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FILMZ 2013: Mainz fühlt sich Disco

Ranisch-Pinkowski-Festspiele


FILMZ 2013 ist vorbei und hat einen glücklichen, sehr guten Hauptgewinner. Nach DAS KALTE EISEN von Thomas Lauterbach als bestem Dokumentarfilm und DIE SCHAUKEL DES SARGMACHERS von Elmar Imanov als bestem mittellangen Film ist es Axel Ranisch mit seinem ICH FÜHL MICH DISCO, der das „Mainzer Rad“ mit nach Hause nehmen darf. Knapp war die Entscheidung – die FILMZ-Filmprämierungen sind alles Publikumspreise, und fast ebenso gerne wie DISCO mochten die Mainzer KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL von Aaron Lehmann und Michaela Kezeles Drama DIE BRÜCKE AM IBAR. Doch eben nur fast. Und gewonnen hatte Axel Ranisch zusammen mit Pinkowski auch darüber hinaus.



Neben ICH FÜHL MICH DISKO, in dem Pinkowski die zweite Hauptrolle spielt, präsentierten beide gleich noch einen weiteren Film auf dem Festival des deutschen Kinos: den ebenfalls ohne fertige Dialoge produzierten Kinderfilm REUBER, in dem Pinkowski mit seiner stattlichen Gestalt titelgebenden – des Schreibens und Lesens eben eher unkundigen – Wegelagerer gibt. Darüber hinaus war der Schauspieler noch in zwei weiteren Werken – KOHLHAAS und dem mittellangen STUFE DREI – zu sehen, so dass schon bei der Moderation von ICH FÜHL MICH DISCO gescherzt wurde, es handele sich beim FILMZ 2013 eigentlich innoffiziell um die Heiko-Pinkowski-Festspiele.

Tatsächlich war es eher ein Ranisch-Pinkowski-Festival, aller hervorragenden Filme vor allem im Wettbewerb zum Trotz. Allein schon, weil sich der fröhlich-herzliche „Spielleiter“ Ranisch zusammen mit seinen „Sehr-Gute-Film“-ProduktionsfirmenmMitbegründern Pinkowski und Produzentin Anne Baeker (es fehlte nur noch Kameramann Dennis Pauls) auf der Bühne des Capitol-Kinos wie Bolle nicht nur über die 1.500 Euro Preisgeld oder die Auszeichnung an sich freuten, sondern auch die erneut von Juwelier Richard Weiland gestiftete und von ihm höchst selbst kreierte Bergkristalltrophäe bestaunten und bewunderten. Bis hin, dass die Sorge aufkam, ob nicht die ICH FÜHL MICH DISCO-Produzentinnen Ansprüche auf die Skulptur erheben könnten. So gewannen Ranisch und Co. auch die letzten Mainzer Zuschauersympathien.
Juwelier R. Weiland (l.), A. Ranisch (m.) u.
H. Pinkowski (Bild: FILMZ)

Ranisch freilich konnte schnell beruhigt werden: Der Preis und mithin das kleine Kunstwerk ist für den Regisseur. Selbst wenn dieser sich wie Ranisch lieber als „Spielleiter“ sieht und tituliert. Denn das Filmen, erklärte er bei den Fragerunden zu seinen Filmen, mache ihm einfach so viel Spaß. Und da sowohl der „Sehr gute Film“-Film REUBER (der im Nachklapp zu Ranischs Überraschungserfolg DICKE MÄDCHEN entstand und wie dieser quasi an der No-Budget-Grenze ansiedelt) wie auch der von Arte und dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF geförderte ICH FÜHL MICH DISCO (mit zehn erstellten und schließlich allesamt weggeworfenen richtigen Drehbuchfassungen) lediglich ausgehend von einer (vor allem Figuren-) Skizze frei entstand, ist das Spiel der Darsteller mehr als üblich als ein eben solches zu betrachten: Ein Spiel, das sich entwickelt, das seine eigenen Regeln kennt und entfaltet und in dem der Schauspieler, wie Ranisch unumwunden zugibt, eher dem Regisseur etwas zu sagen hat als umgekehrt. „Zu 99 % hat der dann recht“. Schließlich wisse der Schauspieler, so Ranisch, ja viel besser über "seinen" Charakter Bescheid als er.

Ganz warm und freundlich wird’s einem in der Seele im traurig-grauen adventlichen Mainz, wenn Ranisch dort unten vor der Leinwand steht, schelmisch schmunzeln, das Mikro wie ein kleines Küken mit beiden Händen dicht unterm Kinn, dabei eine fröhlich Lust an seiner Arbeit und mitreißende Lebensfreude und -freudlichkeit verströmt. Entsprechend wachsen nicht nur auf der Leinwand mit und über Ranischs „Filmfamilie“ hinter und v.a. vor der Kamera – seine Oma Ruth Bickelhaupt etwa oder die „DICKEN MÄDCHEN“ Pinkowski und Peter Trabner (der in DISCO nur einen Kleinstauftritt hat, in REUBER aber mit Verve und Aberwitz den bösen Zauberer hinlegt) – die Filme zusammen und Einem ans Herzen: Dank Ranischs Auftritten, seinen Anekdoten und einnehmenden Art, die sich auf den unterschiedlichen Ebenen seiner Filme wie eine Weltsichtweise mit positiver Energie-Aura wiederfindet, schwappen eben diese Filme sozusagen von der Leinwand hinein in die Wirklichkeit, werden Oeuvre und grenzenloses Gesamtkunstwerk der besonderen Art.

Zumal sich diese Werke wiederum vieles aus der Realität fischen, den Neffen Tadeus als kleiner Held in REUBER, in ICH FÜHL MICH DISCO die Biografie. Auch Ranischs Schwimmmeister-Papa, dem der Film gewidmet ist, lehrte Turmspringen, doch anders als Florian (Frithjof Gawenda) hat der kleine Axel damals gekniffen. Die sagenhafte Postkarte mit dem denkwürdigen Lebensweisheit „Dicke Kinder sind schwerer zu entführen“, die in Florians Kinderzimmer an der Wand hängt, stammt aus Ranischs eigener Wohnung. Gänzlich frei erfunden, etwa in Sachen Unsportlichkeit ist ICH FÜHL MICH DISCO also nicht, aber das macht und sagt ja (noch) nichts, bleibt im Thematischen. Wie der Film mit der erwachenden Sexualität, mithin dem Schwulsein, umgeht, ist bestechend in seiner Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, weil der Film zugleich nicht die Unsicherheiten, die Risiken und Verletzungen ausspart, die Florian da mit dem rumänischen Jungen Radu (Robert Alexander Baer), Sprungturmschüler von Florians Papa Hanno (Pinkowski), machen und durch diesen erdulden muss. Dass derlei einfach „dazugehört“ zum homosexuellen Leben (ebenso wie ähnliche Schmerzlichkeiten überhaupt zu allen Herz- und Hormondingen) vermittelt ICH FÜHL MICH DISCO auch verblüffend bestechend: indem Liebe / Freundschaft zwischen Florian zum „uneindeutigen“ Radu schlicht nicht auserzählt bzw. zu keinem auch nur zwischenzeitigen oder moralischen Ende gebracht wird.

Eigentlich mehr geht es ja auch in ICH FÜHL MICH DISKO um Papa Hannos Verhältnis zu Florian, die miteinander nicht so viel anfangen können. Hier der Macher, der seinem Sohn das Familienmofa aufnötigen und einen ganzen Kerl aus ihm machen will, dort der pummelige Zartgeist mit dem Wunsch nach einem Klavier und ansonsten seiner Ruhe. Dabei hat Ranisch wohl daran getan, nicht den bösen harten, aber im Kern weichen Vater gegen einen unverstanden-leidenden Sohnemann zu setzen. Hanno macht von Beginn an in seiner polternden Hilf- und Tölpelhaftigkeit eine solch einnehmende Figur, dass man ihn auch noch dann drücken möchte, wenn er schnauffig-hadernd in der Schwimmhalle Radu oder Florian auf dem Zehner zusammenwettert. Ein voluminöser walrossbärtiger Klotz, der gestisch und mimisch hinter jedes Wutgezeter noch ein relativierendes „Is’ doch wahr...“ stumm zu setzen scheint.

Florian wiederum kann auch schon Kontra geben. Und überhaupt ist da ja noch Mutti (Christina Große). Und Christian Steiffen. Mit ersterer kann sich Florian herrlich unter der Disco-Kugel in tropisch-entspannende Gefilde träumen (während dem ersatzhaften Papa später zur Ausgestaltung des imaginierten Meer-Idylls ein Öltanker gerade mal einfällt, auf dem Weg nach Rotterdam). Oder Mama und Flori tanzen kostümiert zu den Songs von letzterem: Schlager-Comedian Steiffens famoses Stück „Sexualverkehr“ liefert das Intro des Films – und dass daraus ICH FÜHL MICH DISCO (auch so ein Steiffen-Titel) was für eine ausgelassen-warmherzige Mutter-Sohn-Nummer macht, kennzeichnet schon eine spezielle Güte des Films.

Aber Mutti bekommt einen Schlaganfall und fällt ins Koma. So müssen sich Hanno und Florian zusammenraufen, sich näher kommen, sich gegenseitig stützen. Auch hier mischt Ranisch wohldosiert Tragik mit großem Ulk und teils unwiderstehlich absurdem Witz: Erscheint Schnulzenbarde Steiffen Florian noch klar im Tagtraum, lässt er sich vom betrunkenen Papa in einem Asia-Restaurant verständnisvoll und souverän in die Fresse hauen, um ihm hernach ein Ständchen zu singen („Das Leben ist nicht immer nur Pommes und Disco, das sag‘ ich dir. Manchmal ist das Leben nur eine Flasche Bier“), sich mit ihm die Kante zu geben und abschließend Hanno eine Aufklärungsset in puncto „Schwuler Sohn, was nun?“. Ganz real also ist die enthaltene DVD aus den Händen des magischen Helfers Steiffen, die Hanno am nächsten morgen einlegt. Ein Ratgeberfilm von Rosa von Praunheim (einer von Ranischs Lehrern an der HFF-Potsdam, über den er u.a. mit Tom Tykwer und Chris Kraus die Doku ROSAKINDER gedreht hat). Und neben von Praunheim sieht Hanno sich plötzlich selbst sitzen, bei sich daheim, auf der Couch (siehe dazu auch den Filmtrailer HIER) ...


Improvisation hin, Skizzenhaftigkeit her: ICH FÜHL MICH DISCO präsentiert eine im Kern klassische, man könnte auch sagen allzu bekannte Geschichte. Umso überraschender, fast überrumpelnder ist es, was Ranisch daraus, ja,  überhaupt: wie viel Spaß der Film macht. ICH FÜHL MICH DISCO fabuliert sich schwungvoll wie irrwitzig, dabei mit der richtigen Menge an – auch stilistischen – Ecken und Kanten durch sein Familiendrama, umschifft auch die wichtigen, teils generischen Klippen der Tragödien mit Bravour, um am Schluss zwar nicht alles gut sein zu lassen, aber letztlich das Leben einen Partykeller mit Lichtorgel, Rüschenhemd und guter Laune, damit: alles ein bisschen besser. Auch die Stimmung und das Gemüt der Zuschauer, die sich schon auf den nächsten Streich Ranischs und Pinkowskis und vor allem beider zusammen freuen.


zyw

P.S.: Einen Beitrag über Axel Ranisch, seine Arbeit(sweise) und die anderer Vertreter des "German Mumblecore" finden Sie in ANSICHTSSACHE - ZUM AKTUELLEN DEUTSCHEN FILM.

FILMZ 2013: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN


Fehlerhaft und phänomenal

Happy Birthday, KONTRASTFILM! Die Mainzer Produktionsfirma, langjähriger Förderer und Wegbegleiter des FILMZ – Festival des deutschen Kinos, feierte gestern, am Freitag den 29.12., sein Zehnjähriges. Die Party war zugleich gesellschaftlicher Höhepunkt des FILMZ außerhalb der Kinos, wie schon die KONTRASTFILM-Feiern in den Jahren zuvor. Nach der alten Postpakethalle hinterm Bahnhof oder, beim letzten Mal (sprich: im vorletzten Jahr), der ausgedienten Schule am Cinestar lud Tidi von Tiedemann mit seinen Mitstreitern dem Jubiläum angemessen in den feinen Klinkerblock am Mainzer Zollhafen. In schickem Ambiente wartete im Südteil des Baus Büffet beim Empfang, ehe dann im Norden des Gebäudes Bummbumm- und andere Musik die FILMZ-Party so richtig startete.

Ein zweifellos gelungener Abend (bzw. Nacht bzw. Morgen) auf der Mole für KONTRASTFILM. FILMZ hingegen, für das dieses Event erneut den Endspurt (Samstag und Sonntag) einläutete, steht hingehen im Jahr seiner Wiederkehr unter keinem allzu guten Stern. Zumindest, was die Technik betrifft. Mehr als gemeinhin üblich wird man Zeuge (oder hört von) Vorführungsproblemen: Hier ein falsches Bildformat, dort stockt die BluRay. Das erinnert an den Max Ophüls Preis, bei dem die digitalen Projektionen auch solche Schwierigkeiten machten, dass die Festivalleiter ad hoc zu dem Thema ein Pressefrühstück anberaumte. 2006 war das.

Andererseits lacht Fortuna dem FILMZ und seinen Zuschauern hinsichtlich des Angebots in der Spielfilmwettbewerbsschiene. Selten, vielleicht sogar wie nie zuvor, finden sich so viele Perlen im zugleich bunten (und mutigen) Programm, dass die Verleihung des „Mainzer Rads“, des Haupt- und zugleich Publikumspreises, am Sonntag tatsächlich spannend wird. Kleiner Wermutstropfen nur: keiner der zwölf Kandidatenfilme feierte in Mainz seine Premiere; das war schon mal anders. Aber FILMZ hat ja auch ein Jahr pausiert, und Tiziana Calò, Kerstin Krieg, Cornelius Kern und Urs Spörri als Auswahljury der Langspielfilme ist herzlich zu danken, nicht zuletzt weil sie und das FILMZ demonstrieren, welches vorzügliche Jahr für den aktuellen deutschen Film hinter uns liegt.

Einer dieser grandiosen Filme neben KOHLHAAS, dem harten TORE TANZT u.a. ist DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher, dessen Publikum auch Pech in Sachen Projektion hatte: Die erste Vorstellung von Festplatte wies ein enges Lichtpunkteraster auf der Leinwand auf, und denjenigen, die sich daran störten, wurden Ersatzkarten für das zweite Screening offeriert – das dann allerdings auch, so war zu hören, seine Macken hatte. 

Ganz egal: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN stand und steht in seiner Brillanz über solchen technologischen Faxen, wurde durch diese vielleicht noch besonderer (zumindest besonders merkwürdiger, und man denke an seltene, begehrte, folglich teure Fehldrucke, -prägungen etc. -- vielleicht ein originelle Innovations- und Alleinstellungsidee für das FILMZ?). Auf der diesjährigen Berlinale erregte dieses seltsame Stück Kino jedenfalls Aufmerksamkeit und erntete Beifall. Für Rüdiger Suchsland auf artechock war es der „überraschendste Film“ und DER Geheimtipp der Berliner Filmfestspiele, aber schon, wenn man auch nur grob an so etwas wie eine Deutung oder auch nur Inhaltsangabe gehen will, wird es schwierig. Frédéric Jaeger von/auf critic.de erkannte „eine deutsche Gesprächskultur“ zelebriert, „wie sie selten in Spielfilmen erfahrbar wird“, eine Untersuchung in Sachen Kommunikation und eine Milieustudie im Berliner Altbau. Das kann man so auffassen, tatsächlich aber lässt sich DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN partout nicht auf derlei Themen und Inhalte festnageln oder runterbrechen, flutscht einem durch die Finger. Grob lässt sich die Handlung, wenn denn von einer solchen die Rede sein kann, beschreiben als der Tag eines Familientreffens zu Hause, und tatsächlich verbleibt der Film weitgehend in der Altbauwohnung, doch wer da wer bzw. was in der Familie ist, lässt sich zum großen Teil nur deuten (oder aus Paratexten wie dem Presseheft erschließen). Jenny Schily als „melancholische“ (Suchland), aber auch leise bissig-biestige Mutter, klar. Die große (MEIN FREUND AUS FARO-Anjorka Strechel) und die kleine Schwester, okay. Aber ist etwa der junge Mann, der da unvermittelt in der Küche auftaucht, nun der Bruder oder der Freund der älteren Tochter? DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN hilft einem nicht weiter, auch die Wohnung selbst muss man in Teilen zusammenreimen; plötzlich ist da irgendwie noch ein Zimmer ... ---

Als Rezensent rettet man sich, um diesem großartigen Film, zumindest ein kleinbisschen Herr zu werden, unweigerlich ins Metasprachliche. Zum einen weil DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN weniger ein Rätselspiel ist oder überhaupt narrativ, sondern in erster Linie eine Erfahrung. Zum anderen ist eben diese nicht nur, aber vor allem in Sachen Kino so ungewöhnlich, dass sie verführt, Oxymora auf einander zu schichten oder zumindest mit Widerspruchsmetaphern zu hantieren und mit bizarren Vergleichen. „[A]ls ob die strengen Autorenfilmer der »Berliner Schule« eine Familien-Soap inszenieren würden“, so Suchsland. Man könnte ebenso sagen: Wie wenn Jacques Tati WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? als sanfte, liebende, humorvolle und doch befremdende Vor-Vor-Vorgeschichte der Maniac-Familie aus dem TEXAS CHAIN SAW MASSACRE gedreht hätte. Nur eben in Berlin, im Altbau, mit Hund und Katze und mit roten Dielen. -- Hilfe!

DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist ein phänomenaler Film. Nicht nur im Sinne von „außerordentlich“ oder „grandios“, sondern auch von „phänomenologisch“. Zu den Sachen selbst; aber hier wie bei Husserl meint das keinen simplen Realismus oder falschen Positivismus. DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN beobachtet und ist zugleich hochgradig artifiziell in seiner Inszenierung, pickt mit Großaufnahmen und genau komponierten Einstellungen Figuren und Details heraus – schneidet sie aber auch nur an oder belässt im Off, begrenzt die Wahrnehmung. Dadurch und darüber wird ein feines Netz an Dingen, Handlungen, Worten, Blicken und Reaktionen geknüpft, dieses aber auch offen lässt, Verweisfäden des Nichterklärten, des Nicht-Nachvollziehbaren.

Zürcher betreibt so mit leichter Hand eine Pathologie des Normalen, (re)konstruiert den Surrealismus des Alltäglichen und Allgewöhnlichen bei allen bizarren Kleinigkeiten, wie einer leere Flasche, die in einen Topf gestellt, unaufhörlich wippt und kreiselt und damit schließlich auch einige der Figuren selbst amüsiert (womit jeder filmsymbolische Metaphern-Charakter sich schon wieder erledigt).

Mal notiert der Film in der Summe seiner Gestaltungsmittel zusammen mit diesem oder jenem Familienmitglied etwas, mal beobachtet er sie beim Beobachten; bleibt außen vor. Mal ist es ein eigenständiger umherschweifend-zufälliger, dann wieder genau interessierter, registrierender Blick (hier wird vor allem die rotbraune Katze zum heimlichen Protagonisten des Ganzen). Alles in statischen Einstellungen. Viele der kleinen großen Figurenreden, Anekdoten, zwei illustriert durch den Film, kommen in steifer Sprache daher – wer redet schon im Alltag im reinen Imperfekt? Dann wieder hingeworfenen, lautdenkende Dialogsätze, die sich an keinen richten, die durch den Raum und die Figuren wabern wie elektronische Wellen. Dabei bleibt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN, das ist das erstaunliche, so originell wie unforciert, schlicht beeindruckend in seiner Souveränität. 

Alles hat, vielleicht, auch seinen Sinn, seine Logik, sind die gestischen „Spielhandlungen“ der Figuren, mal heiter, mal leicht bedrohlich (so wenn die Mutter sich verträumt anschickt, der futternden Katze mit dem Fuß den Kopf in den Napf zu drücken). Weil wir aber nichts erklärt bekommen, weil Psychologie und Kausalitäten weitgehend ausgespart sind, stehen wir mal lachend, mal mit einem unheimlichen Gefühl, stets aber staunend vor den Dingen, die nicht oder nur bedingt eine „errettete Wirklichkeit“ ist. Über das Unausgesprochene, das Verweigern und das Geworfene, das Traumartige, das Verrätselte (eines, das keine Lösung kennt – darin ähnelt der Film dem Beobachten eines David Lynchs, bei allen Unterschieden), über das Andeuten, Anschneiden und das Periphere lehrt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN nicht das Sehen neu, aber ein fremdartiges Sehen. Man kann auch sagen: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist vornehmster cineastischer Vertreter eines zärtlich magischen Autismus. Ein Film, der sich einem immer noch über die Augen legt und die Wahrnehmung verrückt, wenn man aus dem Kinosaal hinaus ist.

Kongenial und immer besser, immer treffender entlang des Filmverlaufs, tritt zur famosen Bildgestaltung des dffb-Kamerastudenten Alexander Haßkerl die Musik u.a. von Stephane Leonard hinzu. Freilich hätte man als Soundtrack ebenso gut Jazz-Meister Dave Brubecks „Take Five“ wählen können. Eleganz und doch neurotisch, leicht schizophren. E
rschienen ist das Stück auf dem Album von 1959 mit dem für DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ebenso passenden Titel Time Out. „Gruppenbild mit Katze“, so lautet die Logline des Films von Zürcher, der, ebenfalls noch an der dffb studiert (Regie). Sein Film ist im Rahmen eines Kurses von Béla Tarr entstanden (wurde dabei inspiriert von Kafkas „Die Verwandlung“, ist mithin gedacht [gewesen?] als soziale Studie in puncto Raum), und eigentlich kann Herr Zürcher (Jahrgang 1982) einem fast ein bisschen leid tun. Die Latte für seinen Abschlusswerk hat er sich selbst jedenfalls mit DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN sehr hoch gelegt.  

zyw




FILMZ 2013: Summer's gone

Zum Auftakt des Festival des deutschen Kinos in Mainz

Juhu, es ist wieder da, das Mainzer FILMZ – Festival des deutschen Kinos, der Lichtblick in der spätherbstlichen Tristesse. Ein Jahr hat es pausiert, dabei aber nichts an seiner Frische verloren und macht, im Großen und Ganzen da weiter, wo es aufgehört hat. Gottlob. Sicher, der Spielfilmwettbewerb ist enorm gewachsen: Zwölf „Lange“ konkurrieren dieses Jahr, und es wird ein harter Kampf. Das Rahmen- und Reihenprogramm ist erneut üppig: Urs Spörri präsentiert in der Altmünsterkirche wieder das Stummfilmkonzert (Fr., 29.11., ab 20.00 Uhr), gezeigt wird heuer ORLACS HÄNDE von Robert Wiene aus dem Jahr 1927, Drehbuchpitching am Sonntag, lokale Dokus, lokale Kurze neben den Contest-Reihen – und chill-out-after-hour-FILMZirkel ab 20.00 Uhr, diesmal bei „Oma Else“.

Gelb-Schwarz-Weiß, FILMZ ist wieder da, inklusive einem 007-Titelsequenz-würdigen Festivaltrailer. Aber irgendwie ist auch ein klitzekleinwenig der Wurm drin. Das ist natürlich auch nicht neu, macht auch nichts: FILMZ wird gestemmt von Ehrenamtlichen, was in Mainz eben auch heißt: von Studierenden, und da ist soviel Wechsel und Fluss drin, dass sich FILMZ zumindest hinter den Kulissen ohnehin schon öfters neu erfunden hat. Und das auch bei der Eröffnung nicht alles ganz rund lief, ist folglich ebenso traditionell wie sympathisch (mithin: welches Filmfest ist dahingehend schon perfekt).

Mindestens ein Mikro fällt am Dienstag aus (obligatorisch), das Beamerbild mit den Sponsoren flackert und wird just in dem Moment abgeschaltet, als eben darauf verwiesen wird, die Moderation noch ein bisschen steif. Egal, mehr noch: das hat Charme, lockert auf, war immer schon so (überall!), muss so sein. Was jedoch mehr befremdet und intuitiv schwerer wiegt ist, dass zum Start im großen "Capitol"-Kino nicht, wie die Jahre zuvor, dasselbe rappelvoll war. Viele Plätze blieben leer; vielleicht wegen zu viel eingeplanter Ehrengästen. Aber man vermisste ihn schon, den Aufruf, sich doch bitte zu melden, falls noch ein Platz neben einem unbesetzt ist. Schlimmer noch: Gerade nach der einjährigen Pause drängte sich zumindest für eine Schrecksekunden der Gedanke auf, dass das Interesse an FILMZ nachgelassen haben könnte, das Mainz und die Mainzer und aller drum herum zwar das Festival des deutschen Kinos loben und lieben, es aber doch schnell aus Herz und Hirn verlieren, kaum dass es mal aussetzt. Treulosigkeit, Oberflächlichkeit, Entbehrlichkeit? Die nächsten Tagen werden zeigen, ach was, beweisen, dass dem nicht so ist! Denn FILMZ ist wieder da, und mit einer weiteren Tradition hat man auch zur Eröffnung auf verlässliche Weise nicht gebrochen, nämlich jene, nicht gerade mit dem dollsten Film des Wettbewerbs zu beginnen. Wer verschießt schon sein Pulver gleich zu Anfang – Spannungskurve, Dramaturgie, das gilt nicht nur für Filme, sondern auch für ihre Festivals.

Dabei war es gut geplant und stimmig getimed: Kaum wird es (mal wieder) so richtig kalt in Mainz, lockt FILMZ 2013 mit südfranzösischer humorvoller Leichtigkeit: STILLER SOMMER von Nana Neul (MEIN FREUND AUS FARO) hat eigentlich auch alles, was die Seele wärmen könnte – rustikale Idylle mit groben natursteinernen Bauernhäusern, Künstlertum und Rotwein, Katze, Trüffelschwein und Lamas, vitalen Franzosen, vor allem ein grandiose Dagmar Mantzel (NACH FÜNF IM URWALD; DIE VERLORENE ZEIT), der auch eine gelungene Storyidee, naja, quasi „in den Mund gelegt wird“: Ihrer Kristine ist die Stimme abhanden gekommen, und wie sie sich den größten Teil des Films nur mit Mimik und Gestik verständigen kann, so dass sich die Figuren ringsum an ihr abarbeiten können, hat große Klasse und besonderen Charme. Die kecke Tochter (frisch: Marie Rosa Tietjen) hat was mit einem feschen Einheimischen, auf den auch Mama ein Auge wirft (und umgekehrt, dieser auf sie), dann kommt Papa noch dazu (gespielt vom ebenfalls großen Ernst Stötzner; s. H.-C. Schmids WAS BLEIBT) ...

Doch statt es beim luftigen Liebes- und Beziehungsreigen zu belassen und ihn auszukosten, wartet STILLER SOMMER mit einer Volte auf, die ein ganz neues Fass aufmacht, Schuld und sexuellem Doppelleben, ein bisschen zu ausgedacht und teutonisch-tragisch in der Idee, als wäre Neuls Drehbuch ein bisschen zu sehr am Redaktionsbesprechungsthemen-Tisch konzipiert worden (und selbst wenn dieser Tisch nur im Kopf gestanden hat). In Rückblenden wird dann alles noch mal Vieles aus der anderen Perspektive gezeigt, und passé ist die Sommerfrische, die auch leider in den Bildern nicht so wirklich eingefangen ist, so blass und eng gehalten, aller Spontanität, allem Witz (inklusive Psychopilz-Naschen) zum Trotz.

STILLER SOMMER ist kein schlechter Film, kein verbiesterter Film, aber er steht sich selbst letztlich im Weg herum, weiß nicht wohin mit sich, macht sich seine Probleme selbst. Bei allem Flair und Schwung, Deutsche in Südfrankreich eben.

zyw