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Nippon 2010: “A Piece of our Life (Kakera)” – Liebe über Geschlechtergrenzen hinweg

“A Piece of Our Life – Kakera” / “Kakera”
Japan 2009, Regie: Momoko Ando


Ein großes Projekt ist das Regiedebüt von Momoko Ando. Mit Subtilität und Leichtigkeit geht die Regisseurin ein wenn mittlerweile auch nicht mehr sehr umstrittenes, dennoch sehr diskursives Thema an: Sexualität.

Der Film handelt von der Studentin Haru (Hikari Mitsushima, bekannt unter anderem aus „Love Exposure“), die eine unglückliche, kommunikationslose und schlicht auf Geschlechtsverkehr reduzierte Beziehung führt. Doch schnell lernt sie Ryoko (Eriko Nakamura) kennen, oder wird vielmehr von ihr kennengelernt, die sich auf die Stelle in sie verliebt. Damit ist die Sexualitätsdebatte eröffnet. Und Regisseurin Ando führt den Zuschauer durch ein Panoptikum von Perspektiven zum Thema.

Nach einem relativ schnell deutlich werdenden System unterbricht sich der Film durch metaphorische Bilder, die das Geschehen ergänzen, kommentieren oder sogar im Voraus erzählen, um die Handlung als Untertitelung zu benutzen. So werden zum Beispiel die ersten Minuten des Films durch Bilder von fahrenden Zügen oder von Fahrrädern unterbrochen, die die Trennung Harus von ihrem Freund ankündigen. Diese Motive wiederholen sich bedeutungsträchtig während des ersten Dates zwischen Haru und Ryoko, als sie mit seitlich gestreckten Händen über Eisenbahnschienen-ähnliche Schatten eines Geländers rennen. Doch die Schatten bleiben Schatten und verbreiten sich über die Beziehung der zwei Mädchen: Einerseits, weil Ryokos autoritäre Natur Haru einengt, andererseits, weil Haru sich mit Homosexualität nicht identifizieren mag.

Dabei sprengt der Film in Ryokos Erklärung ihrer sexuellen Orientierung von vorneherein die Geschlechterkategorien: „Ich stehe nicht auf Frauen, ich mag dich!“ Und darum geht es in allen Situationen, die die Charaktere im Verlauf der Handlung erleben: Harus Freund schafft es erst zu spät, sich zwischen Haru und einer anderen zu entscheiden, vor allem solange er die Sexualseite mit beiden genießen kann. Ryoko, beruflich und aus Überzeugung Prothesenherstellerin, kann gar nicht von ihrem Selbstbild als Ergänzung für andere Menschen ablassen, und das wird ihr zum Verhängnis in der Beziehung mit Haru. Während Haru versucht, sich von Ryoko zu distanzieren, nimmt diese Rache, indem sie eine Affäre mit einer Drag Queen anfängt, die sich, wie beide überrascht feststellen, als Kundin Busenprothesen von Ryoko herstellen lässt. Ryoko steckt dabei ihren Geist und ihr Können in die Prothese, ihr Herz gehört aber Haru, und das zu verstehen scheitert die Drag Queen. So laufen immer Menschen auseinander, weil sie in Kategorien denken oder Kategorien nicht verstehen, weil sie Doppelleben führen und in einem Denken in Doppelidentitäten blockiert sind. Dabei geht es nur um eines: geliebt zu werden.

Und dieses Geliebtwerden über Geschlecht hinaus als Essenz der Sexualität wird zur Botschaft des Films, der durch diese ganzen Perspektiven die kulturellen Prägungen der Sexualität als Vergangenheit erklärt. Wie Ryoko Harus Freund sagt, bevor sie ihn vertreibt: „Du magst ja Nüsse haben, aber das hilft dir nicht, willkommen in der globalen modernen Welt.“. Mit „A Piece of our Life – Kakera“ gelingt Momoko Ando ein obwohl in der Motivik etwas repetitiver sehr gekonnt und elegant inszenierter, manifester Film.


Ciprian David


A Piece of Our Life - Kakera / Kakera
R: Momoko Ando
D: Hikari Mitsushima, Eriko Nakamura
Japan, 2009, 107 Min.

DVD: "Story of a Prostitute" - Nouvelle Vague in Japan

"Story of a Prostitute"
Japan 1965. Regie: Seijun Suzuki


Mit den 50ern erlebte die japanische Filmindustrie eine neue schöpferische Welle. Im Unterschied zu den anderen radikalen Änderungen der Zeit (wie die Nouvelle Vague in Frankreich und später das New Hollywood in den USA) findet die Nuberu Bagu ihren Keim mitten im japanischen Studiosystem, einer nach dem Hollywood-Modell an großen Studios, Stars, aber auch Regisseuren angelehnten Organisation.

Seijun Suzukis „Story of a Prostitute“ ist als Vertreter dieser Welle exemplarisch: aus den Nikkatsu-Studios stammend soll der Film ein an einen Bestseller von Tajiro Tamura angelehntes Melodram sein. Die filmische Umsetzung ist jedoch das Resultat einer der Realität näheren Anpassung der Romanvorlage. Harumi (Yumiko Nogawa), die Heldin, wird schon in der zweiten Einstellung als Prostituierte bezeichnet, fast ein Gegensatz zu ihrer viel romantischeren Rolle als Unterhalterin im Roman von Tamura. Verraten von ihrem Liebhaber, entscheidet sie zur Front zu ziehen, um sich dort zusammen mit einigen Berufskolleginnen um die Bedürfnisse der japanischen Soldaten zu kümmern. Doch der machtsüchtige Hauptmann Narita (Isao Tamagawa) beansprucht sie für sich alleine, zwingt sie in ein Herr-Knecht Verhältnis. Dessen Untergebener Mikami (Tamio Kawaji), ein humanistischer Idealist, ergänzt die Konstellation zu einem Dreieck. Zwischen Harumi und Mikami erwacht die Liebe, mitten in einem von Ehre und Machtgefüge dominiertem Universum, die Folgen davon werden immer dramatischer.

Von Anfang an beeindruckt der Film durch außergewöhnliche Stilelemente, die durch die Erzählung hindurch brechen, gleichzeitig Marke des Regisseurs und Zeichen seiner Distanzierung von den Nikkatsu-üblichen Produktionen. Extreme Slow-Motion bis hin zu Stop-Action verlängert die Zeit, vor allem in dramatischen Einstellungen, und pointiert somit die Gefühlshöhen und -tiefen der Hauptcharaktere. Oft werden Filmsegmente wiederholt aneinander geschnitten oder durch andere Filmstücke unterbrochen, den Kuleschow-Effekt nachahmend. Viel radikaler jedoch wirkt die Montage von Standbildern der Nahaufnahmen der Protagonisten, die Filmwelt um sie herum erfrierend und das Dramatische fast bis hin zur Karikatur überspitzend. Oder eine Collage, die den Hauptmann Narita vom Filmcharakter kurz zum Pappmenschen macht, bevor diese neue Form wörtlich in Papierfetzen gesprengt wird.

Die japanische Nuberu Bagu – die neue Welle – lässt sich aber vor allem in der Inhaltsebene von „Story of a Prostitute“ wiederfinden. Unter der Maske eines brutalen, abgehackten Schnitts, der zunächst den Eindruck erweckt, es wäre versucht worden, eine komplexe Romanvorlage in einen Film zu pressen, entfaltet sich ein sozialkritisches, für die damaligen Verhältnisse fast feministisches Werk. Ganze Romanpassagen auf einen Satz aus dem Off oder auf eine sprunghafte, fast Kohärenz mangelnde Aneinanderreihung von Einstellungen reduzierend, verwandelt Suzuki eine auf den ersten Blick falsche Methode der Literaturverfilmung ins Stilmittel. Denn hinter diesen Inkohärenzen, hinter der Härte mancher synthetisierender Sätze entdeckt der Zuschauer nach und nach eine ironische Kritik gegenüber den Verhältnissen im Militär, gegenüber dem strengen Moralkodex des japanischen Militärs und gegenüber den Verhältnissen zwischen Männern und Frauen.

Beeindruckend in dieser Hinsischt ist der Umgang des Films mit der Heldin, Harumi. Zuerst wird sie isoliert in einer Einstellung gezeigt und eine Stimme aus dem Off etikettiert sie als Prostituierte. Eine Stimme ohne Name, welche rückblickend als Meinungsträger der japanischen Gesellschaft bezeichnet werden kann. Ihr Beruf ersetzt zunächst im Film ihr Menschsein, wie Hauptmann Narita es auch verdeutlicht, und wie es wiederum auch mit den Soldaten geschieht, die bloß noch als Behälter einer nationalen Tugend ihre Daseinsberechtigung finden. Doch der Auslöser der Filmhandlung kommt als eine doppelte Überraschung für den Zuschauer: Erstens durch den psychoanalytischen Charakter, bisher dem Film völlig fremd, und zweitens, weil der Weg von der Prostituierten Harumi zum gleichberechtigten Menschen Harumi über eine Spaltung geführt wird. Sie kann den Hauptmann nicht ausstehen, doch sobald er sie berührt, weigert sich ihr Körper zu widerstehen. Diese Spaltung zwischen Körper und Geist wird schnell immer größer und so holt sie sich mit Mikami zunächst eine Waffe gegen den Hauptmann. Doch diesmal verrät sie ihr Herz, sie verliebt sich, und gleichzeitig tritt nach und nach die Prostituierte in den Hintergrund ihres Gesamtbildes. Von nun an überbietet sie immer mehr die Ehre der Menschen um sich herum, soweit, dass sie ihrem Geliebten in den Tod folgt, den beide als einzige aus Überzeugung angehen.

Trotz der herausstechenden zeitgenössischen Ideen und Stilmittel, die einige Jahre später zu Suzukis Entlassung aus Nikkatsu führten, wurde der Film nie ein Publikumserfolg. Entstanden in einer Zeit, in der die Tenöre unter den Kinobesuchern, die Jugend, die großen Studios aus Prinzip ablehnten, hatte der Film nie die Gelegenheit auf die Menschen seiner Zeit zu wirken. Nun erscheint der Film in einer restaurierten Fassung auf DVD im deutschen Verleih.

Ciprian David


"Story of a Prostitute"
Regie: Seijun Suzuki. Drehbuch: Hajime Takaiwa. Buch: Taijio Tamura. Kamera: Kazue Nagatsuka. Musik: Naozumi Yamamoto.
Darsteller: Yumiko Nogawa, Tamio Kawaji, Isao Tamagawa
Länge: 96 Min
Verleih: Eye See Movies
Start: 26.02.2010


Diese DVD können Sie bequem in unserem Online-Shop bestellen.

Tim Burtons „Alice im Wunderland“: Unterirdisch

Alice im Wunderland / Alice in Wonderland, USA 2010, Kinostart: 4.3.2010.



Als die Rückkehr des ‚verlorenen Sohnes’ wurde die Zusammenarbeit von Tim Burton mit seinem alten Arbeitgeber Disney bezeichnet – wenn auch vornehmlich von den PR-Firmen, die sich für Disney verdingen. Der unterschwellige Stolz, mit dem diese Aussage in den Äther geschossen wurde, schien berechtigt zu sein, denn die Zutaten ließen auf ein großes Kinoereignis hoffen: eine facettenreiche Vorlage, die nur darauf wartete, mit einer variierten Lesart interpretiert zu werden, zusammen mit dem „Allstar-Cast“, den Burton schon seit langem mitschleppt.

Allerdings gibt es auch einige eklatante Änderungen: Teile des zweiten Buches werden in diesen Film mit eingewoben, und das Ganze wird mit einer aktualisierten Genderpolitik überzogen, die mehr kaputt macht, als dass sie dem Stoff zu neuen Höhen verhelfen würde. Dies beginnt bereits im Prolog. Alice ist ein filigranes Mädchen am Ende seiner Teenagerjahre, das bei einer Festivität mit der Karikatur eines Aristokraten verheiratet werden soll. Dieser Mann, besser: dieses Männchen mit rotem Flaum und fliehendem Kinn ist ein Aushängeschild steifer Monarchen, die die Etikette höher schätzen als die Emotion, die aus Liebenden ein Ehepaar formt. Gesteigert wird dieses Schreckbild eines Mannes noch mit dem Hinweis, dass er Verdauungsprobleme habe: ein Scherz, der den Jüngsten im Publikum zweifelsohne zur Heiterkeit gereichen wird. Bevor Alice öffentlich ihr Ja-Wort verkünden soll, entflieht sie der Gesellschaft; folgt dem gehetzten, stets unter Zeitmangel leidenden Kaninchen in den Bau und fällt in die Parallelwelt. Sie fällt, so stellt sich bald heraus, ein zweites Mal. Denn bereits als junges Mädchen besuchte sie die „Unterwelt“ und deutete fälschlicherweise ihre Erlebnisse als die Albträume eines Kindes.

In der Unterwelt regiert die rote Königin, was die Bewohner offensichtlich um den Schlaf zu bringen scheint, denn alle - selbst die ätherische weiße Königin - haben tiefe Schatten unter ihren Augen. Die Abgründigkeit der Szenerie und ihrer Figuren ist dabei eine Konstante Burtons, die er hier weiter kultiviert. Johnny Depp als der Hutmacher, der dereinst im Dienste der weißen Königin stand, ist dabei eine ebenso verstörende Figur wie die Grinsekatze, die hier, einem aufgeputschten Garfield ähnelnd, Alices Weg begleitet – interessant, dass die Computergestalt die Einzige ist, die über die für Disney typischen großen Augen verfügt, was sie weit unheimlicher als angenehm erscheinen lässt.

Das Terrorregime der roten Herzkönigin versetzt die skurrilen Bewohner in Angst und Schrecken. Bonham Carter als künstlich kleine Person mit einem exaltierten Kugelkopf ist hier eine unsichere Frau, die um Liebe und Zuneigung buhlt, und jede Zuwiderhandlung ihrer Befehle mit dem Köpfen der Zuwiderhandelnden ahndet. Doch auch ihre Schwester, die weiße Königin, ist keine wirkliche Lichtgestalt. Sie scheint stets etwas neben sich zu stehen, spielt permanent mit ihren Fingern und wirkt im Kern wie eine ironisch konzipierte Version eines Gutmenschen. Sie wirkt so eindimensional wie die Heldin Alice selbst, die im Grunde taumelnd die verschiedenen Stationen der Geschichte durchläuft. So ist der Hutmacher - eigentlich eine Nebenfigur - die interessanteste Gestalt des Films, denn er kämpft mit Gefühlen wie Reue, Schuld und Verlust. Natürlich ist Depp in dieser Rolle großartig, die ihm wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint – was wahrscheinlich auch der Fall ist. Zwar ist es schön, dass Burton um die berufliche Qualität seines Freundes (Depp) und seiner Frau (Bonham Carter) weiß, doch erscheinen die anderen Figuren neben ihnen seltsam blass und unnahbar.

Während das erste Buch Carrolls mehr eine Art Bestandsaufnahme der Figuren in seinem erdachten Reich war, gibt es hier für Alice das klare Ziel, den Guten zu einem Sieg zu verhelfen. Und „Sieg“ ist wörtlich zu nehmen, denn der Schluss des Films läuft auf einen abgedroschenen Kampf zwischen den beiden Schwestern und ihrem Gefolge hinaus. Alice indes mutiert zu einer Drachentöterin. Auf einem gewaltigen Schachfeld versammeln sich die Armeen. Doch während die weiße Königin in ihrem Element zu sein scheint, ist der Ausgang wenig überraschend, schließlich hat eine Herz-Königin in einer Partie Schach wenig verloren. Der ‚Drache’ (Jabberwocky) und das Schachfeld sind Elemente des zweiten Buchs von Lewis Carroll „Alice hinter den Spiegeln“, Elemente, die hier als Zusatzmotive und optisches Beiwerk verwendet werden.
Es gibt weitere Ungereimtheiten im Plot, die vielleicht auf mehrfach umgeschriebene Skriptfassungen zurück zu führen sind: Gegen Schluss verpuppt sich die Raupe und Alice zeigt sich tief bestürzt, da sie angeblich nicht ohne ihren weisen Rat werde auskommen können. Irritierend bloß, dass die Reden des Schischa qualmenden Insektes kaum mehr Gehalt aufweisen als Sprüche auf dem Einband eines Selbsthilfebuchs.

Es ist vielleicht der Drehbuchautorin Linda Woolverton zu verdanken, dass der Film mit zunehmendem Verlauf missglückt und auf einen Schluss zurast, der Lesern von Phantasieliteratur nur allzu vertraut vorkommen wird. Der Epilog, der eine emanzipierte Alice darstellt, ist gewiss die Erfindung Woolvertons, die bereits mit dem Drehbuch zu der Disney-Version von „Die Schöne und das Biest“ auf starke und unabhängige Frauenfiguren konzentriert war. Bloß dass die Vorlage von Carroll nur wenig Spielraum für derartig verbissene Genderpolitik lässt und es dementsprechend aufgesetzt wirkt, wenn Alice in dem hastig erzählten Epilog unstandesgemäß ihren eigenen Willen formuliert und vorbehaltlos dafür gefeiert wird. Und so bleibt „Alice im Wunderland“ ein visuell ansprechendes Abenteuer, dessen erzählerische Schwächen immer dann zutage treten, wenn sich der Film von der Vorlage und der von Burton etablierten Stimmung entfernt.

Randbemerkung I:
Natürlich kommt auch dieser Film, dem Trend entsprechend, in einer 3D-Fassung in dafür ausgerüstete Kinosäle. Hier entpuppt sich die Technik als zweischneidiges Schwert, denn einerseits ist der Effekt in vielen Szenen interessant und die Tiefenräumlichkeit teilweise beeindruckend. Doch in den dunkleren Szenen, und auch in Szenen, die schnelle und filigrane Strukturen beinhalten (wie die fliegenden Schaukelpferdchen oder die detaillierte Vegetation) geht der Effekt fast vollkommen verloren. In diesen Szenen macht sich zudem ein störender Nebeneffekt bemerkbar: es entsteht der Eindruck, als würde man auf einem Auge plötzlich sehr unscharf sehen, als wäre die Linse verschmiert. Rechnet man den Gewinn gegen den Verlust, so sollte man die klassische 2D-Fassung bevorzugen.

Randbemerkung II: Im Bereich der Computerspiele gab es bereits eine düstere Variante von „Alice im Wunderland“, die zum Teil psychedelischer wirkte, vor allem jedoch konsequenter erzählt wurde, als Burtons Fassung: „American McGee’s Alice“, im Jahr 2000 bei ‚Electronic Arts’ erschienen. Auch hier kämpft Alice gegen den Jabberwocky und die rote Königin. Das Spiel gilt als Meilenstein einer Interpretation klassischer Werke im Kosmos der interaktiven Unterhaltung.



von Sascha Koebner


Alice im Wunderland / Alice in Wonderland, USA 2010.
Regie: Tim Burton. Buch: Linda Woolverton. Kamera: Dariusz Wolski. Musik: Danny Elfman. Produktion: Richard D. Zanuck, Suzanne Todd, Jennifer Todd, Joe Roth.
Mit: Mia Wasikowska (Alice), Johnny Depp (Hutmacher), Helena Bonham Carter (Rote Königin), Anne Hathaway (Weiße Königin), Crispin Clover (Herzbube).
Länge: 108 Minuten.
Verleih: Disney.
Start: 4.3.2010.

Buchkritik: Nackte Frauen?

Ulrike Wohler (2009) Weiblicher Exhibitionismus. Das postmoderne Frauenbild in Kunst und Alltagskultur. Bielefeld: transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-1308-7. 221 Seiten.


Nachdem sie Avantgarde und klassische Moderne anhand von Tanz gegenübergestellt hat, dringt Ulrike Wohler mit dieser Veröffentlichung tiefer in den Genderdiskurs, um das Phänomen des weiblichen Exhibitionismus als manifesten und politischen Akt zu erörtern. Schon an dieser Stelle muss man aufmerksam werden, denn ein solcher Akt ist immer manifest. Allein der politische Aspekt könnte verschwinden, die Forderungen dafür wären jedoch nichts weniger als eine Genderrevolution, eine Beseitigung des bürgerlichen Geistes und seiner Normen, und somit eine Situierung des Exhibitionismus im Bereich des Natürlichen, des Apolitischen.

Ein angenehmer Einstieg in das Buch wird durch eine kleine Darstellung ermöglicht, die Moderne, Avantgarde und Postmoderne definiert und charakterisiert. Besonders hervorgehoben dabei wird der Unterschied zwischen der Bedeutung der Postmoderne in den USA und in Europa. Und da die Postmoderne bekanntlich zuerst in den USA theoretisiert wurde und, vor allem, auf nichttheoretischer Ebene erstmal entstand, wird deren rebellierender Aspekt als Stützpunkt im Verlauf des Buches verwendet.
Darauf folgt eine ausführliche Darstellung der Geschlechtsidentitäten, vor allem die feministische Perspektive im Mittelpunkt habend, denn die feministischen Bewegungen ließen die Geschlechtsidentität überhaupt zum Diskurs werden. Es wird auf soziale Milieus, Psychoanalyse, bürgerliche Moral und Regeln eingegangen, bis hin zu Androgynität, Hermaphrodismus, Transgender und postmoderne Frauenbilder.

Exhibitionismus als Phänomen wird auch aus mehreren Perspektiven seziert. Die rechtlichen Grundlagen haben nur den Mann im Visier. Die Frau, die nicht als Bedrohung erscheint, wird als Exhibitionistin vom Gericht nicht beachtet. Die bürgerlichen Rollenklischees bleiben aber nicht nur bei dieser Normierung, sondern zwingen dem Individuum Kategorien von Normalität und, implizit, Abweichung auf.
Da weiblicher Exhibitionismus oft mit Tanz verbunden ist, wird in einem Exkurs zur neueren Tanzgeschichte der orientalische Tanz als Plattform für Kommunikation und Intimität vorgestellt. Seine ursprünglichen ästhetischen Prinzipien werden mit denen der in den USA und Europa betriebenen, postmodernen Adaption des orientalischen Tanzes verglichen und seine Funktion als therapeutisches Mittel der Selbstfindung der eigenen Identität der postmodernen Frau wird erläutert. Erotische Macht wird in diesem Zusammenhang im Machtdiskurs von Weber und Foucault integriert, als eine subversive, der Frau eigene Form.

Nach dieser ausführlichen theoretischen Erörterung der Begriffe, mit denen das Buch arbeitet kommt man zu dem empirischen Teil, welcher Exhibitionismus als politischen Akt zu erklären versucht.

Zuerst zieht Wohler anhand der Kabaretttänzerin Anita Berber und der Tanzlehrerin Mary Wigman eine Parallele zwischen Avantgarde und Moderne, welche die erstere als Exponent der selbstbewussten, sich über bürgerliche Rollen durch ihre Kunstformen mokierenden Frau erscheinen lässt.

Kritischer wird es mit der Studie zu Marylin Monroe, deren Kategorisierung als Sexsymbol, vor allem in den Interviews mit Marylin Monroe verdeutlicht, wenig Raum für eine selbstbewusste Exhibitionistin lässt und somit die Diva der 50er eher als rebellische Ikone mit Modellrolle für die weibliche Nachfolgerschaft darstellt. Nicht umsonst folgt gleich darauf das selbstbewusste Bild von Madonna, die politisch provozierende, sich über Rollenklischees lustig machende Exhibitionistin, welche die stärkste Passage des Buches konstituiert.

Die letzte Station im Buch besteht aus der Analyse von vier Videoclips, ausgewählt, weil die auftretenden Frauen im Mittelpunkt stehen und nicht als Begleiterinnen von Männern erscheinen. Hier fehlt dem Leser eine ausführlichere Argumentation, vor allem weil so viele andere mögliche Kandidaten in die Kriterien gepasst hätten: unabhängige oder rebellische Geister wie Missy Elliott, Rihanna, Kylie Minogue, etc.
Fazit: Zurschaustellung des weiblichen Körpers kann durchaus eine Darstellung erotischer Macht sein. Eine Auseinandersetzung mit Transgender wäre noch erwünscht.

Metafazit: Weiblicher Exhibitionismus ist eine großartige Einführung in die Genderdebatte aus heutiger Sicht. Vor allem das Kapitel zu den Geschlechtsidentitäten bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen zu Geschlecht, Gender und Sex als diskursive Termini. Der empirische Teil des Buchs wirkt eher als ein Leitfaden zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den vorgeschlagenen Themen.

Ciprian David

Der Teufel ist ein Eichhörnchen - "Antichrist" von Lars von Trier

von Harald Mühlbeyer

"Antichrist"
Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien, Polen 2009. Buch und Regie: Lars von Trier. Kamera: Anthony Dod Mantle. Produktion: Meta Louise Foldager.
Darsteller: Charlotte Gainsbourg (Sie), Willem Dafoe (Er).
Länge: 104 Minuten
Verleih: MFA
Kinostart: 10.09.2009

Jetzt also doch noch etwas zu Lars von Triers "Antichrist"; wenn auch mit einiger Verspätung nach dem Kinostart.

"Antichrist" ist sicherlich nicht der beste Film von von Trier. Nein. Aber es ist ein eindrücklicher Film, das hat er mit den anderen von Triers gemeinsam, und das ist mehr, als viele sonstige Filme zu bieten haben.

Und es ist im Grunde ein Wunder. Denn die diesjährigen Filmfestspiele von Cannes, wo "Antichrist" seine Uraufführung erlebte, haben eine Menge eindrücklicher, nachdrücklicher, unvergesslicher Filme beinhaltet, die alle jetzt so langsam in die deutschen Kinos kommen: Tarantinos Meisterwerk "Inglourious Basterds", demnächst Michael Hanekes "Das weiße Band", der verdientermaßen gewonnen hat, im Januar dann Gilliams "Imaginarium of Dr. Parnassus"; und Ang Lees "Taking Woodstock", der auch gerade in den Kinos läuft, ist ja auch sehr, sehr gut. Da geht sogar ein Film wie "Zerrissene Umarmungen" unter, der sicherlich nicht der beste von Almodovar ist, zu überambitioniert, zu gewollt verdreht; in Berlin aber wäre man froh, wenn man wenigstens sowas mal sehen würde...

"Antichrist" ist als Film vielleicht nicht ganz gelungen, als Aufreger aber allemal gut genug. Und diese Aufgabe hat er ja auch erfüllt, und von Trier hat das ja auch bezweckt. Sonst würde er nicht gleich am Anfang in seine wunderbar choreographierten Slowmotion der Schrecklichkeit einen kurzen Hardcore-Porno-Clip einmontieren. Von Trier weiß schon, wie er die Leute aus den Sesseln heben kann, die sonst wenig aus den Sesseln hebt. Und die dann gleich Frauenfeindlichkeit rufen.

Ich war nicht dabei; aber das muss in Cannes sowas wie ein Lauffeuer gewesen sein, dass man sich gegenseitig in diesen Vorwurf reingeschaukelt hat: uha, von Trier, der hat doch immer die Frauen leiden lassen. Und jetzt ist die Frau sogar nicht nur die Böse, sonder das Böse an sich!

Aber nein. Das ist ja das Gewitzte bei Lars von Trier: dass er sich eben nie auf einen Standpunkt festlegen lässt. Der Film ist genauso frauenfeindlich wie irgendwas anderes. Man kann "Antichrist" auf soviele Weisen interpretieren, wie man will; und man kann reinlesen, was man will; und der Film lässt das zu; und ist dabei doch überhaupt nicht beliebig; weil es ihm genau darum geht: um die Herausforderung einer Reaktion.
Da kann man psychologisch rangehen: man kann über die Trauerarbeit reden, die Sie und Er ableisten müssen nach dem Fenstersturz-Tod ihres Kindes. Man kann diskutieren, was richtige und was falsche Trauer ist (wie Er und Sie es im Film tun), und man kann auch Willem Dafoes Charakter einen arroganten, selbstgerechten Kotzbrocken nennen, und Charlotte Gainsbourgs Figur eine neurotische Psychopathin. Oder: man kann ihn als Verzweifelten sehen, der den schrecklichen Tod des Sohnes mit eigener emotionaler Distanz überwinden und dabei wenigstens seiner Frau helfen will, und sie als eine Verzweifelte, die einen ganz anderen Weg geht, die eine größtmögliche emotionale Nähe zum toten Kind erhalten will und dabei von ihrem Mann wegdriftet. Oder hatte vielleicht, auch das deutet der Film an, sie schon immer einen Klammer-Tick, hat sie an ihrer tiefsitzenden, krankhaften Angst vorm Alleinsein schon immer gelitten und deshalb dem Sohn die Schuhe falschrum angezogen, damit er nicht zu weit weglaufen kann? Und fickt sie deshalb so manisch ihren Mann?

Man kann das alles auch religiös sehen, deshalb heißt ja die Waldhütte "Eden", in die Er Sie hinverschafft, um ihre Ängste zu überwinden: durch die Konfrontation mit dem, wovor sie am meisten Panik hat. Und deshalb geht der Horror auch direkt in die Urgründe religiösen Furors: hin zum Bösen in allem. Psychotherapie steht dabei gegen religiöse Spiritualität, die trockene Rationalität der Aufklärung wird mit der Sexualneurose vielleicht des Christentums, vielleicht des Katholizismus, vielleicht auch nur des fanatischen Volksglaubens kontrastierend verbunden. Und das geht bis hinein in die Bilder und perversen Phantasien des Horror-Slasher-Films...

Was aber haben die drei Bettler da zu suchen: das Reh, der Fuchs, der Rabe, die nicht nur überaus symbolisch auftauchen, die auch als überaus symbolisch im Film selbst benannt werden? Und das Schlussbild, die Vielen, Vielen, die den Bergwald hinaufstreben? Die Eicheln, der böse Wald, der tote Baumstumpf, der verlassene Fuchsbau, die Brücke über den Bach...

Lars von Trier weiß sicher ganz genau, was das alles soll; vielleicht aber auch nicht, weil er sich diesen Film ja, wie er sagt, nur von der depressiven eigenen Seele heruntergeschrieben hat. Eins aber ist klar: ob nun aus dem Bewusstsein oder aus dem Unterbewusstsein geschaffen: in seiner klaren Vagheit, in seiner vieldeutigen Grundphilosophie ist er durchaus stringent.

Das hätte man sich auch vom gesamten Film an sich erhofft; dann wäre er ein geniales Meisterwerk geworden.
Nun freilich ist er irgendwo mitten drin etwas unzusammenhängend. Denn Lars von Trier kanns nicht lassen und muss eine seiner großen Geschichtsverdrehungen, Rationalitäts-Spinarounds, Provokationshypothesen loswerden. Wie er in "Breaking the Waves" eine Frau aus irrationalem Glauben heraus hat leiden lassen und ihr am Ende recht gegeben hat; oder die Sklaven von "Manderlay" ihre Unfreiheit hat selbst wählen lassen zugunsten von Sicherheit, so schraubt er auch in "Antichrist" ein Was-wäre-wenn hinein: dass der Gynozid an den als Hexen verschrienen Frauen eben doch gerechtfertigt war, weil man damals noch wusste, wo das Böse liegt...

Das haben in Cannes viele wörtlich genommen, deshalb der böse Vorwurf der Frauenfeindlichkeit. Aber natürlich ist es nicht wörlich gemeint; eher als provokantes Gedankenspiel, als Aufforderung, neue, andere Sichtweisen zuzulassen. Denen, die über von Triers Frauenbild schimpfen, könnte man also im Gegenzug mentale Intoleranz vorwerfen.
In Woody Allens "Der Schläfer" spielt Allen einen Vegetarier, der 200 Jahre eingefroren war und nun gewärtigen muss, dass die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewonnen hat: dass nämlich vor allem fettes Fleisch und viel Tabakgenuss gesund sind. Bei Allen ist das ein Scherz; von Trier erzählt etwas ähnliches, aber eben nicht als Gag: und das stürzt dann viele in Verwirrung, weil sie nicht wissen, wie sie umgehen sollen mit dem, was im Film da so alles vorkommt. Und dann stürzen sie sich aufs Offensichtliche und versteifen sich auf angeblichen Frauenhass und beweisen damit, dass sie sowas wie uneigentliches Sprechen oder Ironie oder, sagen wir, böse verdrehten Humor nicht kapieren.

Dem Film kann man etwas anderes vorwerfen. Dass er nämlich diesen Aspekt der Richtigkeit von Hexenverbrennungen zuwenig verbindet mit dem Geschehen zwischen Mann und Frau; und auch nicht so richtig in Einklang bringt mit Charlotte Gainsbourgs eingängiger Erkenntnis, dass die Natur die Kirche Satans sei. Das wurde zwar alles schön und richtig in einen Topf geworfen, aber nicht so richtig umgerührt; oder sagen wir: miteinander vergoren. Oder wenigstens durch gemeinsames Anbrennenlassen miteinander zu einem Ganzheitlichen verbunden.
Aber egal: faszinierend ist der Film dennoch. Wäre er perfekt, wäre er vielleicht wirklich gar nicht mehr zu ertragen.

Filmfest München - Pressebetreuung

Das Filmfest München ist ein Publikumsfestival. Und das ist auch gut so.
Das bedeutet aber anscheinend auch, dass die Medienberichterstatter ein bisschen, nun ja, hintangestellt werden. Michael Manns "Public Enemies" etwa, auf den die Filmfestmacher so stolz sind, wird in nur einer Vorstellung gezeigt, die zugleich das deutsche Premierenfest des Filmes sein wird; ein Kartenkontingent für Journalisten ist aber anscheinend nicht vorgesehen; oder dieses war so klein, dass vielleicht eine Handvoll Journalisten, die heute früh genug aufgestanden sind, um sich Karten zu sichern, die vielleicht vor den Kassen übernachtet haben, noch reingekommen sind.

Ein gleiches sind die diesjährigen Filmfesttaschen, keine schicken Umhängetaschen mit eingebauten Ordnungsprinzip - hier Block, dort Programmheft, dort die Stifte -, wie es gute Tradition ist, sondern eine riesige Plastiktüten, in die man alles reinschmeißen muss und nichts mehr findet.

Andererseits: Vielleicht wurde diese Tasche extra für Gesine Danckwarts Film "UmdeinLeben" angeschafft, der sechs Frauenmonologe zusammenführt in einem Verfahren, das Danckwart "permativ" nennt. Das ist natürlich eigentlich nur einer dieser Inszenatoren-Neologismen, die was ganz Neues, Avantgardistisches suggerieren; was sich aber eben als doch nicht sooo originell und kreativ herausstellt. Sally Potter hat mit ihrem auf der Berlinale vorgestellten "Rage" etwas nicht ganz Unähnliches gemacht. Danckwart lässt ihre Frauen reden, reden und reden, sie reden sich um Kopf und Kragen und tauchen dabei an nur wenigen Schauplätzen auf, und immer wieder auch in einem weißen Raum; womit die Realität des Milieus, ihrer Umwelt abstrahiert werden soll; was dem ganzen auch einen starken Hauch des Theaterhaften gibt (Danckwart kommt vom Theater, koproduziert wurde der Film (konsequenterweise) auch von Theaterkanal). Streams of consciousness sind das, hat schon James Joyce gemacht, hier sind es sechs verzweifelte Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, die in unvollständigen, abgehackten Gedankensätzen ihre Befindlichkeiten herausstoßen von Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit und Karriere-Ellbogenkonkurrenz und so.
Und das besondere: ich habe das zumindest zu einem Teil auch verstehen können; habe es nicht ganz furchtbar gefunden. Und ich meine: ich bin in den letzten Tagen gereift, habe eine Entwicklung durchgemacht, die mich die weibliche Seite des Lebens gelehrt hat, ein wenig wenigstens. Warum? Weil es in meiner Filmfesttasche ganz genau so zugeht wie in den Köpfen der sechs Frauen von Gesine Danckwart.

Harald Mühlbeyer