Theater: "Der Fall M.M." - Hinter die Fassaden blicken und Marilyn feiern
Eine ungewöhnliche Mischung aus Ballett, Schauspiel und
Musical kommt Marilyn Monroe näher als eine Imitation
Von Tonio Gas mit
Bettina Uhlich

Doch dann hat das Stück überzeugt, dessen Vielseitigkeit
sich kaum in einer Inhaltsangabe zusammenfassen lässt. Ausgehend vom
Kriminalfall – wie starb MM? – tritt Mr. Clemmons (Rudi Hindenburg) als
Ermittler und Erzähler auf. Als erster Polizist bei der toten Marilyn lässt ihn
der Fall nicht mehr los, in dem er gegen Vertuschungsbemühungen schließlich auf
eigene Faust ermitteln muss. Hier ist „Der Fall M.M.“ klassischer Film Noir,
der Detective gegen den Sumpf, der karge Schreibtisch am Bühnenrand das
archetypische Setting, die Kommentare fast wie ein Voice Over, die Erzählung in
Rückblenden, die aber immer wieder in die Gegenwart springt. Clemmons ist
Erzähler, Kommentator, aber auch selbst Teil der Handlung, insoweit sie in der
Gegenwart spielt. Hindenburg spielt ihn souverän und weiß sehr genau, was er da
tut und tun soll.

Vergangenheit und Gegenwart berühren sich, können aber nie
miteinander verschmelzen. Hindenburg ist Schauspieler. Sonia Dvorak, die
Darstellerin Marilyn Monroes, ist Tänzerin. Sie können nicht zusammenkommen, er
kann sich ihr nur zu nähern versuchen. Sie lebt in einer anderen Zeit, einer
anderen Welt, Clemmons hatte sie nie kennengelernt und versucht es nun postum.
Also hat Dvorak eine andere künstlerische Ausdrucksform als Hindenburg. Das
Crossover aus Schauspiel und Tanz ist nicht nur, wie Generalintendant Daniel
Karasek meinte, eine große selbstlose Geste des neuen Ballettchefs Yaroslav Ivanenko.
Es drückt auch kongenial die Verschiedenheit von gegenwärtigem Whodunit und
vergangenem Geschehen aus, das als Mythos, aber nicht als exakt
rekonstruierbare Realität weiterlebt. Drum hat Dvorak eine (gefühlt) kürzere
Bühnenpräsenzzeit als Hindenburg, aber ist dennoch mit Recht die Hauptperson
und darf in jedem Auftritt faszinierende Akzente eines Puzzles setzen. Das
Zusammenpuzzlen dauert länger, ist mühevoller.
Da ist es nur konsequent, wenn der Mythos sich dem Versuch
widersetzt, die Realität eins zu eins abzubilden. Man kann sich Marilyn gerade
nähern, indem man gar nicht erst eine Imitation versucht; darum hat es ein aus
verschiedenen Formen zusammengesetztes Theaterstück leichter als ein Film, der im
klassischen dramatischen Sinne eine Geschichte erzählt.

Überhaupt gewann das Stück nach einem überraschend schnell
und unvermittelt zu Ende gegangenen ersten Akt an emotionaler Intensität.
Gleichwohl war die Grundstruktur bereits in der ersten Hälfte gelegt worden,
die mehr als oberflächliche Spaß-Musicalnummer mit ein bißchen Schauspiel und
Tanz war. Hier hatte Hindenburg die wichtige Eröffnung in die detektivische
Rückblendenstruktur. Hier konnte Dvorak mit ihrer Singstimme beeindrucken, die
nicht ausgebildet ist, aber umso authentischer wirkte und Marilyn näher kam als
die gesanglich Marilyn sehr fremd wirkende Michelle Williams. Allmählich vermischen
sich Realität und Film- bzw. Starkult, und plötzlich erkennen wir eine Szene
durch das Auftauchen und Sich-Formieren mehrerer Darsteller als Musicalnummer
aus „Gentlemen Prefer Blondes“. Und dann kommt auch schon der Song von den
kleinen Mädchen aus Little Rock, Marilyn als kleines Mädchen, aber auch als
Star-Blondine, da lässt die Bühne nicht nur Raum für den Tanz, sondern auch für
die Fantasie und eigene Interpretationen.
Natürlich haben diese Musicaleinlagen und ihre Abfolge nicht
nur einen dramatischen Zweck, sondern sollen auch Spaß machen und den Kult
feiern. Das Stück blickt hinter die Fassaden, ohne zu vergessen, Marilyn
hochleben zu lassen. Das ist vielleicht die schönste Kreisquadratur, die die
Unmöglichkeit, sich MM komplett zu erschließen, am besten ausdrückt. Eine
ausgebildete Sängerin hätte eher geschadet; Dvorak hat hörbar viel aufrichtiges
emphatisches Interesse an Marilyn, die sie doch weder sein kann noch will.
Geschickte Regie-Einfälle unterstützten Dvoraks Eigenständigkeit gegenüber
Marilyn. So wechselt beispielsweise einmal Dvoraks Stimme auf diejenige Marilyns
über, wir bemerken es kaum, aber am Schluss – singen beide im Duett.
Kreativität und Authentizität vereinigen sich ferner in den
klassischen Tanzszenen. Da gibt es nicht nur die Show-Einlagen, sondern
originelle tänzerische Versinnbildlichungen von Situationen aus Marilyns realem
Leben. Man muss einfach gesehen haben, wie kurz vor Schluss Joe DiMaggio
(Alexander Abdukarimov) und Marilyn einen abenteuerlichen und hochgradig
artistischen (dabei aber nicht offen spektakulären) pas de deux vollführen, bei
dem sie weitgehend sitzen (!), schwungvoll und mit großem Gestus nacheinander
greifen, aber einander immer wieder knapp verfehlen. Das sieht nicht nur
schlangenartig elegant aus, sondern es verschafft auch einen wehmütigen
Eindruck davon, dass der reale DiMaggio Marilyn kurz vor ihrem Tode erneut
heiraten wollte und Hoffnung auf eine positive Wendung in ihrem Leben bestand.
Das Glück ist sozusagen mit den Händen zum Greifen nahe, aber die beiden können
es, können auch einander nicht greifen und fassen immer haarscharf daran
vorbei. Einmal agiert Marilyn mit sich selbst als Kind, und plötzlich muss die
erwachsene Marilyn und müssen auch wir überrascht feststellen: Das Kind ist
verschwunden, das Kinderbett ist leer, Marilyn umarmt eine (im wahrsten Sinne
des Wortes mit dem Bettzeug gebildete) leere Hülle – eine Illusion, eine
Sehnsucht auch. Und wie die verlorene Kindheit muss auch der Fall M.M. ein
Mysterium bleiben, das wir nicht zu fassen bekommen können.
Clemmons bietet zwar eine Antwort an, aber Marilyn wird
dadurch nicht in die reale Welt überführt und fassbar gemacht, sondern schwebt
mit einem ätherischen Lichtschein in einer ihrer letzten Szene schon ein
bißchen jenseits der Lebenden, aber damit auch jenseits des Fassbaren. Eine
Legende, ein Mysterium. Aber sie ist nun immerhin Teil der Bretter, die die
Welt bedeuten.