FILMZ 10: „Potato Fritz“ – Die grĂ¶ĂŸten Kartoffeln

Die RĂŒckblende bei JubilĂ€ums-FILMZ beschĂ€ftigte sich mit den RĂŒckblenden der vergangenen Jahre. Aber nicht auf so simple Art wie die 60. Berlinale im Februar d.J., wo einfach Filme aus vergangenen Retrospektiven ausgesucht und wiederholt wurden. Nein: FILMZ zeigt Filme, die in den Retrospektiven der vorherigen JahrgĂ€nge nicht gelaufen waren, und bietet so einen nochmals erweiterten RĂŒckblick auf die deutsche Filmgeschichte. Da wurden sinnige Filme ausgesucht: Der „Blechtrommel“-Director’s Cut, der dieses Jahr erstmals in Cannes vorgestellt wurde, als ErgĂ€nzung zur Schlöndorff-Retro von 2004 und zur Mario-Adorf-Schau 2009, oder der 1973 in der DDR verbotene und in diesem Jahr rekonstruierte „Die Taube auf dem Dach“ von Iris Gusner als Nachklapp zur Defa-RĂŒckblende 2005.

Von Peter Schamoni, bei FILMZ filmgeschichtlich aufbereitet im Jahr 2008, lief ein seltsamer Film, ein deutscher Western aus dem Jahr 1975: „Potato Fritz“, im Vorspann mit seinem spĂ€teren Verleihtitel „Zwei gegen Tod und Teufel“ angegeben. Was ein Western braucht, ist in diesem Film drin: SchlĂ€gerei im Saloon und Klopperei zweier Freunde, um sich ihrer MĂ€nnlichkeit zu vergewissern; Schießereien, ÜberfĂ€lle und Hinterhalte, lauernde Indianer, Siedler und Kavallerie, vorwĂ€rtstreibende Gier nach einem versteckten Goldschatz, rĂŒckwĂ€rtsgewandte Rache wegen einer frĂŒheren Fehde; ein zĂŒchtig-sehnendes MĂ€del, typisch leiernde Western-Musik, Helden, Schurken und irgendwas dazwischen. Dazu die typischen SpĂ€twestern-Elemente der latenten bis akuten Ironisierung; denn der Held, gespielt von Hardy KrĂŒger, ist ein Farmer, der eigentlich nur seine Kartoffeln anbauen will; im hart umkĂ€mpften Indianergebiet, da, wo irgendwo das Gold versteckt ist…

Problem dabei ist, dass das alles zwar toll in einen Western passt, aber leider nicht in diesen Film. Denn der reiht alles aneinander, ohne so richtig die Übersicht zu haben, wann was angemessen, wann was notwendig und wann was ĂŒberflĂŒssig ist. Viele wichtige Plotelemente – Morde, die vielleicht von Indianern, vielleicht aber auch von Banditen begangen wurden, oder Hinweise auf Vermisste – werden nicht gezeigt, sondern nur aus zweiter Hand von irgendwelchen Leuten irgendwelchen anderen Leuten berichtet. Überhaupt gibt der Film zu Anfang keine Hinweise, wo die Linien der verschiedenen Gegnerschaften verlaufen, wie die Figurenkonstellation konstruiert ist, worum es eigentlich geht. Das ist wohl eine bewusste Mystifizierung von Schamoni; die aber weniger Spannung als Konfusion aufbaut. Irgendwann tritt ein durchgeistigter, weltabgewandter Reverend auf, der im Namen Gottes Bisons vor sich her scheucht; und dann fĂ€llt er einfach aus dem Film und ward nicht mehr gesehen. Oder wurde er ermordet, und ich habs nicht so richtig mitgekriegt?

Trotzdem ist in diesen ZwischenrĂ€umen, die sich auftun, wenn alles nicht so recht zusammenpasst, eine gewisse Coolness zu spĂŒren; Hardy KrĂŒger gibt den harten Kerl, Stephen Boyd kĂ€mpft fĂŒr Gerechtigkeit und zugleich fĂŒr seinen Anteil am Schatz, von oben, von den Felsen, beobachtet IndianerhĂ€uptling Arschloch das Geschehen, die Kartoffeln wachsen und gedeihen, die Musik stammt von Udo JĂŒrgens (!), und einen der Soldaten spielt Fußballweltmeister Paul Breitner, mit seiner typischen wilden MĂ€hne, mit Barttracht und seiner langen Nase: das ist irgendwie schon so verquer, dass es wieder gut ist; nicht mal unbedingt in einem Trash-Sinn, sondern einfach, weil klar wird: hier hat Peter Schamoni so richtig reingehauen, denn wenn schon Genre, wenn schon Western, wenn schon deutsch: dann richtig.

Harald MĂŒhlbeyer

FILMZ 10: SATTE FARBEN VOR SCHWARZ



Seit fĂŒnfzig Jahren sind Anita (Senta Berger) und Fred (Bruno Ganz) zusammen, könnten den Lebensabend genießen, eine schöne Villa haben sie, leben in gehobenen VerhĂ€ltnissen und doch zugleich sehr souverĂ€n und entspannt darin – und wie vor allem Fred seiner Frau von der Seite ansieht, dabei lĂ€chelt, lĂ€sst einen spĂŒren, wie glĂŒcklich sie miteinander noch sind.

Doch Bruno will sich auch absondern, Raum und Zeit zum Nachdenken, und wĂ€hrend der Sohn nach Hause kommt, weil die Tochter heiratet, erfahren wir nebenbei: Bruno hat Krebs. Und ĂŒberlegt, ob er sich ĂŒberhaupt operieren lassen will. Anita ist darĂŒber still verletzt, hilflos. So muss sich das Ehepaar damit auseinandersetzen, wie es ist, mit- und gegeneinander alt zu werden. Und dass es fĂŒr jeden unweigerlich aufs Ende zugeht.



SATTE FARBEN VOR SCHWARZ ist kein Kranken- und auch weniger ein Alters-, sondern ein Beziehungsdrama. Eines, das sein unbequemes und wichtige, oft unterbeleuchtet Themen mit kleinen Details und genauen Beobachten, dazu mit auch feinsinnigem GespĂŒr fĂŒr Momente, Stimmungen und Dialoge – auch Witz – geerdet, dabei sehr leicht und umso mutiger angeht. Keine depressive Krankenhausaufnahmen, sondern eine BĂŒrgerwelt, in der die AlltĂ€glichkeit des Rentendasein gegen eine andere, viel existenziellere behauptet werden will. In der GefĂŒhle und Auswege ausprobiert werden, bis zum konsequenten Ende. SATTE FARBEN IN SCHWARZ ist ein Film, der sich nicht nur Zeit, sondern die richtige Zeit nimmt.

Fast schmerzhaft schön oder elegant und doch nicht verkĂŒndstelt ist die Bildgestaltung (Kamera: Christine A. Maier). Doch neben dem vorzĂŒglichen Buch (Regisseurin Sophie Heldman zusammen mit Felix von Knyphausen, basierend auf biographischen Erfahrungen der deutsch-schweizerischen Filmemacherin) sowie der vorzĂŒglichen Regie sind es vor allem aber die beiden großen Darsteller Senta Berger und Bruno Ganz, die SATTE FARBEN VOR SCHWARZ zu einem intensiven – nein, nicht Erlebnis: einer Erfahrung machen.



Ob beide zusammen, liebkosend, Berger stumm verzweifelt; wenn Ganz nackt im Spiegel seinen gealterten Körper betrachtet oder im GesprĂ€ch mit einem Mundwinkelzucken oder einem Blick Worten und Tun nachgerade „auflĂ€dt“, wie das keine Regie und kein Drehbuch auch nur andeuten können: dann ist das bei ihnen nicht nur eine couragierte Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensphase, die mit sichtlichem Wissen miteingebracht wurde, sondern schlicht von einer PrĂ€senz und Dichte, die einen nicht so schnell wieder verlĂ€sst.

Vielleicht ist gerade deshalb der Titel so erstaunlich treffend, beschreibt er weniger etwas im Film oder den Films - als vielmehr das "Wirkung" des Films auf den Zuschauer.

Daher: Ganz großes Kompliment fĂŒr und vielen Dank an Frau Heldman, die hier nicht nur ihren dffb-Abschluss- bzw. DebĂŒtfilm vorgelegt hat, sondern mehr noch etwas, das mit zarter Hand ganz fest packt.


Bernd Zywietz


SATTE FARBEN VOR SCHWARZ lÀuft auf dem FILMZ noch einmal am Sonntag um 17.30 Uhr im Cinestar 7. Sollten Sie nicht verpassen!


R: Sophie Heldman
B: Felix zu Knyphasuen, Sophie Heldman
K: Christine A. Maier
SCH: Isabel Meier
Mit: Bruno Ganz (Fred), Senta Berger (Anita), Leonie Benesch (Yvonne), Barnaby Metschurat (Patrick), Carina Wiese (Karoline)

Kritikerschelte

Schnell mal meine drei Groschen zu den FILMZ-Webkommentaren, DIE ENTBEHRLICHEN und unserem Redakteur und Autor H.M., der mit diesem Meinungstext hier nichts zu tun hat bzw. nur als AufhÀnger dient...


Ja, KĂŒnstler und Kritiker, eine heikle Beziehung. Man denke an Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki – oder an M. Night Shyamalan, der es sich in LADY IN THE WATER nicht verkneifen konnte, einen Filmrezensenten seinem Graswolf zum Fraße vorzuwerfen.

Auch bei FILMZ gab es jetzt Krawall im Kleinen. Da hat es Screenshot-Redakteur Harald MĂŒhlbeyer als Kommentar auf der entsprechenden Seite des Festivals seine Kritik auf „Filmgazette“ zu verweisen – und prompt ging‘s rund.

Es handelt sich dabei um Andreas Arnstedts DIE ENTBEHRLICHEN, und obwohl MĂŒhlbeyers Kritik noch vergleichsweise moderat ausfiel, hagelte es Gegenkritik und Beschimpfungen.

Perfide“ sei die Besprechung, „Mainz hat kein Niveau, sonst wĂ€re ein Harald MĂŒhlbeyer gar nicht möglich!“ – heißt es da und „Profilneurose“, „Nichttalent“ und „menschverachtendem Zynismus“ ist die Rede. Jahrgang und Wohnort werden genannt.

Die FILMZ-Macher selbst distanzierten sich von Herrn MĂŒhlbeyers Link bzw. der externen Kritik und damit dem Stein des Anstoßes (mit gutem Recht) und weisen darauf hin, dass sie den Film herausragend fĂ€nden und daher dem Publikum prĂ€sentieren wollten.

Andreas Thomas, Redakteur und Herausgeber der „Filmgazette“, meldete sich auch zu Wort und verteidigte das Abschalten der Kommentarfunktion auf seiner Seite:

„Der auf dieser Kommentarplattform stattfindende und auf der http://www.filmgazette.de gelöschte ‚Meinungsaustausch‘ hat, mit wenigen Ausnahmen, mit inhaltlicher und sachlicher Auseinandersetzung, vor allem aber mit der Tolerierung einer anderen Meinung nichts mehr zu tun, sondern er kommt einer Hetzkampagne gleich, die in ihrer AggressivitĂ€t erschreckend ist.
Deshalb habe ich beschlossen, unsere Website generell, nicht nur in diesem Fall, nicht mehr fĂŒr irgendwelche potentiellen Hetzkampagnen zur VerfĂŒgung zu stellen. Die Kommentarfunktion auf der http://www.filmgazette.de ist ab sofort endgĂŒltig gesperrt.“ Direkt auf Filmgazette.de ist dies begrĂŒndet mit „persönliche[n] Beleidigungen gegen den Autor, die mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung meistens nichts mehr zu tun hatten, sondern in ihrer Intoleranz, Stillosigkeit und AggressivitĂ€t so nicht mehr hinnehmbar waren“.

Mag durchaus sein, dass DIE ENTBEHRLICHEN – „Deutschlands wichtigster Film“ (FILMZ-Kommentator Klett) – seine QualitĂ€ten und vor allem Fans hat, die ihn nun verteidigen. Vieles von dem, was da auf dem FILMZ-Blog zu lesen steht, wirkt aber wie eine konstatierte Gegenkampagne. Nicht nur wegen solch subtiler Empfehlungen wie „KĂŒmmert Euch lieber um Karten fĂŒr DIE ENTBEHRLICHEN!!!! Denn ich kenne schon ne Menge Leute die sich den Streifen ansehen wollen!“ wie ein selbsternannter „Kenner der Mainzer Szene“ empfiehlt. Nein, ich nehm das zurĂŒck: ein Realsatiren-Werbespruch kann nur singulĂ€r und authentisch sein.

Screenshot jedenfalls selbst bietet keine oder nur eine moderierte Kommentarfunktion, weil wir unsere Zeit nicht damit vergeuden wollen, fragwĂŒrdige und tumb beleidigende Gegenkritiken (oder Sex-Werbung und sonstigen Spam) aus dem Filter fummeln zu mĂŒssen wie nasse Haare aus dem Abfluss. Auf Kommentare mit einem vernĂŒnftigen Minimum Umgangston und Niveau freuen wir uns aber natĂŒrlich (nicht nur, was die Sex-Werbung betrifft).

Ich weiß, eigentlich ist das Ganze die Aufregung und so einen Text hier eigentlich nicht wert. AnlĂ€sslich der Causa MĂŒhlbeyer vs. DIE ENTBEHRLICHEN Kommentare will ich persönlich aber was GrundsĂ€tzliches in Sachen Filmkritik und -gegenkritik ansprechen. Gerichtet ist das vor allem an Filmemacher, die gerne auf Filmkritiker schimpfen – wobei ihr Ärger oder gar Verachtung verstĂ€ndlich ist; man steckt schließlich nicht Zeit, Geld und Unmengen an Energie in ein Werk, nur um dann unbekĂŒmmert zuzusehen, wie andere darauf rumtrampeln.

Trotzdem (und hiermit zu einigen Klagen, die mir gegenĂŒber in den letzten Jahre geĂ€ußert wurden):

1.
Auf die Meinungsfreiheit zu verweisen ist mittlerweile ein solcher Allgemeinplatz geworden, dass man ihn sich eigentlich gar nicht mehr anzufassen getraut, aus Sorge darĂŒber, dass sie als Argument noch weiter trivialisiert wird. Darum anders:

Letzten Endes geben Filmkritiker geben Filmkritiker NICHT einfach nur ihre eigene Meinung wieder – sondern die GOTTES!! Ja, ist so! Sorry. Wir wollten das eigentlich nicht verraten, aber wir haben da eine geheime Telefonnummer, bei der rufen wir an…

Nein, Spaß beiseite: SelbstverstĂ€ndlich geben auch Filmkritiker nur ihre Meinung wider, die natĂŒrlich argumentativ, von einem geschultem Blick gestĂŒtzt und mit Erfahrung und Wissen untermauert sein sollte. Ist sie nicht immer, schon klar. Dagegen zu stĂ€nkern wĂ€re aber im Grunde auch nicht anders, als wĂŒrde man dagegen sein, dass sich nach dem Kinobesuch das Publikum unterhĂ€lt und Antwort gibt auf die Frage „Und? Wie fandest du’s?“ Und letztlich sind Filmkritiker immer zunĂ€chst genau das: Zuschauer, Kinobesucher.

Ebenso wenig wie wir als Publikum gezwungen werden, des Filmemachers Film zu schauen, ist jemand gezwungen, unsere Rezensionen zu lesen. Keine Augenklammern wie in A CLOCKWERK ORANGE, keine Familienangehörige werden als Geiseln gehalten. Und unsere Berechtigung, Filmkritiken öffentlich zu machen, holen wir uns eben im selben BĂŒro ab wie die Filmemacher ihre „Erlaubnis“, ihre Filme zu drehen. FĂŒr Sie liegt beides auch da, abholbereit und mit Stempel.


2.
Dass Filmkritik per se gar nicht so schlimm sein kann, zeigen denn auch Freude und Wunsch ĂŒber bzw. nach einer GUTEN Besprechung. Oder die Freude darĂŒber, wenn ein Rezensent die eigene Meinung widerspiegelt.


3.
Mein Liebling: „Filmkritiker krakeelen nur, steuern aber selbst nichts Konstruktives bei“. Oder eleganter: „Filmkritiker sind wie Kastraten: Sie wissen, wie es geht, können es aber selbst nicht.“ Und, eigentlich die Kirsche auf dem SahnehĂ€ubchen: „Wenn’s dir nicht gefĂ€llt, mach es doch besser!“

Wer so oder Ă€hnlich „argumentiert“, solle sich an die eigene Nase fassen und fragen, wann er sich zum letzten Mal zu einer Parlamentswahl gestellt hat, nachdem er ĂŒber einen Politiker geschimpft hat und oder ob er sich von einem Arzt wĂŒrde klaglos und achselzuckend falsch behandeln lassen, nur weil er selbst keine Ambitionen verspĂŒrt, selbst Medizin zu studieren.

Kurzum: Sollen wir also keine "Probleme" benennen, etwas was schief lÀuft, schief gelaufen ist, auch wenn wir sie nicht (nachtrÀglich) Àndern können? Nein, sicher nicht. Wie auch DIE ENTBEHRLICHEN aufs soziale Elend verweist. Das ist richtig und gut so!

Vielleicht weisen Kritiken in welcher Form und kĂŒnstlerischen Art auch immer dazu bei, den Blick zu schĂ€rfen, auf etwas aufmerksam zu machen. Im Kino oder drum herum.


4.
Nein, natĂŒrlich ist ein Film ist im Grunde nie in seiner GĂ€nze schlecht! Klar, manchmal klingt das so (und ganz ganz selten mag das auch mal vorkommen). Man muss halt zuspitzen, verallgemeinern; tut jeder von uns, auch im Alltag. Oder reden Sie nie von DEN Italienern (oder aber von DER Filmkritik)?

Ein Film besteht aus einer Vielzahl von Leuten, die meistens Großartiges leisten, Lichttechniker, Kamera-Assistenten, Set Designer! Auch sie tragen zu einem Film bei, massiv, aber deren Leistung will ein Verriss auch gar nicht schmĂ€lern. Tut er auch nicht, wie diese Leute wissen, aber auch das Publikum (das schließlich Filmkritiken selten liest, um sich ĂŒber die QualitĂ€t der Ausleuchtung zu informieren). Mal davon abgesehen, dass viele Techniker gar nicht mehr wollen als ihren Job gut machen – und entsprechen entspannter sind, wenn das große Ganze gescholten wird. Anders als naturgemĂ€ĂŸ ein Regisseur oder Produzent.

Dass manchmal die HandwerksgĂŒte die kreativen MĂ€ngel erst so richtig ins Licht rĂŒcken, ist eine andere Geschichte.


4. … - und um wieder aufs Thema zurĂŒck zu kommen: Eine Kritik wie ĂŒberhaupt ein Argument wird nicht dadurch entkrĂ€ftet, indem man den angeht, der sie Ă€ußert. Recht-Haben ist völlig unabhĂ€ngig von Buckel- und ZahnfĂ€ule-Haben oder den Motiven, die hinter einer Äußerung stehen.

Daher bitte bitte!: Über Inhalte streiten, auch ĂŒber Meinungen, aber nicht persönlich werden, nur um darĂŒber die eigene andere Ansicht auf den Gegenstand zu untermauern. Selbst und gerade wenn es nur eine Art Empfindungsstreit ist, ĂŒber kĂŒnstlerische Wahrnehmung und ums Wohlgefallen (oder eben nicht).

Dann wird das nĂ€chste Mal auch vielleicht niemand so enttĂ€uscht wie FILMZ-Kommentator Lorenz, der auf der Festival-Seite DIE ENTBEHRLICHEN noch schlimmer und vernichtender kritisierte als MĂŒhlbeyer:

Bin irritiert,

habe den Film gesehen und fand ihn eigentlich nur ziemlich langweilig. Hab eigentlich nach all den Kommentaren erwartet: entweder so richtig gut, oder so schlecht, dass man sich wie der MĂŒhlenbeyer drĂŒber bepissen kann.

Aber Naja… GÀÀÀÀÀhn. Beim Zahnarzt 1 1/2 Stunden warten kommt der Filmerfahrung so ziemlich gleich…. :(




Bernd Zywietz

Hinweis:
DIE ENTBEHRLICHEN lÀuft heute Abend (Do, 25.11.) noch mal, im Mainzer Cinestar 7.

Indien in Frankfurt

Vom 26. bis 28. November findet im Frankfurter Kino Orfeos Erben (Hamburger Allee 45) das zweite New Generations – Independent Indian Filmfestival statt.

Gezeigt werden Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, die ausgezeichnete Beispiele fĂŒr den neuen Realismus im indischen Kino sind. Das Festival startet mit der Deutschlandpremiere von „Cooking with Stella“, einer raffinierten und warmherzigen Gesellschaftssatire um die Köchin Stella, gespielt von Bandit-Queen-Darstellerin Seema Biswas. Es ist der erste Spielfilm von Dilip Metha, Co-Autorin ist die Regisseurin Deepa Metha („Fire“). In dem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Kleine Wölfe“ zeigen Justin Peach und Lisa Engelbach aus nĂ€chster NĂ€he das Leben von acht Straßenkindern in Katmandu. Ihr Alltag in der chaotischen Hauptstadt ist ein routinierter Kampf ums Überleben: immer auf der Suche nach Essen, Drogen, leichtglĂ€ubigen Touristen und vor nach Spaß und Abenteuer. Justin Peach stellt den Film persönlich vor.

Weitere Infos gibt es unter: www.indianvibes.de
Das Programm im Detail:

Freitag, 26. November 10
20:00 Eröffnungsfilm: „Cooking with Stella“
22:15 „Kleine Wölfe“in Anwesenheit von Regisseur Justin Peach

Samstag, 27. November 10
18:00 „Peepli Live“
20:00 „Notes from Transient Places“, prĂ€sentiert von Ulrike Mothes mit Publikumspreis
22:15 „Bombay Summer“

Sonntag, 28. November 10
15:30 „Kerala CafĂ©“
18:00 „Speak to my Televishnu @Streetlight“ – Kurzfilmprogramm Wettbewerb 2
ab 18:00 Indisches Abendessen (Reservierung unter 707 69 100 bis 25. Nov)
Kartenreservierung/Ticket reservation: 069 707 69 100

Veranstaltung: 10 Kurzfilme zur DrogenprÀvention von S. Linke



FILMZ, FILMZ … es muss ja nicht immer das Festival des deutschen Kinos in Mainz sein.

Am Freitag, dem 26.11.2010 prĂ€sentiert der Mainzer FilmkĂŒnstler Sebastian Linke (zum Screenshot-Portrait geht’s HIER) im Haus der Jugend (Mitternachtsgasse 8) in Mainz 10 Kurzfilme, die er als Regisseur und Autor fĂŒr das DrogenprĂ€ventionsprojekt „REBOUND – meine Entscheidung“ gedreht hat.

„REBOUND“ ist ein EU-gefördertes Programm der Mentor Stiftung Deutschland fĂŒr Jugendliche, Lehrer und Schulen: u.a. mit Empowerment-Kursen und PrĂ€ventionsprojekten fĂŒr junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren. „REBOUND“ arbeitet intensiv mit Kurzfilmen und anderen erfahrungsorientierten Methoden. In den Filmen spielen Jugendliche Szenen um das Thema Rausch und Risiko, wobei jedoch weiterfĂŒhrenden Themen wie Selbstbewusstsein, Gruppendruck und -zwang oder Selbstfindung behandelt werden.

Die Vorstellung bzw. PrĂ€mierenparty von Linkes Filmen „ĂŒber psychoaktive Substanzen“ beginnt um 20.00 Uhr (Einlass ab 19.00 Uhr), der Eintritt ist frei.

Mehr Infos ĂŒber „REBOUND“ gibt es HIER.

(zyw)

FILMZ 10: Sehen Sie!



Die Dame, der Herr? Bock auf Film(z)?

Weil, haha, da hĂ€tten wir was fĂŒr Sie!


Heute um 17:30 Uhr Cinestar 7 prĂ€sentiert unser liebstes Mainzer Festival des deutschen Kinos Oliver Kleines BIS AUFS BLUT – BRÜDER AUF BEWÄHRUNG. Der hat Wumms und Herz, mit Jacob Matschenz einen der besten deutschen Nachwuchsdarsteller – und ist nicht umsonst mit allerhand Preisen ausgezeichnet worden, darunter den Frist Steps Award 2010. Hat schon auf dem Max OphĂŒls Preis gefallen, dazu die Besprechung hier im Anschluss. Nicht verpassen!
Wie, Sie können heute nicht? Macht nix, kommt nochmal: am Samstag, 27.11. um 20.00 Uhr im Cinestar 6. Sehen Sie!

Ansonsten, noch eine Empfehlung: MEIN LEBEN IM OFF, morgen, Donnerstag, 25. (Cinestar 7) und Freitag um 20.00 Uhr (Cinestar 6). Die wunderbar leicht schrĂ€ge, aber nicht verquere Geschichte von Frank, dem schwulen Autorenversager (Thomas Schmauser). Getriezt von seiner Clique samt stets böse beleidigender Ex und vom Lebenspartner mit KinderwĂŒnschen verfolgt, verfolgt Frank eines Tages selbst: Der so zynisch-egomanische wie selbstmitleidige Kindskopp beobachtete eine Fremde in der Straßenbahn und lĂ€uft ihr hinterher zu ihrer Arbeit. Wo Frank dann auch gleich anheuert. Kathrin (Katharina Marie Schubert) hat’s ihm nĂ€mlich angetan, ein Buch will er ĂŒber sie schreiben, freundet sich mit ihr an. Zieht auch bei ihr ein. Ach ja, Kathrin ist ĂŒbrigens ... ne, verrate ich nicht, sonst ĂŒberrascht sie vielleicht eine der beste Szenen: Stellen Sie sich vor, sie sitzen mit einer nachts ĂŒber der Stadt - und sie stopft sich Schnittchen ins Gesicht, als gĂ€bs kein Morgen mehr.



Kling jetzt alles vielleicht nicht so doll, ist es aber. Denn Regisseur und Drehbuchautor Oliver Haffner hat mit viel scharfen Dialogen und skurriler Situationskomik, die nicht in Klamauk abdriftet eine – trotz oder gerade wegen Schwul- und Schwanger-Sein – einen ĂŒberaus einnehmenden Typen- und Menschenfilm geschneidert. Getragen wird MEIN LEBEN IM OFF von dem leicht fischigen Thomas Schmauser (den Namen muss man sich nicht nur merken, sondern auf der Zunge zergehen lassen), der als Frank so autistisch wie grantlig, unausstehlich wie bedauernswert ist. Kein Sympath – sondern was viel Besseres! Auch ganz groß: Katharina Marie Schubert (gerade mit einer Nebenrolle in DIE LETZTEN SCHÖNEN HERBSTTAGE) als verliebenswerte selbstbewusst wie (hormon-) verwirrte Kathrin, an und mit der sich Frank abkĂ€mpfen kann und muss, dass es kracht. Beide zusammen ergeben dann ein originelles, ĂŒberraschendes Paar, dessen Reaktionen und Verhalten oftmals im großen Gestus wie in kleinen Nuancen abweicht von dem, was der Zuschauer von Filmpersonen so erwarten darf (und erwartet).

Und: Einen herzenswarmen End-„Gag“ bietet MEIN LEBEN IM OFF obendrein – ein Film, der (packen wir mal das große Lob aus:) glatt aus Österreich sein könnte!

(zyw)

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Bernd Zywietz schrieb zu BIS AUFS BLUT im Rahmen eines Beitrags zum Max OphĂŒls Preis 2010:

BIS AUFS BLUT – BRÜDER AUF BEWÄHRUNG, dieser fulminante Film ĂŒber zwei Freunde und ihre WĂŒrzburger Rapper-Gemeinde, kommt zwischen Drogendeals und US-Kasernen, Jugendknast und Disco-Gerangel natĂŒrlich auch nicht ohne harte Selbstinszenierung und die eine oder andere Dresche, gar Messerstecherei aus. Im GefĂ€ngnis musste Tommy erfahren, wie es ist, Opfer zu sein – der Zellenobermotz kann an ihrem Knacken hören, ob einer gute ZĂ€hne hat. Auch die sexistischen Posen sind wenig zimperlich, werden Frauen wie es der Umgangscode vorgibt, ĂŒbelst zu Geschlechtsobjekten reduziert, ist „Ficken“ und „Fertigmachen“ dasselbe; quasi eine entglittene Version der Gleichsetzungen von Ficken und Schießen – Baader & Co. grĂŒĂŸen unglĂ€ubig von Ferne. Was aber mit den Knallköppen versöhnt ist, dass hinter dem Dominanzgebahren und DrohgebĂ€rden zwar Jungs stecken, die vielleicht in einer PrĂŒgelei mal mehr (Tommys Freund Sule), mal weniger taugen (Tommy), die es aber gerade auch umgekehrt proportional auf dem Kasten haben. So kann Sule seinen „Bruder“ mit Körpereinsatz beschĂŒtzen, ist aber selbst derjenige, der zuletzt als kaputtgekokstes Loser im Knast nichts mehr zum Festhalten hat als seine Posen. Auch was die Frauen betrifft, ist da nicht halb soviel los, wie die markigen SprĂŒche gerne (selbst-) suggerieren: Als nach Sules AnmachsprĂŒchen die kesse Gymnasiasten-Göre ihn tatsĂ€chlich auffordert, ihre BrĂŒste anzufassen, langt er schnell und zögernd hin, und es fehlt nicht viel, dass er verschĂ€mt kichernd davonrennt.

Bei Tommy selbst wiederum ist Gewalt hilfloses Ventil; seine Ex-Freundin Sina stĂ¶ĂŸt er weg, weil sie ihn nicht mehr will, er nichts anderes (mehr) darob zu tun weiß, und seiner Mutter verpasst er gar ein Veilchen. Dass er darĂŒber einem als Figur nicht verloren geht, liegt an der Regie und an Darsteller Matschenz selbst, dem man voller Empathie schließlich zusieht, wie die Maske abfĂ€llt, der vorgeschobene Kiefer, die krause Stirn und er alle Beherrschung und Harschheit in der Verzweiflung sozusagen abfallen, er zusammenklappt ohne diese MaskulinitĂ€tskrĂŒcken, ein HĂ€ufchen Elend ist.

Zuletzt – Achtung, Spoiler! – ist er wieder im Jugendknast; als er in die neue Zelle kommt, sind die Augen wieder eng, der Panzer wieder angezogen. Zwei Jungs stehen vom Tisch auf – und mit einem Blick auf den Muskelprotz am Tisch haut Tommy sie zusammen. Nur um daraufhin ein KopfschĂŒtteln vom vermeintlichen Bully einzufangen, der weiter in seinem Heftchen liest. Sich schĂ€mend ob der sinnfreien Gewaltprophylaxe verkrĂŒmelt sich Tommy aufs neue Bett, um fĂŒr seine Karriere als Physiklehrer zu bĂŒffeln... Nicht nett im Miteinander, aber ein gelungener Gag, der in seiner Humorigkeit wunderbar entlarvt: selten so knapp – und, ja, doch – sympathisch wurden Testosteron-Scheuklappen wohl selten vorgefĂŒhrt.

FILMZ 10: Nicht nur nachts um 3...



... ist die Welt noch in Ordnung

Die schlimmste Zensur, heißt es, sei die Selbstzensur. Darum gleich rausgehauen: der Auftakt des diesjĂ€hrigen FILMZ.

Heute (oder gestern?) hat FILMZ zum zehnten Mal eröffnet. Und: Gelungen war es. Nicht, weil sonderlich Neues geboten wurde, großer Bombast oder dergleichen. Sondern weil FILMZ mit etwas aufwartete, was noch viel wertvoller und genialer ist: Gelassenheit.

Das heißt aber auch: Der Glamour wurde souverĂ€n anderen ĂŒbergeben. Die stellvertretende Videobotschaft kam diesmal nicht vom Mainzer OberbĂŒrgermeister Jens Beutel, sondern von Landesvater Kurt Beck, der persönlich das Wort an die FILMZ-GĂ€ste richtete. Derweil Beutel zusammen mit seiner Bildungs-, Kultur- und wasweißich-Ministerin Doris Ahnen live auftrat und beide von der BĂŒhne fast gar nicht mehr verschwinden wollten.

Er – nach eigener Auskunft – von Conny Froboess und Peter Kraus, sie von Doris Dörrie und Margarethe von Trotta geprĂ€gt: Zusammen ließen diese Honoren keinen Zweifel daran, dass wenn es logisch so weiter geht, FILMZ nĂ€chstes Jahr von Kurt Beck live gewĂŒrdigt und der Einspieler dann direkt von Angela Merkel stammen wird…

Kein Frage, FILMZ ist oben angekommen, zumindest in Rheinland-Pfalz und jetzt auch nahezu offiziell. Mehr aber noch: berechtigt!


Die beiden Eröffnungsfilme zeigten sich entsprechend wenig machohaft, sondern souverÀn wie der gesamte Auftakt des Festivals des deutschen Films.

Einfach und stimmungsvoll: DRIVING ÉLODIE. Lars Hennings Kurzfilm erzĂ€hlt von einem jungen Set-Runner, der in der Nacht die Hauptdarstellerin zum Flughafen fahren soll. Ein kleiner Beobachtungsfilm, stimmungsvoll, unspektakulĂ€r, nicht magisch – viel besser: zauberhaft ist seiner kleinen Allwirklichkeit.

Den Hauptfilm, DAS LIED IN MIR von Florian Micoud Cossen, leitete Hauptdarstellerin Jessica Schwarz mit einem Videogruß ans FILMZ-Publikum ein: Schrecklich leid tat es ihr, dass sie nicht da sein kann. Was ernst zu nehmen ist, weil Jessica Schwarz eine innige Beziehung mit FILMZ verbindet.

Aber mehr noch war ihr Film ein Genuss:

Die Schwimmerin Maria muss durch einen fast griechisch-tragischen Zufall (ein spanisches Kinderlied aus ihrer Kindheit, von der sie bislang nichts wusste; ein halb ungewollter Zwischenaufenthalt) herausbekommen, dass sie eigentlich keine Deutsche ist, sondern eigentlich Argentinierin - d.h. mit einer geheimen Zusatzvergangenheit ausgestattet, die sie, wie den Zuschauer, auf eine Tour in eine andere AlltĂ€glichkeit und ihr Leben fĂŒhrt.

Ja nun, das klingt wirr, kryptisch – ist der Film aber gar nicht, sondern hier nur besonnene Überlegung, was man bei diesem spannenden, wunderbar erzĂ€hlten Film vorab verraten sollte und was nicht.

DAS LIED IN MIR bietet nĂ€mlich nicht nur einen formidablen Schnitt (oder eine großartige Montage), sondern auch eine famose Dramaturgie, die angesichts des Stoffes so unglaublich leicht hĂ€tte in die Hose gehen können. Zwischen Zeitpolit- und Seelendrama weiß Cossen die Balance und den Zuschauer intensiv bei Laune zu halten. Selbst Standardsituationen und die unvermeidlichen Großen Momente sind hier originell in Szene gesetzt (Marias Papa erzĂ€hlt ihr von ihrer Vergangenheit nicht irgendwo, sondern genau irgendwo, auf der Hoteltreppe hinterm Aufzug) – so dass alle Klippen, die da drĂ€uen, elegant umschifft werden. Die nötige Distanz hat Cossen denn stets zur Hand, lĂ€sst Marias wahre Familie allein ĂŒber die Sprach so fremd erscheinen, dass man ganz eingenommen ist von diesem Moment-Realismus… Kurz: ein einfacher wie kluger, packender wie unaufgeregt-konsequenter Film. Einer, der keine seiner Figuren „vergisst“ und perfekt besetzt ist mit Jessica Schwarz und Michael Gwisdek (der oftmals viel zu wenig oder viel zu standardisiert zeigen darf, was er kann, und daher – gerade weil er nicht mit seinem Rollentypus komplett bricht – hier in allen Nuancen ĂŒberzeugt).


Sekt gab es nach dem Film, auch Kuchen, und dann ging es weiter ins LOMO. Und siehe da: Auch hier war irgendwie alles entspannter, weniger „hysterisch“ voll und trotzdem gut besucht. Allein schon, dass die beiden Macher der Eröffnungsfilme es bis nach zwölf dort ausgehalten haben und dabei aussahen, als sei es nicht nur Pflicht, war ein Punkt fĂŒr das FILMZ-Festival, das sich mit einer relaxten Schmissigkeit zu seinem JubilĂ€umsauftakt sympathisch prĂ€sentierte.




(zyw)


Neue Filmreihe im Wiesbadener Murnau-Filmtheater: „Filmklassiker entdecken!“, konzipiert von unserem Harald MĂŒhlbeyer

Ab Dezember an jedem ersten Freitag im Monat:

„Filmklassiker entdecken! Aus den BestĂ€nden der Murnau-Stiftung“ zeigt acht hervorragende deutsche Filmproduktionen aus den Jahren zwischen 1933 und 1945.
Was? Aus der Nazizeit!?!?

Das hat auch einmal die Reporter eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins umgehauen: „Sie wollen behaupten, Nazi-Deutschland habe unter Propagandaminister Goebbels gute Filme hervorgebracht?“ UnglĂ€ubiges Entsetzen spiegelt sich in dieser Frage der beiden Redakteure, als ihnen Quentin Tarantino im Interview ĂŒber „Inglourious Basterds“ Unterricht in deutscher Filmgeschichte erteilt: „O ja, einige dieser Filme waren ziemlich gut! „GlĂŒckskinder“ zum Beispiel ist einer meiner Lieblingsfilme. Ein sehr, sehr lustiger Film.“

„GlĂŒckskinder“ ist denn auch der erste Film der monatlichen Reihe, Paul Martins Komödie aus dem Jahr 1936 mit Willy Fritsch und Lilian Harvey, die ungewollt miteinander verheiratet wurden: Am Freitag, 3. Dezember, um 18 Uhr im Wiesbadener Murnau-Kino. „GlĂŒckskinder“ ist vollendete Komödienkunst, und ein Vergleich mit den Klassikern der amerikanischen Screwballkomödie ist nicht zu kurz gegriffen. Und kaum einer kennt diesen Film; nur der Schlager "Ich wollt ich wĂ€r ein Huhn" ist einigermaßen Allgemeingut... Dabei ist "GlĂŒckskinder" nicht nur ungemein komisch, sondern auch ĂŒberraschend raffiniert erzĂ€hlt; wie vergessen der Film inzwischen leiderleider ist, zeigt sich auch daran, dass Google kaum Filmstills findet...
Damit nicht nur Sie, sondern auch Herr Tarantino seine Freude an diesem Abend hat, lĂ€uft im Anschluss, um 20 Uhr, „Inglourious Basterds“, in dem Tarantino (unter vielem anderen) auch ein PortrĂ€t von J. Goebbels als Filmgroßproduzent entwirft, der in einem Pariser Kino „GlĂŒckskinder“ sichtet.

WĂ€hrend die besten amerikanischen Filme der 30er und 40er heute allgemein als Klassiker anerkannt sind, sind die besten deutschen Produktionen einem breiten Publikum nicht einmal bekannt.
Es gibt tatsĂ€chlich in Deutschland eine LĂŒcke im Wissen um die deutsche Filmgeschichte: Die Jahre zwischen 1933 und 1945. Das Filmschaffen wĂ€hrend der Zeit des Dritten Reiches wird in der Filmgeschichtsschreibung oftmals nur im Hinblick auf ideologische Botschaften und politische Wirkungen hin betrachtet – völlig zurecht, sicherlich. Denn viele Filme – auch heute bekannte und beliebte Klassiker wie die „Feuerzangenbowle“ – sind untergrĂŒndig in der NS-Ideologie verwurzelt. „Die Filme der NS-Zeit mĂŒssen im Kontext der staatlich beeinflussten Produktion und Rezeption gesehen werden“, mahnt filmportal.de; doch neben eine solche nicht unberechtigte pauschale Warnung sollte auch die Betrachtung der Filme selbst treten können. Filme ĂŒberstehen die ZeitlĂ€ufte; und viele Filme aus der NS-Zeit haben jenseits ihrer damaligen „politischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen“ (filmportal.de) auch heute noch etwas zu sagen: das ist es, was Kunst ausmacht.
Neben eine politisch-historische Betrachtung kann auch eine qualitativ-Ă€sthetische Betrachtung treten, wobei der eine Aspekt den anderen nicht ausschließen sollte. Das Problem dabei ist: Viele der „guten“ Filme aus der NS-Zeit sind heute vergessen und allenfalls dem Namen nach bekannt. Die GrĂŒnde dafĂŒr liegen zu einem Großteil an der VerfĂŒgbarkeit und am Material, nur die wenigsten Filme der neuen Reihe der Murnau-Stiftung liegen heute auf DVD vor.

Und doch lohnen sie sich, und die Reihe soll den Blick schÀrfen und Filmgeschichte nicht nur betrachten, sondern erlebbar machen. Es lohnt sich der Blick auf Filme, die einerseits den Geist von damals atmen, die aber andererseits auch teils mit erfrischender SubversivitÀt, teils mit fast postmoderner Albernheit, teils mit anspruchsvoll-komplexer Inszenierungskunst bestechen.

Acht Filme wurden fĂŒr diese Reihe ausgewĂ€hlt:

- GlĂŒckskinder (1936) – Willy Fritsch und Lilian Harvey werden kurzerhand miteinander getraut: verheiratet, ohne es zu wollen. Zudem wird er entlassen und ist pleite. Helfen könnte da, eine verschwundene MillionĂ€rsnichte wieder zu finden; und vielleicht hat er sie mit Harvey ja schon gefunden? Sehr witzig, perfektes Timing der Gags, großes Komödienkino. Quentin Tarantinos Lieblingsfilm
- Sieben Ohrfeigen (1937) – Vom selben Team wie GlĂŒckskinder: Ein Film, der in der derzeitigen Wirtschaftskrise hochaktuell ist. Willy Fritsch verabreicht einem millionenschweren Spekulanten sieben Tage lang tĂ€glich eine Ohrfeige, damit er auch kleine Zahlen zu schĂ€tzen lernt. Man stelle sich vor, jemand verabreiche J. Ackermann 25 Ohrfeigen, damit er sieht, wie viel Rendite ihm da eigentlich vorschwebt…
- Opfergang (1944) – Faszinierendes, symbolisch ĂŒberhöhtes Melodram von Veit Harlan, das den Zuschauer die ganze Wucht seiner Todesmystik spĂŒren lĂ€sst.
- Sergeant Berry (1938) – Hans Albers in seiner Paraderolle als DraufgĂ€nger; diesmal ermittelt er gegen Drogenschmuggler an der US-mexikanischen Grenze. Kriminal-, Abenteuer- und Westernelemente in einem spannenden Film, der neben einem enormen Kaktus auch einen nackten Albers bietet.
- Capriccio (1938) – Lilian Harvey, als Mann erzogen, damit MitgiftjĂ€ger keine Chance haben, wird versehentlich mit einem fetten Marquis verheiratet. Gibt sich, um zu entkommen, als jungen (mĂ€nnlichen) Grafen aus und trifft auf Viktor Staal und Paul Kemp. Eine Historien-Operettenkomödie, die in jeder Szene so dermaßen ĂŒberdreht ist, dass sie sich am Ende in albernsten Nonsens auflöst.
- Peter Voss, der Millionendieb (1945) – Ein weiterer Film zur Wirtschaftskrise: Um Millionenverluste zu decken, wird Diebstahl vorgetĂ€uscht, was eine Jagd um die ganze Welt nach sich zieht. Viktor de Kowa in einer Glanzrolle, ebenso Karl Schönböck. Satirisch und teilweise albern.
- Wir machen Musik (1942) – Helmut KĂ€utner, Ilse Werner, Viktor de Kowa und jazzige Musik. Klassik versus Schlager, und dabei immer – im wahrsten Sinne des Wortes – pfiffig.
- Romanze in Moll (1943) – Ehedrama von Helmut KĂ€utner, das mit herausragenden Darstellern eine tragische Dreiecksgeschichte um Marianne Hoppe, Paul Dahlke und Ferdinand Marian schildert. Einer der großen Filme von KĂ€utner.


Dass sich in dieser Reihe gleich zwei Filme mit Fritsch-Harvey unter der Regie von Paul Martin und gleich zwei Filme von Helmut KĂ€utner finden, ist einerseits der Material- und Rechtelage geschuldet, durch die einige Kandidaten wegen allzu großen Aufwandes ausgeschlossen werden mussten; es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass qualitativ hochwertiges Kino, das die Zeiten ĂŒberdauert und auch heute noch den filminteressierten Zuschauer zu erreichen vermag, eben in der Tag oftmals an einzelnen Personen hĂ€ngt. Es sind eben meist einzelne Talente und nicht die Politik oder die damalige Studiosituation bei Ufa oder Tobis, die Meisterwerke hervorbrachten.

Genau diese Filme möchte die Filmreihe aufspĂŒren und sie der Öffentlichkeit zugĂ€nglich machen: Filme, die damals wie heute fĂŒr das Publikum „funktionieren“ können; Filme, die es verdient haben, dem Vergessen entrissen werden.

Harald MĂŒhlbeyer

FILMZ 10: Los geht's...



Etwas farblos wird es in nĂ€chster Zeit hier auf Screenshot-Online zugehen. Denn die FILMZ-Logos, das Auge und die Wortbildmarke des Mainzer Festivals des deutschen Kinos sind nur schwarzweiß. (Zumindest die auf dem Presseserver). Und weil wir natĂŒrlich den einen oder anderen Beitrag von diesem Kulturevent Ihnen kredenzen wollen, in eisigen NĂ€chten mit mĂŒden Fingern legasthenisch in die Tasten gehauen und ohne Energie, hĂŒbsche Bilder runterzuladen und einzubauen, werden unsere köstlichen TextkĂ€stchen vielleicht ein wenig farblos daherkommen.

Sei's drum - denn da mag der Winter noch so mit Schnee drohen und islamistische TerroranschlĂ€ge in Haus stehen: Wenn FILMZ ist, ist die Welt einfach in Ordnung. Vor allem, wenn in Jahr 2010 das Festival zum 10. Mal Filmkunst (und -spaß) nebst "Begleitmusik" an den Rhein bringt. Zum 10. Mal im Jahr 2010! Irre, was?

Der Auftakt-Spaß am Dienstag (und gottlob hat's wieder einen Tag, das FILMZ!) beginnt mit Kulinarischem: den FILMZ Delicatessen im Mainzer PROVIANT MAGAZIN!

Da es fĂŒr Sie aber gustatorische Gelage sowieso zu spĂ€t ist, kommen wir gleich zum Wesentlichen: Der Eröffnung heute um 20.00 Uhr im Residenz & Prinzess Filmtheater.

Zum Start lĂ€uft DAS LIED IN MIR. Unser Redakteur Harald MĂŒhlbeyer hat den hier schon kommentiert, zusammen mit anderen, dabei auch den "schlimmen [Auswahl-] Fauxpas" Andreas Arnstedts DIE ENTBEHRLICHEN. Aber lassen Sie sich nicht in Bockshorn jagen. Klar, der Film ist vielleicht eine Gurke, vielleicht nicht (ich maße mir kein Urteil an, ich wollte und habe ihn auf dem Max OphĂŒls Preis nicht fertig geschaut...), aber den eine oder anderen Mumpitz wĂ€hlen sie vom FILMZ ja allein schon deshalb jedes Jahr aus, um zu polarisieren, zum Aufregen, Nachdenken, sich Streiten, und Recht hat das FILMZ-Auswahl-Komitee damit! Denn: wie öde wĂ€re es, wenn es alles immer irgendwie gleich GUT und TOLL und SEHENSWERT wĂ€re!!

Blöd halt, wenn Sie dann gerade den Film erwischen. Aber den fragwĂŒrdigen Titel "Arschfilm des Festivals" will man schließlich nicht vorab vergeben und ins Programmheft drucken, wĂ€re gemein zu den Filmemachern und abgestimmt ĂŒber die Preise wird bei FILMZ seit jeher durchs Publikum und prĂ€miert zum Schluss.

Was es sonst noch gibt, heute Abend:

Ab 22.30 Uhr wird eng und kuschelig im grottigen (na ja, zumindest gewölbigen) Keller des LOMO wieder gefeiert. Mit dem DJ-Team Audio Aktivisten (a.k.a. DJ Chappi, DJ Goodvibes, Dominik Heizmann) - sei hier fĂŒr die erwĂ€hnt, die wegen der MUSIK hingehen...


P.S.: Leider hat es Screenshot auch dieses Jahr nicht hinbekommen, einen eigenen Preis einzufĂŒhren, seinen "Goldenen So-Lala" fĂŒr den MittelmĂ€ĂŸigsten Film. Wir arbeiten aber dran!

P.P.S.: Hihihi, fĂŒr doch ein bisschen FILMZ-Logofarbe im grauen November haben wir Ihnen hier was von der FILMZ-Website stibitzt!




Bitteschön!

(zyw)

Exground 23: Babak Jalalis „Frontier Blues” (2009) – Everybody’s fine!?

„Willkommen in dem Land, in dem es alles gibt: das Kaspische Meer und daneben die Steppen, sowohl Berge als auch WĂ€lder“, so die Worte des BalladensĂ€ngers, der zusammen mit seiner merkwĂŒrdigen AnhĂ€ngerschaft aus vier Knaben fĂŒr einen Fotografen posiert, der einen ‚echten‘ Turkmenen in seinem ‚realen Umfeld‘ portrĂ€tieren will, diesen aber dabei zu denkbar abstrusen Posen in altmodischer KostĂŒmierung zwingt. Als der SĂ€nger dann seine Geschichte zu Ende erzĂ€hlt hat – die Geschichte von seiner Frau Maral, die im gestohlenen grĂŒnen Mercedes Benz des Schafhirten Heydar aus seinem Leben verschwunden ist, um mit diesem anderswo neu zu beginnen, jedoch angeblich irgendwo in den Steppen verschollen ist – wandelt er seine Worte etwas ab: „Willkommen im Land der gebrochenen Herzen und Traktoren. Willkommen an der nordiranischen Grenze!“

Diesem vergessenen Landstrich an der turkmenischen Grenze und seinen Bewohnern, einem Gemisch aus Persern, Turkmenen und Kasachen, widmet sich Regisseur Babak Jalali (der 1978 in dieser Gegend, in der Stadt Gorgan, das Licht der Welt erblickte, aber bereits seit langer Zeit in London lebt, dort auch das Filmemachen lernte) in seinem SpielfilmdebĂŒt „Frontier Blues“ (2009). DafĂŒr kehrte er in seine ursprĂŒngliche Heimat zurĂŒck, um dieser seiner Ansicht nach vom iranischen Gegenwartskino viel zu wenig beachteten Region, ihrer „einzigartigen AtmosphĂ€re“ (Jalali) Gerechtigkeit widerfahren, mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Und natĂŒrlich auch den Menschen dort, denen von allen Seiten immer wieder Versprechungen gemacht wurden, Versprechungen von Aufschwung und ökonomischem AufblĂŒhen, die aber nie eingelöst wurden. Folgerecht basiert die episodenhafte Handlung, oder genauer: der episodisch erzĂ€hlte Film auf Ereignissen und Geschichten, die Jalali widerfahren und zugetragen wurden: „It was written based on what I saw, what I heard and what I did. It’s about the Northern Iranian Frontier. It’s the story of longing, waiting, remembering, desperate men and absent women. It’s about not quite getting there. Wherever that may be…“ (Jalali)

Neben dem eingangs erwĂ€hnten turkmenischen Musiker und seinem Gefolge stehen noch drei weitere Figuren im Zentrum des Films, respektive der einzelnen, sich teilweise ĂŒberlappenden ErzĂ€hlstrĂ€nge. Bereits ganz zu Beginn begegnen wir dem 28jĂ€hrigen Hassan und seinem Onkel Kazem. Hassan, nicht gerade der Schlauste auf Gottes Erdboden, der sich ausschließlich von getrockneten Aprikosen zu ernĂ€hren scheint und dessen einzige GefĂ€hrten ein ausgewachsener Esel und sein alter Kassettenrecorder sind. Und der uns (dabei frontal in die Kamera blickend) davon erzĂ€hlt, wie ihn seine Mutter gleich nach seiner Geburt in Richtung Paris verlassen hat, nachdem der Vater bereits kurz zuvor das Weite gesucht hatte. Seitdem lebt er bei seinem Onkel Kazem, der sich alles andere als begeistert zeigte ĂŒber den unverhofften ‚Zuwachs‘ und sich besorgt fragt, was aus dem Jungen nur werden soll. Dabei hat er doch bereits genĂŒgend Sorgen mit seinem ModegeschĂ€ft, in dem er nur ein Handvoll KleidungsstĂŒcke feilbietet, die seinen potentiellen Kunden aber stets zu klein oder zu groß sind. Die vierte Figur ist der 28jĂ€hrige Turkmene Alam, der in einer HĂŒhnerfarm arbeitet und bei seinem Vater lebt, mit dem er ab und zu Fischen geht. Zudem ist er verliebt in eine Frau, mit der er nie ein Wort gewechselt, die er immer nur aus der Distanz beobachtet hat. FĂŒr sie lernt er auch mit einem Walkman Englisch, um mit ihr nach Baku zu verschwinden, wo es angeblich weitaus bessere Arbeitschancen gibt.

Jalali erzĂ€hlt seine teils skurrile, teils absurde Geschichte voller MitgefĂŒhl fĂŒr seine Figuren, stellt diese niemals bloß oder aus, um sich und uns auf deren Kosten zu amĂŒsieren. Dabei scheint er eher von europĂ€ischen als von anderen iranischen Regisseuren geprĂ€gt, in seiner lakonischen Grundhaltung weckt der Film Erinnerungen an die Filme eines KaurismĂ€ki, Jarmusch (dem ‚europĂ€ischsten‘ unter den US-Independent-Filmemachern) oder des Schweden Roy Andersson (allerdings ohne dessen bitter-abgrĂŒndige SchĂ€rfe), wie im Programmheft angekĂŒndigt – normalerweise stimmen ja derartige Vergleiche und Vokabeln wie „skurril“ erst mal einmal skeptisch.

Auch wirkt der Film auf den ersten Blick (fĂŒr uns, die wir ja gewohnt sind, Filme aus dem Iran fast ausschließlich und zwangslĂ€ufig als dezidiert politisch und staatskritisch wahrzunehmen, wahrnehmen zu wollen) erstaunlich ‚unpolitisch‘, ĂŒbt eher indirekt Kritik an unzeitgemĂ€ĂŸ, ja (aus westlicher Perspektive) rĂŒckstĂ€ndig erscheinenden Traditionen, etwa an der Entscheidungsmacht der Eltern hinsichtlich der VermĂ€hlung der eigenen Kinder. Oder an der desolaten wirtschaftlichen Situation, die jungen Menschen kaum Perspektiven eröffnet – ohne allerdings konkret Schuldige zu nennen. Diese ‚RĂŒckstĂ€ndigkeit‘ gibt dem Film auch sein spezifisches GeprĂ€ge, wirkt er doch wie eine Zeitreise in die spĂ€ten Achtziger oder frĂŒhen Neunziger Jahre. Egal ob die Fahrzeuge, Hassans Kassettenrekorder, mit dessen Hilfe er die karge Landschaft lautstark mit französischen Chansons beschallt, oder Alams Walkman, mit dem dieser seine Englischlektionen („How are you?“ - „I am fine!“ - „Everybody’s fine!“) abspielt – wenig deutet darauf hin, dass wir uns in unserer digital(isiert)en Gegenwart befinden.

Jalali, dessen Kurzfilm „Heydar, yek Afghani dar Tehran“ von 2005 (auf den er mit der Geschichte des ‚Frauendiebs‘ Heydar anspielt) bereits auf unzĂ€hligen Festivals vertreten und fĂŒr einen BAFTA nominiert war, arbeitet momentan in London an seinem zweiten Langfilm, weshalb er leider nicht wie angekĂŒndigt bei der VorfĂŒhrung anwesend sein konnte. Man darf jedoch gespannt sein, in welche Richtung sich sein Werk weiterentwickeln wird.


Christian Moises


FRONTIER BLUES
R: Babak Jalali
Iran/Großbritannien/Italien 2009
95 Min.
OmeU

exground 23: Hirokazu Kore-edas „Air Doll“ (2009) – Von Aufblaspuppen und anderen Menschen

Ein Mann auf dem Heimweg von der Arbeit. Es ist spĂ€ter Abend. Erschöpft sitzt er in der Bahn. Nach einem kurzen Abstecher in einen Supermarkt lĂ€uft er im einsetzenden Regen nach Hause, schließt die TĂŒr zu seiner Wohnung auf, ruft hinein, dass er wieder zuhause sei. Am Esstisch erzĂ€hlt er seiner LebensgefĂ€hrtin die Ereignisse des Tages, bevor beider Tag mit Vollzug des Geschlechtsaktes ausklingt. Am nĂ€chsten Morgen zieht er sich an, frĂŒhstĂŒckt, verabschiedet sich und macht sich wieder auf den Weg zur Arbeit. Ganz normaler Alltag also, ob nun in Tokio oder sonst wo auf der Welt. WĂ€re da nicht eine ‚klitzekleine‘ Irritation: die Stumm- und Unbewegtheit der Frau, ihre merkwĂŒrdig starren Augen und Glieder. Denn: die Dame ist eine Puppe, ein Sexspielzeug – das allerdings eines Morgens plötzlich zum Leben erwacht.

Der Traum, ein kĂŒnstliches Geschöpf nach seinem Bilde zu formen, diesem womöglich gar Leben einzuhauchen, begleitet den Menschen seit jeher, findet sich in unzĂ€hligen ErzĂ€hlungen, Mythen und Legenden (mindestens) von der Antike bis heute. War in der griechischen Mythologie das tatsĂ€chliche Vermögen hierzu zunĂ€chst den Göttern und Halbgöttern (Prometheus , der Menschen aus Lehm formt und diesen Leben einhaucht, die goldenen Dienerinnen des Hephaistos, die Homer in der „Ilias“ beschreibt) vorbehalten, gilt Daidalos als der erste Sterbliche, dem es gelang, anthropomorphe Automaten herzustellen. Die vielgestaltigen ErzĂ€hlungen von der Erschaffung kĂŒnstlicher Wesen lassen sich, gemĂ€ĂŸ Helmut Swoboda, in drei Linien unterteilen: in der Linie der magisch-mythischen Erschaffung findet sich z.B. die jĂŒdische Legende des Golem, der durch kabbalistische Rituale zum Leben erweckt wird. Die biologische Linie reicht vom alchemistisch erzeugten Homunculus (in Paracelsus‘ „De natura rerum“ von 1538 findet sich eine genaue Anleitung) bis zu den gentechnischen Retortenwesen unserer Tage, die technische vom mechanisch betriebenen Automaten bis zur computergestĂŒtzten KĂŒnstlichen Intelligenz. Mit einer solch prominenten Ausnahme wie Mary Shelleys „Frankenstein“ bleiben diese Geschichten jedoch meist der Außenperspektive verhaftet, erzĂ€hlen von Faszination und Schrecken der ‚echten‘ Menschen im Angesicht der kĂŒnstlichen Kreatur; erzĂ€hlen von der Vermessenheit der Schöpfer, den Göttern nacheifern zu wollen; erzĂ€hlen viel vom ‚Wie‘ der Schaffung der kĂŒnstlichen Geschöpfe (wenn deren Existenz sich nicht gerade magischen oder göttlichen KrĂ€ften verdankt) – und weniger davon, wie diesen möglicherweise zumute sein mag.

In Kore-edas „Air Doll“ (bzw. in Yoshiie Godas Manga-Vorlage "The Pneumatic Figure of a Girl"): nichts davon. Es ‚passiert‘ einfach. Eines Morgens erwacht Nozomi (ab diesem Zeitpunkt in Gestalt der koreanischen Schauspielerin Duna Bae) zum Leben, zeigt sich fasziniert von der Schönheit der Regentropfen vor ihrem Fenster – und verlĂ€sst im DienstmĂ€dchenkostĂŒm die Wohnung, um die Welt um sie herum zu erkunden. Mit etwas Wohlwollen ließe sich noch eine Verbindung zum Mythos des Pygmalion herstellen, dessen geliebte, von ihm selbst erschaffene Statue nach einer liebkosenden Umarmung zum Leben erwacht (bzw. von Aphrodite erweckt wird). Doch die Liebe zwischen Kellner Hideo (Itsuji Itao) und Nozomi ist offenbar ganz anderer, vorwiegend körperlicher Natur. Zudem schien Hideo ganz glĂŒcklich mit seiner leb- und willenlosen GefĂ€hrtin zu sein, der er zwar den Namen seiner einstigen Geliebten gegeben hat, die ihm allerdings niemals widerspricht, ihm jederzeit ‚zu Diensten‘ ist.

Kore-eda erzĂ€hlt seine Geschichte konsequent aus der Perspektive seiner ‚Plastikprotagonistin‘, die plötzlich – wie sie selbst es formuliert – eines Morgens in sich ein Herz (vor)findet, dort, wo eigentlich keines sein sollte: im Innern einer Liebespuppe, Modell „Candy“, 5980 Yen. Mit kindlich-naivem Blick schickt er sie hinaus in die Welt, ohne sich weiter mit den Fragen nach dem ‚Warum‘ und dem ‚Wie‘ ihres Erwachens zu beschĂ€ftigen. Alle die, die möglicherweise befĂŒrchtet hatten, dass Kore-eda sich untreu geworden wĂ€re, in den Bereich des Fantastischen oder gar der Science-Fiction gewechselt wĂ€re, können somit beruhigt aufatmen. Denn so wie die ErzĂ€hlungen und Legenden von den kĂŒnstlichen Geschöpfen immer auch, ja vor allem vom Menschen selbst erzĂ€hlen, von seinen TrĂ€umen und Ängsten, von der besonderen Beschaffenheit der ‚Conditia humana‘, oder kurz: davon, was es bedeutet, eine Mensch zu sein: So nutzt auch Kore-eda die illustre Figur der Nozomi vorwiegend als erzĂ€hlerisches Mittel, um erneut mit bewundernswertem FeingefĂŒhl von Liebe, Einsamkeit, VergĂ€nglichkeit und Tod zu erzĂ€hlen – Themen, die ihn seit seinen AnfĂ€ngen als Dokumentarfilmer beschĂ€ftigen. (Andererseits fanden sich ja bereits in „Afterlife“ (1998) durchaus fantastische Elemente. Kore-eda siedelte die Geschichte in einem merkwĂŒrdig diesseitig, bĂŒrokratisch anmutenden Zwischenreich an, zwischen dieser und der jenseitigen Welt, wo diejenigen, die ein gutes Leben gefĂŒhrt hatten, mittels der Magie des Films ihr ‚Nachleben‘, ihre Ewigkeit auf der Grundlage ihrer schönsten Erinnerungen ausgestalten durften.)

Nozomi wird zunehmend sicherer in ihren Bewegungen, fĂŒgt sich mehr und mehr (doch nie ganz) in die Welt der Menschen ein, findet gar einen Job (im „Cinema Circus“, einer benachbarten Videothek) und dazu noch die Liebe (in Gestalt des dort angestellten Junichi) – und muss feststellen, dass ein Herz zu haben auch bedeutet, dass dieses jederzeit gebrochen werden kann. Zudem findet sie sich offenbar zunehmend mit der ihr zugedachten Aufgabe/Rolle ab, nur Ersatz, Substitut fĂŒr andere(s) zu sein. Dadurch, dass Kore-eda ins Zentrum seiner im Grunde mĂ€rchenhaften Geschichte (im Film finden sich u.a. direkte Verweise auf „Arielle“, die ‚disneyfizierte‘ Version von Andersens „Kleiner Meerjungfrau“) eine ‚Lovedoll‘ stellt, macht den Film ob seiner Ungeschminktheit doch eher zu einem MĂ€rchen fĂŒr Erwachsene – allerdings der tieftraurigen Sorte. Wie Andersens Meerjungfrau wĂŒnscht sich Nozomi nichts sehnlicher als ein Mensch wie alle anderen zu sein, etwa wie diese altern zu können (mit einem LĂ€cheln wirft sie darob z.B. ihren Blasebalg weg). Immer wieder fragt sie sich und andere, ob sie die einzige ihrer Art ist, macht sich, um dieser Frage auf den Grund zu gehen, sogar auf den Weg zu ihrem Schöpfer, einem jungen Sexpuppenkonstrukteur (eine Szene, die stark an diejenige aus Spielbergs „A.I.“ erinnert). Doch auch dieser zeigt sich ratlos, möchte allerdings eines von ihr wissen: ob sie in ihrem kurzen Leben bislang wenigstens nicht nur Trauriges, sondern auch Schönes gesehen, erlebt habe.

Kore-eda ist sicherlich jemand, der an die Schönheit(en) der Welt glaubt, an die Schönheit in und hinter den Dingen; daran, dass das Leben voller Wunder und Magie ist – oder zumindest (oft entgegen allem Anschein) sein kann. Kein Fatalist, aber auch kein hoffnungsloser Romantiker, der blauĂ€ugig die Allmacht der Liebe propagiert oder uns ein „Bis ans Ende aller Tage“ vorgaukelt. Vielmehr: einer der großen Humanisten des Gegenwartskinos, der neugierig, prĂ€zise und voller Empathie auf die Menschen blickt , rĂŒhrend aber nie rĂŒhrselig von ihnen erzĂ€hlt, ohne dabei zu beschönigen oder zu idealisieren. Folglich beschenkt Kore-eda (dessen meisterhafter „Still Walking“ von 2008 gerade bei uns im Kino angelaufen ist) uns in „Air Doll“ einerseits zwar mit einer der zweifellos originellsten und amĂŒsantesten, andererseits aber auch makabersten und bittersten Liebesszenen der jĂŒngeren Filmgeschichte.

Fernab von Klischees, mit leisem Humor anstatt schlĂŒpfrigem Klamauk (aber auch ohne Ironie, die immer auch Distanzierung vom Gegenstand der ErzĂ€hlung bedeutet) fĂŒhrt er die Geschichte konsequent an ihr Ende, lĂ€uft aber zuvor ab und an Gefahr, die Grundidee der gerade mal 20-seitigen Vorlage zu lange und zuweilen etwas arg oberflĂ€chlich oder gar pathetisch auszubreiten, wodurch auch die Dramaturgie mitunter etwas fahrig wirkt, manche Nebenfigur etwas zu sehr auf einen reinen ‚BedeutungstrĂ€ger‘ reduziert scheint. Am Ende holt er die Geschichte allerdings wieder geschickt (und durchaus blutig) auf den harten Boden der RealitĂ€t zurĂŒck, lĂ€sst es sich aber dennoch nicht nehmen, den Film mit einem Ausruf des EntzĂŒckens einer jungen Frau ausklingen zu lassen (der sich durchaus, trotz mancher inhaltlicher wie qualitativer Irritation, auch auf den vom Taiwanesen Pin Bing Lee wunderbar fotografierten Film anwenden ließe), die zum ersten Mal nach langer Zeit wieder – wie zu Beginn Nozomi selbst – den Blick nach draußen in die Welt richtet: „Beautiful!“


Christian Moises


KUKI NINGYO [AIR DOLL]
R: Hirokazu Kore-eda
D: Duna Bae, Itsuji Itao, Arata, u.a.
Japan 2009
116 Min.
OmeU

FILMZ 2010 - Ab dem 23. November in Mainz

Jetzt sind es schon zehn Jahre, seit ein paar Filmwissenschaftsstudenten das unerhörte Unterfangen wagten, ein Filmfestival zu grĂŒnden. Ein Festival des deutschen Films, in Mainz, als erstes Langfilmfestival in Rheinland-Pfalz ĂŒberhaubt: Nun ist es zu einem Großereignis geworden, vor ein paar Jahren schon war der Punkt erreicht, dass soviele Filme gezeigt, so viele Programmpunkte angeboten wurden, dass es unmöglich war, alle Veranstaltungen zu besuchen. In Ludwigshafen wurde das Festivalkonzept mit einer Menge Geld aus der Großindustrie kopiert, das Wiesbadener exground-Festival hat nun auch eigene Reihen zum deutschen und lokalen Filmschaffen; und FILMZ kann jedes Jahr mehr Besucher vorweisen.

FILMZ, das Festival des deutschen Kinos, bietet in diesem JubilĂ€umsjahr zehn Filmreihen plus ein umfangreiches Rahmenprogramm, geschĂ€tzte 1.000 Filme werden von ca. 100.000 Zusatzveranstaltungen ergĂ€nzt: Mainz steht vom 23. bis 28. November ganz und gar im Zeichen des Films, im Zeichen von FILMZ. Im Focus natĂŒrlich, wie eh und je: der Langfilmwettbewerb, in dem auch in diesem Jahr einige Highlights zu sehen sein werden.

Das fĂ€ngt mit dem Eröffnungsfilm an, "Das Lied in mir" von Florian Cossen, der erst vor wenigen Wochen in Hof seine Deutschlandpremiere gefeiert hat. Maria ist in Buenos Aires gelandet, und ein Kinderlied klingt ihr seltsam vertraut in den Ohren... Das ist der Auftakt zu einer Entdeckungsreise zu den eigenen Wurzeln, denn Maria erfĂ€hrt, dass sie gar keine Deutsche ist, nur adoptiert; dass ihre wirklichen Eltern wĂ€hrend der argentinischen MilitĂ€rdiktatur gefoltert und ermordet wurden. Cossen zeigt eine IdentitĂ€t, der der Boden unter den FĂŒĂŸen weggezogen wurde, Maria findet sich im Niemandsland des eigenen Lebens, und in der ZwickmĂŒhle zwischen ihrem wahren Leben, das sie als DreijĂ€hrige verloren hat, und zwischen dem falschen Leben in der deutschen Unternehmerfamilie, in dem sie aufgewachsen ist, das ihr vertraut ist. Das ist spannend gemacht, gute Darsteller - Jessica Schwarz und Michael Gwisdek, aber auch die argentinischen Schauspieler - tragen die Geschichte ĂŒber ein paar DurchhĂ€nger im Mittelteil zu einem intensiven und spannenden Ende.

"Der letzte Angestellte" ist der neue Film von Alexander Adolph, der zuvor eine Dokumentation ĂŒber "Hochstapler" und mit "So glĂŒcklich war ich noch nie" einen tragikomischen Spielfilm ĂŒber einen von Devid Striesow gespielten Hochstapler gedreht hat. Nun zeigt Adolph erneut, wie einfĂŒhlsam er aus seinen Darstellern das Beste herausholen kann, Christian Berkel war vielleicht noch nie so gut wie als "Der letzte Angestellte", der eine insolvente Firma abwickeln muss und von den Geistern der verlorenen Vergangenheit heimgesucht wird. ZunĂ€chst scheinen die horrorgenretypischen Stilmittel etwas forciert zu sein, fast schon klischeehaft - aber flackerndes Neonlicht, GerĂ€usche in der Heizung, die Leere eines abendlichen BĂŒroraums sind die Zutaten eines entfremdeten Berufslebens, in dem der Angestellte zwangsweise aufgehen muss. Und wenn dann immer wieder die seltsame Frau auftaucht, die Berkel in Angst und Schrecken versetzt; wenn in kleinen Momenten das Irreale durchblitzt, das immer mehr Gestalt gewinnt; wenn dann noch die Schwiegermutter so hart und böse gegen ihn wettert: dann hat sich das Sozialdrama, das im deutschen Kino immer wieder durchgekaut wird, auf glĂŒcklichste Weise in einen Genrefilm gewandelt ĂŒber das UnglĂŒck, wenn das Leben zur bloßen Existenz verkommen ist.

Der vielleicht beste FILMZ-Film aber ist wohl "Unter dir die Stadt" von Christoph HochhĂ€usler, der eine alttestamentarische Geschichte um König David, seine Macht und Hybris, sexuelles Begehren und willkĂŒrliche Gewalt ĂŒber die DĂ€cher von Frankfurt am Main erhebt, in das Milieu der Banker, denen die Karriere ĂŒber das Leben geht; und denen das Individuelle, das Wahrhaftige, das Menschsein abhanden gekommen ist. Der Bankvorstand verliebt sich in die Frau eines seiner Angestellten, fĂ€ngt eine AffĂ€re mit ihr an, sie lĂ€sst sich darauf ein, spielerisch, kokettierend. Damit ihr Mann nicht in die Quere kommt, lĂ€sst der Chef in versetzen, auf die Philippinen, wo es gefĂ€hrlich ist, wo organisierte KriminalitĂ€t Leib und Leben gefĂ€hrdet... Und so versuchen sich Chef und Geliebte in etwas, das sich wie Liebe anfĂŒhlen soll; und sie offenbaren doch nur ihre Leere, und dass sie keinen Bezug mehr zum Menschen, am allerwenigsten zu sich selbst, herstellen können. Ein großartiger, nachdenkenswerter Film mit allegorisch-fabelĂ€hnlichem Anstrich.

Allerdings weicht FILMZ 2010 auch von einem programmatischen Anspruch ab: denn es zeigt im Langfilmwettbewerb zwei Filme, die schon einen Kinostart hatten. "Rammbock", ein Berliner Zombiemovie, ist seit September in den Kinos zu sehen, wenn auch (vermutlich) nur in Berlin und damit immerhin in der Region eine Premiere; wenige Tage nach dem Festival wird der Film auf DVD veröffentlicht.

Ein schlimmerer Fauxpas ist aber die Auswahl von Andreas Arnstedts "Die Entbehrlichen", der Ende September seinen Kinostart hatte und derzeit noch in Frankfurt und Mannheim lÀuft. Also durchaus nicht zu einem Filmfestival passt, das eigentlich Filme zeigen möchte, die zuvor nicht im Kino zu sehen waren.
Was dazu kommt: "Die Entbehrlichen" ist ein unglaublich schlechter Film, der offenbart, dass Regisseur Arnstedt zwar gute Absichten hatte, das Hartz-4-Unterschichtenmilieu zu portrĂ€tieren, dass er aber leider keine Ahnung, zumindest kein EinfĂŒhlungsvermögen besitzt, das ĂŒber die LektĂŒre einer Zeitungsreportage - auf der die Handlung beruht - und vermutlich zwei, drei Wikipediaartikel hinausgeht. Gezeigt wird Jakob, elf Jahre, der kein Geld fĂŒr den Klassenausflug hat und dessen Vater sich totgesoffen hat und nun als Leiche in der Wohnung rumliegt. Jacob weiß nicht, was er machen soll, und tut lieber gar nichts. Der Film aber muss natĂŒrlich etwas bieten, deshalb geht es auch um typische Probleme wie heimlicher Alkoholismus, Neonazitum und Gammelfleisch. In RĂŒckblenden wird das Familienleben gezeigt, es wird geprĂŒgelt, gesoffen, rumgeschrien. Und Jacob hat Hoffnungen, das NachbarmĂ€dchen ist so nett, und sie will Regisseurin werden und das Geheimnis von ausgerechnet Steven Spielberg ergrĂŒnden...
Das alles ist, schlicht gesagt, ausgemachter Blödsinn, noch dazu Ă€rgerlich. Das einzig Gute ist die assoziative Montage, die verschiedene Zeitebenen miteinander verbindet. (So wie es im Film heißt: Spielberg macht keine guten Filme, er hat nur gute Cutter.) Höhepunkt: Mathieu Carriere als spinnerter Weltkriegssoldat, der eine Armee von Hitler-Gartenzwergen fabriziert und totalen Quatsch redet.
Meidet diesen Film! Guckt was anderes! FILMZ hat ja genug zu bieten!

Harald MĂŒhlbeyer


Infos zum Festival unter www.filmz-mainz.de!

Zum langen CARLOS

Von unserem Partnerdienst Terrorismus & Film


Mann hinter Zeit

Anmerkung: Der folgende Text bezieht sich auf die dreiteilige 330 minĂŒtige Miniserie, wie sie auf dem Filmfest in MĂŒnchen gezeigt wurde und auf DVD in Frankreich erschienen ist. Eine Besprechung von Harald MĂŒhlbeyer zur gekĂŒrzten deutschen Kinoversion (CARLOS – DER SCHAKAL), gibt es HIER.

I.
Direkt hinein geht der Film, startet mit einer Großaufnahme der beweglichen, „dokumentarische“ Kamera: Ein Mann steigt morgens aus dem Bett, ein PalĂ€stinenser, lĂ€sst eine nackte Frau zurĂŒck. Er streichelt ihren RĂŒcken. FrĂŒhstĂŒck will er nicht. Vor dem Haus kontrolliert er das Auto, schaut unter die Motorhaube, unter den Wagen – und fliegt doch in die Luft, als er sich hineinsetzt.

Schon der Auftakt macht das Prinzip von CARLOS klar: Der wacklige Kamera ist das authentische Korrektiv zu der Nachbildung einer lĂ€ngst vergessenen Zeit, beginnend mit den 1970er Jahren, mit ihrem Licht, ihrer Mode. In Spielbergs MUNICH sah dies Rekonstruktion noch aufgesetzt und ausgestellt aus, jedes Kinoplakat, jeder Hosenschlag und jeder Motorroller Ausrufezeichen einer hyperrealen Zeitreise, die doch so selten ĂŒber das Museale hinauskam.

In CARLOS gibt es die Handkamera, wie sie (wieder) Ă€sthetische Mode ist, und doch ist auch ihr nie so ganz zu trauen, zusammen mit dem Schnitt: Der PalĂ€stinenser steigt in den Wagen (schon hier ein ungeduldiger Jump Cut) – und der explodiert sofort, sobald die TĂŒr ins Schloss fĂ€llt; kein ZĂŒndschlĂŒssel-Umdrehen, nein, der Schnitt spart sich hier den „lĂ€stigen“ Spannungsmoment, setzt auf den Effekt. Der dann aber doch wieder, auf der pyrotechnischen Ebene, unterspielt-realistisch erscheint: Nur ein Knall, ein kurzer, dumpfer, der das Auto zerfetzt, die Scheiben nach außen blĂ€st. Kein Feuerball, keine brennenden TrĂŒmmer.



Mit einem solchen Wechselspiel aus NĂ€he und Distanz, fremdartiger Neugierde und Ungeduld sucht der französische Filmemacher Olivier Assayas (IRMA VEP; BOARDING GATE) ganze fĂŒnf Stunden nach der Faszination und Essenz von Ilich Ramirez SĂĄnchez und „Carlos, dem Schakal“, die beide eins sind und doch kein StĂŒck, kein homogenes Ganzes ergeben.

Assayas, der "letzte Debordianer" (Knörer/Rothöhler 2009), sucht neben dem Banalen auch das Spektakel, weil er die Faszination und das Wesen dieser merkwĂŒrdigen Figur dahinter ergrĂŒnden will, aber dieses Spektakel, hat er es gefunden, sieht er es vor sich, inszeniert nach akribischen Recherchen, dann interessiert es ihn nur kurz und in seine Effizienz, fast sachlich, als ob es ihn langweilt oder mehr noch: enttĂ€uscht und verĂ€rgert, sobald er es vor der Linse hat. Fast ein bisschen, als sei er betrogen davon. Denn natĂŒrlich erklĂ€rt ihm auch das Spektakel wenig, die Action und Gewalt, die sich bei aller ZurĂŒckhaltung ĂŒber die fĂŒnf Stunden auftĂŒrmen, bis die Figur Carlos selbst damit eigentlich nichts mehr anzufangen weiß. Schon Guy Debord wusste, dass das Spektakel als Teil der Gesellschaft "specifically the sector [ist] which
concentrates all gazing and all consciousness
" (Debord, "The commodity of spectacle", 1977), aber eben des getÀuschten Blicks und des falschen Bewusstseins (ebd.).


II.
Der Mann, der da am Anfang in die Luft fliegt, ist Mohamed Boudia (gespielt von Belkacem Djamel Barek), Europa-Chef des Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP). Eine Nachrichtenmeldung von damals klĂ€rt uns darĂŒber auf – und tatsĂ€chlich sind wir schon mitten drin in dem Terrorismus- und Geheimdienstkrieg, der da Anfang der 1970er tobte, PalĂ€stinenser gegen Israelis, der Mossad gegen den Schwarzen September, Terror und Gegen-Terror, dazu alles eingebettet in den Kalten Krieg. Europa und der Nahe Osten ist ein gefĂ€hrliches Pflaster, zugleich aber auch ein großer, aufregender Abenteuerspielplatz, zumindest fĂŒr wilde, ĂŒberzeugte Kerle – selbst, wenn sie nur von sich selbst ĂŒberzeugt sind.



So ein Kerl ist Carlos, und zum ersten Mal sehen wir ihn, wie er in Beirut aus dem Flieger steigt. Die Sonne scheint hell und so orange, wie es das Kino fĂŒr die 1970er reserviert hat. Carlos trĂ€gt einen beigen Anzug und Sonnenbrille – er erinnert dabei an Daniel Craig, als er in CASINO ROYALE als James Bond auf den Bermudas ankommt: endlich Weltmann in exotischer Aktion.

Carlos, der da noch nicht Carlos ist, wird ĂŒber Umwege und eilige Kontrollen zum Wadi Haddad (Ahmad Kaabour) gebracht, dem Terrorchef der PFLP oder zumindest Haddads Splittergruppe darin. Denn das waren eben andere Zeiten, die PalĂ€stinenser untereinander zerstritten (und noch nicht lange aus Jordanien vertrieben). Haddad hasst Arafat, SĂĄnchez wiederum, der schon Trainingserfahrung hat, will nicht lĂ€nger fĂŒr George Habash arbeiten... Dabei sitzt man in einem behaglichen BĂŒro, und das Mastermind Haddad ist ein Ă€lterer schmaler Herr mit graumeliertem Haar und gestutztem Schnurrbart in Hemd und roter Strickweste. Das Klischee von den bĂ€rtigen Zauseln in Höhlen am Hindukusch ist noch weit weg.




III.
CARLOS sucht seine Titelfigur zwischen „Playboy“, „RevolutionĂ€r“ und „Terrorist“. Der Venezolaner Édgar RamĂ­rez spielt ihn vorzĂŒglich, nuanciert und vor allem in der perfekten Mischung aus echtem Leinwand-Macho nach den Regeln des Kinos und dem doch eher zur Dickleibigkeit neigenden realen Carlos, der sich statt einer Gesichtsoperation eher fĂŒr das Absaugen seine HerrenbrĂŒste interessierte.

Ob als entschlossener wie eitler Frauenschwarm und autoerotischer und kaltblĂŒtig-brutaler GewalttĂ€ter oder mit dickem Wanst als grimmiger Waffenschmuggler und Opportunist, der sich im Kreis dreht, als polyglotter Business-Mann und trockener Kriegsgewinnler oder als gesuchter Vater, mit Frau und Kind auf der Flucht, die sein einziges Zuhause geworden ist: RamĂ­rez gibt ihm stets etwas Lauerndes, Unbedingtes, es liegt in der Gestalt, mit dem energischen Kinn. Da ist aber auch etwas Kindisches, ein gestörter Narzissmus, den man oft bei Terroristen beobachtet hat.



Man versteht sofort, weshalb die Frauen in London und Paris, wo er die Nummer 2 der PalĂ€stinenser wird, ihm nichts abschlagen können (auch, wenn es darum geht, seine eindrucksvolle Waffen- und Sprengstoff-Sammlung unter ihrem Bett zu verstecken oder die Pistole im Liebesspiel als Fetischobjekt zu nutzen). Aber – bei dem großartigen Wechselspiel von Neugier und kalter Analyse –: Die Damen wie die kleine Schar der Gefolgsleute und Kollegen sind ihm nie wirklich komplett verfallen, bleiben eigenstĂ€ndige Charaktere, die, wenn nichts sonst, einen Narren an Sanchez / Carlos gefressen haben, weil er bei aller Grimmigkeit und Rebellentum etwas von einem wilden Jungen hat, auf den man mit Nachsicht und fast mĂŒtterlichem Seufzen reagieren kann.

Ein bisschen mogelt sich Assayas allerdings um die Figur herum, wenn er uns mit einem praktisch fertigen Mann der Tat konfrontiert und uns vorenthĂ€lt, wie es dazu gekommen ist. Nicht dass es psychologische ErklĂ€rungen brauchen wĂŒrde. Doch zum einen bleibt der Widerspruch zwischen Luxus und PrivatgeschĂ€ften auf der einen und pro-palĂ€stinensischem Aktivismus und kommunistischen Revolutionsidealismus auf der anderen Seite ein Widerspruch, der umso grĂ¶ĂŸer wird, je lĂ€nger er keiner fĂŒr Carlos selbst ist und bleibt.

Ilich Ramirez SĂĄnchez wurde als Sohn eines venezolanischen Anwalts und Marxisten (den zweiten Sohn nannte er Lenin) geboren, der mit Öl zu Reichtum kam. Die Mutter trennte sich von ihm und zog mit Ilich nach London, wo er – nach der harten revolutionĂ€ren Schule, die ihm sein Vater hatte angedeihen lassen – das sĂŒĂŸe und vor allem lockere Leben kennen, zu denen auch die lateinamerikanischen MĂ€dchen der höheren Gesellschaft gehörten, die fern von der katholischen Heimat zur Beute fĂŒr Ilich wurden. Doch Vater Ramirez sah dem Treiben aus der Ferne nicht endlos zu: Ende der 1960er landete Ilich auf der Patrice Lumumba University in Moskau, wo er erste Bekanntschaft mit PalĂ€stinensern und ihrem Befreiungskampf machte. Endlich mit etwas, fĂŒr das er sich engagieren konnte und fĂŒr das akademische Leben ohnehin wenig geeignet, reiste er nach seinem Rauswurf aus Moskau in den Libanon und nach Jordanien, um sich ausbilden zu lassen.




IV.
Auch nicht ganz uninteressant hinsichtlich der Figurenkonstruktion ist die Frau an seiner Seite.
Erst gegen den Ende des zweiten Teils taucht Magdalena Kopp auf, die Freundin von Johannes Weinrich und wie dieser Mitglieder deutschen RevolutionĂ€ren Zellen (RZ). Auch hier nimmt CARLOS es wohl nicht so ganz genau, zumindest nach Kopps eigenem Bekenntnis, dem aber auch natĂŒrlich auch nicht ganz zu trauen ist. In dem Buch Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos (2007), das sie unter Mitarbeit von Hanne Reinhard verfasst hat, berichtet Kopp davon, wie sie Carlos als unangenehmen Ausbilder der Fatah beim WĂŒstentraining der RZ kennenlernte oder wie er sie in London, wo sie als FĂ€lscherin arbeitete, in der Dunkelkammer schmierig und erfolglos anbaggerte. Erst spĂ€ter, schon lĂ€nger unterwegs mit Weinrich und dem Welt- und Lebemann Carlos, verfĂ€llt sie dem Venezolaner. Den sie aller Abscheu dann irgendwie doch nicht abwimmeln kann. Weinrich wird abgeschrieben, bleibt aber dritter im Bunde.

Kopps Erinnerungen sind durchzogen von einem sachlichen Ton, der jedoch argwöhnen lĂ€sst angesichts allem lapidarem Eingestehen und trockenem Bedauern: Ein abwimmelndes „Ach, was war ich doch nur dumm und naiv“ und „Ich weiß ja auch nicht, was in mich gefahren ist“ durchziehen das Buch. Man glaubt ihr das Bedauern, aber man liest es schnell als eine arg funktionale (Selbst-) ErzĂ€hlung. Nicht unehrlich, aber eben vor allem etwas, mit der sie sich ihre Geschichte selbst vom Hals halten, sich erklĂ€ren und damit abgeschlossen hat. GeschĂ€mt hat sie sich, als sie mit Carlos erstmals im Bett gewesen war, auch Dienstreise, seine VerfĂŒhrungskunst haben ihr immer mehr zugesetzt, seine Selbstsicherheit sie fasziniert (Kopp 2007, S. 128; 130).

CARLOS ist da ganz anders, fackelt nicht lange, nimmt sich „die Frau an seiner Seite“ wie er es sich braucht: Im Beiruter Hotel wartete sie schon auf Carlos, stellt sich als Weinrichs Freundin vor. Maulig trollt sie sich, als Carlos sie wegen eines GeschĂ€ftsgesprĂ€chs auf seinem Zimmer ignoriert, nachher entschuldigt er sich und es geht schnell zur Sache.



Wenn es mit Assayas, dem Ă€sthetischen Analytiker und schönen Diagnostiker mal durchgeht, dann hier und mit ihr. Mit einer fast schon ulkigen LĂŒsternheit weidet sich die Kamera an Nora von WaldstĂ€ttens Alabaster-Körper, ihrer Nacktheit, zum wollĂŒstigen Selbstzweck wird die Szene, wenn Carlos sie verfĂŒhrt, ihr ins Höschen fasst, sie sich hingibt – und der Katzenhaftigkeit dieser famosen Darstellerin (diesjĂ€hrige Max-OphĂŒls-PreistrĂ€gerin als beste Nachwuchsschauspielerin) verpasst der Film noch die nötige Verruchtheit bei gleichzeitiger Gebrechlichkeit dazu.

Ha, der Carlos! denkt sich’s da stellvertretend, und: Bei so einer, da möchte man auch mal Terrorist sein. Hier sind wir wieder beim Spektakel, der Faszination, die jetzt auch nichts erklĂ€rt, außer sich selbst und ihre Wirkung – Carlos, der sĂŒdamerikanische Hengst und Koteletten-Casanova mit breiter Brust, Schnauzer und Goldkette, die Gestalt einer echten und aufregend realen Schmuddelphantasie fĂŒr ein 1970er-Publikum. Ganz jenseits der schlĂŒpfrig-versteckter Freuden wie den SCHULMÄDCHEN- und HAUSFRAUEN-REPORTS.

CARLOS, der (selbstreflektive) KILLER-REPORT?

V.
SpĂ€testens hier sind wir bei den Deutschen und dem Durcheinander. Es ist ja nicht nur der palĂ€stinensische Terror-Auftraggeber in der roten Strickweste, es ist die gesamte blutige Gemengelage dieser Epoche, die Carlos so komplex und zugleich so erfolgreich, gar zum Star werden ließ. Es ist eine Zeit des Irrsinns und der BanalitĂ€t, der DĂ€mlichkeiten und politischen RankĂŒne, in denen die deutschen Linksterroristen immer etwas verloren wirken – und im Falle der RZ, zumindest in der innerdeutschen kollektiven Erinnerung gegenĂŒber der so dominanten wie zugleich so bundesrepublikanischen RAF, verloren gegangen sind.



BeĂ€ngstigend eindringlich und glaubhaft sind vor allem die sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlten Darstellerinnen: Julia Hummer als burschikose bis fanatische Gabriele Kröcher-Tiedemann von der „Bewegung 2. Juni“ oder Katharina SchĂŒttler als Brigitte Kuhlmann von den RZ. Aber sie wie ihre revolutionĂ€ren Kollegen wirken sie wie aus einer anderen Welt, einem anderen Krieg – einer, der irgendwie klarer und ĂŒbersichtlicher ist, ernster und zugleich: lustfeindlicher, verbiesterter.

Einer mit einer Agenda.

Nicht, dass er unideologisch wĂ€re oder an nichts glauben wĂŒrde, aber so etwas fehlt Carlos eben, eine Agenda und vor allem: ein Ziel. Das macht ihn so effektiv, auch in diesem Biopic. Carlos ist die Bewegung, nicht im politischen, sondern im dynamischen Sinne. Carlos, der mal eben so, ganz grausig, ins Haus des Marks & Spencer-MiteigentĂŒmers eindringt, ihn ins Gesicht schießt und wieder geht; der mal schnell eine Bombe in ein CafĂ© wirft, im Vorbeigehen.

Carlos bewegt sich wie ein Fisch im trĂŒben Wasser, soll Mitgliedern der Japanischen Roten Armee bei der Besetzung der französischen Botschaft in Den Haag helfen, verpasst sie aber, weil die Japaner den Weg erst nicht finden und dann die Sache alleine durchziehen. Die PFLP ĂŒberstĂŒtzte die JRA und umgekehrt; Weinrich, der Deutsche, wiederum besorgt den Wagen fĂŒr den Bazooka-Angriff auf dem Flughafen Paris-Orly (um Arafat zu diskreditieren), der statt der El-Al-Passagiermaschine, der aber daneben geht und trifft eine jugoslawische Frachtmaschine. Prompt versuchen es die PalĂ€stinenser es kurz darauf an derselben Stelle nochmal, was natĂŒrlich so dumm lĂ€uft, wie es sich anhört. Inklusive Geiselnahme im Klo.

Eine alltÀgliche gruselige Realsatire, eine echte Mafia-Parodie.

Carlos, nicht minder Söldner als Revoluzzer, arbeitet mal fĂŒr den Irak, mal fĂŒr Libyen oder RumĂ€nien. Bei der OPEC-Geiselnahme, von Bagdad gesponsert, sollen unbedingt der iranische Finanz- und der saudische Öl-Minister getötet werden: Terrorismus als Krieg zwischen Staaten im Kleinen. Doch alles lĂ€uft nicht so, ist kompliziert, Flugzeuge dĂŒrfen doch nicht landen, also nimmt Carlos, der Pragmatiker, lieber das Geld. Kröcher-Tiedemann tobt als Idealistin, Macho und Macher Carlos, mit der verpatzten Aktion vollends zum Superstar des Terrorismus geworden, ist das reichlich egal.



Es gibt ihn einfach nicht, den Westen und schon gar nicht „den Osten“, sondern nur Taktieren und Konkurrenz und Feindschaft, doch zugleich verschwimmt alles zwischen Jemen, Lybien und Algerien, Sudan und Syrien, Budapest und Ost-Berlin: Carlos wird Subunternehmer des Terrorismus, schmuggelt Waffen fĂŒr die ETA, ist von der Stasi nicht gern gesehen, und als ihn der ungarische Geheimdienst in seiner mit Knarren und Sprengstoff vollgestopften Haus observiert, platzt ihm die Hutschnur: WĂŒtend schreiend umtigert er ihr Auto, ballert drohen drauf, dass den Beamten Angst und Bange wird. Als er sich abreagiert hat, geht Carlos wieder hinein.

CARLOS – ein Reisebericht durchs Tollhaus, das, wie alle TollhĂ€user von innen, ganz vernĂŒnftig aussieht.




VI.
Was fĂŒr ein Wissen muss man mitbringen? ErklĂ€rt CARLOS von den politischen und historischen HintergrĂŒnden, den Konstellation und Entwicklungen genug? Es gibt viele Treffen und Abmachungen, AuftrĂ€ge und Jobs, oft in Englisch als Lingua franca; alles verwebt Assayas locker und unaufdringlich, und tatsĂ€chlich ist auch das eigentlich nur Staffage, weil in der Halb-, Unter- und Zwischenwelt der eine Zwist und die andere Freundschaft von irgendwelchen großen Entwicklungen beeinflusst sein mag, aber hier im Zwielicht (das stets auch etwas technokratisches hat), jenseits oder vor den Medien und GeschichtsbĂŒchern, keine tieferen Bedeutungen oder ZwangslĂ€ufigkeit aufweisen. Hier, in dieser Phase, in der sich die letzten Erfolgsmythen des Antikolonialismus vermischen mit den Endzeithysterien einem linken Sozialutopismus, denen schon die Auflösung droht in der Globalisierung und Durchökonomisierung – dem Ende der Geschichte am Horizont.



Das UnspektakulĂ€re des Spektakels passt auch in den AuswĂŒchsen; fast eine Stunde nimmt sich CARLOS Zeit fĂŒr die OPEC-Geiselnahme und den Irrflug mit den Öl-Politikern, zeigt Schießerei und einen Hans Joachim Klein (Christoph Bach) mit Bauchschuss, der ins Krankenhauskommt und immer noch schwer verwundet in den Flieger transportiert wird. Carlos in Lederjacke und MaskenmĂŒtze, der jovial mit dem Vertreter seines Heimatlandes plaudert. Alles wird spannend und darĂŒber: nichts. Das Warten und das Bombenbauen, schnell, aufregend – und packend undramatisch. CARLOS ist keine Achterbahnfahrt, sondern ein stĂ€ndiges drĂ€ngendes Vibrieren, vor allem aber ein MĂ€andern, das die fĂŒnfstĂŒndige Miniserie ĂŒber jeden regulĂ€ren Spielfilm mit seinem Format hinaushebt. Die EntfĂŒhrung der Air-France-EntfĂŒhrung, die in Entebbe gestĂŒrmt wurde, wird nur gestreift – klar, hat mit Carlos direkt nix zu tun. Dann aber wieder folgen wir lange Hans Joachim Klein, der keinen Sinn mehr sieht, sich abgestoßen davon fĂŒhlte, dass seine ehemaligen KampfgefĂ€hrten Böse und Kuhlmann auf dem Air-France-Flug mitwirkten, Israelis, Juden zu „selektierten“. In einer HĂŒtte im Wald schreibt sich Klein alles von der Seele, muss als Aussteiger vor seinen Kameraden fĂŒrchten. Einen Text mitsamt seiner Pistole schickte er dem Spiegel, drohte mit weiteren EnthĂŒllungen. Als er seinen ehemaligen Genossen nicht mehr trauen kann, taucht er – ein weiteres Mal – ab. (Es folgte sein Buch RĂŒckkehr in die Menschlichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen. 1998, nach rund einem Vierteljahrhundert im Untergrund, wurde er in Frankreich verhaftet, anschließend nach Deutschland ĂŒberstellt. Seit 2003 ist er auf BewĂ€hrung entlassen und seit letztem Jahr begnadigt.)



CARLOS und mit ihm Assayas haben hierin vielleicht keine Antwort, wohl aber –
zumindest fĂŒr sich – einen ErklĂ€rungsweg gefunden, hinter die Faszination zu gelangen: ĂŒber das Aufwachen, den Kater, das DahindĂ€mmern nach der Party. Die Zeiten und mit ihnen Ă€ndern sich, auch fĂŒr Carlos, das große Business des internationalen Terrorismus trocknet aus, die Farben der Bilder kĂŒhler, die Welt enger und kleiner. Die Berliner Mauer fĂ€llt und der Eiserne Vorhang, Carlos wird dicker und ein Dinosaurier. Man braucht ihn nicht mehr. Dieses Ende zieht großartig hin und ist Assayas nicht weniger Aufmerksamkeit wert als die Wiener Terroraktion: die Testikeluntersuchung beim Arzt genau soviel wie die Planung eines Anschlags. Der Plastiksprengstoff und die belegten Brötchen fĂŒr die OPEC-Geiseln. Alles ist Detail. Einzelne, große und ikonische Bilder bietet CARLOS mit seiner Authentik-Kamera zugleich nicht, die lieber dabei sein will.

Syrien schmeißt Carlos hinaus und so landet er schließlich im Sudan, wo ihn die Islamisten unter ihren Schutz stellen. Die Franzosen und Amerikaner sind ihm schon auf der Spur. Zuletzt ist es nicht mehr er, der herumreist, plant, der sich versteckt: Sudanische MilitĂ€rs holen ihn aus dem Krankenhaus, bringen ihn an einem geheimen Ort unter, liefern ihn am Ende aus. Carlos wird an Bord eines Fliegers nach Frankreich gebracht. In Handschellen und Schlafanzug, auf einer Trage mit Sack ĂŒber dem Kopf. 1994 war das.

Seine Zeit ist vorbei.


VII.
Ilich Ramirez SĂĄnchez alias „Carlos, der Schakal“, zu lebenslĂ€nglicher Haft verurteilt, ist im GefĂ€ngnis von Clairvaux eingesperrt, wo einst der Anarchist Peter Kropotkin einsaß. SĂĄnchez ist zum Islam konvertiert und hat seine AnwĂ€ltin Isabelle Coutant-Peyre geheiratet. Gegen CARLOS hat er geklagt und Édgar RamĂ­rez in einem Brief als Landsmann Vorhaltungen gemacht. In seinem Buch ĂŒber den „revolutionĂ€ren Islam“ (L'islam rĂ©volutionnaire von 2003) kombiniert er den Dschihadismus mit den marxistischen Revolutions- und Befreiungsthesen, denen er – immer noch? wieder? – anhĂ€ngt.



VIII.
Einige kritisieren den Terminus „transnationaler Terrorismus“ als neue Bezeichnung fĂŒr ein altes PhĂ€nomen. Was das LĂ€nder- und StaatenĂŒbergreifende anbelangt, mögen sie nicht Unrecht haben. CARLOS macht aber klar, dass es sehr wohl einen Unterschied gibt. Vielleicht sollte man nur die Adjektive vertauschen. Vielleicht war der verworrene Terrorismus der 1970er und 1980er eher transnational als heutige eher „internationale“.

Ein anderer Vergleich, diesmal filmische Natur: Sieht man CARLOS, denkt man natĂŒrlich an einen anderen aufwendigen Terrorismusfilm, eine Amphibienproduktion fĂŒrs Fernsehen und die Leinwand, klar: Bernd Eichingers und Ulli Edls DER BAADER MEINHOF KOMPLEX (BMK).

CARLOS ist viel besser, hört und liest man zurzeit hÀufig. Das ist richtig, aber auch ein bisschen zu einfach. CARLOS hat eine fesselnde durchgÀngige Hauptfigur und kann mit seinen 330 Minuten viel mehr erforschen, ausformen, entwickeln. Selbst die Kinofassung, die nun in Deutschland anlÀuft, ist mit 185 Minuten noch eine halbe Stunde lÀnger als die TV-Version des BMK.

Und wĂ€hrend der BMK eine Terrorismus-Geschichte eines Landes erzĂ€hlt, kennt so etwas CARLOS gar nicht: ein einzelnes Land. Er kann somit ahistorisch bleiben – und als Artefakt zeitlos. „Wahrer“ ist er dadurch noch lange nicht.

Vor allem aber ist es das ErzĂ€hlen selbst, das hier ein komisches Ungleichgewicht herstellt, d.h. die Dramaturgie, Inszenierung, der Rhythmus. Frank Schirrmacher schrieb 2008 in der FAZ: „Wer die RAF und die Kultur der alten Bundesrepublik begreifen will, […] darf keine Cinemascope-Filme, sondern nur Daumenkino machen“ (S. 25). CARLOS hĂ€tte dabei das Bombastkino mit seiner Figur und seinen Themen, den bizarren Momenten und BanalitĂ€t des Obskuren vertragen. Dass er nun den sachlichen, wundersamen und ein wenig „außerirdischen“ Ansatz bei allen schönen Bildern wĂ€hlt, der dem BMK viel besser getan hĂ€tte, macht ihn großartig.

Bernd Zywietz



Literatur:

Knörer, Ekkehard / Rothöhler, Simon (2009): Der letzte Debordianer. (GesprÀch mit Olivier Assayas). In: Cargo, Nr. 2, 26 - 35

Kopp, Magdalena (2007): Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos. MĂŒnchen: DVA.

Schirrmacher, Frank (2008): Diese Frau brauchte mich ganz. Der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ ist eine Befreiung von der Erziehungsdiktatur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Sept., S. 25 – 26.