FILMZ zum 10.! Mit Neu und Mehr!

FILMZ Festival des deutschen Kinos feiert Jubiläum mit zwei neuen Wettbewerben und mehreren Sonderveranstaltungen.

Was im Jahr 2001 vergleichsweise klein begann, hat sich zu einer festen Institution in der Kulturlandschaft des Rhein-Main-Gebietes entwickelt. Aber auch über diese Grenzen hinaus hat das Festival des deutschen Kinos in Mainz sich einen Namen gemacht. FILMZ wird zehn und will dies mit den Mainzern feiern!

Ende November 2010 präsentiert FILMZ wieder das Neueste und Spannendste, was der junge deutsche Film zu bieten hat: Produktionen aus den Bereichen Lang- und Kurzfilm und mittellange Filme zwischen 20 und 45 Minuten. Erneut wird auch den Werken lokaler Filmemacher eine eigene Filmreihe gewidmet. Neu in diesem Jahr sind zwei Wettbewerbe: Für mittellange Filme sowie für Dokumentarfilme wird zum ersten Mal ein Preis vergeben – wie gewohnt bei FILMZ entscheidet das Publikum, wer gewinnt! Den Regisseuren winkt ein Preisgeld von 750,- Euro bei den mittellangen Filmen (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Match Cut) und 1.000,- Euro beim Dokumentarfilm (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der SCHOTT AG).

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums sind mehrere Sonderveranstaltungen geplant:

Unter dem Titel „Die Nullerjahre: Zwischen Stagnation und Innovation? Symposium zur Entwicklung des deutschen Films im neuen Jahrtausend“ bietet der „Tag des deutschen Films“ u.a. eine Podiumsdiskussion mit namhaften Vertretern der Branche.

Die Filmvorführung „Best of FILMZ“ zeigt die besten elf Kurzfilme aus den vergangenen zehn Jahren.

Eine Jubiläumsgala präsentiert weitere Höhepunkte aus der Geschichte des Festivals, u.a. wird einer der Gewinnerfilme wiederholt – hier durften die Leser der MRZ die Auswahl treffen.

Das FILMZ 2010 findet vom 23. bis 28. November statt.

Mehr: Hier!

Mainzer "Capitol" und "City" ausgezeichnet

Die beiden Mainzer Kinos Capitol und City sind am 30.09. in Berlin für ihr herausragendes Jahresfilmprogramm ausgezeichnet worden. Mit dem Kinoprogrammpreis des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien werden bundesweit Filmtheater prämiert, die sich durch ein anspruchsvolles Programmprofil hervorheben.

Glückwunsch!

Grindhouse-Nachlese: Zombie am Glockenseil und Frauen für Satan

„Seven Women for Satan“ / „Les Week-Ends Maléfiques du Comte Zaroff”, F 1974, Regie: Michel Lemoine

“City of the Living Dead” / “Ein Zombie hing am Glockenseil” / "Paura nella città dei morti viventi", I 1980, Regie: Lucio Fulci


Ein Priester hat sich erhängt, im Kaff Dunwich irgendwo jottwede, zugleich erleidet in New York eine junge Frau, Mary, während einer spiritistischen Séance einen Anfall und stirbt; und die Toten steigen aus ihren Gräbern: auf dem Friedhof in Dunwich buchstäblich, in New York wird Mary, in totenähnlicher Trance lebendig begraben, gerade noch aus dem schon vergrabenen Sarg gerettet. Die Tore der Hölle haben sich geöffnet, erklärt das Geisterseher-Medium, wie es im uralten Buch Enoch vorhergesagt ist. Im Übrigen liegt Dunwich auf den Ruinen der Hexenstadt Salem.

Man darf gar nicht darüber reden, was am Abend des 18. September im Mannheimer Cinema Quadrat vor sich ging. Denn Lucio Fulcis Film „Ein Zombie hing am Glockenseil“, gezeigt in der englischen, ungeschnittenen Fassung titels „City of the Living Dead“, ist in Deutschland indiziert und damit verboten – zumindest auf dem Video- und DVD-Markt. Was ist so besonderes an diesem Film, warum darf keiner ihn sehen? Folgt man Wikipedia und diversen Internetrezensionen, war der Aufruhr, den der Film Anfang der 1980er entfachte, vor allem auf einen ZDF-Bericht über gewalttätige Filme im neu aufkommenden, noch weitgehend ungeregelten Videomarkt zurückzuführen – der sich im Speziellen auf eine sehr explizite, grausame Tötungsszene kaprizierte, die Fulci etwas unglücklich als kritische Referenz auf den Faschismus deutete… Dabei ist die Sache an sich recht eindeutig: Der von der Dorfbevölkerung (zu Unrecht) als Mörder vorverurteilte Ben ist auf der Flucht, pennt in einem Auto in einer unabgeschlossenen Garage, wird morgens von einer Bekannten (die keinen BH trägt, huhu) entdeckt und angeflirtet, woraufhin deren Vater Ben packt, ihn auf die Zuführleiste einer enormen Bohrmaschine legt (die zuvor schon unheilvoll ihre Spitze der Kamera entgegenreckte) und langsam, aber stetig Bens Kopf dem sich drehenden Bohrer entgegenzwingt, der in seine Wange eindringt, durch den Kopf bis auf die andere Seite durch. Ohne Gefühlsregung des Mörders, mit der Verzweiflung in den Augen des machtlosen Opfers zeigt Fulci fast schon genüsslich den gesamten Vorgang, ein reiner reißerischer Gewaltakt, den er da zum Amüsement der Splatterfans, zum Schrecken der Moralwächter inszeniert.

Doch dann ist da noch ein anderer Aspekt, einer, der tiefer und weiter greift als die bloße Brutalität der Szene. Denn Ben, mit rotentzündeten Augen, apathischem Blick, schlurfendem Gang, hinkendem Bein entspricht im Grunde ganz der Physiognomie und Motorik von Zombies; ohne einer zu sein. Der Priester, der sich erhängte und die Zombieplage damit (wie auch immer) auslöste, hat in seinem schwarzen Anzug, dem blassen Teint, den durchdringenden Augen den Habitus der klassischen Vampirdarstellung; ohne einer zu sein. Die Untaten der Zombies sind aus allen möglichen Versatzstücken des Genres zusammengestückelt: eine vergammelte, wurmbefallene, stinkende Schleimmasse als Hinterlassenschaft ist das, was von einem ihrer Opfer übrigbleibt; andererseits ist eine beliebte Methode auch das Zerquetschen des Kopfes und Herauspressen von Gehirnmasse; wie auch, ganz klassisch, das Auffressen der menschlichen Beute. Der Zombie-Priester hat sich spezialisisert: Auf einem klassischen Makeout-Spot halten Teenager ein klassisches Schäferstündchen im Auto, fummeln ein wenig, als der untote Pater erscheint und starrt; einfach nur starrt. Bis die Augen des Mädels zu bluten anfangen, immer mehr, und zu den roten Tränenflüssen sich auch noch das gesellt, was das Mädel auskotzt: ihre eigenen Innereien. Einen Angriff mit der biblisch erscheinenden Plage millionenfacher Maden gibt es auch; und die Zombies können überdies durch den Raum springen, eine Art Telekinese: von hier nach da, ohne Zeitverlust.

Fulci zelebriert also ein Verschieben, ein Übereinanderschieben verschiedener Horror-Szenarien, ergänzt durch historisch vertiefende Mythen wie der Salem-Hexenrausch oder 4000 Jahre alte Prophezeihungen, durch Spiritismus und das Begräbnis einer Scheintoten. Was alles gar nicht zueinanderpassen will, so dass in dieser Gemengelage auch locker die monolithische Mordszene an Ben ihren Eingang findet in diesen Film, ihre Nische, ihre Daseinsberechtigung. Der Schock kommt dabei vor allem aus der Masse des indisparaten Horrorkabinetts – und aus der unheimlichen, untergründigen Verunsicherung, die Fulci erzeugt, vielleicht beabsichtigt, vielleicht als Nebenprodukt des Horrorgemischtwarenladens, den er mit dem Film eröffnet hat.

Es gibt klare Erwartungen im Horrorgenre: dass das Teenager-Liebespärchen eines schrecklichen Todes sterben wird ist ebenso klar wie die schlussendlichen Tötungen der Kneipenhocker, dörfliche Spießer, die Fulci als prädestinierte Opfer einführt und deren vorgeahnte Tode er auch erfüllt.

Doch dazu kommt die zu Anfang stark kontrastierende Dramaturgie, die von Ort zu Ort, von Person zu Person, von Unheimlichkeit zu Comic Relief springt, ohne dass der Zuschauer diese Einzelteile zu einem Ganzen zusammensetzen könnte, so dass er gar nicht weiß, woran er eigentlich ist. Und dazu kommen insbesondere die unerwarteten, unerwartbaren Todesfälle: scheinbare, wie im Fall der Unheil vorhersehenden Mary, die in todesähnliche Trance fällt, noch ehe man bemerkt, dass sie eine der Hauptpersonen wird. Und tatsächliche: Todesfälle, die auch gerne Hauptfiguren, ja Helden betreffen. So dass sich der Zuschauer letztendlich an nichts festhalten kann, weil alle festen Kategorien, alle personalen Sicherheiten wegfallen: wirklich jeder kann der nächste Tote im Film sein, ungeachtet der Rolle, die er darin spielt; Hitchcocks „Psycho“-Clou der Ermordung der Hauptfigur in Permanenz. Und das bewirkt eine viel tiefere Verstörung im Zuschauer als die oberflächlichen (und einfach zu kritisierenden) Gewaltszenen. Dass Fulci dem Zuschauer, der sich auf sicherem Genre-Gebiet zu befinden meint, den Boden derart fundamental unter den Füßen wegzieht: Das macht aus „Ein Zombie hing am Glockenseil“ schon wieder so etwas wie ein Meisterwerk in seiner Sparte.

Im Gegensatz dazu: „Seven Women for Satan“ von Michel Lemoine. Dass der Teufel nicht vorkommt, sondern nur sensationsheischend in den Titel gesetzt wurde, ist ja erwartbar; aber es sind halt auch keine sieben, sondern nur sechs Frauen, die der grausame Graf Zaroff auf dem Gewissen hat – schon von Anfang an ist der Film also falsch! Diese Frauen immerhin sind weitgehend nackig, das hat schon mal was – wobei leiderleider die anscheinend enorme Oberweite von Martine Azencot nicht recht ins Bild gerückt wird, auch nicht, wenn sie sich autoerotisch mit einer Federboa im Bett räkelt, während der Graf sie durch einen Einweg-Spiegel lüstern betrachtet als Zuschaueräquivalent im Film… Später wird sie von seinem Hund durchs Schloss verfolgt, gepackt und zerrissen werden: so ist das, wenn man sich nichts ahnend mit dem Grafen einlässt.

Der Anfang des Filmes ist nicht schlecht: Eine Nackte flieht durch den Wald, ein Jagdhund rennt hinter ihr her, und Graf Zaroff, großgewachsen, hager, mit durchdringend-düster-unheilschwangerem Blick (von Regisseur Lemoine selbst gespielt) auf dem Pferd ist auch unterwegs. Wobei man nie recht weiß, wer eigentlich mit wem gerade zugange ist, weil alle drei dieser Verfolgungsjagd je einzeln gezeigt werden, und nur am Ende fügt es sich irgendwie zusammen, dass Graf und Hund die Frau jagen – als sie mit zerschmettertem Kopf einen Abhang hinuntergestürzt ist. Sein zweites Opfer ist eine Anhalterin – dass sie allein unterwegs ist und keiner sie vermissen wird, weckt die Erregung in ihm, die Obsession: einer Nacht in seinem Schloss, drogenumnebelt, in der sich allerlei Sexfantasien erfüllen, ohne dass sie handgreiflich manifest würden, folgt ein Schäferstündchen im Wald, Gewalt, Flucht, Verfolgung der Halbentkleideten im Auto über eine Kuhweide. Dann überfährt er sie und ist entsetzt: Das wollte ich gar nicht. Ach, du bist nur eine Puppe, eine zerbrochene Puppe, ergeht er sich in sinnierendem Selbstmitleid – ein sicherer Lacher im Publikum.

Wie schon zuvor, nach der Nackte-Jagd im Wald: Ein abrupter Schnitt, wir sehen Zaroff in seinem großstädtischen Büro, mit den Gedanken weit weg, der, von seiner Sekretärin angesprochen, aufruckt und seinen Träumen von Sex und Tod entrissen wird: Ja, das war schon was am Wochenende, eine Tote mehr, die keiner vermisst, einmal mehr den Obsessionen gefrönt, eine weitere spekulativ-exploitative Szene in diesem wirklichen Trashfilm… unfreiwillig komisch, das ist die Krux des Films: Dass er eben wirklich dilettantisch ist, zwar eine vage Ahnung davon hat, was der Zuschauer erwarten könnte – Nacktheit, Sex, Sadismus, Gewalt in einem Horror-Crime-Setting –; dass er aber eben doch am Zuschauer vorbei filmt. Die Sexszenen, geschult an Jess Franco, sind noch angehaucht von einer gewissen 70er-Jahre-Nostalgie-Sexiness, aber andererseits nicht viel mehr als Laientheater. Und der Schrecken, die Brutalität, die der Film hinzufügt in den Mord-Obsessionen des Grafen Zaroff, sind halt doch recht lächerlich; ohne den Charme von, sagen wir, Roger Cormans Poe-Verfilmungen aus den 60ern, oder ohne die Drastik, die zeitgleich im sonstigen Grindhouse-Kino zelebriert wurde.

Da hilft es auch nicht, die Verwirrung zu steigern und den Diener des Grafen einen ganz eigenen, meta-bösen Plot planen zu lassen; oder Zaroffs Psychologie zu vertiefen mit seiner Besessenheit für eine längst verstorbene Adlige, die ihm immer wieder als Geist erscheint, deren lockender Erotik er mit der Erotik seiner Morde zu begegnen versucht. Der Film ist allemal witzig: Wenn eine junge Blonde in ihrem Zimmer im Schloss lustig tanzt, dann erschrickt, weil sie durchs Fenster eine nackte Tote unten im Park sieht, und nach ignorantem Nörgeln des Ehegatten gleich wieder weiter ihre Pop-Bewegungen zur Musik aufnimmt… Aber das, was Lemoine will: nämlich den Zuschauer in den tiefsten Trieben seines Unterbewussten zu kitzeln, wo Eros und Thanatos sich ein Stelldichein geben: das erreicht er nie, nicht im Entferntesten.

Harald Mühlbeyer

Filmreihe Kinoseminar Filmpropaganda im Murnau-Kino

Die neue Filmreihe "Kinoseminar Filmpropaganda" im Wiesbadener Murnau-Kino startet am Donnerstag, 14. Oktober, um 18 Uhr mit einer Vorführung des antisemitischen Hetzfilmes "Jud Süß" von Veit Harlan; die Vorführung wird am Dienstag, 26. Oktober wiederholt. Zudem läuft im Rahmen der Reihe am 15. Oktober, 18 Uhr sowie am 29. Oktober 20 Uhr die Dokumentation "Harlan - Im Schatten von Jud Süß".

"Jud Süß" ist der berüchtigste Nazi-Propagandafilm, einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt - und was Inszenierung, Darstellung, psychologische Charakterisierung, Dramatisierung des Geschehens angeht auch einer der besten in der deutschen Filmgeschichte. Und zudem ein übles Hass-Werk mit belegt aufhetzerischer Wirkung. Deshalb darf der Film in Deutschland nur mit Einführung und Diskussion vorgeführt werden - in Wiesbaden wird der Filmexperte Horst Walther vom Institut für Kino und Filmkultur den Film begleiten.
"Jud Süß" ist derzeit sicherlich von großem Interesse, weil der Film im Mittelpunkt von Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" steht, einem Biopic über den Süß-Darsteller Ferdinand Marian. In Wiesbaden kann man das Original sehen - und sich zugleich mit einem Kapitel der deutschen Filmgeschichte beschäftigen, das berüchtigt ist, aber auch weitgehend unbekannt.

Denn die sogenannten Vorbehaltsfilme - die explizit propagandistisch ausgerichteten Filme des Dritten Reiches - dürfen hierzulande nur unter strengen Auflagen vorgeführt werden. Dennoch muss die Auseinandersetzung mit der rassistischen, volksverhetzenden oder kriegsverherrlichenden Filmpropaganda geführt werden. Dazu will die Reihe "Kinoseminar Filmpropaganda" ihren Beitrag leisten, indem Vorbehaltsfilme aus den Beständen der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit wissenschaftlich kompetenter Einführung und Nachbesprechung aufgeführt werden.

Die Reihe wird in den nächsten Monaten mit "Hitlerjunge Quex" und "Kolberg" fortgesetzt werden. Nähere Infos in den monatlich erscheinenden Programmflyern und auf www.murnau-stiftung.de.

Trickfilme im Wiesbadener Schloss

vom 14. bis 17. Oktober findet im Wiesbadener Schloss Biebrich das Internationale Trickfilmwochenende statt; und das schon zum zwölften Mal.

In verschiedenen Programmsektionen zeigt der Veranstalter Freunde der Filme im Schloss insgesamt 135 Filme aus 29 Ländern: "Best of International Animation", "Young Animation" mit Studenten- und Diplomfilmen, dazu in Best-of-Programmen die Hauptpreisträger der wichtigsten in- und ausländischen Trickfilmfestivals und -wettbewerbe: Oscargewinner und -nominierte, Studentenoscargewinner, Preisträger der Goldenen Palme von Cannes, "Le Cristal d'Annecy" und viele andere preisgekrönte Filme mehr.

Eine retrospektive Reihe ist dem Internationalen Trickfilmfestival von Annecy gewidmet, das in diesem Jahr sein 50jähriges Bestehen feiert.

ALle Infos, Programm und Tickets unter www.filme-im-schloss.de.

Schlingensiefs Kettensägen in Wiesbaden

Am Mittwoch, den 6. Oktober, läuft im Wiesbadener Murnau-Kino, gegenüber vom Schlachthof, um 20 Uhr Christoph Schlingensiefs grandios-wirr-wahnsinnig-komisches Politdrama "Das deutsche Kettensägenmassaker".

Darin metzelt Schlingensiefs Truppe von Irren wehrlose Ossis nieder, die nach der Wiedervereinigung in den Westen kommen - ach, und natürlich ist der Film noch viel mehr als das.

Als Überraschung wird Screenshot-Redakteur Harald Mühlbeyer vor dem Film eine kurze, unangekündigte Einführung halten.
Wir sehn uns, wo die Säge knattert!

Auf DVD: „Precious – Das Leben ist kostbar“ – Emanzipation durch Bildung

„Precious: Based on the Novel „Push“ by Sapphire“. USA 2009, Regie: Lee Daniels

Beim Sundance Filmfestival 2009 gewann PRECIOUS den Jury- und den Publikumspreis. Weitere Preise folgten. Höhepunkte waren der Golden Globe sowie der Oscar für Mo’Nique als beste Nebendarstellerin und ein weiterer Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Neben den Amerikanern, die den Film euphorisch feierten, gab es auch jene, die ihn wütend verrissen. Die schwersten Vorwürfe erhoben afroamerikanische Kritiker, die in PRECIOUS eine Anhäufung von negativen und erniedrigenden Klischees über schwarze Amerikaner sahen. In Deutschland wäre der Film beinahe nicht in den Kinos gestartet. Kein Verleih wollte ein Sozialdrama zeigen.

Die Filmheldin, die 16-jährige Claireece Jones, genannt Precious, ist extrem übergewichtig, schwarz und Analphabetin. Sie wächst in Harlem auf, jenem Stadtteil, der zum Zeitpunkt der Filmhandlung, 1987, zu den heruntergekommensten afroamerikanischen Vierteln New Yorks gehörte. Weil sie zum zweiten Mal schwanger ist, wird Precious von der Schule verwiesen.

Zuhause auf dem Sofa vor dem Fernseher wartet Precious’ nicht ganz so fettleibige Mutter Mary, gespielt von der Entertainerin Mo’Nique. Sie interessiert sich für die schulische Laufbahn ihrer Tochter nicht im geringsten. Wichtig ist ihr nur der Scheck von der Fürsorge und dass ihre Tochter den Haushalt nach ihren Wünschen schmeißt. Wie eine Sklavenhalterin scheucht sie Precious durch die armseligen vier Wände. Precious’ Zuhause gleicht einer Hölle. Tagtäglich muss sie extreme Erniedrigungen und körperliche Gewalt durch die Mutter und seit ihrem dritten Lebensjahr den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater ertragen. Ihr Rufname – er bedeutet wertvoll, kostbar, heiß geliebt – klingt angesichts dessen wie beißender Spott. Den Momenten akuter Demütigung und Gewalt entzieht sich Precious, indem sie in Tagträume flüchtet. In ihnen ist sie ein von den Massen umjubelter, begehrter Star.

Inszeniert Regisseur Lee Daniels (Produzent von MONSTER’S BALL und THE WOODSMAN) manche Szenen wie ein Gespräch mit der Schuldirektorin Mrs. Lichtenstein zurückhaltend, fast dokumentarisch, so wechselt er in den Sequenzen häuslicher Gewalt die Bildästhetik. Dramatische Low-key-Ausleuchtung, bei gleichzeitig hoher Farbsättigung, Detailaufnahmen und Zeitlupen heben die Szenen deutlich aus der übrigen Erzählung heraus. Mittels geschickter Montage wird in Rückblenden die Vergewaltigung durch den Vater andeutungsweise eingeflochten und verknüpft mit Precious Teenagerfantasie. Anschließend nimmt Daniels die Auseinandersetzung in der dunklen Wohnung in Harlem wieder auf.

Während die abstoßenden Bilder die Vergewaltigung „nur“ andeuten, ist die Sprache extrem obszön und verletzend. Daniels gelingt in diesen Szenen sowohl eine Sogwirkung, der sich das Publikum bei aller Mühe um innere Distanz nur schwer entziehen kann, gleichzeitig macht die farbige Inszenierung der Tagträume das Elend – ebenso wie für die Heldin – auch für den Zuschauer erträglicher.

Mit einer Fahrstuhlfahrt nach oben in den 11. Stock, in dem das alternative Schulprojekt Each One Teach One untergebracht ist, beginnt für Precious ein Aufwärtstrend. Sie begegnet der einfühlsamen, engagierten Lehrerin Ms. Rain. Mit ihrer Schönheit, Eleganz und ihrem Liebreiz verkörpert die Lehrerin, gespielt von Paula Patton, die gute Fee in dieser Geschichte. Ms. Rain lehrt ihren Schülerinnen lesen und schreiben, und sie ermuntert die Mädchen, an sich selbst zu glauben und ihre Persönlichkeit auszudrücken. Die zweite „gute Fee“, die sich Precious’ Schicksals ernsthaft annimmt und ihr aufmerksam zuhört, ist die Sozialarbeiterin Mrs. Weiss, überzeugend einfühlsam von der Popsängerin Mariah Carey gespielt.

War Precious’ ganzes Selbstbild und ihr im Voice-over zu hörender innerer Monolog aus Selbstbeschimpfungen vom Vokabular ihrer Mutter geprägt, so entwickelt Precious schreibend ihre eigene Stimme und entdeckt sich als eigenständige Persönlichkeit. Mit dem Feedback von Ms. Rain entwickelt Precious ihre eigene Sichtweise auf die Ereignisse. Hatte sie anfangs der Direktorin Mrs. Lichtenstein auf die Frage, wieso sie schwanger sei, noch lapidar geantwortet: „Ich hatte Sex“, wird sie schließlich der Sozialarbeiterin, ihrer Lehrerin und ihren Mitschülerinnen die andere Wahrheit offenbaren, nämlich, dass ihr Vater ihr die Kinder „gemacht hat“.

In der Romanvorlage „Push“ von Sapphire erzählt die Protagonistin ihre Geschichte in inneren Monologen. Dabei steigert sich mit zunehmender Emanzipation der Heldin deren sprachliches Ausdrucksvermögen hinsichtlich grammatikalischer und intellektueller Komplexität. Abgesehen von der Titelsequenz, wo in den in Handschrift gestalteten Credits einzelne Buchstaben fehlen, greift der Film dies in Precious’ Voice-over Monologen nur selten auf. Bevor Sapphire ihren ersten Roman 1996 vorlegte, hatte sie von den frühen 80ern bis in die frühen 90er Jahre selbst in Harlem gelebt und Kindern und Erwachsenen Lesen und Schreiben beigebracht. „Push“ wurde mehrfach ausgezeichnet und von US-Talkerin und PRECIOUS-Mitproduzentin Operah Winfrey regelrecht gefeiert. In den USA wurde der Roman zum Bestseller.

Daniels Film erzählt Precious’ Flucht und ihre Emanzipation dramaturgisch dicht in ausgewählten Bildern. Obwohl mit schweren Schicksalsschlägen in diesem Film ebenso wie in der literarischen Vorlage nicht gespart wird, wohnt Precious’ Emanzipation eine Leichtigkeit inne. Reinen Herzens, mit klarem Urteilsvermögen und übervoll an Mutterliebe will sie die Verantwortung für ihre Kinder tragen, sie schützen und fördern.

Der Plot erspart der Hauptfigur langwierige quälende Selbstvorwürfe und Selbstzweifel, wie sie sich die Opfer von Missbrauch und Inzest häufig machen. Precious besitzt eine innere Makellosigkeit, eine ungebrochene Unschuld, wie sie sonst nur Helden im Märchen besitzen. Dagegen wirkt ihre Mutter Mary umso grausamer. Wie Mary zu dem wurde, was sie ist, lässt der Film offen. Wenn sie am Ende bei Mrs. Weiss sitzt, den Missbrauch ihrer Tochter schildert und sich dabei selbst beweint, begreift der Zuschauer die zerstörerische Dynamik, in der Täter sich für Opfer halten und ihre Opfer zu Tätern erklären.

Getragen von großartigen Schauspielerleistungen und einem gut geschriebenen Drehbuch erzählt PRECIOUS von der Wirkung der Bildung und der Notwendigkeit engagierter Helfer. Regisseur Lee Daniels ist ein ebenso kluges wie unterhaltsames Sozialdrama gelungen. Dass es teilweise etwas plakativ daher kommt, sei im angesichts der wichtigen Botschaft und wegen seines Mutes, den er bei der Inszenierung bewiesen hat, verziehen.

Karin Tilch


„Precious: Based on the Novel „Push“ by Sapphire“.
USA 2009, Regie Lee Daniels. Drehbuch: Geoffrey Fletcher nach dem Roman „Push“ von Sapphire. Kamera: Andrew Dunn. Musik: Mario Grigorov. Schnitt: Joe Klotz. Produktion: Lee Daniels, Sarah Siegel-Magness, Gary Magness. Ausführende Produktion: Operah Winfrey, Tyler Perry, Lisa Cortés, Tom Heller.
Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz
Vertrieb: Prokino
Laufzeit: 109 min
Veröffentlichung am: 16.09.2010

Extras (ca. 50 min): Audiokommentar mit Regisseur Lee Daniels, Gabbys Probeaufnahmen, unveröffentlichte Szene, Interview mit Lenny Kravitz, Operah und Tyler: Herzblut für Precious, Szenen vom Dreh, Film trifft Roman: Lee Daniels und die Romanautorin Sapphire


Diesen Film können Sie bequem in unserem Online-Shop bestellen: Als DVD wie auch als Blu-Ray.

Filme und Macher beim eDIT in Frankfurt:

Zum 13. Mal findet vom 26. bis 28. September in Frankfurt, dieses Jahr in den E-Kinos, das "Filmmaker's Festival" eDIT statt.
Das Festival ist die internationale Plattform für Filmproduktion im digitalen Zeitalter mit rund 40 Einzelveranstaltungen und vielen Filmvorführungen. Neben Visual Effects erfolgreicher Blockbuster sind 3D-Filme, Animation, Kamera und Schnitt, Filmton und Produktion die Schwerpunkte des Festivals. Dabei haben sich hochkarätige Medienschaffende wie Rob Legato ("Titanic"), John Nelson ("Gladiator") oder Paul Franklin ("Inception") für Visual Effects-Präsentationen angesagt. Zudem gibt es Symposien, Diskussionen, Seminare, Vorträge...

Alle Infos und das Programm finden Sie unter www.edit-frankfurt.de.

Im Kino: "Mammuth"

Jetzt kommt er ins Kino, der Film, der unserem rasenden Reporter Harald Mühlbeyer die Berlinale 2010 rettete: "Mammuth" von Benoît Delépine und Gustave Kervern, mit einem grandiosen Gerard Depardieu. Unser Befehl: Angucken!

Hier ein Ausschnitt aus Mühlbeyers Berlinale-Bericht:


„Mammuth“ ist der neue Film von Benoît Delépine und Gustave Kervern, mit einem phänomenalen Gerard Depardieu in der Hauptrolle mit passendem Spitznamen Mammuth, einen dumpfen, ungebildeten, langhaarigen, sehr fetten Dummling. Der wird in den Ruhestand geschickt, hat Langeweile, weiß nichts mit sich anzufangen und muss dann für seine Rentenansprüche noch ein paar Arbeitsbescheinigungen aus weit zurückliegenden Zeiten zusammensuchen: eine Reise durch Frankreich, zu den Orten seiner Vergangenheit, zu den früheren Arbeitsstellen als Türsteher, Jahrmarktarbeiter, Hilfsarbeiter. Eine Reise auf seinem alten Münch-Mammut-Motorrad, Baujahr 1973; begleitet von einem Gespenst, von den Bildern seiner ersten großen Liebe, die bei einem Motorradunfall gestorben ist: Isabelle Adjani spukt durch den Film.

Die Regisseure haben sich hier ganz aufs Episodische eingelassen, kein großes Ziel treibt „Mammuth“ an, wie es noch im vorhergehenden „Louise Hires a Contract Killer“ war. Keine Antiglobalisierungs-Agitprop-Bizarrerien, sondern schlicht die reine Absurdität des Daseins wird hier präsentiert. Wie sich Mammuth auf einen seltsamen Wettbewerb am Strand einlässt mit einem, der wie er mit dem Metalldetektor unterwegs ist; oder, vor allem: wie er zu seiner Nichte zieht, die aus allerlei Gegenständen seltsame Kunstwerke erschafft, irgendwo zwischen fantastischem Einfallsreichtum und naivem Kitsch – die Künstlerin Miss Ming spielt diese Frau namens Miss Ming. Und zugleich ist diese Miss Ming ziemlich deutlich debil. Und sie verändert Mammuth: der hat am Ende eine Art indianischen Kaftan an und merkt, dass er selbst auch Kunst erschaffen kann, Schinken-Kunst: Schinken-Papier-Schinken-Papier-Schinken-Papier-Schinken-Papier usw. aufeinandergeschichtet. Irgendwie hat er was gelernt über sein Leben, darüber, wie er sein Leben lang runtergedrückt wurde, sich selbst unter einen Scheffel gestellt hat. Vielleicht – eine direkt plausible Moral kann dem Film auch wieder nicht entnommen werden.

Unvergesslich jedenfalls, wie sehr sich Mammuth in seine Vergangenheit versetzt, wenn er wie damals, vor 45 Jahren, mit seinem Cousin im Bett liegt und sie sich gegenseitig einen runterholen.


"Mammuth"
Frankreich 2010. Buch, Regie: Benoît Delépine und Gustave Kervern. Kamera: Hugues Poulain. Musik: Gaëtan Roussel. Produktion: Jean-Pierre Guerin, Christophe Valette.
Darsteller: Gérard Depardieu (Serge Pilardosse / Mammuth), Yolande Moreau (Catherine Pilardosse), Isabelle Adjani (Yasmine), Miss Ming (MIss Ming).
Länge 92 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 16.9.2010

Im Kino: „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ – Mädchen-Märchen

„Groupies bleiben nicht zum Frühstück“
Deutschland 2010. Regie: Marc Rothemund. Kinostart: 16.09.2010


Ende Juli 1969 war es, da wohnten die Led Zeppelin-Mitglieder im Edgewater Inn in Seattle, direkt am Pazifik gelegen, so dass man aus dem Hotelfenster heraus Fische angeln konnte. Hier trug sich der Zwischenfall zu, der Led Zeppelin berüchtigt machte; die Einzelheiten sind ungeklärt, es spielen mindestens mit: Richard Cole, Roadmanager; John Bonham, Schlagzeuger; Mark Stein, Keyboarder bei Vanilla Fudge; ein rothaariges, ziemlich nacktes Mädel; und ein Fisch. Ein Hai, so heißt es, vielleicht aber auch „nur“ ein Roter Schnapper (a red snapper for her red snapper, wie es Cole formuliert). Genaueres weiß man nicht, die Wahrheit der Legende bleibt der Fantasie überlassen – obwohl Mark Stein eine 8mm-Kamera dabeigehabt haben soll, deren Filmmaterial freilich nie aufgetaucht ist. Schade eigentlich.

Ein solcher Film ist Marc Rothemunds „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ natürlich nicht; Groupies kommen keine vor, nur Kreischteenie-Fans. Fische auch nicht, nur eine texanische Sarracenia alata, eine seltene fleischfressende Pflanze, die Lila und Chris, Leadsanger der angesagten Popband Berlin Mitte zusammenbringt. Statt Hotelzimmerzerstörung gibt es eine Kissenschlacht. Es hätte also auch etwas schief gehen im sensiblen Bereich Star – Fan, Musik, Celebrity-Dasein, Liebe und Pflicht. Doch nein: es hat alles geklappt in dieser romantischen Liebesgeschichte zwischen Schülerin und Popstar.

Anna Fischer spielt die gerade nach einem Jahr USA heimgekehrte Lila zauberhaft süß, wirkt weder eindimensional billig noch oberflächlich funktional; dass das Mädel in einer romantic comedy bei allem Verliebtsein doch eigenständig und selbstbewusst sein kann, ohne das Zickenklischee zu erfüllen, ist auch im internationalen Maßstab nicht gerade häufig. Kostja Ullmann spielt glaubwürdig die beiden Seiten von Christopher, dem ganz normalen Jungen, und Chriz, dem umjubelten, vielgeliebten Teenieschwarm, der mit professioneller Freundlichkeit die Huldigungen seiner weiblichen, jungen Fans entgegennimmt.

Und Marc Rothemund? Immerhin hat der Mann „Sophie Scholl“ verbrochenen, diesen unbeholfenen Beitrag zur deutschen Selbstvergewisserung! Aber tatsächlich kann er mit großer Leichtigkeit seine schöne, kleine, märchenhafte Geschichte erzählen. Klar gibt es da Klischees: die Klassenzicke, die burschikose Berliner-Schnauze-Freundin, den Vertrag des Sängers, der ihm eine Beziehung verbietet; und in der zweiten Hälfte eiert der Film ein bisschen zwischen himmelhochjauchzender Liebe und zutodebetrübter Enttäuschung hin und her. Aber stets geht Rothemund ironisch mit seinem Sujet um. Und gerade das verleiht dem Film seine Frische, seinen Charme: dass er einerseits durchaus für eine Zielgruppe gemacht ist, die auch genausogut Fan der Film-Band Berlin Mitte sein könnte – und dass er gleichzeitig den Fan- und Medienhype zeigt, von dem seine Zuschauer Teil sind. Kritische Aufklärung über böse Popindustrie ist das natürlich nicht; aber die beiläufige Betrachtung eines Phänomens, eine Art Selbstbeobachtung des Zielpublikums auf der Leinwand. Und auf jeden Fall ein einfallsreich inszeniertes, mit kleinen Gags garniertes, von funkelnden Dialogen sprühendes Liebesmärchen.


Harald Mühlbeyer


„Groupies bleiben nicht zum Frühstück“
Deutschland 2010. Regie: Marc Rothemund. Buch: Kristina Magdalena Henn, Lea Schmidbauer. Kamera: Martin Langer. Musik: Gerd Baumann. Songs: Roland Spremberg. Produktion: Ewa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton.
Mit: Anna Fischer (Lila), Kostja Ullman (Chriz), Inka Friedrich (Angelika), Amber Bongard (Luzy), Roman Knizka (Paul, Manager), Michael Keseroglu (Bodyguard).
Länge: 103 Minuten.
Verleih: Disney.
Kinostart: 16.09.2010