verlassene Kegelbahn irrt: Die Kamera mit Fleischfetzen behängt blicken wir durch die Augen der menschenfressenden Apokalypsereiter.
Oder: "Die nackten Vampire" von Jean Rollin, eine surreale Phantasmagorie um, ja: um was eigentlich? Die Erinnerungen verwirren sich, Bilder rollen auf mich ein, ungeordnet, sich überlagernd, traumartig – äh Halt: Ich glaube, das ist doch genau der Film, wie er auf der Leinwand war. Ungeordnet, sich überlagernd, traumartig: Ein Forschungsinstitut mit Laboren, bunt beleuchtet und mit bunten dampfenden Flüssigkeiten, und Untersuchungen an jungen Mädchen, denen Blut abgezapft wird – von einem anderen jungen Mädchen… Ein mondäner Selbstmörderklub, alle merkwürdig maskiert, das hallt nach bis zu "Eyes Wide Shut"; drei gierige Geschäftsmänner, die sich eben jene junge Frau als Forschungsobjekt halten, die nämlich ist Vampirin, vielleicht glauben sie auch nur, dass sie Vampirin ist, vielleicht reden sie es ihr auch ein: Aus ihr jedenfalls soll Ewige Jugend springen, ihr Blut ist besonders (sagen die Herren), doch der Sohn des Oberbosses kommt mit ihr in Kontakt. Und sieht mehr als die Geschäftsmänner, sieht den Menschen in ihr, und wird hinübergezogen auf die andere Seite. Eine Armee von "anderen" dringt in das Schloss der Herren ein, und wir erkennen: Die anderen sind die Guten, die die Mächte des Alten, des Verkrusteten aufbrechen, und in einem Herrenhaus, vielleicht auch ein Theater, darf sich unser junger Held einschreiben für die Reise ins Anderswo, in die Unendlichkeit, in die Unsterblichkeit, wer weiß. Hochsymbolisch, tiefmetaphorisch, in unglaublichen Bildwelten, unausdeutbar – aber doch erstens recht deutlich, nämlich im Sinn von 68er-Befreiungsmythen, und zweitens sehr cool.
Von sich aus weniger inspirierend freilich war der zweite Beitrag in der aktuellen Mai-Grindhousenacht: "The Candy Tangerine Man" von Matt Cimber Ein Blaxploitation-Pimp-Movie aus Los Angeles (nein: nicht New York!), der im Vorspann stolz verkündet, dass die Nutten und Pimps frisch und direkt aus der Szene kommen. Im Mittelpunkt: The Baron, dessen Darsteller wir aus dem ein Jahr später erschienenen "Black Shampoo" kennen: Er fährt einen alten Rolls Royce, rot-gelb. Und putzt sich immer schön raus mit feiner Straßencredibilitätskleidung. Er hat Feinde bei der Polizei, die ihn wegen Rumpimpens austricksen und einbuchten wollen. Und bei der Konkurrenz, einem schmalen, weichlichen, großmäuligen, zugekokst lachenden Zusatzpimp, der unter der Fuchtel der Italien-Mafia steht. Der ist auch ein super Billardspieler, aber der Baron kann ihm trotzdem bei einem Spiel ein allzu junges Indianermädchen wegnehmen, setzt seinen Gewinn aber nicht lukrativ im eigenen Nuttenzirkus ein, sondern schickt sie im Greyhound-Bus nach Hause. Er ist nämlich ein Guter!

Zuvor hat er gezeigt, dass in seinem Auto 007mäßig Maschinengewehre stecken, mit denen er auf Knopfdruck Widersacher von der Straße ballern kann. Gleich danach wird er von der Polizei festgenommen wegen nix, und dann ist er wieder frei. Und als wäre das nicht genug, fährt er am selben Abend ins Grüne, entsteigt seinem überspannten Auto, zieht die überspannten Klamotten aus, gewandet sich in einem Anzug und fährt im typischen Wagen eines typischen Mittelklasslers in die typische Vorstadtsiedlung, weiße Häuschen mit reinlichem Vorgarten, wo die nette Gattin wohnt, die ganzwöchentlich ihres trauten Gatten harrt, der in der Stadt die langen und schwierigen Vertreterjobs innehat – denkt sie. Wir wissens besser, und wir sind voller Anerkennung für diesen großartigen Storytwist, dass der Baron in Wirklichkeit Ron heißt und ein Doppelleben führt. Und dass er sowohl der Oberpimp ist als auch der überaus liebevolle Familienvater. Beides. Gleichzeitig. Mit gleichem vollem Herzen.

Da ist dann ca. ein Drittel des Films rum, und es geht weiter mit dem Baron, mit den korrupten Bullen, den Mafiosi, immer wieder wird geballert, es wird auch eng, ein Devisenschwindel fliegt auf, die Sekretärin des Baron verschwindet, einige Freunde sterben, aber er weiß immer, was zu tun ist. Auch wenn seine Nutten eingeschüchtert werden, wenn ihnen die Titten abgeschnitten werden, er ist gut zu ihnen, weil er gut ist. Moralisch gut wie auch actionmäßig gut, er räumt auf und hat ja einen Rückzugsort, bei seiner Familie.

Das ist gut und schön, für sich aber denn doch auch nicht so total gut und schön. Da brauchts für einen wirklich gelungenen Abend noch ein Zusatzplus. Nämlich einen irren Larry, eine kesse Mary und einen getreuen Heinrich, bzw. Deke. Tatsächlich heißt der Film auf deutsch "Kesse Mary – irrer Larry", und der Wahnsinn – im Original "Dirty Mary, crazy Larry". Hört sich bescheuert an, trifft aber den Kern der Qualität des Films auf überraschend genaue Weise mitten ins Herz. Es geht tatsächlich in einer Art Non-Comedy-Variante einer Screwballcomedy um das komplizierte und komplexe Verhältnis zwischen besagter Mary (Susan George) und besagtem Larry (Peter Fonda), mit einer kleinen Zusatzkomplikation: Larry hat einen Supermarkt ausgeraubt und ist auf der Flucht, als sich Mary einfach so an ihn dranhängt, weil er zuvor mal eine Nacht mit ihr verbracht hat.

Man merke auf: Allein schon, dass sich der Zuschauer Gedanken macht über die Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und ihre Motivationen, sagt schon viel aus über die Qualität des Films. Dass Mr. Landis sich für seine Blues Brothers viel abgeschaut hat, kommt ihm ebenfalls nur zugute: Lange Flucht, Polizisten als Versagerverfolger, gar ein Sprung über eine sich öffnende Klappbrücke…

Und letztendlich, newhollywoodlike, ist das Ganze natürlich auch 'ne Art Generationenporträt: Warum die kesse Mary überhaupt bei der ganzen Chose dabei ist? "Ich hab nichts anderes zu tun."

Jetzt sitzt sie da, in seinem Auto, und er wird sie nicht mehr los. Sie ist offenbar verschossen in ihn und zeigt das, indem sie spielerisch rumzickt. Er zickt zurück, allerdings weniger spielerisch als aggressiv. Zeigt dabei aber sein breites Peter Fonda-Grinsen, das dem nicholsonschen Markenzeichen kaum zurückzustecken hat. Das macht sie umso heißer. Kampf als Flirt – schön und gut, aber vielleicht nicht gerade im Fluchtauto, oder?

Deke sitzt dabei und verdreht die Augen. Er ist Komplize bei einem hervorragend geplanten und konsequent ausgeführten Plan: Supermarktkasse ausrauben, indem der Boss kurzzeitig erpresst wird. Während Larry im Laden das Geld aus dem Chefbüro abkassiert, hat Deke beim Boss zuhause dessen Familie als Geiseln genommen. Mittels Kassettenrekorder am Telefonanschluss wird dann Zeit gewonnen, und wusch!. Gleich mal über eine Rampe und über ein paar Bauarbeiter, und dann geht er ab, der Larry! Denn er ist Rennfahrer. Und will sich mit dem Überfall das Startkapital für eine Karriere verdienen. Und da sieht man, wie wunderbar man Pläne schmieden und doch erstens den Über-, zweitens den Unterbau völlig vernachlässigen kann. Larry ist ja nicht maskiert oder so: Wie will er da in die Nascarserie einsteigen? Und wie will er unauffällig verschwinden, wenn er erstens bei jedem Truck, den er sieht, Gas gibt, um ihn in halsbrecherischen Fahrmanövern zu schneiden und auszubremsen und zweitens eine Spur an verunglückten Polizeiautos hinter sich herzieht, die er mit Karacho abhängt?

Der Plan an sich ist super: Über Nebenstraßen Richtung Staatsgrenze, und dort in einer riesige Walnussplantage, mit einem Straßennetz labyrinthisch durchzogen, die Bullen vollends abhängen. Nur halt die Details. Und die Ausführung. Weil Larry halt irre ist. Und Mary zu kess. Und Deke zu loyal.


Harald Mühlbeyer