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Investieren Sie in Gold!


Tom Lass‘ PAPA GOLD soll ins Kino

Ja, worin soll man momentan investieren? Die Aktien kennen wieder mal nur den Weg nach unten, Staatsanleihen werfen kaum mehr was ab, die USA sind als Kapitalanlage unsolide, Atomkraftwerke werden abgeschafft und Drogenhandel ist nicht nur gefährlich, sondern auch verboten.

Da ist guter Rat teuer, aber wir von Screenshot haben natürlich was für Sie: PAPA GOLD von Tom Lass.

Der bestechend witzige, grandios improvisierte und mit 2.500 Euro Produktionskosten spottbillige Streifen wurde von dem Schauspieler Lass (u.a. STILLER FRÜHLING, KRABAT, HARTE JUNGS) als sein Langfilmregiedebut in rund 2 Jahren fertiggestellt. Gedreht wurde an „Originalschauplätzen“ in Berlin (sprich: dem Lass’schen Lebensraum in Prenzlauer Berg). Mittlerweile für den First Steps Award nominiert, lief PAPA GOLD dieses Jahr bereits auf dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken und auch auf dem achtung berlin Filmfestival, wo er mit dem Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (quasi der "Ratingagenturagentur" in puncto Kinoqualität) prämiert wurde.

PAPA GOLD handelt von dem jungen Mann Denny (Lass selbst), der, unwiderstehlich lethargisch, mit vielen wechselnden Damenbekanntschaften und wenig Verbindlichkeiten in den sommerlichen Kiez-Alltag hinein lebt. Eines Tages taucht Frank (Peter Trabner) auf, der „zweite Mann“ von Dennys Mutter. Der Sohn hat seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen, und um das zu ändern, ist der leicht tölpelige Frank in die Großstadt gereist. Er wird von Denny erst unterkühlt begrüßt, dann doch aufgenommen (um nachts, wenn sich Frauenbesuch ankündigt, auf den nächsten Treppenabsatz des Mietshauses ausquartiert zu werden).



Nach und nach freunden sich die unterschiedlichen Charaktere an – und es wird klar, dass jeder von ihnen sich vor etwas drückt: Frank vor der Familie daheim, Denny vor dem Erwachsenwerden und der (Selbst-)Verantwortung.

Ganz leise, einfach und beiläufig ist das erzählt und trotz Improvisation und reinen Momentaufnahmen sehr stringent, klug und berührend. PAPA GOLD fängt nicht nur ein Berlin ein, das es so nur einmal gibt (und an vielen Stellen schon nicht mehr), sondern auch ein damit assoziiertes, gleichwohl universelles Lebensgefühl. Das kann man nur, wenn überhaupt, wie Lass mit tollen Nachwuchsdarstellern und dem maulfaulen, trockenen, alltagsbeobachtenden und dann doch wieder augenzwinkernden Humor aus dem Ärmel schütteln und in Film gießen, um es einzufangen. Das unheimlich packende, scheinbar so Hingeworfene und Lakonische gerät über die souveräne handgeführte Kamera samt der verblüffend guten Bildqualität (gedreht wurde mit einer HD-Fotokamera) sowie dem freien, so spontan wirkenden „Dokumentar“-Schnitt weniger lebendig als mehr noch: lebensecht, eigendynamisch und unheimlich effektiv.

So kriegt Denny in seiner Wohnung (die in Wirklichkeit die des Kameramanns Anselm Belser war) Besuch von der Motorradmechanikerin Mike (beeindruckend präsent: Lore Richter). Sie ist Dennys wahre Herzensdame, bei ihr ist es was Ernstes, doch trotz allen Bettgeschichten: Immer wenn es um die burschikosen Mike geht, steht sich Denny linkisch selbst im Weg. Aus ihrer Sicht sind sie einfach nur Kumpels, mehr nicht. Ausschnitthaft nun beobachtet die Kamera die beiden in der Küche, als Denny, im Schutz der Beiläufigkeit, Mike einen Kuss zu geben versucht. Woraufhin sie sich wegdreht, ihn überrascht und mit Spinn-ich-spinnst-du-Lächeln halb empört, halb belustigt anschaut. Was soll das denn jetzt... Ein Augenblick zum Luft-durch-die-Zähne-Saugen. Awkward! Dann, Schnitt, ein Jump-Cut, beide stehen sie immer noch in der Küche herum, nur das sie jetzt anderweitig ganz woanders sind. „Und der ist einfach so vorbeigekommen?“, fragt Mike; klar, sie sind jetzt bei Frank angelangt, dem neuen Stiefpapa und thematischem Ausweg aus der peinlichen Situation.


Dieser Schnitt ist eigentlich nur ein einfacher formaler Handgriff, doch gerade mit diesem so montierten Zeitsprung ist nicht nur alles, sondern – durch Weglassen – mehr gesagt, subtiler und (durch die Assoziation dieses illusionsbrechenden Behelfs mit der Augenzeugen-Authentizität – oder ihrem Stil – von Dokumentationen, Reportagen etc.) wirklicher, tiefgehender und zugleich distanzierter, als es mit vielen Worte, mit dem Ausspielen des Szene oder elaborierte Inszenierungsideen möglich wäre.

PAPA GOLD macht denn auch in seiner leichthändigen, aber nie leichtfertige Art Spaß und lehrt dabei vielschichtig das Sehen, oder gar: er verführt zum Sehen. Zum Miterzählen, zum Komplettieren der Figuren, von denen wir so viel wissen und zugleich so wenig, weil wir sie direkt, ganz nah und trotzdem immer nur über Auftreten und Rollen, ihre echte und falsche Gesten wahrnehmen und zu entschlüsseln suchen.

Das ist manchmal komplex, manchmal banal, aber PAPA GOLD interessiert uns für diese Figuren und ihre / unsere Geschichte, und er tut das bei allem Ungeschliffenen und Rotzigen, den einigen – selbst wieder ironischen – Albernheiten, den Augenblickseinfällen und dem Auspropieren, bei all der Einfachheit der Story, dem Witz und dem betont Pubertären des Habitus (eigentlich war’s ein Film, mit dem Lass mit möglichst vielen Mädchen ins Bett gehen wollte) – ja bei alldem tut PAPA GOLD all das das auf erstaunlich erwachsene Weise.



Was also machen mit dem Film, und insbesondere: Wie und wo kriegt man ihn jenseits von Einzel- und Sondervostellungen zu sehen?

Zusammen mit seinem Bruder Jakob, seines Zeichens vor allem Regisseur, hat Tom die Produktionsfirma „Lass Bros“ gegründet und damit im Alleingang – eben für 2.500 Euro und unbezahlbarem Umsonst-Engagement von Freunden und Kollegen – PAPA GOLD gestemmt. Jetzt soll der Film ins Kino, und, jawohl, er soll das, denn künstlerisch, vor allem aber auch als Produktionsprojekt gehört er da hinein. Nicht obwohl, sondern gerade weil soviele TV-Filme die deutschen Leinwände nicht zuletzt aus Gründen der Förderung fluten. Geld brauchen aber Tom Lass und PAPA GOLD dazu, zum Beispiel für die Musikrechte.

Dafür haben die Gebrüder das Crowdfunding entdeckt: Viele einzelne können damit spenden und wunderbare kreative Dinge wie PAPA GOLD möglich und erfolgreich machen. Einfach auf http://www.startnext.de/papagold gehen und etwas helfen. Sie tun dafür echt Gutes, sowohl für die famose Crowdfunding-Idee selbst wie auch für einen sehenswerten Film, und damit sind Sie sogar noch effizienter als wenn Sie Ihre Geld für sowas wie Banken- oder Euro-Rettungen hergeben.

Ob das tatsächlich eine Finanzanlage für Sie ist, ob Sie also etwas zurück bekommen? Auf längere Sicht und in gewissem Sinne: auf jeden Fall! Außerdem: Gold ist zurzeit sowieso das beste Investment – und war auch lange nicht so günstig wie hier.

Wem das jedoch zu kosten-nutzen-unsicher oder noch nicht genug ist, hier noch eine Garantierendite: Jeder Crowdfunding-Co-Finanzier ist Ehrengast auf der Lass-Bros-Party am 18. August im V.C.F., Berlin (Rochstr. 132, 10178 Berlin-Mitte, nahe Alexanderplatz)! Das Ganze beginnt ca. 22.00 Uhr nach dem PAPA-GOLD-Screening im Babylon. Gefeiert wird der 100. Geburtstag des Großvaters der Lass-Brüder, die PAPA-GOLD-Nominierung zu den First Steps Awards sowie die Unabhängigkeit der Republik Kongo.

Also, nix wie los nach: http://www.startnext.de/papagold. Das Crowdfunding läuft noch bis zum 15.08.

P.S.: Ein ausführliches Porträt von Tom Lass gibt es demnächst hier bei Screenshot.

Die Website von Tom Lass ist die hier: www.tomlass.de, die der Lass-Brothers: www.lassbros.com. PAPA GOLD im Internet gibt es wiederum da: http://www.papagold.de.


Bernd Zywietz


Tom Lass über Crowdfunding und Papa Gold from faunafink on Vimeo.

achtung berlin 2011: Die Preisträger


Am 20. April 2011 wurden bei der feierlichen Preisverleihung von achtung berlin, dem Festival für Neues Deutsches Kino aus Berlin, um 20 Uhr im Kino Babylon die Preisträger des new berlin film awards gekürt.

Die Preise werden in den einzelnen Kategorien wie folgt vergeben: new berlin film award in der Kategorie „Bester Spielfilm“ dotiert mit 2.500 Euro in bar und einem Sachgutschein für Filmequipment im Wert von 2.500 Euro, an
ABGEBRANNT, Regie: Verena S. Freytag

new berlin film award in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ dotiert mit einem Postproduktionspreis im Wert von 12.000 Euro an
GLÜCKSRITTERINNEN, Regie: Katja Fedulova

new berlin film award in der Kategorie „Bester mittellanger Film“ (Spielfilm) dotiert mit 1.500 Euro in bar, an
BEACH BOY Regie: Hannes Hirsch

new berlin film award in der Kategorie „Bester mittellanger Film“ (Dokumentarfilm)
dotiert mit einem Sachgutschein für Filmequipment im Wert von 1.000 Euro
LES ENFANTS DU GRENIER, Regie: Charlie Petersmann

new berlin film award in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ (ex aequo) dotiert mit 1.000 Euro in bar an
DÍGAME, Regie: Josephine Frydetzki
und einem Gutschein für eine Woche Kamera-, Licht- und Tonequipment für eine HDTVProduktion, an
VON MÄDCHEN UND PFERDEN, Regie: Ulrike Vahl

new berlin film award in der Kategorie „Beste Kamera“ wird vergeben in der Kategorie ‚Bester Spielfilm’ und ist dotiert mit der Realisierung einer hochwertigen, analogen Filmeinstellung ('One Good Shot') an
DER MANN DER ÜBER AUTOS SPRANG, Regie: Nick Baker-Monteys
Kamera: Eeva Fleig

Preis des Verbands der Deutschen Filmkritik (VdFK) (undotiert) wird in der Kategorie ‚Bester Spielfilm’ vergeben an
PAPA GOLD, Regie: Tom Lass

Preis der Ökumenischen Jury wird sektionsübergreifend vergeben und ist dotiert mit 1.000 Euro in bar an
VERGISS DEIN ENDE, Regie: Andreas Kannengießer

Zitty-Leserjury-Preis
Ausgewählt aus allen Spiel- und Dokumentarfilmen des Wettbewerbs ‚Made in Berlin-Brandenburg’ in der Kategorie „Bester mittellanger Film“ an
GESCHICHTEN AUS DER HEIMAT, Regie: Curtis Burz


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Kleine Anmerkung in eigener Sache:

Insbesondere die Auszeichnung des VDFK für PAPA GOLD ist natürlich von ganz besonderem Gewicht: Screenshot-Online-Redakteur Bernd Zywietz war Jury-Mitglied - und wird demnächst hier mehr zum Festival berichten.

achtung berlin 2011: Zur Eröffnung

An den letzten warmen Tagen in Berlin

… hatte das Festival achtung berlin new film award 2011 noch nicht angefangen, im Gegenteil, pünktlich zum Start war es wieder grau, kühl und feucht, ehe heute nun erneut die Sonne scheint und das Thermometer steigt. Aber der Titel dieses Beitrags sollte schon was Hübsches geborgt aus einem Lied von Element of Crime sein, und das passt ja auch wieder irgendwie zum Wetter zum Beginn des Festivals, so (obacht, übler Kalauer!) sven-regnerisch wie der ausfiel (ich hab Sie gewarnt!).

Doch egal: Seit Dienstag, dem 13. April feiert sich hier die Filmszene Berlin-Brandenburgs selbst. Was natürlich kein reiner Lokalevent ist, weil hier nun mal Spielfilme gedreht und an einer solchen Veranstaltung gezeigt werden, die mit für das deutsche Kino stehen, weil in Berlin die Filmhochschulen sind wie die HFF in Babelsberg und die dffb am Potsdamer Platz. Schauspieler, jung und alt, Regisseure, Produzenten leben hier, schauen mal rein ... Berlin brummt, wem sag ich das, und das nicht nur wonnig bärig wie das Wappentier im Winterschlaf. Auch wenn – so Festival-Mitleiter und -begründer Hajo Schäfer gerade beim Mittag meinte, das Aufbruchklima des Anything Goes in der Hauptstadt rauer wird (oder abklingt): Die Mieten ziehen an, Gentrifizierung – Gutbetuchte vernobiliesieren Kieze ...

Doch trotz aller Weltläufigkeit Berlins ist gerade das achtung berlin Fest ein sympathisches Durchschnaufen und Sich-mal-locker-Machen nach all dem Trubel der Berlinale oder dem Nationalglamour der Marke Deutscher Filmpreis. Das fängt schon damit an, dass das junge, mit viel Herzblut geleitete und organisierte Filmfest mit seinen Veranstaltungen ein Feierabendfestival ist: Bis auf das Wochenende beginnen die Veranstaltungen gemütlich um 18 Uhr, die Wettberbslangfilme erst um 20 Uhr.

Auch dank der Abspielstätten wie dem Babylon als „Zentrale“ hat achtung berlin nichts Podsdamerplatziges und Sonyzentrales, sondern stehen eher für das Urigen, Bodenständige, das alte und erfahrungssatte, auch etwas vergilbte und vergammelte Berlin mit (s)einer ordentlichen Portion Osten. Das meiste spielt sich jenseits des „Alex“ ab, Rosa-Luxemburg-Platz, wo das „Babylon“ in unmittelbarer Nähe zur Parteizentrale der „Linken“ liegt, und nach dorthin ist es quasi genauso weit wie zum Filmtheater im Friedrichshain und zum Kino International – gemessen von meinem von Plattenbauten umzingelten Hotelzimmer mit Blick auf den Fernsehturm aus.

Im Kino International in der sehr breiten, sehr sozialistischen Karl-Marx-Allee fand die Eröffnung statt. Es ist eine dieser originellen Schachteln am Rande des Prospekts mit seinem schon nicht mehr moribundem, sondern zeitgefrorenem Charme einer vergangenen Epoche. Trotz rotem Teppich hatte die feierliche Eröffnung etwas verlorenes an dieser stets zu „leeren“ Straße, insbesonder als gegen halb eins dann zum Zapfenstreich geblasen wurde und man durch die feuchtkalte Nacht zwischen den Wohnblöcken nach Hause irrlichterte.

Drinnen freilich war es rappelvoll gewesen, im Lichtspielsaal unter der Wellendecke, und die Moderatorin verriet lustig, dass der hübsche Goldflittervorhang gerade noch rechtzeitig aus der Wäsche kam. Da wurde noch hinsichtlich der passenden gigantischen Waschmaschine gefrotzelt (leider von mir, aber nur still und im Kleinen), aber bald schon wurde es ernst.



Zum Auftakt: der Kurzfilm LOVE LOVE LOVE YEAH von Peter Jeschke. Zehn Minuten lang, gewidmet dem jungen Hauptdarsteller Leon Palamarciuc, der vor kurzem überraschend verstorben ist. Der Film ist eine kleine Miniatur, und gerade in seiner Länge, mit dem fast schon allzu Dahingeworfen.Sein, das schon an der Grenze nur zur Idee, zur Einzelszene kratzt, ist er gelungen: Zwei beste Freunde, der eine hat was spontan mit der heiß geliebten Freundin des anderen, nachts auf dem Disco-Klo, noch als zwei Unbekannte, ohne, dass sie voneinander über ihre Dreiecksverbindung wissen. Bis sie sich alle am Wochenende zu einem Ausflug aufmachen. Nichts wird da aufgelöst, kommt er heraus, der Film hört fast abrupt auf, kaum das ein Konflikt ausdefiniert ist. Aber was LOVE LOVE LOVE YEAH mit einer teilweise träumerischen Stimmung mitgibt, verlegt mehr von (s)einer Folgestory über Loyalität und Freundschaft in den Kopf des Zuschauers, die Idee eines Films mit größerer Souveränität und Potential, als es manch anderer weitererzählter Kurzfilme in Gänze beinhaltet. Gerade als Anriss besticht LOVE LOVE LOVE YEAH.



Gute Laune machte vielen auch der Langfilm DIE LETZTE LÜGE von Jonas Grosch (RESISTE! AUFSTAND DER PRAKTIKANTEN), doch wie viel Gutmütigkeit und Heimvorteil dabei war, sei dahingestellt. Es ist natürlich eine gute Idee, das Publikum nicht gleich mit den Bleigewichten deutscher Sozial- und Befindlichkeitsdramen zu tracktieren.

Aber, pardon, leider etwas, ein bisschen, furchtbar misslungen ist DIE LETZT LÜGE gleichwohl. Natürlich nicht völlig, und allein schon gilt es zu loben, dass und wie ihn Grosch mit seiner / einer Hauptdarstellerin Katharina Wackernagel im Alleingang finanziert hat, ohne Sender, ohne Förderer. Die Idee ist fein, die Schauspieler auch gut aufgelegt und sichtlich spielfreudig. Der Film selbst weiß auch gar nicht wohin mit sich und seiner Beschwingtheit. Das Problem ist nun aber, dass das Drehbuch und vor allem die Figuren missraten sind – so sehr, dass man gar nicht mal sonderlich von Figuren (geschweige denn: „Charaktere“) reden mag. Manchmal mitredende Redakteure und Produzenten noch nicht des Teufels ...

Worum geht’s? An Ostern freuen sich Lucy (Wackernagel) und Peter (Sebastian Schwarz) auf ein nettes Fest ohne Familie. Dann aber steht Ole (Leander Lichti) vor der Tür, mit dem Lucy nach einem Seitensprung eine heimliche (Chat-)Affäre hat, wobei wiederum Ole von Peter wiederum keine Ahnung hatte. Prompt wird der ausgebremste Besuch zum unverbindlichen Jugendfreund und vor allem zum Koch erklärt wird. Weil – und das ist ein der vielen so dahingeschnodderten Informationen und wirren Hintergründe, die irgendwann, vielleicht, Sinn ergibt –: Ole hat Lucy beim Gebärdensprachkurs kennen gelernt. Und dass, irgendwie, wäre dann schon verdächtig …

Dann kommt noch die junge Ina (Maria Burchhard), mit der wiederum Peter ein geheimes Verhältnis hat und die schwanger von ihm ist, schließlich noch Lucy stumme Schwester, die von ihrem Rockabilly-Freund verlassen wurde (was Grund gibt, die Band „The Busters“, die einige Songs zum Film beigesteuert haben, auch mal vor der Kamera auftreten zu lassen). Und noch ein Armin (Lenn Kudrjawizki) trudelt ein, aber wie der genau jetzt mit Lucy und / oder Peter verbandelt ist, macht der Film sich zu erklären schon gar nicht mehr die Mühe. Auch nicht, warum Lucy provokant von seinem Trauma am Tisch erzählt (seine Frau hat mit seiner Fußballmannschaft gebumst, ihm daher den Sport verleidet), dann plötzlich Tränen in den Augen hat ... War sie die Gattin? Der Himmel weiß es, uns braucht es nicht interessieren, der Erzählung ist es schließlich ansonsten auch egal.

Ein bisschen Screwball-Comedy und Musical will DIE LETZTE LÜGE sein; ab und an brechen die Schauspieler (in Playback) in Gesang aus, tanzen ein bisschen steif durch eine kleine Shownummer. Das ist wirklich hübsch und frisch.

Enervierend ist nur, dass Grosch nicht nur ein Händchen für seine Figuren hat, sondern die Notwendigkeit offenbar nicht erkennt, überhaupt mal welche zu erfinden, anzubieten und ihnen treu zu bleiben. Dieses Chargen-Manko war bei der turbulenten Komödie POLNISCHE OSTERN, für die Grosch zusammen mir Regisseurin Monika Anna Wojtyllo ebenfalls das Drehbuch schrieb, noch kein Problem, gar ein ganz eigener Reiz, weil sich Klischeefiguren und Nationalsstereotype sich in der Road-Movie-Ethnoposse gegenseitig ergänzten und auch aufhoben.

In DIE LETZTE LÜGE ist das jedoch fatal, nicht nur, weil die Schauspieler, so lustig ihnen zumute ist, notgedrungen auf Sparflamme agieren: Der Film, der seinen Beziehungsreigen dann doch zu ernst nimmt, um sich ganz und gar und wirklich ausgelassen dem Abstrusen, Überdrehten oder auch nur dem Selbstparodistischen hinzugeben, braucht nun mal ein halbwegs funktionierendes, ernst zu nehmendes Personal, eines, das nicht widersprüchlich ist und willkürlich mit Attributen ausgestattet.

Die Figuren geben kein Stück, agieren und reagieren selten nachvollziehbar oder wenigstens konsistent. Sie reden irgendwas, wobei die Dialoge zwischen deftigem Schlagabtausch, Witzchen rein fürs Publikum und anstrengenden dürftigen philosophischen Tendenzen über Art und Wesen der Liebe mäandern – selbstzweckhaft, unglaubhaft und, so beschleicht einen immer wieder das Gefühl: unverstanden abgeschaut. „Eher schlafe ich unter einer Brücke, als dir weiter zuzuhören“ – so oder ähnlich formuliert es Ina an einer Stelle, und es ist kein gutes Zeichen für einen Film, wenn einem dabei so sehr und wider Willen aus dem Herzen gesprochen wird.

Wenn Peter und Ina ein geheimes Gespräch führen, platzt Ole rein – und fängt an sich auszuziehen, um eine Bad zu nehmen. Warum auch immer. Und dass ihn in der Drüber-und-drunter-Situation Ina von da an voller Ekel einen Perversen schimpft, derweil Pimmelfotos und ein Riesen-Holzpenis ansonsten für schenkelklopfende Erheiterung herhalten, ist sowenig einsichtig wie ausgegoren. Was vielleicht auch daran liegt, dass der LETZTEN LÜGE bei aller propagierten Libertinage und bemühten Frechheit ein altbackener oder wenigstens einfallsloser Geist in Sachen modernem Beziehungsreigen innewohnt.

So harsch das klingt: Es ist vor allem, wegen all der Liebe, all der Mühe und auch dem Können (z.B. in Hinblick auf Matthias Hofmeisters Kameraarbeit oder tollen Songs) weniger ärgerlich als schlichtweg schade. Und dass und wie es ähnlich und doch eben ganz anders geht, zeigt z. B. Zoltan Pauls UNTER STROM, der auch nicht „langweiliger“, „wichtiger“ oder „tiefgründiger“ ist und sein muss.

Zeitgleich mit der Kinoauswertungstour, die DIE LETZTE LÜGE durch Land führte und die nun bei achtung berlin als Auftakt endet, ist der Film auf DVD erschienen. Kein schlechtes Konzept. Als innovatives Auswertungsmodell, weil die DIE LETZTE LÜGE mochten, gleich durchs kühle April-Berlin mit nach Hause nehmen konnten – derweil die anderen dem lustigen Trauerspiel wohl nicht mehr so schnell begegnen werden.

(zyw)

Achtung Berlin!


Mit der Eröffnung am Dienstag, 13. April, im Kino International findet es bis zum 20. April in der Hauptstadt zum siebten Mal statt: das Filmfestival achtung berlin – new berlin film award.

Vor allem im Babylon, im Neuköllner Passage Kinos und im Filmtheater am Friedrichshain werden Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus Berlin und Brandenburg präsentiert.

Das bunte Rahmenprogramm beinhaltet u. a. Werkstattgespräche zu Praxisthemen wie Verleihverträgen, zu dem, was Filmemacher mit ihren fertigen Filmen anfangen können und: ein Kameraworkshop.

Nicht nur, aber besonders „berlinerisch“ ist der spannende und drägende Gegenstand der Diskussionsrunde am Montag (18.30 Uhr) im Babylon: Unter dem Titel „Multikulti als Auslaufmodell? - Filmische Annäherung an die fremde Heimat Deutschland“ trifft der Berliner Innensenator E. Körting, die Grundsatzreferentin für internationale Angelegenheiten des Senats S. Chebli und A. Sadi, ehemaliger Direktor der Rütli-Schule, auf Filmemacher wie „Gangsterläufer“-Regisseur Christian Stahl, deren (Dokumentar-)Filme sich der jungen Migrantengeneration zwischen Zukunftsträumen und harter Realität widmen.

Screenshot Online ist mit seinem Redakteur Bernd Zywietz vor Ort und wird das eine oder andere vom achtung berlin Festival berichten.

Mehr Informationen, darunter natürlich auch zu den Filmprogrammen gibt es natürlich auch unter www.achtungberlin.de.