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Festival des deutschen Films, Ludwigshafen – Preisträger

Mittlerweile ist es schon weite Vergangenheit, das Ludwigshafener Festival des deutschen Films - 39 Filme auf dem Filmfest München liegen dazwischen... Dennoch seien die Preisträger von Ludwigshafen noch nachgereicht:

Die Jury, bestehend aus Helma Sanders-Brahms (Regisseurin), Roman Paul (Produzent) und Wolfram Schütte (Filmkritiker), vergab den mit 50.000 Euro dotierten Filmkunstpreis an Angela Schanelecs "Orly".

Begründung der Jury: „An einem zentralen Ort des modernen Lebens, einem Großflughafen, entdeckt Angela Schanelec liebende Paare, die einem verfehlten Leben nachdenken oder einem ersehnten Leben entgegenträumen. Mit überraschender Leichtigkeit, menschlicher Wärme und sanfter Ironie liest ihr Film der Anonymität des Transit- und Warteraums „Orly“ zarte und bewegende Lebensgeschichten ab. Es sind poetische Momente des individuellen Innehaltens in einer davon unberührten dokumentarisch erfassten Welt der flüchtigen Bewegungen.”

Die beiden undotierten Filmkunstpreise für originellste Darstellungsform und originellstes Thema gingen an "Shahada" von Burhan Qurbani.

Begründung der Jury: „Burhan Qurbanis „Shahada“ überzeugte die Jury durch die Ernsthaftigkeit und Intensität, mit der sich der Film seinem vielfältig aufgeblätterten Konflikten stellt: der herz- und leibzerreißenden Spannung zwischen Eros und Religion, Glück und Angst im metropolitanen Islam. Im nachtdunklen winterlichen Berlin hat Burhan Qurbani sein Kaleidoskop der Leiden und Schmerzen unter Berliner Muslimen als Passion in fünf Teilen formuliert, deren einzelne Stationen sich am Glaubensbekenntnis des Islam orientieren.“

Der ebenfalls undotierte Filmkunstpreis für besondere Einzelleistung ging an den Schauspieler Robert Gwisdek in "Renn, wenn du kannst" von Dietrich Brüggemann.

Begründung der Jury: „Robert Gwisdek spielt die facettenreiche Rolle des querschnittsgelähmten Benjamin mit der „kalten Flamme“ eines Darsteller-Artisten. Seine alle Charakterbereiche durchmessende Leidenschaft, Mensch zu sein, ohne je sentimental zu werden, erwärmt uns als seine Zuschauer.“

Der Publikumspreis ging ex aequo an "Renn, wenn Du kannst" und an "Kinshasa Symphony" von Claus Wischmann und Martin Baer.

Festival des deutschen Films, Ludwigshafen – „Die Mondverschwörung“

Thomas Frickel erforscht in seinem Dokumentarfilm „Die Mondverschwörung“ die Untiefen der deutschen Esoterik- und Verschwörungstheoretikerszene. Dafür bedient er sich eines einfachen, aber wirkungsvollen Tricks: er setzt einen Interviewer ein, der vorgeblich naiv und wohlwollend all den Spinnern zuhört, die da ihren Quatsch erzählen. Und weil der Mann mit dem Mikrophon so nett ist und so jovial nickt, plappern sie munter drauflos. Dennis R. D. Mascarenas ist dieser gemütliche Amerikaner, der die Deutschen erforschen möchte, ein dicker, behäbiger Mann irgendwo zwischen Michael Moore – wie er sich an die Gesprächspartner ranwanzt – und Alfred Hitchcock (in lustigen Filmtrailern oder „Alfred Hitchcock-Hour“-Anmoderationen) – wie er mit ironischem Gestus und lakonischem Humor alles mitmacht, was sich anbietet.

Ausgangspunkt ist ein amerikanischer Spinner, der Grundstücke auf dem Mond verkauft und einen kleinen Disput hatte mit einem deutschen Spinner, der den Mond für sich reklamiert – weil Friedrich der Große damals seinen Vorfahren den Himmelskörper per Urkunde geschenkt hat. Das ist natürlich Quatsch, ein Experte der Kölner Uni erläutert ausführlichst den internationalen Vertrag von 1967, nach dem alle Himmelskörper keinem Staat und keiner Person gehören dürfen – doch der Film nimmt das zum Anlass, seinen Protagonisten Mascarenas, der ja nichts anderes ist als eine konstruierte Vermittlerfigur, tief in die Mond-Esoterik-Ecke zu schauen, mit Mondgymnastik, -anbetung, -wasser. Stößt dabei auf die merkwürdigsten Typen, die an positive Schwingungen und Energien, an allgegenwärtige Satanismen glauben, an Astralmächte und kosmische Engel – hier sind wir im anthroposophischen Bereich, ein schwäbischer Spinner grenzt sich strikt ab von den Ufonauten, und vom nächsten Gesprächspartner wird Mascarenas schon gewarnt vor den giftigen organischen Zinnverbindungen auf den Euroscheinen, und jetzt wird es politisch: Das nämlich haben die Amerikaner verbrochen. Wie die Spinner freimütig gegenüber dem Amerikaner beklagen, der gutmütig nickt.

Das ist eines dieser höchst lustigen Momente, dass hier die Spinner jede Zurückhaltung vergessen, weil sie so froh sind, ihre Spinnereien mal ins Mikrophon, in eine Kamera verkünden zu dürfen, „die Leute müssen ja gewarnt werden!“, sagt einer der Spinner. Und mehr und mehr gerät Mascarenas und der Film hinein ins urdeutsch-nationalmythisch-rechtsradikale Milieu: Amerikaner sind schuld, aber eigentlich vor allem die Juden, und zwar kann man das messen: an negativen Schwingungen und am Plutoniumgehalt der Menschen, vor allem der Politiker: die alle zu Juden umgepolt wurden, von Strahlen aus dem Weltall natürlich, wobei es dagegen ein kraftvolles schützendes Symbol gibt (hier sind wir wieder bei zwei ganz anderen Spinnern, die, so scheint es, nicht antiamerikasemitisch eingestellt sind, weil sie ihre Weisheit direkt vom Erzengel Gabriel erhalten haben – sie fürchten auch nicht das Plutonium, sondern die Barium-Aluminium-Verbindungen in den Strahlen; doch das nur nebenbei). Wichtiges Stichwort ist hier Neuschwabenland, unter diesem Rubrum versammeln sich die nationalrechten Esoterikspinner, Hitler selbstverständlich nicht tot, sondern am Südpol, bzw. im Erdinneren, bzw. mit seinen Diesseits-Jenseits-Sprüngen beschäftigt, die ihn jung erhalten. Der Weltraum ist natürlich das Territorium der Reichsdeutschen, denen von den Aldebaranern die Raumfahrt gelehrt wurde, die nun die Rückseite des Mondes bevölkern – es ist ja eine unbegreifliche Verbindung zwischen dem Makromultiversum und dem Mikroversum, klar: das innere der Erde ist hohl, da leben die Atlantis-Überlebenden und die Reichsdeutschen, die unter der Erlöserfigur Hitler mit ihren untertellerförmigen Raumschiffen dereinst das jüngste Gericht halten werden: steht doch alles in der Offenbarung!

Ein unglaubliches Sammelsurium von Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die fundamental alle in einem neuen Licht erscheinen lassen, erforscht Mascarenas hier, bzw. Regisseur Thomas Frickel, und das ist lustig und immer wieder auch sehr erschreckend, was da an verquerem Denken sich auftut – und man kann hoffen, dass aus dem Denken dieser Spinner kein Handeln wird. Dramaturgisch ist das recht simpel gemacht, ohne größere Steigerung außer der, dass auf jede Theorie noch eine weitere, obskurere, absurdere draufgeschichtet wird; tiefe Erklärungen für das Bedürfnis nach derartigen spinnerten Welterklärungsversuchen darf man auch nicht erwarten, es reicht aber auch völlig, dass gezeigt wird, Erklärungen sind gar nicht nötig. Frickel und Mascarenas folgen einfach dem Weg der Spinner, ohne vordergründig belehren zu wollen: die Strategie ist Einfühlung, und vermutlich deshalb ließen sich so viele vor der Kamera aus mit ihren irrationalen Abstrusitäten, an die sie so fest glauben.

Ein Ende ist auch am Filmende nicht abzusehen, ein großes Zusammenfassen ist unmöglich, klar ist nur, dass alles mit allem zusammenhängt. Frickel und sein Mascarenas kommen da nur raus mit der Pointe, dass der Protagonist ob all dieser verwirrend-widersprechenden Glaubensbekenntnissen verrückt wird – ein etwas billiger Gag, aber wie hätte man sonst einen Abschluss finden sollen?
Im Abspann werden jedenfalls nicht nur die Gesprächspartner aufgezeichnet, die im Film vorkommen, sondern eine mindestens ebenso lange Liste an Spinnern, die nicht auftauchen; darunter ein Chronologiekritiker, ein Reichskanzler und ein Hasser des Brandenburger Tores.

Harald Mühlbeyer

Festival des deutschen Films, Ludwigshafen: "Waffenstillstand"

Kollege Bernd Zywietz hat schon über Lancelot von Nasos Irakkriegsfilm "Waffenstillstand" geschrieben - der Film ist auch auf dem diesjährigen Saarbrückener Max Ophüls Preis gelaufen. Bernd Zywietz fand den Film , Zitat: "Nicht so doll". Im Gegensatz zu mir.

Ich finde es einerseits ohnehin erstaunlich, dass der Film überhaupt produziert und gedreht wurde. Nicht nur, weil beim Dreh in Marokko eine Menge schief ging - von Naso konnte in Ludwigshafen einiges erzählen von wochenlangen Regenfällen in der Wüste, von Krankheiten und Unfällen -, sondern auch, weil mit diesem Film bewiesen ist, dass man etwas auf die Beine stellen kann, was nicht dem oft genug etwas beschränkten Geist der Redaktionen entspricht: laut von Naso wurde ihm angetragen, als Debütfilm nach Filmhochschulstudium doch lieber eine Komödie über Zigarettenschmuggler an der polnischen Grenze zu drehen, also etwas, was näher an seiner Lebenswirklichkeit sei. Womit von Naso einige Lacher im Publikum des Filmgesprächs erntete, was aber andererseis auch bezeichnend ist für die Schwierigkeiten, in Deutschland etwas zu produzieren, was gewagt ist, was durchaus schiefgehen kann, womit man auch Leuten auf die Füße tritt.

Von Naso geht in seiner Geschichte in den Irak, wo an Karfreitag 2004 in Bagdad die Kunde aufkommt, im umkämpften Falludscha gebe es eine eintägige Waffenruhe. Eine Organisatorin einer Hilfsorganisation macht sich auf, in einem klapprigen Kleinbus, zusammen mit einem Arzt aus Falludscha und zwei Journalisten, eine Reise durch ein feindliches Land, wo überall geschossen werden kann: von irakischen Rebellen ebenso wie von US-Soldaten, und es geht mitten hinein in den Brennpunkt des Krieges, wo ein labiler Waffenstillstand eher der Tinte auf dem Papier als dem Bleigehalt der Luft nach besteht. Das ist der durchaus realistische Hintergrund des Films, alle Fakten wurden genau recherchiert, und darüber legte von Naso seine Geschichte von vier, fünf Menschen in einem Bus: Kim (Thekla Reuten), die unbedingt Medikamente nach Falludscha bringen will, Alain, der Arzt (Matthias Habich), der zynisch und desillusioniert ist und nicht mehr zurückwill ins Kriegs- und Hilfsgebiet, Oliver, der junge, heiße Reporter (Maximilian von Pufendorf), der mit der Falludscha-Exklusivstory eine große Chance wittert, Ralf (Hannes Jaenicke), sein Kameramann, der schon zuviel gesehen hat.

Mit diesem Personal - der irakische Fahrer kommt noch dazu - baut von Naso seinen Spannungsbogen: und der ist durchaus genregerecht und zuschaueraffin (was Kollege Zywietz in seiner Kritik bemängelt). Doch das macht von Naso sehr geschickt: eine durchweg filmische Geschichte auf realpolitischem Hintergrund zu erzählen, jeder seiner Figuren einen kleinen Subplot, eine Backstory zu verleihen, die angedeutet, aber nicht auserzählt wird, mit kleinen Spannungsmomenten innerhalb eines größeren Suspenserahmens zu spielen: kurz, eine Film-Geschichte zu erzählen, die packt, die mit auf den Genrekonventionen aufbaut und mit ihnen spielt, die sich aber nicht aufs Klischee einlässt, sondern immer wieder kleine Haken und Schlenzer einbaut, die das Hergebrachte neu und anders erscheinen lässt. Wobei die großen Themen, die der Film anspricht, nicht vergessen werden: Etwa die Situation von Kriegsberichterstattern, die von den Militärs mit vorgefertigten Statements abgespeist werden, die andererseits auch um die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer buhlen müssen und deshalb lieber vom xten Selbstmordanschlag berichten, als komplexe Hintergrundanalysen zu liefern. Oder die Hilfsorganisationen, bei denen jeder Idealismus der Mitarbeiter verschliffen wird; wo sich die Helfer mit den politisch-militärischen Gegebenheiten reiben und auch im Dilemma stecken: Wieweit kann man andere für seine Zwecke einspannen, wenn es um größere Ganze, ums größere Gute geht, das aber ohne höchstes Risiko nicht zu haben ist?

Da von Naso selbst keine Erfahrung hat mit Krieg, Kriegsberichterstattung oder aktivem Helfen, beschränkt er sich klugerweise auf die mitteleuropäische Perspektive, zeigt den Irak aus der Sicht dreier europäischer Protagonisten, die sich auch gegenseitig widersprechen, die aber gerade dadurch die Komplexität des dortigen Krieges umspannen: nein, es geht weniger um die Frage, was der Krieg soll, was er mit den Irakern macht, ob die Amis dort überhaupt jemals hätten reingehen sollen. Es geht darum, wie mit diesem Krieg umgegangen wird, in den Medien, in den NGOs, und im Grunde, durch die reine Existenz dieses Filmes, auch darum, wie man davon in fiktiven Geschichten erzählen kann - ein Tipp: auf keinen Fall so, wie es Brigitte Bertele mit "Nacht vor Augen" tut, einem entsetzlich oberflächlichen und unbedarften Film über einen zurückgekehrten Afghanistansoldaten, der, horribile dictu, tatsächlich diverse Preise eingeheimst hat.

Auch "Waffenstillstand" ist preisgekrönt, zurecht, und natürlich ist er bei seinem Kinoeinsatz durchgefallen. Keiner wollte den Film sehen - er hatte auch viel zu wenige Kopien, ein viel zu kleines Werbebudget, um etwa gegen den zeitgleich gestarteten Matt-Damon-im-Irak-mit-seinem-Bourne-Regisseur-Kriegsdrama "Green Zone" anzukommen (der freilich auch nicht so dolle lief). Andererseits: Gute Filme mit dem Thema aktueller Kriege und ihrer Auswirkungen sind oft Schläfer, die zu Anfang unbeachtet bleiben, bis ihre Regisseure, beispielsweise, einen Oscartriumph vorweisen können. "Waffenstillstand" könnte ja zum Beispiel, um einen Anfang zu machen, im ZDF um 20.15 Uhr zu sehen sein, wenn auch die übrigen Kleinen Fernsehspiele spät nachts versendet werden - die schönen großen orangenen Mikrophone des Senders werden von den Reporterfiguren ja oft genug in die Kamera gehalten.

Übrigens, kleine Anekdote: "Waffenstillstand" sei, so von Naso im Filmgespräch, den Postkutschenwestern à la "Stagecoach" nachempfunden - Genre also, aber neu und frisch und relevant fürs heute erzählt. Was bei einem der Zuhörer die Frage aufwarf, ob von Naso sich denn auch an Romeros "Diary of the Dead" habe inspirieren lassen, es gebe da einige Parallelen... Er kenne den Film nicht, antwortete von Naso, und Dr. Josef Schnelle, gar nicht helle, wollte hilfreich einspringen: der Film heiße eigentlich "Dawn of the Dead" - große Lacher im Publikum, und die Erkenntnis, wieder mal, dass Schnelle bei seinen Leisten bleiben sollte.

Harald Mühlbeyer

Festival des deutschen Films, Ludwigshafen: "Zarte Parasiten" und "Orly"

Jakob und Manu schlafen im Wald, wenn sie nicht gerade jemanden aufgerissen haben, der sie durchfüttert. Das ist ihr Konzept von Leben und Arbeit: Die emotionalen Mängel der Mitmenschen aufspüren, sich ihnen anbieten, diese Mängel zu füllen gegen Kost und Logis und ein gewisses Taschengeld. Dienstleister sind sie also eigentlich, und zugleich "Zarte Parasiten". Weil sie natürlich oft genug die Lücken an Zuwendung, an Mitmenschlichkeit bei ihren "Kunden" erst aufreißen, um dann dort hineinzustoßen. Gegen materielle bieten sie emotionale Zuwendung: Bieten einem einen schönen Abend in der Disco, der ihnen im Gegenzug die Drinks spendiert, Manu führt einer alten Frau den Haushalt, hält ihr Händchen, und ab und an, auf besonderen Wunsch der Dame, schläft sie vor ihren Augen auf dem Bettvorleger mit Jakob, damit die Alte was zum Gucken hat.
Jakob ist gerade dabei, ein Ehepaar aufzureißen, das in Trauer für ihren verstorbenen Sohn versinkt. Mit allerlei Tricks nistet er sich bei ihnen ein, bietet sich als Sohnersatz an.

Einen Entwurf für ein alternatives Leben wollten die Regisseure Christian Becker und Oliver Schwabe bebildern, ein Porträt von Ausgestoßenen, die sich vom Wirtskörper der Normalos ernähren, auch ein Porträt von Perspektivlosigkeit und emotionaler Armut - und das eben gerade nicht bei Jakob und Manu, sondern bei den Anderen, bei denen mit Dach überm Kopf, mit Geld, mit allen Freiheiten dieser Welt. Jakob und Manu heilen Wunden und Krankheiten, die gar nicht bewusst sind, und verwenden dafür wiederum die Mechanismen von Markt, Marketing, Bedarfsanalyse und Produktanpassung: für jeden haben sie etwas zu bieten an der Börse der Gefühle. Dort freilich kann es ganz schön heikel zugehen, man muss vorsichtig sein, jeder Schritt zuviel kann den Schein von Nähe und Wärme, mit dem Jakob und Manu hausieren gehen, zerbrechen. Und ganz geschickt führen Becker und Schwab ihre Geschichte in diesen anderen, neuen Zustand: wenn sich aus dem parasitären Leben von Jakob beim trauernden Ehepaar ein symbiotisches Verhältnis entwickelt, wenn Jakob merkt: Er fühlt sich gut aufgehoben.

Ein großer Entwurf um kleine, verlorene Leben ist es, was "Zarte Parasiten" bietet, bei dem das emotionale Gefüge der Figuren ganz fragil gebaut ist. Leider aber knirscht es ab und an im Gefüge des Films, mitunter arbeitet der Film, arbeitet die Bildgestaltung zu deutlich auf etwas bestimmtes hin - das sind dann die Momente, in denen man herausgerissen wird, wo man merkt, dass etwas nicht ganz stimmt, dass irgendwo Haarrisse sind im Filmkonzept. Und insbesondere: Die Sprache der Figuren ist nicht natürlich, auch nicht da, wo sie es sein müsste; manche Worte sind zu weit hergeholt, und immer wieder reden die Figuren im Präteritum, nicht im umgangsprachlichen Perfekt.

Diese Dialog-Störelemente, die in „Zarte Parasiten“ noch kleinere Nebenaspekte ausmachten, stehen, leider, im Mittelpunkt von Angela Schanelecs „Orly“. Gedreht am Flughafen von Paris treffen sich hier Leute und unterhalten sich. Dabei ist nicht das Problem, dass nicht mehr passiert; auch nicht, dass hier die, wie es Festivalleiter Michael Kötz nannte, aristotelische Dramaturgie außer Kraft gesetzt und eine ganz andere Art von filmischem Erzählen geboten wird: Das Problem ist, glaube ich, dass der Film einerseits eine Art dokumentarischen Ansatz verfolgt: an realen Ort – dem Flughafen Paris-Orly – seine Figuren sich treffen lassen, kleine Szenen zu spielen, während der ganz normale Betrieb weiterläuft, aufgenommen mit Teleobjektiv von weit weg, so dass die Flughafenbesucher, die echten, gar nicht merken, dass hier ein Film gedreht wird. Also kurz gesagt: die Schauspieler eine inszenierte Szene spielen zu lassen und das dann dokumentarisch aufzuzeichnen. Andererseits sind diese inszenierten Szenen von ausgesprochener Künstlichkeit, vor allem in ihren Dialogen – und so klar dem Film ein durchdachtes Konzept zugrunde liegt, so unklar ist, ob diese Künstlichkeit, diese Unnatürlichkeit so geplant war.

Angela Schanelec, die zur ersten Generation der Berliner Schule gehört, war in Frankreich als radikale Autorenfilmerin immer hoch geachtet, jetzt ist sie dort angekommen. Sprich: sie lässt ihre Figuren sprechen, auch wenn’s noch so unrealistisch ist, dass zwei Wildfremde am Flughafen von ihren Eheproblemen und vom Beinahe-Tod eines Sohnes erzählen; oder dass sich kurz vor dem Abflug Mutter und Sohn einander offenbaren: sie gesteht, aus heiterem Himmel, eine Sexaffäre, die sie mal gehabt hat (welcher Sohn möchte so was hören!), er berichtet im Gegenzug von seinen schwulen Aktivitäten.
OK: diese Beispiele wären noch akzeptabel, vor allem im französischen Original, wenn die Sprache für einen wie mich ohnehin eher Klang ist, weniger Bedeutung. Aber dann tritt ein deutsches Pärchen auf, die dermaßen schlecht schauspielern, die ihre Dialoge dermaßen hölzern-theaterhaft-unbeholfen dahersagen, dass man eben genau deshalb doch am gesamten Film zweifeln muss: Auch wenn sich vieles durch Blicke mitteilt – durch Blicke der Kamera auf ihre Figuren, durch Blicke der Figuren im Raum –, wenn gesprochen wird, kommt eben doch vieles an Schmonzes heraus, Sätze, die nichts bedeuten, aber unglaublich bedeutungsschwer daherkommen, als seien es hochphilosophische Aphorismen: „Es ist nicht wichtig, ob der andere einen liebt, sondern, ob er einem ermöglicht, sich selbst zu lieben“ – was auch immer.


Harald Mühlbeyer



"Zarte Parasiten", D 2010, Buch, Regie: Christian Becker, Oliver Schwabe.
Mit: Robert Stadlober, Maja Schöne, Sylvester Groth, Corinna Kirchhoff.

"Orly", D, F 2010, Buch, Regie: Angela Schanelec.
Mit: Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Mireille Perrier, Maren Eggert, Jirka Zett.

Festival des deutschen Films, Ludwigshafen: Eröffnung mit "Erntedank"

Es ist wieder so weit: Auf der Parkinsel in Ludwigshafen stehen die Zelte, es ist wieder Festivalzeit. Zum sechsten Mal inzwischen werden hier, unter alten Bäumen, am Rheinstrand, im Sommer, deutsche Filme gezeigt, laut Veranstalter das Beste, was der Jahrgang hergegeben hat. Das sind nicht nur neue Filme, da wird auch gerne etwas gezeigt, was schon im Kino oder im Fernsehen gelaufen ist - es geht um die Qualität, darum, dass es Michael Kötz, dem Festivalleiter, und seinem Auswahlteam um Josef Schnelle, Rüdiger Suchsland, Günter Minas und Julia Teichmann gefällt.

Für einen Festivalhopper wie den Verfasser dieser Zeilen ist das letztendlich nicht sehr ergiebig, vieles hat er schon auf diversen anderen Festivals gesehen; und auch die Programmschienen sind nicht sehr festivalhockerfreundlich, in Timeslots von zwei Stunden werden die Filme gepresst, so dass man von den Filmgesprächen mit den Filmemachern gar nichts mitbekommt. Dabei sind die Veranstalter genau darauf doch so stolz, dass so viele Gäste da sind, die man mit Fragen löchern kann - wäre da eben nicht der dringende Kinotermin mit dem nächsten Film... Noch dazu sind die Filme in den beiden Kinozelten um eine Stunde gegeneinander verschoben, so dass man nicht flüssig wechseln kann: man ist eben letztendlich doch an einen Ort, an eines der beiden Zelte gebunden, wenn man so richtig Festivalatmosphäre haben will; das, was ich darunter verstehe: Film auf Film auf Film, möglichst vier, fünf Stück am Tag, gerne auch mehr.

Andererseits ist es eben doch ein tolles Festival, genau das, was Ludwigshafen braucht, hier, im Park am Rhein, am schönsten Ort von LU, wie Oberbürgermeisterin Eva Lohse betonte - was an leider, leider nicht viel heißen will, in diesem Fall aber eben doch etwas Besonderes ausdrückt. Ja, dort im Grünen ist es wirklich schön, Kino in Zelten hat auch was - wenn's nicht zu schwülheiß wird -; und die Filmauswahl ist schon richtig. Da gibt es tatsächlich hervorragende Filme, die nun, im Rahmen des Festivals, auch ein größeres Publikum bekommen (wobei da schon wieder ein bisschen Wehmut aufkommt, dass gute Filme immer einen Eventcharakter um sich herum haben müssen, damit sie wahrgenommen werden...)

Da läuft etwa "David Wants to Fly". Da laufen "Schwerkraft", ein witziger Thriller um Fabian Hinrichs, der seinen Job bei der Bank nutzt, um mit Ex-Studienfreund Jürgen Vogel bei den Kunden einzubrechen; "Renn, wenn du kannst", eine wunderbare Dreiecks-Liebesgeschichte um Rollstuhlfahrer, seinen Zivi und eine junge Hübsche; "Im Schatten" von Thomas Arslan, ein wirklich kluger, spannender Gangsterfilm, der ganz ruhig das schlichte Handwerk des Verbrechens zeigt. Und auch "Die Fremde", ein Drama um Ehrenmord, für das Sibel Kekilli einen Deutschen Filmpreis bekommen hat, ist nicht schlecht; Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" funktioniert zwar nicht so recht, weil er zwischen konventioneller Filmbiopic-Dramaturgie, nachgespieltem "Jud Süß"-Remake und Nazigroteske schwankt, immerhin aber wird hier mit Ferdinand Marian auch einer der großen, wiewohl verfemten deutschen Schauspieler gewürdigt. Und auch "Die zwei Leben des Daniel Shore" ist empfehlenswert, ein spannend-mysteriöses Stück, das vielerlei Deutungen zulässt - empfehlenswert vor allem für Zuschauer mit schwacher Blase, die drei Minuten vor Schluss rausmüssen - die Auflösung, die da angeboten wird, zieht den ganzen Film runter.

Am Mittwoch nun wurde eröffnet, leider im nicht ausverkauftem Kinozelt; dafür mit einem Film, der durchweg überzeugen konnte. "Erntedank. Ein Allgäukrimi" unter der Regie von Rainer Kaufmann wurde vom Bayrischen Rundfunk produziert, ist ein reiner TV-Film, der wohl auch schon mal gesendet wurde. Doch abgesehen davon, dass die Festivalmacher ab dem nächsten Jahr ohnehin vorhaben, Fernsehfilme prominenter im Programm zu installieren, und diesen Film quasi als Vorgeschmack gleich zur Eröffnung ausgesucht haben: Da sind durchaus Kinoqualitäten drin, wenn man den Blick für Details, den Reichtum an kurzen Blicken auf den Rand des Geschehens, die Vielfalt der Charaktere und ihrer jeweiligen kleinen Nebenhandlungen, die Kraft der Bilder und die Eigenwilligkeiten in den Figurenzeichnungen als "Kino" bezeichnen möchte, im Gegensatz zum Fernsehen, wo oft genug Filme (auch sogenannte Qualitätsprodukte der Tatort-Reihe) so inszeniert sind, dass man auch beim Wäscheaufhängen, Bügeln, zwischendurch aufs Klo gehen noch alles mitbekommt, nichts verpasst und trotzdem eine dreiviertel Stunde vor dem Kommissar weiß, wer der Täter war.

Was soll ich sagen: In "Erntedank" wird gar die ganze Zeit über schwerster Dialekt gesprochen! Und nicht der typisch bayrisch-menschelnd-grantelnde Dialekt, sondern Kemptener Schwäbisch, derb genug, herzlich auch, vor allem authentisch, so dass Zuschauer aus dem Norden mitunter doch gefordert sind.

Es ist die Verfilmung eines der Romane von Michael Kobr und Volker Klüpfel um den Allgäuer Kommissar Kluftinger, den Herbert Knaup ganz großartig verkörpert: mit Wanst, in Loden, behäbig, immer auf der Suche nach Essbarem, immer Knausrig, ein urtümlicher Typ, durch und durch provinziell, der mit neumodischem Zeug wie Computer und Internet nichts anzufangen haben möchte; ein Spießer in der Hauptrolle, der sich auch nicht sonderlich anstrengt, seine beiden Mordfälle unbedingt lösen zu müssen: da wurde einer gefunden, auf dessen Leiche eine Krähe drapiert war, eine andere wurde ritualhaft ins Wasser gelegt: offenbar geschahen die Morde nach alten Allgäuer Sagenmotiven. Nicht, dass es Kluftinger gleichgültig wäre: Aber seinem Naturell gemäß lässt er es halt ruhig angehen. Vor allem, da er auch noch andere Probleme hat: Die Obstkisten voll mit Äpfeln zum Küfer bringen, zum Beispiel, um guten Apfelmost draus machen zu lassen. Oder der Wasserrohrbruch im Keller, wegen dem er mit seiner Frau bei ungeliebten Freunden - Yoga! Vegetarisch! - unterkommen muss.

Der Film ist skurril genug inszeniert, um größtmöglichen Spaß zu machen; und spannend genug, um dennoch als veritabler Krimi zu gelten. Keine überdrehte Absurderie wie in den österreichischen Brenner-Verfilmungen; aber genug witzige Frische, um jeden deutschen Normalo-Fernsehkrimi in die Tasche zu stecken.

Leider bleiben mit auf diesem Festival nicht so viele Filme übrig, die ich noch nicht gesehen habe / die mich ausreichend interessieren. Aber drei, vier werden es schon noch sein. Und nach dieser Eröffnung freue ich mich richtig drauf.

Harald Mühlbeyer