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Neu auf DVD, BD und als VoD: THE CANYONS

Diesem Werk und seinen Beteiligten – so den Schauspielern Lindsay Lohan und James Deen, einschlägig aus unanständigen Filmen bekannt – schlug bereits ungemein viel Häme entgegen, etwa ein Ausschluss vom Sundance-Filmfestival oder internationale Verachtung nach einer Vorführung beim venezianischen Filmfestival.
Nach der Sichtung von THE CANYONS kann nun endlich das konstatiert werden, was man ohnehin schon ahnte: All die fiesen Kommentare werden dieser filmischen Extravaganz mitnichten gerecht! Denn der Erotikthriller von Paul Schrader ist ein Ereignis, das sich höchst eindrucksvoll in der Balance zwischen Tief- und Unsinn hält, und das sich als fulminant-infernalische Low-Budget-Avantgarde bezeichnen lässt.

Die Dialoge sind herrlich prätentiös und filthy – und somit wohl jedem ein Fest, der den Schreibstil des AMERICAN PSYCHO-Autors Bret Easton Ellis liebt (tut das denn allen Ernstes irgendjemand nicht?). Die Ästhetik pendelt indes zwischen gnadenlos hässlich und glänzend schön, zwischen sexualisierter Seifenoper im Cheapo-Look und ambitioniertem Arthouse-Stück mit meisterhaften Bildideen. Und die Handlung? Ein wilder Mix aus nihilistischer Showbiz-Studie, trivialem Liebesgerangel, böser Rachegeschichte und drogenvernebeltem Krimireißer im Sündenbabel L.A., welches von eklatantem Kinosterben betroffen ist und von skrupellosen Machtmenschen sowie von (in vieler Hinsicht) Abhängigen, Verzweifelten und nicht zuletzt von unbedarften wannabes bevölkert wird.
Christian (James Deen) ist ein Sohn reicher Eltern, der – weniger aus Cinephilie denn aus Langeweile – Filme produziert. Er lebt mit dem gescheiterten Model Tara (Lindsay Lohan) in einer Villa und gibt sich der Dekadenz hin: Luxusgütern, Rauschmitteln und – vor allem – sexuellen Spielen. Als Christian herausfindet, dass Tara eine Affäre mit Ryan (Nolan Gerard Funk) – dem naiv-strebsamen Hauptdarsteller seiner neuen Produktion – hat, ergreift er überaus drastische Maßnahmen, um seinem Zorn Ausdruck zu verleihen…

Hinter den Kulissen mag Lindsay Lohan eine unzuverlässige Diva sein – vor der Kamera macht die junge Frau ihre Sache aber (wieder einmal) richtig gut. Augenscheinlich sind ihre Ausstrahlungskraft und ihr schauspielerisches Talent trotz all der Eskapaden, über die die Presse stets zu berichten weiß, ganz und gar unverwüstlich. Versehen mit einem Übermaß an Mascara und Lippenstift, neben dem selbst Liz Taylor in ihrer exzessivsten Phase wie ein Ausbund an Dezenz wirkt, sowie mit einer Camp-Garderobe, die unter anderem erstaunlich absurde High Heels und überdimensional-scheußliche Sonnenbrillen beinhaltet, mimt La Lohan eine Figur, die mal ungeheuer abgestumpft, mal kratzbürstig und biestig, gelegentlich jedoch auch hochgradig fragil anmutet – und die durch jene Fragilität zu einer vergleichsweise vielschichtigen Gestalt im zynisch-kalten Ellis-Kosmos wird.
Dem Pornodarsteller James Deen muss man zwar ein gewisses Ungeschick attestieren (denn wer sich durch die Wahl seines Künstlernamens in die Nähe der coolsten Person der Kulturhistorie rückt, muss damit rechnen, der herausgeforderten Gegenüberstellung nicht standhalten zu können) – gleichwohl agiert er hier als leading man recht souverän. Die Ellis-typische Kombination von ennui und Psychopathie beherrscht er fraglos ausgezeichnet. Die Nebendarstellerriege nimmt sich eher unauffällig aus; als weiteren Pluspunkt gilt es, die Mitwirkung von Gus Van Sant (als Christians Therapeut) zu nennen.

Andreas Köhnemann


THE CANYONS. USA 2013.
Regie: Paul Schrader
Buch: Bret Easton Ellis
Laufzeit: DVD ca. 93 Min. / BD ca. 99 Min.
Freigabe: FSK 16
Extras: Trailer, Bildergalerie, Clips: Creating The Canyons
Anbieter: NewKSM
 

Jess Franco (R.I.P.) in der Grindhouse-Nacht - und eine "Eugenie"-Besprechung hier

Das Programm der Grindhouse-Nacht im Mannheimer Cinema Quadrat, am 27. April um 21.30 Uhr, steht schon lange fest. Länger jedenfalls als der Tod von Jess Franco, dessen Film "Frauengefängnis", Schweiz 1975, dort laufen wird. Dazu gibt es den französisch-italienischen Superheldenfilm "Flashman" von 1967, Regie: Mino Loy - phänomenaler Mist also, auf den wir uns schon freuen...

Zum Tode Francos soll hier nun ehrenvoll wiederveröffentlicht werden, was ich einstmals - 2006 - über sein "Eugénie" geschrieben habe und was bei irgendeinem Screenshot-Server-Umzug im Orkus verschwand:


 

Ein großer, internationaler Spitzenfilm

"De Sades Eugénie – Die Jungfrau und die Peitsche"


Lustigerweise wird im deutschen Trailer zum Film Herbert Fux in den Mittelpunkt gestellt, der nur eine ganz kleine und sehr stumme Statistenrolle innehat mit genau zwei Großaufnahmen. Christopher Lee, immerhin Dracula und mit einer weit tragenderen Rolle in diesem Film ausgestatten, wird nicht einmal erwähnt – sollte das deutsche Publikum tatsächlich so auf deutsche Schauspieler fixiert sein, wie es der Trailer suggeriert? „Wildkatzen lieben und hassen, ohne den Partner zu wechseln, sie sind faszinierend und erregend durch das, was sie sind: wilde Katzen!“ „Wildkatzen“, das war der damalige Titel des Films, wie er in Deutschland rauskam, als „großer, internationaler Spitzenfilm“…

Aber natürlich, und jeder weiß das, handelt es sich bei Jess Francos „Eugénie“ um einen reißerischen Sexschocker, der Trailer drückt genau dies aus, indem er das Gegenteil behauptet. Der Triviatrack, der als Untertitel zugeschaltet werden kann, listet auch dementsprechend geschätzte zehntausend Pseudonyme Jess Francos auf, der unter diesen Decknamen unzählige Filme rausgehauen hat. Nach dem Erfolg von Francos vorhergehender de Sade-Verfilmung „Juliette“ wurde also auch in diesem Fall schnell noch eine zweite hinterhergeschoben auf der Grundlage von „Philosophie im Boudouir“. Die Geschichte einer unschuldigen Jungfrau, die in die Fänge eines sadistischen Geschwisterpaares gerät und in einer rituellen orgiastische Schwarzen Messe im Andenken an de Sade geopfert werden soll.

Unter der Fassade dieses Z-Films hat Franco allerdings durchaus Bemerkenswertes geschaffen, im Rahmen seiner finanziellen und zeitlichen Beschränkungen beim Dreh selbstverständlich. Nach einigen obligatorischen Softcore-Sexpassagen (Eugénie wird vom damaligen schwedischen Sexstarlet Marie Liljedahl gespielt) gerät der Film immer düsterer, Die Dekadenz des de Sadeschen Hedonismus wird greifbar, wenn das moderne Ambiente bei den de Sade-Jüngern mehr und mehr der Mode und Ausstattung des französischen 18. Jahrhunderts weicht, „um den Meister zu ehren“, wie es heißt. Und die lustvolle Brutalität, die an der armen Eugénie durchexerziert wird, wird in einigen Szenen wirklich spürbar - weil alles zunächst so sehr nach Billigfilm ausgesehen hat, erlebt man die plötzliche Kraft der kinematografischen Mittel umso stärker, wenn Eugénie – nur als Schattenspiel gezeigt – mit Peitsche und Morgenstern traktiert wird. Merkwürdig zwingend wirkt es, dass Franco immer wieder durch Gitter und Zäune filmt, die Protagonisten damit bedrängt im Gefängnis ihrer inneren Triebe; und gleichzeitig schwingt immer etwas traumhaftes in dem Film mit: „Träume sind eine Überspitzung unserer Sehnsüchte, oder unserer Ängste“, erklärt einmal Eugénies Quälherr. Eine Platitüde, die der Film ernst nimmt.

Denn Eugénie ist nicht durchweg das unschuldige Mädchen, von Beginn an ist da in ihr diese Sehnsucht nach Verruchtem, die sie dann ausleben kann, als sie die Möglichkeit verspürt, dass Herr-Knecht-Verhältnis umzudrehen… Wenn sie dann am Ende flieht, nackt in der Wüste, spiegelt ihr Entsetzen nicht nur ihre Erlebnisse wider, sondern auch ihre Taten, die von Anfang an in ihr angelegt waren.

In dieser Feststellung des Kerns von Sittenlosigkeit und Unmoral, der in uns allen liegt und der jederzeit zum Ausbruch gebracht werden kann, folgt Jess Franco mit seinem Film ganz der Philosophie de Sades – und die Form als Sex- und Sado-Reißer ist dafür genau das richtige Ausdrucksmittel: ein guilty pleasure für den Filmzuschauer.

Harald Mühlbeyer



Spanien/BRD 1969. Regie: Jess Franco. Buch: Harry Alan Towers. Produktion: Harry Alan Towers.
Darsteller: Marie Liljedahl (Eugénie), Maria Rohm (Madame de St. Ange), Jack Taylor (Mirvel), Christopher Lee (Dolmance), Herbert Fux (Hardin).
Sprachen: Englisch/Deutsch
Extras: Interview mit Jack Taylor, Triviatrack, Trailer
Länge: ca. 85 Minuten
Anbieter: Eurovideo
VÖ: 24.08.2006



Neu auf DVD: Aki Kaurismäkis LE HAVRE

Aki Kaurismäki erzählt wortkarge, aber stilvoll-gewandte Märchen über die Realität in mattem Technicolor-Timbre. Und angesichts der frischen Brise seines idealistischen Kampfgeistes in LE HAVRE scheint der Regisseur in voller Blüte zu stehen.

Denn die neueste Arbeit des finnischen Auteurs berührt sozialkritisch eine afro-europäische Wirklichkeit, die er dieses Mal gar zu einer hoffnungsvollen zwischenmenschlichen Vision hin verfremdet: Kaurismäki rüttelt mit LE HAVRE auf, protestiert wie ein poetischer Preßlufthammer in Primärfarben gegen die Grenze der europäischen Moral und die allgemeine Deprivation. Und er liegt mit diesem reifen Plädoyer für mehr Poesie, in wieder liebevollst gesetzten Bildern, den Umständen in der Realität nie wirklich fern. Die DVD erschien am 30. März und enthält, außer diesem wunderbaren Film, auch in der französischen Originalversion mit deutschen Untertiteln, keine Extras.

Marcel Marx (André Wilms), ein alternder Schuhputzer, ehemaliger Bohemian und erfolgloser Autor aus Paris, tagelöhnt auf den Straßen von Le Havre, um sich und seine treue Frau Arletty (Kati Outinen) knapp über Wasser zu halten. Auf dem Heimweg ergaunert sich der schlitzohrige Jacketttaschenpoet charmant Baquettes und was er eben so bekommt von den aufgrund langer Rechnungen ihm eher unwillig gesonnenen Inhabern der kleinen Geschäfte in seiner Straße, die in einem kargen Arbeiterviertel liegt.. Im Hafen wird währenddessen ein Flüchtlingscontainer entdeckt, aus ein kleiner Junge flieht. Marx trifft den kleinen Idrissa (Blondin Miguel) aus Gabun und hilft ihm über aufwändige Umwege schließlich zur weiteren Flucht, um zu seiner Mutter zu gelangen, die in London lebt. Inspecteur Monet (Jean-Pierre Darroussin), mit schwarzem Trenchcoat, schwarzem Hut mit kurzer Krempe und einem altweißen Automobil, ist ihnen dabei stets auf den Fersen. Jener analysiert scharfen Blickes die kriminalistische wie gesellschaftliche Situation und überwindet schließlich seinen Konflikt zwischen menschlicher Würde und beruflicher Pflichterfüllung.

Dieses sozialisierende Märchen scheint im Zeitalter der multiplen Krisen Konjunktur zu haben: Es geht in einem der erfolgreichsten Arthouse-Filme des vergangenen Jahres um soziale, multikulturelle Solidarität und Opferbereitschaft, um treues, doch keineswegs bedingungsloses, sondern ehrenwertes Mitgefühl, kurz: um den Traum von Menschlichkeit. Indem ethische Entscheidungen eine kleingeistige Gesetzesmoral überwinden, mündet diese Parabel schließlich in die moralische Rehabilitation der Charaktere.

Darüber hinaus bewirkt das die Verwirklichung einiger Träume, inklusive mancher des Regisseurs, der schon länger auf der Suche nach einem geeigneten Dreh-Ort für diesen Film gewesen ist. Auch zieht sich Kaurismäki, nach der tristen "Trilogie der Verlierer", selbst aus dem Sumpf mit LE HAVRE als wieder hoffnungsvollere, betont sozialkritische, künstlerische Vision, die nicht nur im eigenen Mief schwelgt und sich beklagt, sondern konkrete, konstruktive, wenn auch märchenutopische Vorschläge macht, zentral in den Handlungen der Figuren Marcel und Inspecteur Monet. Der große Gestus des Leidens unterspielender Gesichter kommt natürlich dennoch nicht zu kurz. Doch Kaurismäki ist wieder auf der Höhe, auch wieder in Frankreich, und haut hart, aber gefühlvoll auf den Tisch, wie man es von einem europäischen Filmemacher verdammt noch mal erwarten können sollte.

In LE HAVRE kommt nicht nur die Problematik vieler Migranten auf der Suche nach einer lebensmöglichen Zukunft auf den Tisch. Auch der giftige Blick durch Zeitung und Fernsehen auf Flüchtlinge oder der exklusivierende Einfluss der Kirche im Beichtstuhl wird bloßgestellt; ebenso die kalte Hand des Innenministeriums in Form von polizeilichen Einsatzkommandos, rigorose Schuhgeschäftsbesitzer und der einzelne, stumme Denunziant. Die empathischen Menschen, die sich im Namen der Herzlichkeit fügen, werden ungewollt zu Helden, die ihrerseits lediglich einen Anstoß brauchten, aus der bürgerlichen Lethargie herausgefordert zu werden. Dieser herzhafte Einsatz aller Figuren, teils auch derer Existenz, hebt LE HAVRE von einem allzu bequemen, schönen Lifestyle-of-Health-and-Sutainability-Märchen ab, zu dessen Erfüllung nur der ferne, einzelne Held leidet. Der Erfolg der Geschichte basiert auf der direkten menschlichen Zusammenarbeit, wie bei einer Feuerlöschkette. Und wo die gegenseitige Bekanntheit aufhört, verläuft ein teurer Graben: Der Schwager des Cousins des Fischers, eines Freundes Marcels, nimmt den Jungen noch lediglich gegen Geld für Treibstoff mit, das nächste, anonyme, Glied in der Kette, der Schlepper, verlangt schon 3000 Euro.

Kaurismäki, das finnische Schwergewicht der wortkargen Schwermut, lichtet so Pfade der Solidarität, wo sie beinahe vergessen und/oder von interessedienlichen Gesetzen durchzogen sind: Sie führen, über den Umweg der Erinnerung der eigenen Not, zum grenzübergreifenden Mitgefühl der Figuren.

Schon alles verraten? Keineswegs – das war nur das nicht ganz trockene Baquette einer wirklich interessanten Kaurismäki-Geschichte, denn auch dieser Film des finnischen Auteurs lebt stark von dessen kargem, aber wesentlichem Stil, den dieser hier zu perfektionieren scheint: Recht lange und distanzierte Einstellungen, ein bedächtiger Erzählrhythmus, die knappe, elliptische Montage (Timo Linnasalo). Das dramatische Unterspielen der Mimik mit dann plötzlichen großen Gesten ist stark stilisierte Mileustudie.

LE HAVRE wird bestimmt von einem wieder herzlicheren Ton, auch jenem der treffsicher eingesetzten Musik: Von französischer Akkordeon-Folklore über finnische Surf-Klänge, Alt-Blues von der Schallplatte bis zum Rock’n’Roll en fabrique Haute-Normandie. Matte, augenzapfensättigende Farbtöne stechen entweder aus dem tristen Alltagsbild hervor, oder aber nehmen den ganzen Raum athmosphärisch ein, um die Einstellungen in eines dieser nur fast kitschigen Heiligenbildchen zu verwandeln, deren Plateu die Darsteller dann sehr verhalten beleben. Immer wieder verweilt die Kamera (Timo Salminen) nach dem "Abgang" der Darsteller auf dem Hintergrund, oder auf der unbewegten Szene, etwa nachdem die Blicke Marcels und Arlettys – die im Lauf der Handlung ins Krankenhaus eingeliefert wurde – wieder auseinander gingen: Diese "Bedenkzeit" wird nicht langweilig oder gar qualvoll, wenn sie auch noch so explizit ausgestellt ist – sie ist in diesem reflexiven Film inneres Spannungsmoment. Die visuelle Ruhe verdichtet das eben Gesehene, nun mehr Unsichtbare, die Bedeutung des Vergangenen, im Auge des Betrachters.

Abgesehen davon sind es unwirklich schöne, patinaablätternd verlebte Wände oder menschenleere Bar-Räume, die da stehen bleiben: Vollmundig klare, palimpsestische Vergänglichkeit, welche die Wertschätzung der Dinge hochhält. Die stilistische Spur einer subtilen Störung durchzieht das gesamte Aki-Kaurismäki-Filmuniversum, aber steht hier in voller Blüte. Es handelt sich um die speziellen, minimalen wie essentiellen Abweichungen von einer naturalistischen Darstellungsweise, die auf vielen Ebenen wirken: Die Positionierung der Figuren nahe an, aber nicht in der Bildmitte, wo sie in der Erzählung "bei sich" sind (und die im Breitbild-Format oft eine Aura von Einsamkeit der Figuren hervorruft). Eine wie immer sehr sorgfältige Bildkomposition, die still von der momentanen Intention der alltagsnahen Szene erzählt, wird betont durch intensive Lichtsetzung und spärliche Raumausstattung (Wouter Zoon). Auch wo keine Dialoge stattfinden, können die Wände vor Gefühlsausbrüchen zittern, so etwa, als Idrissa still den Blues ("Statesboro Blues" von Blind Willie McTell) entdeckt und man gar ein minimales Zucken seiner Beine zu vernehmen meint.

Die stimmungsvolle Störung betrifft hier auch die Dialoge in entscheidender Weise: Kaurismäki lässt seine Figuren aus existentiellen Gründen und auf poetische Weise lügen. Sie lenken so oft die Handlung, nach bestem Wissen und Gewissen, aber übernehmen dabei in erster Linie Verantwortung für den Anderen. Abgesehen davon geht es unter fein aufgesetzten Anführungszeichen darum, Würde zu bewahren ("Hast Du geweint?” – „Nein.” – „Gut, es hilft auch nicht."), oder mit trockensten Mitteln herzhaftes Lachen vom Stapel zu lassen. Im Falle des konformistisch-psychotischen, in der Figurenlandschaft des Filmes einzig einsam stehenden Nachbarn (Jean-Pierre Léaud) offeriert Kaurismäki – oder viel mehr der Darsteller selbst, der angeblich seine Dialoge stets zu improvisieren pflegt – sogar einmal psychologisches Profil. In LE HAVRE steht auch das Musikmachen an einer Stelle wieder im Rampenlicht: Der alternde Little Bob (Little Bob) elvist in knallroter Lederjacke wiegenden Breitbeines herum und singt Le Havreschen Arbeiterrock’n’Roll: „...I do my job..., ...try to stand free....". Auch die Literatur bekommt in LE HAVRE einen expliziten Auftritt: Bäckerin Yvette (Evelyne Didi) liest, neben Barfrau Claire (Elina Salo), Arletty im Krankenhaus aus Kafkas Nouvellen vor: „Wie könnten verrückte Menschen müde werden?“ Diese so minimalen wie essentiellen, lyrischen Störungen berühren nüchtern oszillierend die Normalität des Betrachtens.

So deutlich und wichtig wie kaum je zuvor scheint LE HAVRE ein unbedingtes Plädoyer zu sein für den Versuch der Verwirklichung eines eigenen, menschenmöglichen Traumes und das notwendige, aber würdevolle Einwirken auf die Welt, diesen zu Erreichen. Marcel Marx, der erfolglose Autor (aus LA VIE DE BOHÈME, R: Aki Kaurismäki, F/G/S/FIN 1992) praktiziert ein entschlossenes, leidenschaftliches Festhalten an dem Traum, der ihm das Leben möglich macht: Poetischer, verzweifelter Glaube an das Gute, die Liebe, die schöne Seite der Menschlichkeit, der wahr macht, was er kann und wunschdenkend überlagert, was unerträglich und unvermeidlich ist.

Doch kommt dieser neopoetisch-realistische Puppentheater-Märchenfilm letztlich nur dank seiner idealistischen Herzenswärme aus einem kleinbürgerlich eingerichteten Mief idealistischen Nebels heraus, jenem der Verbindung von Bourgoisie und Bohémian. Auch bejaht diese Wieder-Hinwendung des Finnen zu Frankreich als Ort filmischen Geschehens erneut, was schon aus der Ferne auszumachen ist: Die alte, sozialkritisch-lebenskulturelle Verbindung, deren Kinder des Olymp im Hafennebel oder unter den Dächern von Paris vor sich hin dösten, lange bevor der Tag anbrach. Es ist die Anknüpfung Kaurismäkis an den sogenannten poetischen Realismus französischer Regisseure der 1930er Jahre, die hier zu einem neu belebten, trocken wie leuchtend gestalteten Neo-Manifest seines eigenen Stils aufflammt. Die Analogien liegen etwa im ebenbürtigen, sympathisierenden Blick auf die Benachteiligten und der schmerzbewussten Aufmerksamkeit gegenüber sozialen Problemen wie auch in der deutlichen Positionierung zum Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, sowie grundlegend in einer, wenn auch stilistisch jeweils sehr differierenden, phantastisch-parabelhaften filmischen Gestaltung der inhaltlichen Motive. Der aktuelle Bezug politischer, wirtschaftlicher und moralischer Krisen zu den 1930er Jahren, auch als Auslöser von Migration, birgt weitere Wurzeln. Kati Outinen schließlich wird hier mit dem Figurennamen Arletty geehrt: Dieser verweist namentlich wie mimisch-ikonisch auf die Schauspielerin, Stenotypistin, Mannequin und Revuetänzerin Arletty, eigentlich Léonie Marie Julie Bathiat, die ein Star in Filmen des sogenannten poetischen Realismus wie LE JOUR SE LÈVE (R: Marcel Carné, F, 1939) oder HOTEL DU NORD (R: Marcel Carné, F, 1938) war.


Andreas Michel


LE HAVRE. Buch, Regie: Aki Kaurismäki. Finnland, Frankreich, Deutschland 2011.
Darsteller: André Wilms (Marcel Marx), Kati Outinen (Arletty), Blondin Miguel (Idrissa), Jean-Pierre Darrousin (Kommissar Monet) etc.
Länge: 94 Minuten.
Anbieter: Pandora Film.
Keine Extras.


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DVD: MOON


The Dark Side of the ...

In der Zukunft löst die Menschheit ihr Energieproblem durch Helium-3, das auf der Rückseite des Mondes abgebaut wird. Das geschieht weitgehend automatisiert unter der Kontrolle von Computer Gerty (mit der Stimme von Kevin Spacey). Ganz ohne Menschen geht es allerdings nicht: Sam Bell (Sam Rockwell) ist als einziger Arbeiter auf der Mondstation postiert und leistet die letzten zwei Wochen seines dreijährigen Dienstes ab. Bald wird er seine Frau und seine kleine Tochter wiedersehen. Direkt mit ihnen sprechen kann er nicht, eine defekte Satellitenverbindung erlaubt nur die Kommunikation über Videobotschaften. Die Isolation nagt an Sams Psyche. Er beginnt, mysteriöse Erscheinungen zu sehen, und verunglückt bei einer Kontrollfahrt. Auf der Krankenstation kommt er wieder zu sich, wird jedoch das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt. Gerty erklärt ihm nur, dass er aufgrund des Unfalls an Gedächtnislücken leide. Sams Misstrauen ist geweckt.

"There is no dark side of the moon really. / Matter of fact it's all dark." (Eclipse)

Wer sich nach gänzlich Spoiler-freier Kritik sehnt, dem sei Dennis Vetters SCREENSHOT-Beitrag vom Exground Filmfest 2009 ans Herz gelegt. Doch bitte keinesfalls einen Blick auf die Rückseite der DVD werfen (ärgerlich!). Wie gut, dass Duncan Jones‘ erster Langfilm zwar nach Mystery aussieht, aber sich letztlich viel mehr als ein melancholisches Drama herausstellt. Es geht nicht so sehr darum, was geschehen ist, die Kraft und Schönheit von MOON liegt vielmehr darin, wie der Film sich des einsamen Mondbewohners annimmt.

Sam definiert sich über die Familie, die er auf der Erde zurücklassen musste. Er arbeitet und lebt drei Jahre in völliger monotoner Einsamkeit. Seine einzige wirkliche Aufgabe besteht darin, gelegentlich zu den Erntemaschinen hinauszufahren, volle Rohstoffkartuschen abzuholen und diese zur Erde zu schicken. Sein Leben in der Station richtet er sich ein in der Hoffnung auf das andere Leben, das Zuhause auf ihn wartet, so wie die Fotos von seinen Liebsten, die überall hängen. Den schmuddeligen Funktionalismus der Station „Sarang“ hat er sich mit ein wenig Geborgenheit ausgefüllt. Im Traum sehnt er sich in goldenem Licht nach seiner Frau Tess. Doch in der Mond-Realität reißt ihn der Wecker aus dem Traum, aus dem ironischerweise ausschließlich „The One and Only“ von Chesney Hawkes tönt. Nur sachte angedeutet wird, dass es mehr als nur einen beruflichen Grund für sein Exil geben könnte. Tess denkt jedenfalls laut darüber nach, dass es richtig von ihm war, fortzugehen. Dem Vater seines Kindes wünscht man sicher keine drei Jahre Einzelhaft ohne Telefon.

I never said I was frightened of dying.” (The Great Gig in the Sky)

Im Audiokommentar, zusammen mit Produzent Stuart Fenegan, lässt Regisseur Duncan Jones keinen Zweifel daran, dass er seine Vorbilder kennt. Wenn Sam sich geduldig seinen Pflanzen widmet, die er in Essenskartons züchtet, und mit ihnen spricht, erinnert das nicht von ungefähr an SILENT RUNNING (1972) – außerdem heißen die Pflänzchen Ridley, George, Kathryn und Stanley. Kubricks 2001 drängt sich stark auf, ebenso wie OUTLAND, ALIEN oder SOLARIS (eher Soderbergh als Tarkovski, doch darüber lässt sich natürlich trefflich streiten). Es verwundert nicht, dass entlang dieser Kette an Referenzen (nicht nur) Sams Verdacht zunächst auf Computer Gerty fällt, der zwar mit Emoticons mit seinem menschlichen Mitbewohner interagiert – das hat er der roten Glühbirne von HAL voraus –, doch letztlich auch für dessen Überwachung verantwortlich ist. Er überlistet ihn und fährt hinaus zur Unfallstelle und findet seinen Doppelgänger dort eingeklemmt. Er rettet ihn.

Die Begegnung mit dem Fremden ist in MOON nichts anderes als die Begegnung mit sich selbst, die Reise eine existenzialistische. Jeder der beiden ist sich seiner Individualität und Erinnerungen völlig gewiss. Erst gehen sich Sam und Sam aus dem Weg, dann streiten sie, wer das Original ist und wer die Kopie, über einer Partie Tischtennis kommt es fast zu Handgreiflichkeiten. Sam Rockwell schafft es in dieser Doppelrolle, beide Figuren als unterschiedliche Charaktere zu entwickeln: Einerseits der gealterter Sam, gesetzter und müder, auf der anderen Seite der junge Sam, vitaler, aber auch aufbrausender, der nicht aufhören will, die Situation zu hinterfragen.

Die Begegnung mit seinem Doppelgänger konfrontiert Sam damit, wie er vor drei Jahren war. Der ältere bleibt das emotionale Zentrum des Films, denn er ist eine melancholische Figur und spürt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Also fährt hinaus, immer geradeaus und siehe da – Funkkontakt. Sam will, nein, er muss herausfinden, welche Wahrheit ihm bleibt. Er ruft Zuhause an. Clint Mansells sensibler Score weitet sich hier zu Sams ganz eigener Version des „Nach-Hause-Telefonierens“, öffnet den Raum zu einem elegischen Moment: Der kleine Mensch in seinem Spielzeugauto in der Mondwüste, die Erde direkt vor ihm und doch absolut unerreichbar. Es ist einsam dort oben. Jetzt noch mehr als vorher.

So wie Gerty lernen muss, dass Menschen keine Programme sind (ein versöhnlicher Moment), so muss auch Sam den Wert des Lebens neu entdecken. Beide Sams lernen voneinander und versöhnen sich in einer Art Vater-Sohn-Verhältnis. Sie haben beide die gleiche Tochter, die sie gleich lieben. MOON ist nicht die Geschichte von einem – sondern von zweien, die daran wachsen, dass sie in den Spiegel schauen. Darin gleicht der Film einem anderen modernen Klassiker, GATTACA, der auf einer ganz ähnlichen bittersüßen Note endet. Sams Reise ins Ungewisse, die er am Ende wirklich antritt, zitiert erneut Kubricks 2001, doch es ist nicht der Übergang in zeit- und ortlose weiße Räume, sondern die Reise nach Hause. Sam will endlich sein Leben zurück. Er hat lange genug gewartet.

Mathias Grabmaier

MOON (UK 2009)
Regie: Duncan Jones
Buch: Nathan Parker nach einer Idee von Duncan Jones
mit: Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry
Laufzeit: 93 min.
Sprachen: Deutsch und Englisch

Bonusmaterial: Trailer, Audiokommentar mit Duncan Jones, Kameramann Gary Shaw und den Designern Gavin Rothery und Tony Noble, zweiter (empfehlenswerter) Audiokommentar mit Duncan Jones und Produzent Stuart Fenegan
Zusätzliches Bonusmaterial der Special Edition: Kurzfilm WHISTLE von Duncan Jones, Making of Visuelle Effekte, Science Center und Sundance Festival Interviews

MOON ist erhältlich auf Blu-Ray, DVD und 2-Disc Special Edition
(Die Extras von Blu-Ray und DVD sind identisch)

DVD: "Deep End" - Liebeswahn im Swinging London

Ein junger Mann, eine junge Frau und die Wirrungen der Liebe: In seiner ersten Arbeitswoche als Wärter in der öffentlichen Badeanstalt muss sich der 17jährige Mike gleich von einer blondierten Wuchtbrumme sexuell bedrängen lassen, gespielt von der früheren Sexbombe Diana Dors. Mikes Kollegin: Das ist Jane Asher, im wirklichen Leben kurz zuvor von Paul McCartney getrennt. Sie ist die verführerische, verwirrende, freche Kollegin Susan, in die sich Mike zunächst nur ein bisschen verliebt – und die ihn dann ganz verrückt macht. Sie hat einen Verlobten, sie hat zudem einen Liebhaber: ausgerechnet Mikes früheren Sportlehrer. Mehr und mehr verliert er sich in Obsessionen, folgt ihr in einen Club nach Soho, isst eine Menge Hot Dogs während des Beschattens und erobert sich das lebensgroße Plakat einer Stripperin – sieht die nicht aus wie Susan?

Jerzy Skolimowski verbindet diese Geschichte pubertären Liebeswahns mit einer großen Portion Komik, die nicht zuletzt auf den Improvisationen der spielfreudigen Darsteller während turbulenter Kabbeleien und frech-verliebten gegenseitigen Neckereien beruht. Dazu gibt es eine großartige Film im Film-Parodie auf deutsche Sex-Aufklärungsfilme und den Trick, wie man einen verlorenen Diamanten im Schnee wiederfindet.
Auf dem Soundtrack singt Cat Stevens „But I Might Die Tonight“, und die Krautrockband Can liefert einen fantastischen Jam: diese Musik, die Leichtigkeit der Inszenierung und das Eintauchen in jugendliches Lebensgefühl erzeugen das Zeitgeist-Feeling des niedergehenden Swinging London.

Dabei wurde der Film zu großen Teilen in München gedreht, und diese Drehorte sind ein Schwerpunkt in Robert Fischers hervorragender, 75minütiger Dokumentation über „Deep End“. Dazu versammelt er fast alle damals Beteiligten für Interviews, in denen sie durchaus unterschiedliche, subjektive Eindrücke zum Film und zu den Charakteren offerieren. In einer weiteren Featurette stellt Fischer anhand von Erinnerungen und Drehbuchausschnitten geschnittene Szenen vor, die nicht mehr erhalten sind. Darunter auch ein erweitertes Ende, das den Film vielleicht weniger abrupt, aber nicht weniger bestürzend und sicherlich weniger durchschlagend hätte ausklingen lassen.

Harald Mühlbeyer


"Deep End". GB/BRD 1970. Regie: Jerzy Skolimowski. Extras: "Startin Out - Making of Deep End" (75 Minuten), Deleted Scenes-Featurette, Trailer. Länge: 89 Minuten. Anbieter: Koch Media.


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DVD: Helge Schneider live - „Komm hier haste ne Mark!“

Während Nordafrika und Gesamtarabien erwacht, aufsteht und dabei gähnt und pupst; während Japan zum Land der untergehenden Atomsonne wird; während die Nachbeben des fernöstlichen Gesamtfiaskos bis in die hiesigen Wahlkreise spürbar ist: Während sich also die Welt im Grab umdreht, bleibt Helge Schneider, wie er singt und lacht. Davon zeugt nun endlich, endlich die erste Live-DVD dieses Mannes, der seine Finger in die Stigmata der Zeit legt, um dort zu heilen. Oder was auch immer.

„Komm hier haste ne Mark!“, diese generöse, sozialgönnerhafte Attitüde des selbstlosen Gebens, war jedenfalls der Titel seiner 2010er Tour, die an sich kaum zu unterscheiden war von denen davor – „Akopalüze Nau“ oder „Wullewupp Kartoffelsupp“ oder wie sie alle hießen – oder von der danach, die derzeit läuft: „Buxe voll“. Es ist ja nicht so, dass das allabendliche Programm der Tourneen in den letzten Jahren, ja: fast schon im letzten Jahrzehnt innovativ gewesen wäre, dass konzeptuell Neues geboten würde – im Gegensatz zu den 90ern, wo er auch mal mit selbst zusammengestellter Bigband oder als Rockgruppe unterwegs war; ganz abgesehen vom Kulttrio „Hardcore“. Nein: der Konzertablauf hat sich gefestigt, geht nach klarem Schema vor, auch wenn das Bandpersonal geringfügigen Änderungen unterworfen ist. Überraschungen, was den Ablauf eines Schneider-Konzertes angeht, sind nicht zu erwarten, man weiß, was man bekommt. Und die Frage ist, was man daran findet.

Schlicht alles. Man bekommt Antworten auf nie gestellte Fragen – wie lange braucht Nena zum Schminken? Wie klein ist Peter Maffay? Wozu braucht ein Star sein pinkes Einstecktuch? Und weshalb ist der Platz in der ersten Reihe leergeblieben? –, und zudem bekommt man Fragen auf nie gegebene Antworten, denn sein Teekoch Bodo ist meist auf stummes Nicken und Kopfschüttel beschränkt: „Wie geht’s zuhause? Mutter gesund, Vater auch? Backt Vater noch Kuchen? Kann er nicht, ne. Oh, doch, ahso, is auch Konditor, ne? […] Und, wie war die Erziehung? Hat sie gefruchtet bei dir? Nää, ne. Und Schule? Eins? Fünf? Mhmm. Glaubst du, dass das irgendwen interessiert hier, dein Privatleben?“

Und da kommen wir dahin, wo wir das Besondere finden. Helge Schneider macht es sich einfach: immergleiche Form seiner konzertanen Abendgestaltung mit immergleichen Instrumenten, immergleichen Perücken, immergleichen Handpuppen und (fast) immergleichen Bandmitgliedern garantieren ein Minimum an Vorplanung, und diese festgelegte – weil aufs Optimale hin getrimmte – Form garantiert wiederum freiestmögliche Inhaltsgestaltung. In einem guten Topf kann man alles kochen, und ein stabil gefertigter Krug kann auch ein paar Mal mehr zum tiefen Brunnen des Flachsinns gehen. Vom von Bodo dargereichten Holztee – aber kein echtes Holz, sondern Laminat, gebraucht, mit Käsegeschmack, vom magischen Dreieck zwischen Bad, Küche und Schlafzimmer, wo man immer so lang warten muss – bis zu den virtuellen Gastauftritten von Herbert Grönemeyer – „Der Mensch ist Mensch, weiler, wallawalla lebt und walla, weiler, wallawalla dumme Sachen macht“ – und Udo Lindenberg – „Hömma Helge, biste jetz ganz übergeschnappt? Was is denn los mit dir?“ – zeigt die DVD mit 90 Minuten Hauptkonzert und nochmal an die 30 Minuten Zusatzboni das, was einen Auftritt von Helge Schneider ausmacht.

Aufgenommen wurde im Admiralspalast in Berlin im März 2010, und insbesondere die ersten 50 Minuten scheinen tatsächlich ungeschnitten das Geschehen vor der Pause in einem typischen – das heißt: unglaublich witzigen – Helgekonzert wiederzugeben. Nach der Pause, Helge steckt jetzt nicht mehr im blauen, sondern im beigen Anzug, finden sich sicht- und spürbare Schnitte; und am Ende zerfasert das Ganze mit voller Absicht. Ein normales Schneiderkonzert dauert entweder zwei Stunden oder zweieinhalb Stunden; Teil 2 der DVD ist ein Best-of davon, und am Ende unterbricht Helge – in einer nachgedrehten Szene, die in einem Holz-Gartenschuppen spielt und „Virtuelles Konzertende; Zugabe (digital)“ betitelt ist – sein eigenes Melodica-Solo in einem pseudofranzösischen Chanson: erstmal ist Schluss, wir schalten nach außerhalb zum Master of Ceremonies im Schuppen, und erst danach geht es irgendwie weiter, „auch das ist von mir selber ausgedacht“, sagt Schneider, und kommt damit direkt auf den Punkt seiner Show.

Womit Schneider per DVD das tut, was er bei seinen Live-Auftritten vermeidet: er bricht die Form auf, stellt dem Ablauf ein Bein. Was der ganzen Auftrittsaufzeichnung einen ungeheuren, ungeahnten Mehrwert verschafft. Zum ungeheuren Witz des Showinhalts kommt noch der Witz der Präsentation per DVD – allein dem Hauptmenü könnte man stundenlang zusehen, wie Schneider im Garten versucht, ein altes Honda-Motorrad zu starten. Dabei ist die Liveshow selbst schon auf Kante genäht: dadurch, dass Schneider ein eingespieltes Team um sich herum hat, dadurch, dass die Form einigermaßen gefestigt ist, kann er inhaltlich treiben, was er will, und begibt sich haarscharf an den Rand des Witzigen, da, wo ein paar Schritte weiter die Leere klafft. Sprich: Auf der Bühne kann er sich selbst so treiben lassen, wie er will, kann sich auf sein genauestes Gespür für Timing und effektive Publikumsansprache verlassen und sich auf kurzfristige Gedankenassoziationen einlassen. Die er auch immer wieder im Lauf des Abends neu vom Boden der Gags aufliest: Peter Maffay zum Beispiel, der ganz klein ist und eine per Zeigefinger imitierte Warze im Gesicht trägt, oder Nena, die er wunderbar im „Fitze Fitze Fatze“-Song parodiert. Die beiden tauchen immer wieder auf, leitmotivisch, durchaus mit verletzenden Bemerkungen bedacht – „ach, neinnein, haha, wenn Nena hier ist, schöne Grüße, blablabla“: Herr Schneider weiß nicht nur, sich zu benehmen, indem er seine kleinen Boshaft-Bonmots galant wieder zurücknimmt, nein: er ist auch ein Meister des Einschleimens: Ich seid das beste Publikum, das ich je hatte, gestern war furchtbar, morgen sollen auch wieder solche Experten kommen, aber heute toll. Was eingedenk der beständigen Ironiewolke, in die sich Schneider einhüllt, ex negativo bedeutet: Es ist ihm alles scheißegal. Er macht sein Ding.

Was einen richtigen Künstler ausmacht: Er bemüht sich, mit seiner Kunst sich selbst zu überraschen. Zum zuvor mit der Band Abgesprochenem mischen sich spontane Einfälle, kleine Gedankenhopser, die auch immer wieder ins Leere laufen; und natürlich hat sich Schneider über die Jahre ein unermessliches Repertoire an komischen Versatzstücken, an kleinen Aperçus, an witzigen Kleinbauteilen zugelegt, die er in immer neuer Reihenfolge und in immer neuen Kombinationen aneinanderkonstruiert. Man darf nicht vergessen: Was Schneider macht, ist eigentlich Jazz, übertragen auf verbale Komik. Aufgrund von eintrainierten Läufen, von lockeren Standards, von eingeprägten Grundelementen ergeben sich immer neue, improvisierend zusammengesetzte Storyfiguren, in denen sich spielerisch Satire und Lästereien mit Absurdem und Unsinnigem zu wunderbaren Clownereien mischen. Allein die Einleitung zu „Fitze Fitze Fatze“ ist jedes Geld der Welt wert, wie er von den Läusen im Kindergarten seines Nachwuchses zu den Promiblättern wie Bunte und Gala kommt – „Ich lehne es ab, in diesen Gazetten zu erscheinen“ – und das Wesen der Prominenz paradox erfasst – „Viele Stars sind so berühmt, dass man ihren Namen nicht kennt“ – und sich in einem kleinen Zwischenspiel die Vorderzähne am Mikrophon ausschlägt, wie er von Cher auf Clearasil kommt (inklusive kleiner Fäkalienkunde), eine lustige Anekdote mit Christina Algiluerrerra darbringt („die mit Popo wackelt“), wie er dann ankündigt, wen er alles parodieren wird – Tina Turner, Joe Cocker (visuell), Nena und absurderweise Gus Backus („Kennt keiner, kann ich ganz gut, aber kennt keiner, aber kann ich ganz gut“) – allein aus diesen paar Minuten könnte man eine ganze Abhandlung über Helge Schneider formen, und, ob Sie’s glauben oder nicht: genau das tue ich gerade.

Helge Schneider bewegt sich frei innerhalb des festen Rahmens seines Konzertes, hat sich dort einen unendlich großen Spielraum geschaffen, in dem er sich assoziativ, improvisierend, mit irrlichternder Komik austoben kann. Das ist es, was man bei seinen Konzerten spürt, die Freiheit, die von der Bühne abstrahlt, eine Freiheit im Witz, die nur auf sich selbst angewiesen ist, und die höchst erfolgreich auf ausverkauften Tourneen durch die Republik wandert.

Die DVD nun ermöglicht es, quasi mikroskopisch diese Methode Schneider zu beobachten: Emblematisches Bild dafür ist etwa auch Sergej Gleithmann, Schneiders Begleiter seit Jahrzehnten, der im Hauptprogramm der DVD einen Zwei-Sekunden-Auftritt als Löwenmensch – mit unter die Sonnenbrille hochgeklemmtem ZZ Top-Bart – hat. „Na, das habt ihr jetzt nicht erwartet“, sagt Schneider, und kommentiert damit auch den Irrwitz, Gleithmann anderthalb Stunden hinter den Kulissen zu halten für eine höchst kurze Gastrolle. Im Bonusmaterial taucht er dann nochmals auf mit einem Ausdruckstanz, aus dem bezeichnenderweise mittendrin weggeblendet wird.

Damit auch wirklich jeder die Möglichkeit hat, Herrn Schneider zu verstehen, enthält die DVD türkische und englische Untertitel; und wer gedacht hätte, die Komik Schneiders sei typisch deutsch und unübersetzbar, sieht sich getäuscht. Ein Stück – das „Radiospektakel Nordpol“ gibt es sogar neben der deutschen Live-Originalversion in türkischer und englischer, von Schneider selbst eingesprochener Synchronisation. Und für die Intelligenzbestien unter Schneiders Publikum hat sich in der Vorab-Filmausschnitt-Promotion niemand anderes als Alexander Kluge dazu herabgelassen, anhand von Fananfragen ein grandioses Werbeinterview mit Helge Schneider zu führen, in dem Kluge fast sieben Minuten lang Helges ironische Verweigerungshaltung gegenironisch in – wie von ihm gewohnt – höchste, weitschweifendsten Gedankentiefen überführt, uhttp://www.blogger.com/img/blank.gifm von Schneider metaironisch nochmals übertrumpft zu werden.

Harald Mühlbeyer


Helge und Band: „Komm hier haste ne Mark! – Live“. Mit Helge Schnhttp://www.blogger.com/img/blank.gifeider, Sandro Giampietro (Gitarre), Jochen Bosack (Klavier), Rudi Olbrich (Kontrabass), Pete York (Schlagzeug), Sergej Gleithmann (Dingsbums), Bodo Oesterling (Teekoch).http://www.blogger.com/img/blank.gif
Länge: insgesamt ca. zwei Stunden.
Label: Sony / Roof Music.


Helge Schneiders Live-Auftritt können Sie bequem in unserem Amazon-Shop kaufen: Als DVD und als Blu-Ray.

Auf DVD: „Precious – Das Leben ist kostbar“ – Emanzipation durch Bildung

„Precious: Based on the Novel „Push“ by Sapphire“. USA 2009, Regie: Lee Daniels

Beim Sundance Filmfestival 2009 gewann PRECIOUS den Jury- und den Publikumspreis. Weitere Preise folgten. Höhepunkte waren der Golden Globe sowie der Oscar für Mo’Nique als beste Nebendarstellerin und ein weiterer Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Neben den Amerikanern, die den Film euphorisch feierten, gab es auch jene, die ihn wütend verrissen. Die schwersten Vorwürfe erhoben afroamerikanische Kritiker, die in PRECIOUS eine Anhäufung von negativen und erniedrigenden Klischees über schwarze Amerikaner sahen. In Deutschland wäre der Film beinahe nicht in den Kinos gestartet. Kein Verleih wollte ein Sozialdrama zeigen.

Die Filmheldin, die 16-jährige Claireece Jones, genannt Precious, ist extrem übergewichtig, schwarz und Analphabetin. Sie wächst in Harlem auf, jenem Stadtteil, der zum Zeitpunkt der Filmhandlung, 1987, zu den heruntergekommensten afroamerikanischen Vierteln New Yorks gehörte. Weil sie zum zweiten Mal schwanger ist, wird Precious von der Schule verwiesen.

Zuhause auf dem Sofa vor dem Fernseher wartet Precious’ nicht ganz so fettleibige Mutter Mary, gespielt von der Entertainerin Mo’Nique. Sie interessiert sich für die schulische Laufbahn ihrer Tochter nicht im geringsten. Wichtig ist ihr nur der Scheck von der Fürsorge und dass ihre Tochter den Haushalt nach ihren Wünschen schmeißt. Wie eine Sklavenhalterin scheucht sie Precious durch die armseligen vier Wände. Precious’ Zuhause gleicht einer Hölle. Tagtäglich muss sie extreme Erniedrigungen und körperliche Gewalt durch die Mutter und seit ihrem dritten Lebensjahr den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater ertragen. Ihr Rufname – er bedeutet wertvoll, kostbar, heiß geliebt – klingt angesichts dessen wie beißender Spott. Den Momenten akuter Demütigung und Gewalt entzieht sich Precious, indem sie in Tagträume flüchtet. In ihnen ist sie ein von den Massen umjubelter, begehrter Star.

Inszeniert Regisseur Lee Daniels (Produzent von MONSTER’S BALL und THE WOODSMAN) manche Szenen wie ein Gespräch mit der Schuldirektorin Mrs. Lichtenstein zurückhaltend, fast dokumentarisch, so wechselt er in den Sequenzen häuslicher Gewalt die Bildästhetik. Dramatische Low-key-Ausleuchtung, bei gleichzeitig hoher Farbsättigung, Detailaufnahmen und Zeitlupen heben die Szenen deutlich aus der übrigen Erzählung heraus. Mittels geschickter Montage wird in Rückblenden die Vergewaltigung durch den Vater andeutungsweise eingeflochten und verknüpft mit Precious Teenagerfantasie. Anschließend nimmt Daniels die Auseinandersetzung in der dunklen Wohnung in Harlem wieder auf.

Während die abstoßenden Bilder die Vergewaltigung „nur“ andeuten, ist die Sprache extrem obszön und verletzend. Daniels gelingt in diesen Szenen sowohl eine Sogwirkung, der sich das Publikum bei aller Mühe um innere Distanz nur schwer entziehen kann, gleichzeitig macht die farbige Inszenierung der Tagträume das Elend – ebenso wie für die Heldin – auch für den Zuschauer erträglicher.

Mit einer Fahrstuhlfahrt nach oben in den 11. Stock, in dem das alternative Schulprojekt Each One Teach One untergebracht ist, beginnt für Precious ein Aufwärtstrend. Sie begegnet der einfühlsamen, engagierten Lehrerin Ms. Rain. Mit ihrer Schönheit, Eleganz und ihrem Liebreiz verkörpert die Lehrerin, gespielt von Paula Patton, die gute Fee in dieser Geschichte. Ms. Rain lehrt ihren Schülerinnen lesen und schreiben, und sie ermuntert die Mädchen, an sich selbst zu glauben und ihre Persönlichkeit auszudrücken. Die zweite „gute Fee“, die sich Precious’ Schicksals ernsthaft annimmt und ihr aufmerksam zuhört, ist die Sozialarbeiterin Mrs. Weiss, überzeugend einfühlsam von der Popsängerin Mariah Carey gespielt.

War Precious’ ganzes Selbstbild und ihr im Voice-over zu hörender innerer Monolog aus Selbstbeschimpfungen vom Vokabular ihrer Mutter geprägt, so entwickelt Precious schreibend ihre eigene Stimme und entdeckt sich als eigenständige Persönlichkeit. Mit dem Feedback von Ms. Rain entwickelt Precious ihre eigene Sichtweise auf die Ereignisse. Hatte sie anfangs der Direktorin Mrs. Lichtenstein auf die Frage, wieso sie schwanger sei, noch lapidar geantwortet: „Ich hatte Sex“, wird sie schließlich der Sozialarbeiterin, ihrer Lehrerin und ihren Mitschülerinnen die andere Wahrheit offenbaren, nämlich, dass ihr Vater ihr die Kinder „gemacht hat“.

In der Romanvorlage „Push“ von Sapphire erzählt die Protagonistin ihre Geschichte in inneren Monologen. Dabei steigert sich mit zunehmender Emanzipation der Heldin deren sprachliches Ausdrucksvermögen hinsichtlich grammatikalischer und intellektueller Komplexität. Abgesehen von der Titelsequenz, wo in den in Handschrift gestalteten Credits einzelne Buchstaben fehlen, greift der Film dies in Precious’ Voice-over Monologen nur selten auf. Bevor Sapphire ihren ersten Roman 1996 vorlegte, hatte sie von den frühen 80ern bis in die frühen 90er Jahre selbst in Harlem gelebt und Kindern und Erwachsenen Lesen und Schreiben beigebracht. „Push“ wurde mehrfach ausgezeichnet und von US-Talkerin und PRECIOUS-Mitproduzentin Operah Winfrey regelrecht gefeiert. In den USA wurde der Roman zum Bestseller.

Daniels Film erzählt Precious’ Flucht und ihre Emanzipation dramaturgisch dicht in ausgewählten Bildern. Obwohl mit schweren Schicksalsschlägen in diesem Film ebenso wie in der literarischen Vorlage nicht gespart wird, wohnt Precious’ Emanzipation eine Leichtigkeit inne. Reinen Herzens, mit klarem Urteilsvermögen und übervoll an Mutterliebe will sie die Verantwortung für ihre Kinder tragen, sie schützen und fördern.

Der Plot erspart der Hauptfigur langwierige quälende Selbstvorwürfe und Selbstzweifel, wie sie sich die Opfer von Missbrauch und Inzest häufig machen. Precious besitzt eine innere Makellosigkeit, eine ungebrochene Unschuld, wie sie sonst nur Helden im Märchen besitzen. Dagegen wirkt ihre Mutter Mary umso grausamer. Wie Mary zu dem wurde, was sie ist, lässt der Film offen. Wenn sie am Ende bei Mrs. Weiss sitzt, den Missbrauch ihrer Tochter schildert und sich dabei selbst beweint, begreift der Zuschauer die zerstörerische Dynamik, in der Täter sich für Opfer halten und ihre Opfer zu Tätern erklären.

Getragen von großartigen Schauspielerleistungen und einem gut geschriebenen Drehbuch erzählt PRECIOUS von der Wirkung der Bildung und der Notwendigkeit engagierter Helfer. Regisseur Lee Daniels ist ein ebenso kluges wie unterhaltsames Sozialdrama gelungen. Dass es teilweise etwas plakativ daher kommt, sei im angesichts der wichtigen Botschaft und wegen seines Mutes, den er bei der Inszenierung bewiesen hat, verziehen.

Karin Tilch


„Precious: Based on the Novel „Push“ by Sapphire“.
USA 2009, Regie Lee Daniels. Drehbuch: Geoffrey Fletcher nach dem Roman „Push“ von Sapphire. Kamera: Andrew Dunn. Musik: Mario Grigorov. Schnitt: Joe Klotz. Produktion: Lee Daniels, Sarah Siegel-Magness, Gary Magness. Ausführende Produktion: Operah Winfrey, Tyler Perry, Lisa Cortés, Tom Heller.
Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz
Vertrieb: Prokino
Laufzeit: 109 min
Veröffentlichung am: 16.09.2010

Extras (ca. 50 min): Audiokommentar mit Regisseur Lee Daniels, Gabbys Probeaufnahmen, unveröffentlichte Szene, Interview mit Lenny Kravitz, Operah und Tyler: Herzblut für Precious, Szenen vom Dreh, Film trifft Roman: Lee Daniels und die Romanautorin Sapphire


Diesen Film können Sie bequem in unserem Online-Shop bestellen: Als DVD wie auch als Blu-Ray.

DVD: „Hotel Splendide“ – Re-Re-Re-Recycling

„Hotel Splendide“. Großbritannien/Frankreich 2000. Buch, Regie: Terence Gross.


In der riesigen Maschine im Keller des heruntergekommenen Hotels ist sie noch lebendig, die Mutter, nach der sich auch ein Jahr nach ihrem Tod alles richtet: die revolutionäre Recyclingmaschinerie hält das Hotel in Gang, bietet Energie ohne Maß. Denn sie speist sich aus den Ausscheidungen der Gäste durch Methanisierung der Fäkalien. Und statt teurer Beerdigung wurde die verstorbene Mutter damals, zur feierlichen Einweihung, im Energieofen verheizt, so dass sie als Geist stets in allen Mauern des Hotel Splendide anwesend sein wird.

Die tote, gegenwärtige Mutter bestimmt auch nach dem Tod jeden Ablauf, jede Routine im Hotel Splendide – Sohn Dezmond, Manager des Hotels, pflegt ihre Traditionen und beharrt auf ewige Wiederkehr des Gleichen. Das bedeutet: Gleiches Essen jeden Tag, gleiches Kurprogramm aus Wasseranwendungen, gleiche Schallplatte mit obskuren Ernährungs- und Verdauungstipps, aufgenommen noch von der geliebten Mutter: Verzicht auf Zucker, Fett, Gewürze, Geschmack; und die gleichen Gäste sowieso, tagein tagaus, das ganze Jahr, deren Ausscheidungen wiederverwertet werden, um neues Essen zu kochen.

Auch der Film selbst ist eine Art Recyclinghof der Filmgeschichte: Hitchcocks „Rebecca“ wird hier mit der Trostlosigkeit eines Fawlty-Towers-Hotels vermischt, ein wenig klingt das Hotel California an: You can check out any time you like, but you can never leave. Und der etwas schräge Look des Films mit seinen düster-überfüllten Bildern wurde wohl von “Delicatessen” inspiriert – also selbst einem Film, der Bekanntes wiederverwertet.

Im Grunde lohnt es immer, einen frühen Film mit Daniel Craig zu sehen, er spielt hier Ronald, den Hotelkoch, der sich auf einen Speiseplan aus Algen und Aal spezialisiert hat: an ihm entzündet sich die Handlung des Films, in ihm nagt etwas, ein Zorn, eine Wut, stumm und verbissen werkelt er in der Küche. Bis ein neuer Gast auftaucht – ja, tatsächlich: ein neuer Gast in dieser Hotelruine: Kath, die einstmals als Küchenhilfe hier gearbeitet hatte und Ronalds große Liebe war. Bis sie von der Mutter vertrieben wurde. Ronald kann ihr nicht verzeihen, dass sie ihn verlassen hat, muss sie nun aber aushalten, weil sie sich einnistet und weil sie besseres Essen kocht als er – weil sie die Leib- und Lustfeindlichkeit dieses Ortes aufbricht und so etwas wie Leben in die vornehmlich alten Kurgäste einhaucht, die nichts kennen außer den immergleichen Trott dieses Hotels.

Mit Kath kommt die Veränderung: Diesen Hauptstrang des Films verfolgt Regisseur Terence Gross mit ziemlichem Verve, das ist der Teil des Films, der wirklich funktioniert: wie der ewige Kreislauf von Essen und Ausscheiden durchbrochen wird, wie die menschenfeindliche Routine, die Hotelmanager Dezmond in liebender Erinnerung an die Mutter diktatorisch einfordert, langsam zerschlagen wird, wie sich so etwas wie eine parabelhafte Erzählung aus diesem Film herausschält von einer festgefahrenen Gesellschaft, die zurückgeworfen ist auf sich selbst und durch einen Impuls von außen wieder neu in Bewegung gerät. Das ganze mit visueller Kraft und voll britisch-schwarzem Humor erzählt, der nicht auf Pointen aus ist, sondern auf skurrile Situationen in einer absurden Umgebung – verdienstvoll, wie trotz der ständigen Thematisierung von Fäkalien gerade keine billige Furz-Kaka-Witze gerissen werden. Die Fäkalien sind Metapher für die Unveränderlichkeit eines menschenfeindlichen Systems: Die Scheiße, mit der sich die Hotelgäste auseinandersetzen müssen, ist ihre eigene.

Doch der Film als ganzes ist aus dem Gleichgewicht, weil Gross sich zuviel zumutet. Er will mehr, als er verdauen kann, nimmt im Verlauf des Filmes noch dies und das auf, ohne es richtig einordnen zu können, jeder Hotelgast bekommt einen spinnigen Spleen, jede Figur eine eigene kleine Nebenhandlung, die kaum verbunden ist mit dem Rest des Films. Nicht die Überfülle der Ideen ist das Problem, sondern ihre fehlende Organisation. So dass sich nicht der Eindruck eines Gesamtporträts ergibt, sondern eine Vereinzelung der Szenen: vieles hat mit dem anderen schlicht zuwenig zu tun. Und die eine Skurrilität hebt die andere auf, so dass am Ende wenig übrigbleibt.
Wichtig ist, was hinten rauskommt, und da fehlt das Überraschende in diesem Kabinett der Sonderbarkeiten: es ist einfach nichts wirklich Originelles dabei – womit Gross wiederum an Jeunet anschließt, der auch seine ursprüngliche Originalität verloren hat und – sein neuestes Machwerk „MicMacs“ zeigt es deutlich – nur noch ein Sammelsurium an Einfällen bietet, die letztlich unverwertet bleiben.


Harald Mühlbeyer


„Hotel Splendide“
Großbritannien/Frankreich 2000. Buch, Regie: Terence Gross. Musik: Mark Tschanz. Kamera: Gyula Pados. Produktion: Ildiko Kemey.
Mit: Toni Collette (Kath), Daniel Craig (Ronald Blanche), Katrin Cartlidge (Cora Blanche), Stephen Tompkinson (Dezmond Blanche).
Länge: 84 Minuten.
Anbieter: Kinowelt/Arthaus.
Extras: B-Roll, Making of, Interviews – alles nichtssagendes, repetetives PR-Material.


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UNTHINKABLE (USA 2010)

Bis zum bitteren Ende

Wie weit darf man im Umgang mit einem Terroristen gehen, um einen Massenmord zu verhindern? Fragt UNTHINKABLE, und wie dieses hochwertige, moralische Terrorismus-Thrillerdrama darauf antwortet, erklärt vielleicht auch, warum er nur auf DVD erschienen ist.

(Ein Text von unserer Partnerseite Terrorismus & Film)



Nicht unthinkable, also unvorstellbar ist es, dass dieser Film nicht in die Kinos kam, aber unglaublich oder zumindest unverständlich. In den USA ist er jetzt direkt auf DVD herausgekommen, und dass es in Deutschland genauso sein wird, ist wahrscheinlich. (Lediglich in den Niederlanden und in Russland steht eine Auswertung auf der großen Leinwand an.)

Dabei hat Regisseur Gregor Jordan (BUFFALO SOLDIERS, NED KELLY) mit Samuel L. Jackson, Carrie-Anne Moss und Michael Sheen (FROST/NIXON) bekannte Namen versammelt und einen Terrorismusszenario hingelegt, der das „24“-Publikum durchaus hätte locken können.

Freilich wundert es so sehr nun auch nicht. Produzent Caldecut Chubb hat in der Los Angeles Times erklärt, warum UNTHINKABLE „the hottest new movie that you have never heard of“ ist und dabei auf den Ausfall von Senator als Auslandsverleihpartner verwiesen. Doch daran dürfte es weniger liegen, dass man keinen Verleiher in den USA fand. Sondern eher daran, dass UNTHINKABLE allein schon vom Thema her höchst unbequem und übderies so verteufelt konsequent ist, dass er durchaus an Finchers SE7EN (SIEBEN; USA 1995) gemahnt, auch wenn er filmästhetisch nicht in dessen Liga spielt.

UNTHINKABLE dreht sich nämlich um die moralisch hochbrisante Frage, die auch in Deutschland angesichts des „Krieges gegen den Terrorismus“ (z.B. in der Diskussion, ob man entführte Passagierflugzeuge abschießen darf, um Schlimmeres zu verhindern) für grundlegende Kontroversen sorgt(e).



In UNTHINKABLE ist es ein zum Islam konvertierter US-Bürger, der zur Herausforderung für die innere Sicherheit im doppelten Sinne wird, indem er die zivilen Werte hinsichtlich der Legitimität von staatlicher Gewalt auf die Probe stellt. Dabei macht es einem UNTHINKABLE schon mit der Figur nicht einfach. Der Film beginnt mit dem alles andere als souveränen Terroristen Steven Arthur Younger (gespielt von einem zwischen Opfer und Täter, Märtyrer und verschlagenem Teufel nicht immer ausgewogen, aber stets packend changierende Briten Michael Sheen). Wir sehen die anfänglichen Outtakes seiner Videobotschaft; immer wieder bricht er ab, das Band startet neu; er bringt sich in Pose, ist nervös, findet nicht die rechten Worte. Zuletzt aber bekennt er sich zu seiner neuen muslimischen Identität, als Yussuf blickt entschlossen in die Kamera – und setzt die USA unter Druck.

Denn Younger hat in drei Großstädten des Landes Atombomben versteckt. Warum bleibt zunächst offen. Wie er das geschafft hat, wird Hollywood-überbordend erklärt (Armeeausbildung, russisches Spaltmaterial etc.), es spielt aber auch keine Rolle. Denn – so erfahren wir später – Young stellt sich freiwillig und wird nun in einer geheimen Militäranlage festgehalten.

Dort treffen nach zwanzig Minuten Filmzeit, die man für die Story getrost hätte weglassen können, die FBI-Agentin Helen Brody (Carrie-Ann Moss) mit ihrem Team ein sowie der mysteriöse „H“ (Samuel L. Jackson), seines Zeichens supergeheimer Black-Operations-Agent der Regierung und vor allem: ein Folterspezialist.



Die Rollen sind klar verteilt: Brody spielt das gute Gewissen, sie pocht auf die Einhaltung der Regeln, wenn auch gar nicht mal mehr die der Justiz, die ohnehin schnell drangegeben sind. Carrie-Ann Moss statte diese Rechtschaffene mit der richtigen Brüchigkeit aus, so dass der Figur möglichst wenig von einem Klischee-Bürgerrechtler anhaftet, auch, wenn der Film nicht ganz auf dieses Genre-Gutmenschentum verzichten kann und vor allem nicht will.

Denn, und das ist das Beeindruckende an UNTHINKABLE, hier geht es weniger um einen Arthouse-Film, der mit künstlerischer Eloquenz und ästhetischer Tiefgründigkeit ein ethisches Gedankenspiel für Freunde des ernsthaften Kinos, im Gegenteil. Solche Zuschauer sind eher im regelrechten Nachteil weil ungebildet: Das moralische Drama, verpackt im Thriller-Gewand funktioniert hier gerade, wenn man in den Standards des Genres mit seinen wohlfeilen Auflösungen und Figuren- bzw. Stereotypen-Ensemble zu Hause ist.



Samuel L. Jackson ist hierbei die brillante Besetzung; man kann von Glück reden, dass er und nicht, wie zunächst wohl angedacht, Forrest Whitaker den Folterknecht spielt. Jackson gibt den selbstbewussten unbeugsamen Kerl mit unverblümter, sarkastischer Schnauze wie man ihn (und manch anderen Darsteller) in diesem Unterhaltungsbereich, ob in DIE HARD: WITH A VENGEANCE oder SNAKES ON A PLANE, eben als super-coolen Heldentypus (als Gegenstück zu dem unglaubwürdig leidenden Jack Bauer aus „24“) kennengelernt und ins Problemlösungsinventar für harte Zeiten einsortiert hat. Entsprechend führt ihn der Film ein; auch als es richtig losgeht, geht Jacksons „H“ richtig los: Einem Laien-Folterer der Armee haut er aufs Auge, und als das Militär und ein ominöser Staatsbeamter das Okay für die Young/Yussuf-Drangsale geben, hackt er dem festgeschnallten Bombenbauer ohne viel Federlesen erstmal einen Finger ab.

Wenn nicht schon am Anfang verzweifelt man bald angesichts der Figur „H“: Das rohe Vorgehen in (der) Action(-Filmen) nimmt man gerne hin. Hier aber ist ein Mensch ihm hilflos ausgeliefert, und statt sich im Zweikampf oder dergleichen mit ihm zu messen, malträtieren er und sein Gehilfe grausig sachlich und mit furchtbarer Routine im Standard Operating Procedure den bleichen, weichen, so verletzlichen Körper.



Hier wird UNTHINKABLE wirklich ungemütlich. Die Folterszenarien, vor allem in der Unmittelbarkeit ihrer Darstellung, geraten nicht so extrem wie man es mittlerweile dank HOSTEL, SAW und Co. (wieder) gewohnt ist, aber nah genug kommt ihnen UNTHINKABLE mit den Methoden, die aufgefahren werden, um Young zu brechen: Skalpell, Elektroschocks, Bohrer.

Keiner, der noch ein bisschen bei Trost ist und ein Fünkchen Seele im Leib hat, wird von diesem Film unberührt bleiben. Und zwar nicht, weil es ihn ekeln sollte oder wenn er darum geht, eine eindeutige Antwort zu finden – also die Folter als unterhaltungs-„cool“, angemessen oder legitim zu finden oder aber auch sie, ins Reale übertragen, rundweg abzulehnen, sondern gerade, wenn es darum geht, sich an der Entscheidung Pro und Contra ein bisschen wund zu denken.

Andererseits ist das der Körper eines Terroristen, der zum Mittel der Qual, zum Objekt wird, um Millionen Menschenleben zu retten (die er, der Terrorist, wiederum zum Objekt zu machen bereit ist). Und die Figur des Young ist selbst ungewöhnlich ambivalent, keine visuelle Erscheinung des „Anderen“, Fremdländischen. Er ist selbst halb Märtyrer für seinen Glauben und dessen weltliche Ziele wie auch Büßer für ein – nicht ausformuliertes – Vergehen gegenüber seiner Familie. Der Film lässt in der Schwebe, was an und in diesem Erpresser aus Überzeugung Duldsamkeit und was Kalkül ist, wie viel Hass und wie viel Verzweiflung. In einer Szene freut sich „H“, dass Young gegenüber der gutherzigen Brody, die es mit Vernunft und Einfühlung versucht, in Tränen ausbricht. Doch schnell hat er sich gefangen. Kalt verkündet er, er sei nun bereit, seine Forderungen zu stellen.



Immer brüchiger werden die beiden Prinzipien, die hier „H“, dort Brody repräsentieren, und damit spiegelt sich das Thema und die moralische Reflexion über das richtige Handeln im Erzählen des Films selbst, der einen in seiner Entscheidung über die Bewertung alleine lässt und jede Konzeption von Gerechtigkeit verweigert. Brody liefert die einfachen Einstellungen und klugen Argumente, die man in den Filmen (so auch in THE SIEGE, USA 1998) schnell und gerne annimmt – und die UNTHINKABLE nun vielleicht zum ersten Mal, zumindest aber mit einer verblüffenden Beharrlichkeit hinterfragt, ihnen Widerstand bietet. Leicht fassungslos beobachtet Brody, wie „H“ mit seiner serbischen Frau eine Folterpause einlegt, auf der Wiese picknickt und mit seinen Kindern, die beide über alles lieben, via Skype spricht. Allein mit ihr stellt Brody „H“s Gattin zur Rede – doch die weiß von dem Beruf ihres Mannes und kontert mit den Grausamkeiten, die sie und ihre Familie auf dem Balkan erlebt hat. Auf diesen abgeschotteten Frieden in einer Welt der Grausamkeit hat die familien- und beziehungslose FBI-Agentin nicht entgegen zu setzen. Und irgendwann, im Zorn, greift auch sie zum Skalpell.

Andererseits ist UNTHINKABLE gerade nicht „24“, bei dem der Zeitdruck, mehr aber noch die Geschwindigkeit des Erzählens eines „Vor der Krise ist in der Krise ist nach der Krise“, den Zweck die Mittel heiligen, vor allem aber zum Erfolg führen lässt. Im Gegenteil: Brauchte Jack Bauer eilig die Information, langte es, damit zu drohen, mit dem Kugelschreiber das Auge auszustechen. In UNTHINKABLE aber wird das Bewegungsprinzip von „24“ auf unangenehme Weise gestoppt, über die erste Hürde kommt man nicht hinaus. Das Spannungserzählen, dem auch ein echter Deus ex machina nicht zugestanden wird, verlangsamt sich dadurch und fokussiert den Blick des Zuschauers auf Schattenseiten und Helden-Fragwürdigkeiten, die die Welt der Unterhaltung in ihrem Spiel mit der Gewalt (nicht nur der terroristischen Bedrohung und nicht nur ideologisch) ansonsten vorenthält, unterschlägt oder bequem und sicher vorverarbeitet.



Entsprechend reibt sich „H“, der schnodderige Folterer, am Ende immer mehr an seinem passiven Gegner auf, so wie Realität, Idealismus und Fiktionalität aneinander kaputt. Einige Twists sind unplausibel und sichtlich nur auf den Effekt angelegt; Youngs Forderung, zunächst als Geheimnis angelegt, entpuppt sich als nachgerade verblüffend banale dschihadistisches Agenda-Ziel. Doch auch das ist nur ein weitere, wenn auch kleine, Drehung an der moralischen Schraube: Nichts, so „H“ bitter-ironisch, was sich nicht im Grunde auch jeder Amerikaner wünscht. Zugleich aber wird nicht einmal bei dem ethischen Dilemma, das der Film durchexerziert, ernsthaft über das Nachgeben nachgedacht oder daran, auch nur so zu tun als ob, um Young hinters Licht zu führen. Schließlich ist auch nicht (mehr) einsichtig, warum das letzte Mittel, mit dem Young zum Sprechen gebracht werden soll, so gänzlich „unthinkable“ ist, wie es denn auch die bislang der harten Linie so bereitwillig gefolgten Wächter der USA plötzlich suggerieren - bereits zuvor hat der Film kurz, problem- und folgenlos eine / die Grenze überschritten, der Klimaxsteigerung der Dramaturgie zuliebe.

Doch das alles verzeiht man UNTHINKABLE bereitwillig, weil er vorführt, wie man abstrakte Fragen der Moral im Unterhaltungsformat spannend stellen kann und dafür gerade die Personalisierung und Emotionalisierung geeignete, sogar notwendige Mittel sind. Nicht zuletzt, weil Moral und Ethik, ihre Regeln und Entscheidungen schlicht nicht ohne den Einzelnen, den Menschen und seine Gefühle zu denken sind. In der Wirklichkeit mehr noch als im Spielfilm.



In diesem Sinne dekonstruiert UNTHINKABLE das Genre des US-amerikanischen Terroristenthrillers nicht nur, er zerstört es mit seinen eigenen Mitteln. Er wagt es, die so richtige, bittere wie kostbare weil fundamentale Frage zu stellen, eine Frage, die leichtfertig verkürzt und billig beantwortet in unterhaltenden Filmfiktionen allgemein das Entscheidungshandeln dominiert(e) und in der Realität wiederum mit dem Verweis auf Notwendigkeiten viel zu oft zu eilfertig – gerade im Sinn der Logik, gegen die man eigentlich antritt – abgetan wird.

Am Ende geht es in UNTHINKABLE nämlich nicht darum, ob das Leben und die Würde von Wenigen (auch Unschuldigen) das Leben von Millionen anderer Menschen wert ist oder ob diese Entscheidung noch menschlich sei – sondern ob Menschlichkeit selbst nicht vielleicht Millionen Menschenleben wert ist.

Dass und wie UNTHINKABLE dies beantwortet, ohne sich um die Konsequenzen zu drücken ehrt ihn und macht ihn vielleicht und zumindest für das etablierte Hollywood-Kino doch ein bisschen „undenkbar“.



UNTHINKABLE ist in den USA auf DVD und Blu-Ray erschienen

R: Gregor Jordan, B: Peter Woodward
D: Samuel L. Jackson, Carrie-Anne Moss, Michael Sheen, Stephen Root, Lora Kojovic
Format: Dolby, NTSC
Sprache: Englisch (Untertitel: Englisch)
Bildverhältnis: 1.85:1
US-Jugendbewertung: R (Restricted)
Studio: Sony Pictures
Laufzeit: 97 Min.


Bernd Zywietz

DVD: "The Blue Dahlia" und "The Black Angel" - Film Noir Collection (Screenshot Classics

Die Film Noir Collection von Koch Media


"The Blue Dahlia" / "Die blaue Dahlie"
USA 1946. Regie: George Marshall.

"The Black Angel" / "Schwarzer Engel" / "Die vergessene Stunde"
USA 1946. Regie: Roy William Neill.



Über den Film noir kann man sich den Kopf zerbrechen; manche Filmwissenschaftler schlagen sich denselbigen sogar gegenseitig ein. Doch jenseits von Diskussionen über (zum Beispiel) Genre, Stilform, Ästhetik oder einen Kanon der Noir-Filme weiß man halt doch, was dazugehört und was nicht; auch wenn’s nicht immer ein sogenannter Klassiker ist.
Eher unbekannte Filme bietet die Film noir-DVD-Serie von Koch Media, in der bisher drei Filme erschienen sind; vielleicht werden es irgendwann noch mehr. Zwei der Filme lagen zur Rezension vor, „Die blaue Dahlie“ und „Schwarzer Engel“ (der auch den deutschen Titel „Die vergessene Stunde“ hat).

Beide demonstrieren, wie sehr der Film noir auf Brüchen, genauer: auf Traumata beruht. Traumatisierte Personen stehen im Mittelpunkt; und es lassen sich Bögen spannen zur historischen Genese der schwarzen Hollywoodserie.
Mehrere Wege führten zum Noir: Da sind die europäischen Exilanten mit ihren durchbrochenen Biographien, die aus politischen Gründen die Ufa in Richtung Hollywood verlassen mussten. Da ist die Erfahrung von Kriminalität und Gewalt im Amerika der 20er und 30er Jahre, die alltäglich wurde mit der Prohibition, weil halt jeder gern was trinkt, auch wenn’s verboten ist (und jeder Noir-Held hat Alkohol statt Blut in den Adern); eine Zeit, in der die Gangster aufkamen ganz real und als Mythos, in der sich ein eigenes Filmgenre heranbildete mit den Bösewichtern als Hauptfiguren. Da ist das Bewusstsein vom jederzeit möglichen sozialen Abstieg, der in der Weltwirtschaftskrise evident wurde und in den 30ern nie richtig gebannt wurde. Und natürlich die Kriegsjahre in den 40ern, die weltumspannende todbringende Gewalt, die potentielle Verwundbarkeit der US-Nation, die Männer, die weit entfernt von der Heimat gegen das absolut Böse, gegen Schlitzaugen und Krauts, kämpfen müssen – und die Frauen, die daheim den Laden schmeißen und die daher ein neues Selbstbewusstsein, eine neue Unabhängigkeit aufbauen. Das alles floss in den Noir ein – in der „Blauen Dahlie“ und im „Schwarzen Engel“ materialisiert sich dieses Sich-Neuformen der nationalen Seelenlage auf frappante Weise.

Zudem bezeugen diese Filme, dass die Wurzeln der Schwarzen Serie im literarischen Untergrund der hardboiled-Krimis liegen: „Schwarzer Engel“ beruht wie die meisten Noirs auf der Vorlage eines hardboiled-Autoren, in diesem Fall Cornell Woolrich; der „Blauen Dahlie“ liegt zwar ein Originaldrehbuch zugrunde – das aber von Raymond Chandler stammt.

Chandler ist ein Meister des Dialogs: „Mister, you got the wrong lipstick on“, sagt der gehörnte Ehemann und – bamm! – eine schallende Ohrfeige für den Rivalen – heißt im Deutschen bloß: „Sie haben sich wohl in der Adresse geirrt“. (Ohnehin ist hier die Synchronisation ein Meisterwerk der Verfremdung durch Unbeholfenheit: „Are you gonna answer that door or let them break it down?“ sagt der Held zum Schurken, als die Türklingel summt; im Deutschen, hihihi: „Antworten Sie, oder ich falle mit der Türe ins Haus.“)

Chandler ist aber auch ein Meister in der kunstvollen Verwirrung, in der formvollendeten Plotverrenkung. „Wenn du nicht mehr weiterweißt, lass einen Mann mit Pistole zur Tür reinkommen“, ist ein chandlersches Bonmot, und in diesem Fall hat er wohl einige Male nicht mehr weitergewusst und einfach was ganz Neues angefangen – und doch alles bis zum Ende hin aus- und durchgeführt.

Kriegsheimkehrer: das thematisiert der Film ganz explizit. Johnny Morrison kehrt aus dem Pazifikeinsatz zurück, findet den Sohn tot und die Frau im Mittelpunkt nicht nur einer rauschenden Party, auch der Aufmerksamkeit des zwielichtigen Nachtklubbesitzers Harwood. In der Nacht ist die Frau tot, Morrison auf der Flucht – wo er zufällig Harwoods Frau Joyce trifft, die aus ihrer Ehe abgehauen ist. Morrison ist nun mordverdächtig, seine Kriegskumpel – darunter der traumatisierte Buzz, der eine Metallplatte im Schädel hat und bei monkey music (deutsch: Mulattenmusik) ganz verrückt wird – suchen ihn ebenso wie die Polizei, ein erpresserischer Hoteldetektiv spielt auch noch mit ebenso wie Harwoods rechte Hand Leo.

Da ist das verruchte titelgebende Nachtlokal mit der jazzigen Affenmusik; ein heruntergekommenes Hotel mit kleinen Gaunern und einem sehr neugierigen Portier; die Vergangenheit, die in Form einer abgelegten Identität wieder auftaucht; eine Mordnacht im Regen mit vielen Verdächtigen. Da ist Veronika Lake, die sich spitzige Dialogduelle mit Alan Ladd liefern darf – beide ohnehin ein Darstellerpaar mit der gewissen Chemie, die sich in insgesamt sieben gemeinsamen Filmen beweisen durfte. Da ist diese Metallplatte, die nicht nur pochende Kopfschmerzen bei rhythmisierter Musik verursacht, sondern auch Gedächtnislücken und wer weiß was für körperliche Aussetzer.
Und da ist diese einsamen Hütte im Wald, wo die intensivste Szene des Films spielt: zwei Ganoven haben Morrison entführt, er, der Kriegsheld, kämpft mit ihnen, und man spürt die Schmerzen, die Brutalität, das ist keine einfache Filmschlägerei, da geht’s richtig zur Sache, trocken und brutal (was ja jüngst im letzten Bond-Film hoch gelobt wurde). Und danach ist der Held K.O., Leo, der Oberganove, pflegt seinen von einem Tisch zerquetschten Fuß – und schlägt den Komplizen nieder, als der dem Opfer die Taschen leert: „There’s ethics in this business the same as any other“. Dann würgt der Gefesselte den Schurken, ganz langsam, ganz kaltblütig, ganz der Killer vom pazifischen Krieg. Das ist wirklich hart, eine Szene, die die Gewalt des Krieges überträgt auf den heimischen Schauplatz in Hollywood (wo der Film spielt).

Das Ende ist, chandlertypisch, ziemlich egal; die vorhergehende Beschreibung einer verrotteten, gewalttätigen Gesellschaft ist das eigentlich relevante. In der Tat musste Chandler das ursprünglich vorgesehene Ende auf Druck des Studios (und der Navy-Militärzensur in Kriegszeiten) ändern: nicht Buzz, der im heldenhaften Pazifikkrieg Geschädigte, durfte der Mörder sein, Chandler musste einen anderen aus dem Hut zaubern.
Tatsächlich aber trifft diese Auflösung auf vertrackte Weise hinterrücks ins Mark. Nicht nur, weil sie an den Haaren herbeigezogen ist und daher noch einmal die sinnentleerte Atmosphäre des chandlerschen Entwurfs betont, in der es kaum ein Motiv braucht für einen Mord. Sondern auch – und darauf verweist Thomas Willmann in seinem klugen und ausführlichen Essay im DVD-Begleitheft – weil nun die Gewalttätigkeit nicht einfach von den Kriegsschauplätzen importiert wird: „Die Heimat, in die diese Männer zurückkommen, hat es nicht besonders nötig, dass jemand die Gewalt aus Übersee mitbringt. […] Und so hat die Navy ungewollt mitgeholfen, einen anderen Aspekt von Chandlers Vision zu schärfen: Während die Alan Ladds dieser Welt im Ausland gegen das Böse kämpften, hat dieses sich daheim längst bequem breitgemacht.“


„Schwarzer Engel“ ist sicherlich das viel vergessenere Werk – auch wenn die „Blaue Dahlie“ in Deutschland ebenfalls kaum je im Fernsehen läuft und auf jeden Fall auch im Schatten steht von Chandlers anderen Drehbucharbeiten für Wilder („Double Indemnity“ / „Frau ohne Gewissen“) und Hitchcock („Strangers on a Train“ / „Der Fremde im Zug“).

In der Woolrich-Adaption spielen keine Stars mit, der Regisseur Roy William Neill rangiert unter ferner liefen – er hat zuvor ein paar Filme der klassischen Sherlock Holmes-Filmreihe gedreht. Daher überrascht schon der Filmanfang, eine aufwändige Kamerafahrt, in dem die Kamera dem sehnenden Blick von Martin Blair folgt; nein: den Blick begleitet, die Hotelfassade hoch hinauffliegt durchs Fenster in eines der Zimmer, wo Blairs Ex-Frau, die Sängerin Mavis Marlowe, residiert. Eine elaborierte Bewegung, die sehnsüchtige Verbindung ebenso ausdrückt wie unüberwindliche Distanz: die Ex will von Martin nichts mehr wissen und lässt ihn gar nicht mal rein ins Hotel.

In der Nacht dann ist sie natürlich tot, das war zu erwarten. Und ein Schuldiger ist schnell gefunden: Kirk Bennett, mit dem sie eine Affäre hatte. Der wird gefasst und verurteilt und in die Todeszelle gesteckt – und dann erst beginnt der Film so richtig, sich zu entfalten. Er konzentriert sich nun auf Catherine, Bennetts Frau, die ihren Mann retten will – obwohl er sie betrogen hat. Die schnell auf Martin Blair kommt, den sie zunächst für den wahren Mörder hält: Blair ist ein heruntergekommener Alkoholiker, einer, der den Schock der Trennung nicht verarbeitet hat, ein sensibler Künstler, der für seine Mavis einige Hits geschrieben hat; ein Traumatisierter, der nun anders als bei Chandler nicht Neben-, sondern Hauptperson wird. Denn Catherine und Martin verbünden sich, wollen gemeinsam den Täter finden und Kirk entlasten.

Eine ganz perfide psychologische Situation: Martin verliebt sich in Catherine, glaubt, mit ihr seine Ex vergessen zu können, glaubt auch an einen beruflichen Neuanfang mit neuen Songs und einer neuen Sängerin. Und hilft ihr daher bei der Entlastung ihres Ehemannes Kirk Bennett – doch wenn dies gelingt, hat er Catherine wieder verloren an ihren Gatten…

Auftritt Peter Lorre als Nachtclubbesitzer Marko, der ebenfalls was mit Mavis hatte. Und den Martin damals in der Mordnacht gesehen hat, wie er Mavis besuchte… Ihm müssen sie auf die Schliche kommen, heuern bei ihm als Gesangsduo „Martin und Carver“ an und versuchen, an das fehlende Beweisstück – eine Brosche als MacGuffin – in Markos Safe zu gelangen.

Neben die Zwickmühlen-Liebe von Martin zu Catherine stellt sich nun eine zweite, nicht weniger listige Ebene. Nicht nur, dass Marko, der als stadtbekannter Frauenhasser tituliert und damit verklausuliert als schwul charakterisiert wird, sich ebenfalls für Catherine zu interessieren scheint; nicht nur, dass die Polizei, speziell der kauzige Kommissar, locker über allem zu stehen scheint (und dabei an sich gar nicht eingreifen kann, weil mit Kirk Bennett der Mörder von Mavis ja schon offiziell gefasst ist): auch legt der Film falsche Fährten, führt den Zuschauer lustvoll in Sackgassen, breitet ein ganzes Sortiment an roten Heringen aus.

Und führt am Ende doch alles auf einen Punkt zurück, an dem sich Obsession, Trauma, verlorene Liebe, Hoffnung, Aussichtslosigkeit treffen. Was den Zuschauer mit einer gewissen Erschütterung zurücklässt.

Besonders, da der Film über eine weite Strecke – wenn sich „Martin und Carver“ in Markos Nachtklub nicht nur auf Beweissuche begeben, sondern tatsächlich eine neue Karriere im Musikbusiness starten könnten – weniger finster zu sein scheint. Er lässt „seine Charaktere an einem schöneren, besseren Leben schnuppern, um es ihnen umso erbarmungsloser wieder entreißen zu können.“ (Thomas Willmann). „Heartbreak“ heißt das Lied, das Martin Blair einst für Mavis geschrieben hat; das als unendlich weiterspielende Schallplatte den Soundtrack in der Mordnacht liefert. „Heartbreak“ bedeutet das Zerbrechen von Liebe, Hoffnung, Chance auf Neubeginn, auf die Heilung vom Trauma.

Der Kern des Film noir ist das zerbrochene Glück.


Harald Mühlbeyer



"The Blue Dahlia" / "Die blaue Dahlie"
USA 1946. Regie: George Marshall. Drehbuch: Raymond Chandler. Produktion: John Houseman.
Darsteller: Alan Ladd, Veronica Lake, William Bendix, Howard da Silva.

"The Black Angel" / "Schwarzer Engel" / "Die vergessene Stunde"
USA 1946. Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Roy Chanslor nach dem Roman von Cornell Woolrich. Produktion: Tom McNight, Roy William Neill.
Darsteller: Dan Duryea, June Vincent, Peter Lorre, Broderick Crawford.

Bonusmaterial:
Jeweils Bildergalerie; Booklet mit einem Essay von Thomas Willmann.
Anbieter: Koch Media.


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"The Black Angel" HIER.

Nicht besprochen, aber trotzdem bestellbar:
"Spiel mit dem Tode" / "The Big Clock" HIER.