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Kritik – Replik: Thomas Klein in filmdienst 07/10 über Harald Mühlbeyers "Perception is a Strange Thing. Die Filme von Terry Gilliam"

In filmdienst 07/10 besprach Thomas Klein in einer Sammelrezension neben meinem Buch „Perception is a Strange Thing.“ Die Filme von Terry Gilliam (Schüren-Verlag, Marburg 2010) auch Georg Seeßlens George A. Romero und seine Filme (Edition Phantasia, Joachim Körber Verlag, Bellheim 2010) und Roland Mörchens Ronin. John Frankenheimer und seine Filme (Vertigo-Verlag, München 2010).

„Die Filmanalysen und Schilderungen der teilweise haarsträubenden Probleme Gilliams mit der Filmindustrie sind genau und kenntnisreich; da schreibt einer, der sich mit den Filmen intensiv befasst hat“, bemerkt Klein zu meinem Buch. Ansonsten überwiegt der kritisch-tadelnde Blick: Er bemängelt neben einigen sprachlichen Holprigkeiten (die zu verzeihen seien) insbesondere den fehlenden „kulturelle[n] und gesellschaftliche[n] Kontext sowie eine genretheoretische Diskussion“.

„Die überbordende Fantasie Gilliams, der Traum als zentrales Motiv seiner Filme, die Produktion komplexer Systeme von Subtexten und die politische Aktualität einiger Filme werden zwar genannt, in den Analysen aber nur angerissen. Dabei bieten sich hier kontextuelle Anknüpfungspunkte; denn wie man spätestens seit Alexander Kluge/Oskar Negt weiß, ist die Fantasie ein wichtiger menschlicher Erfahrungsbereich.“ Weiter heißt es: „Einige Versuche, Gilliams Filme in einen politischen Zusammenhang zu stellen, geraten fast peinlich, weil keinerlei Literatur hinzugezogen wird. So wird der Anfang von „The Meaning of Life“, der als „The Crimson Permanent Assurance“ als eigenständiger kleiner Film Gilliams besprochen wird, zwar richtig als scharfer Kommentar „zu einem inhumanen Turbokapitalismus, in dem die Angestellten nicht mehr als Menschen, nur noch als Produktivkräfte angesehen werden“ beurteilt, woraufhin allerdings die Aktualität dessen darin gesehen wird, dass dieses „Gedankengut des Neoliberalismus die Welt in eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen überhaupt getrieben hat“. Der Autor (oder das Lektorat) hätte gut daran getan, diesen Satz wegzulassen oder sich mit dem vielschichtigen Begriff „Neoliberalismus“ näher zu beschäftigen.“

Und: Thomas Klein hat recht. Alexander Kluge und Oskar Negt bleiben in meinem Buch außen vor; auch habe ich mich nicht vertieft in Literatur zu politischen Zusammenhängen, in die Gilliams Filme gestellt werden könnten. Ich analysiere Gilliams Filme nicht hauptsächlich im Hinblick auf politische oder gesellschaftliche Aussagen, im Gegensatz zu Georg Seeßlen in seinem Romero-Buch, den Klein im selben Artikel ebenfalls, allerdings wohlwollend rezensiert und dem er bescheinigt, dass es ihm „einmal mehr“ gelinge, „dem Werk eines Regisseurs im gesellschaftlichen und kulturellen Kontext Kontur zu verleihen.“

Ja: Klein vermisst den kritischen Blick in meinem Buch, und nein: einen solchen wollte ich gar nicht bieten. Insofern hat Kleins Kritik durchaus seine Berechtigung, denn das, was er in meinem Buch suchte, konnte er – bedauerlicherweise – nicht finden. Er sieht in Romero einen der „bedeutendsten Gesellschaftskritiker des Kinos“ und in Gilliam seinen in dieser Hinsicht ebenbürtigen Kollegen – womit er zweifellos recht hat, allerdings außer Acht lässt, dass Gilliam nach „Brazil“ kaum mehr direkten Bezug zur politischen und gesellschaftlichen außerfilmischen Wirklichkeit nimmt – „12 Monkeys“ zeigt zwar die Selbstzerstörung der Menschheit, aber innerhalb einesVexierspiels zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn; „Fear and Loathing in Las Vegas“ nimmt Bezug auf die historische außerfilmische Wirklichkeit; und erst „The Imaginarium of Dr. Parnassus“ enthält wieder direkt satirische Spitzen etwa zu Konsumismus und Charity-Wahn.

Thomas Klein hat seinen Standpunkt zu Gilliam, der sich mit meinem nicht hundertprozentig deckt, er kann diesen Standpunkt begründen, und leider passt mein Buch nicht zu seinen Vorstellungen. Während Klein einen Blick auf die Welt durch das Prisma von Gilliams Filmen fordert, betrachte ich das Prisma selbst. Wobei ich natürlich auch sowohl der bunten Strahlenspur, die das Prisma aussendet, als auch der Quelle des weißen Lichtes, das in diesem Prisma gebrochen wird, nachzugehen mich bemühe. Ob dies gelungen ist, muss gesondert beurteilt werden – Thomas Klein tut es in seiner Rezension nicht.

Ein kleinsches Argument aber kann ich entkräften: „Selbst eine Bemerkung zu Gilliams eindeutiger politischer Positionierung, die ihn dazu bewog, die US-amerikanische Staatsbürgerschaft während der Bush-Regierung abzugeben, bleibt aus, ja wird nicht einmal erwähnt“, schreibt er. Gerne sei hierzu ein Zitat von Gilliam nachgereicht: Beim Filmfest München 2006 antwortete er auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion auf eine diesbezügliche Frage von Moderator Robert Fischer: „It’s partly political, partly tax, partly getting old and trying to simplify a too complicated life“ – eine ähnliche Aussage findet sich in einem Interview auf Dreams – The Terry Gilliam Fanzine (runterscrollen, drittletzte Frage). Dass Gilliam nicht zur politischen Rechten gehört, ist selbstverständlich – man muss sich nur eine beliebige halbe Minute Monty Python anschauen. Seine Aufgabe der US-Staatsbürgerschaft freilich war kein rein politischer Akt. Und auf ebensolche Weise können meiner Meinung nach auch Gilliams Filme nicht allein auf politische Aussagen bezogen werden – wer sie auf diese Weise eindeutig macht, reduziert sie und wird ihnen keinesfalls gerecht. Finde ich.


Harald Mühlbeyer



Wer trotz Thomas Kleins Verriss das Gilliam-Buch kaufen möchte, wird in unserem Online-Shop fündig.

Die Informationsseite des Verlags über das Buch inklusive Leseproben HIER.

Kritik auf Schnitt.de HIER.

Kritik auf digitalvd.de HIER.

Terry Gilliams "Imaginarium of Dr. Parnassus"

Am Donnerstag, 7. Januar 2010, startet Terry Gilliams neuester Film "Das Kabinett des Dr. Parnassus" / "The Imaginarium of Dr. Parnassus" in den deutschen Kinos.

Ein großartiger Film mit überwältigenden fantastischen Bildern, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat; der letzte Film mit Heath Ledger, der beim Eintritt in magische Welten durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt wird...

Schon auf dem Münchner Filmfest waren unsere Redakteuer Andreas Rauscher und Harald Mühlbeyer begeistert:

"Dem Regisseur von Klassikern des neueren phantastischen Films wie „Time Bandits“ und „Brazil“ gelang eine bildgewaltige Urban Fantasy, die eine treffsichere und gegenwartsbezogene Alternative zum martialischen Eskapismus anderer Vertreter des Genres entwirft." - Schrieb Andreas Rauscher, der den Film auch gleich für seine Top 5 des Jahres 2010 reserierte (dem Link folgen, dann runterscrollen).

"Unbeschreiblich. Einfach unglaublich.
Terry Gilliam vollbringt Leinwand-Wunder: Bildwelten, wie man sie noch nie gesehen hat, wie man sie auch nie wieder sehen wird, von einem anderen Regisseur sowieso nicht, von Gilliam wahrscheinlich auch nicht [mehr] - er hat es ja jetzt vollbracht, aus sich herausgeholt, die Phantasie vom "Imaginarium of Dr. Parnassus"." - Schrieb Harald Mühlbeyer.

Redakteur Mühlbeyer hat auch gleich noch ein Buch zum Regisseur Gilliam hinterhergeschoben! Aus Verlagskreisen verlautet, dass es am 13.1. die Druckerei verlassen wird - also einfach eine Woche lang "Parnassus" im Kino anschauen, und dann das Buch dazu lesen! Sie können es einfach in unserem Online-Shop vorbestellen.

Ein Interview von Mühlbeyer mit Terry Gilliam über "Tideland" finden Sie auf Screenshot.

Eine Leseprobe auf den Seiten des Schüren-Verlags.

Bei Libreka können Sie im Buch blättern.

Auf der Homepage des österreichischen Kinomagazins ray ein etwas überarbeiteter Auszug aus dem "Kabinett des Dr. Parnassus"-Kapitel.

Comedy-Schiffbruch: Graham Chapmans „Dotterbart“ / „Yellowbeard“

von Harald Mühlbeyer

Großbritannien 1983. Regie: Mel Damski. Buch: Graham Chapman, Peter Cook.
Darsteller: Graham Chapman (Yellowbeard), Eric Idle, John Cleese, Marty Feldman, Peter Boyle, Madeline Kahn, James Mason, Martin Hewitt, Cheech Marin, Tommy Chong, Kenneth Mars, Spike Milligan.
Keine Extras.
Länge: 88 Minuten
Label: Concorde Home Entertainment


„Dotterbart“ statt „Yellowbeard“: Da wollten die deutschen Titelerfinder mal ganz deutlich machen, dass es sich bei dem Film um eine Komödie handelt. Nicht dass da einer noch was verwechselt, schließlich spielen ja nur die Hälfte von Monty Python, fast der ganze Cast von Mel Brooks „Young Frankenstein“, Cheech und Chong und noch ein paar mehr Komiker mit. Und tatsächlich: einen weiteren deutschen Titel gibt es auch noch, „Monty Python auf hoher See“.

Yellowbeard, der gefürchtete Pirat, sitzt 20 Jahre lang im Gefängnis, verrät aber trotzdem keinem das Versteck eines immensen Schatzes. Und alle sind hinter ihm her: Sein alter Rivale Moon ebenso hinterher wie der Geheimdienst und ein durchgeknallter spanischer Conquistador, dem das Gold ursprünglich mal gehört hat. Yellowbeard macht sich nach der Flucht aus der Haft auf den Weg in die Karibik, alle hinterher, ein großes Durcheinander.

Tatsächlich ist der Film vor allem als ein All-Star-Comedy-Vehikel interessant; der Abspann ist ein Who is Who der Lustigen, und zwar der wirklich Lustigen: So ist Eric Idle ein böser Geheimdienstmann, der sich als harmloser Marineoffizier ausgibt; John Cleese spielt einen blinden Spitzel, bis er plötzlich in die Luft gesprengt wird; und Graham Chapman in der Titelrolle ist wohl so was wie das Mastermind hinter dem Film, er hat auch das Drehbuch mitgeschrieben. Dazu Cheech und Chong als Spanier, aber ohne Joint; Peter Boyle, der bei Mel Brooks das Monster war, Madeline Kahn ist auch Brooks-Veteranin; genau wie Marty Feldman, der sowieso urkomisch ist, zudem alter Cleese-Chapman-Comedykollege; und der während der „Yellowbeard“-Dreharbeiten gestorben ist – tatsächlich fällt einem am Schluss irgendwann auf, dass Feldman aus dem Film verschwunden ist.

Wobei: Es geht sowieso drunter und drüber, und nur mühsam hält die Handlung ihre Szenen zusammen; da kann schon mal irgendwas oder irgendwer durchs Raster fallen. Und das tut es auch: Denn so ist das halt, wenn Chapman dabei ist, man weiß es aus diversen Aussagen von Python-Kollegen: Chapman war faul, hat nicht sehr viel beigetragen, ist mit seiner Pfeife im Mund in der Ecke gesessen – und war genau deshalb brillant: denn wenn er etwas sagte, dann gab er den entscheidenden Dreh. Als Cleese an einem Sketch arbeitete über einen ignoranten Verkäufer, murmelte er schlicht „Parrot“ – und ein Klassiker um einen toten Papageien war geboren...

„Yellowbeard“ nun scheint ebenfalls von Chapman als Zuträger profitiert zu haben; allerdings nur von Zugetragenem, ohne dass eine starke Ausgangsidee oder ein stabiles Strukturgerüst vorhanden wäre. Eine Menge Gags, komische Ideen, Verdrehungen und Verwurstungen sind da aufeinandergeworfen, und das ist auch gar kein Fehler – leider hatte Chapman wohl kein genügend starkes Gegenüber, das die Ideen auch weiter ausführen, weiter treiben, wirkungsvoll zu einem Abschluss bringen konnte; obwohl Co-Autor Peter Cook ja auch einer der britischen Comedy-Urgesteine war, Cleese- und Chapman-Kollege aus alten“Cambridge Footlights“-Tagen...

Da ist der humane, oder besser: verweichlichte Sohn von Yellowbeard, der noch keinen einzigen Menschen getötet hat! Unbegreiflich für den blutrünstigen Pirat. Aber ach: dieser lustige Konflikt wird nur recht läppisch angeklebt, und nichts folgt daraus. Ebensowenig aus der Vergewaltigungssucht von Yellowbeard, vor dem keine Frau sicher ist – was aber wohl auch aus Jugendschutzgründen nicht weiter ausgeführt wird, dabei haben doch die Frauen auch viel Spaß, wenn sie vom Piraten genommen werden... Dass auf einem Schiff der königlichen Marine keine Frauen erlaubt sind, führt zu ein paar Gags, wie trotzdem versucht wird, Frauen aufs Schiff zu schmuggeln; später ist einer der Offiziere eine Frau in Männerkleidung („Mister Prostitute“), aber auch daraus ergibt sich nichts: Lustig wird angefangen, unlustig beendet.

Am Schluss wird’s wieder interessant, da gibt’s eine große Schlacht im Fort des Conquistadors, und der stellt eine Falle: seine Kämpfer sollen sich tot stellen beim Angriff und dann den Briten in den Rücken fallen. Also wird spielerisch gestorben, was das Zeug hält, der Chef begutachtet das ganze während der Schlacht, gibt Tipps zum richtigen Hinfallen, kritisiert zu großen Pathos... Das nun ist wirklich nicht nur schön ausgedacht, sondern auch zu Ende gebracht und effektiv-pointiert inszeniert (was auch nicht immer der Fall ist in diesem Film) – und dann kommt ja schon der Abspann, und man staunt, wer da alles auftaucht. David Sherlock als historischer Berater: der Lebensgefährte von Graham Chapman!

Ja, natürlich ist der Film lustig; aber man merkt: vor allem lustig geschrieben, das Drehbuch zu lesen muss wirklich köstlich sein. In der filmischen Ausführung: da hapert es.
Weshalb der Film empfehlenswert ist für alle, die sich fürs Komische interessieren: Weil hier eine Riege geniale Witzbolde in der Ausführung des Komischen ziemlich versagt.


Diese DVD können Sie bequem in unserem Online-Shop bestellen!

„Tideland“: Magisch und schön

Terry Gilliam über seinen jüngsten Film „Tideland“, über Depressionen und die Sixties

von Harald Mühlbeyer

Dieses Interview ist auch Teil des ersten deutschsprachigen Buches über Terry Gilliam:
Harald Mühlbeyer: „Perception is a Strange Thing“. Die Filme von Terry Gilliam. Schüren Verlag, Marburg 2010. 240 Seiten, 24,90 Euro.
Darin bespricht Screenshot-Redakteur Mühlbeyer alle Gilliam-Filme – von Python bis Parnassus. Das Buch erscheint zum Kinostart von „Das Kabinett des Dr. Parnassus“.
In unserem Online-Shop können Sie das Buch bequem vorbestellen - auch wenn Amazon noch kein Umschlagbild zur Verfügung stellt...


“Tideland“ ist die kleine Schwester zu den „Brothers Grimm“.
Nach seinem phänomenalen Abgesang auf die Goldene Zeit der Sechziger in „Fear and Loathing in Las Vegas“ arbeitete Terry Gilliam an verschiedenen neuen Filmprojekten – und scheiterte fortwährend; am bekanntesten ist sicherlich der Untergang seines Don Quixote-Projektes im Herbst 2000, das nach einer Woche Dreharbeiten aus widrigsten Umständen hat abgebrochen werden müssen. Also – mehr oder weniger, um überhaupt zu arbeiten – übernahm Gilliam die Regie bei dem Weinstein Bros.-Produktion „The Brothers Grimm“, Dreharbeiten im Sommer 2003. Ein Alptraum für den individualistischen, widerspenstigen Regisseur, ließen ihm doch die grimmigen Weinstein-Brüder kaum Zeit, das (ziemlich schlechte) Drehbuch zu überarbeiten, verweigerten ihm seine Wunsch-Hauptdarstellerin und feuerten nach drei Drehwochen den Kameramann. Auch während der Postproduktion gab es Streit; und so wandte sich Gilliam kurzerhand seinem „Tideland“-Film zu, einem der Prä-Grimm-Projekte, für das Produzent Jeremy Thomas nun endlich die Finanzierung stemmen konnte als britisch-kanadische Co-Produktion.

Das war ein Novum in Gilliams Geschichte als Filmemacher: Dass er an zwei Filmen gleichzeitig arbeitete, die dann auch innerhalb eines Monats im Frühherbst 2005 ihre Uraufführungen erlebten. Dabei entpuppte sich „Brothers Grimm“ als ein Hybride, der irgendwo zwischen formelhaftem Hollywood-Blockbuster und Gilliam-Vision steckenblieb. Und der folglich an der Kinokasse unterging. Während „Tideland“, ohne Hollywood-Geld realisiert, jahrelang auf einen Verleih in Großbritannien und den USA warten musste und in Deutschland – welch Armutszeugnis – überhaupt nicht ins Kino kam. Nun endlich, über zwei Jahre nach der Premiere, erscheint „Tideland“ auch in Deutschland auf DVD.

Immerhin ist die Doppel-DVD von Concorde Home Entertainment angemessen für diesen eigenwilligen (und schon deshalb großen) Film: Sie enthält unter anderem einen dialogischen Audiokommentar von Gilliam und Co-Autor Tony Grisoni und ein Making of von Vincenzo Natali („Cube“, 1997), dazu viele informative Interviews - und eine Synchronisation, die nicht misslungen ist.

Diese stiefmütterliche Direct-to-DVD-Behandlung des Films liegt möglicherweise daran, dass „Tideland“ den Zuschauer fordert. Man ist gezwungen, sich auf den Film einzulassen – und damit auf die Perspektive der zehnjährigen Jeliza-Rose, die in desolanten Verhältnissen bei drogensüchtigen Eltern aufgewachsen und die auf sich selbst angewiesen ist, seitdem ihr Vater im Sessel vor sich hin verwest. Sie streift durch das hohe Gras rund um ein halbzerfallenes Farmhaus und versucht, die Welt zu verstehen, ihr einen Sinn zu unterlegen aus all dem Stückwerk, das ihr bisher geboten wurde von den heruntergekommenen Eltern und einem verblödenden TV-Konsum. Sie unterhält sich mit ihren verratzten Barbiepuppenköpfen, liest „Alice im Wunderland“ und trifft auf die Nachbarn, der unheimlichen Leichenpräparatorin Dell und den lobotomisierten Kindskopf Dickens, der sich als Kapitän im Kampf gegen einen bösen Hai sieht. Mitten in den herbstlichen Feldern von Texas…

Keine leichte Kost, und sicherlich nicht popcorngeeignet. Denn der Film lässt sich ganz auf die Erlebniswelt von Jeliza-Rose ein, übernimmt mehr und mehr ihre Sichtweise der Welt, um dann wieder kurze Blicke auf die wahre Realität der Verhältnisse zuzulassen. Ein Spagat, bei dem man sich bewusst mitspreizen muss. Und selbstverständlich ist dieses willige Sich-Fallen-Lassen für den Zuschauer leichter in einem Kinosaal, in der gemeinschaftlichen Filmlektüre vor großer Leinwand, als zuhause im Sessel mit DVD auf Bildschirm.
Doch nur wenige können sich glücklich schätzen, „Tideland“ im Kino gesehen zu haben – beim Filmfest München 2006, auf der eDIT Frankfurt 2006, beim Wiesbadener Exground 2006.

In München, im Juli 06, hatte unser Redakteur Harald Mühlbeyer die Möglichkeit, Terry Gilliam zu interviewen. Bei ca. 35° Celsius abends um halb 11 hatte Screenshot eine halbe Stunde Zeit – viel zu wenig, aber Gilliam ist Mitte 60 und muss auch mal ins Bett…



Screenshot: Sie haben sich bei „The Brothers Grimm“ und „Fear and Loathing in Las Vegas“ als Dress Pattern Maker bezeichnet. Ist das eine wirkliches theoretisches Konzept, einen Film nach einem vagen Schnittmusterplan zu drehen, oder nur ein Witz, wenn Sie keinen Drehbuch-Credit bekommen?
Terry Gilliam: Das beruht auf Dingen, die bei „Fear and Loathing“ und wieder bei „Grimm“ passiert sind, für die sowohl Miramax als auch die Writer’s Guild verantwortlich sind. Wir, Tony Grisoni und ich, haben keinen Autoren-Credit bekommen, deshalb nannten wir uns Dress Pattern Maker, als ich „Grimm“ veröffentlichte. Ich sagte, wir machen keine Filme mehr nach Drehbuch, sondern nach einem Schnittmuster. Die Writer’s Guild wollte uns aber sogar verbieten, uns Dress Pattern Makers zu nennen, sie wollte uns jeden Drehbuchcredit verweigern. Diese ganze Organisation ist mit ihren Regeln so lächerlich. Ganz ans Ende von „Grimm“ wollte ich einen Credit setzen „In Memory of Tony Grisoni“, aber die Writer’s Guild ließ uns selbst das nicht tun. Denn das hätte angedeutet, dass er etwas von „Brothers Grimm“ geschrieben hat.

Zu Anfang der Grimm-Produktion waren bei imdb noch Gilliam und Grisoni als Drehbuchautoren gelistet, aber die Namen sind dann verschwunden.
Es war so: Miramax, bzw. Dimension, was die gleiche Firma ist, haben unsere Namen vom Drehbuch genommen. Auf dem Drehbuch standen drei Namen: Ehren Kruger, Tony Grisoni und meiner. Aber als sie das Drehbuch bei der Writer’s Guild einreichten, haben sie Tonys und meinen Namen gestrichen und nur Ehren stehen lassen, weil Ehren der Lieblingsautor von Bob Weinstein ist. Wenn das Script bei der Writers Guild ankommt, kommt der offizielle Moment. Und für einen Credit hätten Tony und ich zwei Drittel des Drehbuchs schreiben müssen. Also habe ich gesagt, dass ich als Regisseur keine Nennung brauche, dann hätte es für Tony gereicht, die Hälfte geschrieben zu haben. Aber Tony war so wütend darüber, dass er seinen Credit auch ablehnte. Weil sich die Writer’s Guild nicht für die Wahrheit interessiert. Also hat Ehren den vollen Drehbuchcredit bekommen. Wer eine Einzelnennung hat, erhält auch mehr Geld, also hat Ehren nichts gesagt. Ich finde das alles einfach obszön.

Wenn man sich die Literatur über Terry Gilliam ansieht, scheint es, als gäbe es bei Ihren Filmen immer nur Probleme. Liegt das an Ihnen, oder ist es immer der böse Produzent?
Nein, das liegt hauptsächlich daran, dass ich faul bin. Deshalb führe ich kein Tagebuch, und so lasse in Journalisten ans Set, während ich den Film drehe. Denn mein Gedächtnis ist schrecklich, und ich vergesse hinterher immer alles – das ist auch der Grund, warum ich weiter Filme mache: Ich vergesse, wie so ein Dreh abläuft. Ich gebe den Journalisten freie Hand, ich stecke mir ein Mikrophon an und lasse sie machen. Ich zensiere nicht, was sie machen, sie haben also die Möglichkeit, wahrheitsgetreu über den Dreh des Films zu berichten. Und deshalb sieht es so aus, als hätte ich immer Probleme. Das stimmt zwar, aber jeder Filmemacher hat Probleme. Das ist nichts Einmaliges. Ich denke, einmalig ist bei mir nur, dass jemand die Probleme aufschreibt. Wenn man heute normalerweise ein Making of oder ein Behind the Scenes sieht, ist es eine PR-Aktion des Studios, glückliche Menschen erklären, wie wunderbar der Film war. In „Lost in la Mancha“ bin ich am Anfang glücklich und enthusiastisch, und dann irgendwann werde ich immer bitterer... Dieser Film zum Beispiel zeigt mich, wie ich wirklich bin. Meine Frau findet, dass ich immer so bin: unglücklich, deprimiert. Das stimmt auch, wenn ich auch in der Öffentlichkeit immer lache und den Fröhlichen spiele.

Gestern bei der Diskussion beschwerten Sie sich über Journalisten, die Sie fragten, für welches Publikum Sie den Film „Tideland“ gemacht haben. Ich muss sagen, ich verstehe diese Frage auf gewisse Weise: Bei der Pressevorführung sind vier oder fünf Journalisten hinausgegangen.
Oh, das ist sehr gut, nur vier oder fünf! Ich hätte mehr erwartet!

Das Kino war ziemlich klein.

Oh, es hätten sogar mehr sein dürfen! Und wenn Sie sagen: Was ist Ihr Publikum – ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ein Publikum ist. Was ich kenne, sind individuelle Menschen. Es ist ganz einfach: Dieser Film hat nichts zu tun mit deinem Alter, sondern mit deiner Einstellung. Und es scheint mir, dass Menschen, die mit sich selbst im Reinen sind, es mit dem Film leichter haben. Wer mit sich selbst weniger im Einklang ist, für den wird der Film schwieriger sein. Das ist es. Wenn ich zurück in London bin, werde ich versuchen, Vorführungen für Jüngere zu organisieren, für 11, 12, 13-Jährige, um zu sehen, wie sie den Film aufnehmen. Ich weiß, wie 14jährige reagieren, sie mögen ihn wirklich, weil sie sich mit ihm identifizieren. Die Mädchen zumindest, bei Jungen weiß ich es nicht.

Es ist einer Ihrer verstörendsten Filme, denke ich.
Ja, stimmt, denn er behandelt Themen, die ständig in den Medien vorkommen. Bei uns geht es um Tod und um Sex und um Pädophilie. Nein, nicht wirklich um Pädophilie, aber viele Menschen wollen darüber reden, obwohl es im Film gar nicht darum geht. Ihre Reaktion bei einer Szene zwischen Jeliza-Rose und Dickens, wenn sie sich küssen, bringt bei ihnen die Idee von Pädophilie auf, denn Dickens ist körperlich ein Erwachsener, mental aber ist er ein Kind.

Es ist eher Nekrophilie im Film.
Oh, da ist eine Menge Nekrophilie im Film, ja. Es geht um mentale Beschädigungen und um sehr traurige Menschen. Und Jeliza-Rose ist im Grunde die Unschuldige, die da hindurchtreibt. Sie ist auch die mit der meisten Energie, mit dem meisten Leben. Ihre Eltern sind komplett kaputt, Dell ist eine sehr traurige Figur, Dickens ist sehr geschädigt, aber er teilt auch ihren Enthusiasmus und ihre Fähigkeit, sich bestimmte Dinge vorzustellen. Aber seine Einbildungskraft ist enttäuschend für sie. Wenn er von seinem Unterseeboot erzählt und von Seefahrten, dann geht sie richtig mit, aber wenn sie dann sein U-Boot betritt: Uh, was ist das für Müll! Wie furchtbar! Aber sogar dadurch hört sie nicht auf, träumen zu wollen.

Das Drehbuch hat eine ungewöhnliche Struktur. Es folgt ganz der unkontrollierten Vorstellungskraft des Kindes.

Ich weiß. Viele mögen den Film nicht, weil er keine Struktur hat, die sie verstehen können. Für viele ist das schwierig, weil wir so vorprogrammiert sind für bestimmte Strukturen. Wir sind an sie gewöhnt. Und das war es, was ich an dem Roman gemocht habe: Ich habe nicht gewusst, wo er hinwill, ich musste immer weiterlesen. Kann ich also das Interesse der Leute aufrechterhalten und sie dazu bringen, beim Film zu bleiben, obwohl die Struktur so ungewöhnlich ist? Filmstrukturen haben sich Popsongs angeglichen, damdadamdadam, Mittelteil, damdadamdadam. Wir kennen das, und wir fühlen uns wohl dabei. Beim Film ist es genauso: Wir kennen die Struktur, und wir mögen das. Aber ich sage: Fuck it. Diese Struktur ist, was sie ist.

Es ist ganz Anti-„Brothers Grimm“. Dort haben wir die strenge Dreiakt-Struktur.
Ja, da haben wir eine sehr normale Struktur. Dam, dam, dam. Dieser ist anders, und ich denke, das ist gut. Und die einzige Frage für mich war beim Dreh und beim Schnitt: Können wir das Interesse des Publikums aufrechterhalten, auch wenn die Struktur ganz anders ist als was man sonst gesehen hat. Man kann sich nicht auf die Struktur verlassen, aber kann das Publikum bei den Charakteren bleiben? Sind sie genug an den Figuren interessiert, können sie sich genug damit identifizieren, um die ungewöhnliche Struktur auszuhalten?

Die Charaktere sind ebenfalls sehr bizarr.

Ja, natürlich. Wenn Sie also fragen: Wer ist das Publikum – ich weiß es nicht. Meine alberne Antwort ist immer: Der Film ist für Leute, die ihn mögen, und nicht für Leute, die ihn nicht mögen. Das ist das Publikum. Manche Leute überraschen mich aber, wenn jemand, von dem ich es nicht erwartet hätte, den Film mag. Ich denke, es ist wie eine andere Sprache, und ob man sie erlernen will oder nicht. Weil der Film ein Low-Budget-Film ist, muss ich nicht so viel Geld machen, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Für mich ist ein erfolgreicher Film einer, der kein Geld verliert. Wenn er einen Dollar Gewinn macht, ist es ein großer Erfolg.

Die Bilder in „Tideland“ sind auch anders als in Ihren anderen Filmen. Sie sind nicht vollgestopft, sondern weit und ausgedehnt, sie verstärken die Einsamkeit von Jeliza-Rose.

Ja, das hat Spaß gemacht. Es war neu für mich, deshalb wollte ich es so machen. Da ist ein Atmen in diesem Film, die Außenaufnahmen lassen einen Aufatmen: Ah, das ist wunderbar! Es ist frei, es ist groß, wir können atmen und rennen. Innen, im Haus aber verrottet und verfällt alles, es ist gefährlich da, man weiß nicht, was vor sich geht.

Außen ist aber auch alles tot: kahle Bäume, braunes, dürres Gras.
Sie sind depressiver als ich es bin.

Ich weiß nicht, ich bin nicht wirklich deprimiert.
OK, das Gras scheint tot zu sein, aber es ist Herbst, es ist also nicht tot, sondern kommt wieder. Das ist die Natur außen, sie stirbt und ersteht wieder. Im Haus ist es nicht so klar, alles verfällt, aber wir wissen nicht, ob es jemals wieder zum Leben zurückkehrt.

Da gibt es diesen Begriff des Hamster-Faktors, dieses kleinen, versteckten, symbolischen Details in einem Gilliam-Film. Gibt es so etwas in Tideland?
Nicht so sehr. Die Details sind eher einfach die Kleinigkeiten, die die wirkliche Welt ausmachen. Es ist alles recht offen, es gibt viel weniger Hintergrund, denn der ist einfach die Welt. Es gibt nicht so viele versteckten Überraschungen. Aber ich kann sagen: Wenn man den Film ein zweites Mal sieht, ist er trotzdem anders. Viele, mit denen ich geredet habe und die den Film zweimal gesehen haben, haben ihn das zweite Mal anders gesehen. Denn man kann dann mehr entspannen. Beim ersten Ansehen waren sie sehr nervös, weil wir sie einen Weg führen, von dem sie denken, dass alles sehr schlimm wird. Aber das wird es nicht. Zumindest nicht auf die Weise, die man erwartet. Beim zweiten Mal ist man also entspannter. Ein Journalist in Paris, der aus Lyon kam, sagte mir, dass er das erste Mal, als er den Film sah, ihn nicht mochte. Er war angeekelt und verstört. Aber er mochte meine anderen Filme und sagte sich: Ich muss „Tideland“ nochmal sehen. Und beim zweiten Mal bemerkte er, dass er sehr sanft ist, zärtlich und liebevoll. Und er hat den Film geliebt, hält ihn für wunderbar. Das ist auch bei anderen passiert, mit denen ich gesprochen habe, dass das zweite Mal die Sicht auf den Film verändert hat. Beim ersten Mal fühlt man sich oft unbehaglich und unsicher, man sagt: Ich will nicht dahin, wohin du mich führst. Aber wenn man das erste mal überlebt hat, sieht man ihn beim zweiten Mal, wie er ist.

Das Ende des Films ist etwas ambivalent. Da ist ein katastrophales Unglück und da ist etwas wie der Kern einer neuen Familie, vielleicht, aber sogar die Glühwürmchen bedeuten für beide Übriggebliebenen etwas ganz Verschiedenes. Es ist wie ein großes, ironisches Missverständnis.
Über das Ende hat jeder seine eigene Meinung, wie es zu deuten ist. Ich werde meine nicht sagen. Bei der Vorführung gestern hat mich eine Frau gefragt, warum da ein Unglück ist, warum da Menschen sterben müssen, damit Jeliza-Rose überleben kann. Well, that’s life, folks. Menschen sterben in großer Anzahl, andere überleben. Japaner verstehen das viel besser, dieses apokalyptische Ende, an dem die Erde stirbt und wiedererneuert wird. Dort versteht man diese Erneuerung viel besser.

Wie der Herbst in der Natur.

Genau, alles ist Herbst. Es muss Winter werden vor dem Frühling. Das Unglück ist der Winter. Aber viele sehen es nicht so, sie fühlen sich gestört, wenn all die Menschen sterben müssen. Sehen Sie sich „12 Monkeys“ an, da sterben fünf Milliarden Menschen, aber die Welt geht weiter, und die Menschheit überlebt. So ist es immer. Im Ersten Weltkrieg starben 14 Millionen Menschen, und dann kam die Grippe-Pandemie und 18 Millionen starben. Das vergessen wir oft, dass es viel Tod gibt. Jeder hängt nur am Leben, an jedem Stückchen Leben.

Wobei es in „12 Monkeys“ eine Kreisbewegung ist, der Zuschauer weiß, wo man wieder herauskommt, und immer so weiter.
Ja, Sie haben Recht.

Während es in „Tideland“ weitergeht, und man weiß nicht, wohin es mit Jeliza-Rose geht. Wird sie verrückt, oder lebt sie „normal“ weiter.

Ja, vielleicht waren diese wenigen Tage die interessantesten ihres Lebens. Vielleicht wird sie ein normales, bürgerliches Leben führen und immer an diese Tage zurückdenken, als das Leben außergewöhnlich war. Ich weiß es nicht. Als wir den Film gedreht haben, hatten wir einen Witz darüber. Denn beim Dreh hat man viel Zeit, die man nur mit Warten verbringt, und man denkt sich dann Theorien aus, was im Film wirklich vor sich geht. Und unsere Theorie war: Jeliza-Rose ist ein Serienkiller. Sie tötet ihre Mutter, tötet ihren Vater, tötet Dickens und vielleicht ist die freundliche Frau am Ende ihr nächstes Opfer.

Hier sind wir bei einem Gedanken von mir. Denn natürlich steckt „Psycho“ in „Tideland“ drin, aber da steckt auch „Texas Chainsaw Massacre“ drin, denke ich.
Ich habe nie an „Texas Chainsaw Massacre“ gedacht. Viele Menschen sehen das, aber ich hasse „Texas Chainsaw Massacre“. Ich liebe „Psycho“. An „Texas Chainsaw Massacre“ habe ich überhaupt nicht gedacht.

Aber Dell und die Leiche des Vaters, in die sie ihr Messer stößt…
Das ist etwas anderes. Das ist die Tätigkeit einer Mumifizierung. Und es geht um ihre Liebe für diese Menschen, sie will sie nicht loslassen. Und das ist ganz anders als in „Texas Chainsaw Massacre“. Das Messer in der Leiche: Das ist einfach nur ein Körper hier. Sie will ihn konservieren, aber andererseits ist es nur ein toter Mann.

Für mich macht sie eine Art Witz für Jeliza-Rose, wenn sie mit großer Gebärde das Messer in die Leiche stößt.
Ja, richtig. Dell ist eine sehr seltsame Person, aber nicht bösartig. Sie ist traurig, sie will die Dinge festhalten. Und sie fühlt sich unbehaglich mit anderen Menschen, mit der Gesellschaft. Sie will es einfach machen für Jeliza-Rose: Hey, es ist nur ein Körper! Das ist der Gedanke, ein Witz fast. Sicher, sie ist verrückt, aber nicht verrückt und gefährlich, sondern verrückt und traurig, weil sie einmal geliebt wurde.
Das ist eine Seite des Films, mit dem ich bewusst spiele. Ich nehme diese Dinge, von denen ich weiß, dass sie die Leute verstören und an andere Dinge erinnern, aber ich versuche zugleich sie zum Nachdenken zu bringen. Es hat zu tun mit „Psycho“, mit der Beziehung zwischen Anthony Perkins und seiner Mutter. Das ist sehr traurig, er will an dem festhalten, was er liebt. „Chainsaw Massacre“ hat nichts damit zu tun, da geht es um Misanthropie und Brutalität. Ich hasse diesen Film. Ich habe vielleicht ähnliche Bilder, aber sie haben vollständig andere Bedeutungen. Und es ist interessant, ob die Menschen die wirkliche Bedeutung erkennen oder nur die oberflächliche Ähnlichkeit mit etwas anderem.

Ich habe ebenfalls an Polanskis „Ekel“ gedacht.

Nein, daran habe ich nicht gedacht.

Dort ist die Frau, die verrückt wird, weil sie allein ist, und gleichzeitig vergammelt etwas, ausgerechnet ein Kaninchenbraten. Das ist wie Jeliza-Rose und ihr toter Vater.
Ja, natürlich, das steckt drin, aber ich habe nie daran gedacht. Was interessant ist: All das habe gar nicht ich geschrieben, es steckt im Roman von Mitch Cullin, ich habe nur das Buch gelesen und gemerkt, dass es in mir nachhallt. Und meine direkte Reaktion war: Machen wir den Film, denn er wird einige verrückt machen und anderen eine gute Zeit bescheren. Auf dem kanadischen Poster sagt David Cronenberg „ein poetischer Horrorfilm“. Wir behandeln also Elemente des Horrorfilms, aber nicht in derselben Weise. Wir nehmen also etwas, was den Leuten bekannt ist, und machen es mit einer bestimmten Denkhaltung zu etwas anderem.

Aber natürlich haben Sie die Anspielungen auf „Alice im Wunderland“ verstärkt, ich glaube, im Buch gab es keine so expliziten Verweise. Und damit, finde ich, schließt sich ein Kreis zu „Jabberwocky“.

Finden Sie? Ich glaube nicht, dass es da irgendwelche Verbindungen gibt.

Naja, ich denke mir viele Theorien aus. Und ich denke: In „Jabberwocky“ prallen zwei Märchen aufeinander, und in „Tideland“ zwei verschiedene Fantasiewelten von Jeliza-Rose und Dickens, die dann nicht zum Happy End, sondern zur Katastrophe führen.
Ich denke, „Jabberwocky“ ist ein viel klareres Zusammentreffen zweier Märchen. Und daran habe ich bei „Tideland“ gar nicht gedacht. Hier spiele ich mit der vorgefassten Meinung der Zuschauer, die glauben zu wissen, wohin der Film führt. Aber weil es um Fantasiewelten geht, mögen Kinder den Film. Wenn Jeliza-Rose am Ende in diese Katastrophe hineingeht und sich umschaut, und dann ergibt plötzlich alles einen Sinn: Das hat Dickens vollbracht, er ist ein Held, und wir werden glücklich bis ans Ende unserer Tage leben! Aber natürlich ist es nicht so. Das ist der ultimative Moment, wenn ihre Vorstellung ihr nicht hilft. Menschen sterben und sind tot, und sie kommt an, ganz unschuldig, und hält es für eine große Erfolgsgeschichte. Aber das ist es nicht, und sie ist verloren in diesem Moment. Und nun weiß sie nicht mehr, woran sie sich festhalten soll, nichts ergibt mehr einen Sinn. Ihre Fantasie hat versagt. Da ist die ganze Realität um sie, der Tod und das Sterben, und sie merkt: Ist Dickens auch tot? Das einzige, was ihr am Ende bleibt, ist die nette Frau und ihre Freunde, die Glühwürmchen. Es gibt immer noch Hoffnung für ihre Einbildungskraft. Ich weiß nicht, wohin es danach führt, das ist für das Publikum offen zu entscheiden. Es endet wie „2001“ im Gegensatz zu „Close Encounters“.

Ich dachte ein wenig, dass der Vater, von Jeff Bridges gespielt, eine Art schlechtestmögliche Weiterentwicklung von Dr. Gonzo oder Raoul Duke ist.
Möglich. Als wir den Film gedreht haben, haben wir vor allem an den Dude aus Big Lebowsky gedacht. The Dude, zehn Jahre später. The Dude is dad, and the Dude is dead. Nein, es ging nicht speziell um „Fear and Loathing“. Aber sicher geht es um jemanden, der wie Hunter ein großer Rock’n’Roller war, und dann geht es verloren, er wird alt und bitter und drogensüchtig. Aber keine direkte Verbindung in meinem Konzept.

Ist das Ihre Haltung über die Nachwirkungen der 60er?
Ja, wir waren ein Teil davon, also haben all diese Dinge etwas damit zu tun. Die 60er waren toll, weil alles von selbst in alle Richtungen explodiert ist. Alles war voller Optimismus und Hoffnung und dem Gefühl, dass wir die Welt verändern würden. Und wir haben sie verändert, ein wenig zumindest. Aber nicht so sehr, wie es sich jeder erträumt hätte. Dann setzte die Depression ein, nach J.F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King: Was passiert jetzt? Jeder stirbt. In den 80ern ging es dann nur noch um Ich, Ich, Ich.
„Fear and Loathing“ wurde in den 70ern geschrieben, aber schon da waren die 60er und ihr Geist Vergangenheit. Ich habe Amerika 1967 verlassen. Gegen Ende der 60er war es schon vorbei. Als ich dann das erste Mal „Fear and Loathing“ gelesen habe, habe ich alles vollauf verstanden: Der Verlust eines Traumes. Und es ist nie wirklich besser geworden. Damals haben wir alle, die dabei waren, gedacht, dass alles wunderbar wird – was ziemlich naiv war. Aber wir waren alle jung. Und es war aufregend. Es gab auch viel Verlust durch Drogen, viele sind daran gestorben, was schade war. Ich mag Drogen überhaupt nicht, ich beschönige sie nicht. Ich verurteile sie aber auch nicht. „Fear and Loathing“ handelt nicht von Drogen, auch wenn viele das meinen. Es geht um verzweifeltes Verhalten, wenn die ganze Welt zusammenfällt, und man nicht weiß, was man tun soll.

Eine Flucht vor der Realität, wie bei Jeliza-Rose. Aber es sind unterschiedliche Auffassungen von Drogen in „Fear and Loathing“ und „Tideland“.
Ja, genau. Aber Jeliza-Rose läuft nicht vor der Realität davon. Sie ist ein Kind, die die Welt zu verstehen versucht.

Sie vereinfacht die Wirklichkeit.
Die Welt wird um sie herum gebildet, es ist wie in einem Hagel. Alles Mögliche geschieht um sie herum, und sie reagiert auf unterschiedliche Weise. Wie in der Szene, wenn sie Dell begegnet. Dell ist ein schwarzer Riese, die Hexe von Wizard of Oz, der Dschinni von Aladin. Jeliza Rose ist ganz „Wow, Wahnsinn“, und der Wind bläst so sehr, und dann merkt sie: Es ist doch bloß eine Frau.

Und dann wird Dell zum verrückten Hutmacher aus „Alice im Wunderland“: sie zitiert wörtlich aus Carrolls Buch.
Dell verändert sich in dieser Szene, weil Jeliza-Rose herauszufinden versucht, wer diese Frau ist. Sie ist erschreckend und wunderbar und normal und langweilig und bedrückend. Es ist also ihr Akt des Ergründens, wer Dell ist. Und ich habe es so gedreht, um Jeliza-Roses Reaktionen zu betonen auf das, was passiert. Die Kamera verändert Dell dauernd, verändert ihre Form und ihre Größe.

Ist ihre Herangehensweise ans Filmemachen heute anders als in der Zeit von „Jabberwocky“ oder „Time Bandits“? Ihre Filme sind düsterer, depressiver, „Tideland“ oder auch „Fear and Loathing“, wo es hinunter in die Hölle geht.
Ich werde älter.

Sie sollten einen Film pro Jahr machen wie Woody Allen, dem das Drehen gegen seine Depressionen hilft.
Wenn mir das Geld zur Verfügung stehen würde, Filme machen zu können wann und wie ich will, wäre ich weniger deprimiert, und niemand müsste sich „Tideland“ ansehen. Je weniger ich die lustigen Filme machen kann, die ich vorhabe, desto mehr komme ich zu den düsteren Filmen. Wenn ich also die einen nicht machen kann: Passt auf!
Aber „Tideland“ finde ich nicht depressiv. Ich finde es magisch und schön. Es hat ein Ende, das einen unsicher zurücklässt, wie man es finden und darauf reagieren soll. Eher Frauen als Männer scheinen sich auf den Film einzulassen. Bei einem Festival in England kam eine Frau aus der Vorstellung, und sie strahlte, sie hat ihn einfach geliebt. Manche kommen so heraus und finden ihn einfach ganz wunderbar.
Ich habe ein paar Filme gemacht, viel Geld verdient, aber jedes Projekt ist wie ein Neuanfang. Als hätte ich zuvor nie etwas gemacht. Es ist verrückt. Ich verbringe mehr Zeit damit, ein Projekt zum Laufen zu bringen, als es dann durchzuführen. Ich bin 65 Jahre alt, ich kann mit 66, in ein paar Monaten, sterben. Wie viele Filme kann ich noch drehen? Die Filme, die ich wirklich machen will, sind sehr teuer, die einzige Möglichkeit, sie zu machen, ist, einen Top-Schauspieler zu haben. Das Projekt, an dem ich gerade arbeite – es ist noch nicht spruchreif –, haben drei A-List-Actors abgelehnt, alles Freunde, aus unterschiedlichen Gründen, sie können es nicht machen, weil sie an etwas anderes gebunden sind. Jetzt muss ich neue Stars finden.


Sie können „Tideland“ bequem über unseren Online-Shop bestellen!

Zeitreise mit Zwergen - "Time Bandits" als 2 Disc Collector’s Edition

von Harald Mühlbeyer

"Time Bandits"

GB 1981. Regie: Terry Gilliam. Buch: Michael Palin, Terry Gilliam. Produktion: George Harrison, Denis O’Brien.
Mit: Craig Warnock (Kevin), David Rappaport (Randall), Kenny Baker (Fidgit), Mike Edmonds (Og), Jack Purvis (Wally), Malcolm Dixon (Strutter), Tiny Ross (Vermin), Ralph Richardson (Supreme Being), David Warner (Evil), Sean Connery (Agamemnon/Feuerwehrmann), John Cleese (Robin Hood), Ian Holm (Napoleon), Katherine Helmond (Mrs. Ogre), Peter Vaughan (Mr. Ogre), Michael Palin (Vincent), Shelley Duvall (Pansy).
Länge: 111 Minuten.
Label: Spirit Media.
VÖ: 30.10.2009


„Time Bandits“ ist – wie fast jeder Terry-Gilliam-Film – über jeden Zweifel erhaben.

Aus Frustration, weil er sein Wunschprojekt „Brazil“ nicht verwirklichen konnte, beschloss Gilliam Ende der 70er, einen Abenteuerfilm für die ganze Familie zu drehen – der aber weit entfernt ist von Familienabenteuern à la Hollywood (oder, noch spezieller und noch schlimmer: à la Disney). Aus dem Kleiderschrank des vielleicht zwölfjährigen Kevin kriechen eines Nachts sechs Zwerge, die ihn mitnehmen auf eine Reise durch alle Zeiten: Die Schöpfung ist unvollständig, es gibt gewisse Löcher und Spalten im Raum-Zeit-Gefüge. Und die Zwerge sind im Besitz einer Karte mit diesen Zeitlöchern und planen große Raubzüge – denn die Flucht ist ja nur ein Zeitloch weit entfernt. So geraten sie zu Napoleon, Robin Hood, Agamemnon – und das ist für Kevin auch eine Reise zu den Heldenfiguren seiner Bücher, die ihm vielleicht gar Elternersatz sein könnten: denn seine leiblichen Erzeuger sind materialistische Hohlköpfe, die sich um nichts kümmern als Küchengeräte und TV.
Doch Kevin erlebt seine Helden ganz anders als in seinen Geschichten: Napoleon hat einen bedeutenden Minderwertigkeitskomplex, Robin Hood ist völlig von der Realität abgehoben; nur Agamemnon scheint eine echte Vaterfigur zu sein... aber da geht es schon weiter, in die Time of Legends. Denn, das ist eine zweite Schiene, die der Film fährt: Die Zwerge werden einerseits von Gott verfolgt, der seine Karte wiederhaben möchte, andererseits vom Teufel, der mit ihr die Herrschaft über die Welt an sich reißen möchte. Und so werden die Zwerge und Kevin hineingezogen in den Kampf zwischen Gut und Böse... Wobei Gilliam auch hier die Erwartungen unterläuft. Kevin steht am Ende alleine da, erwacht in seinem Kinderzimmer in einem Haus, das in Flammen steht; die Eltern explodieren, und Sean Connery, der den Agamemnon gespielt hat, rettet ihn zwar als Feuerwehrmann, fährt dann aber mit einem Augenzwinkern fort.

War das alles also nur ein Traum? Kevins Polaroids von der Abenteuerreise und das Stück Böses, das die Eltern explodieren lässt, beweisen das Gegenteil, möglicherweise.

Gilliam hat mit „Time Bandits“ einen Film geschaffen, der heute leider einigermaßen vergessen ist, sich aber – auch tricktechnisch – durchaus mit heutigen Produktionen messen lassen kann (und damals in den USA der Überraschungshit des Kinojahrs 1981 war): auch ohne Computer Generated Imagery schafft Gilliam eine wunderbare bildgewaltige Fantasy-Welt historischer Welten und grausiger Ungeheuer. Einfallsreiche Plotwendungen und ein souveränes Spiel mit filmischen Stimmungen mischen sich mit intelligenten Diskursen über die Gut-Böse-Dualität und die Ambivalenzen von Traum und Wahrheit, Fantasie und Realität. Und großen Spaß macht das alles noch obendrein!

Nun ist in einer Neuauflage bei KochMedia die 2-Disk-Edition wiederveröffentlicht, die zuvor bei Sunfilm erschienen ist. Neben einem sehr lustigen weil fast völlig sinnfreiem Interview mit Terry Gilliam (der ausführlich seine Füße zeigt) und Terry Jones (der gar nichts mit „Time Bandits“ zu tun hat) und einer Rekapitulation der Produktionsfirma Handmade Films von Ex-Beatle George Harrison (die sich enttäuschenderweise als bloße Trailershow entpuppt) gibt es eine einstündige Dokumentation, die Gilliams Karriere nachverfolgt und, als Highlight, ein halbstündiges Interview mit Gilliam und seinem Co-Autoren Michael Palin, in dem sie ziemlich umfassend auf den Film eingehen – der Audiokommentar der Criterion-Edition von „Time Bandits“ ist auch nicht viel informativer...

Die Doppel-DVD ist also rundum zu empfehlen – und sie hält noch ein unfreiwilliges Schmankerl bereit: Der Übersetzer, der die Untertitel zum Interview gefertigt hat, hat ein Händchen fürs genaue Danebengreifen. Da werden die Napoleonischen Kriege zu den viel abwegigeren Peloponnesischen Kriegen, und „Monty Python and the Holy Grail“ a.k.a. „Ritter der Kokosnuss“ wurde zwar in Wirklichkeit von „Popstars“ wie Pink Floyd und Led Zeppelin finanziert, in den Untertiteln aber von „Pubs“.
Das könnte, wenn wir albern wären, schon der Ausgangspunkt zu Monty-Python-hafter Komik sein: Ein schwerhöriger Übersetzer, der dann abends mit Freunden vom Schwerhörigenclub zusammensitzt und von seiner Arbeit berichtet: „Mensch, wusstet ihr, dass die Pythons ihren ‚Ritter der Kokosnuss’ mithilfe von Kneipen finanziert haben?“ – „Wie bitte? ‚Bitterer Krokus’? Ist das nicht ein Film von Ingmar Bergman?“ – „Wie, was ist mit Ingeborg Bachmann?“ – „Die hat sich mit Seife rasiert!“ – und Übergang zu einer Gilliam-Animation.


Diese DVD können Sie bequem in unserem Onlineshop bestellen.

Verlängerter Las-Vegas-Trip – “Fear and Loathing in Las Vegas” als Director’s Cut

von Harald Mühlbeyer

“Fear and Loathing in Las Vegas” – Director’s Cut
USA 1998. Regie: Terry Gilliam. Darsteller: Johnny Depp (Raoul Duke), Benicio Del Toro (Dr. Gonzo).
Länge: 113 Minuten
Extras: Outtakes, B-Roll, Interviews, Produktionsnotizen.
VÖ: 07.08.2009
Anbieter: Universum Film GmbH


Terry Gilliams „Fear and Loathing in Las Vegas” liegt nun in der Director’s Cut-Verion auf DVD vor. Nun ist es so, dass die um gute zwei Minuten kürzere Kinofassung, die bisher in Deutschland auf DVD erhältlich war, ebenso Gilliams Schnittfassung war. Für die amerikanische Criterion-Collection-Ausgabe aber hatte er vier Jahre nach Kinostart zwei Szenen wieder in den Film montiert, die im visuellen Rausch, in der Aussage des Films (so es eine gibt) freilich keine wirkliche Änderung ausmachten.

Insbesondere eine Szene aber gibt der Struktur des Filmes – also dem Niedergang von Raoul Duke in der zweiten Filmhälfte – mehr Griffigkeit; sie war in kurzen Schnipsel schon im Filmtrailer enthalten gewesen.
Nachdem Duke mit seinem Anwalt Dr. Gonzo in Las Vegas die Sau rausgelassen haben, wie es nur geht, ging er zum Exzess am eigenen Körper, an der eigenen Seele über; nach der extrovertierten die introvertierte Zerstörungsorgie sozusagen, mit der Droge Adrenochrom („Nach dem Zeug kommt dir pures Mescalin wie Malzbier vor.“) Die Lichter gehen ihm aus. Er erwacht in seinem vollkommen verwüsteten Hotelzimmer und versucht, das Vorgefallene zu rekonstruieren – und hier kommen – neben der Einschüchterung eines Zimmermädchens und dem Ankotzen eines Highclass-Ehepaares während der Autofahrt – in der längeren Filmfassung weitere üble Erinnerungen auf, durch die Play-Taste des Kassettenrecorders, der als Chronist des Vergessenen dient.

Im Bazooko-Zirkus will Duke einen Affen kaufen, der dann aber verschwindet – er habe dem Barkeeper den Kopf abgebissen, sei dann verhaftet worden; und auf einem Supermarktparkplatz sitzen Duke und Gonzo auf dem Autodach und zerhauen Kokosnüsse, zur Empörung der Passanten: so kann man nicht mit einem Auto umgehen!

Das war’s schon. Die beiden Ereignisse sind gegeneinander geschnitten, wodurch sie im Strudel der Bilder noch weiter untergehen als es im verwirrend-unübersichtlichen Trip des Films ohnehin schon der Fall ist. Doch sie vertiefen die Kluft zwischen Duke/Gonzo und der Gesellschaft, in der sie sich finden: und das ist eines der Hauptthemen des Films.

Gilliam schuf mit „Fear and Loathing“ nicht einfach nur ein Drogen-Kultfilm. Vielmehr beschreibt er ziemlich genau die Las-Vegas-Reise, die Hunter S. Thompson im April 1971 mit dem Anwalt Oscar Zeta Acosta mehr oder weniger in dieser oder anderer Weise unternommen hat; angeblich. Ein Drogentrip in die Glitzermetropole Las Vegas, dorthin, wo der Amerikanische Traum am Spieltisch Wirklichkeit werden soll – und sich als Alptraum entpuppt. In einer exzessiven Stadt treiben Thompson (alias Raoul Duke) und sein Anwalt ihr Unwesen; in die Stadt, deren behaupteten Träume nur leere bunte Seifenblasen sind, platzen Duke und Gonzo mitten hinein und gebärden sich als Alptraum im Alptraum. Und entlarven auf diese Weise den Mythos vom Amerikanischen Traum als hohle Fassade: weil Duke und Gonzo sich als das verzerrte Spiegelbild einer ohnehin verzerrten Wirklichkeit gerieren.

Und gerade indem Gilliam diese beiden Extremisten in die extreme Realitätssimulation Las Vegas setzt und dabei gerade NICHT in irgendeiner Weise die Wirklichkeit von 1997/98 hineinspielen lässt, als er ihn drehte, wird sein Film wirklich relevant. Auf eine archetypische Weise: Gilliam inszeniert Duke als Dante, Gonzo als Vergil, der ihn in die tiefsten Kreise der Hölle führt; Duke als Faust, Gonzo als tricksterhaften Mephisto, der ihn zu immer schlimmeren Hemmungslosigkeiten verführt; Duke als Alice, Gonzo als das weiße Kaninchen, das durch ein alptraumhaftes Wunderland führt.
Duke und Gonzo setzen alles daran, die Gesellschaft, in der sie sich befinden, von innen heraus anzufressen; und verderben sich dabei gehörig den Magen, auch, weil sie längst selbst Teil dieser Gesellschaft geworden sind. Die Subkultur der 60er ist zu einem Teil von Amerika geworden, noch immer erfolgen kleinere Scharmützel mit Rednecks, doch die Welle, auf der die Hippies in den 60ern geritten sind, ist gebrochen und zurückgerollt. Sie hat nur Treibgut hinterlassen. Das, was nur wenige Jahre zuvor als wahr und wichtig erschienen ist, ist nun vom schlechten, falschen Leben übermannt worden.

Ein Film über verlorene Träume also, die nur noch in der Illusion durch Drogen, als irre, wirre Erinnerung, wiederbelebt werden können.

Und der dabei irre und witzig und irrwitzig ist.

Wer die alte DVD hat, braucht die Neue kaum – auch wenn hier im Bonusmaterial noch ein paar Outtakes enthalten sind, die wirklich witzig sind (und die Gilliam dennoch zurecht herausgeschnitten hat, weil sie den Stromschnellenfluss des Films verlangsamt hätten); plus dem Schwarzweiß-Kurzfilm „A Dress Pattern“, den Gilliam dem Film vorschalten wollte, als er sich mit der Writer’s Guild of America wegen deren Weigerung überworfen hatte, ihn und Tony Grisoni als Autoren zu würdigen.
Wer sich aber wirklich mit „Fear and Loathing in Las Vegas“ auseinandersetzen will, braucht die hervorragende Criterion-Edition. Auf zwei Disks gibt es neben der Director’s Cut-Fassung drei Audiokommentare (von Gilliam, von Johnny Depp und Benicio del Toro sowie von einem grunzenden, stöhnenden, schreienden Hunter S. Thompson) sowie einige Dokumentationen –unter anderem über den wirklichen Thompson/Acosta-Trip nach Las Vegas und eine BBC-Doku von 1978, in der Thompson nach Hollywood reist. Das ist der Stoff, den du wirklich brauchst.


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Filmfest München: Terry Gilliam's Flying Imaginarium

Den Höhepunkt des ersten Festival-Wochenendes bildete Terry Gilliams „The Imaginarium of Dr. Parnassus“. Dem Regisseur von Klassikern des neueren phantastischen Films wie „Time Bandits“ und „Brazil“ gelang eine bildgewaltige Urban Fantasy, die eine treffsichere und gegenwartsbezogene Alternative zum martialischen Eskapismus anderer Vertreter des Genres entwirft. Für die Außenseiter in Gilliams Filmen stellen die phantastischen Welten nicht ein von raunenden Schicksalsmächten beherrschtes Schlachtfeld zwischen Gut und Böse dar, sondern bieten einen subversiven Ausweg aus einer von Ignoranz und Vorurteilen beherrschten Alltagstristesse. In den Seitenhieben auf halbherzige Ablasszahlungen und den sentimentalen Betroffenheitskitsch der Oberschicht, sowie einer herrlich absurden Reise in das Unterbewusstsein großspuriger Vorstadtgangster schließt Terry Gilliam in Sachen satirischer Treffsicherheit indirekt an die Themen seiner Monty Python-Zeit an.

Überhaupt erinnern die digitalen (Alp-)Traumwelten, die sich in Anlehnung an Lewis Carroll hinter den Spiegeln des Schaustellers Doctor Parnassus (Christopher Plummer) finden, über weite Strecken an Gilliams Animationen für den Flying Circus. Im Unterschied zu einer Vielzahl seiner Kollegen schafft er es, die Möglichkeiten der digitalen Tricktechnik konsequent mit seiner künstlerischen Handschrift zu kombinieren, ohne den CGI-Hype im Positiven, wie im Negativen wichtiger zu nehmen, als er tatsächlich ist.

Nicht nur hinsichtlich der gemeinsamen Vorliebe für Lewis Carroll, ergänzen sich die Filme der Londoner Exil-Amerikaner Terry Gilliam und Tim Burton immer stärker, im anschließenden Publikumsgespräch äußerte der Ex-Python den Wunsch, sein Kollege solle ihm bei der Verfilmung von „Alice in Wonderland“ noch ein paar Seiten aus der Vorlage für zukünftige Filme übrig lassen. Beide arbeiten, ebenso wie Guillermo Del Toro und Peter Jackson, als Fantasy-Auteurs, die einem sich gerne in regressiven Sackgassen verlaufendem Genre neue Impulse verleihen. Durch ihre Arbeiten, die eine deutliche Sympathie für Außenseiter und Genre-Dekonstruktionen aller Art demonstrieren, haben sie beide familienähnliche Ensembles um sich versammelt, bei denen es wie im Fall von Johnny Depp immer wieder zu personellen Überschneidungen kommen kann.

Als Ensemblestück markiert „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ auch eine berührende Abschiedsvorstellung und Hommage für den während der Dreharbeiten verstorbenen Heath Ledger, dessen filmisches Erbe sich nicht mehr alleine auf die brillante Tour-de-Force als Joker in „The Dark Knight“ beschränkt. Seine Freunde und Kollegen Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law vollendeten die Geschichte um einen Jahrhunderte zuvor geschlossenen Pakt mit dem Teufel, dessen Tribut im London der Gegenwart eingefordert wird. Das wechselnde Erscheinungsbild des Protagonisten, der sich Parnassus' Truppe anschließt, ergänzt sich unmittelbar mit dessen Absicht, durch ein ständiges Maskenspiel seinem Schicksal zu entkommen. Den diabolischen Advokaten, dem es immer wieder gelingt Parnassus zum Leid seiner Gefährten zu neuen Wetten zu verführen, spielt Singer-Songwriter-Multitalent Tom Waits als stilbewussten Dandy. Abgerundet wird das Ensemble durch Verne Troyer als zynisches, gutes Gewissen Percy, den Newcomer Andrew Garfield als idealistischen Romantiker und die Schauspielerin Lily Cole als Parnassus' von finsteren Mächten umworbene Tochter.

Obwohl die Geschichte an klassische Themen der Phantastik, laut Gilliam, „stories, that the modern world is not interested in anymore“, anknüpft, steht nicht die Fortschreibung tradierter Heldenreisen, sondern die Entdeckung von Ambivalenzen und neuen Perspektiven im Mittelpunkt, oder wie der Elder Statesman der Anarcho-Phantastik selbst erläuterte: „I don’t know if you always lose playing with the devil.“ Auch den Bezug zum London der Gegenwart verliert Gilliam nie aus den Augen. Darin besteht ein zentraler Unterschied zu Hollywood-Decepticons wie Michael Bay, der immerhin inzwischen anstelle von reaktionärem Action-Schrott inzwischen pathetischen Action-Schrott mit digital animierten Robotern fabriziert.

In bester Python-Tradition demonstrieren Gilliam und sein Ensemble mit „Doctor Parnassus“, dass treffsicherer und sophisticateter Sarkasmus das Prinzip Aufklärung nicht negiert, sondern dialektisch gebrochen fortsetzt. Dazu gehört auch die scheinbar unerschöpfliche Ausdauer des Regisseurs, der die Tragödie der Produktionsgeschichte in einen künstlerischen Triumph verwandelt hat. Seit den Auseinandersetzungen um „Brazil“ nimmt er immer wieder den Kampf gegen Windmühlenflügel auf. Nächstes Jahr auch wieder in La Mancha, hoffentlich ohne dass dieses Mal beim zweiten Anlauf das vor zehn Jahren nach wenigen Drehtagen gescheiterte Don Quijote-Projekt wieder verloren geht. Gewohnt Gelassen ergänzt Gilliam am Ende der Gesprächsrunde: „Let's hope it works as well as the first time... or wait, maybe better not.“

- Andreas Rauscher

Filmfest München - Blown away

Unbeschreiblich. Einfach unglaublich.
Terry Gilliam vollbringt Leinwand-Wunder: Bildwelten, wie man sie noch nie gesehen hat, wie man sie auch nie wieder sehen wird, von einem anderen Regisseur sowieso nicht, von Gilliam wahrscheinlich auch nicht - er hat es ja jetzt vollbracht, aus sich herausgeholt, die Phantasie vom "Imaginarium of Dr. Parnassus". Nein, ich will gar nicht über diese Welten im inneren von Gilliams Figuren schreiben; man kann es gar nicht. Man muss es sehen. Wie hier tatsächlich Gilliam das Kunststück fertigbringt, sich soweit in seine Figuren zu versetzen, dass er nicht nur weiß, was sie denken, sondern auch, wie dieses Denken aussieht - und damit für jeden, der ins Imaginarium hinter dem Spiegel eintaucht eine ganz eigene Welt erschafft, die einfach... wie soll ich sagen... die einfach ist.
Und ja: es funktioniert, obwohl Heath Ledger in diesem Film von J. Depp, J. Law und C. Farrell ersetzt wird. Es ist einfach gut, wenn man einen Zauberspiegel dabei hat...
Dazu kommt eine Geschichte, die so dick ist, dass man sie beim ersten Mal sehen gar nicht schlucken kann (ich hab den Film deshalb gleich zweimal gesehen). Über Unsterblichkeit, über Vater und Tochter, über das ewige Geschichtenerzählen, über Teufelspakte, über Entscheidungen, die man treffen muss, über das Ausweichen vor solchen Entscheidungen. Und so weiter. Und alles fügt sich zusammen, überdimensional, unfassbar - aber so ist das mit Monumenten.

Harald Mühlbeyer (noch immer hin und weg)


PS: Barbet Schroeder hat einen interessanten Film gemacht, interessant in seinem Scheitern darin, was er eigentlich sein will. Ein Whodunnit nämlich. Aber wenn der Film "Das Geheimnis der Geisha" heißt, es darin um einen französischen Kriminal-Bestsellerautoren geht, der nach Japan reist und dort von einem geheimnisvollen japanischen Kriminal-Bestsellerautoren verfolgt wird, den noch niemals irgendjemand zu Gesicht bekommen hat; wenn der Franzose sich dabei in eine Geisha verliebt, die ebenfalls Drohbriefe von dem mysteriösen Bösewicht bekommt - dann ist die Preisfrage: was ist wohl das titelgebende Geheimnis? Antworten bitte an Schroeder, c/o Filmfest München.