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Festival-Nominierungen für NACHTSCHWÄRMER


Alexander Griesser und Michael Schwarz sind als Nachtschwärmer wieder auf Festivaltour; dies nominiert und obendrein mit gleich zwei Werken. 

Auf dem Landshuter Kurzfilmfestival wird im März PETER RIST, IDEALIST ins Rennen um den besten Dokumentarfilm gehen, während der zweieinhalbminütige Experimentalfilm COLOR VICTIM für den Kurzfilmwettbewerb ausgewählt ist.

Zuvor allerdings hat COLOR VICTIM noch seine Festivalpremiere: am 18. Januar auf den 15. Dresdner Schmalfilmtagen im internationalen Contest. Wenig verwunderlich, scheint COLOR VICTIM wie gemacht für das 8- und 16mm-Festival „für experimentelle Filmkunst, Heimkino, Trash und klassischen Independent-Film“. In allen diesen Bereichen dürfte sich COLOR VICTIM jedenfalls wohlfühlen mit seinen schön-schaurig nostalgischen Kodak-Heimimpressionen einer lang vergangenen Weihnachtsfeier, die mit modernen Heimschmuckbasteltipps auf der Tonspur sowohl unterlegt und wohlig ergänzt wie zugleich kontrastiert, irritiert und konterkariert werden.  

Darauf ein Prösterchen!
  
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Murnau-Kurzfilmpreis am 11. Mai

Am Freitag, 11. Mai, werden ab 19 Uhr im Wiesbadener Caligari-Filmtheater zum 18. Mal die Murnau-Kurzfilmpreise vergeben.

Der Kurzfilmpreis der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wird an herausragende Kurzfilme mit besonderer Kinoeignung vergeben. Acht Filme werden - von einer Jury ausgewählt - in diesem Jahr ausgezeichnet und mit einem Preisgeld von 2.000 Euro bedacht, das an die Produzenten geht:

- AMOK (Kurzspielfilm, Prod.: CHR Filmproduktion (Christoph Baumann), München)
- DER BESUCH (Animationsfilm, Prod.: Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg)
- EXMUN (Kurzspielfilm, Prod.: Hamburg Media School, Hamburg)
- FLAMINGO PRIDE (Animationsfilm, Prod.: Talking Animals, Berlin / Tomer Eshed, Berlin / Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf“, Potsdam-Babelsberg)
- NORDKAP (Kurzspielfilm, Prod.: Kontrast Film GbR, Mainz)
- NUN SEHEN SIE FOLGENDES (Kurzspielfilm, Prod.: Kamerapferd, Berlin)
- PRINZ RATTE (Animationsfilm, Prod.: Radl Animation (Albert Radl), Düsseldorf)
- VERONIKA (Dokumentarfilm, Prod.: Mark Michel, Leipzig)

Alle ausgezeichneten Filme werden am Abend der Preisverleihung in Anwesenheit der Produzenten und Regisseure gezeigt.


Alle Infos HIER.

"Kursdorf" zieht Kreise


"Kursdorf" von den Mainzer Filmemachern Michael Schwarz und Alexander Griesser ("Nachtschwärmerfilm") tourt weiter, nicht nur durch die deutschen Lande.

Nachdem der Film über eine sächsische Kleinstadt, die vom Flughafen Leipzig-Halle quasi aufgegessen wird, im Internationalen Wettbewerb des Kurzfilmfestivals "Die 24 Stunden von Nürnberg" zu sehen war, wurde die Kurzdoku auch in das Programm des Internationalen Kurzfilmwettbewerbs des 25. Stuttgarter Filmwinters (19. bis 22. Januar) aufgenommen.

Vom 3. bis 5. Februar präsentiert darüber hinaus das International Student Film Festival London den Film - der Ende März auch im Rahmen des Internationalen Filmwochenende Würzburg zu sehen sein wird. Zudem wurde "Kursdorf" für den Kurzfilmkatalog "German Short Films 2012" ausgewählt. Dieser Katalog wird Ende Januar auf dem Festival du Court Métrage in Clermont-Ferrand und im Anschluss auf der Berlinale und weiteren internationalen Festivals präsentiert.

Das wilde Off/short-Festival: Einfach kommen, einfach screenen

Der Spätsommer drehte über Europa noch einmal alle Regler von Wärme und Farbigkeit ungeahnt weit auf. Nur weit im Westen Frankreichs, an der Manschette des Ärmelkanals, sind die Farben pastos. Flache grüne Schafswiesen, Meer und Kieselstrand gehen hier eine ungeahnte Verbindung von atlantischer Kargheit und kontinentaler Milde ein.
Cayeux-sur-mer ist eine pittoreske, kleine Küstenstadt, die ihre Authentizität mit nur minimalen touristischen Lockdrogen versieht, wie etwa dem nüchternen Casino. Nur einen rollenden Kiesel vom Meer gelegen, weidete hier auf einer grünen Wiese vom 23. bis 25. September ein kleines, feines Filmfestival namens Off/short. Es erstrahlte unter dem breiten Lachen der Sonne bereits zum 5. Mal in seinem bescheidenen Charme des unglamourös Einzigartigen,. Dort, gerade so über der Flutmarke, gab es kuriose Kurzfilme, Performances, Kino-Konzerte und Ateliers zu finden. Das Off/short will "tout sauf un festival" – alles andere als ein Festival - sein, und es ist in der Tat ein Außergewöhnliches.

Dies liegt bereits im Konzept der kostenlosen, werbefreien Veranstaltung verankert, denn hier kann jeder kommen und screenen. Es gibt, nach Angaben der Organisatoren, auch keine Selektion der Filme und anderen Vorführungen, also keinerlei Ausschlussverfahren. Jeder Aussteller, "Envahisseur" (etwa: "Invader", "Eindringling") genannt, muss desweiteren für sein Vorführ-Etablissement selbst sorgen, und sei es das eigene Camping-Zelt. Und dieses Konzept geht auf, spätestens wenn die Sonne untergeht und den Projektoren endlich die Lichtstärke und Farben übergibt.
Denn nachts schimmern hier die selbstentworfenen Spiegel aus erdachten Strukturen, es ist eine Szenerie von Projektionslichtern und Klanggewirr, die definitiv sehr gut ohne rote Teppiche, Galas, Stars, Glitter, Blitzlicht, überlangen Limos und gar ohne zentralen Kinosaal auskommt. So ist das Off/short ein audiovisuelles Fest zwischen filmenden Machern und projizierenden Rezipienten, die hier, im Gespräch um das Gesehene, den Bogen zu den Ideen dahinter schlagen und sich darüber austauschen können.
Ein bunter kleiner Zirkus der privaten Medienfreiheit und -reflexion also, der konservierten Geister in beleuchteten Gläsern, und das in vielen Facetten. Der Fokus liegt hier, in guter französischer Avantgarde-Tradition, stark auf der Qualität der Narration und weniger auf technokratisch-ästhetischer Perfektion. Das bedeutet jedoch nicht, dass hier keine cineastischen Bilder zu sehen sind.

Während man dem Off/short-Gelände näher kommt, entrollt sich vor den staunenden Augen eine innere Weltausstellung individueller Geschichten, eine Werksschau innerer Befindlichkeiten. Tagsüber eine Art frankoeuropäisches Campingtreffen mediensozialisierter Generationen der 70er bis 90er Jahre, mit schnatterndem Fernseher auf der Wiese, überblendet die Dämmerung den Schauplatz hin zu der Verquickung eines Friedhofes der Träume in leuchtenden Grabkerzen mit einer minimalistisch-experimentellen Mission auf dem Meeresboden.Um eine Kubrick-futuristische Basisstation namens "le Dome" herum flackern aus 33 kleinen Palästen und dunklen Höhlen mal geborgene Schätze, mal entziehen sich die sich zierenden Geheimnisse. Diese kleinen, illuminierten Privatprojektionsstätten leuchten und irrlichtern auf dem Weg über das Gelände, um ihn zu erleichtern, zu erschweren, aber meist zu bereichern: Alors, profitéz-en!

Hier liegt es nun vor einem, das Spiel bunten Projektor-Lichtes im Dunkeln; und es liegt wie bei nur wenigen Film-Erlebnissen im Auge des Betrachters, was sich denn erschließt, und ob und wie er es genießt: Live-VJing privater Party-Aufnahmen, auch mal zur Selbstbedienung per Kinderkeyboard, lockt bei "Les culottes chaudes" frivol, hinter Wäscheleinen voll bunter Höschen. Filmtheater des Absurden von "Les Bombes Akomik" tanzt auf der medialen Wüste eines abgeernteten Feldes. Ein Hochdachkombi-an-Hochdachkombi-Kino namens "Nous sommes tous de passage" (etwa:"Wir sind alle im Vorübergehen") beherbergt wildes TV-Sampling des Institute National des Archives. In liebevoll handgemachten Interieurs mit dem holzigen Geruch alter Zeiten, den "roulottes", oft ehemalige Zirkuswagen oder umgebaute Reisebusse, laufen meist story-intensive Kurzfilme, von Jedermann-Qualität bis Weltklasse; und die Vorführer lieben ihre Ansagen.

Zu Geschichten geflochtene Zusammenschnitte aufgefundener Privataufnahmen aus der Zeit, als Hochzeiten noch mit Filmkameras verewigt wurden, wie auch Live-Filmmusik mit Cello und Glockenspiel schillern im Perlenglanz vergangener Zeiten. An einem Stand werden gerade spontan Szenen gedreht, á la KinoKabaret. Diverse Film-Studenten umgarnen die Betrachter mit aktuellen Visuals, Experimenten und Semesterarbeiten. Bei "Cinéma Numerique Ambulante" wird das Video-Fada-Projekt an die Bildfläche gehoben, bei dem in einigen Ländern Afrikas, auf den Straßen, von jedermann der dort Anwesenden, die Storys gesucht werden können – der an diesem Projekt beteiligte Boris Bado ist kürzlich in Burkina Faso aus ungeklärten Ursachen gestorben.

Um das Verschwinden und das Verbinden in verschiedenen Variationen drehten sich einige der gezeigten Filme, wie etwa “untitled stories” (Norwegen 2007) der Regisseurin Margarida Paiva. Die Videoarbeit zeigt verlassene Lebensräume, während eine junge, halb abwesende Frauenstimme aus dem Off Geschichten voller Verzweiflung erzählt. Sie bricht dabei immer wieder ab. Sie erzählt weiter, wie sie Geräusche aus allen Zimmern ihres Hauses zur selben Zeit vernimmt, und sich, an einem unbekannten Ort, fühlt, als sei sie schon immer dort gewesen. Schließlich löst sie sich durch ihre Erzählung auf. Jeffrey Schers "Milk of Amnesia" (USA 1992), eine raffinierte Experimental-Animation, in einem unglaublich aufwendigen Prozess von Hand erstellt, ist nichts für Epileptiker. Frameweise wechselnde, abphotographierte Graphiken und Gemälde, in filmischer Frequenz abgeschossen, werden zu kaleidoskopischen Bildern und scheinen die Figuren zu einem Erzählinhalt zu verbinden: Eine Frau, ein Mann, Tiere, palimpsestische Werbebotschaften. Die Story wird, unter neuronalen Blitzen, die vielleicht wirklich bis ins Unbewusste reichen, vom Betrachter wesentlich mitgestaltet. Zu Tango führt sie, schwirrend wie ein Kolibri, durch den gezeichneten Stadtdschungel und endet in jedem Fall bei einem Liebespaar.

Auch außergewöhnliche Ausstellungen von Ateliers, etwa die Torsos aus Computerteilen von "Le Callimaque & Family", ziehen in Bann, ebenso wie die Jongleure des "Le Maison qui Bouge", die, wie die mobilen Kino-Vehikel, auch das restliche Jahr durch Frankreich reisen, um der Medienlandschaft kleine Freuden und etwas Reflektion entgegenzusetzen. Aber es gibt noch weit mehr, das bei den Betrachtern Reaktionen auslöst, etwa die Maskenbildner des "Atelier Maquillage-FX", an deren Zelten diverse Körperteile hängen, die nichts von ihrer plastikfleischlichen Kunstfertigkeit verbergen wollen - welche sogar die Wespen täuscht.
Die Ohren vernehmen bei all dem eine komplexe Klangcollage unter anderem aus trocken-klirrenden Rufen von Fahrradklingeln, streitenden Paare, ein mickeymousendem Honky Tonk-Piano, aufgedrehtem Kinderstimmengewirr, verloren fallenden und verhallenden Yann Tiersen-Klängen.

Der kleine Medienzirkus des Off/short lebte auch dieses Jahr wieder vom distanziert-intimen Flammenschein um die kühlen Medien-Feuer und den sich bildenden und lösenden winzigen Menschenkreise in seinem Inneren. Es geht um die Offenbarung eigener Erfahrungen und um den Umgang mit diesen, sofern die Macher anwesend: Und das sind in jedem Fall sowohl die Regisseure und Aussteller als auch die Betrachter. Der Zuschauer vor dem Bildschirm erkennt in einer freiwilligen Trance möglicherweise sich und seine Geister, so dass manchmal eine Art flüchtige Stammesvertrautheit mit der Gesamtheit der Anwesenden entsteht.
Und wer hier ist, auf dem Off/short-Un-Festival, muss es einfach: Träumen und Reflektieren, um aufzuleben. Hier und an den wenigen Orten, die in diesem Sinne hyper- und transmedial wirklich existieren, entsteht der Raum und die Perspektive, genau das zu tun. Es ist das temporäre Land der individuellen Träume, bei Tag wie bei Nacht. Ein Wochenend-Kontinuum de L`Image.

Als eine Art Medienkompetenzinitiative stellte auch die "Picardie en Ligne" ihre Arbeit vor, sie bieten Medienkurse in der Picardie an und stehen der Festivalorganisation nahe. Das Off/short wird im Auftrag des Département de la Somme und des Département de l´Oise organisiert: Das "Atelier 142" beschäftigt auch die Mitarbeiter, wobei vieles, etwa in der Küche, ehrenamtliche Arbeit bleibt.
Die Aussteller des Offshort kommen überwiegend aus dem Norden Frankreichs, es ist also systemfunktional eine Art Individiualmedienkulturfest der Verwaltung der Région, wobei zugleich ausdrücklich internationale Offenheit besteht. Und aus England, Belgien, der Hauptstadt oder Deutschland fanden sich auch einige Gäste ein.
Das vielleicht überraschenderweise durch Kulturpolitik entstandene, aber weitgehend sich selbst überlassene Geschehen ist also nur auf einer Meta-Ebene organisiert und beläßt den Ausstellenden und Besuchern weitgehenden Spielraum, den Inhalt des Wochenendes selbst zu gestalten. Tageszeitabhängig in unterschiedliche Blautöne gekleidete Gruppen von Polizisten durchkämmen jedoch stets das Gelände, ohne dass es je einen Zwischenfall gegeben hätte.

Das Jedermann-zu-Hause-Filmkünstler- und Seele-in-Einmachgläser-Konzept des Festivals erklärt sich vielleicht auch etwas durch französische Sozialkonventionen. Es ist eine Messe der Medien, man lebt auf im Lichte des Tages und der Vorführungszeit am Abend. Die Menschen machen also die vielen Gesichter des Off/short-Festivals, es gibt durch die Art der Organisation keine zentrale Figur, kein menschliches Trademark - kein Mitarbeiter des Organisationsteams vom letztem Jahr war zu sehen. Zudem sind Aussteller wie Besucher, deren bescheidene Zahl sich zeitweise deckt, größtenteils diejenigen, die die angestrandete Medienmission beleben.
Die Menschen geben den medialen Welten eine Plattform, sie sind selbst ein Interface, das soviel mehr ist als nur eine audiovisuelle Schnittstelle. Man trifft sich dort, möglicherweise mediaphysisch transzendiert, zu einem Festival der Gleichzeitigkeit und Omnipräsenz von verschiedensten menschlichen Bestrebungen, Zeiten und Orten. Das Off/short ist eine fabelhafte, nachtbunte Veranstaltung, voll originärer Arbeiten, jedoch nur zu verordneten Geschäftszeiten glühend, denn nachts geht der Strom aus und die Leute dann schlafen. In diesen ruhigen Stunden hört man im Zelt das Meer und kann dessen Verwandtschaft mit dem Rauschen eines leeren Fernsehers erkennen.

Andreas Michel

Filmfest Dresden 2011: Abschlussbericht

Festival des Eierlikörs

„Ich komme nur, wenn ich nominiert bin“, sagte einer der Produzenten vor der Preisverleihung. Denn obwohl die Preisverleihung eigentlich den Höhepunkt darstellen sollte, ist sie bei vielen kleineren Festivals eher eine Pflichtveranstaltung für Preisträger; der eigentliche Höhepunkt – zumindest für Filmemacher – ist wohl die folgende Abschlussparty. So war es auch beim Dresdner Filmfest 2011. Manch ein Regisseur bevorzugte es vielleicht noch, kurz seinen Eierlikörrausch auszuschlafen. Das wäre zumindest eine Erklärung, wieso die Preisverleihung vor einem zu einem Viertel leeren Saal stattfand.

Den lautesten und längsten Applaus der Preisverleihung erhielten die Festivalleitungsdamen. Vor allem mit ihrem selbstgemachten Eierlikör nach einem Rezept der Vorfahren konnten sie das familiäre Ambiente des Filmfests betonen und bei den Gästen punkten.

Der Moderator im Smoking steigerte sich im Vergleich zur Eröffnungsveranstaltung und führte mit Charme und Witz durch das Programm. Nicht ganz so großen Anklang fand die im wahrsten Sinne des Wortes SCHRÄGE Performance von Polarkreis 18, Dresdens Popmusik-Exportschlager; am bekanntesten dürfte ihr Titel „Allein Allein“ aus dem Jahr 2008 sein. Während des schiefen Gesangs in den höchsten Tönen genoss im Publikum einer der anwesenden Filmemacher seine eigene Musik unter dem Schutz der Kopfhörer. Gestern habe die Band bis in die Morgenstunden das Ende ihrer Tournee gefeiert, gestand auch der Sänger der Band.

Umjubelte Gewinner

Die Preise gehen insgesamt an zehn Filme. Es ist erstaunlich, dass der Goldene Reiter des Publikums und der Goldene Reiter für den besten Kurzspielfilm im internationalen und im nationalen Wettbewerb jeweils an dieselben Filme gingen. Im internationalen Wettbewerb räumte „L’Accordeur“ von Olivier Treiner Preise im Gesamtwert von 10.500 Euro ab. Die Jury, bestehend aus Ismet Ergün, Paul de Nooijer und Martin Vandas, hob vor allem die hervorragende schauspielerische Leistung, die perfekte Bildgestaltung, die Musik und die ungeheure Spannung hervor. Im nationalen Wettbewerb entschied „Viki Ficki“ von Nathalie Spinell Jury- und Publikums-Preise mit einer Gesamtdotierung von 5.000 Euro für sich. Das Thema des Films: Es geht um Mutter-Tochter Solidarität und den gesellschaftlichen Umgang mit dem Beruf der Mutter - einer Pornodarstellerin. Die Jury, bestehend aus Anna Henckel-Donnersmarck, Thomas Frick und Ekkehard Knörer verwiesen auf die Art, mit der das Thema behandelt wird: Nicht auf die Mitleidstour, sondern mit Witz.

Der höchstdotierte Preis war der Förderpreis im Wert von 20.000 Euro und wurde von der sächsischen Kunstministerin vergeben. Er ging an Youdid Kahveci für ihr Kammerspiel „Radiostar“. Der Kurzfilm spielt komplett in der Wohnung eines jungen Pärchens. Die beiden Protagonisten kommen aus unterschiedlichen Kulturen. Problematiken, die in normalen Beziehungen auftreten, werden hier auf den kulturellen Unterschied geschoben. Die Jury zeigte sich vor allem beeindruckt von den lebendigen und vielschichtigen Szenen, in denen gesellschaftliche Realitäten ihren Platz haben und argumentierte damit genauso schwammig wie der Film.



Die Jugendjury des nationalen Wettbewerbs entschied sich für den Film „Yuri Lennon’s Landing on Alpha 46“. „Die Entscheidung ist uns nicht schwer gefallen, wir drei hatten eigentlich alle unabhängig voneinander den gleichen Favoriten.“, sagte Jugendjurymitglied Richard Lamprecht im Festivalcafé des Programmkinos Thalia. Der Schüler und Filmemacher gewann 2007 den Deutschen Nachwuchsfilmpreis. Damals beeindruckte ihn die Rolle der Jury, „weil man da auf den Stühlen lümmelt, Filme guckt und sie anschließend kompetent bewerten und belohnen darf. Das war mir sympathisch.“ Dann suchte das Filmfest in Richards Heimatstadt Mitglieder für die Jugendjury. Er bewarb sich sofort und setzte sich im Auswahlverfahren durch. Auch seine Zukunft sieht Richard Lamprecht im Bereich Film, ohne aber genaue Präferenzen für eine Berufsrichtung zu haben. Vielleicht half ihm bei der Entscheidungsfindung ja der Austausch mit jungen und erfahrenen Filmemachern auf dem Festival.


Über Preise freut sich jeder

„Gewinner werden wahrgenommen“, so Sascha Koebner vom Verband der deutschen Filmkritik (der mit seinen beiden Kollegen den Kurzfilmpreis der deutschen Filmkritik 2010 Stefan Eckel und Stefan Prehn für ihren „Go Bash!“ verliehen), weswegen Preise das Leben junger Filmemacher erleichtern. Die Goldenen Reiter und weitere Preise im Gesamtwert von 63.000 Euro sind nun vergeben. Und weil bei allem Jubel über die Filmemacher die Vorführungsstätten nicht vergessen werden sollten, wies Staatssekretär Dr. Henry Hasenpflug auf das Förderprogramm für sächsische Programmkinos hin. Um sie in den nächsten zwei Jahren bei der Digital-Umrüstung zu unterstützen, stehen insgesamt 400.000 Euro zur Verfügung. Ein wichtiger Schritt in Richtung Modernisierung, der auch beim Publikum der Preisverleihung erfreutes Gemurmel hervorruft.


Die Kurzfilme gehen auf Tour

Und dann ist das Festival auch schon wieder fast zu Ende – aber eben noch nicht ganz. Nach der Preisverleihung folgten eine rasante Party und schließlich die ausklingenden Vorstellungen am Sonntag. Unter dem Motto „Expedition Kurzfilm“ geht im Anschluss an das Festival ein Kurzfilmprogramm auf Nachspieltournee. In zehn deutschen Städten sollen auf diese Weise die Preisträgerfilme einem Publikum jenseits des Festivals mit seinen diesjährigen 16.500 Besuchern zugänglich gemacht werden. Und im Sommer folgt eine Open Air Tour – eine mit den Filmemachern gemeinsame Gastspielreise unter freiem Himmel.


Eine detaillierte Übersicht der Preisträger des 23. Filmfests Dresden finden HIER.

Christine Arnsmeyer u. Raphaela Helbig

Filmfest Dresden 2011: Am Ende...

Wenn alles vorbei ist...

Am Ende bleibt oft nichts oder eben nur Unerwünschtes, auch bei vielen Kurzfilmen in Dresden. Drei Animationsstücke, sozialkritische Kommentare zu den Themen Fehlentwicklung, Zerstörung – oder Weltuntergang.

Im lettische „Norit Krupi“ (übersetzt: Kröten schlucken) von Jurgis Krason gliedert sich die Bevölkerung einer Stadt in die rundköpfigen Intellektuellen und die eckköpfigen Realisten. Der Film startet mit einer schockierenden Szene: Der Sohn einer der intellektuellen Familien stürzt kreischend ins Wohnzimmer und wälzt sich auf dem Boden. Er zeigt seinen Eltern die rechte Gesichtshälfte, auf der anstelle des Ohres ein riesiges, blutendes Loch klafft. Die Quadratköpfe haben es ihm abgerissen. Was tun? Zur Polizei gehen? Selbst zurückschlagen? Für die Eltern ist die Lösung mit dem geringsten Aufwand eindeutig die beste. Ein fehlendes Ohr, was macht das schon? Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass es ein Mittel gibt, das den Schmerz vergessen lässt. Der Vater läuft zum Arzneischrank und holt dem Sohn eine Kröte, die er nur schlucken muss.



Nun kann der Sohn lachend seinen Peinigern, den eckköpfigen Realisten gegenüber treten. Denn er weiß, dass er vermeintlich schlauer ist: Für Schmerzen, egal ob physischer oder psychischer Art, hat er das perfekte Heilmittel: schleimige, grüne, dicke Kröten, die er nur hinunterwürgen muss. Die Lösung scheint perfekt zu sein. Es ist eine Win-win-Situation: Die Peiniger können weiter ihren Spaß haben und die Gepeinigten empfinden es nicht als Schmerz. Doch wie es so oft im wahren Leben ist: Das Gleichgewicht bleibt nicht lange ausgewogen. Die Peiniger fangen an, das Krötenschlucken zu unterstützen, um ihre eigenen Interessen besser umsetzen zu können. Das ist der Anfang vom Ende. Wer hat Schuld? Die Intellektuellen, die sich nicht wehrten? Die Eckköpfe, die provozierten?

„Norit Krupi“ funktioniert komplett ohne Dialoge. Allein die Bilder reichen aus, um Gewalt, Teilnahmslosigkeit, Passivität und Angepasstheit sarkastisch darzustellen. Biedermann und die Brandstifter lassen grüßen …



Auch in dem halbanimierten „Pixels“ von Patrick Jean enstpringt das Unheil dem Eckigen: Ein alter Fernseher explodiert und setzt eine Horde pixeliger Ufos frei, die das „echte“ New York bombardieren. Alles was sie treffen wird zu einem Pixelhaufen. Pacman frisst die U-Bahnstationen auf und mit den Hochhäusern wird Tetris gespielt. Doch das reicht noch nicht: Eine tickende Pixelbombe explodiert und verwandelt alles in riesige Bildquadrate. Bis zum bitteren Ende. Ist das eine medienkritische Warnung? Können wir den gestarteten Prozess der Technisierung nicht mehr stoppen, den Einbruch des Virtuellen in das Reale? Oder will der Regisseur nur eine nette, aufwendig umgesetzte Fantasie präsentieren, die beim Publikum mit seiner Kombination von analog-fotografischen Aufnahmen und „digitaler“ Invasion und Zerstörung auf jeden Fall zu Lachern und Begeisterung führt(e)?

Die Warnung, die Max Hattler mit „Spin“ ausspricht ist hingegen klar, aber ebenso wohlbekannt: Krieg führt nur zu Tod, wie harmonisch und schön er auch immer aussehen mag. In dem vier-minütigen Animationsfilm tanzen Plastiksoldaten synchron im leeren schwarzen Raum zu Tanzmusik aus den 1930ern, Musik, die zum Mitwippen anregt, zu der die Füße nicht stillstehen können. Und nach einigen schönen Formationen fangen die Soldaten mit dem Krieg an.

Die Tanzmusik unterlegt nun nicht mehr ihre Formationen, sondern das gegenseitige Erschießen der Krieger. Zusätzlich wird auf brutale Computerspielewelten hingedeutet: Ein Soldat, der einen anderen tötete, springt wie im Computerspiel „Super Mario“ über ihn.

Weltuntergangsfilme warnen oft vor zu viel Technisierung, zu viel Gewalt, vor zu wenig verantwortungsbewusstem Handeln in dieser Welt. Ich würde mir jedoch mal etwas Neues wünschen, etwas Konkreteres und Weiterführendes, beispielsweise Handlungs- und Änderungsempfehlungen.

Immerhin, Jurgis Krasonans allegorischer „Norit Krupi“ verweist darauf, dass eine Lösung nicht so einfach ist (wie hätten die rundköpfigen Intellektuellen anders handeln sollen)? Jeder Weg hat Vor- und Nachteile, zu wenig Gewalt kann sogar ähnlich schlecht sein wie zu viel. Warum allerdings widmen sich eigentlich so wenig Filme der Grandwanderung zwischen diesem „zu viel“ und dem „zu wenig“?


Christine Arnsmeyer

Filmfest Dresden 2011: Aufklärung, Pornos, Gefühllosigkeit


Jugendliche und Sexualität

Der Blick auf den jugendlichen Umgang mit der Sexualität kennt viele Perspektiven. Und Hand aufs Herz: Welcher Vater oder welche Mutter erklärt den eigenen Kindern locker-flockig aus dem Bauch heraus, wie das so ist mit dem Kinderkriegen und so? Die Kinder haben mit dem Thema hingegen oftmals viel weniger Probleme. Sie können es leicht in ihre fantasievolle Kinderwelt mit aufnehmen. Was, aus Erwachsenensicht, zu lustigen oder auch beschämenden Situationen führen kann.

So eine witzige Konstellation entsteht auch in „That thing you drew“ von Kerri Davenport-Burton. Ein schwerhöriges Grundschulmädchen entdeckt eine Taktik, wie es den ernsten Themen der Erwachsenenwelt entfliehen kann: Einfach Hörgerät leiser drehen und in die eigene Welt abtauchen. Es ist eine Welt der Bilder. Bunte Graffitis finden sich zum Beispiel an den Wänden unter einer dreckigen Zugbrücke. Wer nach neuen Motiven zum Malen sucht, findet dort ein wahres Paradies. Das akkurat gekleidete Mädchen mit den polierten Mädchenschuhen und ordentlichen Söckchen findet vor allem an einem Symbol Gefallen. Prüfend mustert sie es, dann verziehen sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln: Es gefällt ihr. Der Zuschauer erkennt im Gegensatz zu ihr den Penis sofort.

Weil dieses Symbol überall in der Stadt auf den Wänden wiederkehrt, muss es etwas Besonderes sein. Aus diesem Grund beschließt sie das besagte Symbol in ihre Zeichnungen im Kunstunterricht aufzunehmen Dadurch kommt es bei Lehrer und Eltern zu Empörung und Streit. Kerri Davenport-Burtons Film gewährt dem Zuschauer Einblicke in die fantasievolle Welt des Mädchens. Dort gibt es nur angenehme Geräusche, wie den musikähnlichen Klang eines über die Brücke fahrenden Zuges. Die Idee den Zugang zur Erwachsenenwelt über den Lautstärkeregler des Hörgeräts darzustellen, ist gelungen umgesetzt.



Konträr zu den Erwachsenen in „That thing you drew“ verhält sich die Mutter im Film „Viki Ficki” von Natalie Spinell. In der Schule denken Lehrer und Mitschüler, Vikis Mutter arbeite als Krankenschwester. Damit liegen sie nicht ganz richtig. In einer Szene steht sie mit dem Arzt zwischen zwei Krankenbetten und kümmert sich um die Patientinnen - sehr intensiv sogar! Ein Kameraschwenk zeigt das bisher verborgene: eine filmende Kamera. Denn Vikis Mama ist gerade am Set beim Dreh eines Pornos. Ihre Tochter hat sie mitgenommen, sie soll in der Zeit ihre Hausaufgaben machen. So locker sieht das jedoch nicht jeder. Ein Klassenkamerad beschimpft Viki, wegen der aufreizenden Kleidung ihrer Mutter. Viki antwortet darauf mit einer Prügelei. Trotz der Gefahr der Ausgrenzung stellt sich Viki auf die Seite ihrer Mutter, wodurch sie den Wert der Familiensolidarität lebt. Nach einer Aussprache mit den Eltern, oder vielmehr einer Feststellung der Positionen, formuliert Viki ein Schlichtungsangebot. Ob das funktioniert? Der Film hält so manchen Lacher bereit und behandelt mit Witz, Leichtigkeit und Verstand ein Tabuthema der Gesellschaft. Ein sehenswerter Film.

Zoe in Stefan Lengauers gleichnamigen Film ist hingegen schon etwas älter als die anderen beiden Mädchen und scheint sich von nichts beeindrucken zu lassen. Sie steht alleine in einer Diskothek und hat ihre Kopfhörer auf, als sie ein junger Mann anspricht. Ohne lange zu überlegen geht sie mit zu ihm. Der Geschlechtsverkehr bereitet offensichtlich nur dem jungen Mann Spaß. Zoe verlässt schnell das Bett mit dem schlafenden Mann und entdeckt in der Küche Geld, das sie einsteckt, ehe sie abhaut. Die Schauspielerin Jamila Saab bietet mit einem ausdruckslosen Gesicht eine gelangweilte Zoe, die ziellos spontane sexuell orientierte Handlungen vollzieht. Der Film zeigt einen scheinbar willkürlich gewählten Lebensausschnitt, der von Gefühlskälte nur so strotzt. Diese Herzlosigkeit wird passend von der fehlenden Filmmusik unterstrichen.


Christine Arnsmeyer

Filmfest Dresden 2011: Kino unterwegs...


A wall is a screen

Dauernieselregen bringt routinierte Kinoliebhaber normalerweise nicht aus der Ruhe. Im dunklen Kinosaal ist immer ein gleichbleibendes Niveau von Bequemlichkeit gewährleistet: Er sitzt ja im Polsterstuhl und hat ein Dach über dem Kopf. Und genau das haben die Teilnehmer des heutigen Stadtrundgangs nicht. Ausgerüstet mit tragbarem Generator, Beamer, Laptop und Lautsprechern sowie zwei Trollywagen mit Bierkisten wird die Gruppe „A Wall is a Screen“ heute verschiedene Hauswände der Neustadt bespielen. „Bei uns interagieren die Filme mit dem was drum herum ist“, erklärt Peter Stein das Erfolgskonzept.

Über einem Kantineneingang: Ein totes Huhn verselbstständigt sich nach Elektroschocks und zahlt daraufhin seinem Peiniger die Schmach heim. In einem der für die Neustadt charakteristischen Dresdner Hinterhöfen: Der gleichzeitige Einblick in vier Zimmer verbildlicht die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Nachbarn ...

Derzeit verfügt die Gruppe über ein Repertoire von 800 Filmen, aus denen sie dann den jeweils passenden für die jeweilige Umgebung und Hauswand aussucht. „Und jedes Jahr machen wir dann eine Abrechnung mit den Filmemachern oder deren Vertrieblern“, betont Peter Stein, selbst Filmemacher, „insofern ist das alles legal, wir melden ja auch die Strecke an.“ Er führt die Zuschauer mit Megafon von einer Station zur nächsten und freut sich „mit so vielen Leuten durch die Stadt zu ziehen“. Über Asphalt, Matsch, Kopfsteinpflaster und durch Pfützen... Der Regen hat aufgehört. Ein kleiner Wehrmutstropfen für‘s internationale Publikum sind die Ansagen, die fast ausschließlich auf Deutsch gemacht werden. Da bleibt nur das Warten auf den nächsten Film, der hoffentlich ohne Sprache auskommt und stark genug motiviert zum nächsten Vorführung zu wandern.

Zu der seit acht Jahren bestehenden Gruppe zählen sechs Mitglieder. Die Idee begann damals im Rahmen des Hamburger Kurzfilmfestivals. Die eigentlich nur einmalig geplante Technikveranstaltung wurde im internen Kreis im Vorfeld belächelt. Doch dann wurde sie schlagartig zum meist besuchten Event. Die Hamburger Festivalleitung zog auf diesem plötzlichen Erfolg die Konsequenz: dass die Techniker diese Veranstaltung nochmal wiederholen MÜSSEN. Seitdem ist die Gruppe europaweit gefragt.

In Dresden wirken Peter Stein, Sarah Adam und Sven Schwarz bei dem, was sie tun, sicher: Generator anschmeißen, Geräte verkabeln Beamer mit dem Ziel einer geringen Bildverzerrung ausrichten, Ton auspegeln … „Wir konnten gestern wegen des schlechten Wetters keinen Probelauf an den Wänden machen, das ist also heute eine Premiere“, sagt Sarah Adam. „Mindestens drei aus unserem Team müssen bei einer Veranstaltung die Schlüsselaufgaben übernehmen – alles andere kann man anleiten.“ Die Helfer in gelben Warnwesten bauen blitzschnell die Ausstattung ab und am nächsten Projektionsort auf. Die Menge geht mit den Filmen mit, unterhält sich darüber und neugierige Passanten gesellen sich zum Menschenzug. Sven Schwarz charakterisiert das Kulturangebot: „Ohne Eintritt, jeder soll kommen. Es ist ein Gegenentwurf zur Kommerzialisierung.“



Nun hält die Menge vor einer durchgehend mit bunten Flächen angemalten Hausseitenmauer ohne Fenster. „Der folgende Film funktioniert nur auf dieser Wand“, kündigt Sarah Adam an. Und schon entstehen Köpfe, die in neue Kopfformen übergehen. Die dargestellten Teile variieren von harmonisch bis aggressiv - allesamt mit einfacher Linienführung, genau wie die Trennlinien der Farbflächen auf der Mauer, auf der die bewegten Bilder erscheinen. Die Wand erwacht tatsächlich zum Leben.

„Das hat richtig Spaß gemacht“, resümiert Sven. Auch dem Wanderpublikum hat’s gefallen. „Beeindruckend!“ Mit den 400 Besuchern hatte selbst die Filmfestleitung nicht gerechnet. Die Menschen verlassen mit Applaus und strahlenden Augen den letzten Screening-Ort und erzählen verspätet eintreffenden Freunden, was sie da gerade verpasst haben. Mit dieser Mund-zu-Mund-Propaganda auf der Straße erfreut sich das Filmfest wirksamer Werbung. Für die Zuspätkommer bleibt nur noch der Hinweis, dass im Kino im Rahmen des Festivals Kurzfilme zu sehen sind - aber eben ohne Stadtrundgang, Gespräche in der Menge und „nur“ auf der weißen ebenen Leinwand.


Text u. Fotos: Raphaela Helbig

Filmfest Dresden 2011: Zusammen einsam im Nationalen Wettbewerb

"Niemand weiß, wie lange so eine Verbiesterung andauert" analysiert der Kleine seine getrennten Eltern - reifer als es von einem Kind erwartet wird. Was ist, wenn ich mich auf einmal alleine um meine Eltern kümmern muss und nicht meine Eltern um mich? Oder was, wenn ich auf einmal der Letzte bin, weil ich aus Versehen die Welt zerstörte? Der erste Teil der auserlesenen Kurzfilme im Nationalen Wettbewerb vereint Filme, die sich mit „Einsam sein“ und „Einsam werden“ beschäftigen.



Anthony Vardoux' „Yuri Lennon’s landing on Alpha 46“ macht den Auftakt. Yuri Lennon landet auf einem der Jupitermonde, um die Quelle von auf der Erde empfangenen Signalen ausfindig zu machen. Der erste Abschnitt enthält eine einzige Einstellung, die das Minenspiel des Raumfahrers hinter dem transparenten Visier erkennen lässt, auf dem sich mal mehr, mal weniger deutlich der Bildschirm spiegelt. Scherzend geht der Astronaut den Anweisungen nach, die er von seinem weit entfernten Team auf der Erde erhält. Doch dann wendet sich das Blatt: Auf einmal ist er es, der die Verantwortung in der Hand hält: Die ganze Welt in seiner Hand. Seine Erklärungsversuche über Funk scheitern am Unverständnis seines Teams. Das Publikum hält den Atem an. Plötzlich ist es vorbei, keine Welt, kein Team zum Blödeln und keine Zukunft. Stille! Allein sein. Anthony Vardoux baut einen mitreisenden Spannungsbogen auf, dessen Wendepunkt erreicht ist, sobald Astronaut Lennon die Verantwortung in der Hand hält. Er scheitert und wird einsam.

Ähnlich ergeht es dem gutmütigen Rentner Wolfgang in „Betten-Seifert ist tot“ von Thomas Krauslach, der sich um seine nörgelnde, kranke Frau kümmert und ihr ausnahmslos jeden Wunsch erfüllt. Gefangen in einer Welt, die durch die Krankheit bestimmt ist, schafft er sich Freiräume: Die überhitzte Wohnung verwandelt er mit einem Pflanzenbestäuber für ein paar Minuten in einen Dschungel. Diese ausdrucksstarken Szenen, die Ausschnitte aus dem alltäglichen Leben des Ehepaares zeigen, erwecken ein Schmunzeln im Publikum. Da stört es auch gar nicht, dass die Schauspieler Klaus Manchnen und Astrid Polak etwas aufgesetzt und theatralisch sprechen. Im Gegenteil, es passt zu der einfachen Welt des alten Ehepaares. Doch dann geht es Wolfgangs Allerliebster schlechter. Ein Krankenhausbesuch kommt für sie nicht in Frage und so bekommt Wolfgang - wie zuvor Yuri - eine ordentliche Portion Verantwortung aufgeladen. Den letzten Wunsch der Ehefrau erfüllen oder lieber gegen die Einsamkeit kämpfen und den lebensrettenden Notruf tätigen? Er bleibt ihr treu und wird einsam.



Und bei dem Kleinen in dem Animationsfilm „Der Kleine und das Biest“ von Johannes Weiland und Uwe Heidschötter? Der weiß in seiner kindlichen Reife, dass es sehr lange dauert bis diese Verbiesterung zu Ende ist. Ein Biest als Mutter zu haben ist anstrengend, man kann nicht ordentlich mit ihm spielen, es blamiert einen und es schubst einen nachts aus dem Bett. Die Situationen sind treffend, humorvoll und kurzweilig dargestellt. Doch mit seiner kindlichen Sorglosigkeit meistert der Kleine die einsame Phase, in der er viel Verantwortung trägt, gelassen. Nach langer Zeit ist es einfach vorbei. Die grimmige Mutterfigur mit Hörnern verwandelt sich in eine junge menschliche Mutter mit Kleid und Eigeninitiative.

Manchmal jedoch spielt das Leben ganz anders. So auch in „Uwe+Uwe“ von Lena Liberta. Der griesgrämige LKW-Fahrer Uwe, gespielt von einem überzeugenden Samuel Weiss, darf plötzlich nicht mehr alleine sein. Uwe weist jeden, der ihm in die Quere kommt, mit seiner verletzenden Ehrlichkeit von sich. Doch nicht jeder lässt sich davon abschrecken. In kurzen knackigen Szenen erzählt der Kurzfilm, wie Uwe zum Helfen gezwungen wird. Dadurch bekommt er schließlich das, wovon er gar nicht wusste, dass er es sich wünscht: Gesellschaft, Freunde und sogar eine Familie. Ein dynamischer Film, der beim Kurzfilmpublikum für viele Lacher sorgte.

Was ist also wenn ich plötzlich einsam werde? Diese Frage mussten sich die Kinozuschauer im gut besuchten Lang-Saal der Dresdner Schauburg nicht stellen. Ein engagierter Moderator führte durch das Programm und Saalbetreuer kümmerten sich darum, die Abstimmungskärtchen für den Publikumspreis unter das Volk zu bringen. Diese Prämierung ist mit 2.000 Euro dotiert und wird Samstag verliehen. Wir sind gespannt auf das Ergebnis, denn schon der erste Teil des Nationalen Wettbewerbs zeigte, dass die Wahl nicht leicht werden wird.

Christine Arnsmeyer

Start des Filmfest Dresden 2011


Auf dem internationale Kurzfilmfestival heißt es „Film ab - Klappe die 23.“

Wenn der gelbe Teppich ausgerollt wird, dann wird in der Dresdner Neustadt der kleine Film ganz groß beim sechstägigen Internationalen Kurzfilmfestival 2011.

Dresden, 12. April 2011, 19 Uhr: In der Schauburg schiebt sich die Menge langsam über den frisch ausgelegten gelben Boden in Richtung des großen Kinosaals in der oberen Etage. Das Licht geht aus, ein Kurzfilm flackert über die Leinwand. Spot an. Durch die zweistündige Eröffnungsveranstaltung führt der Moderator souverän, wenn auch mit großem DIN-A4-Spickzettel.


Zahlen und Fakten

Die Organisationsspitze des 23. Filmfest Dresden ist deutlich weiblich dominiert: gleich drei Leitungsdamen stehen dem Moderator Rede und Antwort. Wie es sich gehört, wird den über sechzig Förderern, der Stadt Dresden, den Teilnehmern und den Mitarbeiter gehuldigt. Mit Preisen im Wert von 63.000 Euro gehört das Kurzfilmfestival zu einem der höchstdotierten in Europa - vielleicht hat sich das rumgesprochen: Dieses Jahr bekam das Filmfest mit 2.555 Beiträgen so viele Einsendungen wie noch nie, davon 1639 aus dem Ausland. Nach einem monatelangen Sichtungsmarathon hat das Auswahlkommitee rund 300 Filme ins Programm aufgenommen. Im internationalen und nationalen Wettbewerb konkurrieren 76 Filme. Insgesamt sieben Jurys verfügen über die Goldenen Reiter und die damit verbundenen Preisgelder. Anders als im letzten Jahr gibt es wieder jugendlichen Wind im Preisgericht – gleich zwei Jugendjurys wurden auf den nationalen bzw. internationalen Wettbewerb angesetzt.

Es gibt was zu feiern

Damit die Filmhungrigen während der Eröffnungsveranstaltung nicht vom Fleisch fallen, gibt’s zwischendrin immer wieder einen Dosis ausgewählter Kurzfilm aus dem Wettbewerb sowie den 28 Sonderprogrammen. Diese Einspieler bieten gemäß Katrin Küchler von der Festivalleitung „einen kleinen Vorgeschmack auf all das, was die Besucher sechs Tage und fünf Nächte lang in den Festivalkinos erwartet.“

Neu sind beispielsweise drei Veranstaltungsteile zum Thema „Fotofilm“.
Jubilieren können dieses Jahr zwei Veranstaltungen, die sich über mehrere Jahre im Festivalprogramm gehalten haben: Zum einen feiert „Focus Quebec“ sein fünfjähriges Bestehen; hier werden die Festivalbesucher mit den aktuellen Filme aus der französischsprachigen Provinz Kanadas versorgt. Zum anderen begeht das Austauschforum „Perspektiven für jungen Animationsfilm“ seinen zehnjährigen Geburtstag. In diesem Projekt, das parallel und im Rahmen des Festivals stattfindet, treffen in diesem Jubiläumsjahr 40 Drehbuchautoren, Produzenten und Filmemacher aus insgesamt 16 Ländern zusammen. Sie alle sind Vertreter der Teilnehmer von den bisherigen Austauschforumsjahrgängen und werden an Workshops teilnehmen und selbst Initiative für gemeinsame Projekte ergreifen, die mit einem Förderpreis belohnt wird.

In erster Linie, so betonen die Organisatoren, sei das Festival für das regionale und angereiste Publikum und erst in zweiter Linie für Leute vom Fach gedacht. Bevor am Samstag das Tanzbein auf der Festivalparty geschwungen wird, werden die Preisträger in einer Zeremonie bekannt gegeben. Mit den gekürten Filmen auf der Leinwand wird das Festival am Sonntag ausklingen. Doch bis dahin, werden noch viele Füße über die gelben Teppiche der Neustadt den Weg ins Kino finden.

Raphaela Helbig

MOP 2011: Kurzfilmhighlights


Prämiert wurde in Saarbrücken beim 32. Filmfestival Max Ophüls Preis York-Fabian Raabes ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE, doch – sorry – der beste war er unter den Kurzfilmen nicht wirklich. In 15 Minuten erzählt der Film von zwei Flüchtlingen, zwei Brüdern, die im Bauch eines Flugzeuges die heimliche Flucht in ein besseres Leben planen, doch nur einer hat sich für den gefährlichen Trip bzw. die Eiseskälte vorbereitet. Parallel dazu wird in die Vorgeschichte in einem sonnigen Township an der Elfenbeinküste geblendet. Leider passen die beiden Hälften des ansonsten und gerade in den Afrikaszenen toll gedrehten Films nicht so recht zusammen, etwas Konfuses haftet ihm bei aller, auch symbolischer, Stärke, an.

Dass nun andere Filme besser waren, heißt allerdings wenig, insofern es wie beim Langfilmwettbewerb ein unglaublich starkes Kurzfilmschualaufen an der Saar war.

Ein paar Ausblicke:

Natürlich: ARMADINGEN. Eine lobende Erwähnung gab es für witzigen Film von Philipp Käßbohrer – ein weiteres Zeichen dafür, dass die Jury wenig entscheidungsfreudig, aber mit wachem Sinn ihren Job getan hat.

Bauer Walter (Gernot Hertel) lebt mit Frau Helga (Karin Graf) auf dem kleinen Hof, und beide sind sie – ja, sagen wir’s wie es ist: alt, dick und rund geworden über die Jahre. Grummelig auch. Sie leben nebeneinander dahin; oftmals ist das Ächzen, Keuchen und Schnaufen, wenn sie Treppen steigen, sich in Sessel fallen lassen oder vom Stuhl erheben, das einzig „Kommunikative“ in der Partnerschaft, in der jeder seinen Platz, seine Aufgaben hat. Doch dann erfährt Walter auf der Weide über das Radio, dass ein Komet auf die Erde zurast. Die Rettungsmission der NASA ist gescheitert, noch einen Tag hat der Planet oder wenigstens die Menschheit. Tschüs dann.



Hektik ist nun Walters Sache nicht, doch immerhin will er seiner Frau noch einen letzten schönen Tag bereiten. Das gerät so linkisch wie rührend, vor allem überaus leise-komisch, denn Walter bemüht sich, Helga im Unklaren zu lassen, was da draußen vor sich geht, wofür er sich so einiges Einfallen lässt. Helga macht es ihrem Mann dabei nicht leicht, denn: Den vorsichtigen Bruch der Routine, der in einem Spontangrillen samt Platzregen endet, hält sie für die Vorboten einer Ehekrise. Es IST doch was mit dir! Zuletzt – und dafür muss ich SPOILERN!!!!!!, ein bisschen aber nur, tut auch nicht weh – kommt es ganz anders: In Erwartung des Endes legt sich Walter zur schlafenden Gattin, sieht sie nochmal an wie wohl seit Jahrzehnten nicht – als Zuschauer kann man da schon seinen Kloß im Hals haben –, ehe er einschläft. Doch die Verwüstung aus dem All trifft des Nachts nicht metaphorisch und grandios-witzig in seiner Dramatik ein Spielzeugeisenbahndorf, das als Weltmodell herhält, sondern ist nur Walters Traum. Er wacht auf, alles ist heil, und im Fernsehen erfährt er: Die Welt wurde doch gerettet – von Bruce Willis als Harry Stamper, so wie wir es in Michael Bays ARMAGEDDON (USA 1998) miterlebt haben.

Kurz: ARMADINGEN ist die Parallelhandlung zu ARMAGEDDON, das, was sich klein und unbemerkt im Hintergrund oder an der Seitenlinie oder eigentlich ganz woanders abspielt, während wir den großen Heldenabenteuern folgen. Allein diese Grundidee ist schlicht genial und schreit nach Fortsetzungen. Doch ob nun ein Biologielehrer im Allgäu den Kindern mühsam die Bläulinge aus AVATAR erklärt oder ein Pit-Stop-Mechaniker aus Lüdenscheid den TERMINATOR zu reparieren hat (nur die Geschichte vom Film-Nerd, der David Lynch entführt, gibt es leider schon, und zwar HIER): so lange das nur mit halb soviel herzenswarmen wie urkomischen Witz geschieht wird wie ARMADINGEN ist die Welt in Ordnung.

Keine große Erzählung, sondern eine Kurzgeschichte im besten Sinne, ein Ausschnitt aus dem Geschehen, der Wirklichkeit, ist MAK (CH 2010) von Géraldine Zosso. Fast zu schön oder aber zu gut ist der 18-Minüter gedreht, und er berührt ungemein, seltsam intensiv, vielleicht weil er keine ausgeklügelte Story hat, keine Pointe, sondern nur zeigen, nichts erzählen will. Wie sehr dieser leichte und doch zugleich tiefe Film ganz Erleben und einfach für sich ist, zeigt sich, wenn man ihn „gegen“ das Programmheft hält. Dort steht:

Ilinka ist 14 Jahre als. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tante hat sie vor einem Jahr ihre Heimat in Moldawien verlassen und ist in die Schweiz gegangen. Ilinka hat vor kurzem ein Kind geboren, aber die momentane Situation der drei Frauen ist schwer mit einem Neugeborenen zu vereinbaren. Ilinkas Mutter hat von einer Box gehört, in welche Babys gelegt werden können. Ein Abschied?

Ja, so kann man Filme kaputt erklären und beschreiben. Hier allerdings nicht, dazu ist MAK zu stark und eigenständig. Und dumm jetzt, dass ich Ihnen das zugemutet habe. Aber: Dass Ilinka 14 ist, sieht man weder (Roxanna Delacroix in der Rolle mutet eher an wie 17, 18), noch spielt es eine Rolle. Dass und wann sie aus Moldawien gekommen ist, ist ebenso schnuppe, und die Tante hielt der Schreiber dieser Zeilen eigentlich für ihre Schwester. Tatsächlich sind Ilinka und ihre Mutter und Schwester (!) Illegale in der Schweiz; die junge Frau hat ein Baby, das soll weggeben werden. Geheimhaltung also, und die Frau Mama ist unwirsch, aber das ist verständlich: Ilinka soll sich nicht zu sehr ans Neugeborene gewöhnen; noch kann sie auch nicht recht mit dem Kleinen umgehen. Doch als sie mit Mama auf dem Weg ist, aus dem Bus aussteigen soll, bleibt Ilinka mit dem Kind zurück – winkend läuft die Mutter nebenher.



Einen Tag verbringt die junge mittellose Frau mit dem Winzling, es passiert nicht viel und genau deshalb: alles. Von Anfang bis zum Ende besteht MAK aus Stimmung, aus Zwischentönen, aus lauter Geschichten hinter dem offensichtlichen und unspektakulären Geschehen. Es ist fast schon ein Affront, diese Beiläufigkeit, und MAK ein sehr ernster, aber nicht schwerer Film, in dem Spiel und Buch, Kamera und das warme zärtliche tongenaue Licht genau abgestimmt sind. Das Ergebnis ist ein ungeheuerlich alltäglicher Ausschnitt aus einem Dasein, wie man es selten sieht und das einem arg und unaufdringlich zu Herzen geht.


Ganz anders und doch ähnlich, zumindest in der Souveränität der Inszenierung, der Ästhetik, ist RAJU (D 2010) von Max Zähle. RAJU ist keine Momentaufnahme, sondern ein kleiner Spielfilm, ausgeklügelt, genau komponiert, man merkt, wie die Geschichte von vorne bis hinten zum Langfilm strebt – auch wenn sie nicht so angelegt ist, sich dahingehend aufspielt. Aber das Potential, die Kraft hat der kurze Lange, auch seine Darsteller: Wotan Wilke Möhring und Julia Richter spielen die Hauptrollen, und gerade bei Möhring fragt man sich einmal mehr, wann der Mann so groß rauskommt, wie es ihm gebührt.



Möhring und Richter spielen ein deutsches Paar, das nach Kalkutta reist. Die Stadt wird ausgestellt, und zwar genau richtig, nicht allzu exotisch, nicht zu sozial-depressiv. Die beiden sind mehr als „nur“ Tourist und wenig genug um nicht „Besucher“ zu sein; der Kamerablick, den Zähle auf diesen schwülen Moloch wirft, in dem sich die Zeiten mehr zu vermischen scheinen als in den großen Metropolen Mumbai oder Delhi, ist dahingehend unglaublich authentisch in dieser halben unwohlen Distanz. Jan und Sarah (zwei typische Filmhochschülerfigurennamen) staunen mit großen Augen, aber sie kommen für einen bestimmten Zweck: In einem Waisenhaus (Stichwort: Mutter Theresa) holen sie sich ihren Nachwuchs ab, den sie selbst nicht in die Welt setzen können: den kleinen, titelgebenden Raju, ein süßer, dank Silberblick aber gottlob nicht allzu zu süßer Bub. Dann: Sarah bleibt im Hotel, macht einen Schwangerschaftstest. Schon denkt der phantasiebegabte Rezensent und Möchtegern-Drehbuchautor in spe: Schwanger ist sie, die Deutsche, jetzt doch, Gottes Hand hat schicksalsmächtig in ihren Uterus gefingert und da zur Unzeit die Wünsche der Wunscheltern war gemacht, jetzt haben sie den kleinen Bengel am Halb. Von wegen!: RAJU nimmt eine andere Wendung, denn Jan kommt der neue Sprössling, dem in Deutschland ein besseres Leben droht, von einer auf die andere Sekunde abhanden. Was dann folgt ist schönste, kleine und auch hier ganz unspektakuläre Thriller-Drama-Kunst, von der leider leider nun wirklich nicht verraten sei. Aber – Obacht! Dreifacher Floskelalarm –: “““Jan entdeckt ein finsteres Geheimnis“““ . Aber Ironie beiseite: RAJU weiß zu packen, sein dramatisches Potential mustergültig zu nutzen, ohne es zu strapazieren und liefert ein kluges, ein wenig auch überraschendes Ende, an dem mananknüpfen kann – und es als Zuschauer wirklich gerne täte.

AUF WIEDERSEHEN PAPA (D 2010) ist kein Plottwist-Film, schlägt jedoch so einige Haken, die einem nicht von selbigem lassen.
Ok, das war jetzt wirklich gar zu wüst, also noch mal:
Sandra Nedeleff präsentiert mit AUF WIEDERSEHEN PAPA (D 2010) eine finten- oder eher wendungsreiche Geschichte, die von ihrer kleinen großäugigen Hauptdarstellerin Lucy Ella von Scheelen (leider kein Name, wie ihn sich Filmhochschüler gerne auszudenken belieben) erstaunlich mühelos getragen wird. Ein Familiendrama, mutmaßt man seufzend, als über der 6-jährigen Charlie die Notenblätter und sonstige Utensilien ihres Vaters herabregnen, während sie mit ihrer Freundin im Vorgarten spielt. Denn Mama schmeißt Papa aus dem Haus, er hat eine andere – eine Neue. Versteht Charlie natürlich nicht so recht, schon gar nicht nach den Halb- oder Gar-Nicht-Erklär-Versuchen der Erwachsenen. Papa zieht aus, wird von Mama gehasst, liebt aber Charlie. Mama ist tief verwundet und erklärt ihrer Charlie abends im Bett, inspiriert und entlang der Geschichte von Schneewittchen, dass Papa von einer bösen Zauberin verhext sei. Was so genial Mamas Seelenzustand beschreibt und ein Handlungsgeschehen in Gang setzt, eine Konstellation auftut, wie sie sich Sophokles gewünscht, nicht aber hat träumen lassen. Man sieht den alten Griechen, zusammen mit Shakespeare, begeistert auf und ab hüpfend, tanzend, hätten sie solche modernen Familienverhältnisse als dramatische, tragödische Verfügungsmasse vor sich gehabt. Denn Charlie nimmt die Mama ein bisschen zu ernst.



Es ist aber gar nicht mal das clevere Drehbuch, das bewundernswert mühelos zwischen Ehedrama, Kindermär und, ja nun, kleinem Husarenstück in Sachen Suspense changiert, sondern der Umstand, dass und wie AUF WIEDERSEHEN PAPA diese Qualität erstaunlich stabil in der Kinderperspektive hält und dem Zuschauer gerade vermittels dieser Perspektive (und also darüber hinaus) einen tragischen und lustvoll perfiden anteilnahmsvollen Blick überhaupt erst ermöglicht.

Schließlich: ANNA (D 2010). Von Ugur Kurkut, mit Sybille Prätsch und Max Woelky, vor allem aber mit: Sybille Prätsch. Dummerweise habe ich just die Aufzeichnung von der „Befragung“ des Filmgesprächs in Lolas Bistro, den traditionellen After-Hour-Talks des Festivals in der SR-Mediathek gefunden. Das Gespräch geht praktisch doppelt so lange wie der Film selbst und nimmt mir einige schöne Einlassungen weg, zerredet diesen kleinen lustvoll sinisteren Film freilich auch. Sehenswert ist das allemal: Moderator Oliver Hottong befragt Kurkut, hat das Gefühl „dass der Film ihm Böses wolle“. Zuvor noch – nicht ganz so vortrefflich formuliert: „Würdet ihr mir zustimmen wenn ich sage, dieses ist im Wortsinne eine böser Film?“ – Schweigen, dann, Kurkut: „Was meinst du demn mit böse?“ Antwort: (…) „Der macht mir was Böses.“ Phantastisch! Noch besser Kurkuts Antwort: „Dann ist er gelungen“. Spricht’s und lacht freundlich.

Allerdings: Wie dereinst Sofia Coppola bei LOST IN TRANSLATION (ok, auch wieder so ein wüster Vergleich; wobei Frau Prätsch durchaus äußerlich etwas von Frau Coppola hat, aber von Frau Prätsch schwärme ich unten noch mehr) wissen Regisseur und die beiden, die einzigen Darsteller sich den klugscheißenden Fragen Hottongs („Staffelhölzchen der Identifikationsfigur“, „… schauspielerisch gaaanz wichtiger Moment“) auf einnehmende Weise nicht zu wehren, ihrem eigenen Film nur hinterher zu reden, derweil dieser kleine, gemeine Lump ein Eigenleben ganz für sich beansprucht. Hätte ANNA neben dem Moderator mit am Tisch gesessen, er hätte den eloquenten, souveränen Glatzkopf längst gefressen, mit Haut und – na ja – Haaren. Und gerülpst.

Durchaus, ANNA ist ein kleiner, schneller oder zumindest kurzer, ein einfach und nett bitterböser Film – für mich der liebste in dieser ganzen Festivalschiene, und noch immer muss ich grinsen, wenn auch nicht mehr laut lachen vor diabolischer Wonne wie direkt beim Anschauen. Acht Minuten dauert er, gefühlte fünf, und eigentlich nichts allzu besonderes. Bloß: Kompakt und gelungen, unangestrengt, aus dem Ärmel geschüttelt. Er nimmt einen mit, ehe man es merkt, spielt mit den Mitteln des Mediums wie sonst kaum ein Film des Wettbewerbs.

Aber um was geht’s? Stefan (Woelky) spricht in die Kamera, ein Botschaft an einen unsichtbaren (imaginären?) Freund: Er habe, erklärt er, eine „Neue“ kennengelernt, Anna heißt sie, und Stefan schwärmt, von ihren kleinen Eigenheiten, von ihrer Katze, spielt Aufnahmen von ihr ein – und spätestens hier wird schon klar, wohin der Haase läuft; gehässig fängt man an, sich zu amüsieren. Heute Abend, so Stefan, ist es soweit, da will er ihr einen Antrag machen. Oder sowas. Hach, es kann ganz simple, ganz unspektakulär und umso effektiv sein, das Unterhalten. Manchmal ist weniger eben doch mehr. ANNA ist jedenfalls ein Film, den man sich vielleicht mehrmals anschauen möchte. Meint Kurkut im MOP-Gespräch. Durchaus. Und: Chapeau!

Ansonsten bleibt Sybille Prätsch in ihrer Kleinrolle hängen. Warum, lässt sich auf eine durchaus faszinierende Weise schlecht sagen. Blaue, schmale Augen, hohe Wangenknochen, ein betörender, selten ausdrucksstarker Mund. Verwundern würde es, wenn wir sie ihn Zukunft nicht mehr und in breit gefächerten Rollen sehen würden. Schade wäre es auf jeden Fall, wenn dem nicht so wäre.

„In den letzten 30 wird’s dann handgreiflich“, sagt sie, im SR-Gespräch zum MOP. Welches HIER anzuschauen ist.

Und weil es von ANNA auf dem MOP-Presseserver kein direktes Bild gibt (falsch verlinkt), gibt es hier eben eines von Frau Prätsch, von ihrer Agenturseite, wobei ich hoffe, dass diese nichts dagegen hat...




Bernd Zywietz




P.S.: Screenshot trägt sich mit dem Gedanken, Ende des Jahres einen Jahres-Reader zum deutschen Film zu veröffentlichen. Wenn Sie dazu Meinungen oder Anregungen haben, schicken Sie uns diese einfach: redaktion(at)creenshot-online.com

Veranstaltung: 10 Kurzfilme zur Drogenprävention von S. Linke



FILMZ, FILMZ … es muss ja nicht immer das Festival des deutschen Kinos in Mainz sein.

Am Freitag, dem 26.11.2010 präsentiert der Mainzer Filmkünstler Sebastian Linke (zum Screenshot-Portrait geht’s HIER) im Haus der Jugend (Mitternachtsgasse 8) in Mainz 10 Kurzfilme, die er als Regisseur und Autor für das Drogenpräventionsprojekt „REBOUND – meine Entscheidung“ gedreht hat.

„REBOUND“ ist ein EU-gefördertes Programm der Mentor Stiftung Deutschland für Jugendliche, Lehrer und Schulen: u.a. mit Empowerment-Kursen und Präventionsprojekten für junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren. „REBOUND“ arbeitet intensiv mit Kurzfilmen und anderen erfahrungsorientierten Methoden. In den Filmen spielen Jugendliche Szenen um das Thema Rausch und Risiko, wobei jedoch weiterführenden Themen wie Selbstbewusstsein, Gruppendruck und -zwang oder Selbstfindung behandelt werden.

Die Vorstellung bzw. Prämierenparty von Linkes Filmen „über psychoaktive Substanzen“ beginnt um 20.00 Uhr (Einlass ab 19.00 Uhr), der Eintritt ist frei.

Mehr Infos über „REBOUND“ gibt es HIER.

(zyw)

"Kurz vor Film": Vorfilme fürs Kino

Mit über 2.000 Kurzfilmen pro Jahr ist die Kurzfilmszene in Deutschland überaus lebendig und vielfältig. Über neunzig Festivals zeigen jedes Jahr eine große Auswahl an deutschen und internationalen Kurzfilmen. Viele Produktionen haben dabei eine Länge von unter zehn Minuten und eignen sich sehr gut für den Einsatz als Vorfilm. „Kurz vor Film“ will diese Vielfalt auf die große Leinwand holen und gibt Cineasten die Möglichkeit, Kinobetreiber für den regelmäßigen Einsatz von Kurzfilmen zu begeistern.

Die Vorfilmkampagne „Kurz vor Film – Mehr Vorfilme ins Kino!“ konnte bereits knapp 4.600 Unterstützer auf facebook für sich gewinnen. Auf der Website www.kurz-vor-film.de haben über 3.100 Kurzfilmliebhaber ihre Stimme für mehr Vorfilme im Kino abgegeben. Anna Thalbach, Jana Pallaske und Ulrich Matthes setzen sich als prominente Unterstützer für Vorfilme ein. In kurzen Filmen fordern sie das Publikum zur Teilnahme an einer Unterschriftenaktion im Netz auf und bitten Kinobetreiber, mehr Vorfilme zu zeigen.
„Kurz vor Film“ ist eine Initiative der AG Kurzfilm, der KurzFilmAgentur Hamburg und interfilm Berlin und wird von der Filmförderungsanstalt (FFA) finanziert. Die Kampagne wirbt von September bis Dezember 2010 mit Spots in Kinos und auf Festivals sowie auf der Website www.kurz-vor-film.de für die Rückkehr des Vorfilms in das reguläre Kinoprogramm.

Die Kampagne richtet sich gleichzeitig an Kinobetreiber, die seit 2009 eine jährliche Förderung von bis zu 1.500 Euro für das Abspiel von Kurzfilmen bei der Filmförderungsanstalt (FFA) beantragen können. Auf der Website finden sich alle relevanten Informationen zur Beantragung der Abspielförderung und zum Bezug von vorfilmtauglichen Kurzfilmen. Für Kurzfilmliebhaber bietet die Seite außerdem eine Übersicht der Kinos, die bereits Vorfilme zeigen.



Medienpartner der Kampagne ist das Branchenmagazin filmecho|filmwoche.

Neues von den Nachtschwärmern

Neue Wettbewerbsauftritte für die Mainzer Filmemacher von Nachtschwärmer Film:

"Dolce Vita" wurde für die Documentary Selection des Silhouette Short Film Festival Paris ausgewählt (28.8. bis 5.9.2010, Chaumont Parc Paris). Mit ca. 20.000 Zuschauern gilt das Open-Air-Festival als größtes Kurzfilmfest der französischen Hauptstadt.

Das Europäische Dokumentarfilmfestival dokumentART präsentiert „Advent“ im internationalen Wettbewerb. Vom 8. bis 13. Oktober 2010 werden 49 Filme aus 16 Ländern zeitgleich in Neubrandenburg/Deutschland und in Szczecin/Polen gezeigt.

Das Internationale Kurzfilmfest Bunter Hund hat "Advent" in sein aktuelles Programm aufgenommen und zeigt den Film vom 14. bis 17. Oktober 2010 im Werkstattkino München.

"Advent" wurde für die neue Dokumentar-Reihe des Diessener KurzFilmFestivals ausgewählt (9. bis 13.11.2010) und läuft dort an zwei Abenden im Wettbewerb.