Posts mit dem Label Romanze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Romanze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

DVD: „Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“ - Erzieherin im Jugendstil

Großbritannien, Frankreich, Deutschland 2009. Regie: Stephen Frears.


Es gibt in der Kunst der Belle Epoque um 1900, vor allem im Jugendstil, von dem auch die Ausstattung von „Chéri“ geprägt ist, zwei vorherrschende Frauentypen: die „femme fatale“ und die „femme enfant“. Lea de Lonval (Michelle Pfeiffer) gehört eindeutig zu der ersten Kategorie. Als Edelkurtisane in Paris lebte sie jahrelang im Kreise der reichsten Männer und galt als Schönste ihrer Zunft. Mittlerweile ist sie über 40 und etwas ruhiger geworden. Ebenso ergeht es ihren Weggefährtinnen, notgedrungen über die Jahrzehnte zu den besten Freundinnen geworden, weil ihr Beruf neben allen finanziellen Vorteilen eben doch eine gewisse Abgeschiedenheit mit sich bringt. Eine der Damen, Madame Peloux (Kathy Bates), hat einen neunzehnjährigen Sohn, dem sie seine unbesonnene Lebensführung abgewöhnen möchte, damit er nicht eines Tages im Rausch von Sex und Drogen der Pariser Bordelle zugrunde geht. Weil sie selbst nicht mit ihm klar kommt, bittet sie Lea um Hilfe. Diese kennt den Sohn schon seit seinen Kindertagen, sie gab ihm den Spitznamen, unter dem er bekannt ist: Chéri. Auch er erfand als Kleinkind einen Kosenamen für die ältere Frau, nämlich Nunu, wie er sie jetzt während ihrer Affäre auch wieder nennt.

Hier sind schon die Konflikte und Themen deutlich, die den Film und die Liebesgeschichte zwischen der alternden Hure und dem jungen Lebemann ausmachen werden. Denn Chéri ist durchweg eine Frucht des Lebenswandels, dem Lea und die anderen Frauen nachgehen. Er wuchs auf inmitten der Kurtisanen und Tänzerinnen, die die Männer für Geld und Status begehrten, aber sie nie liebten, die kokett, frivol, frei und abhängig zugleich waren. Einen Vater hat er offensichtlich nie erlebt, generell tauchen in dem Film keine erwachsenen Männer auf, nur Jünglinge oder lüsterne Freier. So entwickelte sich Chéri zu genau dem, was ihm als Vorbild angeboten wurde, im Prinzip führt er das Leben einer Edelprostituierten. Die sechs Jahre, die er an Leas Seite verbringt, lässt er sich nämlich auch von ihr finanziell aushalten, obwohl er genügend Vermögen hat. In einem Gespräch zu Beginn ihres Verhältnisses bittet sie ihn, etwas von sich zu erzählen, worauf er antwortet: „Da gibt es nichts.“ Er ist die Verkörperung der nur auf ihre Zerstreuung und ihr Wohlsein erpichten Koketten. In derselben Unterhaltung betrachtet er ihre Perlen, sechs Jahre später wird er selbst sagen, dass sie ihm genauso gut stehen wie Lea selbst.

Mit seiner Mutter, die ihren Beruf längst abgelegt hat und sich für ihn und sich ein sittsames Leben wünscht, kann er nichts anfangen. Lea hingegen ist für ihn nicht nur Rollenmodell und perfekte Liebesgespielin, sondern zu großem Teil Mutter und Erzieherin. Zunächst lehrt sie ihn in Dingen der körperlichen Liebe, ihre Beziehung ist stets im Hauptteil sexuell, doch ihre Wesensverwandtschaft, die Gewöhnung und die gemeinsam verbrachte Zeit führt bei beiden doch zu tiefer Liebe. Ob dies die Liebe eines Paares oder doch eher die zwischen Mutter und Sohn ist, lässt sich nicht wirklich trennen, auf jeden Fall ist sie echt, auch wenn sie beide dies zu spät begreifen werden.

Denn durch seine Jugend und sein Geschlecht kann Chéri seine Lebensart auf die Spitze treiben. Als nämlich die „femme enfant“, die von seiner Mutter ausgesuchte, sehr junge Braut, in sein Leben tritt, nimmt Chéri an, er könne eine Ehefrau haben und trotzdem weiterhin mit Lea seine Zeit verbringen. Er weiß eben einfach nicht, wie er sich als Mann zu verhalten hätte. Hier aber zeigt sich Leas Stärke, sie kann sich nicht in der Rolle der Geliebten wiederfinden, nicht wenn es um Chéri geht. Daher beendet sie die Affäre, doch beide haben danach unter starkem Trennungsschmerz zu leiden. Chéri wirft ihr am Schluss vor, dass sie für seine kindische und verantwortungslose Art verantwortlich sei. Lea scheint diese Schuldzuweisung wegen ihres Alters und ihres lockeren Lebens anzunehmen. Geschickt erklärt die Voice-over des Films im Nachhinein, dass beide später erkennen werden, dass ihre Liebe vielleicht ungewöhnlich, moralisch und persönlich kompliziert war, aber doch das einzig Wahrhaftige in ihren Leben darstellte.

Der Jugendstil dominiert das Dekor und die Kostüme des Films. Die üppigen floralen Ornamente und organischen Formen lassen die Räume beinahe phantastisch erscheinen, losgelöst von der wirklichen Welt. So wie die Figuren, die sich auch in ihrem eigenen Zirkel einer Art Phantasiewelt hingeben, die Realitäten des Lebens nicht wirklich annehmen wollen. Dem Jugendstil als Kunstrichtung der vorletzten Jahrhundertwende, zu deren Zeit viele gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche Umwälzungen und Neuerungen stattfanden, haftet auch der Gegensatz zwischen Endzeitstimmung und Hoffnung auf einen Neubeginn an. Es ist aber nicht so, dass Lea als ältere und Chéri als der Jüngling jeweils eine Richtung verkörpern würden. In beiden Hauptcharakteren schwingt dieser Gegensatz mit, jeder muss seinem Leben eine neue Richtung geben oder er wird untergehen. Doch leider geben sie ihrer Liebe keine Möglichkeit zur Neugeburt und damit ihren Leben den Anstoß zu einer echten Veränderung.

Die leichte Erzählweise von Stephen Frears („Gefährliche Liebschaften“, „Die Queen“) und die großartige Ausstattung machen diese unglückliche und trotzdem sehr unterhaltsame Liebesgeschichte sehenswert.

Auf der DVD befindet sich neben Trailer und entfallenen Szenen ein kurzes Making Of. Zudem kommt die DVD mit einem recht umfangreichen Booklet mit Hintergrundinformationen und Romanauszügen der Vorlage.


Elisabeth Maurer



„Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“
Regie: Stephen Frears.Drehbuch: Christopher Hampton nach dem Roman von Colette. Kamera: Darius Khondji. Musik: Alexandre Desplat. Produzenten: Andras Hamori, Bill Kenwright, Thom Mount, Tracey Seaward.
Darsteller: Michelle Pfeiffer, Rupert Friend, Kathy Bates.
Verleih: Prokino
Laufzeit: 89 min
Veröffentlichung: 11.3.2010


Sie können diese DVD bequem in unserem Online-Shop bestellen.

DVD: „Die Liebe der Charlotte Gray“ - Zu schön, um wahr zu sein



Der Film beginnt mit einem schnellen Kameraflug über blühende Lavendelfelder. Dann, während der Vorspann läuft, sind diese Lavendelfelder aus einem Zugfenster heraus zu sehen. Das Lila ihrer Blüten verwischt zu einem Rauschen, hier kann kein einzelnes Bild fokussiert werden, Innehalten ist nicht möglich. Dann eine Überblendung in eine Großaufnahme des makellosen Gesichts von Charlotte Gray (Cate Blanchett), die vorbeirauschenden Felder im Hintergrund mit flirrenden Lichtreflexen auf ihrer hellen Haut. Dazu ihr Voice-over: „Looking back, it all seems so simple…“. Es handelt sich um eine Szene am Ende der Geschichte. Die Anfangsbilder können als Illustration von Charlottes Erinnern gelten. Zuerst ein Sog, der sie zurückversetzt in ihre Zeit in Frankreich, während dem Krieg. Dann der Strom aus Ereignissen und Zusammenhängen, die damals nicht klar erkennbar waren und auch im Nachhinein wie eine Kette wirrer Entwicklungen erscheinen.

Im Folgenden wird die Geschichte von Charlottes Zeit als Widerstandskämpferin im Frankreich des Zweiten Weltkriegs erzählt. Die Engländerin meldet sich freiwillig als Kurierin in Frankreich, da sie fließend Französisch spricht, den Drang verspürt, mutige Taten zu vollbringen, aber vor allem, weil sie sich in den britischen Piloten Peter Gregory (Rupert Penry-Jones) verliebt hat und ihm nach Frankreich folgen will. Ihr Wunsch verstärkt sich, als sie erfährt, dass Peter abgeschossen wurde und nun vermisst wird. Glücklicherweise liegt ihr erster Einsatzort in der Nähe seines Absturzgebiets, und so erkundigt sie sich sofort bei ihrer Kontaktperson nach dem Verbleib ihres Liebsten. Doch Charlotte muss hier nun die Ernsthaftigkeit des Krieges und die Gefahr des Widerstands erleben, als die Frau, mit der sie sich treffen sollte, vor ihren Augen von den Deutschen verhaftet wird. Der junge Résistancekämpfer Julien (Billy Crudup) kann Charlotte erst einmal Unterschlupf bei seinem Vater verschaffen. Dieser versteckt auch zwei kleine, jüdische Jungen vor den Nazis, deren Eltern schon deportiert sind. Charlotte beginnt sich liebevoll um die Kinder zu kümmern und hilft außerdem Julien und seinen Leuten bei Anschlägen auf Nazitransporte. Dabei wird es immer schwerer, Freund und Feind zu trennen und die Jungen vor den Deutschen zu schützen.

Leider ergeht es dem Zuschauer mit der Handlung so wie mit den Bildern am Anfang. Es baut sich erst am Ende etwas Spannung auf, vorher reiht sich Ereignis an Ereignis, ohne dass sie die Geschichte voranbrächten, und es finden sich auch einige logische Brüche darin. Exemplarisch sei erwähnt, dass sich ein Schullehrer, der Charlotte damit erpresst, das Versteck der Kinder zu verraten, wenn sie nicht mit ihm schläft, von seinem Vorhaben der Vergewaltigung dadurch abbringen lässt, dass sie ihm sagt, sie sei ungewaschen und er solle auf den nächsten Tag warten, wenn sie sauberer sei. Solche und ähnliche Episoden schaden sehr der Glaubwürdigkeit des Erzählten.

Auch die Figuren bleiben recht oberflächlich und eindimensional. So ist zwar Cate Blanchetts ungewöhnliches und einvernehmendes Gesicht sehr oft in Großaufnahme zu sehen, doch erwecken diese Bilder keine Emotionen beim Zuschauer. Ähnlich verhält es sich mit den sehr oft eingesetzten Aufnahmen von Personen, die durch Fenster hinausschauen. Vielleicht soll damit ausgesagt werden, dass die Charaktere in die Welt blicken, doch nicht wissen, wohin ihr Weg führt, und die Zusammenhänge schwer durchblicken können. Der Krieg wirft die Figuren in eine Geschichte, die sie als andere Menschen entlässt. Daher kann Charlotte auch am Ende nicht zu ihrem Geliebten des Anfangs zurückkehren, sondern muss eine neue Liebe suchen. Diese alles verändernde Macht der Geschehnisse wird zwar in den Dialogen teilweise ausgedrückt, die Bilder können aber keine Tiefe, keine Wahrhaftigkeit und keine richtige Stimmung erzeugen.

Nicht, dass die Filmbilder unstimmig oder schlecht komponiert wären. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ausnahmslos jede Einstellung ist umwerfend schön, die verregneten Landschaften, das halbverfallene Schloss von Juliens Vater, die Straßen der französischen Kleinstadt und immer wieder Cate Blanchett in perfekten Kostümen. Es ist wohl gerade diese Schönheit, die der ohnehin dünnen Geschichte schadet und sie endgültig in puren Kitsch verwandelt. Alles wirkt verwunschen und einheitlich, nichts offenbart die wirkliche Zerstörung, die der Krieg in das Land und in die Menschen brachte.
Am Ende bleibt beim Zuschauer die Erinnerung an einen Sog aus schönen Bildern, nicht mehr, höchstens die Wehmut nach der bewegenden Liebesgeschichte in Kriegszeiten, die vielleicht hätte erzählt werden können.

Elisabeth Maurer

Die DVD enthält ein Making Of, sowie Interviews mit den Schauspielern und der Regisseurin.

„Charlotte Gray“, GB, AUS, BRD 2001
Regie: Gillian Armstrong. Drehbuch: Jeremy Brock nach dem Roman von Sebastian Faulks. Kamera: Dion Beebea. Musik: Stephen Warbeck. Produzenten: Sarah Curtis, Douglas Rae.
Darsteller: Cate Blanchett, Billy Crudup, Michael Gambon, Rupert Penry-Jones
Vertrieb: Senator
Laufzeit: 116 min
DVD-Veröffentlichung: 5.2.2010

LOVE EXPOSURE / AI NO MUKIDASHI


Wie der Titel hellseherisch ankündigt, soll man bei LOVE EXPOSURE darauf gefasst sein, alles um sich herum zu vergessen, während man, am Sessel gefesselt, der beinah hypnotischen Aneinanderreihung von Filmmaterial ausgesetzt wird. Sion Sono entführt mit diesem Film zu knapp vier Stunden Liebeswahn, an denen man sich kaum satt sehen kann.

Was passiert aber in diesem Film? Liebe. So grob wie möglich beschriebe, sucht ein Junge seine große Liebe und trifft sie. Sein Vater ist nach dem Tod der Mutter Priester geworden, ebenfalls ein Ziel für seine Liebe suchend. Liebe sprudelt zwischen den Charakteren, in ungewöhnlichsten Formen, im Rahmen merkwürdigster und irrwitzigster Handlungen. Liebe rettet und vernichtet Welten und Konstellationen von Charakteren. Liebe missbraucht, verbraucht und erfindet Heiliges oder höchst Profanes, Liebe ist umwoben mit einer Symbolik, wie kaum zuvor im Film zum Ausdruck gebracht wurde.



Denkt man an Genres, greift sich LOVE EXPOSURE, genauso wie manche der Charaktere, alles auf, was er braucht, was gerade nötig oder unnötig, witzig, absurd oder schockierend ist. Basierend auf einer wahren Geschichte (die in den Extras der zweiten DVD geschildert wird), schafft er aus der ursprünglichen Wirklichkeit ein wunderbares zeitgemäßes Märchen. Ähnlich wird auf der Audiospur trotz der Kombination von Raviel, Beethoven und japanischer Popmusik ein zusammenhängendes Universum geschaffen.

Versucht man den Film zu interpretieren, so landet man in einem Meer von Ansätzen und Bedeutungen. Was den Rahmen der Handlung ausmacht, ist die unerschütterliche Dreieinigkeit zwischen dem Heiligen, der Erotik und die Liebe. Etwa durch die Kunst des „upskirt“-Fotografierens verdeutlicht, wo die als Bild verewigte Unterhose zum heiligen Akt des Entraubens des Geschlechts, mit höchster Diskretion und Tugend, wird. Jedoch bleibt diese Kunst nur ein Spiel, eine Etappe in der Entwicklung. Die entscheidenden Strukturschwankungen, die den Lebensrahmen des Protagonisten Yu (Takahiro Nishijima) definieren, finden zwischen dem Bild der Heiligen Maria, zwischen Perversion als Form der Erotik und zwischen Yoko (Hikari Mitsushima), als Subjekt der Liebe, statt.

Ein wichtiges Thema des Films ist die zentrale Rolle der Erotik innerhalb dieser Konstellation. Veranschaulicht durch die ethischen Normen der „Bukkake“ Pornostudios, die den Verstand des Protagonisten für die Heiligkeit der Perversion zu schätzen weiß und in daher einstellt. Oder, durch die Episode später im Film, wo Perversion sogar an den Normen des Bürgertums gemessen wird, und wo sie natürlich, als Verweigerung des Ablegens des Kindseins, zum ethischen Prinzip gemacht wird.



Eng verbunden mit der Beschäftigung mit der Erotik ist also der Identitätskonflikt beim Hinübergleiten vom Kind zum Mann. Kinder und Perversion sind ethisch nicht vereinbar. So muss der Protagonist zum Mann in sich finden bevor ihm die Liebe gestattet ist. Und das Erwachsenwerden ist dramaturgisch wie filmisch in LOVE EXPOSURE auf eine genial manifeste Art umgesetzt, theatralisch pointiert dargestellt, und immer aufs Neue durch die Handlung und die äußerst unruhige Kameraführung um unerwartete Ecken geführt.

Durch seine Struktur ist der Film eine sehr pointierte Schilderung der Gegenwart. In kleine, handlungs- oder charakterenzentrierten Episoden unterteilbar, jede davon kompakt und zusammenhängend, aber gleichzeitig genügend kurz um die Aufmerksamkeit nicht zu belasten, funktioniert er ähnlich zum Anschauen von themenverwandten Videos im Internet, und stellt genauso wie diese eine neue Geschichte daraus zusammen. Und für den Fall, dass man davon nicht genug hatte, gibt es noch entfallene Szenen unter den Extras. Oder noch mehr unveröffentlichte Szenen in einer Dokumentation zum Film, ebenfalls in den Extras zu finden.

Ciprian David

Regie, Buch: Sion Sono
Kamera: Souhei Tanigawa
Musik: Tomohide Harada
Produktion: Haruo Umekawa
Darsteller: Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Ando, Atsuro Watabe, Makiko Watanabe
Verleih: Rapid Eye Movies
VÖ: 05.02.2010

Die DVD LOVE EXPOSURE können Sie HIER schnell und bequem in unserem Screenshot-Shop besthellen

Uns bleibt immer Paris: “New York, I Love You”, der neue Städteliebe-Kompilationsfilm

von Harald Mühlbeyer

USA 2009. Regisseure: Fatih Akin, Yvan Attal, Allen Hughes, Shuji Iwai, Wen Jiang, Shekhar Kapur, Joshua Marston, Mira Nair, Natalie Portman, Brett Ratner, Randal Balsmeyer. Produktion: Emmanuel Benbihy, Marina Grasic.
Darsteller: Rachel Bilson, Hayden Christensen, Andy Garcia, Iffran Khan, Natalie Portman, Orlando Bloom, Christina Ricci, Ethan Hawke, Maggi Q, Robin Wright Penn, Chris Cooper, James Caan, Anton Yelchin, Olivia Thirlby, Drea De Matteo, Bradley Cooper, John Hurt, Julie Christie, Shia LaBeouf, Carlos Acosta, Ugur Yücel, Shu Qu, Eli Wallach, Cloris Leachman, Emilie Ohana.
Verleih: Concorde.
Länge: 103 Minuten.
Kinostart: 21.01.2010.


Der erste Film des „Cities of Love“-Projektes von Produzent Emmanuel Benbihy von 2006, „Paris, je t’aime“, war nicht nur eine Liebeserklärung an eine Stadt und eine filmische Topographie der Stadt der Liebe, sondern auch ein Kompendium von Kurzfilmen, die Schlaglichter auf deren verschiedene Regisseure warfen: Die Coen-Brüder in der U-Bahn, Wes Craven auf dem Friedhof, und Alexander Payne blickte, wie sollte es bei ihm sonst sein, über eine US-Touristin zurück auf Amerika.

Im Nachfolgefilm „New York, I Love You“ sind ein derartig schillerndes Stilgemisch, ein solches Panorama über die Eigenheiten und Vorlieben verschiedener Filmemacher nicht mehr möglich, alles ist in einem melting pot zu einem Einheitsbrei verkocht worden. Man sieht den Film, man sieht die einzelnen Segmente – diese aber auch nur ansatzweise einem Regisseur zuordnen zu wollen ist ein vergeblicher Versuch. Erst am Ende werden Filmemacher den einzelnen Geschichten zugeordnet, aber einen Aha-Effekt erzeugt das auch nicht – seltsamerweise hat man eher das Gefühl, einen Film von einem einzigen Regisseur gesehen zu haben, so ähnlich sieht sich alles.

Vielleicht liegt es daran, dass alle Regisseure die gleiche Ausstattercrew zur Verfügung hatten; vielleicht liegt es auch an der Auswahl der Filmemacher – Brett Ratner kann halt keinen eigenen Stil reinbringen, als Mann ohne Eigenschaften. Zweimal Central Park, zweimal Chinatown, zweimal den Gehsteig vor einem Restaurant mit der Begegnung zweier Rauchender; ansonsten viele Bars, und merkwürdigerweise sehen Diamantenshop und Apotheke sich ziemlich ähnlich in den allgegenwärtigen warmen Brauntönen, die wohl so was wie Heimeligkeit vermitteln sollen. Und zwischen den achtminütigen Kurzfilmen gibt es kurze Übergangssequenzen, in denen die Protagonisten der verschiedenen Episoden nochmal auftauchen – was den merkwürdigen Eindruck hervorruft, dass New York ein Dorf ist, in dem nicht nur alles gleich aussieht, sondern in dem sich auch jeder jederzeit über den Weg läuft.

Andererseits: Viele der Episoden sind wirklich witzig, und unterhaltsam ist es sowieso, wenn viele kleine Liebesgeschichten aneinandergehängt werden, die sich nicht zu schwer nehmen, die alle mit einer mehr oder weniger überraschenden Pointe abgeschlossen werden. Zwar können die Filmemacher diesen Episoden nicht ihren eigenen Stempel aufdrücken – wer den kraftvollen „Soul Kitchen“ gesehen hat, wird bei diesem Film überrascht sein, dass ausgerechnet eine der schwächeren Geschichten von Fatih Akin stammt. Natalie Portman gibt ihr Regiedebüt, gar nicht mal so übel; zuvor schon hatte sie in der Episode von Mira Nair mit einem indischen Diamantenhändler einen lustigen religiösen Diskurs entfacht. Die beste Episode stammt von Yvan Attal – auch er von Haus aus kein Filmemacher, sondern Schauspieler. Bei ihm macht Ethan Hawke Maggie Q. an, eloquent und verführerisch, direkt und obszön, charmant und selbstverliebt und witzig.

Überhaupt: die Stardichte ist so hoch wie in kaum einem anderen Film, und sie, nicht die Filmemacherriege, ist es denn auch, die so manche Überraschung bietet. Am Ende, der alte Mann: Das ist Eli Wallach, mit schon über 90 Jahren!

Planet Asperger – Die unkonventionelle Romantic Comedy „Adam“

von Harald Mühlbeyer

ADAM - EINE GESCHICHTE ÜBER ZWEI FREMDE. EINER ETWAS MERKWÜRDIGER ALS DER ANDERE

USA 2009. Buch, Regie: Max Mayer. Kamera: Seamus Tierney. Musik: Christopher Lennertz. Produktion: Leslie U rdang, Miranda de Pencier, Dean Vanech.
Mit: Hugh Dancy (Adam), Rose Byrne (Beth Buchwald), Peter Gallagher (Marty Buchwald), Amy Irving (Rebecca Buchwald), Frankie Faison (Harlan).
Länge: 99 Minuten
Verleih: Fox
Kinostart: 10.12.2009


Adam ist einer wie von einem anderen Stern. Die Metapher übersetzt der Film ins Konkrete: Adam interessiert sich fürs Weltall. Und Interesse bedeutet bei Adam: er kennt alle Fakten, alle Theorien, alle kleinsten wissenschaftlichen Kleinigkeiten der Astronomie und hält sich auch nicht zurück, darüber lange Referate zu halten. Statt simplen Smalltalk zu plaudern…

Adam ist Authist; kein so schwerer Fall wie Dustin Hoffman; er leidet an der eher milden Form des Asperger-Syndroms, die es ihm verwehrt, andere emotional zu verstehen; sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Weshalb er immer mal wieder ziemlich unsensibel scheint, oder naiv, wenn er Ironie nicht versteht; was aber andererseits bedeutet, dass er vor allem die Tugend der Ehrlichkeit verfolgt. Ehrlichkeit auch und vor allem in der Liebe. Denn das kann er: lieben. Und er kann auch romantisch sein – was vielleicht nicht bedeutet, dass er der Dame seines Herzens die schweren Einkaufstüten tragen hilft, aber immerhin lädt er sie zu sich ein, um sein privates Planetarium vorzuführen; oder um ihr wilde Waschbären im Central Park zu zeigen.

Beth ist die Ausersehnte, und sie ist nicht abgeneigt; auch nicht, als sie von seinem Asperger-Problem erfährt. Tatsächlich entwickelt sich eine Liebesgeschichte, eine berührende, kleine Story von Zusammengehören, von Vertrauen, von Füreinanderdasein. Und das erzählt Regisseur Max Mayer sehr emotional und mit viel Humor: Adam weiß von seinen Schwächen und stolpert doch immer wieder ins Fettnäpfchen, wenn es um die Konventionen des gesellschaftlichen Umgangs geht. Und man fragt sich dabei ganz leise, wer denn eigentlich diese Konventionen für welchen Zweck geschaffen hat…

Nein, der Film reitet nicht auf den Symptomen des Syndroms herum; er spielt nicht auf der Betroffenheitsleier, er will auch gar nicht Mitleid erzeugen. Er zeigt eher den Alltag, das alltägliche Lieben von Adam. Und er legt es auch nicht auf Gags an – diese ergeben sich von allein, aus den Figuren heraus. Das ist sehr schön, sehr locker und leicht, sehr witzig und auch durchaus bewegend in der unbeschwerten Herangehensweise an die romantische Komödie.

Bei aller Zärtlichkeit, die Mayer zu seinen Figuren aufbringt, kann er aber doch nicht von den Konventionen der Romanze lassen – und das bei einem Film, der einen Menschen in den Mittelpunkt stellt, der sich – ob er will oder nicht – geben die Konventionen des Lebens stellt… Zwar ist die Weltall-Metapher nicht allzu aufdringlich, aber eben doch sehr deutlich auf Adams Fremdheit in der Welt zugeschnitten. So wohltuend es ist, dass es in diesem Film keinen Antagonisten gibt, der als Widersacher irgendetwas Böses will – so konstruiert wirkt der aufkommende Konflikt um mangelnde Ehrlichkeit und Unfähigkeit zum Vertrauen zwischen Adam und Beth. So gelungen das Ende ist, bei dem es kein Happy End im herkömmlichen Sinne gibt, das aber dennoch auf allen emotionalen Ebenen befriedigt – in gewissem Sinne verrät Mayer damit eben doch seinen Film, indem er Adam eine Entwicklung beigibt. Adam hat soziales Verhalten erlernt, passt sich an andere an, kennt ihre Erwartungen und erfüllt sie – und das widerspricht schlicht dem Filmanfang, in dem Beths Stimme Saint- Exupérys „Kleinen Prinzen“ zitiert, mit dem sie Adam gleichsetzt, der dem Piloten (also ihr selbst) die richtigen Sichtweisen auf das Leben beibringt. Wobei das Filmende eben Adam den Lernprozess zuschreibt, durch das Leben, die Liebe, durch Beth.

FILMZ - Wenn ich mittwochs in mein Kino geh

Er geht fast verloren im vollgepackten FILMZ-Filmprogramm, und er ist sicherlich auf eine der unattraktivsten Spielzeiten hinprogrammiert worden - dennoch sollte, wer irgend kann, sich am Mittwoch, den 25.11. um 15 Uhr die sehr lustige, sehr locker-leichte Komödie "Ich bei Tag und du bei Nacht" ansehen.

80 Jahre Tonfilm will FILMZ mit diesem Film von 1932 feiern, denn, jawohl: der Ton macht die Musik. Bei "Ich bei Tag und du bei Nacht" handelt es sich um eine sogenannte Tonfilmoperette, der Begriff wirkt etwas abschreckend, gemeint ist aber schlicht: eine Komödie mit ein paar Musikeinlagen, zwei, drei, vielleicht mal vier Schlager - und nicht etwa die ganze Zeit Gesang wie in der traditionellen Bühnenoperette, und auch nicht ein Film über Musik. Ein Film mit Musik eher, ein Film wie Musik.

Das Ende der Weimarer Musik, das mit dem Einzug des Tonfilms in die Kinos zusammenfiel, war die ganz, ganz große Zeit des deutschen Films - niemals danach konnte das deutsche Kino die damalige Qualität wieder erreichen. Die damaligen Ufa-Produktionen - vor allem die von Erich Pommer verantworteten - waren nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit, sie waren ihrer Zeit voraus - oft genug mit größerer Sorgfalt, größerer Fantasie, auch mit größerem Tempo und mehr innerer Dynamik hergestellt als die zeitgenössischen Hollywoodfilme. Und ich spreche hier nicht nur von Filmen, die heute als kunstvolle Klassiker gelten - "Der blaue Engel" oder "M" -, sondern von der ganz normalen Unterhaltungsware. "Die drei von der Tankstelle" war der erste wirklich große Erfolg der Tonfilmoperette, der Film zog viele andere mit ähnlichem Konzept nach sich - ein Konzept freilich, das sich nicht verbrauchte. Die Filme boten allerbeste Handwerkskunst der größten Ufa-Künstler auf, Willy Fritsch und Lilian Harvey etwa, Friedrich Hollaender und W. R. Heymann für die Musik, Billie Wilder und Walter Reisch beispielsweise beim Drehbuch, Regisseure wie Wilhelm Thiele, Paul Martin oder eben Ludwig Berger. Organisator des Ganzen: Erich Pommer.

In "Ich bei Tag und du bei Nacht" spielen Fritsch und Käthe von Nagy, auch eine dieser quirligen Frauenfiguren, Ludwig Berger (in Mainz geboren!) führte Regie; und es tauchen auch die Comedian Harmonists auf. Es geht, wie so oft in diesen Filmen, um Verwechslungen, um die Hoffnung auf das große Glück, um Missverständnisse, dass einer den anderen für mehr hält, als er ist - und das ganze wunderbar raffiniert verdreht, mit viel Witz, mit großem Esprit. Willy Fritsch spielt hier einen Kellner, der nur tagsüber in seinem Zimmer wohnt, um zu schlafen - sodass das Zimmer für die Nacht an Käthe von Nagy vermietet wird, die tagsüber die ganze Zeit auf den Beinen ist. Unbekannterweise hassen sich die beiden: jeder bringt halbtäglich die Sachen des anderen in Unordnung; und natürlich, als sie sich kennenlernen, ohne zu wissen, wer der andere ist, verlieben sie sich... Billy Wilder hat diese schön-lustige Grundidee in "Sunset Boulevard" als Drehbuch-im-Film verwendet.

Überhaupt: Wer sich ein bisschen für Selbstreflexivität des Films interessiert, muss sich Tonfilmoperetten ansehen. Hier wird stets Bezug genommen auf das Medium selbst, ironisch stellen sich die Filme als Filme dar; so auch hier: Der große Ufa-Schlager dieses Films ist "Wenn ich sonntags in mein Kino geh", und genau darum geht es, um die Filmhaftigkeit dieser märchenhaften Liebe zwischen Fritsch und von Nagy, die in einer der Realität ganz enthobenen - und als solche auch dargestellten - Traumwelt agieren.
Wobei, und das ist die Kunst der besten Tonfilmoperetten: Diese Traum-Filmwelt doch verwurzelt ist in der Realität des Lebens, sprich: damals in der Weltwirtschaftskrise, in der eben ein ganzes Zimmer den ganzen Tag viel zu teuer ist, weshalb man die Miete und die Tageshälften mit anderen teilen muss; und daraus erwächst das Glück der Liebe.

Der Traum vom großen Glück ist dargestellt als Traum, aus dem der Kinozuschauer erwacht, wenn der Film zuende ist: Eskapismus, der sich seines Eskapismus bewusst ist, der ihn nicht verleugnet, sondern für sich zu nutzen weißt.
"Ich bei Tag und du bei Nacht" ist heute noch so modern wie damals.

Harald Mühlbeyer