Von unserem Partnerdienst Terrorismus & Film
Mann hinter ZeitAnmerkung: Der folgende Text bezieht sich auf die dreiteilige 330 minĂŒtige Miniserie, wie sie auf dem Filmfest in MĂŒnchen gezeigt wurde und auf DVD in Frankreich erschienen ist. Eine Besprechung von Harald MĂŒhlbeyer zur gekĂŒrzten deutschen Kinoversion (CARLOS – DER SCHAKAL), gibt es HIER. I.
Direkt hinein geht der Film, startet mit einer GroĂaufnahme der beweglichen, „dokumentarische“ Kamera: Ein Mann steigt morgens aus dem Bett, ein PalĂ€stinenser, lĂ€sst eine nackte Frau zurĂŒck. Er streichelt ihren RĂŒcken. FrĂŒhstĂŒck will er nicht. Vor dem Haus kontrolliert er das Auto, schaut unter die Motorhaube, unter den Wagen – und fliegt doch in die Luft, als er sich hineinsetzt.
Schon der Auftakt macht das Prinzip von CARLOS klar: Der wacklige Kamera ist das authentische Korrektiv zu der Nachbildung einer lĂ€ngst vergessenen Zeit, beginnend mit den 1970er Jahren, mit ihrem Licht, ihrer Mode. In Spielbergs MUNICH sah dies Rekonstruktion noch aufgesetzt und ausgestellt aus, jedes Kinoplakat, jeder Hosenschlag und jeder Motorroller Ausrufezeichen einer hyperrealen Zeitreise, die doch so selten ĂŒber das Museale hinauskam.
In CARLOS gibt es die Handkamera, wie sie (wieder) Ă€sthetische Mode ist, und doch ist auch ihr nie so ganz zu trauen, zusammen mit dem Schnitt: Der PalĂ€stinenser steigt in den Wagen (schon hier ein ungeduldiger Jump Cut) – und der explodiert sofort, sobald die TĂŒr ins Schloss fĂ€llt; kein ZĂŒndschlĂŒssel-Umdrehen, nein, der Schnitt spart sich hier den „lĂ€stigen“ Spannungsmoment, setzt auf den Effekt. Der dann aber doch wieder, auf der pyrotechnischen Ebene, unterspielt-realistisch erscheint: Nur ein Knall, ein kurzer, dumpfer, der das Auto zerfetzt, die Scheiben nach auĂen blĂ€st. Kein Feuerball, keine brennenden TrĂŒmmer.

Mit einem solchen Wechselspiel aus NĂ€he und Distanz, fremdartiger Neugierde und Ungeduld sucht der französische Filmemacher Olivier Assayas (IRMA VEP; BOARDING GATE) ganze fĂŒnf Stunden nach der Faszination und Essenz von Ilich Ramirez SĂĄnchez und „Carlos, dem Schakal“, die beide eins sind und doch kein StĂŒck, kein homogenes Ganzes ergeben.
Assayas, der "letzte Debordianer" (Knörer/Rothöhler 2009), sucht neben dem Banalen auch das Spektakel, weil er die Faszination und das Wesen dieser merkwĂŒrdigen Figur dahinter ergrĂŒnden will, aber dieses Spektakel, hat er es gefunden, sieht er es vor sich, inszeniert nach akribischen Recherchen, dann interessiert es ihn nur kurz und in seine Effizienz, fast sachlich, als ob es ihn langweilt oder mehr noch: enttĂ€uscht und verĂ€rgert, sobald er es vor der Linse hat. Fast ein bisschen, als sei er betrogen davon. Denn natĂŒrlich erklĂ€rt ihm auch das Spektakel wenig, die Action und Gewalt, die sich bei aller ZurĂŒckhaltung ĂŒber die fĂŒnf Stunden auftĂŒrmen, bis die Figur Carlos selbst damit eigentlich nichts mehr anzufangen weiĂ. Schon Guy Debord wusste, dass das Spektakel als Teil der Gesellschaft "
specifically the sector [ist]
which
concentrates all gazing and all consciousness" (Debord, "The commodity of spectacle", 1977), aber eben des getÀuschten Blicks und des falschen Bewusstseins (ebd.).
II.
Der Mann, der da am Anfang in die Luft fliegt, ist Mohamed Boudia (gespielt von Belkacem Djamel Barek), Europa-Chef des Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP). Eine Nachrichtenmeldung von damals klĂ€rt uns darĂŒber auf – und tatsĂ€chlich sind wir schon mitten drin in dem Terrorismus- und Geheimdienstkrieg, der da Anfang der 1970er tobte, PalĂ€stinenser gegen Israelis, der Mossad gegen den Schwarzen September, Terror und Gegen-Terror, dazu alles eingebettet in den Kalten Krieg. Europa und der Nahe Osten ist ein gefĂ€hrliches Pflaster, zugleich aber auch ein groĂer, aufregender Abenteuerspielplatz, zumindest fĂŒr wilde, ĂŒberzeugte Kerle – selbst, wenn sie nur von sich selbst ĂŒberzeugt sind.

So ein Kerl ist Carlos, und zum ersten Mal sehen wir ihn, wie er in Beirut aus dem Flieger steigt. Die Sonne scheint hell und so orange, wie es das Kino fĂŒr die 1970er reserviert hat. Carlos trĂ€gt einen beigen Anzug und Sonnenbrille – er erinnert dabei an Daniel Craig, als er in CASINO ROYALE als James Bond auf den Bermudas ankommt: endlich Weltmann in exotischer Aktion.
Carlos, der da noch nicht Carlos ist, wird ĂŒber Umwege und eilige Kontrollen zum Wadi Haddad (Ahmad Kaabour) gebracht, dem Terrorchef der PFLP oder zumindest Haddads Splittergruppe darin. Denn das waren eben andere Zeiten, die PalĂ€stinenser untereinander zerstritten (und noch nicht lange aus Jordanien vertrieben). Haddad hasst Arafat, SĂĄnchez wiederum, der schon Trainingserfahrung hat, will nicht lĂ€nger fĂŒr George Habash arbeiten... Dabei sitzt man in einem behaglichen BĂŒro, und das Mastermind Haddad ist ein Ă€lterer schmaler Herr mit graumeliertem Haar und gestutztem Schnurrbart in Hemd und roter Strickweste. Das Klischee von den bĂ€rtigen Zauseln in Höhlen am Hindukusch ist noch weit weg.

III.
CARLOS sucht seine Titelfigur zwischen „Playboy“, „RevolutionĂ€r“ und „Terrorist“. Der Venezolaner Ădgar RamĂrez spielt ihn vorzĂŒglich, nuanciert und vor allem in der perfekten Mischung aus echtem Leinwand-Macho nach den Regeln des Kinos und dem doch eher zur Dickleibigkeit neigenden realen Carlos, der sich statt einer Gesichtsoperation eher fĂŒr das Absaugen seine HerrenbrĂŒste interessierte.
Ob als entschlossener wie eitler Frauenschwarm und autoerotischer und kaltblĂŒtig-brutaler GewalttĂ€ter oder mit dickem Wanst als grimmiger Waffenschmuggler und Opportunist, der sich im Kreis dreht, als polyglotter Business-Mann und trockener Kriegsgewinnler oder als gesuchter Vater, mit Frau und Kind auf der Flucht, die sein einziges Zuhause geworden ist: RamĂrez gibt ihm stets etwas Lauerndes, Unbedingtes, es liegt in der Gestalt, mit dem energischen Kinn. Da ist aber auch etwas Kindisches, ein gestörter Narzissmus, den man oft bei Terroristen beobachtet hat.

Man versteht sofort, weshalb die Frauen in London und Paris, wo er die Nummer 2 der PalĂ€stinenser wird, ihm nichts abschlagen können (auch, wenn es darum geht, seine eindrucksvolle Waffen- und Sprengstoff-Sammlung unter ihrem Bett zu verstecken oder die Pistole im Liebesspiel als Fetischobjekt zu nutzen). Aber – bei dem groĂartigen Wechselspiel von Neugier und kalter Analyse –: Die Damen wie die kleine Schar der Gefolgsleute und Kollegen sind ihm nie wirklich
komplett verfallen, bleiben eigenstĂ€ndige Charaktere, die, wenn nichts sonst, einen Narren an Sanchez / Carlos gefressen haben, weil er bei aller Grimmigkeit und Rebellentum etwas von einem wilden Jungen hat, auf den man mit Nachsicht und fast mĂŒtterlichem Seufzen reagieren kann.
Ein bisschen mogelt sich Assayas allerdings um die Figur herum, wenn er uns mit einem praktisch fertigen Mann der Tat konfrontiert und uns vorenthĂ€lt, wie es dazu gekommen ist. Nicht dass es psychologische ErklĂ€rungen brauchen wĂŒrde. Doch zum einen bleibt der Widerspruch zwischen Luxus und PrivatgeschĂ€ften auf der einen und pro-palĂ€stinensischem Aktivismus und kommunistischen Revolutionsidealismus auf der anderen Seite ein Widerspruch, der umso gröĂer wird, je lĂ€nger er keiner fĂŒr Carlos selbst ist und bleibt.
Ilich Ramirez SĂĄnchez wurde als Sohn eines venezolanischen Anwalts und Marxisten (den zweiten Sohn nannte er Lenin) geboren, der mit Ăl zu Reichtum kam. Die Mutter trennte sich von ihm und zog mit Ilich nach London, wo er – nach der harten revolutionĂ€ren Schule, die ihm sein Vater hatte angedeihen lassen – das sĂŒĂe und vor allem lockere Leben kennen, zu denen auch die lateinamerikanischen MĂ€dchen der höheren Gesellschaft gehörten, die fern von der katholischen Heimat zur Beute fĂŒr Ilich wurden. Doch Vater Ramirez sah dem Treiben aus der Ferne nicht endlos zu: Ende der 1960er landete Ilich auf der Patrice Lumumba University in Moskau, wo er erste Bekanntschaft mit PalĂ€stinensern und ihrem Befreiungskampf machte. Endlich mit etwas, fĂŒr das er sich engagieren konnte und fĂŒr das akademische Leben ohnehin wenig geeignet, reiste er nach seinem Rauswurf aus Moskau in den Libanon und nach Jordanien, um sich ausbilden zu lassen.

IV.
Auch nicht ganz uninteressant hinsichtlich der Figurenkonstruktion ist die Frau an seiner Seite.
Erst gegen den Ende des zweiten Teils taucht Magdalena Kopp auf, die Freundin von Johannes Weinrich und wie dieser Mitglieder deutschen
RevolutionĂ€ren Zellen (RZ). Auch hier nimmt CARLOS es wohl nicht so ganz genau, zumindest nach Kopps eigenem Bekenntnis, dem aber auch natĂŒrlich auch nicht ganz zu trauen ist. In dem Buch D
ie Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos (2007), das sie unter Mitarbeit von Hanne Reinhard verfasst hat, berichtet Kopp davon, wie sie Carlos als unangenehmen Ausbilder der Fatah beim WĂŒstentraining der RZ kennenlernte oder wie er sie in London, wo sie als FĂ€lscherin arbeitete, in der Dunkelkammer schmierig und erfolglos anbaggerte. Erst spĂ€ter, schon lĂ€nger unterwegs mit Weinrich und dem Welt- und Lebemann Carlos, verfĂ€llt sie dem Venezolaner. Den sie aller Abscheu dann irgendwie doch nicht abwimmeln kann. Weinrich wird abgeschrieben, bleibt aber dritter im Bunde.
Kopps Erinnerungen sind durchzogen von einem sachlichen Ton, der jedoch argwöhnen lĂ€sst angesichts allem lapidarem Eingestehen und trockenem Bedauern: Ein abwimmelndes „Ach, was war ich doch nur dumm und naiv“ und „Ich weiĂ ja auch nicht, was in mich gefahren ist“ durchziehen das Buch. Man glaubt ihr das Bedauern, aber man liest es schnell als eine arg funktionale (Selbst-) ErzĂ€hlung. Nicht unehrlich, aber eben vor allem etwas, mit der sie sich ihre Geschichte selbst vom Hals halten, sich erklĂ€ren und damit abgeschlossen hat. GeschĂ€mt hat sie sich, als sie mit Carlos erstmals im Bett gewesen war, auch Dienstreise, seine VerfĂŒhrungskunst haben ihr immer mehr zugesetzt, seine Selbstsicherheit sie fasziniert (Kopp 2007, S. 128; 130).
CARLOS ist da ganz anders, fackelt nicht lange, nimmt sich „die Frau an seiner Seite“ wie er es sich braucht: Im Beiruter Hotel wartete sie schon auf Carlos, stellt sich als Weinrichs Freundin vor. Maulig trollt sie sich, als Carlos sie wegen eines GeschĂ€ftsgesprĂ€chs auf seinem Zimmer ignoriert, nachher entschuldigt er sich und es geht schnell zur Sache.

Wenn es mit Assayas, dem Ă€sthetischen Analytiker und schönen Diagnostiker mal durchgeht, dann hier und mit ihr. Mit einer fast schon ulkigen LĂŒsternheit weidet sich die Kamera an Nora von WaldstĂ€ttens Alabaster-Körper, ihrer Nacktheit, zum wollĂŒstigen Selbstzweck wird die Szene, wenn Carlos sie verfĂŒhrt, ihr ins Höschen fasst, sie sich hingibt – und der Katzenhaftigkeit dieser famosen Darstellerin (diesjĂ€hrige Max-OphĂŒls-PreistrĂ€gerin als beste Nachwuchsschauspielerin) verpasst der Film noch die nötige Verruchtheit bei gleichzeitiger Gebrechlichkeit dazu.
Ha, der Carlos! denkt sich’s da stellvertretend, und: Bei so einer, da möchte man auch mal Terrorist sein. Hier sind wir wieder beim Spektakel, der Faszination, die jetzt auch nichts erklĂ€rt, auĂer sich selbst und ihre Wirkung – Carlos, der sĂŒdamerikanische Hengst und Koteletten-Casanova mit breiter Brust, Schnauzer und Goldkette, die Gestalt einer echten und aufregend realen Schmuddelphantasie fĂŒr ein 1970er-Publikum. Ganz jenseits der schlĂŒpfrig-versteckter Freuden wie den SCHULMĂDCHEN- und HAUSFRAUEN-REPORTS.
CARLOS, der (selbstreflektive) KILLER-REPORT?
V.
SpĂ€testens hier sind wir bei den Deutschen und dem Durcheinander. Es ist ja nicht nur der palĂ€stinensische Terror-Auftraggeber in der roten Strickweste, es ist die gesamte blutige Gemengelage dieser Epoche, die Carlos so komplex und zugleich so erfolgreich, gar zum Star werden lieĂ. Es ist eine Zeit des Irrsinns und der BanalitĂ€t, der DĂ€mlichkeiten und politischen RankĂŒne, in denen die deutschen Linksterroristen immer etwas verloren wirken – und im Falle der RZ, zumindest in der innerdeutschen kollektiven Erinnerung gegenĂŒber der so dominanten wie zugleich so bundesrepublikanischen RAF, verloren gegangen sind.

BeĂ€ngstigend eindringlich und glaubhaft sind vor allem die sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlten Darstellerinnen: Julia Hummer als burschikose bis fanatische Gabriele Kröcher-Tiedemann von der „Bewegung 2. Juni“ oder Katharina SchĂŒttler als Brigitte Kuhlmann von den RZ. Aber sie wie ihre revolutionĂ€ren Kollegen wirken sie wie aus einer anderen Welt, einem anderen Krieg – einer, der irgendwie klarer und ĂŒbersichtlicher ist, ernster und zugleich: lustfeindlicher, verbiesterter.
Einer mit einer Agenda.
Nicht, dass er unideologisch wĂ€re oder an nichts glauben wĂŒrde, aber so etwas fehlt Carlos eben, eine Agenda und vor allem: ein Ziel. Das macht ihn so effektiv, auch in diesem Biopic. Carlos ist die Bewegung, nicht im politischen, sondern im
dynamischen Sinne. Carlos, der mal eben so, ganz grausig, ins Haus des Marks & Spencer-MiteigentĂŒmers eindringt, ihn ins Gesicht schieĂt und wieder geht; der mal schnell eine Bombe in ein CafĂ© wirft, im Vorbeigehen.
Carlos bewegt sich wie ein Fisch im trĂŒben Wasser, soll Mitgliedern der Japanischen Roten Armee bei der Besetzung der französischen Botschaft in Den Haag helfen, verpasst sie aber, weil die Japaner den Weg erst nicht finden und dann die Sache alleine durchziehen. Die PFLP ĂŒberstĂŒtzte die JRA und umgekehrt; Weinrich, der Deutsche, wiederum besorgt den Wagen fĂŒr den Bazooka-Angriff auf dem Flughafen Paris-Orly (um Arafat zu diskreditieren), der statt der El-Al-Passagiermaschine, der aber daneben geht und trifft eine jugoslawische Frachtmaschine. Prompt versuchen es die PalĂ€stinenser es kurz darauf an derselben Stelle nochmal, was natĂŒrlich so dumm lĂ€uft, wie es sich anhört. Inklusive Geiselnahme im Klo.
Eine alltÀgliche gruselige Realsatire, eine echte Mafia-Parodie.
Carlos, nicht minder Söldner als Revoluzzer, arbeitet mal fĂŒr den Irak, mal fĂŒr Libyen oder RumĂ€nien. Bei der OPEC-Geiselnahme, von Bagdad gesponsert, sollen unbedingt der iranische Finanz- und der saudische Ăl-Minister getötet werden: Terrorismus als Krieg zwischen Staaten im Kleinen. Doch alles lĂ€uft nicht so, ist kompliziert, Flugzeuge dĂŒrfen doch nicht landen, also nimmt Carlos, der Pragmatiker, lieber das Geld. Kröcher-Tiedemann tobt als Idealistin, Macho und Macher Carlos, mit der verpatzten Aktion vollends zum Superstar des Terrorismus geworden, ist das reichlich egal.

Es gibt ihn einfach nicht, den Westen und schon gar nicht „den Osten“, sondern nur Taktieren und Konkurrenz und Feindschaft, doch zugleich verschwimmt alles zwischen Jemen, Lybien und Algerien, Sudan und Syrien, Budapest und Ost-Berlin: Carlos wird Subunternehmer des Terrorismus, schmuggelt Waffen fĂŒr die ETA, ist von der Stasi nicht gern gesehen, und als ihn der ungarische Geheimdienst in seiner mit Knarren und Sprengstoff vollgestopften Haus observiert, platzt ihm die Hutschnur: WĂŒtend schreiend umtigert er ihr Auto, ballert drohen drauf, dass den Beamten Angst und Bange wird. Als er sich abreagiert hat, geht Carlos wieder hinein.
CARLOS – ein Reisebericht durchs Tollhaus, das, wie alle TollhĂ€user von innen, ganz vernĂŒnftig aussieht.

VI.
Was fĂŒr ein Wissen muss man mitbringen? ErklĂ€rt CARLOS von den politischen und historischen HintergrĂŒnden, den Konstellation und Entwicklungen genug? Es gibt viele Treffen und Abmachungen, AuftrĂ€ge und Jobs, oft in Englisch als
Lingua franca; alles verwebt Assayas locker und unaufdringlich, und tatsĂ€chlich ist auch das eigentlich nur Staffage, weil in der Halb-, Unter- und Zwischenwelt der eine Zwist und die andere Freundschaft von irgendwelchen groĂen Entwicklungen beeinflusst sein mag, aber hier im Zwielicht (das stets auch etwas technokratisches hat), jenseits oder vor den Medien und GeschichtsbĂŒchern, keine tieferen Bedeutungen oder ZwangslĂ€ufigkeit aufweisen. Hier, in dieser Phase, in der sich die letzten Erfolgsmythen des Antikolonialismus vermischen mit den Endzeithysterien einem linken Sozialutopismus, denen schon die Auflösung droht in der Globalisierung und Durchökonomisierung – dem Ende der Geschichte am Horizont.

Das UnspektakulĂ€re des Spektakels passt auch in den AuswĂŒchsen; fast eine Stunde nimmt sich CARLOS Zeit fĂŒr die OPEC-Geiselnahme und den Irrflug mit den Ăl-Politikern, zeigt SchieĂerei und einen Hans Joachim Klein (Christoph Bach) mit Bauchschuss, der ins Krankenhauskommt und immer noch schwer verwundet in den Flieger transportiert wird. Carlos in Lederjacke und MaskenmĂŒtze, der jovial mit dem Vertreter seines Heimatlandes plaudert. Alles wird spannend und darĂŒber: nichts. Das Warten und das Bombenbauen, schnell, aufregend – und packend undramatisch. CARLOS ist keine Achterbahnfahrt, sondern ein stĂ€ndiges drĂ€ngendes Vibrieren, vor allem aber ein MĂ€andern, das die fĂŒnfstĂŒndige Miniserie ĂŒber jeden regulĂ€ren Spielfilm mit seinem Format hinaushebt. Die EntfĂŒhrung der Air-France-EntfĂŒhrung, die in Entebbe gestĂŒrmt wurde, wird nur gestreift – klar, hat mit Carlos direkt nix zu tun. Dann aber wieder folgen wir lange Hans Joachim Klein, der keinen Sinn mehr sieht, sich abgestoĂen davon fĂŒhlte, dass seine ehemaligen KampfgefĂ€hrten Böse und Kuhlmann auf dem Air-France-Flug mitwirkten, Israelis, Juden zu „selektierten“. In einer HĂŒtte im Wald schreibt sich Klein alles von der Seele, muss als Aussteiger vor seinen Kameraden fĂŒrchten. Einen Text mitsamt seiner Pistole schickte er dem
Spiegel, drohte mit weiteren EnthĂŒllungen. Als er seinen ehemaligen Genossen nicht mehr trauen kann, taucht er – ein weiteres Mal – ab. (Es folgte sein Buch
RĂŒckkehr in die Menschlichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen. 1998, nach rund einem Vierteljahrhundert im Untergrund, wurde er in Frankreich verhaftet, anschlieĂend nach Deutschland ĂŒberstellt. Seit 2003 ist er auf BewĂ€hrung entlassen und seit letztem Jahr begnadigt.)

CARLOS und mit ihm Assayas haben hierin vielleicht keine Antwort, wohl aber –
zumindest fĂŒr sich – einen ErklĂ€rungsweg gefunden, hinter die Faszination zu gelangen: ĂŒber das Aufwachen, den Kater, das DahindĂ€mmern nach der Party. Die Zeiten und mit ihnen Ă€ndern sich, auch fĂŒr Carlos, das groĂe Business des internationalen Terrorismus trocknet aus, die Farben der Bilder kĂŒhler, die Welt enger und kleiner. Die Berliner Mauer fĂ€llt und der Eiserne Vorhang, Carlos wird dicker und ein Dinosaurier. Man braucht ihn nicht mehr. Dieses Ende zieht groĂartig hin und ist Assayas nicht weniger Aufmerksamkeit wert als die Wiener Terroraktion: die Testikeluntersuchung beim Arzt genau soviel wie die Planung eines Anschlags. Der Plastiksprengstoff und die belegten Brötchen fĂŒr die OPEC-Geiseln. Alles ist Detail. Einzelne, groĂe und ikonische Bilder bietet CARLOS mit seiner Authentik-Kamera zugleich nicht, die lieber dabei sein will.
Syrien schmeiĂt Carlos hinaus und so landet er schlieĂlich im Sudan, wo ihn die Islamisten unter ihren Schutz stellen. Die Franzosen und Amerikaner sind ihm schon auf der Spur. Zuletzt ist es nicht mehr er, der herumreist, plant, der sich versteckt: Sudanische MilitĂ€rs holen ihn aus dem Krankenhaus, bringen ihn an einem geheimen Ort unter, liefern ihn am Ende aus. Carlos wird an Bord eines Fliegers nach Frankreich gebracht. In Handschellen und Schlafanzug, auf einer Trage mit Sack ĂŒber dem Kopf. 1994 war das.
Seine Zeit ist vorbei.
VII.
Ilich Ramirez SĂĄnchez alias „Carlos, der Schakal“, zu lebenslĂ€nglicher Haft verurteilt, ist im GefĂ€ngnis von Clairvaux eingesperrt, wo einst der Anarchist Peter Kropotkin einsaĂ. SĂĄnchez ist zum Islam konvertiert und hat seine AnwĂ€ltin Isabelle Coutant-Peyre geheiratet. Gegen CARLOS hat er geklagt und Ădgar RamĂrez in einem Brief als Landsmann Vorhaltungen gemacht. In seinem Buch ĂŒber den „revolutionĂ€ren Islam“ (
L'islam rĂ©volutionnaire von 2003) kombiniert er den Dschihadismus mit den marxistischen Revolutions- und Befreiungsthesen, denen er – immer noch? wieder? – anhĂ€ngt.

VIII.
Einige kritisieren den Terminus „transnationaler Terrorismus“ als neue Bezeichnung fĂŒr ein altes PhĂ€nomen. Was das LĂ€nder- und StaatenĂŒbergreifende anbelangt, mögen sie nicht Unrecht haben. CARLOS macht aber klar, dass es sehr wohl einen Unterschied gibt. Vielleicht sollte man nur die Adjektive vertauschen. Vielleicht war der verworrene Terrorismus der 1970er und 1980er eher transnational als heutige eher „internationale“.
Ein anderer Vergleich, diesmal filmische Natur: Sieht man CARLOS, denkt man natĂŒrlich an einen anderen aufwendigen Terrorismusfilm, eine Amphibienproduktion fĂŒrs Fernsehen und die Leinwand, klar: Bernd Eichingers und Ulli Edls DER BAADER MEINHOF KOMPLEX (BMK).
CARLOS ist viel besser, hört und liest man zurzeit hÀufig. Das ist richtig, aber auch ein bisschen zu einfach. CARLOS hat eine fesselnde durchgÀngige Hauptfigur und kann mit seinen 330 Minuten viel mehr erforschen, ausformen, entwickeln. Selbst die Kinofassung, die nun in Deutschland anlÀuft, ist mit 185 Minuten noch eine halbe Stunde lÀnger als die TV-Version des BMK.
Und wĂ€hrend der BMK eine Terrorismus-Geschichte eines Landes erzĂ€hlt, kennt so etwas CARLOS gar nicht: ein einzelnes Land. Er kann somit ahistorisch bleiben – und als Artefakt zeitlos. „Wahrer“ ist er dadurch noch lange nicht.
Vor allem aber ist es das ErzĂ€hlen selbst, das hier ein komisches Ungleichgewicht herstellt, d.h. die Dramaturgie, Inszenierung, der Rhythmus. Frank Schirrmacher schrieb 2008 in der FAZ: „
Wer die RAF und die Kultur der alten Bundesrepublik begreifen will, […]
darf keine Cinemascope-Filme, sondern nur Daumenkino machen“ (S. 25). CARLOS hĂ€tte dabei das Bombastkino mit seiner Figur und seinen Themen, den bizarren Momenten und BanalitĂ€t des Obskuren vertragen. Dass er nun den sachlichen, wundersamen und ein wenig „auĂerirdischen“ Ansatz bei allen schönen Bildern wĂ€hlt, der dem BMK viel besser getan hĂ€tte, macht ihn groĂartig.
Bernd ZywietzLiteratur:Knörer, Ekkehard / Rothöhler, Simon (2009): Der letzte Debordianer. (GesprÀch mit Olivier Assayas). In:
Cargo, Nr. 2, 26 - 35
Kopp, Magdalena (2007):
Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos. MĂŒnchen: DVA.
Schirrmacher, Frank (2008): Diese Frau brauchte mich ganz. Der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ ist eine Befreiung von der Erziehungsdiktatur. In:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Sept., S. 25 – 26.