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Grindhouse-Nachlese September 2024: SM-Baba Jaga und Ninja-Italowestern

Grindhouse Double Feature, 21. September 2024, Cinema Quadrat Mannheim:

„Foltergarten der Sinnlichkeit 2“ / „Baba Yaga“, Italien/Frankreich 1973, R: Corrado Farina

 

„Ninja: Champion on Fire“ / „Ninja Avengers“ / „Ninja Operation 6: Champion on Fire“, Hongkong 1987, R: Joseph Lai


Eine wahrhaftige Hexe, vermutlich, vielleicht auch nur Einbildung/Obsession/Angst/Wunsch? „Baba Yaga“ ist einer der rätselhaftesten und gleichzeitig faszinierendsten Filme in der Grindhouse-Reihe, und dazu gehört auch der deutsche Titel „Foltergarten der Sinnlichkeit 2“, denn einen Foltergarten gibt es nicht, Sinnlichkeit zumindest in dem vom Titel angerissenen exploitativen Sinn auch nicht, und Teil 2 schon gar nicht. Weil „Foltergarten der Sinnlichkeit“ („Emanuelle e Françoise“ vom notorischen Joe D’Amato) erst 1975, also zwei Jahre später gedreht wurde! Was also dem deutschen Verleih durch den Kopf gegangen ist, ist komplettamente mysteriös, vor allem, weil die Stoßrichtung ja so klar ist: geiler Sexklopper, schreit uns der Filmtitel an, und nichts könnte ferner liegen.

Denn „Baba Yaga“ ist eigentlich eine Comicverfilmung, Valentina, die Hauptfigur, ist eine der Charaktere des Comic-Autors Guido Crepax, und der fand die Verfilmung auch ziemlich gelungen. Und der Regisseur Corrado Farina hat immerhin mit seinem vorherigen Film den Goldenen Leoparden gewonnen! Ist bei „Baba Yaga“ allerdings ziemlich im Clinch gelegen mit den Produzenten, hat danach mit dem Spielfilm aufgehört… schade eigentlich.

Er weiß nämlich sehr genau, wie er eine merkwürdige Atmosphäre zu schaffen hat, wie er mit dem Genres – Mystery, Grusel, Erotik, Giallo – zu spielen hat, und wie er zugleich von der Gegenwart, von den Rissen in der Gesellschaft erzählen kann. Und dabei auch noch spielerisch bleibt! Dass nackte Haut zu sehen ist, dass die Frauen in unergründlicher Erotik versinken, das ist nicht reißerisch dahingehauen, wie wir’s aus dieser Reihe gewohnt sind, sondern das hat Hand und Fuß, und die souveräne Machart, mit Vor- und Rück-Flashs, mit Fantasie- und Halluzinationsschnipseln, mit Fotoinserts, die Erinnerungen oder Ahnungen sein können, die hat ihre ganz eigene, ganz eigenwillige Qualität.

Der Vorspann, das sind Comic-Panels, und würde mich nicht wundern, wenn die aus’m originalen Valentina-Comic stammen. Dann unterhalten sich die Linksintellektuellen, es geht um Comics und Revolution, und um Fotografie und Film, um Kunst und darum, wie man über die Runden kommt. Weil sich alle irgendwo bewusst sind, dass sie Huren des Kommerzes sind, aber das reflektieren sie, und darüber reden sie, und das könnte fast sowas wie Woody Allen sein, nur halt avant la lettre, weil der damals seine dollen Comedies gedreht hat.

Valentina jedenfalls ist Fotografin, Mode, Werbung, aber sie hat Marx‘ „Das Kapital“ rumstehen – gespielt wird sie von Isabelle de Funès, Nichte des großen Louis, die hier aber eben nicht in dessen Tradition überkandidelte Hysterie, sondern wirklich schön zurückgezogen, aber zugleich aktiv zielstrebig – zumindest in den Bereichen ihres Lebens, die ihr vertraut sind… So will sie mit Arno (George Eastman – von den Produzenten aufgedrückt, abe
r nicht schlecht in seiner Rolle als Werberegisseur) erstmal nichts anfangen, und das macht sie ihm auch klar, als er ihr nachstellt.. Deshalb wandert sie durch die nächtlichen Straßen, und da ist der niedliche Hund, und sie streichelt ihn, und sie bedauert ihn wegen der Narbe an seiner Stirn, und dann werden die beiden beinahe umgefahren. Von einer Frau, die sich fortan in Valentinas Leben mischt, die sich reindrängt, die raumgreifend ihren Platz beansprucht, und Vals Aufmerksamkeit, und ihre Ergebenheit.

Untertöne von lesbischer Obsession, von Fetisch und Dominanz werden immer lauter, und sinnlich umstreicheln ihre Finger die Rolleiflex von Valentina, jaja, eine Kamera, die friert die Wirklichkeit ein, sagt sie (ein kleiner Reflex auf Godard, über den unsere Intellektuellen gerne diskutieren, und seine Wahrheit in 24 Bildern/Sekunde), jedenfalls: Valentina wird eingeladen, muss diese Frau, die sich als Baba Yaga vorstellt, besuchen, sie kann nicht anders, sie darf nicht anders. Ein altes, vollgestelltes Haus, mit allerlei Antiquitäten, Valentina tritt ein und weiß es nicht anders vor sich und Baba Yaga zu rechtfertigen, als dass sie hier ein paar Fotos machen sollte. Dabei ist Val gar nicht duckmäuserisch, keine graue Maus, nein, sie ist gut in ihrem Job, weiß das auch, wählt ihre Liebhaber und weist sie ab, geht ihren Weg, selbstsicher, selbstbewusst. Außer in diesem einen Bereich, wo Baba Yaga immer mehr von ihr beansprucht.

Dazu kommt: Wenn sie fotografiert, dass geht etwas kaputt. Die Filmkamera von Arno, beispielsweise, oder ihre Modelle, die schönen Frauen, die Val vor ihrer Linse hat, die brechen unerklärlich zusammen… Baba Yaga ist eben eine Hexe, eine böse, man kennt sie aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, böse, verführerisch, ihr ist nicht zu entkommen…

Zumal die Baba Yaga hier etwas hat, mit dem sie Valentina kontrollieren kann, sie schenkt ihr eine Puppe, in Lederkluft, bloßgelegtem Oberkörper, SM-like, es gilt kein Widerspruch, Val muss die Puppe nehmen. Und die guckt, und vielleicht manipuliert sie Wille und Gedanken, und vielleicht kann sie auch zustechen mit ihrer Haarnadel – im Dunklen (!) wurden Fotos gemacht, die das zeigen… Und dann steht sie wahrhaftig da, nicht nur Val sieht sie, auch Arno, der inzwischen doch ihr Liebhaber wurde, vielleicht aus Trotz gegen Baba Yaga? Irgendwann befindet sich Val komplett in den Fängen der Hexe, und sie wird ausgezogen und von der Puppe ausgepeitscht, Qual – und Lust? Und in dem Hexen-Haus, da ist ein tiefes, ein bodenloses Loch im Dielenboden, vielleicht das Portal zur Hölle?

Was Val glauben kann, was Wirklichkeit ist, was fließende und was eingefrorene Realität, was ihr tatsächlich widerfährt… Corrado Farina baut die Ambivalenzen aus, und zwar nicht als Gegensätze, sondern als würden sie sich ergänzen zu einer neuen, eigenen Wirklichkeit, einer inneren Realität, der wir ausgeliefert sind, in einer Welt, in der der Kulturkampf von Polizei und Kirche, von Hippies und Linken brodelt, basierend auf faschistischer Vergangenheit, in die Val immer wieder in ihren (Wach)Träumen zurückkehrt…

 

Gegensätze in eins gefügt – das passt sowieso zu diesem Abend mit seinen beiden ganz unterschiedlichen Filmen, und es passt insbesondere auch zu dem zweiten Film selbst, aber ganz anders als in „Baba Yaga“. Weil „Ninja Operation 6: Champion on Fire“ nämlich zwei Filme in einem ist, ganz nach Art des Hauses IDF, von Hongkong-Produzent Joseph Lai zusammengezwungen, koste es, was es wolle. Also: geldmäßig nix, sinnmäßig alles.

Man macht das so: Nimmt einen alten Klopper, dreht paar Szenen dazu, und schon hat man einen neuen Klopper. Weil es halt so ist: Die Zeitläufte machen vor Genre-Moden nicht halt, und Kung Fu ist längst out, Ninja ist in, die Videotheken suchen Stoff, und der Titel (einer von vielen) deutet ja schon an, dass hier eine längere Ninja-Filmreihe bedient wird, natürlich ohne Zusammenhang. So ist das eben: Wenn die Citroën-Ente nicht mehr gefragt ist, stülpt man eine VW-Käfer-Karosse drüber.

Da hat man also, vielleicht sogar rechtmäßig, ich will da gar keine Anschuldigungen erheben, einen Film auf Lager, der (vermutlich) im China der 30er spielt, während der japanischen Besatzung, und dabei einen auf Italowestern macht, inklusive Kungfu-Kämpfen. Dann nimmt man eine Kamera, dreht auf einem Hügel mit vier, fünf Darstellern eine Zusatzhandlung, und zack: man hat nicht nur einen Ninja-Film, sondern auch einen, der sich ganz doll in den Westen verkaufen lässt. Weil man ein paar Stars in petto hat, die gegeneinander antreten, und die haben keine Schlitzaugen! Richard Harrison gegen Stuart Smith. Letzterer tritt zu Beginn aus einer Hütte aufm Hügel und atmet tief durch, und man meint, aha, Ricola, aber er ist eigentlich total böse und erklärt uns, dass er fünf Jahre im Knast war, und zwei Hanseln kommen, und das ist der Rest seiner Bande, wie der Dialog schlüssig erklärt, weil die anderen bei den vielen Versuchen, den Boss zu befreien, draufgegangen sind (man muss es ja auch nicht übertreiben mit Schauspielermassen, ist auch billiger), und dann sagt der Boss: „Scheiße.“ Und wer hat ihn verraten? Antonio! Der ist oben in Nordchina zugange, hat was mit den Japanern am Laufen. „Was machen die Japaner in Nordchina?“, fragt der Boss, der ja fünf Jahre hinter Gittern nix mitgekriegt hat, „Die rauben und plündern, genau wie wir!“, und wir schalten um zu Antonio.

Und das ist nun der alte Film, nämlich genau gesagt: „Django - Im Reich der gelben Teufel“ aus dem Jahr 1974, den hamse genommen und zusammengeschnitten, aber wir bekommen eine ziemlich gute Ahnung, was da so los ist: Antonio nämlich streift in Mönchskutte und mit riesigem Holzkreuz aufm Buckel durch die Lande, genauer über Eisenbahnschienen, und da hören wir Django wirklich ganz laut trapsen! Nur eben: Kein Italowestern, sondern Eastern, mit Zugüberfall und Schießerei und Verrat und so, wir brauchen eine Weile, bis wir durchsteigen, wer gegen wen warum kämpft, die einen jedenfalls haben Säbel, das sind die Japaner, und der andere, das ist Dragon, ein toller Kämpfer, der sich Antonio anschließt. Warum, wissen wir nicht, und Antonio trickst ihn auch immer wieder aus, dann ist er allein unterwegs, und in der nächsten Szene sind sie wieder zusammen!

Es ist ja so: Der alte Film, also der, den sie hier ninjamäßig aufgehübscht haben, der hält sich natürlich auch nicht mit Logik auf, man kann das mit Sicherheit annehmen, selbst wenn man ein gewisses Rausschneiden und Ummontieren miteinberechnet. Vielmehr ist dieser originale Film ja nicht nur ein Italowestern im Martial Arts-Format, sondern vielmehr ein Derivat der Italowestern-Degeneration, wie sie Bud Spencer und Terrence Hill ziemlich gut hingekriegt haben und wie sie dann viele nachzuahmen versucht haben. Also: Paar Buddies unterwegs, und sie hauen sich, und klopfen nicht nur auf Köppe, sondern auch Sprüche. Antonio ist der Plapperer, der immer nach dem eigenen Vorteil schielt, Dragon ist der Ruhige, der stoisch voranschreitet.

Und zwischendurch immer wieder die neuen Szenen vom grünen Hügel – also: das sollen natürlich immer andere Schauplätze sein, ist aber alles am gleichen Ort gedreht. Apropos drehen: Wenn sich die Gegner gegenüberstehen, dass machen sie ne Pirouette, und schwupps, haben sie Ninjakleidung an! Richard Harrison als Master Gordon in weiß und gold, die Gegner rot, und zackzackzack, sind die Bösewichter immer bald tot. Drei Kämpfe gibt es! Und damit wir zwischendurch und am Anfang nicht vergessen, mit wem wir es zu tun haben, hat Meister Gordon immer ein Stirnband um, auf dem groß NINJA steht!

Was ich erwähnen will, auch wenn es für empfindliche Gemüter ein Spoiler ist: Das Kreuz, das Antonio mit sich schleppt, mit dem er auch reitet, klettert und rennt, das ist eigentlich ein Hohlkreuz, und darin versteckt hat er ein Maschinengewehr. Mit dem ballert er am Ende, wenn es nun wirklich gegen die bösen Japsen geht, alle nieder, während Dragon schön rumkungfut. Und auf dem grünen Hügel ist auch alles gut, weil Master Gordon, der Harrison, der ist ja angeblich der Bruder von Antonio, und der hat Ringo, den Herrn Smith, am Ende besiegt, so dass von Ninja-Seite keine Gefahr mehr droht…

Was bleibt ist die Frage nach dieser Musik, die kenn ich irgendwoher, also nicht die paar Takte „Tubular Bells“, die immer wieder anklingen, oder auch mal Bach, sondern dieses mit Orchester gespielte Riff, das auch von ner Prog-Band stammen könnte, Alan Parson oder Ekseption oder was immer, das beim Ausklingen am Ende auch zu sowas wie den „Säbeltanz“ führen könnte, eine Musik also, die ganz ähnlich wie beim türkischen Quatsch-Actionreißer „Die Todeskralle aus Istanbul“ https://screenshot-online.blogspot.com/2022/04/grindhouse-nachlese-marz-2022-search.html mit voller Unwucht die Bilder überlagert, und ich hab das Gefühl, ich kenn die irgendwoher, und komm nicht drauf, und Google weiß auch nicht weiter…

Naja, nicht zuviele Gedanken verschwenden.

 

Harald Mühlbeyer

 

Ergänzung November 2024:

 Nach nach intensiver Recherche habe ich die Rätselfrage nach der Musik gelöst. Das gesuchte Stück tatsächlich „Tubular Bells“, und zwar ungefähr nach zwei Dritteln auf der zweiten Schallplattenseite. Die Frage bleibt, warum Google das nicht wusste. Da muss Mike Oldfield offenbar seine digitale Präsenz erhöhen.

Grindhouse-Nachlese Dezember 2022: Kidnapping und Weihnachtsmann-Schlächter

„Kidnapping... ein Tag der Gewalt“ / „Operazione Kappa: sparate a vista“, Italien 1977, R: Luigi Petrini

„Fröhliche Weihnacht“ / Don’t Open Till Christmas“, GB 1984, R: Edmund Purdom

 

Ich bin ja total erschrocken!!!: Da beugt sich doch während des Filmvorspanns Max, der glorreiche Kurator der Grindhouse-Reihe, zu mir rüber, und raunt mich an: Na, wo haben sie geklaut, na, naa? Und ich, völlig perplex – ist das eine Fangfrage? Bin ich im Examen? Muss ich antworten ohne Anwalt? Dabei war’s eigentlich ganz einfach. Zu einfach; ich dachte, vielleicht werd ich ja aufs Glatteis geführt?!? Wenn jedenfalls in einer Film-Pretitle-Sequenz ein Typ im Auto mit einer Frau rummacht, und die Kamera ist subjektiv und schleicht sich um die beiden rum, und der Protagonist, mit dessen Augen wir sehen, hat ein Messer in der Hand und sticht den Typen ab, dann ist die richtige Antwort: „Halloween“. Hätt ich auch gleich drauf kommen können.

Dieser Beginn von „Don’t Open Till Christmas“ (mit dem schönen deutschen Verleihtitel „Fröhliche Weihnacht“) ist symptomatisch für den Film: Liegt klar im Genre, und man weiß trotzdem nicht recht, was man damit anfangen soll. Ist so einfach, dass es schon wieder kompliziert wird. Erzählt alles einigermaßen falsch, aber so, dass am Ende doch was rauskommt – sagen wir: was Besonderes.

Besonders nachlässig nämlich einerseits, und andererseits besonders interessant/irre, und besonders kaltschnäuzig vielleicht auch. Was schon damit anfängt, dass unser POV-Killer von der Eingangsszene laut Drehbuch einen Weihnachtsmanndarsteller beim Fummeln mit der Freundin killt – man dies als Zuschauer aber gar nicht recht mitbekommt, weil dieser Herr im ca. ersten Bild des Films, fürs Publikum quasi unsichtbar, sich die Santa-Maske vom Gesicht zieht, um besser knutschen zu können. Das Ganze kann man sich aber getrost im Nachhinein rekonstruieren, im weiteren Verlauf nämlich bietet „Don’t Open Till Christmas“ eine bunte Palette an Kills an, alle begangen an Weihnachtsmännern, alle auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Und das ist dann auch wirklich ganz besonders cool.

In einer reichlich betrunkenen Party tritt Santa Claus auf – und wird inmitten der Menschenmenge auf einer schäbigen kleinen Bühne aus schäbigen kleinen Kulissen heraus von hinten durchstoßen. Ein anderer torkelt betrunken durch die Hinterhöfe und wird in den Mund geschossen. Später – ein dolle Szene – fühlt sich einer der Father Christmases verfolgt, flieht durch die Stadt, eine Tür rein, und plötzlich steht er mitten im London Dungeon, unter all den ausgestellten Figuren vergangener Mord- und Foltertaten, und segnet hier natürlich auch das Zeitliche. Ein anderer taucht plötzlich in einem Theater auf, wo gerade Caroline Munro (als sie selbst in einem Cameo-Auftritt) auf der Bühne probt, und zack, ist er tot und taucht von unten, durch die Versenkung direkt vor den Füßen der Sängerin auf. Es ist recht blutig immer wieder, auch eine Kastration im öffentlichen Klo kommt vor. Es macht sichtlich allen Spaß, Weihnachtsmänner erfindungsreich zu morden!

Die Handlung, die der Film haben muss, weil jeder Film eine Handlung hat, die sackt dagegen doch immer wieder deutlich ab; zumindest, soweit es den Zusammenhang der Szenen angeht. Die Einzelteile, die haben das Zeug zu bestehen, und irgendwie, auf geheimnisvolle Weise, heben sie sich gegenseitig auf, wenn sie aneinanderstoßen. Bei der Polizei sind zwei Kommissare mit den Morden beschäftigt, und wenn sie sich unterhalten, dann kann es natürlich durchaus sein, dass sich Polizeikollegen auf diese Weise miteinander unterhalten, im Film ist es aber sehr, sehr langweilig. Außerdem mischt die Tochter des Weihnachtsmanns mit, der bei der kleinen Feier gekillt wurde; ihr Freund ist so nebenher verdächtig. Zwischendurch befinden wir uns in einer Peepshow, da geschieht auch ein Mord vor der sehr jung und unschuldig aussehenden Stripperin, die vom Killer aber auch nicht wirklich was mitbekommen hat. Und ein recht merkwürdiger Reporter ruft immer wieder an und gibt Hinweise oder will was wissen, und so weiter.

Die Stripperin avanciert irgendwie immer mehr zu so einer Art Hauptfigur, gesellt sich damit zu den anderen Hauptfiguren des Films (also Kommissare und Mordopfertochter); wobei der eine Kommissar als Hauptfigur irgendwann, ohne dass dies weiter thematisiert wird, aus dem Film verschwindet, dafür übernimmt sein Kollege dessen Hauptfigurenrolle. Warum auch nicht. Der Killer entführt irgendwann die Stripperin und hält sie im Keller gefangen. Er will eigentlich gar nichts von ihr, und sie hätte ihn auch kaum identifizieren können. Die Mordopfertochter dafür wird von ihrem arschigen Freund zu dessen noch viel arschigeren Freund geführt, der ist nämlich Fotograf, und die beiden haben ausgebaldowert, dass diese blonde Dame doch mal nackig fotografiert werden sollte. Passenderweise macht der Fotograf sowieso grade erotische Fotos von einer Dame, und unpassenderweise macht unser Fotoprofi auch noch sehr pietätlose Bemerkungen gegenüber der Mordopfertochter in Trauer, da ist die Beziehung am Boden, aber immerhin noch die halb ausgezogene Dame da. Die denn auch alsbald im Nikolauskostüm (also: nach wie vor reichlich nackig) außen auf der Straße fotografiert werden soll, aber da ist auch schon wieder der Killer hinter ihr her, sie mit all ihrer bloßen Haut in der Kälte des weihnachtlichen Londons!

Das passt alles nicht zusammen. Und das ist kein Wunder: Denn der Film, den Edmund Purdom mit sich selbst als Hauptkommissarshauptrolle Nr. 1 inszeniert hat, wurde alsbald nochmal komplett umgeschnitten und zu ca. der Hälfte neu gedreht, so dass beispielsweise die ganze Geschichte um die Auflösung des Falls (völlig hanebüchen natürlich!!!) ganz neu eingepasst wurde. Beziehungsweise eben gerade nicht eingepasst, sondern aufgezwungen und reingedrückt. Man wüsste unheimlich gern, wie der ursprüngliche Film geplant war, bevor wasweißich welche Szenen ihn komplett gesprengt haben.

 

Dieser wunderbare Weihnachtsfilm entließ die Grindhouse-hungrige Meute in die stille Zeit der Besinnung; zuvor wurden wir im ersten Film des Abends kräftig aufgemischt von einem italienischen, ja, beinahe möchte man sagen True-Crime-Thriller namens „Kidnapping… ein Tag der Gewalt“, der Bezug nimmt auf die Welle der Jugendgewalt im Italien der 70er, der wir beispielsweise auch schon „Wie tollwütige Hunde“ von Mario Imperioli 1976 verdanken; und der auch eine Verbindung mit Rolf Olsens „Blutiger Freitag“ aufweist, von 1972 und eine deutsch-italienische Koproduktion. Darin haben wir Raimund Harmstorff als kaltblütigen Geiselgangster; in „Kidnapping“ wiederum geht es gar nicht um Kidnapping, sondern ebenfalls um Geiselnahme – wahrscheinlich war das Phänomen damals so neu, dass man die Namen dafür schonmal durcheinanderbringt.

Auf einer Party begegnen sich zwei, Paolo und Giovanni; Paolo hat gerade die Tochter des Hauses ficken wollen, aber die Mutter hat dies rüde verhindert. Der andere hängt gelangweilt außen rum, liegt auf dem Sprungbrett des Pools und tut nichts. Sie kommen ins Gespräch, auch wenn sie beide sichtlich soziopathisch sind. Gemeinsam sitzen sie auf einem Kanonenrohr – so werden Freundschaften geschmiedet. Giovanni hat ein Problem mit dem Sex, seine Freundin – naja: die, mit der er’s mal probiert hat, hat ihn offenbar eingeschüchtert, er hat’s nicht gebracht. Paolo ist der Macker, der Stecher, der Rumtöner. Im Morgengrauen laufen sie heim, zünden ganz beiläufig einen Obdachlosen an – er strampelt mit den Beinen, das Feuer ist aus –, die Saat ist gelegt. Besuch bei der dickbrüstigen jungen Dame von Giovanni: Sie will ihn schon, findet das so schamvoll empfundene Versagen auch gar nicht schlimm, aber jetzt gerade hat sie keine Zeit. Also, was soll man(n) tun: Vergewaltigung. Und weil das Mädel schreit und die Nachbarin einschreitet, wird sie gleich mit einbezogen. Üble, sadistische Spiele improvisieren die beiden Tunichtgute. Ausziehen, die Damen müssen sich gegenseitig vergleichen, und vielleicht sind sie lesbisch? Sollen mitnand rummachen. Beide völlig panisch, tiefst verängstigt, total gebrochen. Paolo und Giovanni ficken sie zwangsweise. Ihre brutale Ausstrahlung profunder Bedrohung gibt ihnen, was sie wollen. Die ältere Nachbarin begehrt auf. Zack, ist sie tot. Das Mädel verspricht, keinem was zu sagen – die beiden ziehen ab.

Diese beiden sind ein unglaubliches Paar an Typen. Grausam, ohne Empathie, völlig selbstbezogen; Alphamännchen, oder zumindest tun sie so als ob. Voll Verachtung für die Gesellschaft und zugleich mit dem tiefen Drang, dazugehören zu wollen. Herumstreuner wider jede Autorität und sadistische Brutalos, die ihren Willen mit all ihrer Macht durchsetzen. Kleine Kinder vor dem Süßigkeitenregal, die Trotz mit Gangstermanieren paaren. Handtasche klauen, Auto klauen, einen Freund (ja, Paolo hat Freunde!) verkloppen und beinahe dessen Freundin ficken, um an seinen Rauschgiftvorrat zu kommen, damit Pistole besorgen und ein schönes kleines Hotelrestaurant betreten – und der erste Teil des Films ist abgeschlossen. Ein Teil, der puren Sadismus zeigt, sexuelle Gewalt, absolute Unmoral – und dies jedenfalls nicht reißerisch, sondern als bloße Beobachtung der Entwicklung dieser schlimmen Früchtchen.

Ach, was muss man oft von bösen Buben hören oder lesen oder in einem Grindhouse-Film sehen! Wie hier diese beiden, die vergewaltigen und morden und sich dabei noch als Opfer fühlen, weil sie vom Schicksal so gebeutelt sind, dass in der geklauten Handtasche nicht mal was Gscheits drin ist und das geklaute Auto ist auch doof, und jetzt, wo sie eh auf der Fahndungsliste stehen, können sie auch in dieses Restaurant gehen und die Pistole zücken und alle als Geiseln nehmen.

Da ist die Dame, die ihren Mann fest im Griff hat – der sich wiederum liebevoll kümmert in der Geiselsituation, wenn sie Insulin braucht. Da ist die Dralle, die möglicherweise stockholmmäßig Gefallen findet an den Gangstern – oder mit ihren unsubtilen Andeutungen ihr Leben retten will. Der Großsprecher, der Opa mit seinen Enkeln, die Französin etc.; und außen die Polizei, der Einsatzleiter mit Liebesproblemen, die Politik, die sich verweigert, und der eine Polizist, der vieles richtig machen will: Alle bekommen ein Eigenleben, alle haben Charakter, das macht den Film zu weit mehr als einem bloßen Jugendkriminalitätsschocker.

Bezahlt wird dies alles mit J&B-Werbung; der Whisky mit markant gelbem Label steht in ungefähr jeder Szene irgendwo rum.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese November 2022: „Zeder“ und „Terminal Island“

Grindhouse Double Feature, 12. November 2022, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Zeder – Denn Tote kehren wieder“ / „Zeder“, Italien 1983, Regie: Pupi Avati

 

„Männer wie Tiger“ / „Terminal Island“, USA 1973, Regie: Stephanie Rothman

 

1956, Chartres: Ein unheimliches Haus, eine alte Frau, die zu Besuch kommt, auf dem Torbogen wackelt ein Blumentopf, ein Hüne taucht auf… – Polizei, die Frau ist tot, schon wieder eine Leiche. Der Kommissar und Meyer – ist er Polizist, Arzt, Medium, Exorzist? – untersuchen das Haus, ein junges Mädchen wird als Köder genommen für die unheimliche Entität, die hier spukt, im Keller findet das Mädchen die Stelle, wo es zu graben gilt, da wird sie von dem Wesen gefasst… – im Keller findet die Polizei Knochen, das Mädchen überlebt, ihr Bein muss amputiert werden,

Bologna, heute, ein Schriftsteller bekommt zum Hochzeitstag eine tolle neue elektrische Olivetti-Schreibmaschine, seine Frau hat sie aus dem Pfandhaus. Der Sex zwischen den beiden ist durchaus geschmackvoll und zurückhaltend inszeniert; dann steht Stefano auf, er will noch schreiben. Und findet auf dem alten Farbband der Maschine unglaubliche Sätze, merkwürdige Notizen, es geht um K-Gebiete, um Wiederbelebung… Ein alter Freund, Professor für alles mögliche, hat ein Faible für das Übernatürliche und gibt Ratschläge; ein anderer Freund, Polizist, verspricht zu ermitteln; ein Priester stellt sich als falsch heraus, er hat sich getarnt, das Farbband gegriffen. In Chartres ist Meyer noch immer zugange, mit Gabriella, die nur noch ein Bein hat, sie stöbern in den Archiven, erhalten Rückendeckung von ganz oben.

Man sollte meinen, dass italienische Untoten-Filme aus den 80ern   nur eine Richtung kennen. Pupi Avati geht mit „Zeder“ genau den anderen Weg. Er baut seinen Film langsam, aber zielgenau auf, atmosphärisch errichtet er ein Gebilde von unheimlicher Kraft, in dem Verschwörung und Jenseits und Ermittlung und tödliche Gefahr sich umschlingen. Er baut mit diesem Film einen tollen Horrormythos auf: K-Gebiete, das sind Gegenden, von denen die Menschen seit Urzeiten ahnen, dass hier Tore geöffnet werden können – sie sind verbunden mit den Orakeln der Antike, bestimmte klimatische Bedingungen, bestimmte Bodenbeschaffenheiten führen dazu, dass Tote hier wiederauferstehen können. Paolo Zeder hat dies damals erforscht, seine Erkenntnisse werden weitergereicht, Meyer und Gabriella haben sich ihnen verschrieben. Über eine alte Schreibmaschine wird Stefano dummerweise zum Mitwisser. Die Spur führt über einen jüngst verstorbenen Priester zu einer Hotelruine; Stefano macht mit Freundin Allessandra einen Ausflug in die Provinz, dort hatte der Priester bei seiner Schwester gewohnt. Die ist blind, es ist alles sehr merkwürdig, ein dicklicher Glatzkopf taucht immer wieder auf, er führt die Schwester zum Friedhof, lässt sie an einem Grab beten, aber dies ist nicht das Grab des Bruders. Der liegt ganz woanders, in einer Gruft, aber auch dort ist sein Grab leer…

Stefano streitet mit Allessandra. Er steigt in einem Motel gegenüber der ominösen Hotelruine ab. Dort scheint eines der stärksten K-Gebiete zu sein; hier haben die Untoten-Forscher allerhand Überwachungs-Equipment eingerichtet, hier liegt irgendwo der Priester begraben; ein anderer Geistlicher ist ebenfalls auf der Spur des Untoten-Geheimnisses. Aber leider bald selbst tot. Denn offenbar: Wer aus dem Totenreich erwacht, ist nicht mehr zu bändigen…

Der Film ist äußerst seltsam – und deshalb unbedingt sehenswert. Irgendwie scheint nicht alles zusammenzupassen; aber das mag auch daran liegen, dass die Geheimnisse der K-Gebiete, die Forschungsergebnisse von Paolo Zeder schlicht noch nicht wieder erkennbar sind, uns Sterblichen. Regisseur Avati legt wert auf seine Charaktere, auf die Interaktion zwischen ihnen, und hat zugleich ein genaues Gespür dafür, nicht zuviel zu offenbaren, so dass die Zusammenhänge für die Figuren wie für den Zuschauer nicht zu früh, nicht zu spät klar werden. Perfektes Informationsmanagment!

Das Unheimlichste im Film aber, das hat Avati gar nicht beabsichtigt. Der Priester nämlich, der verstorben ist, aber nicht tot bleibt, der hat eine besondere Beziehung zu diesem Ort, der heute verfallen ist: Die moderne Ruine war früher ein Ferienheim, dort ist er jeden Sommer mit einer Horde Kinder zur Erholung hingefahren. Und das kommt – ungewollt – in Stefanos Ermittlungen derart schmierig rüber, dass der Film nicht nur okkultwissenschaftlich, sondern auch kirchenpolitisch schmerzhaft visionär wirkt.

 

Einen Blick in die (nähere) Zukunft wirft „Terminal Island“; es geht um den Strafvollzug in den USA. Dort wurde nämlich jüngst die Todesstrafe abgeschafft und durch lebenslange Verbannung auf eine Insel ersetzt. Zu Anfang wird das sehr schön erklärt, wir befinden uns nämlich im Regieraum einer Nachrichtensendung, wo en paar Vox Populi-Clips geschaut werden. Hier wurden tatsächliche Straßenumfragen mit tatsächlichen Passanten durchgeführt, die tatsächliche Antworten pro und contra – vor allem pro – Todesstrafe abgeben. Dann werden dem TV-News-Redakteur noch per Foto die aktuellen Terminal Island-Insassen vorgestellt, der Zuschauer sieht mit einem Blick: Tom Selleck ist darunter, mit seinem Marken-Schnurrbart!

Auf der Insel dann muss man erstmal suchen, bzw. hinter den Achttagebart schauen, um Selleck zu entdecken, der hier in einer frühen Rolle den nettesten unter den Killern spielt, die auf dieser Insel sich selbst überlassen sind. Natürlich, wie es ist unter Mördern, gibt es ein Hauen und Stechen, weil alle sehr verroht sind. Das ist ja durchaus auch im Sinne von Regierung und Justiz; wer hierher gebracht wird, für den ist schon der Totenschein ausgefüllt, weil es ein Zurück in die Gesellschaft nicht mehr geben wird. Aber natürlich ist das Abschieben auf die abgeschiedene Insel viel humaner als die legale Tötung, und billiger noch dazu.

Stephanie Rothman führt Regie, eine Frau, das ist ja in der Grindhouse-Sparte eine Seltenheit; und

anders als bei Doris Wishman, die halt die Nackedeis runterfilmt, könnte man bei Rothman tatsächlich einen bestimmten Touch im männlich dominierten Genre finden: So, wie das Verhältnis zwischen dem Mörder-Obermotz und seiner rechten Hand ist…: bei aller Rauheit doch sehr liebevoll – welche Blicke sie sich gegenseitig zuwerfen! Und wie sehr das Quälen der anderen, vor allem der Frauen, für sie so eine Art Aphrodisiakum darstellt! Die meisten der Verbannten haben sich zwangsläufig zu einer Gemeinschaft zusammengefunden, ein provisorisches Dorf aufgebaut, der Führer befiehlt, alle folgen; die drei, vier Frauen sind das Wertvollste, das sie haben. Dennoch müssen die Weiber tagsüber ackern, nachts stehen sie den Männern zur Verfügung, zwangsweise.

Es gibt Rebellen, die haben sich abgesetzt, zu ihnen fliehen die Frauen des Dorfes, sie machen sich

daran, das Mörderfaschoregime auszuschalten, gegen jede Chance, man hat ja nichts zu verlieren… Rothman, das ist die ganze Zeit über deutlich, will einen Punkt setzen in der Debatte um Strafjustiz und Todesstrafe, die in den 70ern in den USA, man glaubt es heute kaum, auf der Kippe stand und beinahe abgeschafft wurde. Rothmans Argumentation ist ein hehres Ziel, und sie gelingt auch durchaus, aber eben nicht durchweg. Immer wieder muss der Film, weil er halt einer dieser Filme ist, abweichen vom subtextuellen Diskurs und entweder Gewalt zeigen oder Sex oder zumindest nackte Frauen oder auch mal einen Gag, oder alles zusammen. Bei den Rebellen ist einer, der sich unverhohlen an eine der Damen ranmacht, und sie rächt sich, zeigt sich ihm nackt beim Baden, verführt ihn, und zwar sehr lecker-kulinarisch schmiert sie ihn mit Honig ein, gar mit Gelée Royale, untenrum, ihr wisst schon, dann soll er sich drehen, und sie schmiert ihn auch noch unten-hintenrum ein; dies knapp außerhalb des Bildrandes, aber pervers genug. Zumal sie dann am Baumstamm rüttelt, in dem die Bienen wohnen, und die stechen den Möchtegernstecher…!

„Terminal Island“ fügt sich ein in eine gewissen Tradition, die auch, beispielsweise, Peter Watkins’ „Punishment Park“ oder Norman Jewisons „Rollerball“ umfasst oder, eher hier in unserem Grindhouse-Bereich, Paul Bartels „Frankensteins Todesrennen“/„Death Race 2000“ Filme, die in Actionform und durchaus kunstvoll gesellschaftliche Diskurse und Umstände in eine todesspielerische Vision interpolieren, irgendwo Science Fiction, weil noch nicht Realität, aber gesellschaftskritisch und -realistisch so verankert, dass Relevanz durchscheint, auch bei möglicher direkter Reiz-Reaktion-Inszenierung an der Oberfläche.

Stephanie Rothman tanzt auf der Klinge zwischen Haltung und Absturz, hält aber die Balance. Und gibt nebenbei ein bisschen anschaulichen Chemieunterricht: Ein bestimmter Stein, doziert eine der Mörderinnen (die ja nicht ungebildet sein müssen, ganz im Gegenteil!), der besteht fast nur aus Kaliumnitrat! Und Holzkohle haben sie auch. Und der Wilde Senf, der überall wächst: Die Blüten enthalten Schwefel. Und in einer Mischung aus McGyver und Hobbythek ist aus der Natur Schwarzpulver hergestellt, in Trinkflaschen gefüllt als Handgranate verwendbar. Ein Riesenvorteil gegen das Faschodorf, und Garant für eine doll explosive Schlacht zum Finale.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2018: Tollwütige Jugend und gedemütigte Koreanerinnen

Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim, 29.9.2018:

"Wie tollwütige Hunde"/ "Come cani arrabiati", Italien 1976, Regie: Mario Imperioli

"Frauenlager der Ninja" / "Shadow Killers Tiger Force", Hongkong 1986, Regie: Godfrey Ho



Ein Fußballstadion. Kein kleines. Zweite Liga, mindestens. Noch ist es leer. Zwei junge Männer setzen sich. Mützen auf dem Kopf, weiße Polyester-Sportjacken. Die Ränge füllen sich. Die Kamera schweift über die Zuschauer. Das Spiel beginnt. Gelegentlich fängt die Kamera zwischen Schwenks und Zooms Spielszenen ein, nichts Spektakuläres, keine Spielhöhepunkte, kein Tor des Monats; ansonsten die Zuschauer im Bild, immer wieder unsere zwei Protagonisten. Die stehen irgendwann auf, laufen durch die Katakomben, überfallen die Kasse, schießen einen Polizisten tot.

"Wie tollwütige Hunde" ist ein Film, der lange verschollen war. Und der nun wieder aufgetaucht ist, zum Glück, muss man sagen: Er ist ein wirklich spannendes und ziemlich hochkarätiges Stück Kriminal- und Sozialkino, reingesetzt in die von gesellschaftlichen Spannungen und allseitiger Gewalt geprägten Gesellschaft des Italiens der 1970er. Drei Jugendliche stellt der Film uns alsbald vor, Studenten, reich, verzogen, gelangweilt. Der Anführer hat eine Papa, den er hasst, der sein Geld unsauber verdient, der von Erfolg spricht und davon, die anderen zu übertrumpfen mit allen Mitteln. Auf der Gegenseite ein Kommissar, der zwar ermittelt, der aber zugleich persönlich ein Arsch ist. Zwischendurch Verstörung:

Beispielsweise, wenn wir uns plötzlich in einem verdunkelten Raum befinden. Eine Frau zieht die Vorhänge auf, als Silhouette sehen wir im Gegenlicht ihren gewölbten Bauch. Dann steigt die Schwangere aufs Fensterbrett und stürzt sich runter, und – habe ich das noch richtig in Erinnerung: Ist der Sturz in subjektiver Kamera gefilmt? Ich kann's nicht mehr sagen, die Wirkung aber ist groß. Weil wir nun überhaupt nicht wissen, was hier passiert. Später wird in einem Dialog ganz en passent, quasi im Nebensatz, erklärt, dass die Selbstmörderin die Verlobte des ermordeten Polizisten sei, unehelich schwanger, Trauer und Schande…

Oder: Nach einem Überfall nehmen die drei eine Frau als Geisel. Die erwacht irgendwann in einem kargen Raum, kann sich befreien, kriecht voll Panik durch das scheinbar verlassene Gebäude, doch immer wieder Schatten bewaffneter Typen, sie kommt zu einer Tür, trifft auf eine Frau – aber von der wissen wir, dass sie eine der Täterinnen ist. Und dass sie der Lockvogel ist. Weil man einer Frau so was nicht zutraut. Jedenfalls haben sie die Geisel dann am Haken, reißen ihr die Kleider runter, doch nicht in sexueller Absicht: Einfach aus Spaß an der Demütigung. Und, um Angst zu erzeugen. Bevor die drei Killer sie über die Badewanne beugen und ihr das Gehirn rausblasen.
Klassischer Shakespeare.

Die drei Killer sind ein eingeschworenes Dreierpack. Zwei junge Männer, eine junge Frau, die das Leben als Spiel begreifen, das Töten als Spaß, und das Sexuelle zwischen ihnen als ironisches Schauspiel, das sie füreinander aufführen: Als es mal an einen Dreier geht zwischen ihnen, läuft das über Shakespeare-Zitate, die sie als Othello, Desdemona, Iago deklamieren, als Vorspiel für die eigentliche – uneigentliche – Sache.

Der Kommissar, auf der anderen Seite, ist gut (auch, wenn er aussieht wie das Morphingopfer zwischen Herbert Lom und Graham Chapman). Er hat bald seine Pappenheimer in Verdacht. Um den Beweis zu erhalten, greift er zu unkonventionellen Mitteln: Er hat nämlich eine Assistentin. Die ist jung und hübsch und sendet laufend Signale aus an unseren Herrn Kommissar, die der geflissentlich übersieht. Der freilich die Waffen dieser Frau zu nutzen versteht: Er verwandelt sie in eine Stricherin, und schaut auch genüsslich zu, wie sie nuttige Kleider anzieht. Er ist halt schon auch geil auf sie. Aber er weiß auch: Die drei Kriminellen suchen sich die Nutten des Vaters aus, holen sie ab und killen sie. Also gibt sich die Polizistin als Daddys Lieblings-Bordsteinschwalbe aus, und schon hamwer die Täter…

Zugegeben: Dieser Plotzweig ist reichlich doof. Es ist zwar völlig klar, dass Papa Bonze irgendwie drin verwickelt ist – sein Geld wird gestohlen, seine Nutten umgebracht –, aber es muss ja noch andere Mittel geben, die Feinde des Ausbeuters zu finden. Nun ist die Assistentin, als Stricherin verkleidet, im Wagen mit den zwei Mörderjungs, die ihren Spaß mit ihr haben – und der Kommissar kommt erst im allerletzten Moment… Hat die Assistentin nun genug von dem feinen Herrn Chef? Nein, sie lässt sich intim mit ihm ein. Und während der Polizeichef diverse Bestechungsangebote erhält und der Kommissar rumtappt, sich den Verdächtigen nähert, die blonde Killerin beim Autorennen beobachtet, mit dem Herrn Sohnemann beim Ausritt parliert, beschattet die junge, heiße Assistentin die Bösewichter, und zwar näher, als ihr lieb ist…

Mario Imperioli macht das sehr geschickt: Die, sagen wir, exploitativ-spekulativen Elemente der Story lässt er unter dem ständigen Rückbezug zur Realität verschwinden; das fängt mit dem tatsächlichen Fußballspiel vom Anfang an und hört bei den nebenbei einfließenden Kommentaren zur sozialen Situation nicht auf: Das Geld, das fehlt, die Politik, die sich nicht kümmert, die Ökonomie, die nur in die eigene Tasche wirtschaftet… Am Ende, ziemlich krass, haben wir eine Verfolgungsjagd. Und eine Demo wütender, enttäuschter Arbeiter. Und wenn der rücksichtslose Killer in diese Straße einbiegt, und in der Menschenmenge nicht weiterkommt, und nicht respektvoll ist, dann ist es das Ende, nicht nur des Films. Ein Film, der wie eine gelungene Mischung aus "Clockwork Orange" und "Funny Games" wirkt; und zwar durchdekliniert als Parabel zum Nationalsozialistischen Untergrund.

Das Qualitätslevel, das "Wie tollwütige Hunde" aufgelegt hat, erfährt einen krassen Abfall mit dem zweiten Film des Abends: "Frauenlager der Ninja" hat den Vorteil, dass der Titel nicht lügt. Es gibt ein Frauenlager. Und es gibt Ninjas. Das Problem ist, dass das Frauenlager aus einem anderen Film ist wie die Ninjas. Und zwar buchstäblich. Weil Regisseur Godfrey Ho einfach einen alten koreanischen Film genommen und durch ein paar selbstgedrehte Rahmenhandlungsszenen ergänzt hat. Die leider gar nicht zum Originalfilm passen…

Am Anfang: Bilder von Hongkong. Flughafen, Hafen, Küste. Dann, bei einem Schwenk über den Jachthafen, eine Stimme: "Sieh mal da rüber!" Hä?! Das gibt Raum für eine schöne Vorstellung, und vermutlich ist diese Vermutung wahr: Der Kameramann schwenkt, und ein Assistent weist ihn auf irgendwas hin, was er auch aufnehmen soll, und der Tonmann nimmt das auf, und im Schnitt bleibt's drin, und die Synchro übernimmt den Satz. Der nirgendwo hindeutet, und überhaupt nicht zu irgendwas gehört. Und so ist halt auch der Film.

Junge Menschen beim Picknick, Cola und Hühnchen, und dann tauchen schwarzvermummte Ninja auf und entführen die Mädels. Oder: Ein Pärchen rudert im Boot, und Ninja schwimmen hin, schmeißen den Dödel ins Wasser und entführen das Mädel. Das alles sind die nachgedrehten Sachen, ein Kampf auch, bei dem die Ninja kräftig gegen ein paar Mädelverteidiger kämpfen. Und Schnitt, sind wir bei einer blonden, kurzhaarigen Dame, ohne Schlitzaugen, die zwei Ninja vermöbelt. Das war ein Test, sie hat bestanden, sie ist die Richtige und bekommt eine Menge Geld, um die Tochter ihres Auftraggebers aus dem Frauenlager zu befreien. Dahin bringen nämlich die Ninja die Mädels, mit bösen Absichten: Sie müssen eine steinige Böschung bearbeiten.

Der alte Film ist eher blass, und in ihm spielen nur Koreanerinnen. Und koreanische Wärter: Es ist ein Frauengefängnisfilm, der offenbar nicht auf sexuelle Reize aus ist, sondern auf die Gruppendynamik unter Zwang. Ein gutes Dutzend Frauen in einer Zelle, sadistische Gefängnisaufseher – aber sorgsam keine unzüchtigen nackten Stellen. Das ist an sich nicht schlecht – aber auch nicht zwangsweise gut. Es ist offensichtlich ein Dutzendfilm, der nicht weiter interessiert. Also: Außer Mr. Ho, unseren wackeren Regisseur. Den interessiert's so sehr, dass er seine blonde Kämpferin einschleust. Und bald ist klar: Alle Szenen, wo die Blonde auftaucht oder dieser fiese Typ, der der Oberbösewicht sein soll und die gefangenen Mädels nach Dienst an einen Mädchenhändler weiterverfrachten will, die sind nachträglich erschaffen worden. Mit Europäern als Protragonisten, für den westlichen Markt. Zwei der Gefangenen haben Streit – der alte Film –, und die Blonde versöhnt die beiden – der neue Film –, indem sie mit einem Handstreich eine Steinlawine an der Böschung löst und die eine die andere retten lässt. Eine der Gefangenen bricht aus – der alte Film –, und die Blonde – im neuen Film – besorgt ihr die nötige Zeit, indem sie an der Böschung ruft: Wir arbeiten weiter, wir wollen keinen Feierabend! Ein weiterer Ausbruchsversucht – der alte Film –, die Blonde verführt einen Müllkutscher – im neuen Film –, damit die Gefangen in dessen Exkrementekübel versteckt sich aus dem Lager schmuggeln kann.

Was sich beinahe so anhört, als sei das aufeinander abgestimmt, dem sei gesagt: Die Blonde sieht nicht nur doof aus – es ist eine furchtbare 80er-Kurzhaarfrisur! –, sondern sie kann auch noch zaubern. Blöd nur, dass der Gegenspieler, der Ober-Ninja (also der hinzuerfundene Frauenlagerchef) auch zaubern kann. In einem Wald (warum auch nicht) kommt's zum Endkampf, der dauert sehr lange; vorher haben sich die beiden durch verschiedene Dimensionen teleportiert, inklusive hypnotischer Verführungsszene. Im Wald geht's hart auf hart, und einer der Helfer der Guten holt die Bazooka raus (!), und der Bösewicht wird von der Rakete verfolgt, und das ist lustig anzusehen, aber halt auch reichlich bescheuert.

Das größte Manko des Films aber – jenseits des Offensichtlichen –: Nie zieht sich jemand aus. Im alten koreanischen Teil sowieso nicht, aber der neue, nachgedrehte schreit geradezu danach, wenn man sich das Genre und das Niveau ansieht. Ich meine, man kennt das ja, beispielsweise aus "Firecracker", wo eine Karatekämpferin während des Kampfes nackig ausgezogen wird. Ja, sowas wäre halt wahre Inszenierungskunst gewesen!

Harald Mühlbeyer