Filmfest München: Eröffnung

Ich war eingeladen. Bin ich stolz! Ich hatte eine Einladung von Dr. Markus Söder persönlich für den gestrigen Eröffnungsabend des Filmfests! Im Mathäser, einem Riesenkinopalast mit angeschlossenem Kaufhof, Kino 10 - naja: So richtig ab ging's in Kino 6, dort war alles live, in meinem Sälchen nur per Videoübertragung der Eröffnungsfeierlichkeiten. Aber wer wollte kleinlich sein!

Schöne Beobachtung: Wie da oben auf der Leinwand Reden und Grußworte vor sich gingen, und wie wir im 10er-Saal guckten, aber nicht klatschten. Da war ja keiner echt! War ja nur Kino!

War aber doch echt. Diana Iljine, die neue Filmfestleiterin, war tatsächlich da, sprach tatsächlich ins Mikrophon, und sie war tatsächlich nervös. Nein: Wie süß, wie sie am Mikrophon spielte, wie sie nicht wusste, wohin mit den Händen, wie sie zögerlich Klatschen andeutete, wenn Gäste auf die Bühne kamen (Katja Eichinger und Giorgio Moroder waren kurz mal da), und wie sie erzählte vom Weltall, von der Milchstraße, die in vier oder fünf Milliarden Jahren mit der Andromeda-Nachbargalaxie verschmelzen wird, was nochmal zwei Milliarden Jahre dauern wird, und wie klein und unbedeutend wir und die Filme zu sein scheinen, aber nein - ein gewagter argumentativer Sprung -, Filme sind wichtig trotz Universum, sie können unser Leben, unser Denken ändern... Woody Allen verfällt in melancholischen Pessimismus, weil das Universum sich ausdehnt, und Diana Iljine macht ein Filmfest: So schön ist München!

Wie sie von den Galaxien erzählte, die "mit 110 Stundenkilometern pro Sekunde" aufeinander zu rasen - so ein goldiges Mädchen, dachte wohl auch Herr Staatsminister Ludwig Spähnle, der sich väterlich-fürsorglich sich freute, dass nach Eberhard Hauff und Andreas Ströhl nun auch mal eine Dame randarf (vermutlich freut er sich, dass nun das schöne Geschlecht mit am großen Tisch sitzt, wo die Gelder verteilt werden, was fürs Auge etc.) Aber wir wollen nichts unterstellen! Die Grußworte waren schließlich angemessen kurz und lustig - Bürgermeister Christian Ude zog anhand historischer Zitate zwingende Parallelen zwischen Filmfest und Biergarten -, und schließlich geht es beim Film ja ohnehin darum, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen.

Im Eröffnungsfilm "Starbuck" von Ken Scott ging es dann darum, einen hässlichen Mann hässliche Dinge tun zu lassen: David Wozniak hat in weniger als zwei Jahren 533 Kinder gezeugt, er war Samenspender, der die insgesamt 24.000 Dollar gut gebrauchen konnte. Es war das einzige, was er in seinem Leben zustande gebracht hat: er ist ein Töpel, ein Versager, selbst im Ausliefern des Fleisches aus seines Vaters Schlachterei ist er schlecht. Und kriegts mit seinen Kindern zu tun, die ihn verklagen und die Klinik, die wissen wollen, wer er ist - sie kennen nur seinen Decknamen Starbuck...

Scott dekliniert verschiedene Arten der Vaterschaft durch, da ist der Kollege, der Angst hat vor dem Baby, das seine Frau  bekommt, da ist Davids Anwalt, alleinerziehend mit vier nervenden Gören, und da ist David, distanzierter, anonymer Vater von ganzen Hundertschaften, und von seiner On-and-off-Freundin abgewiesen, die zwar von ihm schwanger ist, ihn aber keinesfalls für vatertauglich hält. Dass der Film nicht in Hollywood-Familiensülze versinkt, ist das eine; das andere sind die vielschichtigen Komikvarianten, die Scott darbietet, von Fußballslapstick über emotionalen Humor, vom Witz der tolpatschigen Dummheit bis zu Anleihen am Judd Apatow-Universum (sieht der Anwalt nicht ein bisschen aus wie Jonah Hill?); bis hin zu witzigen, überraschenden Details, die den Film durchziehen.

Bis dann eine der größten Happy-End-Umarmungen der Filmgeschichte diese Story vom Plastikdosenwichser, der vielfacher Vater wurde, glücklich beschließt.



Harald Mühlbeyer


FddF LU: Antwort von Herrn Dr. M. Kötz

Unser Redakteur Harald Mühlbeyer berichtet seit Jahren vom Festival des deutschen Films in Ludwigshafen. Sein letzter Bericht zur 8. Auflage der diesjährigen Veranstaltung sorgte beim Direktor Dr. Michael Kötz für Unmut, den dieser in einer Mail kundtat, die wir als Leserbrief werteten, HIER veröffentlichten, verbreiteten und kommentierten. Das sahen wir nicht zuletzt deshalb als geboten an, weil Herr Dr. Kötz in seiner Funktion als Festivalleiter mit der künftigen Verweigerung einer Presseakkreditierung (wie ernst zu nehmend auch immer) drohte bzw. eine solches Vorgehen ankündigte.

Da wohl dieser kleine Disput mittlerweile ein bisschen um sich gegriffen hat, hat Herr Dr. Kötz nun wiederum geantwortet. Diese Replik veröffentlichen wir, wie es sein Wunsch ist, natürlich hier gerne:


"Verehrter Herr Mühlbeyer, lieber Herr Zywietz, verehrte Gemeinde,

da Mühlberger meine Antwort sogleich so weit wie möglich verbreitet hat, will ich mir doch die Mühe machen und ernsthaft antworten.
Und ich erwarte, dass Sie diese zweite Antwort ebenfalls so schön verbreiten wie die erste.

Filmkritiker - das kann ein ehrenwerter Beruf sein, muss es aber nicht. Denn manchmal ist die Eitelkeit stärker als das Bemühen um Wahrheit.
Man kann als Filmkritiker (und dann auch als Festivaldirektor) ernsthaft darum bemüht sein, so vielen Menschen wie möglich auch anspruchsvolle Filmwerke nahe zu bringen, und dafür ist das FESTIVAL DES DEUTSCHEN FILMS bundesweit bekannt, oder man kann sich auch nur um sich selbst und seinen eigenen kleinen Filmgenuss kümmern.

Die Unterbrechung eines Filmabspanns durch den Festivaldirektor wird als Skandal beschrieben: als deutliches Zeichen der heimlichen Missachtung des Films, den man also nur vorgibt, ernst zu nehmen. Das respektvolle Abwarten des Abspanns als Erkennungsritual des wahren Cineasten.
Bisschen dünn, oder?

Um nicht falsch verstanden zu werden:
Filmkritiker, die nicht mal einen Filmabspann würdigen, sind Banausen, Zuschauern darf man es verzeihen, Festivaldirektoren nicht. Tun sie es dennoch, muss es einen handfesten Grund haben. Nach dem könnte man auch fragen. Tut man aber nicht, wenn man sowieso schon Bescheid weiss, weil man ein bestimmter Typ von Journalist ist, der längst alles durchschaut hat und sich vor allem um hübsche Formulierungen kümmert.

Diesem Typ von Journalisten ist sowieso schon klar, dass dieser Festivaldirektor immer jederzeit einen Abspann missachten würde. Schließlich ist es ja auch auch so, dass der Kötz "dem Kritiker keine Zeit lässt aufs Klo zu gehen" (Mühlbeyer), übrigens, weil er möchte, dass an einem Abend drei und nicht nur zwei Filme zu sehen sind, außerdem "lässt er es aufs Zelt regnen" (Mühlbeyer), obwohl er doch auch alle wegschicken könnte, wenn das Wetter den optimalen Filmgenuss unmöglich macht, ferner "zeigt er die Filme in Kino 1 und Kino 2 zeitlich verschoben", wodurch "der nahtlose Wechsel unmöglich wird", und das bloß, weil er dem Publikum diese (für Herrn Mühlbeyer natürlich irgendwie unnötigen) Filmgespräche nach den Filmen ermöglichen will, dem "geht es zusammenfassend ja auch gar nicht um Film, sondern um Event und Naturerholung" (Mühlbeyer), der lügt also, der Kötz, wenn er "bis zum Überdruss im Programmheft und seinen Ansprachen seine Leidenschaft für die Filmkunst besingt" (Mühlbeyer).

Sollte dieser Mühlbeyer dann nicht woanders in Urlaub fahren?
Da er aber diese Art der Kommentierung offenbar als Journalismus missversteht - und dass obwohl es ein Naturerholungsevent ist, bei dem gelogen wird, was das Zeug hält - und sich schon darauf freut, auch im kommenden Jahr wieder akkreditiert zu sein, freut sich der Festivaldirektor auch schon sehr auf eine praktische Begegnung. Mal sehen, ob er den Mut hat, ihn auch noch mal direkt einen Lügner zu nennen...

Um aber Gnade vor Recht ergehen zu lassen: Wenn ihm das längst leid tut, was er da in jugendlichem Übermut von sich gab, dann kann es sein, dass er auf eine verspätete Nachfrage hin auch noch erfährt, warum der Abspann eigentlich unterbrochen wurde. Denn dann muss es ja einen Grund gegeben haben....


Dr. Michael Kötz
27. 6. 2012"

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Mein Kommentar dazu:

Persönlich erlaube ich mir hier kein Urteil zum ursprünglichen Streitpunkt selbst, weder dem Vorfall des Abspann-Abruchs und seiner (Hinter-)Gründe, noch irgendwelchen positiven wie negativen Erlebnisse, die das Festival des deutschen Films dem Besucher bietet oder eben nicht.

Bedauerlich ist jedoch m.E. der Umgangston (bis hin zur "Gnade" der "verspäteten" Antwort - s. letzter Absatz), bei dem von "ernsthaftem Antworten" - immerhin nach einem Tag potenzieller Gemütsabkühlung - leider keine Rede sein kann. Freilich: Geschenkt; zur Leidenschaft gehört eben auch das Temperament, bei allen Beteiligten.

Mehr als schade ist jedoch, dass Herr Dr. Kötz nicht auf den ernstzunehmenden Punkt eingeht: das mögliche Vorenthalten einer künftigen Presseakkreditierung für Herrn Mühlbeyer (bzw. die Ernsthaftigkeit einer solchen Androhung).

Dahingehend, denke ich, könnte von "Skandalisierung" (also das Hochstilisieren von etwas eigentlich wenig Erregungswertem zu einem Skandal) keine Rede (mehr) sein. Jeder Streit um den Unterschied von Kommentierung und Journalismus, Kennerschaft, Banausentum und das Wesen "ehrenwerter Filmkritik" bekommt hier, bei allem Überschwang, einen ganz und gar inakzeptablen Ton. Einen, den man schnell und allzu leicht mit Begriffen wie "Zensur", "Willkür" und "Gesinnungsjournalismus"assoziiert und assoziieren muss. 

Eine ernsthafte, klärende Aussage dahingehend ist deshalb von Herrn Dr. Kötz meines Empfindens notwendig. Gerne auch nicht-öffentlich und direkt, damit dies erledigt sein kann.

B.Z.


FddF LU: Mieser Stil?

Quelle: Festival des deutschen Films/Ben Pakalski
Als Reaktion auf unsere Berichterstattung über das Ludwigshafener Festival des deutschen Films erreichte am 26. Juni 2012, 11.38 Uhr, die Screenshot-Redaktion eine E-Mail vom Festivaldirektor, die wir als Leserbrief werten: 




Sehr geehrter Herr Filmwissenschaftler!

Ich habe zufällig, neugierig im Netz unterwegs, Ihren Beitrag auf Ihrer website gelesen:
http://screenshot-online.blogspot.de/2012/06/fddf-lu-miesester-stil-1.html

Ich schlage vor,
Sie ersparen sich künftig den Besuch des Festivals (und wir uns ihre Akkreditierung).

Sie dürfen unsere Veranstaltung bewerten wie Sie wollen
und Sie dürfen es sich auch selbstverständlich leisten, mich zum Zirkusclown zu deklarieren
(und sich selbst zum Überwachungs-Cineasten)
aber wir dürfen uns dann auch gestatten,
Sie künftig von solchen Zumutungen auch noch auf unsere Kosten zu befreien.

Angesichts Ihrer kritischen Einstellung erscheint es ohnehin geboten, dass Sie sich unabhängig von jedem Vorwurf der Begünstigung Ihre Tickets selbst kaufen. Damit ist die freie Berichterstattung dann auch wirklich gesichert.

Ferner dürfen Sie auch mal Ihrerseits im Netz nachschauen, ob meine cineastischen Kenntnisse und Ambitionen ggf. an Ihre heranreichen
und sich dann anschließend gerne entschuldigen.

MfG

Dr. Michael Kötz
Geschäftsführender Direktor
Festival des deutschen Films gGmbH




Am selben Abend antworteten wir mit folgender Mail:


Sehr geehrter Herr Festivaldirektor!

Ich entschuldige mich dafür, einen kritischen Bericht zu Ihrem Festival nicht nur verfasst, sondern auch noch veröffentlicht zu haben. Ich entschuldige mich dafür, Ihre Lebensleistung nicht angemessen gewürdigt zu haben. Ich entschuldige mich dafür, dass die Filme heutzutage mit einem Abspann von sage und schreibe vier Minuten Länge ausgestattet werden. Ich entschuldige mich dafür, dass Sie bei mir den starken Anschein erweckt haben, einen Film vorzeitig abgebrochen zu haben. Sorry, echt.

Um des lieben, lieben Friedens Willen: Wenn ich in den Satz "Dass Kötz aber sowenig Liebe zum Film empfindet, wie er während der Vorstellung von "Schuld sind immer die anderen" offenbarte, das entsetzt dann doch." hinter Ihren Nachnamen das Wörtchen "anscheinend" einfüge - dann wäre doch meiner journalistischen Sorgfaltspflicht genüge getan und eine Beleidigung Ihrer cineastischen Kenntnisse und Ambitionen nicht mehr gegeben, oder? Weil nicht mehr als Tatsache dargestellt (was ich ohnehin nicht wollte, aber zugegebenermaßen unglücklich formuliert habe), sondern als Anschein (siehe auch im weiteren Verlauf des Textes "offenbarte" und "Anschein")...

Ich finde es nach wie vor empörend, einen Film während des Abspanns abzubrechen. Und ich bestehe darauf, diese Empörung auch kundtun zu dürfen. Und ich bestehe darauf, mir von keinem Festivaldirektor der Welt in meine Berichterstattung reinreden zu lassen, auch wenn ich zehn Akkredierungsbadges umgehängt bekäme.

Ich hoffe im Übrigen, dass Sie auch meine anderen Beiträge zum Festival gelesen haben, von denen die meisten den "besten Filmen" gewidmet sind.
Und ich hoffe, dass Sie im Sinne der von Ihnen in Ihrer Mail postulierten freien Berichterstattung die Vergabe von Akkreditierungen nicht vom Inhalt der Festivalberichte abhängig machen. Das nämlich wäre ein echter Skandal; nicht nur eine private Empörung meinerseits über einen von Ihnen abgebrochenen Film.

Mit freundlichen Grüßen

Harald Mühlbeyer


Aus unserer Sicht ist die Mail von Dr. Michael Kötz nichts anderes als der Versuch, die Pressefreiheit zu brechen. Wir warten gespannt auf eine Antwort des Festivals. Selbstverständlich werden wir Sie auf dem Laufenden halten.

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Um das „wir“ in Screenshot zu ergänzen nur kurz mein (nach etwas Nachdenken leicht überarbeiteter) Kommentar als Co-Redakteur zu diesem Austausch.

Meines Erachtens schießt Herr Dr. Kötz mit seiner Gegenkritik nicht nur erheblich übers Ziel hinaus, sondern diese ist in wesentlichen Teilen gegenstandslos.

Zunächst: Herr Mühlbeyer war nicht als Filmwissenschaftler auf dem 8. Festival des deutschen Films, sondern als Filmkritiker und Journalist. Dies spielt durchaus eine Rolle (s.u.).

Auf welcher Grundlage sich Herr Dr. Kötz zum „Zirkusclown deklariert“ sieht, bleibt mir ein Rätsel. Auch wird nirgendwo die cineastische Kompetenz von Herrn Dr. Kötz in Abrede gestellt, sondern die offenbar mehrfach postulierte „Filmleidenschaft“ angesichts – und das ist der springende Punkt – eines konkreten beobachteten Ereignisses bzw. des Vorgehens von Herrn Dr. Kötz während einer einzelnen, als solcher klar herausgehobenen Vorführung angesprochen.

Das heißt, weder wurde pauschal die Qualität der Filmauswahl des Festivals oder dieses selbst in irgendeiner Weise bestritten und dies Herrn Dr. Kötz angelastet, noch etwas Ähnliches behauptet oder beklagt. Seine cineastischen Kenntnisse und Ambitionen stehen und standen in keiner Weise zur Debatte; sie werden auch nicht im Beitrag thematisiert, sondern erst von Herr Dr. Kötz selbst ins Spiel gebracht. Womöglich hätten wir auch gerne bei Alexander Kluge promoviert, für die Frankfurter Rundschau geschrieben und einen Film wie „Traumhafte Zeiten - Erzählung einer Stadt. Mannheim 1607 – 2007“ konzipiert, produziert, inszeniert, geschnitten und eingesprochen. Aber das tut nun mal nichts zur Sache.  

Es ist denn auch fragwürdig, unter diesen Umständen mit der künftigen Vorenthaltung einer Presseakkreditierung als Sanktionsmaßnahme für einen unerwünschten Beitrag (und als nichts anderes ist es zu werten) zu hantieren. Dabei auch noch auf höhnische Weise – selbst wenn ironisch gemeint – die Pressefreiheit ins Spiel zu bringen, gar zu „begründen“, ist abgeschmackt.

In diesem Sinne:
"[...] aber wir dürfen uns dann auch gestatten, Sie künftig von solchen Zumutungen auch noch auf unsere Kosten zu befreien."

Mit Verlaub; ganz einfach: Nein. Dürfen Sie sich nicht.

Jedenfalls: Sollte sich der betreffende Vorfall nicht so wie von Überwachungscineasten Harald Mühlbeyer beschrieben und (meines Erachtens nicht unbegründet) beanstandet hat, zugetragen haben, bitten wir natürlich um Entschuldigung. Ansonsten hat Herr Dr. Kötz bei einer öffentlichen Veranstaltung agiert, wie er es tat, wurde dabei beobachtet und dafür hinterher kritisiert. In diesem Fall wäre von einer Person in dieser Position und mit seinem Renommee vielleicht nicht nur mehr Souveränität zu wünschen, sondern auch zu erwarten.

Aber, bei aller Hitzigkeit  vergeben und vergessen.


Bernd Zywietz  

FddF LU: Miesester Stil #1

Das Ludwigshafener Filmfestival ist nichts für Cinephile. Das Filmbild ist oft genug verschwommen, wenns der Beamer nicht über 35 Meter Zeltlänge schafft; sitzt jemand eine oder zwei Reihen vor einem, sieht man das halbe Bild nicht; wenn es regnet - was es regelmäßig tut - hört man den Film kaum mehr, bis er lauter gestellt wird. Für Cineasten ist es auch nichts: im Zwei-Stunden-Takt folgt Film auf Film, manchmal auch weniger, wer mehrere Filme nacheinander sehen will, hat kaum Zeit, aufs Klo zu gehen; und die Timetables sind zwischen Kinozelt 1 und Kinozelt 2 gegeneinander verschoben, ein einigermaßen nahtloser Wechsel ist nicht möglich.

Doch das ist OK, wenn man die Gegebenheiten akzeptiert: Dass es hier eigentlich weniger um Film geht als um das Event. Festival als Urlaub zuhause, mit Freizeitwert drumrum, mit Essen, Trinken, Naturerholung. Im Grunde also kaum etwas anderes, als ein Multiplex bietet, nur nicht urban, sondern im Naherholungsraum: Filme als Aufhänger für schöne Stunden, die am Ende gar nichts mehr mit Film zu tun haben müssen; Filme als Anlass, zu kommen, und das Drumrum als Anlass, zu bleiben. Vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, vielleicht nicht jedermanns Sache, aber eine Entscheidung, zu der Festivaldirektor Michael Kötz (Dr. Michael Kötz, darauf wird Wert gelegt) steht.

Dass Kötz aber sowenig Liebe zum Film empfindet, wie er während der Vorstellung von "Schuld sind immer die anderen" offenbarte, das entsetzt dann doch. Und ja: Ich bin sauer. Wird natürlich keinen jucken. Was aber hier geschah, überschritt die Grenzen bei weitem. Und ein Festivaldirektor, der sich die Leidenschaft zum Film auf die Fahnen geschrieben hat, darf nicht einmal den Anschein von Bigotterie aufzeigen. Diese Leidenschaft für die Filmkunst wird bis zum Überdruss in Programmheft, Pressemitteilungen und nicht zuletzt in den Ansprachen von Dr. Kötz besungen; doch wenn einer keine Achtung hat für einen Film, wenn er ihn nicht in voller Länge durchspielen lässt, wenn er ihn willkürlich, eigenmächtig unterbricht, spricht es eben doch dafür, dass da einer ein Filmfestival durchzieht, dem die Kunst nur Nebensache ist.

Nach dem Film kommt der Abspann. Der Abspann gehört zum Film dazu. Man muss nicht sitzenbleiben - aber man kann es. Man kann dann den Film nachklingen lassen, lässt sich von der Musik aus der filmischen Welt hinausbegleiten, kann den Credits auch noch einige Infos zum Film und seinem Werden entnehmen. "Bleiben Sie sitzen während des Abspanns", dekretierte Kötz vor dem Film, "das lohnt sich, und ich werde dann das Team nochmal vorstellen!" Was einerseits seinen Stolz auf die anwesenden Filmemacher ausdrückt, was andererseits auch lesbar ist als Achtung vor dem Film in seiner ganzen Länge.

Pustekuchen. Abspann läuft eine Minute, Kötz geht ans Mikro. "Ich erfahre gerade, dass der Abspann vier Minuten dauert!", wundert er sich; zack, geht das Licht an, wusch, geht der Ton runter: der Film, der noch läuft, wird abgebrochen, de facto beendet, bevor er zu Ende ist, nur, damit Regisseur, Produzentin und Hauptdarsteller beklatscht werden können.

Kleiner Tipp: Nächstes Mal nicht erst drei Minuten, sondern 30 Minuten vor Schluss den Film unterbrechen. Aufmerksamkeit für Filmemacher wie für Festivaldirektor ist garantiert!

Harald Mühlbeyer

FddF LU: Beste Filme #3: "Am Ende des Tages"

Erstmals laufen auf dem Ludwigshafener Filmfestival auch nicht-deutsche Filme: Aus dem befreundeten Ausland nämlich, und das ist nur konsequent, ist doch beispielsweise die österreichische Kinematographie der letzten Jahre insgesamt weit interessanter als die deutsche. "Die Vaterlosen" läuft hier, ein Film über Hippiekommune und Väterlichkeit. Und aus der Schweiz "Mary & Johnny" eine interessante Version von Horváths "Kasimir und Karoline", verlegt aufs Zürifescht 2010, während der WM.

Und: Peter Payers "Am Ende des Tages", ein österreichischer Thriller, der es in sich hat. Simon Schwarz, der Bertl aus den Brenner-Krimis, spielt einen aufstrebenden Jungpolitiker namens Robert mit besten Aussichten auf einen Sitz im Nationalrat. Vor Wahlkampfbeginn nochmal ein romantisches Wochenende in den Bergen mit der schwangeren Frau Katharina - doch der Wochenendtrip wird gestört von einem Verfolger im alten Opel. Der drängt sich auf, gibt Lichthupe, bleibt hart auf der Spur - es ist Wolfgang, Roberts alter Schulfreund, ein Kleinkrimineller. Der scheint irgendwas zu wissen, macht Andeutungen, belästigt sie, weiß auch genau, wo sie immer stecken: dass er sie per GPS-Tracker verfolgt, erfahren sie erst viel später.

Irgendwann ist Wolfgang als Frau gekleidet, geschminkt in zerrissenem Kleid und BH, eine groteske Erscheinung, zumal in Verbindung mit seinen Knacki-Tattoos. "Wo ist die kleine Manuela?" - eine Frage, die sich auch Katharina stellt, zu der Robert nur Ausflüchte einfallen. Immer drängender wird das Geheimnis, immer bedrängender Wolfgang; und irgendwann kommen die schlimmen Jugendsünden raus, immer mehr und immer schlimmere...

Das ganze ist übrigens eine einzige lange Verfolgungsjagd durch schönstes Bergpanorama; dazu kommen ständige Handytelefonate Roberts mit seinem politischen Mentor; dazu kommt seine ausgestellte Liberalität, seine Volksnähe - aber klar: das geht als erstes zum Teufel, man kann ja auch kaum freundlich sein zu den Leuten, wenn unter der Windschutzscheibe tote Meerschweinchen stecken. Wie er ein Interview ausgerechnet in dieser Situation hält, inklusive Ausbruch gegen die parlamentarische Quasselbude, gegen die Journaille und gegen die Interviewerin mit ihrem depperten Doppelnamen, das ist ganz großes Kino. Und wie Peter Payer immer tiefer dringt, Schicht für Schicht abträgt, bis von Robert, von der Politikerkaste, von der Humanität nichts mehr übrig ist: Das könnte im deutschen Film nie passieren; zumal nicht in Form eines Genrethrillers.

Man darf nicht vergessen, dass in Österreich seit ein paar Monaten eine heftige Korruptionsaffäre brodelt, die alles umfasst, was im Wiener Politbetrieb sich umtreibt - der Film ist also nicht nur zwingend stringent in Handlung, Dramaturgie und (bitterer) Weltsicht, sondern fußt auch noch auf der Realität. Was alles noch schlimmer - sprich: was den Film noch besser macht.

Obwohl er schon im letzten Sommer in Österreich angelaufen ist, hat "Am Ende des Tages" selbstverständlich noch keinen deutschen Kinostart. Man muss ja Leinwände freihalten für das deutsche Mittelmaß, das wegen Fördergelder zwingen im Kino laufen muss.

Harald Mühlbeyer

FddF LU: Beste Filme #2: "Beziehungsweisen"

Erwartungen und Vorwürfe, unausgesprochene Wünsche und unterdrückte Wut, alte Wunden und neue Verletzungen, Stress, Unaufmerksamkeit, Beharren auf dem eigenen Standpunkt und der Verdacht der Verantwortungslosigkeit beim anderen, alltägliche Kleinigkeiten und grundsätzliche Konflikte: Es ist nicht leicht, eine Beziehung zu führen, sie in neue Stadien übergehen zu lassen, sie zu pflegen und zu erhalten; vor allem, wenn auch noch Liebe dabei sein soll.

Calle Overweg hat ein Studio angemietet, setzt drei Paare auf genau ausgerichtete Stühle, gegenüber ein Beziehungsberater, Scheinwerfer, Mikrophon, Kameras und Monitore sind Teil dieses filmische Raumes. Es ist eine Versuchsanordnung, die ihren Experimentalstatus nie auch nur ansatzweise zu vertuschen sucht: Paare reden über sich selbst, der Therapeut versucht zu helfen. Die drei Paare, eines mit Zweifeln am Kinderwunsch, eines mit zwei Kindern und zwischenmenschlichen Problemen, ein älteres, das jahrelang vor sich hergelebt hat, wirken wie aus dem Leben gegriffen.

Einen "gespielten Dokumentarfilm" nennt sich der Film, tatsächlich ist alles gespielt, abgesprochen, vorentworfen. Die drei Paare: das sind Schauspieler, die entlang ihrer vorgegebenen Linien ihre Rollen improvisieren. Die drei Therapeuten: die sind echt, ihnen werden die drei Fallbeispiele vorgespielt, sie reagieren darauf, wie sie's in echt tun würden. Und es eröffnen sich Einblicke in Beziehungen, ins Private, in Beziehungsarbeiten, in Probleme und Lösungsansätze, und dass das nicht trocken wirkt, nicht dröge, sonden lebendig und, ja: wahr, das ist so etwas wie das Wunder der Leinwand.

Denn natürlich ist alles künstlich, da besteht kein Zweifel; wenn wir nicht am therapeutischen Gespräch teilnehmen, sehen wir den Protagonisten bei ihrem Alltag zu, den sie auf einer Bühne mit rudimentären Requisiten, mit Markierungen auf dem Boden "Dogville"-mäßig nachspielen. Und zwischendurch taucht Calle Overweg auf und befragt Schauspieler und Therapeuten nach ihren Eindrücken vom Bisherigen.

Das Echte der Interviews (das natürlich nur scheinbar echt ist, durch Stottern, Rumdrucksen, Selbstwidersprüche und Sponanität aber als authentisch rüberkommt) findet in der offenen Studiosituation statt - ein Bruch, der erweitert wird durch das abstrakte künstliche Bühnenspiel, wiederum eingebettet in den Entstehungsprozess des Films, in dem Overweg selbst auftaucht, und ergänzt durch kleine Rücknahmen des Artifiziellen: Wenn einer Auto fährt - eine Lenksäule und zwei Sessel genügen zur symbolischen Darstellung der Idee des "Autos" - hören wir Verkehrsgeräusche, nicht vorhandene Türen schlagen geräuschvoll zu: Der Soundtrack überführt das Künstliche wieder in eine behauptete Wirklichkeit; und zudem wird von irgendwoher immer wieder klassische Musik eingespielt.

Und ja: das ist lustig. Da muss man lachen. Weil spielerisch diese Brüche immer wieder auf die Spitze getrieben werden; weil das ganz Private dieser Paare ganz öffentlich ausgebreitet wird; weil man an den Fehlern und Verhaltensweisen sich selbst wiedererkennt und zugleich - ist ja alles nur Film! - drübersteht; weil sich die Offenbarungen dynamisch steigern und das Verhältnis von Erwartung und Überraschung zu austariert ist, dass es Komik erzeugt. Und, weil man sich über die Machart zwischen billigstem Studioarrangement im Formalen und penibelst, aber freiestmöglich ausgeführtm Inhalt erfreut.

Ein seltener Fall, dass ein Film über Beziehungen nur am Rande von der Liebe handelt. Die ist, so führt eine der Therapeutinnen mit dem Schatz langjähriger Erfahrungen im Rücken aus, sowieso wenig maßgebend. Was Beziehungen zusammenhalte, seien gemeinsame Kinder und Schulden.

Der Film läuft im Fernsehen, auf 3Sat, irgendwann um den 20. August rum. Fernsehprogramm beachten!

Harald Mühlbeyer


FddF LU: Bester Film #1: "Totem"

"Was bleibt" und "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" sind sicherlich Highlights dieses Festivals, sie laufen ab der zweiten Wochenhälfte.

Bisher sehr gut im Sinn von bemerkenswert, erinnerungswürdig und strange: "Totem" von Jessica Krummacher, in dem das schüchterne, verdruckste Hausmädchen Fiona bei der Familie Bauer arbeitet. Und während sie vorlügt, ihre Eltern seien tot, der Mutter aber vorlügt, sie sei im Urlaub am Mittelmeer, kommen wir dieser völlig verdrehten Familie nahe; näher, als uns vielleicht lieb ist. Aber ist es nicht das, was an einem Film interessant ist: Wenn er uns irgendwohin führt, wo wir nie sein werden, nie sein möchten, und es uns trotzdem vorführt, und wir uns unbehaglich fühlen und gleichzeitig irgendwie aufgehoben? Weil wir wissen, dass hier das Seltsame hin zum Absurden geführt wird, dass es also existentialistisch wird, irgendwo, irgendwie, dass irgendwas Allgemeines, Wahres dran ist? (Auch wenn wir nicht herausfinden, was genau?)

Tatsächlich, der Abspann verrät es: der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Was ihn noch merkwürdiger erscheinen lässt. Wobei wahre Geschichte ein dehnbarer Begriff ist. Die Bauers wohnen in einem Mittelstandshaus, benehmen sich dazu wie Prolls, wahren einen Sinn für Ästhetik, der in merkwürdig gedämpfte Wutausbrüche ausarten kann. Sie sitzen in kurzen Hosen auf dem Ledersofa; Vater Wolfgang - mit erstaunlichem Gebiss - wills schön haben beim Hartwurstessen und spießt sie sorgsam auf Zahnstocher auf. Um dann Fiona mit Kartoffelsalat zu vergewaltigen: er stopft ihn ihr ins Maul, penetriert sie damit oral, es ist zum Kotzen absurd.

Mutter Claudia kümmert sich um die Kinder. Um die Jüngsten, zwei Babies. Der ältere Sohn mit Anzeichen von Hyperaktivität ist Fiona überlassen, die 15jährige Tochter macht mit einem 30jährigen rum, der nie irgendwas zustandebringen wird. Claudia aber pflegt Haushalt und Babies, redet sichs zumindest ein, wenn sie nicht in wahlweise aggressiver, wahlweise phlegmatischer Depression versinkt. Dass die Babies keine echten sind, sondern nur Puppen, die sie an Babies statt angenommen hat, ist nicht weiter der Rede wert; der Film zeigt's zwar, weist aber niemals explizit darauf hin. Was eine Qualität für sich ist, nicht alles auszusprechen, die den meisten zumal deutschen Filmen fehlt.

Eine völlig verkorkste Familie also, Verwirrung beim Zuschauer, eine beobachtende und teilnehmende Fiona; und eine dickliche, ältere Dame, die immer wieder durch den Zaun guckt, im Garten auftaucht, den Eltern ein Gespräch reindrückt. Wer ist sie eigentlich??? Gut, dass wirs nicht wissen, Information würde dem Film viel wegnehmen.

Was Krummacher zeigt, ist eine Ulrich-Seidl-Familie mit Schlingensief-Problemen. Eine Mischung, die verstört und fasziniert. Am 26. April hatte der Film Kinostart; vielleicht kommt er ja mal bei Ihnen vorbei.

Harald Mühlbeyer

FddF LU: Die Eröffnung mit "Blaubeerblau"

Das Festival des deutschen Films hat den expliziten - auf den weitgestreuten Flyern zum Ausdruck gebrachten - Anspruch, "die besten Filme des Jahres" zu zeigen. Das ist sehr ambitioniert und von großem Selbstbewusstsein gekennzeichnet; und es ist schwammig genug, um so einigermaßen durchzugehen: wer entscheidet denn über "das Beste"? Kommt der Film beim Publikum an, ist dies der Beweis für seine Güte; kommt er weniger an, hat er künstlerische Qualitäten: eine Win-Win-Situation.

Zur Eröffnung "Blaubeerblau", ein Fernsehfilm, verantwortet von BR und MDR, mit allem, was einen Fernsehfilm ausmacht: Unterhaltung diesseits von Christine Neugebauer, die ihn für einen angenehmen Mittwochabend qualifiziert; man kann zwischendurch aufs Klo gehen; und er erfüllt einen gewissen Bildungsanspruch.
Ersteres bewirkt einen Publikumsappeal, der sich in minutenlangen Ovationen ausdrückte, weil sich in dem Film das Publikum wie in einem weichen Kissen gemütlich ausruhen konnte; eine recht vorhersehbare Dramaturgie mit einer Handlung, die immer wieder zum Schmunzeln oder gar zum Lachen reizt; und das Thema des Sterbehospizes.

Letzteres freilich: das sichtliche Bemühen, ein achso sperriges Thema dem Publkum schmackhaft zu machen, machte mir den Film gleich zu Anfang unsympathisch. Da wird drauf rumgeritten, dass der Architekturbüroangestellte Fritjof (Devid Striesow) ein Hospiz ausmessen muss, das erweitert werden soll, und Striesow zeigt mit allen Fasern seines Körpers die Reserviertheit, Unsicherheit, Ablehnung des Gedankens ans Sterben. Jahaa, das ist ein Tabuthema, so heißts mal im Film, aber gehört zum Leben dazu! Und erklärt erstmal, was ein Hospiz ist, und muss erstmal genauestens die eigene Courage feiern, dieses "heiße Eisen" anzupacken, und impliziert stets einen Zuschauer, der sich vor dem Thema fürchtet und lieber nichts davon wissen will. Und das ist ja nunmal fraglich, vor allem bei einem ARD-Publikum jenseits der Wechseljahre, das ohnehin dem Sterben näher ist als der Geburt. Hat man wirklich diese Manschetten im Angesicht des Todes? Viel eher scheint der Film im Sturm offene Türen einzureißen mit seiner Behauptung der Brisanz (und damit der Relevanz) seines Themas; das er ja zudem erstmal noch zu erklären müssen glaubt.

Nach ner halben Stunde wirds besser, Striesow im Hospiz beim Messen, trifft auf einen krebskranken früheren Schulkamerade, den Stipe Erceg überzeugend spielt, etc.pp.; jetzt spielt Striesow nicht mehr so überdeutlich, sprich: schmierendarstellerhaft, sondern macht seine kleinen Gestiken und Mimiken, die er so gut beherrscht. Vorhersehbar bleibts immer noch; wird aber jedenfalls erträglicher.

Eröffnungsfilm eines Festivals der besten Filme des Jahres aber hätte dies nicht sein sollen.

Harald Mühlbeyer

Festival des deutschen Films Ludwigshafen

Heute Abend beginnt das 8. Ludwigshafener Festival des deutschen Films: bis zum 24. Juni laufen 31 Filme - deutsche Produktionen, aber auch drei aus den Nachbarländern Österreich und Schweiz. Dazu gibt es täglich Kinderfilme, und zudem die Übertragung des EM-Spiels Deutschland-Dänemark.

Wie immer findet das Festival auf der idyllischen Parkinsel statt; wie immer in Zeltkinos; wie immer werden zehntausende Besucher da sein; wie immer gibt es einen Filmkunstpreis, dotiert mit Euro 50.000; wie immer laufen Filme, die schon neu sind, neben solchen, die schon in Kino und Fernsehen gezeigt wurden; wie immer wird zwischen Kino- und TV-Film kein Unterschied gemacht. Wie immer ist der Anspruch, die besten Filme überhaupt zu zeigen.

Ob das insgesamt gelingt, ist eher zweifelhaft; immerhin läuft der recht klug ausgedachte, aber eher mäßig ausgeführte "Die Vermissten" von Jan Speckenbach, in dem André Hennicke in eine Welt hineinstolpert, die ihre Kinder frisst. Andererseits kann man hier zum Beispiel Hans-Christian Schmids großartigen "Was bleibt" sehen, in dem Corinna Harfouch nach jahrelanger Therapie aus eigenem Entschluss ihre Antidepressiva absetzt und damit bei ihrer Familie in Ungnade fällt. "Fenster zum Sommer" von Hendrik Handloegten ist eine schöne Liebesgeschichte um parallele Leben; "Das Meer am Morgen" von Volker Schlöndorff eine multiperspektivische Annäherung an die nazideutsche Willkür im besetzten Frankreich der 1940er Jahre.

Sandra Hüller - von der im letzten Jahr zwei Filme in Ludwigshafen liefen - wird dieses Jahr ohne aktuellen Film mit dem Preis für Schauspielkunst ausgezeichnet, genau wie Otto Sander, dessen "Bis zum Horizont, dann links!" auf der Parkinsel läuft.

Wie immer wird unser Reporter Harald Mühlbeyer direkt vom Festival berichten.

Alle Infos zum Festival des deutschen Films HIER.

Theater: "Der Fall M.M." - Hinter die Fassaden blicken und Marilyn feiern


Eine ungewöhnliche Mischung aus Ballett, Schauspiel und Musical kommt Marilyn Monroe näher als eine Imitation

Von Tonio Gas mit Bettina Uhlich


Am Abend des 28.4.2012 öffnete sich der Vorhang des Schauspielhauses Kiel für die Premiere von „Der Fall M.M.“. Er wollte sich am Ende angesichts frenetischer Standing Ovations gar nicht mehr schließen. Dabei scheint die Beschäftigung mit Marilyn Monroe als Mythos und als Kriminalfall eher ein undankbares Thema. Sicherlich, das eine wie das andere fasziniert noch heute, aber beides hat auch schon zu inflationären voyeuristischen Publikationen und abstrusen Verschwörungstheorien geführt. Wer etwas über Marilyn machen will, muss sich also von der Masse abheben. Spekulationen über ein Mordkomplott der CIA und / oder der Kennedybrüder sind mit den Jahren zahlreicher, aber nicht besser geworden; laut dem seriösen Marilyn-Biographen Donald Spoto ist vieles davon nachweislich Unsinn.

Doch dann hat das Stück überzeugt, dessen Vielseitigkeit sich kaum in einer Inhaltsangabe zusammenfassen lässt. Ausgehend vom Kriminalfall – wie starb MM? – tritt Mr. Clemmons (Rudi Hindenburg) als Ermittler und Erzähler auf. Als erster Polizist bei der toten Marilyn lässt ihn der Fall nicht mehr los, in dem er gegen Vertuschungsbemühungen schließlich auf eigene Faust ermitteln muss. Hier ist „Der Fall M.M.“ klassischer Film Noir, der Detective gegen den Sumpf, der karge Schreibtisch am Bühnenrand das archetypische Setting, die Kommentare fast wie ein Voice Over, die Erzählung in Rückblenden, die aber immer wieder in die Gegenwart springt. Clemmons ist Erzähler, Kommentator, aber auch selbst Teil der Handlung, insoweit sie in der Gegenwart spielt. Hindenburg spielt ihn souverän und weiß sehr genau, was er da tut und tun soll.

Clemmons steht für den Versuch der Wahrheitsfindung, das Stück passt sich dem an, indem es im Gegenwartsteil reines Schauspiel ist. Weil man die Vergangenheit höchstens erahnen, aber nicht genau rekonstruieren kann, wählt die Inszenierung eine Form der Verfremdung: Klassischer Tanz und gesungene Musicalnummern wollen nicht darstellen und behaupten nicht genau zu wissen, wie es alles genau war, mit Marilyn. Aber wie man es sich vorstellen könnte. Fantasievolle Formen für etwas, das immer ein Teil unserer Fantasie bleiben muss. Das Stück von Autorin und Regisseurin Jana Pulkrabek wahrt eine sympathische Bescheidenheit und münzt sie in Kreativität um. Clemmons bietet zwar am Ende den Versuch einer Antwort an; doch ist dies ein Stück, welches offen zugibt, nichts Genaues wissen zu können.

Vergangenheit und Gegenwart berühren sich, können aber nie miteinander verschmelzen. Hindenburg ist Schauspieler. Sonia Dvorak, die Darstellerin Marilyn Monroes, ist Tänzerin. Sie können nicht zusammenkommen, er kann sich ihr nur zu nähern versuchen. Sie lebt in einer anderen Zeit, einer anderen Welt, Clemmons hatte sie nie kennengelernt und versucht es nun postum. Also hat Dvorak eine andere künstlerische Ausdrucksform als Hindenburg. Das Crossover aus Schauspiel und Tanz ist nicht nur, wie Generalintendant Daniel Karasek meinte, eine große selbstlose Geste des neuen Ballettchefs Yaroslav Ivanenko. Es drückt auch kongenial die Verschiedenheit von gegenwärtigem Whodunit und vergangenem Geschehen aus, das als Mythos, aber nicht als exakt rekonstruierbare Realität weiterlebt. Drum hat Dvorak eine (gefühlt) kürzere Bühnenpräsenzzeit als Hindenburg, aber ist dennoch mit Recht die Hauptperson und darf in jedem Auftritt faszinierende Akzente eines Puzzles setzen. Das Zusammenpuzzlen dauert länger, ist mühevoller.

Da ist es nur konsequent, wenn der Mythos sich dem Versuch widersetzt, die Realität eins zu eins abzubilden. Man kann sich Marilyn gerade nähern, indem man gar nicht erst eine Imitation versucht; darum hat es ein aus verschiedenen Formen zusammengesetztes Theaterstück leichter als ein Film, der im klassischen dramatischen Sinne eine Geschichte erzählt.

Dvorak ist eine berührende, ausdrucksstarke Marilyn, die zum Glück nicht ganz auf den Kultfaktor verzichtet hat und der man ansieht, dass sie gewisse Posen MMs einstudiert hat. Sie darf wunderschön designte Marilyn-Kleider in den Primärfarben Weiß und Rot tragen, die auch auf vielen MM-Fotos prägend waren. Sie darf jenseits des Balletts in Musicaleinlagen wie Marilyn tanzen – und singen! Geschickt haben Pulkrabek und Ivanenko einige der bekannten musikalischen Highlights der Filme ausgewählt, ohne dies jemals zur bloßen Nummernrevue verkommen zu lassen. Mit der Jugendfreundin und Filmpartnerin Jane Russell (Pina Bergemann) darf Marilyn noch einmal „We’re just two little girls from Little Rock“ darbieten, und auch bei „My Heart Belongs to Daddy“ nochmals das kleine kokette Mädchen sein. Der wehmütige Song „One Silver Dollar“ stellt aber den eigentlich Gänsehautmoment dar, der bezeichnenderweise relativ weit am Ende des Stückes erklingt.

Überhaupt gewann das Stück nach einem überraschend schnell und unvermittelt zu Ende gegangenen ersten Akt an emotionaler Intensität. Gleichwohl war die Grundstruktur bereits in der ersten Hälfte gelegt worden, die mehr als oberflächliche Spaß-Musicalnummer mit ein bißchen Schauspiel und Tanz war. Hier hatte Hindenburg die wichtige Eröffnung in die detektivische Rückblendenstruktur. Hier konnte Dvorak mit ihrer Singstimme beeindrucken, die nicht ausgebildet ist, aber umso authentischer wirkte und Marilyn näher kam als die gesanglich Marilyn sehr fremd wirkende Michelle Williams. Allmählich vermischen sich Realität und Film- bzw. Starkult, und plötzlich erkennen wir eine Szene durch das Auftauchen und Sich-Formieren mehrerer Darsteller als Musicalnummer aus „Gentlemen Prefer Blondes“. Und dann kommt auch schon der Song von den kleinen Mädchen aus Little Rock, Marilyn als kleines Mädchen, aber auch als Star-Blondine, da lässt die Bühne nicht nur Raum für den Tanz, sondern auch für die Fantasie und eigene Interpretationen.

Natürlich haben diese Musicaleinlagen und ihre Abfolge nicht nur einen dramatischen Zweck, sondern sollen auch Spaß machen und den Kult feiern. Das Stück blickt hinter die Fassaden, ohne zu vergessen, Marilyn hochleben zu lassen. Das ist vielleicht die schönste Kreisquadratur, die die Unmöglichkeit, sich MM komplett zu erschließen, am besten ausdrückt. Eine ausgebildete Sängerin hätte eher geschadet; Dvorak hat hörbar viel aufrichtiges emphatisches Interesse an Marilyn, die sie doch weder sein kann noch will. Geschickte Regie-Einfälle unterstützten Dvoraks Eigenständigkeit gegenüber Marilyn. So wechselt beispielsweise einmal Dvoraks Stimme auf diejenige Marilyns über, wir bemerken es kaum, aber am Schluss – singen beide im Duett.

Kreativität und Authentizität vereinigen sich ferner in den klassischen Tanzszenen. Da gibt es nicht nur die Show-Einlagen, sondern originelle tänzerische Versinnbildlichungen von Situationen aus Marilyns realem Leben. Man muss einfach gesehen haben, wie kurz vor Schluss Joe DiMaggio (Alexander Abdukarimov) und Marilyn einen abenteuerlichen und hochgradig artistischen (dabei aber nicht offen spektakulären) pas de deux vollführen, bei dem sie weitgehend sitzen (!), schwungvoll und mit großem Gestus nacheinander greifen, aber einander immer wieder knapp verfehlen. Das sieht nicht nur schlangenartig elegant aus, sondern es verschafft auch einen wehmütigen Eindruck davon, dass der reale DiMaggio Marilyn kurz vor ihrem Tode erneut heiraten wollte und Hoffnung auf eine positive Wendung in ihrem Leben bestand. Das Glück ist sozusagen mit den Händen zum Greifen nahe, aber die beiden können es, können auch einander nicht greifen und fassen immer haarscharf daran vorbei. Einmal agiert Marilyn mit sich selbst als Kind, und plötzlich muss die erwachsene Marilyn und müssen auch wir überrascht feststellen: Das Kind ist verschwunden, das Kinderbett ist leer, Marilyn umarmt eine (im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Bettzeug gebildete) leere Hülle – eine Illusion, eine Sehnsucht auch. Und wie die verlorene Kindheit muss auch der Fall M.M. ein Mysterium bleiben, das wir nicht zu fassen bekommen können.
Clemmons bietet zwar eine Antwort an, aber Marilyn wird dadurch nicht in die reale Welt überführt und fassbar gemacht, sondern schwebt mit einem ätherischen Lichtschein in einer ihrer letzten Szene schon ein bißchen jenseits der Lebenden, aber damit auch jenseits des Fassbaren. Eine Legende, ein Mysterium. Aber sie ist nun immerhin Teil der Bretter, die die Welt bedeuten.