Berlinale Retrospektive 2022: Rosalind Russell: „This Thing Called Love“

This Thing Called Love

USA 1940. Regie: Alexander Hall, mit Rosalind Russell, Melvyn Douglas, Binnie Barnes

 

„No Angels: Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ heißt die Retrospektive der 72. Berlinale vom 10. bis 20. Februar 2022. Die Retrospektive blickt damit auf drei Beispiele von Schauspielerinnen, die die Hollywood-Komödien der 1930er bis 1940er geprägt haben. Begleitend dazu ist bei Edition Text + Kritik ist  ein von Rainer Rother verfasster Band mit drei Essays zu den drei Darstellerinnen erschienen:

Rainer Rother: No Angels. Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Edition Text + Kritik, München 2021. Text deutsch und englisch. 162 Seiten, viele Abbildungen. 15 Euro.

  

So, wie „His Girl Friday“ die Grundsituation von „Four’s a Crowd“ umdreht – einmal will Rosalind Russell einen Top-Journalisten zurückholen in die Redaktion, das andere Mal wird sie selbst vom Chefredakteur zurückmanipuliert –, so stülpt „This Thing Called Love“ die Situation von „Hired Wife“ um. Letzterer startete im September 1940, eine Universal-Produktion, ersterer wurde von Columbia im Dezember herausgebracht.

„Hired Wife“: Der Chef und seine Sekretärin gehen eine Scheinehe ein, ohne die Ehe zu vollziehen. „This Thing Called Love“: Die Braut geht die Ehe ein unter der Bedingung, sich drei Monate lang erst einmal kennenzulernen.

 

Rosalind Russell spielt in dem Film eine Versicherungsfrau, und sie hat einen Plan: Wie nämlich die Scheidungsrate signifikant gesenkt werden kann. Sie erklärt es ihrem Verlobten Tice: Probezeit nach der Eheschließung, um das Zusammensein zu testen. Tice habe ja auch seinen Anwalt erstmal ein Jahr lang begutachtet, bevor er ihn angeheuert hat. Was der Bräutigam bestätigt, aber: „Ich liebe Harry nicht! Er ist nicht im geringsten anziehend für mich!“ Ruft er im vollbesetzten Aufzug – es sind wunderbare Situationen, die der Film heraufbeschwört.

Rosalind Russell ist als Ann Winters eine Frau der Statistiken – das ist ihr Rollenfach: Businessfrauen, denen ein wenig das Menschliche abgeht; aber nicht unempfänglich für die Liebe, nur eine Frau inmitten der Schnittmenge von Privat und Beruf.

 

Es ist für einen US-Film schwierig, über Sexualität zu reden. Also spricht er über Ehe, und vor allem über Scheidungen. Ehe scheint in diesem Film eher eine Vereinbarung auf Zeit zu sein, eine Verabredung für Sex, die jederzeit wieder gelöst werden kann – Ehe als eine Art Geschäft im kapitalistischen Betrieb. Russell in ihrer Rolle als Ann aber will das Echte, für immer, und daher: drei Monate Probe nach der Eheschließung, „without emotions“ sagt sie und meint: ohne geschlechtliche Vereinigung. Das versucht sie ihrem säuselnden Bräutigam Tice beizubringen, der ist natürlich dagegen, aber sein Anwalt rät ihm: Machs doch, und mit deinem unwiderstehlichen Charme kriegst du sie dann rum.

Die Verführungsversuche sind herrlich; er will, sie eigentlich auch, verbietet es sich aber. Champagner, Musik, Tanz – Küsse, und dann das Telefon. Wieder von vorn. Es ist so warm hier! Kuscheln – Telefon. Zum Verzweifeln. Später lustigerweise dreht sich das um, sie hat abgeschworen von ihrem Plan, und beide sind geil aufeinander – was für eine Unterbrechung aber dann wieder kommt, ist so übertrieben und dabei so konsequent, dass es auf komischste Weise genau passt. Nämlich „Oak Poisoning“ – der Eichenblättrige Giftsumach, dem Tice ausgesetzt war. Er muss sich kratzen, muss tagelang abtauchen, darf es nicht verraten, weil er da mit einer anderen Frau – keusch – zusammen war im Gebüsch. Also wieder nix! (Übrigens ein tolles Drehbuch, in dem Nebensächlichkeiten eingeführt sind, die dann später unversehens enorme Konsequenzen haben.)

Hauptstück des Films ist die Essenseinladung, die Tice ausspricht – und ohne Absprache hat auch Ann ein paar Leute eingeladen. Bei Tice mit Hintergedanken: Der südamerikanische Investor in sein Minenprojekt soll bei ihnen übernachten, also das Gästezimmer besetzen, also muss er ja ins Schlafzimmer seiner Frau! Wie hier die Leute sich gegenseitig hintergehen, andern etwas einreden und sich dann wieder ausreden – Boulevardtheater höchster Klasse. Und Rosalind Russell als Opfer, die bald alles durchschaut.

Beim Abendessen, da darf das Gespräch nicht auf Babys kommen – dem Investor wurde eingeredet, Ann sei schwanger – und nicht auf ihren Plan, und das Benehmen wird immer merkwürdiger; potenziert durch Anns Chef, dem fälschlich Kinderhassertum zugeschrieben wurde, und natürlich der Anwalt, der hier seine Geliebte dabei hat und seine Ehefrau trifft. Ann mittendrin, längst heraus aus ihrer Rolle als Opfer der Täuschung, denn wenn sie etwas kann, dann Situationen einschätzen und mit Situationen umgehen und sich an geänderte Situationen anpassen und dann wieder agieren, um eine neue Situation heraufzubeschwören. Die sie wider beherrschen wird.

Sie kann das wunderbar: Misstrauisch gucken; ohne dass dabei negative Gefühle sich spiegeln würden, nur Erstaunen, was nun passiert, und im Hinterkopf das Denken, wie sie sich verhalten kann – nicht herauswinden, sondern weiterführen. Und notfalls zurückschlagen, in Liebe natürlich. Denn der Plan steht ja, in seinem Rahmen ist vieles möglich, und notfalls wird er abgekürzt. Und es sind natürlich auch herrliche Dialoge in Russell-Filmen, die Drehbuchautoren waren voll dabei. Beispiel: Sie ruft Tice an. Abends Dinner zuhause? Sie müssen gemeinsam die Einkommensteuer besprechen. Denn ein Ehepaar wird ja anders veranlagt. Wenn nun aber jemand eine Frau heiratet, aber er ist nicht „wirklich“ mit ihr verheiratet, dann ist das ja Steuerhinterziehung. Und sie will keinesfalls, dass er ins Gefängnis muss… Er versteht, und jubelt. Aber das Happy End ist dies noch lange nicht.

Und dass sie als Ehefrau – egal ob „richtig“ oder „auf Probe“ verheiratet – ihren Beruf nicht aufgeben wird, das macht sie gleich zu Beginn des Films klar.

 

Harald Mühlbeyer

 

Bilder (c) Columbia Pictures