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Filmfest München 2013: Jakob Lass und "Love Steaks"

Lustigerweise beginnt Jakob Lass seinen Film "Love Steaks" so, wie Brigitte Bertele "Grenzgang" anfangen ließ: Mit einem pinkelnden Mann. Bei Bertele: Jens Eidinger, der aus Frust über Studium, Professor und Freundin ein Goethe/Schiller-Plakat anpisst. Bei Lass richtet steht Clemens (Franz Rogowski) als Silhouette an einer Strandklippe, zunächst zusammengeklappt wie ein Taschenmesser, eher einem Felsen gleich, dann richtet er sich auf zum Wasserlassen und wandert mit seinem Rucksack auf dem Rücken in ein Hotel. Dort beginnt er seine Arbeit als Masseur im Wellnessbereich; doch das Mythische der ersten Bilder ist da schon gewichen zugunsten eines dokumentarischen Anstrichs - denn Lass hat mit seinen paar Darstellern und seinem kleinen Team tatsächlich in diesem Hotel an der Ostsee gedreht, während des laufenden Betriebs, mit den Hotelangestellten, die sich als Nebenfiguren selbst spielen.

Clemens nächtigt im Putzraum, wo Hausmädchen und Zimmerkellner jederzeit Zutritt haben; lernt die Techniken des Energiewegschaufelns kennen, die richtigen Duftessenzen für seine Kundinnen, wie man sich das Handtuch vors Gesicht hält, um sie diskret sich entkleiden zu lassen. Und allmählich lernt er auch Lara (Lana Cooper) kennen.
Die arbeitet als Azubi in der Küche, ist ins ruppige, neckende, eingespielte Team integriert, macht jeden Spaß der Kollegen mit, trinkt auch mal hier ein Schlückchen und da noch eins. Und bemerkt ebenfalls Clemens, der so ganz anders ist. Sie burschikos, draufgängerisch, energetisch; er sanft, aufrichtig, schüchtern, naiv.

Sie geht auf ihn zu. Sie nimmt ihn sich. Macht sie sich einfach über ihn lustig, den tollpatschigen Typen aus der Wellness, nuschelnd mit seiner Hasenscharte? Du strahlst den puren Sex aus, sagt sie, das ist ironisch gemeint, wie sowieso alles bei ihr ironisch ist, so ironisch, dass es ihr schon wieder ernst ist.

Jakob Lass schafft es, aus seinen dutzenden Stunden Filmmaterial genau diese eine Geschichte herauszuschälen, diese Story, diese Charaktere. In kleinen, subtilen Gesten und Momenten und in großen Aktionen, in raumgreifenden Späßen trifft er den Nerv seines Films: eine amour fou, mit dem, der straightforward und direkt ist und der, die alles als Spiel begreift, als uneigentlichen Unernst. Die den Polizisten ins Gesicht lacht, wenn sie sie wegen Trunkenheit am Steuer verhaften, die Clemens zur Verarsche des Hotelmanagers anstachelt, die anarchische Zerstörungsenergie in sich trägt.

Clemens, der Sanftmütige, will sie heilen, geht mit ihr eine Wette ein: Sie lässt den Alkohol. Er lässt die Angst. Tatsächlich öffnet er sich nach außen - doch ihre Überdrehtheit lässt sich kaum bändigen. Denn es geht um Energie, um das Umlenken von Energie, was Clemens ayurvedisch mit seinen Händen überm Bauch der Massagekundinnen vollbringt, was bei Lara nicht funktioniert. Meditation, Entspannung, zur Ruhe kommen ist nicht drin; und Lass führt diese Konstellation der zwei Extreme nicht nur zu glänzend komischen Momenten, sondern auch zu einem melodramatischen Finale, in dem Lügen und Missverständnisse, unendliche, aber fehlgeleitete Aufopferung und das spöttische Spiel sich auftürmen bis zum blutigen Kampf am Strand. Und zum blutigen Kuss, der sie endgültig aneinander bindet.

"Love Steaks" - das ist ein, ich sage es frei heraus, recht doofer Filmtitel. "Ein Luxushotel. Steaks werden gebrutzelt, Speckröllchen massiert. Clemens (zart) kommt als Frischling in den Wellnessbereich. Lara (gut durch) muss sich im Küchenrudel behaupten." - so lautet die offizielle Auflösung der Metapher, der Film käme gut ohne sie aus.
"Love Steaks" - konkret bezieht sich das auf eine der ersten Liebesszenen des Films, in der Küche, eine unvergessliche Annäherung über Bande der beiden. Lara, aufgedreht wie eh und je, interessiert sich für Penisse, hat Clemens einen Blut- oder einen Fleischschwanz? Sie will auch wissen, wie das mit dem Blasen ist, alles im kindlich-spielerischen Modus, steckt sich den Finger aus der Hose, Clemens auf den Knien - das erinnert an Friedkins "Killer Joe", letztes Jahr auf dem Münchner Filmfest. Dann nimmt sie Clemens nackt in die Kühlkammer, packt ihn mit vakuumverpacktem Steak ein; denn sie will wissen, wie das ist mit dem Schwanz und der Kälte. Ein Liebesakt ist das, wie er selten zu sehen ist; verdreht, aus dem Spiel heraus konsequent, auf extrovertierte Weise schüchtern, sehr fleischlich, erotisch, aber gar nicht sexuell. Und Beweis für Jakob Lass' Einfallsreichtum, wenn es um seine Charaktere geht, um das Formen einer Geschichte um sie herum


Harald Mühlbeyer

DVD: "Deep End" - Liebeswahn im Swinging London

Ein junger Mann, eine junge Frau und die Wirrungen der Liebe: In seiner ersten Arbeitswoche als Wärter in der öffentlichen Badeanstalt muss sich der 17jährige Mike gleich von einer blondierten Wuchtbrumme sexuell bedrängen lassen, gespielt von der früheren Sexbombe Diana Dors. Mikes Kollegin: Das ist Jane Asher, im wirklichen Leben kurz zuvor von Paul McCartney getrennt. Sie ist die verführerische, verwirrende, freche Kollegin Susan, in die sich Mike zunächst nur ein bisschen verliebt – und die ihn dann ganz verrückt macht. Sie hat einen Verlobten, sie hat zudem einen Liebhaber: ausgerechnet Mikes früheren Sportlehrer. Mehr und mehr verliert er sich in Obsessionen, folgt ihr in einen Club nach Soho, isst eine Menge Hot Dogs während des Beschattens und erobert sich das lebensgroße Plakat einer Stripperin – sieht die nicht aus wie Susan?

Jerzy Skolimowski verbindet diese Geschichte pubertären Liebeswahns mit einer großen Portion Komik, die nicht zuletzt auf den Improvisationen der spielfreudigen Darsteller während turbulenter Kabbeleien und frech-verliebten gegenseitigen Neckereien beruht. Dazu gibt es eine großartige Film im Film-Parodie auf deutsche Sex-Aufklärungsfilme und den Trick, wie man einen verlorenen Diamanten im Schnee wiederfindet.
Auf dem Soundtrack singt Cat Stevens „But I Might Die Tonight“, und die Krautrockband Can liefert einen fantastischen Jam: diese Musik, die Leichtigkeit der Inszenierung und das Eintauchen in jugendliches Lebensgefühl erzeugen das Zeitgeist-Feeling des niedergehenden Swinging London.

Dabei wurde der Film zu großen Teilen in München gedreht, und diese Drehorte sind ein Schwerpunkt in Robert Fischers hervorragender, 75minütiger Dokumentation über „Deep End“. Dazu versammelt er fast alle damals Beteiligten für Interviews, in denen sie durchaus unterschiedliche, subjektive Eindrücke zum Film und zu den Charakteren offerieren. In einer weiteren Featurette stellt Fischer anhand von Erinnerungen und Drehbuchausschnitten geschnittene Szenen vor, die nicht mehr erhalten sind. Darunter auch ein erweitertes Ende, das den Film vielleicht weniger abrupt, aber nicht weniger bestürzend und sicherlich weniger durchschlagend hätte ausklingen lassen.

Harald Mühlbeyer


"Deep End". GB/BRD 1970. Regie: Jerzy Skolimowski. Extras: "Startin Out - Making of Deep End" (75 Minuten), Deleted Scenes-Featurette, Trailer. Länge: 89 Minuten. Anbieter: Koch Media.


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Kino: „Young Victoria“ - Die Liebe einer Königin

„Young Victoria“, GB / USA 2009, Regie: Jean-Marc Vallée


Keine andere berühmte Monarchin trägt diesen Namen, keine andere englische Königin regierte so lange wie sie, nur Elisabeth I. hat einen ähnlichen Status inne wie sie inklusive der nach ihr benannten Epoche. Beim Lesen des Titels weiß man’s: es geht um Queen Victoria – um die Mädchenjahre einer Königin.

Und so ist die Titelheldin auch das absolute Zentrum der Geschichte, nur am Rande geht es um ihre Zeit, ihr Land, ihr weiteres Leben. Die kleine Victoria wächst ohne das Wissen um ihre Stellung in der englischen Thronfolge auf, streng behütet und abgeschirmt von ihrer Mutter (Miranda Richardson) und deren machthungrigem Sekretär und Geliebten Sir John (Mark Strong). Diese versuchen sie auch weiterhin unter Kontrolle zu halten, als endgültig feststeht, dass Victoria (Emily Blunt) Königin werden wird, weil ihre Onkel keine weiteren Kinder zeugen. Stur schafft es die trotz ihrer bisherigen Abgeschnittenheit von der Welt erstaunlich selbstbewusste Victoria, sich der Einflussnahme zu widersetzen. Als sie dann 18jährig gekrönt wird, verlässt sie sich auf den Rat des Premierministers Lord Melbourne (Paul Bettany).

Doch ist es bei all dem Beziehungsgeflecht am Hof und den unterschiedlichen persönlichen und politischen Interessen der Menschen, die sie umgeben, sehr schwer für sie zu entscheiden, wer ihr wirklich hilfreich beisteht und wer sie nur als Spielfigur zu seinem Vorteil ausnutzt. Ihr Onkel mütterlicherseits zum Beispiel, König Leopold von Belgien (Thomas Kretschmann), plant seit Jahren, Victoria mit ihrem deutschen Cousin Prinz Albert (Rupert Friend) zu verheiraten. Beide jungen Leute wissen von diesen Absichten und sträuben sich gegen diese Verbindung, weil sie die Fremdbestimmung ablehnen. Und trotzdem sind sie sich bei ihrem ersten Treffen sofort sympathisch. Es dauert einige Zeit, bis Victoria wirklich glauben kann, dass Albert nicht vorhat, sie zu kontrollieren, sondern sie zu unterstützen. Doch als sie in ihre erwachsenen Rollen eingewachsen sind, ein Kind haben, endet der Film mit der Aussicht auf die lange, gute Liebe und Zusammenarbeit des Paares.

Die Handlung hält sich ungefähr an den historischen Ablauf, doch verspricht der Film natürlich keine Genauigkeit in faktischen Details. Auch gibt er anders als thematisch verwandte Filme wie „Elizabeth“ keinen genauen Einblick in die komplizierten Machenschaften innerhalb der Politik und des Hofstaates. Außerdem stellt er nicht den Prunk und die Dekadenz der Herrscher dar, wie dies zum Beispiel in „Marie Antoinette“ geschieht. „Young Victoria“ wirft keinen Außenblick auf die Epoche, daher wäre es unnötig den Lebensstil der Königin genau zu rekonstruieren und kritisch zu betrachten, er konzentriert sich eher auf die Gefühle und die Liebe seiner Figur. Dies macht den Film zu einer kurzweiligen Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund. Es ist vielleicht auch mit das Interessanteste an Victorias realer Person, dass eben aus einer arrangierten Ehe in Wirklichkeit eine tiefe Liebe und Zweisamkeit entsprang im Gegensatz zu den vielen anderen Beispielen aus den Königshäusern Europas.

Der Film erzählt diesen Beginn ihrer Liebesgeschichte mit einigen eher ungewöhnlichen Kameraoperationen. So zeigen die Bilder viel weniger als in vergleichbaren Filmen große Panoramen der Bälle und Festessen, ebensowenig pompöse Details der Kleider und Dekorationen. Sehr oft sind Victoria und auch Albert und ihr Onkel, König William und sein Gefolge, in Großaufnahme zu sehen, um sie herum alles unscharf, die gefüllten Tische, die anwesenden Würdenträger und schönen Damen. Dies macht die Begrenzung auf die privaten Gefühle der Personen deutlich und verbildlicht außerdem das für sie oft nicht zu durchblickende Leben in ihrer Position.

Zuletzt sei ein Hinweis erlaubt für all diejenigen, die sich in Kürze über die spannende und langjährige Geschichte der britischen Monarchie, und ihrer Königinnen im Besonderen, informieren wollen. Dazu bietet Marita A. Panzers Buch „Englands Königinnen“ erstaunlich unterhaltsame kurze Darstellungen der Biografien der Königinnen mit Auszügen aus historischen Dokumenten und verständliche Verweise auf die politische und gesellschaftliche Lage sowie die familiären Hintergründe.
Wer allerdings nur oder zudem Lust auf eine historische Liebesgeschichte mit den obligatorischen, aber nichtsdestoweniger schön anzusehenden, im übrigen oscarprämierten Kostümen, ebenso schönen Bildern mit teilweise herausragenden Aufnahmen und durchweg hochkarätigen Schauspielern hat, ist bei „Young Victoria“ gut aufgehoben.


Elisabeth Maurer



„Young Victoria“, GB / USA 2009, Regie: Jean-Marc Vallée
Regie: Jean-Marc Vallée. Drehbuch: Julian Fellowes. Kamera: Hagen Bogdanski. Musik: Ilan Eshkeri. Produzenten: Sarah Ferguson, Tim Headington, Graham King, Martin Scorsese.
Darsteller: Emily Blunt, Rupert Friend, Paul Bettany, Miranda Richardson, Mark Strong
Verleih: Capelight
Laufzeit: 105 min
Start: 22.4.2010


Das Buch Englands Königinnen: Von den Tudors zu den Windsors von Marita A. Panzer können Sie in unserem Online-Shop bestellen.

DVD: "Der Dorflehrer" – All You Need Is Love

"Der Dorflehrer" / "Venkovský Učitel", Tschechien/Deutschland/Frankreich 2008. Drehbuch und Regie: Bohdan Sláma.


„Klar kann ich Dir verzeihen. Und jetzt lass uns einfach ficken. Komm, wir müssen ja nicht gleich von Liebe reden!“
„Für mich ist es nichts ohne Liebe.“

Zwischen all den großen Problemen dieser Welt merkt niemand, dass es überall Menschen gibt, deren Liebe nicht erwidert wird, sagt der Regisseur Bohdan Sláma im Making of des DVD-Bonusmaterials. Und darum geht es ihm in diesem Film.

In die kleine Welt eines Dorfes kommt am Anfang des Films Petr (Pavel Liska), um seine neue Stelle als Biologielehrer anzutreten. Als schüchterner Fremder stellt er sich den Kindern vor, sichtlich bedrückt von der Anwesenheit des Schulleiters fängt er seinen Unterricht an. Ein Schneckenhaus zeigt er den Schülern dabei. Ein Schneckenhaus, das keine Schnecke ist, auch keine Weinbergschnecke, sondern einfach ein Haus, eine Chronik eines Lebens, das einmal in ihm stattgefunden hat. Die Menschen sind Teil der Natur, erklärt er so die Botschaft des Films, und die Natur soll man kennen, um sich zu selber zu kennen.

Viel weiß man nicht über den neuen Dorflehrer. Er hat seine Stelle in einem Gymnasium in Prag gekündigt, um auf dem Land zu unterrichten. Fragen dazu beantwortet er mit Schweigen. Plötzlich wohnt er bei Marie (Zuzana Bydzovská), und eine sanfte Annäherung scheint zwischen den beiden stattzufinden. Die Melancholie, mit der Pavel Liska seinen Charakter wunderbar bekleidet, findet in Maries Hingabe zu ihren alltäglichen Arbeiten eine Spiegelung, doch als diese den ersten Schritt zu ihm wagt, weicht er aus.

Ein Besuch von Petr bei seinen Eltern in Prag erklärt alles genauso abrupt, wie der Film bisher verlief. Petr ist unfähig, eine Beziehung einzugehen, weil er sich selber nicht kennt, weil er es deswegen bisher noch nie geschafft hat, jemanden zu lieben, und weil diese Unfähigkeit, Liebe zu erwidern, ihn zu einem einsamen Menschen macht. Zum zweiten Mal lässt der Film seine Botschaft aussprechen, diesmal von Petr Eltern: Einsamkeit ist schrecklich. Zwei anständige Menschen sollten doch über Differenzen hinaus die gemeinsame Brücke für eine Beziehung finden.

Von nun an liegen alle Karten auf dem Tisch, und der Zuschauer darf entspannt einer im Film zentralen Frage nachgehen: „Wie macht man das?“ Glauben, Selbstschätzung oder Liebe treten nebeneinander als Aspekte des sich in einer Beziehung auf jemanden Einlassens, und sie werden auf mehreren Ebenen mehr oder weniger metaphorisch variiert. Marie, mit ihrer unglücklichen Vergangenheit, eine zwischen den Hürden des Alltags hin und her schwebende Nomadin, die diese Hürden mit unermüdlicher Kraft angeht, genießt nur die kleinen Momente des Glücks, die ihr das Dasein anbietet, und bietet dadurch ein einzigartiges Beispiel der Poesie des Lebens auf dem Land. Petr, als der ständig Andere, der nicht Akzeptierte, befindet sich auf einer fortwährenden Suche nach der Nächstenliebe. Maries Sohn (Ladislav Sedivý), in seiner pubertären Unsicherheit, unternimmt die größte Reise seines Lebens, um zu erfahren, dass das Ziel dieser Reise woanders lag. Gar die auf ihre Züchter angewiesenen Tiere werden zu Vorführern des Strebens nach einer Verbindung zu einem liebeswürdigen Nächsten.
Eine ständig sanft, oft im Kreis bewegte Kamera umwebt und verfolgt diese Suchenden, hat ihre Horizonte immer im Blick, vergleicht sie immer mit der Umwelt um sie herum, zeigt ihnen immer, dass die gesuchte Weite sich in der unmittelbaren Nähe befindet. Eine Nähe, die sich bei einem kleinen Eingeständnis der Gemeinsamkeit in Freude erfüllen könnte.

Die von Bohdan Sláma gewählte Perspektive des Suchenden erzeugt in „Der Dorflehrer“ ein einzigartiges, einheitliches Bild des Menschen, das die Unterschiede zwischen Großstadt und Dorf verschwinden lässt, und gleichzeitig mit sanften, aber sehr sicheren Bewegungen das Klischee der Pseudoidyllik des Landes in den Augen des Städters sprengt. Es gilt durchweg: „Für mich ist es nichts ohne Liebe.“


Ciprian David


"Der Dorflehrer" / "Venkovský Učitel"

Tschechien/Deutschland/Frankreich 2008.
Drehbuch und Regie: Bohdan Sláma. Kamera: Diviš Marek. Musik: Vladmír Godá. Produktion: Pavel Strnad, Petr Oukropec, Thanassis Karathanos, Karl Baumgartner.
Darsteller: Pavel Liška (Petr), Zuzana Bydžovská (Marie), Ladislav Šedivý (Laja), Marek Daniel (Der Freund), Tereza Voříšková (Beruška).
Extras: Making of, Trailer.
Vertrieb: Neue Visionen
Länge: 110 Minuten


Eine weitere Kritik zum Film finden Sie HIER.

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Nippon 2010: „Zero Focus“ – Ein Ehemann verschwindet

„Zero Focus“ / „Zero no shoten”
Japan 2009 , Regie: Isshin Inudo

Tag für Tag werden die Filme bei Nippon Connection immer westlicher in ihrer Konzeption. Angefangen hat es gestern mit „Oblivion Island“, gesehen an dem Tag, an dem passenderweise mein Notizbuch verloren gegangen ist, und Film für Film baute sich diese Tendenz im Programm auf bis hin zu Isshin Inudos „Zero Focus“, eben in Nippon Cinema als Wettbewerb-Film gezeigt.

„Zero Focus“ bezeichnet die Suche des Kameraobjektivs nach den frisch verheirateten Kenichi und Teiko, eine Suche, die wenige Tage später in der Handlung auf Teiko (gespielt von Ryoko Hirosue, bekannt in Deutschland aus „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“) übertragen wird. Kenichi ist während einer Dienstreise spurlos verschwunden. Die durch sinnlich ansprechenden Meeresaufnahmen angekündigten Episoden der Ermittlungen führen nach Kamazawa und decken eine immer tiefer verstrickte Konstellation von obskuren Charakteren auf, die mit dem mutmaßlichen Sterben Kenichis in Verbindung zu sein scheinen. Ein Kriminalfilm voller Wendepunkte ist „Zero Focus“, die im Namen des Films beschriebene Unklarheit verbleibt für einen großen Teil des Films auch beim Zuschauer.

Die Ermittlungen Teikos sind gleichzeitig eine Reise, die sie ihren verschwundenen Ehemann kennenlernen lässt, denn ihre Ehe war arrangiert worden. So erfährt sie nach und nach von seiner Vergangenheit und von den zwei Frauen, mit denen sein Schicksal verbunden ist. „Zero Focus“ ist aber gleichzeitig ein Epochenbild.

Mit Archivaufnahmen anfangend dokumentiert der Film das Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen. Parallel zu Teikos Suche nach Klarheit bezüglich des Todes und Lebens ihres Mannes kandidiert in Kamazawa zum ersten Mal in der japanischen Geschichte eine Frau als Bürgermeister. Kräftig unterstützt wird sie von Sachiko (Miki Nakatani, „Memories of Matsuko“ LINK), eine der zwei Frauen, die mit Teikos Ehemann durch ihr Schicksal in den Jahren nach dem Krieg verbunden waren. Während er als Polizist Frauen verhaften sollte, die mit amerikanischen G.I.s gegen Entgelt sexuelle Verhältnisse pflegten, arbeiteten diese zwei Frauen genau in dieser Branche.

Durch sie kam Kenichi dazu, dievor allem für Frauen bittere Seite des Krieges näher kennenzulernen und sich als Japaner mit ihnen verbunden zu fühlen, und es entwickelte sich ein Verhältnis zwischen den dreien. Wie aber die Kandidatur einer Frau für den Bürgermeisterposten bebildert, änderten sich die Zeiten, die Verhältnisse und die allgemeine Einstellungen der Menschen. Diese Änderungen betrafen aber nicht Kenichi und die zwei Frauen, die durch ihre Verbindung zueinander ständig an ihre belastende Vergangenheit erinnert wurden. Die Ehe mit Teiko wird aus dieser Perspektive, als sein Versuch, ein neues Leben mit einer jungen Frau anzufangen, durchleuchtet. Und dieser Versuch kostete ihn das Leben. Ebenso geschieht es mit den zwei Frauen, die, gefangen in der Vergangenheit, nicht ein Teil der Gegenwart werden können, ein Teil der Welt, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

Ein melodramatischer Kriminalfilm ist „Zero Focus“, der handwerklich mit viel Geschick umgesetzt ist und immer wieder durch etwas unkonventionelle Kameraeinstellungen überrascht, und der nicht zuletzt durch die Besetzung ein breites Publikum überzeugt.


Ciprian David


„Zero Focus“ / „Zero no shoten”
Japan 2009
Regie: Isshin Inudo.
Darsteller: Ryoko Hirosue, Miki Nakatani, Tae Kimura, Hidetoshi Nishijima, Takeshi Kaga.
www.zero-focus.jp
130 Min.

Nippon 2010: „One Million Yen Girl“ - Die Geheimnisvolle wehrt sich

„One Million Yen Girl“, Japan 2009. Regie & Drehbuch: Yuki Tanada


In sehr klaren, einfach komponierten Einstellungen nähert sich „One Million Yen Girl“ seiner introvertierten Hauptfigur, der 21-jährigen Suzuko, die ihre Umwelt irritiert und in den Bann schlägt mit ihrer Aura des Geheimnisvollen, was sie zu einer optimalen filmischen Hauptfigur macht. Der Zuschauer verfolgt - genau wie die anderen Figuren im Film - fasziniert ihre Handlungen und versucht sich ein Bild zu machen, was hinter der undurchschaubaren Schale im Inneren vorgeht.

Angenehm geradlinig und ohne aufdringliche visuelle Spielereien lockt der Film uns in Suzukos Welt. Nichts ist da einfach: Der Versuch mit einer Freundin zusammenzuziehen missglückt, sie gerät in Konflikt mit der Justiz, muss eine Million Yen bezahlen und zieht durchs Land, um das Geld bei Aushilfsjobs zu verdienen. Sie arbeitet am Strand, bei der Pfirsich-Ernte usw.

Der Film hat also eine grundsätzlich episodische Struktur, wir verfolgen Suzukos Reise, die natürlich auch eine innere, seelische Reise und Entwicklung bedeutet. In den Begegnungen mit den Figuren am „Wegrand“ muss sie lernen, sich ihrer Haut immer besser zu erwehren. Hinter den höflichen Gesprächen mit Kunden, Arbeitgebern und Nachbarn verbirgt sich oft ein knallharter Überlebenskampf, in dem jeder seine heimlichen Interessen verfolgt, manche gar zu Tiefschlägen ansetzen. Immer deutlicher wird dabei das Bild einer jungen Frau, die mit zerbrechlicher Vorsicht und strahlender Ehrlichkeit jeder unangenehmen Situation begegnet.

Anhand eines Briefwechsels mit ihrem jüngeren Bruder erhält der Film eine Ebene, auf der Suzuko ihre Situation in Worte fassen und für sich, für uns und ihren Bruder reflektieren kann. So kann sie sich ganz langsam aus ihrer defensiven Haltung befreien, wagt dann auch die Beziehung zu einem Jungen.

Der Film ähnelt seiner Hauptfigur: So elegant einfach und gerade dadurch bewundernswert vielseitig, so komplex und doppeldeutig und auch so direkt und kompromisslos wie Suzuko ist auch die feinsinnige Regiearbeit der Regisseurin Yuki Tanada. Auf eleganteste Weise lässt sie die Ambivalenzen und Doppeldeutigkeiten in den menschlichen Beziehungen aufschimmern, lässt uns mitfiebern, ohne die großen ästhetischen Hämmer zu brauchen - im Gegenteil: Der Film wirkt entspannt, fast beiläufig und traut sich auch, vieles in Andeutungen zu lassen. Langsam steigert sich die Spannung und hält an bis zum Schluss - sogar darüber hinaus. Das letzte Bild gibt nämlich noch einmal Anlass zum Diskutieren …


Martin Urschel

„One Million Yen Girl“, Japan 2008.
Regie & Drehbuch: Yuki Tanada. Kamera: Kei Yasuda. Musik: Eiko Sakurai, Ko Hirano.
Darsteller: Yu Aoi, MiraiMoriyama, Ryusei Saito, Terunosuke Takezai, Takashi Sasano.
Länge: 121 Min.

Nippon 2010: „Bare Essence of Life“ – Dünger fürs Leben

„Bare Essence of Life“ / „Urutora mirakuru rabu sutôrî“
Japan 2009, Regie: Satoko Yokohama


Nicht zum ersten Mal lässt sich ein Film von Satoko Yokohama bei Nippon Connection sehen. Ihr Debütfilm „Chiemi and Kokkunpatcho“ zog gerade durch das Frankfurter Festival die Aufmerksamkeit eines internationales Publikum auf sich. Mit „Bare Essence of Life“ flimmert nun das lange erwartete Kinodebüt der Regisseurin im Nippon Cinema Wettbewerb.

Ein Wecker, und noch ein Wecker, und noch ein Wecker … sie erinnern den jungen Bauer Yojin an das Vergehen der Zeit, der dann, nach dem Aufwachen, mit einem weißen Tuch bedeckt wie ein freier Vogel, wie ein spielendes Kind durch die Straßen seines Dorfes herumflattert. Denn Yojins Zeit vergeht anders und Evolution ist auch nicht seine Stärke. Selbst die Landarbeit führt er den Anweisungen seines verstorbenen Großvaters über einen Kassettenrecorder folgend durch, ohne dass die Aufnahmen ihm wirklich helfen, denn immer wieder entfalten sich in seiner wundersamem Fantasie neue, ablenkende Gedanken, denen er sofort nachgeht.

Er und seine Oma ziehen mit ihrem Wagen jeden Tag um 14 Uhr los durch das Dorf, um Gemüse zu verkaufen, die Oma am Steuer, Yojin, gewappnet mit einem Megaphon, auf der Ladefläche, so verdienen sie ihr Geld. Zur Belustigung der Zuschauer bezieht Yojin sein ganzes Universum in seine Aktivitäten immer mit ein, so dass ihr Gemüse mal besser ist als der Dorfarzt, oder mal zur Gelegenheit dienen soll, dass alle sich versammeln und Freunde werden.

Etwas zu impulsiv ist der vom japanischen Teenager-Schwarm Ken’ichi Matsuyama mit beeindruckender Leichtigkeit und Präzision gespielte Yojin. James-Dean-like rebelliert er bei jeder Gelegenheit, meistens aber nicht gegen die Polizei wie in „Denn sie wissen nicht was sie tun“, sondern gegen den Pestizidhändler. Dieser mag ihm ohne Geld nichts für die Besserung seines Kohlbeetes geben, damit es „evolviert“ und gutes Gemüse liefert, so wie die hellgrünen Felder die vom Helikopter aus mit Chemikalien bespritzten werden; was den Titel des Films lebendig bebildert.

„Bare Essence of Life“ ist ein großes Beispiel der stark an Bilder angelegten Erzählweise im japanischen Kino. Sehr gekonnt und doch mit ungeheurer Sanftheit mit Bildmetaphern arbeitend, schafft der Film eine romantische Poesie um Yojins Welt. Diese Welt wird bald Änderungen erfahren mit der Ankunft einer Fremden: Eine junge Frau, deren erste Anlaufstelle das Haus der Psychoanalytikerin in Yojins Dorf ist. Die junge Frau trauert, ihr Freund wurde bei einem Autounfall getötet. Noch schlimmer, er war dabei mit einer anderen Frau zusammen. Und dazu noch, als Auftakt in die surreale Welt, die sich dem Zuschauer entfalten wird, ging sein Kopf während des Unfalls verloren. Machicko, die Tokyo und ihre Trauer gegen das kleine Dorf zu tauschen versucht, ist die neue Kindergärtnerin. In der magischen Welt des Dorfes verhalten sich aber die Kinder wie Erwachsene bis hin zum Verschwinden der Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen: Mädchen reden wie alte Läster-Tanten. Yojin liegt natürlich genau dazwischen. Und als Gemüseverkäufer kommt er in Kontakt mit der jungen, von Komiko Asô gespielten Kindergärtnerin, wodurch sich ihm und ihr eine neue Welt aufmacht.

Diese Welt betritt sie zunächst skeptisch, vor allem, weil der aufdringliche Yojin sich auf der Stelle für verliebt erklärt und seine Heiratspläne offenbart. Zunächst bleibt es beim gemeinsamen Nachhauseweg; doch wird die zwischen den beiden aufkeimende Romanze schon bei der ersten Begegnung meisterhaft inszeniert: Während Machiko Yojins Oma beim Rückwärtsfahren hilft, wiederholt dieser ihre Befehle durch sein Megaphon, wie eine Spiegelung, die auf die gegenseitige Hilfe, die sich die beiden auf emotionaler Ebene geben werden, verweist. Sie, die Kindergärtnerin, die selbst traumatisiert ist, wird beginnen, ihn zu begleiten; sie wird, in der Symbolsprache des Films, für ihn Dünger sein, der die Entwicklung fördert, und Pestizid, das die Flausen aus seinem Kopf vertreibt.

Yojin sieht sich als ein Teil der Natur. Seine Arbeit im Gemüsebeet ist ein Kampf mit gleichgestellten Gegnern, ob diese Raupen oder Kohlköpfe sind. So lässt er sich einmal als Spiel zwischen den Kohlköpfen im Gemüsebeet begraben. Er ist ein Beobachter der Welt um sich herum, aber nicht nur das: wie wir alle, interpretiert er sie. Und seine Gedanken lassen ihn auf die Idee kommen, dass Machiko ihn mehr mag, wenn er sich mit Pestiziden duscht, um, wie sie sagt, sich wie alles andere zu entwickeln. Mit diesen Pestizid-Duschen wird Yojin immer apathischer, seine Impulsivität strahlt er immer seltener aus, er wirkt immer ernster, sein Lebensrhythmus verlangsamt sich, bis hin zum transzendentalen Moment des Treffens mit Machikos verstorbenen Exfreund, der wortwörtlich kopflos durch die Landschaft umherirrt und ihm Hilfe bei der Eroberung von Machickos Herz verspricht. Yojin bekommt sogar die Schuhe des Verstorbenen, in denen er herumläuft bis sein Leben komplett verschwindet und sein Herz zu schlagen aufhört.

Doch kurz danach geschieht das Wunder: Yojin ist auferstanden, er ist putzmunter und hat Machikos Herz erobert. Bloß auf Essen empfindet er keinen Appetit mehr. So vergehen mehrere glückliche Tage zwischen den beiden, dem Menschen, dessen Herz nicht mehr schlägt und der doch am Leben ist, und der Frau, die ihre Trauer in Liebe verwandelt hat, bis eines Tages, während eines euphorischen Ausbruchs Yojins bei einem Spaziergang im Wald, er für einen Bär gehalten und von einem Jäger erschossen wird. Seine Todesfeier wird durch die anwesenden Kinder zur sprudelnden Darstellung des Lebens, sein Gehirn vermacht er Machiko, die ihn der Natur wiedergibt.

Eine poesiegeladene Tragikomödie ist Yokohamas Film. Durch die natürliche Abwechslung von Komik und Romantik, aber vor allem durch die metaphorischen Motiven, die überall in den Bildern zu erkennen sind, und nicht zuletzt durch ein exzellentes Schauspiel Ken’ichi Matsuyamas wird „Bare Essence of Life“ ein hervorragendes Beispiel für die Aussagekraft von bewegten Bildern. Der Mensch wurde selten so explizit und zugleich unterhaltsam als Teil der Natur im Film inszeniert.


Ciprian David

„Bare Essence of Life“ / „Urutora mirakuru rabu sutôrî“
Japan 2009
R: Satoko Yokohama
D: Ken'ichi Matsuyama, Kumiko Asô
120 Min.

Nippon 2010: „Oh, My Buddha!“ - Der Charme der 70er und das Problem, keine Probleme zu haben

„Oh, My Buddha!“, Japan 2008. Regie: Tomorowo Taguchi


Ein Mädchen liegt im Sterben, immer wieder stoppt ihr Herz, immer wieder kehrt sie zurück ins Reich der Lebenden, sobald ihr Name gerufen wird. Natürlich ist es ihr Wille, der sie am Leben hält - sie wartet auf ihren Freund Jun, der schließlich kommt und ein kitschiges Liebeslied auf seiner Gitarre spielt, sodass sie getrost sterben kann. Bereits die Eingangsszene von „Oh my Buddha“ etabliert die meisten der wichtigen Themen des Films, auch wenn der Film sich in eine ganz andere Richtung bewegen wird.

Natürlich ist die drastisch kitschige Eingangsszene nur ein Tagtraum der Hauptfigur Jun - der hat nämlich eben keine Freundin, erst recht keine, die ihn herbeisehnt, und er leidet darunter, kein Unglück zu haben. Elend gibt Musikern etwas, worüber sie singen können, sinniert er, was also sollte man tun, wenn man ein glückliches Kind zweier offenbar glücklicher Mittelstand-Eltern ist?

Ganz problemfrei ist sein Leben natürlich nicht, denn neben dem Keine-Freundin-Haben hat Jun auch Probleme mit den „Jocks“ an seiner Schule, die mit „Humanities“ wie ihm nichts zu tun haben wollen und ihn bei jeder Gelegenheit verprügeln. Einen Ausweg aus dem trüben Alltag scheint die Hippie-Kultur zu bieten – wir befinden uns im Japan der 1970er. Der Nachhilfelehrer döst lieber auf Juns Bett und klärt ihn über Kondome auf, als über Mathe zu sprechen - und Juns Schulfreunde haben die Idee, zu einer Insel zu fahren, auf der es angeblich „free sex“ gibt - „wie in Schweden“!

Der Regisseur Tomorowo Taguchi ist international bekannt als Schauspieler (u.a. „Tetsuo“) und hat mit „Oh, My Buddha!“ seinen zweiten Spielfilm vorlegt. Er verfilmt den autobiographischen Roman eines Freundes und porträtiert damit sowohl die Zeit seiner eigenen Jugend als auch den Mittelstand, von dem er sagt, er werde viel zu selten in Filmen gezeigt - weil der Mittelstand zu wenig Probleme hat und darum im Film schnell langweilig wirken kann.

„Oh, My Buddha!“ ist allerdings so beschwingt, so energiereich gespielt und pointiert erzählt, dass er keine Sekunde langweilt. In gewisser Weise bietet der Film alles, was „8000 Miles“ bieten wollte, wobei hier allerdings mit sehr viel mehr Raffinesse gearbeitet wurde. Der Film lässt genug Luft, um das gut gebaute dramaturgische Gerüst mit reichlich Leben zu umhüllen. Jede Figur hat ihre eigenen kleinen Momente und wird von den Schauspielern und der Regie liebevoll ausgestaltet. Der Musik werden ganze Szenen zugestanden, was völlig angemessen ist, da der Wandel vom frühen „softeren“ Bob Dylan zum veritablen Rock eins der großen Themen des Films darstellt.

Für ein westliches Publikum ist dabei wahrscheinlich besonders spannend, zu beobachten, wie sich die 70er - mit allem was dazugehört - in Japan geäußert haben. Bob Dylan wird diskutiert, von freier Liebe geschwärmt und gesungen; gleichzeitig schlägt aber bei jeder Gelegenheit die anerzogene Scheu wieder durch. Als ein Mädchen Juns Arm umfasst, schreckt er zurück: „Die Leute schauen alle!“

„Oh, My Buddha!“ ist eine Komödie, ein Musik-, Coming-of-Age- und Liebes-Film, der gekonnt seine Effekte erzielt und es gleichzeitig schafft, persönlich zu wirken. Tomorowo Taguchi hat bereits angekündigt, dass er weiter als Regisseur arbeiten will, auch wenn der Job mit sich bringt, dass man nie zum Essen komme. Man darf gespannt sein, in welche Richtung er sich weiterbewegt.


Martin Urschel


„Oh, My Buddha!“, Japan 2008.
Regie: Tomorowo Taguchi. Drehbuch: Kosuke Mukai nach einem Roman von Jun Miura. Musik: Yoshihide Otomo.
Darsteller: Daichi Watanabe, Kazunobu Mineta, Shigeru Kishida, Chiemi Hori, Lily Franky
Länge: 114 Min.
www.shikisoku.jp

Nippon 2010: “A Piece of our Life (Kakera)” – Liebe über Geschlechtergrenzen hinweg

“A Piece of Our Life – Kakera” / “Kakera”
Japan 2009, Regie: Momoko Ando


Ein großes Projekt ist das Regiedebüt von Momoko Ando. Mit Subtilität und Leichtigkeit geht die Regisseurin ein wenn mittlerweile auch nicht mehr sehr umstrittenes, dennoch sehr diskursives Thema an: Sexualität.

Der Film handelt von der Studentin Haru (Hikari Mitsushima, bekannt unter anderem aus „Love Exposure“), die eine unglückliche, kommunikationslose und schlicht auf Geschlechtsverkehr reduzierte Beziehung führt. Doch schnell lernt sie Ryoko (Eriko Nakamura) kennen, oder wird vielmehr von ihr kennengelernt, die sich auf die Stelle in sie verliebt. Damit ist die Sexualitätsdebatte eröffnet. Und Regisseurin Ando führt den Zuschauer durch ein Panoptikum von Perspektiven zum Thema.

Nach einem relativ schnell deutlich werdenden System unterbricht sich der Film durch metaphorische Bilder, die das Geschehen ergänzen, kommentieren oder sogar im Voraus erzählen, um die Handlung als Untertitelung zu benutzen. So werden zum Beispiel die ersten Minuten des Films durch Bilder von fahrenden Zügen oder von Fahrrädern unterbrochen, die die Trennung Harus von ihrem Freund ankündigen. Diese Motive wiederholen sich bedeutungsträchtig während des ersten Dates zwischen Haru und Ryoko, als sie mit seitlich gestreckten Händen über Eisenbahnschienen-ähnliche Schatten eines Geländers rennen. Doch die Schatten bleiben Schatten und verbreiten sich über die Beziehung der zwei Mädchen: Einerseits, weil Ryokos autoritäre Natur Haru einengt, andererseits, weil Haru sich mit Homosexualität nicht identifizieren mag.

Dabei sprengt der Film in Ryokos Erklärung ihrer sexuellen Orientierung von vorneherein die Geschlechterkategorien: „Ich stehe nicht auf Frauen, ich mag dich!“ Und darum geht es in allen Situationen, die die Charaktere im Verlauf der Handlung erleben: Harus Freund schafft es erst zu spät, sich zwischen Haru und einer anderen zu entscheiden, vor allem solange er die Sexualseite mit beiden genießen kann. Ryoko, beruflich und aus Überzeugung Prothesenherstellerin, kann gar nicht von ihrem Selbstbild als Ergänzung für andere Menschen ablassen, und das wird ihr zum Verhängnis in der Beziehung mit Haru. Während Haru versucht, sich von Ryoko zu distanzieren, nimmt diese Rache, indem sie eine Affäre mit einer Drag Queen anfängt, die sich, wie beide überrascht feststellen, als Kundin Busenprothesen von Ryoko herstellen lässt. Ryoko steckt dabei ihren Geist und ihr Können in die Prothese, ihr Herz gehört aber Haru, und das zu verstehen scheitert die Drag Queen. So laufen immer Menschen auseinander, weil sie in Kategorien denken oder Kategorien nicht verstehen, weil sie Doppelleben führen und in einem Denken in Doppelidentitäten blockiert sind. Dabei geht es nur um eines: geliebt zu werden.

Und dieses Geliebtwerden über Geschlecht hinaus als Essenz der Sexualität wird zur Botschaft des Films, der durch diese ganzen Perspektiven die kulturellen Prägungen der Sexualität als Vergangenheit erklärt. Wie Ryoko Harus Freund sagt, bevor sie ihn vertreibt: „Du magst ja Nüsse haben, aber das hilft dir nicht, willkommen in der globalen modernen Welt.“. Mit „A Piece of our Life – Kakera“ gelingt Momoko Ando ein obwohl in der Motivik etwas repetitiver sehr gekonnt und elegant inszenierter, manifester Film.


Ciprian David


A Piece of Our Life - Kakera / Kakera
R: Momoko Ando
D: Hikari Mitsushima, Eriko Nakamura
Japan, 2009, 107 Min.

Nippon 2010: Yubari International Fantastic Film Festival Special: “Yuriko’s Aroma” und “Hi! Otsuka Drugstore“

“Yuriko's Aroma” / “Yuriko no Aroma”
Japan 2010, Regie: Kota Yoshida

“Hi! Otsuka Drugstore" / “Hai Moshi Moshi, Otsuka Yakkioku Desu Ga”
Japan 2009, Regie: Yu Katsumata



Zwei Filme über eine etwas andere Art vom Zugang zur Liebe wurden in diesem Rahmen auf Nippon gezeigt, zwei Herangehensweisen, die nicht unterschiedlicher voneinander sein können, was schon auf der technischen Ebene zu bemerken ist: Kota Yoshidas „Yuriko’s Aroma“ wurde mit einer Spiegelreflex-Kamera gedreht, während es sich bei Yu Katsumatas „Hi! Otsuka Drugstore“ um einen auf Mini DV gedrehten Film handelt.

„Yuriko’s Aroma“

Yuriko ist eine sehr gute Aromatherapeutin, und das hat sie vor allem ihrem Fetisch für Aromen zu verdanken. Blasiert und selbstbewusst wirkt sie, bis sie auf den 17jährigen Neffen ihrer Chefin trifft und sich in dessen Schweißgeruch „verliebt“. Von nun an ist sie süchtig nach dem Jungen, der dies in seiner Pubertätskrise sehr gut zu eigenen Gunsten auszunutzen weiß. Zuerst mit einem Handjob zufrieden, will er aber immer mehr. In kürzester Zeit vergisst er seine Schwärmerei für eine Schulkollegin, mit der er bisher nur über eine selbstgebaute Sexpuppe mit ihrem Foto als Gesicht Kontakt hatte, und steigert sich in eine Nutzen-gegen-Nutzen-Beziehung mit Yuriko. Doch die besagte Schulkollegin wird neidisch auf die ältere Freundin des Jungen und die sexuelle Beziehung zwischen den beiden endet abrupt.

„Yuriko’s Aroma“ ist ein Film über den indirekten Zugang zur Liebe, ob über Puppen oder Geruch, aber auch eine Kritik an den Gesellschaftsnormen in Sachen Sexualität, die einen Handjob als viel normaler als das einfache Beschnüffeln von jemanden einstuft. Der Film neigt sich den besonderen Menschen zu und versucht ihre Standpunkte mit Humor zu rechtfertigen. In einer beeindruckenden Qualität fotografiert, lässt er sich am besten als der originellste lange Weg zum ersten Kuss beschreiben.

“Hi! Otsuka Drugstore“

Ganz anders sieht es im zweiten Film der Reihe aus. Eine hysterische Apothekerin erkennt in einer Schülerin, die immer bei ihr einkauft, das Mädchen, dass sie selber in ihrer Jugend war, und unterstützt den Kampf des Mädchens um die erste Liebe.
In einem skurril betonten Slapstick erzählt der Film eine ebenso skurrile Geschichte, die über die Grenzen der Vorstellungskraft ausufert und zu einem höchstens als surrealistisch annehmbaren, aber völlig unmotivierten, teils unnötig geschmacklosen Andrang von Effekthaschereien und Leinwandmonstrositäten wird, die dem Zuschauer höchstens auf der Metaebene aus seiner Perplexität durch gelegentliches Schmunzeln befreit.


Ciprian David

„Yuriko's Aroma“ / „Yuriko no Aroma”
Japan 2010.
R: Kota Yoshida.
D: Noriko Eguchi, Shota Sometani, Saori Hara.
73 Min.

“Hi! Otsuka Drugstore“ / „Hai Moshi Moshi, Otsuka Yakkioku Desu Ga”
Japan 2009.
R: Yu Katsumata
D: Aya Enoji, Kana Kobayashi, Mayuko Arisue.
48 Min.

DVD: „Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“ - Erzieherin im Jugendstil

Großbritannien, Frankreich, Deutschland 2009. Regie: Stephen Frears.


Es gibt in der Kunst der Belle Epoque um 1900, vor allem im Jugendstil, von dem auch die Ausstattung von „Chéri“ geprägt ist, zwei vorherrschende Frauentypen: die „femme fatale“ und die „femme enfant“. Lea de Lonval (Michelle Pfeiffer) gehört eindeutig zu der ersten Kategorie. Als Edelkurtisane in Paris lebte sie jahrelang im Kreise der reichsten Männer und galt als Schönste ihrer Zunft. Mittlerweile ist sie über 40 und etwas ruhiger geworden. Ebenso ergeht es ihren Weggefährtinnen, notgedrungen über die Jahrzehnte zu den besten Freundinnen geworden, weil ihr Beruf neben allen finanziellen Vorteilen eben doch eine gewisse Abgeschiedenheit mit sich bringt. Eine der Damen, Madame Peloux (Kathy Bates), hat einen neunzehnjährigen Sohn, dem sie seine unbesonnene Lebensführung abgewöhnen möchte, damit er nicht eines Tages im Rausch von Sex und Drogen der Pariser Bordelle zugrunde geht. Weil sie selbst nicht mit ihm klar kommt, bittet sie Lea um Hilfe. Diese kennt den Sohn schon seit seinen Kindertagen, sie gab ihm den Spitznamen, unter dem er bekannt ist: Chéri. Auch er erfand als Kleinkind einen Kosenamen für die ältere Frau, nämlich Nunu, wie er sie jetzt während ihrer Affäre auch wieder nennt.

Hier sind schon die Konflikte und Themen deutlich, die den Film und die Liebesgeschichte zwischen der alternden Hure und dem jungen Lebemann ausmachen werden. Denn Chéri ist durchweg eine Frucht des Lebenswandels, dem Lea und die anderen Frauen nachgehen. Er wuchs auf inmitten der Kurtisanen und Tänzerinnen, die die Männer für Geld und Status begehrten, aber sie nie liebten, die kokett, frivol, frei und abhängig zugleich waren. Einen Vater hat er offensichtlich nie erlebt, generell tauchen in dem Film keine erwachsenen Männer auf, nur Jünglinge oder lüsterne Freier. So entwickelte sich Chéri zu genau dem, was ihm als Vorbild angeboten wurde, im Prinzip führt er das Leben einer Edelprostituierten. Die sechs Jahre, die er an Leas Seite verbringt, lässt er sich nämlich auch von ihr finanziell aushalten, obwohl er genügend Vermögen hat. In einem Gespräch zu Beginn ihres Verhältnisses bittet sie ihn, etwas von sich zu erzählen, worauf er antwortet: „Da gibt es nichts.“ Er ist die Verkörperung der nur auf ihre Zerstreuung und ihr Wohlsein erpichten Koketten. In derselben Unterhaltung betrachtet er ihre Perlen, sechs Jahre später wird er selbst sagen, dass sie ihm genauso gut stehen wie Lea selbst.

Mit seiner Mutter, die ihren Beruf längst abgelegt hat und sich für ihn und sich ein sittsames Leben wünscht, kann er nichts anfangen. Lea hingegen ist für ihn nicht nur Rollenmodell und perfekte Liebesgespielin, sondern zu großem Teil Mutter und Erzieherin. Zunächst lehrt sie ihn in Dingen der körperlichen Liebe, ihre Beziehung ist stets im Hauptteil sexuell, doch ihre Wesensverwandtschaft, die Gewöhnung und die gemeinsam verbrachte Zeit führt bei beiden doch zu tiefer Liebe. Ob dies die Liebe eines Paares oder doch eher die zwischen Mutter und Sohn ist, lässt sich nicht wirklich trennen, auf jeden Fall ist sie echt, auch wenn sie beide dies zu spät begreifen werden.

Denn durch seine Jugend und sein Geschlecht kann Chéri seine Lebensart auf die Spitze treiben. Als nämlich die „femme enfant“, die von seiner Mutter ausgesuchte, sehr junge Braut, in sein Leben tritt, nimmt Chéri an, er könne eine Ehefrau haben und trotzdem weiterhin mit Lea seine Zeit verbringen. Er weiß eben einfach nicht, wie er sich als Mann zu verhalten hätte. Hier aber zeigt sich Leas Stärke, sie kann sich nicht in der Rolle der Geliebten wiederfinden, nicht wenn es um Chéri geht. Daher beendet sie die Affäre, doch beide haben danach unter starkem Trennungsschmerz zu leiden. Chéri wirft ihr am Schluss vor, dass sie für seine kindische und verantwortungslose Art verantwortlich sei. Lea scheint diese Schuldzuweisung wegen ihres Alters und ihres lockeren Lebens anzunehmen. Geschickt erklärt die Voice-over des Films im Nachhinein, dass beide später erkennen werden, dass ihre Liebe vielleicht ungewöhnlich, moralisch und persönlich kompliziert war, aber doch das einzig Wahrhaftige in ihren Leben darstellte.

Der Jugendstil dominiert das Dekor und die Kostüme des Films. Die üppigen floralen Ornamente und organischen Formen lassen die Räume beinahe phantastisch erscheinen, losgelöst von der wirklichen Welt. So wie die Figuren, die sich auch in ihrem eigenen Zirkel einer Art Phantasiewelt hingeben, die Realitäten des Lebens nicht wirklich annehmen wollen. Dem Jugendstil als Kunstrichtung der vorletzten Jahrhundertwende, zu deren Zeit viele gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche Umwälzungen und Neuerungen stattfanden, haftet auch der Gegensatz zwischen Endzeitstimmung und Hoffnung auf einen Neubeginn an. Es ist aber nicht so, dass Lea als ältere und Chéri als der Jüngling jeweils eine Richtung verkörpern würden. In beiden Hauptcharakteren schwingt dieser Gegensatz mit, jeder muss seinem Leben eine neue Richtung geben oder er wird untergehen. Doch leider geben sie ihrer Liebe keine Möglichkeit zur Neugeburt und damit ihren Leben den Anstoß zu einer echten Veränderung.

Die leichte Erzählweise von Stephen Frears („Gefährliche Liebschaften“, „Die Queen“) und die großartige Ausstattung machen diese unglückliche und trotzdem sehr unterhaltsame Liebesgeschichte sehenswert.

Auf der DVD befindet sich neben Trailer und entfallenen Szenen ein kurzes Making Of. Zudem kommt die DVD mit einem recht umfangreichen Booklet mit Hintergrundinformationen und Romanauszügen der Vorlage.


Elisabeth Maurer



„Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“
Regie: Stephen Frears.Drehbuch: Christopher Hampton nach dem Roman von Colette. Kamera: Darius Khondji. Musik: Alexandre Desplat. Produzenten: Andras Hamori, Bill Kenwright, Thom Mount, Tracey Seaward.
Darsteller: Michelle Pfeiffer, Rupert Friend, Kathy Bates.
Verleih: Prokino
Laufzeit: 89 min
Veröffentlichung: 11.3.2010


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LOVE EXPOSURE / AI NO MUKIDASHI


Wie der Titel hellseherisch ankündigt, soll man bei LOVE EXPOSURE darauf gefasst sein, alles um sich herum zu vergessen, während man, am Sessel gefesselt, der beinah hypnotischen Aneinanderreihung von Filmmaterial ausgesetzt wird. Sion Sono entführt mit diesem Film zu knapp vier Stunden Liebeswahn, an denen man sich kaum satt sehen kann.

Was passiert aber in diesem Film? Liebe. So grob wie möglich beschriebe, sucht ein Junge seine große Liebe und trifft sie. Sein Vater ist nach dem Tod der Mutter Priester geworden, ebenfalls ein Ziel für seine Liebe suchend. Liebe sprudelt zwischen den Charakteren, in ungewöhnlichsten Formen, im Rahmen merkwürdigster und irrwitzigster Handlungen. Liebe rettet und vernichtet Welten und Konstellationen von Charakteren. Liebe missbraucht, verbraucht und erfindet Heiliges oder höchst Profanes, Liebe ist umwoben mit einer Symbolik, wie kaum zuvor im Film zum Ausdruck gebracht wurde.



Denkt man an Genres, greift sich LOVE EXPOSURE, genauso wie manche der Charaktere, alles auf, was er braucht, was gerade nötig oder unnötig, witzig, absurd oder schockierend ist. Basierend auf einer wahren Geschichte (die in den Extras der zweiten DVD geschildert wird), schafft er aus der ursprünglichen Wirklichkeit ein wunderbares zeitgemäßes Märchen. Ähnlich wird auf der Audiospur trotz der Kombination von Raviel, Beethoven und japanischer Popmusik ein zusammenhängendes Universum geschaffen.

Versucht man den Film zu interpretieren, so landet man in einem Meer von Ansätzen und Bedeutungen. Was den Rahmen der Handlung ausmacht, ist die unerschütterliche Dreieinigkeit zwischen dem Heiligen, der Erotik und die Liebe. Etwa durch die Kunst des „upskirt“-Fotografierens verdeutlicht, wo die als Bild verewigte Unterhose zum heiligen Akt des Entraubens des Geschlechts, mit höchster Diskretion und Tugend, wird. Jedoch bleibt diese Kunst nur ein Spiel, eine Etappe in der Entwicklung. Die entscheidenden Strukturschwankungen, die den Lebensrahmen des Protagonisten Yu (Takahiro Nishijima) definieren, finden zwischen dem Bild der Heiligen Maria, zwischen Perversion als Form der Erotik und zwischen Yoko (Hikari Mitsushima), als Subjekt der Liebe, statt.

Ein wichtiges Thema des Films ist die zentrale Rolle der Erotik innerhalb dieser Konstellation. Veranschaulicht durch die ethischen Normen der „Bukkake“ Pornostudios, die den Verstand des Protagonisten für die Heiligkeit der Perversion zu schätzen weiß und in daher einstellt. Oder, durch die Episode später im Film, wo Perversion sogar an den Normen des Bürgertums gemessen wird, und wo sie natürlich, als Verweigerung des Ablegens des Kindseins, zum ethischen Prinzip gemacht wird.



Eng verbunden mit der Beschäftigung mit der Erotik ist also der Identitätskonflikt beim Hinübergleiten vom Kind zum Mann. Kinder und Perversion sind ethisch nicht vereinbar. So muss der Protagonist zum Mann in sich finden bevor ihm die Liebe gestattet ist. Und das Erwachsenwerden ist dramaturgisch wie filmisch in LOVE EXPOSURE auf eine genial manifeste Art umgesetzt, theatralisch pointiert dargestellt, und immer aufs Neue durch die Handlung und die äußerst unruhige Kameraführung um unerwartete Ecken geführt.

Durch seine Struktur ist der Film eine sehr pointierte Schilderung der Gegenwart. In kleine, handlungs- oder charakterenzentrierten Episoden unterteilbar, jede davon kompakt und zusammenhängend, aber gleichzeitig genügend kurz um die Aufmerksamkeit nicht zu belasten, funktioniert er ähnlich zum Anschauen von themenverwandten Videos im Internet, und stellt genauso wie diese eine neue Geschichte daraus zusammen. Und für den Fall, dass man davon nicht genug hatte, gibt es noch entfallene Szenen unter den Extras. Oder noch mehr unveröffentlichte Szenen in einer Dokumentation zum Film, ebenfalls in den Extras zu finden.

Ciprian David

Regie, Buch: Sion Sono
Kamera: Souhei Tanigawa
Musik: Tomohide Harada
Produktion: Haruo Umekawa
Darsteller: Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Ando, Atsuro Watabe, Makiko Watanabe
Verleih: Rapid Eye Movies
VÖ: 05.02.2010

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Planet Asperger – Die unkonventionelle Romantic Comedy „Adam“

von Harald Mühlbeyer

ADAM - EINE GESCHICHTE ÜBER ZWEI FREMDE. EINER ETWAS MERKWÜRDIGER ALS DER ANDERE

USA 2009. Buch, Regie: Max Mayer. Kamera: Seamus Tierney. Musik: Christopher Lennertz. Produktion: Leslie U rdang, Miranda de Pencier, Dean Vanech.
Mit: Hugh Dancy (Adam), Rose Byrne (Beth Buchwald), Peter Gallagher (Marty Buchwald), Amy Irving (Rebecca Buchwald), Frankie Faison (Harlan).
Länge: 99 Minuten
Verleih: Fox
Kinostart: 10.12.2009


Adam ist einer wie von einem anderen Stern. Die Metapher übersetzt der Film ins Konkrete: Adam interessiert sich fürs Weltall. Und Interesse bedeutet bei Adam: er kennt alle Fakten, alle Theorien, alle kleinsten wissenschaftlichen Kleinigkeiten der Astronomie und hält sich auch nicht zurück, darüber lange Referate zu halten. Statt simplen Smalltalk zu plaudern…

Adam ist Authist; kein so schwerer Fall wie Dustin Hoffman; er leidet an der eher milden Form des Asperger-Syndroms, die es ihm verwehrt, andere emotional zu verstehen; sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Weshalb er immer mal wieder ziemlich unsensibel scheint, oder naiv, wenn er Ironie nicht versteht; was aber andererseits bedeutet, dass er vor allem die Tugend der Ehrlichkeit verfolgt. Ehrlichkeit auch und vor allem in der Liebe. Denn das kann er: lieben. Und er kann auch romantisch sein – was vielleicht nicht bedeutet, dass er der Dame seines Herzens die schweren Einkaufstüten tragen hilft, aber immerhin lädt er sie zu sich ein, um sein privates Planetarium vorzuführen; oder um ihr wilde Waschbären im Central Park zu zeigen.

Beth ist die Ausersehnte, und sie ist nicht abgeneigt; auch nicht, als sie von seinem Asperger-Problem erfährt. Tatsächlich entwickelt sich eine Liebesgeschichte, eine berührende, kleine Story von Zusammengehören, von Vertrauen, von Füreinanderdasein. Und das erzählt Regisseur Max Mayer sehr emotional und mit viel Humor: Adam weiß von seinen Schwächen und stolpert doch immer wieder ins Fettnäpfchen, wenn es um die Konventionen des gesellschaftlichen Umgangs geht. Und man fragt sich dabei ganz leise, wer denn eigentlich diese Konventionen für welchen Zweck geschaffen hat…

Nein, der Film reitet nicht auf den Symptomen des Syndroms herum; er spielt nicht auf der Betroffenheitsleier, er will auch gar nicht Mitleid erzeugen. Er zeigt eher den Alltag, das alltägliche Lieben von Adam. Und er legt es auch nicht auf Gags an – diese ergeben sich von allein, aus den Figuren heraus. Das ist sehr schön, sehr locker und leicht, sehr witzig und auch durchaus bewegend in der unbeschwerten Herangehensweise an die romantische Komödie.

Bei aller Zärtlichkeit, die Mayer zu seinen Figuren aufbringt, kann er aber doch nicht von den Konventionen der Romanze lassen – und das bei einem Film, der einen Menschen in den Mittelpunkt stellt, der sich – ob er will oder nicht – geben die Konventionen des Lebens stellt… Zwar ist die Weltall-Metapher nicht allzu aufdringlich, aber eben doch sehr deutlich auf Adams Fremdheit in der Welt zugeschnitten. So wohltuend es ist, dass es in diesem Film keinen Antagonisten gibt, der als Widersacher irgendetwas Böses will – so konstruiert wirkt der aufkommende Konflikt um mangelnde Ehrlichkeit und Unfähigkeit zum Vertrauen zwischen Adam und Beth. So gelungen das Ende ist, bei dem es kein Happy End im herkömmlichen Sinne gibt, das aber dennoch auf allen emotionalen Ebenen befriedigt – in gewissem Sinne verrät Mayer damit eben doch seinen Film, indem er Adam eine Entwicklung beigibt. Adam hat soziales Verhalten erlernt, passt sich an andere an, kennt ihre Erwartungen und erfüllt sie – und das widerspricht schlicht dem Filmanfang, in dem Beths Stimme Saint- Exupérys „Kleinen Prinzen“ zitiert, mit dem sie Adam gleichsetzt, der dem Piloten (also ihr selbst) die richtigen Sichtweisen auf das Leben beibringt. Wobei das Filmende eben Adam den Lernprozess zuschreibt, durch das Leben, die Liebe, durch Beth.

Vergeben ist menschlich – Bohdan Slámas „Der Dorflehrer“

von Markus Reuter

"Der Dorflehrer" ("Venkovský Učitel", Tschechien/Deutschland/Frankreich 2008)
Drehbuch und Regie: Bohdan Sláma. Kamera: Diviš Marek. Musik: Vladmír Godá. Produktion: Pavel Strnad, Petr Oukropec, Thanassis Karathanos, Karl Baumgartner.
Darsteller: Pavel Liška (Petr), Zuzana Bydžovská (Marie), Ladislav Šedivý (Laja), Marek Daniel (Der Freund), Tereza Voříšková (Beruška).
Verleih: Neue Visionen
Länge: 110 Minuten
Start: 27.08.2009


„Klingt aber ziemlich traurig“ ist Maries lakonischer Kommentar zu Petrs Musik. Mit diesen Worten endet eine der schönsten Sequenzen im Kino der letzten Zeit, die uns mit der Musik aus der Wohnung von Petrs Eltern in Prag zum kleinen Dorf auf dem Land mitnimmt. Eine geheimnisvolle Traurigkeit umgibt Petr schon seit Beginn des Films, wenn er genau diesen Schritt von der Stadt in die Natur vollzieht und die neue Stelle als Dorflehrer antritt.

Schweigen ist seine Antwort auf die Frage, warum es einen so intelligenten jungen Lehrer wie ihn in die Grundschule eines abgelegenen Dorfs führt. Die Aufarbeitung dieser Frage wird ihm und seinen Mitmenschen im Verlauf des Films einiges an Selbstüberwindung und Kraft abverlangen. Auf dem Land findet Petr nämlich nicht die Ruhe zur Analyse der eigenen Situation, weil es dort längst nicht so harmonisch zugeht, wie er sich das vielleicht erhofft hat. Das Leben spielt sich hier zwischen unmotivierten Schuldirektoren, trinkenden alten Männern und der Perspektivlosigkeit der Einwohner ab. In der aufkeimenden Vertrautheit zwischen ihm und der Bäuerin Marie kommt es schließlich auch zu Schwierigkeiten, als Marie über die Freundschaft hinaus mehr von ihm will.
Ebenso kompliziert entwickelt sich die Beziehung zwischen Maries Sohn Laja und seiner Freundin Beruska. Während er sich mit seiner Mutter zwar gut auf die Pflege des Bauernhofs versteht, kann er beim Verlangen Beruskas nach Bildung und Wissen nicht mithalten. Der hier zum Vorschein kommende Zwiespalt zwischen der Eingebundenheit in die Natur und der Fähigkeit zum vernünftigen Denken des Menschen, zwischen sinnlicher Begierde und geistiger Vernunft wird innerlich und äußerlich in allen Figuren des Films ausgetragen. Endgültig zum Ausbruch kommt der Konflikt, als Petr Besuch von einem Freund aus der Hauptstadt bekommt. In den folgenden Ereignissen wird Petr seinem körperlichen Verlangen nachgeben und Schuld auf sich laden.

Im Mittelpunkt des Films steht die Betrachtung der Liebe in vielerlei Facetten, wie der tschechische Regisseur Bohdan Sláma selbst sagt: „Liebe hat so viele verschiedene Formen wie es Menschen gibt. Und jede Beziehung zwischen zwei Individuen hat einen absoluten Wert in sich selbst.“ Um den Möglichkeiten des menschlichen Zusammenseins auf die Schliche zu kommen, entfaltet Sláma das Leben seiner Charaktere mit ruhiger Sorgfalt und großer Sensibilität. Dabei deckt er vor allem die Schwächen im Menschen auf. Die Eifersucht auf und die Enttäuschung durch den Mitmenschen, die Angst vor der Zurückweisung durch den Anderen erlaubt es uns häufig nicht, sich dem Gegenüber zu öffnen und der Liebe eine wirkliche Chance zu geben. Und doch treibt uns eine Sehnsucht im Innern stetig nach diesem Gefühl und wir verstehen die Worte von Petrs Mutter: „Einsamkeit ist schrecklich.“ Jeder braucht jemanden.
Zur Umsetzung dieser Erkenntnis gehört aber eben auch ein gewisses Maß an Stärke, um die eigenen Fehler zu überwinden. Die Größe des Menschen liegt, so der Film, in seiner Fähigkeit zu vergeben; zu vergeben, obwohl man in der Vergangenheit vielleicht bereits Enttäuschungen erfahren musste. Die Überwindung des in der Natur des Menschen liegenden Triebes durch den Geist entspricht damit einer Auszeichnung der Platonischen Liebe, bei der die sinnlichen Begierden des Körpers zugunsten der Idee eines höchsten Guten zurücktreten sollen. Oder in den Worten des Regisseurs: „Die Fähigkeit zu vergeben stellt das Vertrauen in den Sinn des Lebens wieder her.“

Das Schöne regte Platon zum Philosophieren an, und es ist die Schönheit der langen Einstellungen im Film, die uns zum Nachdenken über das Beziehungsgeflecht der Figuren inspiriert. Für den Filmtheoretiker André Bazin überlässt die Mise-en-scène in der Plansequenz dem Zuschauer eine gewisse Mitwirkung an der Regie. Der Zuschauer folge dann nämlich nicht vom Regisseur im Bild aufgestellten „Wegweisern“, vielmehr hinge es von seiner Aufmerksamkeit und seinem Wollen ab, ob das Bild überhaupt einen Sinn bekommt. Sláma möchte uns dementsprechend nicht seine Sicht über die Welt aufzwingen, sondern lädt uns vielmehr zur gemeinsamen Reflektion ein.
Der ruhigen Entwicklung der Charaktere entspricht die Bewegung der Kamera, die sich nahezu während des gesamten Films langsam und behutsam vertikal, horizontal und um die eigene Achse bewegt. In ihren langen Fahrten und Schwenks wird die sich nach oben und unten schraubende Kamera zum ästhetischen Kennzeichen des Films und bringt die Konfrontation zwischen „niederem“ Trieb und „höherem“ Geist im Menschen zum bildlichen Ausdruck. Hinter der Kamera stand wie schon bei „Wilde Bienen“ („Divoké Včely“, Tschechien 2001) und „Die Jahreszeit des Glücks“ („Štĕsti“, Deutschland/Tschechien 2005) Diviš Marek. Marek lässt in seiner höchst beweglichen Kameraarbeit überdies den Schauspielern genügend Raum für die Gestaltung ihrer Figuren. Pavel Liška etabliert sich mit seiner vor Empfindsamkeit fast zu Grunde gehenden Rolle des Petr endgültig als einer der talentiertesten Schauspieler in Europa, und Zuzana Bydžovská wünscht man sich nach der Rolle der vom Leben gezeichneten Marie in weiteren Filmen zu sehen. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie die bäuerlichen Aufgaben darstellt, wie sie sich zum Beispiel in den Traktor schwingt oder die Kühe zur Tränke führt, das erinnert an die neorealistischen Akteure, die sich für Roberto Rossellini in der letzten Episode von „Paisà“ („Paisà“, Italien 1946) lebensnah in ihre Boote gleiten lassen sollten.

Einen Film über die Liebe und den Sommer hat Bohdan Sláma gedreht. Und doch verhält es sich genau anders herum wie beim polnischen „Kleine Tricks“. Dort wollte der Regisseur Andrej Jakimowski einen Schritt aus der ernsten Tradition des polnischen Kinos herausmachen und scheiterte an seinem Ansatz. Sláma hingegen tritt mit einem großen und (stil-)sicheren Schritt aus der komödiantischen Tradition der tschechischen Kinematografie heraus, in der er mit seinem Erstling „Wilde Bienen“ noch stand. Mit dem reiferen, visuell und inhaltlich sehr beeindruckenden „Die Jahreszeit des Glücks“ machte er schon einen Schritt darüber hinaus, mit „Der Dorflehrer“ legt Sláma nun sein bisheriges Meisterstück ab. Der Film weist ihn endgültig als poetischen Realisten des Kinos aus und macht ihn zu einem der momentan aufregendsten Regisseure des osteuropäischen Kinos, wenn nicht sogar darüber hinaus. Bei der Suche nach menschlichen Wahrheiten erreicht „Der Dorflehrer“ nahezu beiläufig eine tiefe Traurigkeit und Schönheit, die der schnörkellose Titel erst einmal nicht vermuten lässt. Im Verlauf der Geschichte über die Notwendigkeit von Vergebung kommt es immer wieder zu Annäherungen und Abweisungen zwischen den Figuren. Krisen müssen überwunden, Gespräche geführt und Schwächen eingestanden werden, bevor die Hoffnung auf Besserung sich den Weg bahnen kann.