Grindhouse-Nachlese September 2013 – Sieben auf einen Streich

28. September 2013, Cinema Quadrat Mannheim: Grindhouse Day & Night


„Daikaijû kettô: Gamera tai Barugon" / „Gamera vs. Barugon“, Japan 1966, Regie: Shigeo Tanaka

„L’uomo che viene da Canyon City“ / „Die Todesminen von Canyon City“ / „Keine Gnade für Verräter“, Spanien, Italien 1965, Regie: Alfonso Balcázar

„Double Nickels“ / „Mit Vollgas durch die Hölle“, USA 1977, Regie: Jack Vacek

„Enter the Ninja“ / „Ninja – Die Killer-Maschine“, USA 1981, Regie: Menahem Golan

„Linda“ / „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“, Spanien, Deutschland 1981, Regie: Jess Franco

„Nightmare in a Damaged Brain“ / „Nightmare“, USA 1981, Regie: Romano Scavolini

„Trouble Man”, USA 1972, Regie: Ivan Dixon


Sieben Filme in vierzehn Stunden sind per se schon mal keine schlechte Bilanz. Wenn von diesen sieben Filmen ganze vier gut sind, dann ist das unterm Strich mehr, als man erwarten könnte – zieht man in Betracht, dass es sich bei all diesen Filmen um Trash handelt, um genau die Schundware, die unsere Jugend verdirbt. Und zwar unsere Jugend seit den 1960ern! Kein Wunder, dass die Welt ist, wie sie ist!

Wobei auf verquere Weise natürlich auch und gerade Grindhouse-Filme den Finger auf die Wunden der Zeit legen; deutlich im ersten guten Film, „Gamera vs. Barugon“. Der zweite Teil der Gamera-Filmreihe, ein Konkurrenzprodukt zum erfolgreichen Godzilla, in dem dankenswerterweise die ersten Minuten ein „Was bisher geschah“ destillieren: Kampfflugzeugabsturz in der Arktis, versehentlich geht eine Atombombe los, zack: Gamera wird freigeschmolzen und zerstört Japan. Gamera: Das ist eine feuerspuckende Riesenschildkröte; wenn sie die Füße einzieht, kann sie durch die Löcher in ihrem Panzer per Düsenantrieb fliegen, das ist sowas wie eine fliegende Untertasse. Nur in lebendig und echt. Im ersten Film war sie am Ende auf den Mars geschossen worden; durch eine wirklich unglückliche Asteroidenlaufbahn wird sie zurückgeschleudert und macht erstmal einen Staudamm kaputt. Die Arbeiter und Ingeniere rennen panisch umher, der Vorgesetzte gibt Anweisungen: Am Tor fünf den Strom abschalten! (das wird innerhalb weniger Minuten gleich zweimal angewiesen), nützt aber nichts, Katastrophe ist nicht aufzuhalten. „Wir haben getan, was wir können“, seufzen die Opfer, und man weiß nach dieser Szene, wie es seit März 2011 in der Tepco-Zentrale zugeht: die Unteren tun nichts, die Oberen befehlen nur Unsinn, und alles ist Schicksal. Jaja, die japanische Mentalität.

Gierig sind die Schlitzaugen übrigens auch. Zwielichtige Typen unternehmen eine Expedition nach Polynesien – und das hat jetzt erstmal gar nichts mehr mit Gamera zu, der wahre Fan wird sich jetzt zu langweilen anfangen; denn die Superschildkröte hat sich in einen Vulkan zurückgezogen und wird nur noch zu zwei Szenen später im Film auftauchen (dann aber mit Macht…). Jedenfalls ist jetzt Abenteuerfilm angesagt, ein Opal in einer geheimnisvollen Höhle voller giftiger Skorpione im Tal der Regenbogen; ein Tabu-Ort für die Eingeborenen, zu denen glücklicherweise auch ein japanischer Arzt und seine hübsche Krankenschwester gehören. Jedenfalls: Merken muss man sich Onodera, das ist der böse Gierhals, der über Leichen geht; und Keisuke, der Gute unter den Zwielichtigen, der aber erstmal verletzt zurückbleibt. Während Onodera den Opal mit nach Japan nimmt, dummerweise das Infrarotlicht in seiner Kabine anlässt – und sich der Opal als Ei entpuppt. Ein Ei, aus dem Barugon schlüpft, seines Zeichens Monsterechse mit Riesenzunge, aus deren Spitze er einen Kältestrahl schießen kann. Rasch wird Kobe zerstört.
Dann geht es ins Landesinnere, währenddessen killt Onodera noch ein paar Leute auf der Suche nach dem vermeintlichen Opal, Keisuke tritt auf, im Gefolge hat er die Krankenschwester, er und Militär und Wissenschaft suchen nach Wegen, dem Monster beizukommen, die Gier Onoderas ist ein bisschen im Weg dabei und so weiter – das ist ja auch alles egal, wichtig ist: Bei Bedrohung aus der Ferne entsendet Barugons Rücken einen Regenbogen als Fernwaffe, der zum Beispiel japanische Kanonen zum Schmelzen bringt. Also: Für die Nähe Kältestrahl, für die Ferne Regenbogen. Im Übrigen ist er wasserscheu, wenn man Barugon mit Wasser bespritzt, bewegt er sich nicht mehr, das ist ganz OK, weil zu diesem Zeitpunkt der Film eh auf der Stelle tritt.
Die Echse liebt auch das Leuchten von Diamanten. Die Diamantentrategie funktioniert trotzdem nicht, 5000 Karat sind zuwenig, man muss die Brillanz verstärken mit einer Maschine, die eigentlich zur Generierung eines Todesstrahls mittels eines Rubins dient. Zwischendrin übrigens tritt Gamera auf, um das Durcheinander perfekt zu machen: Er wurde von der Energie des Regenbogens angelockt, wird nach einem heftigen Kampf der Supermonster aber schockgefroren.
Später versuchten die Militärs es mit der Operation Rückspiegel: Eine Parabolantenne mit Quecksilber-Bespiegelung soll den Regenbogen aufs Monster zurückwerfen, was nur halb gelingt. Als deus ex machina muss Gamera wieder auftau(ch)en, um im Endkampf die Katastrophenechse zu ersäufen. Und dann zu verschwinden, bis zum nächsten Film der Gamera-Reihe.

In der aufsteigenden Reihenfolge des Spaßfaktors folgt nach diesem Matinee-Film die Spätnachtvorstellung: Blaxploitantion mit dem „Trouble Man“, sprich: Mr. T, der im Kiez der gute König ist. Im Billardsalon hält er Hof und regelt die Dinge – gegen einen geringen Obulus seiner Untertanen. Der Bruder von einem wieder mal im Knast? T. kann die Kaution stellen; aber wenn die flöten geht, dann geht’s dem Halunken ans Leder! Ein Mietshaus in so schlechtem Zustand, dass ein Kleinkind durchs marode Treppengeländer fällt? Kurzer Besuch beim (weißen) Immobilienverwalter, und seine starke Präsenz und sein einnehmendes Charisma überzeugen, der Bonze spurt: Besuch im Krankenhaus, Übernahme der Kosten und Versprechen, das Haus zu sanieren… Klar, dass T. auch ein super Billardspieler ist, der damit locker aus dem Handgelenk ein paar hundert Dollar nebenbei einnimmt.
Auftritt Chalky. Der hat illegale Glückspiele laufen, auf der „schwarzen“ Seite der Straße kontrolliert er, auf der „weißen“ der Kompagon Pete: Diese abendlichen Pokerrunden werden regelmäßig überfallen, T. soll herausfinden, warum, für 10.000 Dollar. T., selbstredend mit Privatdetektivlizenz ausgestattet, macht sich an die Arbeit – und wird verwickelt in einen Mordfall, in Täuschung, in einen Bandenkrieg, inmitten der Fronten zwischen Kiez und Cops, zwischen schwarz und weiß.
Einen tollen Plan haben sich Chalky und Pete ausgedacht: Sie fingieren einen Überfall auf die eigene Pokerrunde, einen fetten Typen in blauem Anzug nehmen sie als Sündenbock, der von hinten erschossen wird. Wie sich herausstellt: Einer der Handlanger von Big, einem weiteren Kiezgranden, dem sie damit nicht nur die angeblichen Überfälle in die Schuhe schieben, nein: auch T. gilt plötzlich als Mörder. Zumal die Polizei ihn eh auf dem Kieker hat: Dreihundertdollar-Anzüge, aber keine richtige Beschäftigung, und zudem Lizenzen für alles, vom Waffenbesitz bis zum Diamantenhandel…
Ist das nicht eine dolle Noir-Konstellation? T., der gute, einsame König, an dessen Stellung gerüttelt wird – von denen, die er für Freunde hielt, und von der Polizei, der er fast schon zu viele Schnippchen geschlagen hat. Er bekommt die ganze Schuld des Schwarzen- und des Weißen-Ghettos auf seinen Schuldern geladen und muss mit dieser Bürde zwischen den Fronten zu tanzen beginnen.
Gefilmt ist das im bunten Blaxploitation-Stil, aber ganz ohne Albernheiten, sondern straight auf die Spannung zielend, und auf die Rachevorbereitungen von T., der alles recht schnell durchschaut. Der aber zuvor noch einen weiteren Mord, nämlich den an Big persönlich, ummodeln und seinen Kumpel und seine Freundin in Sicherheit bringen muss. (Apropos Freundin: Die ist ihm hörig, er gibt ihr Befehle, sie fragt nicht, sondern führt aus. Ihre Tätigkeiten: Sie singt, spielt Klavier, liest Zeitschriften. So war das damals in den 70ern!)
Wie T. sich nun einschleicht bei Chalky, einen Handlanger nach dem anderen tötet, sich dann aufmacht zu Pete ins weiße Viertel, sich das Hochhaus ins Penthouse hocharbeitet, wo Schurken mit großen Wummen auf ihn warten: Das hat was, gerade weil es weniger als Superhelden-Rache inszeniert ist, sondern als die Notwendigkeit des Königs, sich auf dem Thron zu halten; eines Königs, der unwillentlich in eine Fehde geraten ist, der benutzt wurde und nun mal nicht anderen, sondern sich selbst helfen muss. Und helfen kann. Auch wenn es diesmal keinen direkten Profit bringt.

„Nightmare in a Damaged Brain“: Ein fieser Film, der sich ins Gehirn des Zuschauers hineinwindet und dort sitzen bleibt wie eine Trichine im Speck. Kein Wunder, dass er als Video nicht vertrieben werden darf, Paragraf 131 etc. Ein Glück, dass wir hier im Kino sitzen. Und dass wir in den Genuss einer 35mm-Kopie kommen, zur Verfügung gestellt von einem fanatischen Sammler, der den Film in allen, wirklich allen Erscheinungsformen besitzt (außer vielleicht das britische Master für die VHS-Produktion).
Ein völlig geschädigtes Gehirn, ein Film über die Psyche eines Psychopathen, in die der Zuschauer nolens volens hineingeschleudert wird. Ein Alptraum – direkt zu Filmbeginn: Der abgehauene Kopf einer Frau, blutig auf der Bettdecke, und sie schlägt die Augen auf. Purer Horror für George Tatum, der schreiend erwacht. Und vom Psychiater befragt wird. Und medikamentös ruhiggestellt wird. Und wieder einschläft. Und wieder alpträumt. Während in Florida, in einem kleinen Häuschen, ebenfalls der Horror zuschlägt, für die Babysitterin, die vom zehnjährigen Lausebengel in den Wahnsinn getrieben wird…
Man kennt sich nicht aus, trotz der klaren Kapitelüberschriften: Erste Nacht in New York, erste Nacht in Florida. Und erst allmählich versteht man die Zusammenhänge, als nämlich George abhaut aus der Psychiatrie, was den shrink – typisch mit Vollbart und weichgespülter Birne – kaum juckt. Er hat ja dieses neue Psychomedikament bekommen, kann ja gar nichts passieren. Dass er in eine Peepshow geht – OK. Dass er eine Frau, die abends alleine zuhause ist, killt: nuuuun… Er braucht schließlich ein Auto. Um nach Florida zu gelangen. Richtig: in dieses Haus mit den drei Kindern und der überforderten alleinerziehenden Mama, die keinen richtigen Bock aufs Muttersein hat und lieber mit dem Boyfriend aufm Boot rummacht… Und der von diesem ungezogenen Satansbraten von Sohn andauernd böse Streiche gespielt werden, so dass man ihr ihr Verhalten nicht verdenken kann…
Gegen George Tatum stellt sich ein Mann; einer, der mit seinen weich-gedunsenen Körperrudnungen und der Fistelstimme auch eine dicke Frau mit aufgeklebtem Schnurrbart sein könnte, so eindeutig ist die Geschlechtlichkeit nicht. Ebensowenig wie sein Status, wahrscheinlich ist er Polizist, vielleicht auch eine Verkörperung himmlischer Gerechtigkeit, die leider immer wieder zu spät kommt. Dieser Ermittler hat einen Computer, den man alles fragen kann, der im zeitgenössischen grünfarbenen textbasierten Programm weiß, wohin der Mörder als nächstes fahren wird, eine Art Google lange avant la lettre. Und er (sie?) ist der einzige, der um die Gefährlichkeit von George weiß, das macht den Zuschauer noch rasender – denn schließlich kommt George in Florida an. In der schönen Kleinstadt mit dem schönen Häuschen, wo CJ, der junge Bengel, wohnt, wo die Mutter ganz ahnungslos ihr Leben lebt. Wo der Mörder nun sein Unwesen treibt.
Unglaubliche Szenen am Bootshaus, wo CJ spielt. Wo eine Teenagerin nach ihm sieht, das Haus betritt, einen Streich vermutet, in die höheren Stockwerke gelangt… wo einer lauert, im Dunkeln… Wo dann, um die Schraube noch weiter zu drehen, ein Freund von CJ diesen ebenfalls sucht, ebenfalls ins Haus reingeht… ebenfalls nach oben steigt… dort die entstellte Leiche der Teenagerin sieht… der letzte Schock in seinem Leben…
CJ hat ohnehin der Ruf eines Soziopathen. Vielleicht hat er, der Zehnjährige, die beiden gekillt? Die Polizei vermutet dies. Er ist auch reichlich ungerührt beim Anblick der Leiche des Freundes. Doch das Böse, das geht weiter umher… Und es sind eben keine Lausbubenstreiche mit Maskeraden als Monstermörder, oder mit fingierter Messerwunde im Bauch, vollverschmiert mit Ketchupblut, wie sie CJ immer wieder inszeniert.
Irgendwann ist George im Haus seiner designierten Opfer. Oben CJ in seinem Zimmer. Unten der Killer, der umherschleicht. Und der, weil eine Ecke in seinem Gehirn noch nicht völlig kaputt ist, per Haustelefon anruft, oben, im Kinderzimmer: Verschwinde, hau ab aus dem Haus… In den kleinen Kammern, in den Schränken, im Schatten nistet er sich ein, und was sich falsch bewegt, wird zum Opfer. Wir sind live dabei. Mitten in dem traumatisierten Psychopathenhirn des Killers, der schon als Kind kräftig dabei war… Was Tom Savini, dem legendären Spezialhorroreffektmacher, eine dolle Gelegenheit gibt, seine Kunst im Kopfabhauen zu beweisen.

Vierter bester Film und Überraschungssieger des Tages: „Ninja, die Killermaschine“. Der in einer völligen Fantasiewelt beginnt, in der ganz pur und ohne Zusatzingredienzien das gezeigt wird, was wir sehen wollen: Wie einer gegen viele kämpft, alles Könner auf diesem Gebiet, mit verschiedenen Waffen irgendwo in Wald, Gebüsch, hohem Gras, wo von überall her der Feind herausbrechen kann, um getötet zu werden. Feinde, die vermummt sind, gekleidet in reinem Schwarz, in Weiß, in Rot. Kämpfe mit tollen Posen, die tödlich enden. Ein Durchkämpfen durchs Gelände, hin zu einem Gebäude, wo noch einem Mönch der Kopf abgeschlagen werden muss, um endgültig einzudringen, um anzukommen – um die Prüfung zu bestehen.
Denn alles war nur die Abiturprüfung für den frischgebackenen Ninjakämpfer Cole, gespielt von niemand geringerem als Franco Nero. Der nun in sein normales Leben zurückkehrt, sagen wir: er besucht einen alten Kriegskameraden auf den Philippinen, der eine geile Frau hat und dem Alkohol verfallen ist. Sie haben’s schwer: Denn böse Bonzen wollen ihnen Grund und Boden abknöpfen, vergraulen die Arbeiter mit Gewalt und setzen ihnen zu, wo es geht. Klar, dass Cole hier helfen kann. Und wenn er es nebenbei mit einem fetten Schwein mit Hakenhand namens Siegfried Schulz zu tun kriegt: umso besser, da haben wir einen, an den wir uns halten können, zunächst mal. Solange nämlich, bis wir, also der begierige Zuschauer im Verbund mit Franco Nero, an den oberbösen Hintermann rankommen, Venarius heißt der, hat sein Büro in einem riesigen Penthouse – sprich: Ein Schreibtisch und ein großer Pool, in dem sich schöne Bikinimädchen räkeln und auf Zuruf Synchronschwimmen performen.
Venarius: Eine faszinierende Persönlichkeit, gespielt von Christopher George auf ganz unnachahmliche Weise, böse und charmant, mit feinsten Manieren und immer ein bisschen over the top, in den kleinen Gesten, im Spiel seiner Finger, im ironisch zuckenden Lächeln der Mundwinkel – keine Frage, stockschwul und stolz drauf – eine dieser Performances HIER... Ein abgrundtiefer Schurke natürlich auch. Zudem hat er eine Sammlung exquisiter Pornos – halt nee: Da sind keine Nackedeis, das ist ja der Bewerbungsfilm eines Ninjas, dem großen Rivalen von Cole, seit dessen Ausbildungstagen in Japan. Ein Ninja, den Vesarius angeworben hat, um es aufzunehmen mit Franco Nero, der seine Mannen unaufhaltsam niedermacht…
Ein doller Film, ein Kampfsportspektakel, das schön mäandert: Nicht einfach Gut gegen Böse, sondern Gut gegen allerlei diverse Bösewichter, die sich abwechseln in ihrem Status als Antagonisten. Kein Wunder, dass dies der erfolgreiche Beginn der Ninjafilmwelle war, die auf den Easternhongkongkungfukaratefimen draufsaß wie ein Affe auf rasendem Motorrad. Produziert und inszeniert von den Machern der erfolgreichen „Eis am Stiel“-Filmreihe, die Geld genug hatten, um Franco Nero auf die Philippinen zu locken, und um mit genügend Zeit ganz vorzüglich den Film in den Kasten zu kriegen, perfekt gerade in den kleinen Details, in den Seitenblicken, im richtig getimeten Filmrhythmus, die man mit weniger Budget – und weniger Talent – nicht hinkriegen kann. Die aber den entscheidenden Unterschied ausmachen in der Qualität, den es eben auch im Trash geben kann.
Es geht im Übrigen das Gerücht, dass Regisseur Menahem Golan so viel Zeit in philippinischen Puffs verbrachte, dass einen Großteil des Films Franco Nero in den Kasten kriegen musste. Wie auch immer: Gut gemacht!

Im Gegensatz zu den Filmen, die an diesem Tag ablosten, die wir auch getrost unter den Teppich kehren können.
„Die Todesminen von Canyon City“, auch bekannt als „Keine Gnade für Verräter“, könnte eine schöne Screwballvariante des Buddy-Spaghettiwestern-Genres sein, mit dem US-Amerikaner und dem dicken Mexikaner, die gemeinsame Sache machen, um 70.000 Dollar zu gewinnen und nebenbei einen bösartigen Silberminenbesitzer, der seine mexikanischen Arbeiter sklavisch ausbeutet, zur Strecke zu bringen. In schönen Streitdialogen beweisen die beiden immer wieder ihre symbiotische Zusammengehörigkeit – der Film aber verliert sich in sinnlos-willkürlichen Begebenheiten, die nur die Dramaturgie verwirren und wenig zum Ziel führen. Das nicht nur der Zuschauer, auch die Protagonisten aus dem Auge zu verlieren drohen, weil sie irgendwann auch nicht mehr so richtig zu wissen scheinen, wer eigentlich für wen arbeitet und wem was vormacht. Der Dicke ist irgendwann Koch beim Bösewicht, der aufrechte Gringo wird einer seiner Handlanger, offenbar aber doch nur, um ihn reinzulegen, weshalb der Mexikaner plötzlich als General einer Revolutionsarmee auftaucht – schön dabei: Eine farcehafte Gerichtsszene, in der die Leichen getöteter Mexikaner als Geschworene und als Zeugen auftreten, echt lustig. Aber eben alles völlig zusammenhangslos, immer wieder explodieren Leute, das ist auch doll, freilich weiß man nicht recht, warum. Vielleicht ist das auch dem Regisseur klar, im Film heißt es mal: „Es ist besser, nichts zu verstehen und weiter zu atmen als zuviel zu wissen, wenn man dafür ins Graf beißt.“ Gut, dass wir noch leben.

Und schade, dass wir dann zu „Mit Vollgas durch die Hölle“ kommen, einem Car-Chasing-Film ohne echte Autoverfolgungsjagd, über zwei Cops, die Autos verschieben, die sie denen klauen, die ihre Raten nicht zahlen können. Ganz legal, gute Kohle, so sagt man ihnen – stimmt natürlich nicht, ist alles kriminiell, ist irgendwie aber auch alles egal. Ebenso, wie ihr Job als Highwaypatrolmen kaum was ausmacht, außer, dass der eine diesen nutzt, um Frauen anzubaggern und so an eine neue Geliebte gerät, mit der er dann durch die Gegend brettert. Seine vorherige Freundin hat er irgendwie scheiße gefunden, wie er sie loswurde, versickert im elliptischen Erzählstil. Ein Stil, der wahrscheinlich gewollt, vielleicht aber nur reiner Dilettantismus ist. Ohne jede Spannung, auch ohne wirkliche Charaktere bleibt nur eines: Wie ein Auto von Cop-Cars verfolgt wird und dabei eine lange, lange Treppe runterfährt, holterdipolter – so ähnlich, wie Dick und Doof einst ein Klavier hochtransportierten, nur andersrum.

Der Abschuss aber: „Die nackten Superhexen vom Rio Amore“; der das zeigt, was der Titel verspricht, nunja: Nacktheit sowieso, ist ja ein Jess-Franco-Filmchen. Superhexe: das ist die böse Hotelbesitzerin, die zugleich Puffmutter ist. Rio Amore: Das ist dieser Puff, in den die Schurkin eine Nebenbuhlerin um den schönen Portier verbringen lässt. Diese Betsy nämlich, die neu angefangen hat im Hotel, wird zugedröhnt mit Drogen öffentlich ausgestellt und von geilen Männern wie Frauen begattet, zur Belustigung der Chefin. Die dies auch ihrem Lover vorführt, der wiederum echt verliebt ist in Betsy und sie unter diesen entwürdigenden Umständen aber nun auch nicht mehr will. Zumal die Hotelchefin all ihre Reize einsetzt, um ihn so richtig durchzuficken.
Nebenhandlung: Linda fliegt von München ein, sie ist Klosterschülerin und wurde zum Abschied in ihrer Schlafkammer von der Kameradin noch abgeschleckt, oben und unten. Sie will ihre Schwester Betsy besuchen und trifft auf einen richtig netten jungen Eingeborenen – gedreht wurde, glaube ich, auf Madeira –, in den sie sich total verknallt, obwohl sie ja eigentlich noch total rein und unschuldig ist; naja, bis auf die Abschiedsszene in München. Egal. Die zwölfjährige Schwester des jungen Freundes jedenfalls hat ein vorlaut-präsexuelles Mundwerk und will die beiden unbedingt verkuppeln, nein: geschlechtsorganisch aneinanderkuppeln, aber es kommt dann doch zu einer total romantischen Liebesszene am Strand, ohne Zutun der Schwester. Betsy wiederum lebt das Schicksal so vieler Zwangsprostituierter, Linda erinnert sich ab und an an sie, um die beiden Filmhandlungen nicht völlig aneinander vorbei laufen zu lassen. Doch tatsächlich etwas zu tun haben die beiden nicht miteinander, die Teenie-Liebe und das aufgeilende Porträt eines Puffs im Jess-Franco-Style.
Vollkommener Quatsch das alles, mit deftiger Soße, und völlig zum Vergessen. Wäre da nicht Linda, nach der immerhin der Film im Original benannt ist: Gespielt wird sie in all ihrer Nacktheit, in all ihrer erotischen Ausgestelltheit von Katja Bienert, die zum Tatzeitpunkt des Filmdrehs gerade mal 14 Jahre alt war. Ihr Geburtsdatum und ihr pickliges, ungeclearasiltes Gesicht verraten es.

Harald Mühlbeyer

Hofer Filmtage 2013: "The Traveler" und "The Gansfeld Experiment" von Michael Oblowitz

Nicht nur Weihnachten, auch der Tod steht vor der Tür
Cops gehören offensichtlich zum Obsessionskreis von Michael Oblowitz. Nach dem Vampir-Buddymovie aber ist „The Traveler" aus dem Jahr 2010 wieder was ganz anderes. Weihnachtsabend, sechs Polizisten müssen Dienst schieben, als ein Fremder die Wache betritt: Val Kilmer, aufgedunsen, unbewegt, souverän, ein schwarzer Engel mit so sanfter Stimme. Unheimlich tönt sein Pfeifen durch die Gänge des Polizeireviers, Mozarts unheilschwangeres "Requiem"... Er will gestehen, sechs Morde. Er hat keine Fingerabdrücke. Er kann nicht fotografiert werden. Er taucht auf und verschwindet. Er ist deutlich ein Geist. Und wird erstmal der üblichen erkennungsdienstlichen und verhörtechnischen Routine unterzogen. Er gesteht, wie er im Dunkeln lauert, die Angst des Opfers auskostet, dann attackiert – und während er erzählt, wird im Keller einer der Bullen auf genau diese Art getötet, von einer unsichtbaren Macht…

Es geht um Rache. Rache für den Tod eines kleinen Mädchens, der Tochter von Detective Black. Der mit seinen Kollegen einen Drifter aufgegriffen hat und aus ihm die Wahrheit über den Kindermord herausprügeln wollte… Und es geht um Rache an dieser Folterung, an der alle schuldig sind, an dieser Brutalität, an dem Blutrausch, der die Polizisten in der Zelle ergriffen hat, als sie mit Scheren und Gürteln, mit Plastiktüte und Schaufel den Verhafteten ins Koma prügelten.

Val Kilmer ist eine Art Nosferatu, der Pein und Tod über seine Opfer bringt, unerbittlich, unausweichlich – und es ist überraschend spannend, da wir doch alle den Fortgang des Films kennen. Zu überlegen ist der Racheengel, zu unüberlegt handeln die Polizisten, die einer nach dem anderen abgemurkst werden. Die Regeln sind klar: Auf dem Spielbrett geht es nicht mehr ums Gewinnen, sondern nur darum, den Gegner rauszuschmeißen. Ein Gegner, der nie zum Zuge kommt.

Jeder bekommt seine Untat heimgezahlt, mit den Mitteln, die er damals, ein Jahr zuvor, gegen den Drifter angewendet hat. Gürtel um Gürtel, Schaufel um Schaufel – er sei Fan des Alten Testaments, sagt der tödliche Fremde, der sich Nobody nennt, der Bibelteil mit dem strafenden Gott; erst, als die Menschen dieses Konzept nicht mehr ausgehalten hätten, hätten sie den netten, freundlichen Jesus mit seinem Neuen Testament dazugesetzt…

Oblowitz inszeniert ganz zwingend, zumindest über weite Teile. Zu redundant wird die Folterszene gezeigt – alsbald hat der Zuschauer natürlich die Korrespondenz zwischen Tat und Strafe kapiert, das muss nicht immer extra betont werden. Die Polizisten dagegen verstehen den Zusammenhang allzu spät, der Zuschauer ist viel weiter und wundert sich über deren Blindheit. Während Oblowitz, wahrscheinlich, um die Story zu steigern, jeden Racheakt blutiger und blutiger inszeniert, da werden Gedärme aus dem noch lebenden Körper geschaufelt, einer Polizistin schießen die Eingeweide aus dem Unterleib… An solchen Stellen stimmt die Balance nicht, weil offenbar wird, dass Oblowitz – oder seine Produzenten, oder wer immer – ihrer Prämisse der reinen Rache nicht vertrauen. Und erst am Ende holt der Film sich selbst wieder ein, mit einem Twist, der dann doch alles nochmal düsterer, nochmal erbarmungsloser macht. Denn in der Tat ist das Böse immer und überall.

Ganzfeld-Apparatur
Immer und überall, vor allem im Verborgenen. Wenn etwa vier junge Studenten sich zurückziehen für ein Psychologieexperiment, Teil der Semesterabschlussprüfung, es geht um Telepathie, um ein Experiment aus den 50er Jahren, um Ganzfeld-Versuche zur Übertragung von Wahrnehmungen von einem isolierten Raum zum anderen, aufgezeichnet mit einer Apparatur zur Dokumentation parapsychologischer Vorgänge. Hitler und die Filterzigarette hätten den Grundstein gelegt, heißt es im Film, denn um des Führers überlange Reden aufzuzeichnen, habe man das Eisenoxid aus den Filtern extrahiert und das Magnetband erfunden, das hier extensiv zum Einsatz kommt – eine extravagante Retro-Filmausstattung, wie sie Oblowitz, der bekennende „Brazil“-Adept, immer gerne benutzt. Die Vampire in „The Breed“, die außerhalb der Zeit leben, die die Jahrhunderte überdauern; die uralten Vehikel, mit denen die Cops im „Traveler“ umherkutschieren, ein Film, der heute wie vor Jahrzehnten spielen könnte, würde nicht einmal kurz erwähnt, dass die Handys alle ausgefallen sind…

Das „Ganzfeld-Experiment“, Oblowitz’ neuester Film, der hier in Hof seine Weltpremiere hatte, vermischt die Zeiten, nicht nur in Design und Ausstattung. Auch, wieder ein Oblowitz-Thema, durch die alte Schuld, die die Protagonisten einholt, eine metaphysische Wiedervereinigung von Geschwistern, die sich längst vergessen haben, ein alter Mord, der in Erinnerung, Halluzination, in der Manifestation durch ein Geisterwesen gegenwärtig ist…

Nunja. Vor allem sind da die jungen Leute, die klischeehaft mehr an Drogen und Sex interessiert sind als an Studien. Die ihre Ganzfeld-Experimente an einem „neutralen“ Ort ausführen wollen und dafür ein halbverfallenes, düsteres Haus wählen, wie es in jedem Horrorfilm vorkommt. Die es mit überlauten Geräuschen, flackernden Lampen, auf- und zuschlagenden Türen zu tun bekommen. Was halt dummerweise alles schon so ausgelutscht ist, dass es den Zuschauer kaum mehr berührt.

Die Vermischungen von Halluzination, Traum und übersinnlicher Wirklichkeit hatten wir so und ähnlich auch schon mal, dass diese Typen ständig koksen, machts nicht besser. Und eine lange Sexorgie – die aber abbricht, bevor irgendeine unanständige Nacktheit zu sehen ist – dient auch eher zur Aufrechterhaltung des Interesses: Mädels in Unterwäsche, die durchs Haus rennen, sind sicher ein Hingucker.

Über weite Strecken ist dies ein ziemlich schlechter Film. Was einem leidtut, wenn man sich mehrere Oblowitze am Stück reingezogen hat. Doch dann, ganz unvermutet, kommt am Ende wieder ein ganz großartiger Moment, Oblowitz pur, wenn Polizisten auftauchen am Ort des Schreckens. Wobei der eine dem anderen seine Pommes wegfrisst, bevor sie aufgeladen mit dem Zynismus aus Jahrzehnten von Berufserfahrung und deshalb auch korrumpiert bis aufs Blut ungerührt dieses maniac mansion besichtigen und auch mal eine Nase Koks wagen: Da hat wohl einer sein Rezept abgeholt – SNIFF!
Da sind sie wieder, die überlebensgroßen Figuren, die Oblowitz’ Filme immer wieder bevölkern, und die in ihren Szenen den ganzen Film nochmal ein paar Level höher pushen. Oh, ich erinnere mich an einen der „Breed“-Vampire, ein fetter Italiener, der täglich das Grab seiner Mama besucht und ansonsten seiner Schauspielerleidenschaft frönt, der in einem vollgestopft-halbverfallenen Theater in dröhnendem Pathos den Monolog von Peter Lorre aus „M“ rezitiert… Diesen Touch bringt auch die letzte Szene wieder hinein in das „Ganzfeld-Experiment“ – zusätzlich natürlich zum ständigen unterschwelligen Bezug zu „This World, then the Fireworks“. Auch bei „Ganzfeld“ spielt Billy Zane mit, in parapsychologisch heraufbeschworenen Erinnerungsrückblenden, als tödlicher Vater, der es auf zwei Geschwister (!) abgesehen hat… Das stecke alles freudianisch in ihm drin, das komme raus, wenn er Filme dreht, so Oblowitz. Überhaupt: Billy Zane, das sei immer sein Alter Ego, man sehe es an der dicken Hornbrille. Die Hornbrille in seinen Filmen: Sowieso immer ein Zeichen für die filmische Verkörperung des Regisseurs…
Ebenfalls mit Brille: Der fette feige Polizist mit dem Traveler

Muss man noch erwähnen, dass das Ganzfeld-Schreckenshaus schön vor dem ikonischen Hollywood-Zeichen in den Hügeln von Los Angeles drapiert ist? Nein; ich denke, dass das eine Selbstverständlichkeit ist bei Oblowitz.

Harald Mühlbeyer

Hofer Filmtage 2013: "Breed" von Michael Oblowitz

Manchmal hat man es nicht leicht auf einem Filmfestival. Da sieht man den Dokumentarfilm über einen Wiener Underground-Trash-Filmemacher namens "Robert Tarantino", der für seine Filme konsequent kein Geld ausgibt, sondern schlicht und einfach dreht. In dessen Filme alles, was schlecht ist, sich versammelt, die genau deshalb so viel Charme haben, weil "Tarantino" um diese mangelnde Qualität weiß und sie willkommen heißt.
Und dann muss man innerhalb von einer Minute ins nächste Kino, zum Michael Oblowitz-Film "Breed", der in einer so schlechten Projektionsqualität vorliegt, dass man erstmal gar nicht weiß, ob man noch im Wien von "Vampire City" oder "Blood City Massacre" ist. Man hat keinen Wechsel des Blicks bei einem ganz anderen Film - und muss sich erst langsam adaptieren, was, ich will nicht prahlen, aber doch eine enorme geistige Anstrengung verlangt.

"This is a vampire movie", erklärte Oblowitz vor dem Film, "but an intelligent one", warf die Moderatorin ein. "Well, I wouldn't go that far", versetzte Oblowitz - aber das ist natürlich Koketterie.
"The Breed" ist ein Cop-Fantasy-Buddy-Movie, zunächst. Nach dem grausigen Tod seines Partners muss Steve, die Hauptfigur, erkennen, dass es eine Menge Vampire gibt, die mit den Menschen koexistieren, eine Minderheit, die man so mitlaufen lässt. Und selbst sein neuer Partner Adrian ist einer der Blutsauger - nein: sowas tun sie nicht mehr, es gibt jetzt künstlichen Ersatz, der den Blutdurst voll befriedigt.
Doch etwas ist falsch, die Fronten sind verhärtet. Dräut ein Krieg zwischen Mensch und Vampir am Horizont? Warum läuft einer der Vampire Amok, nur um des Todes, nicht um des Blutes willen?

Das ist schonmal genug, um drei, vier Normal-Blockbuster mit viel CGI zu drehen (drei Jahre später wurde, ebenfalls für Sony, an denselben Locations "Underworld" gedreht...) Oblowitz aber geht andere Wege. Nicht Horror, kaum Action, sondern ein Thriller ist dies, ein Politthriller noch dazu. Denn Oblowitz weiß perfekt, seine Ästhetik einzusetzen. Das Design des Films ist absolut unglaublich: Überwacht werden die Vampire von der NSA - ja: die NSA, die auch Kanzlerinnen und andere Menschen überwacht, wie wir jetzt, dreizehn Jahre später, wissen! Und diese NSA residiert bei Oblowitz in einem Gebäude, ein Stein gewordener, feuchter Totalitarismustraum, gedreht in den kommunistischen Großbauten von Budapest und ausgestattet mit Albert-Speer-Ideen. Genau das im Grunde, was Terry Gilliam - für etwas mehr Geld - in "Brazil" gemacht hat, ihm huldigt Oblowitz in "Breed" erklärtermaßen.

Paranoia und Totalitarismus - bei Nazis, Kommunisten oder sonstwo - schließlich ist Oblowitz im
Jüdische Vampire
Apartheit-Südafrika aufgewachsen! Und plötzlich bekommt dieser Filme eine ganz persönliche Note, mit seinem Vampir-Ghetto, in dem die dort lebenden Wesen gekleidet sind wie die ikonischen zusammengepferchten Juden in zahllosen Spielfilmen (und realen Dokumenten von damals!) Wir tauchen ganz tief ein in eine Erzählmaschine, in der sich die Geschichte ständig wiederholt, umgewälzt und mit neuen Akzenten: Weil Oblowitz natürlich und glücklicherweise klug genug ist, KEINE bloße Allegorie zu schaffen, keine einfach decodierbare Fabel nach der Gleichung J=V. Oblowitz ist raffinierter, auch, weil er seine Story nicht verraten will, sondern ihr schlicht wichtige und bedeutsame Ebenen hinzufügt.

Der schwarze Cop, die chinesische Jüdin
Bai Ling spielt eine der Vampirinnen, sie residiert mit schwarzen Panthern und ausgefallenen Kleidern in einem riesigen Schloss. Und das ist für Oblowitz ein besonderer Witz, wie er erklärte: "Jüdische Vampire, das könnte viele in Hollywood verärgern. Deshalb ist mit Bai Ling eine chinesische jüdische Vampirin eingebaut, das wird sie völlig verwirren!" Es geht um das Feeling, um die Atmosphäre, auch um das Unbehagen, um den Schoß, aus dem das Böse kriechen kann. Mittendrin Steve, der schwarze Cop, dem ob seiner anfänglichen Ablehnung der Vampire Rassismus vorgeworfen wird - ein weiterer Oblo-Witz... Steve, der alles auseinandersortieren will und einiges dabei falsch macht. Und im Hintergrund eine böse Verschwörung einer Massenvernichtung, die auch nicht politisch korrekt aufgelöst wird.

Manchmal hat man es leicht auf einem Filmfestival. Weil einem Filme und Filmemacher vorgestellt werden, die man sonst völlig übersehen hätte. Leute wie Robert Tarantino und Michael Oblowitz, die mit Leidenschaft drehen, die sich einbringen in ihre Filme - und dabei an ganz unterschiedlichen Enden des Qualitätsspektrums operieren.

Harald Mühlbeyer

Hofer Filmtage 2013: "The World, then the Fireworks" von Michael Oblowitz

In diesem Jahr fuhr der geneigte Verfasser mit leichtem Unbehagen nach Hof. Der neue von Atom Egoyan; der neue von Francois Ozon; der neue von Roman Polanski; der neue von Jim Jarmusch - sie alle liefen auf dem Filmfest in Hamburg, vor ein paar Wochen. Und die stille Hoffnung, dass Heinz Badewitz den neuen Gilliam-Film "The Zero Theorem" hat holen können - immerhin liefen hier auch schon Wes Anderson und Darren Aronofsky - hat sich auch nicht erfüllt.

Wie Hohn fühlt es sich da an, wie Badewitz im Vorwort zum Programmheft den Gast der diesjährigen Retrospektive vorstellt: Er zählt unter anderem Kathryn Bigelow und Jim Jarmusch (siehe oben!) auf, um auf Michael Oblowitz zu kommen. Michael wer? Hatte ich noch nie gehört. Und es wird nicht besser, ihn so zu charakterisieren: "Er ist mit den oben genannten Filmemachern nicht nur befreundet, sondern sie haben zum Teil auch an seinen Filmen mitgearbeitet." Ja und? - fragt der Verfasser, der vor vielen Jahren mal Marie Bäumer gesehen hat, wie sie in der Deutschen Bank Geld geholt hat, lange übrigens, bevor andere diese Erfahrung machen konnten.

Michael Oblowitz in Hof
Oblowitz aber stellt sich als überaus interessant heraus: Nunja, immerhin spricht er sehr offen, bezeichnet etwa sich selbst als fünftklassigen B-Regisseur, dessen Filme nie das wurden, was sie sein sollten. Bei einem aber, bei "The World, then the Fireworks" von 1996, habe dann doch alles gut zusammengepasst. Außer, dass sich die Rechteinhaber offenbar des Films schämten, den sie weder auf DVD oder BluRay noch auf Onlinestreaming freigaben, bisher.

Zunächst befinden wir uns im Jahr 1926, Unabhängigkeitstag und Katastrophe für die Zwillinge Marty und Carol. Ein Eifersuchtsdrama, der fremdgehende Vater erschießt den rechtmäßigen Ehemann der Geliebten, vor den Augen der Kinder, kommt später dafür auf den Stuhl, die Geliebte begeht Selbstmord, die Mutter verfällt einigermaßen dem Wahnsinn. Superlustig für die Kids, so Marty in seinem von Weltekel geprägten Voice-Over-Kommentar.

Um ihn wird es gehen, 30 Jahre später, in den Großstadtdschungeln von Chicago und L.A. Er weiß, wie die Spiele laufen, die der Politiker, der Cops, der Medien und der Gauner. Und er weiß sich zu behaupten, als einsamer Wolf, der mit allen Mitteln zu verhindern sucht, dass ihn und seine Motive irgendwer durchschaut. Warum hat er eine fette Kuh geheiratet, einen fetten Sohn gezeugt? Irgendwer musste sie ja heiraten, und wer, wenn nicht er. Er, der All American Boy mit dem markanten Gesicht, irgendwo zwischen Marlon Brando und Warren Beatty.

Billy Zane als Marty, Gina Gershon als Carol
Er kehrt zurück zu Mama und Schwester; und das Verhältnis zu Carol, dem Zwilling, ist anrüchig. Sie präsentiert sich ihm gerne halbnackt, er liegt gerne bei ihr im Bett - eine zwielichtige Affäre in einer zwielichtigen Welt. Carol ist Nutte, aber erhaben über all die schmierigen Männer, denen sie begegnet. Marty ist angewidert vom System und stellt sich bewusst ins Außerhalb. Das ergibt unglaublich starke Szenen - wie er eine Polizistin anmacht, indem er unmissverständlich sagt, was er will, wie diese dann ihr ritualisiertes Cop-Gebaren auf- und sich ganz der Geilheit hingibt. Oder wie er einem fetten, weißgekleideten Detektiv nachstellt, der seine Schwester beschattet, wie er ihm die Würmer aus der Nase zieht, um ihm dann den Kopf auf einen Briefaufspießer drückt.

Die Handlung ist voller Volten, recht verwirrt, ich habe wohl auch kaum alles voll verstanden - das macht aber nichts, das Labyrinthische ist Teil des Vergnügens, und was ist das Vergnügen an einem Labyrinth, wenn man den Weg gleich rausfindet? Marty jedenfalls will seiner Cop-Geliebten ihr Haus abschwatzen und so zu Geld kommen, Carol steckt als Independent-Hure im Visier von Bullen und Mafia, zudem von ihrem Ex-Mann. Dazu kommt die nörgelnde, Inzest vermutende Frau Mama. Marty entpuppt sich mehr und mehr als Psychopath, der sich auf irritierende Weise der verrotteten Gesellschaft angepasst hat, die der Film zeigt. Und Carol ist nicht minder kaputt. Einmal fickt sie, angefeuert vom Trauma der 1926er-Kindheit, einen Freier zu Tote... oder war es ein wissentlicher Mord?

Unglaublich atmosphärisch, der Film, mit wirklich starken Bildern - einer der wenigen, vielleicht der einzige im ganzen Hof-Programm, der von 35mm abgespielt wurde. (Einen der Vorführer hab ich klagen hören, wie hinter den Kulissen unglaubliche Probleme mit den digitalen Materialien herrschen; tatsächlich mussten wir bei einem anderen Film das Q&A stark abkürzen, weil wegen Abspiel-Problemen im Nachbarkino dort der Saal gewechselt werden musste - es wird eben nichts besser mit dem Fortschritt...)

Jedenfalls: Oblowitz, den merk ich mir. Heute Nacht um 00.15 Uhr der nächste - und vielleicht morgen hierzu hier mehr...

Harald Mühlbeyer

Mannheimer Filmsymposium 2013 – Dramaturgie der Spannung


Ein Bericht. Und ein Nachdenken.


23 Filme listet die imdb für die Zeit von 2010 bis 2015 auf, in denen Norbert Maass als Script Consultant mitgewirkt hat – beileibe nicht alles Meisterwerke. Maass ist Dramaturg, sitzt im Vorstand des Verbandes für Film- und Fernsehdramaturgie und referierte im Mannheimer Cinema Quadrat über seine Profession – was bei dem Thema „Dramaturgie der Spannung“ eine überaus passende Wahl ist.

Dass die Arbeit als Script Consultant mitunter auch frustbeladen sein kann, konnte man zwischen den Zeilen heraushören: Denn sicherlich ist „Lost Place“, an dem sich Maass’ Rede unter anderem orientierte, nicht perfekt. Und offenbar hätte Maass, der auch an diesem Regiedebüt als Dramaturg beteiligt war, ein paar gute – zumindest bessere – Ideen beisteuern können. Anscheinend aber war Regisseur Thorsten Klein recht beratungsresistent – das ist eben das Dilemma: Man kann Ratschläge erteilen, ob auf sie gehört wird, ist eine andere Sache.

„Lost Place“ ist ein kleiner Horrorthriller in den Tiefen des Pfälzer Waldes, ein Viererpack von Teenagern befindet sich auf Geocaching-Tour und trifft auf eine diffuse Gefahr, die zu tun hat mit dem US-militärischen HAARP-Projekt und ELF-Wellen – Extreme Low Frequency, in tune mit dem menschlichen Gehirn, so dass die Experimente zu Wetterkontrolle auch als Waffe zur Bewusstseinsbeeinflussung eingesetzt werden können. Ein tiefes, wohliges Wühlen im Verschwörungstheoretischen also, das durchaus mit Spannung, mit schönen Volten und einer atmosphärischen Grundstimmung umgesetzt wurde. Nunja: freilich mit Pappkameraden-Protagonisten, mit etwas unverbundenen Filmteilen, die von Geocaching unversehens ins Epileptische hopsen, und auch, wie Maass ausführte, mit einem sehr anspruchsvollen Konzept der antagonistischen Kraft – die nämlich nicht von menschlichen Bösewichtern, sondern von einem quasi außer Kontrolle geratenen Funkturm ausgehen. Eine Vagheit, die als originelle Abweichung vom Standard durchaus reizvoll ist – die aber auch dazu führt, dass die Figuren über weite Strecken ohne rechtes dramaturgisches Ziel durch die Landschaft stolpern.

Dennoch: Für die Zielgruppe – die Protagonisten gehen in die zwölfte Klasse – ein durchaus effektvoll inszenierter kleiner Reißer, der definitiv ein viel größeres Potential hat als die 12.769 Zuschauer, die „Lost Place“ von seinem Kinostart am 19. September bis zum 8. Oktober erreichen konnte. (Nunja: Der Film ist in 3D gedreht, was eine sicherlich nicht zielgruppengerechte, unnötige Verteuerung des Kinotickets nach sich zieht…)
Dass aber diesem Debüt bei der Sichtung während des Symposiums eine solche negative Energie entgegenschlug, hat mich überrascht. Offenbar war es einem Teil des filmaffinen, intellektuellen Publikums nicht möglich, sich einzufühlen in das, was der Film sein will, und in die, für die der Film gemacht wurde. Filmbewertung ist ja keine absolute Größe. Film muss in Relation zu seinen Bedingungen und zu seinen Ansprüchen beurteilt werden – was hier freilich unterblieb. Kalte Ablehnung wurde ihm zuteil – und sooo schlecht ist „Lost Place“ auf keinen Fall.

Woran genau es bei diesem Film hapert, machte Maass in seinem Vortrag klar: Indem er die Defizite aufzeigte, indem er Vergleiche mit anderen – gelungenen und nicht gelungenen – Werken aufzog. Indem er aus dem Nähkästchen plauderte. Und indem er verdeutlichte, auf welchen Ebenen Film wirkt, auf welchen Ebenen ein Dramaturg eingreifen kann – und damit, bezogen auf das Symposiumsthema, auf welchen Ebenen sich Dramaturgie und Spannung entfalten.
Maass blickt in seinen Beratungen auf drei Ebenen, auf die rationale, die dem Film seine handlungslogische Stringenz erschafft, auf die sinnliche, die sich auf den Bereich des Visuellen, der Töne, des Rhythmus und des Flusses eines Films beziehen, und die emotionale, die den Zuschauer an die Filmfiguren bindet; oft, indem die Emotionalität der Figuren erzählt wird.

Im Emotionalen hapert es sicherlich bei „Lost Place“; und Maass führte auch das Beispiel „Die Tür“ (2009, Regie: Anno Saul) an, in dem die Möglichkeiten des Protagonisten, der sich in eine Parallelwelt geworfen sieht, zuwenig ausgespielt würden. Als Gegenbeispiel diente „Die Dämonischen“, der originale Körperfresser-Film aus den 50ern: Auch hier werden Freunde zu Feinden, wie in „Die Tür“, wo sich Mads Mikkelsen in der vertrauten Fremde, unter Familienmitgliedern, die er so nicht kennt, wiederfindet. „Die Dämonischen“ aber enthält eben auch das Paar, dessen Zuneigung sich im Lauf des Films steigert – während gleichzeitig die Gefahr absoluter Gefühllosigkeit immer größer wird… Schlichtweg besser erzählt. Was übrigens auch im deutschen Bereich funktioniert: Marvin Krens Zombiesause „Rammbock“, mit Flucht vor Zombies bei gleichzeitigem versuchtem Wiedergewinnen der Ex-Freundin, ist auch für Maass ein überaus positives Beispiel.

Das Modell der drei dramaturgischen Ebenen ist bei der Betrachtung von Filmen wie auch beim Nachdenken über Dramaturgie überaus hilfreich. Zumal sich diese Sichtweise schön verbinden lässt mit anderen Vorträgen des Symposiums: Etwa mit Marcus Stiglegger, der die Mechanismen filmischer Spannungserzeugung vorstellte und den Spuren von Suspence, Schock und Thrill in der Filmgeschichte nachging, von Pabsts „Die Büchse der Pandora“ bis zur Horrorshow des heutigen Terrorkinos, das Stiglegger mit Alexandre Ajas „High Tension“ ins Spiel brachte (nicht zu verwechseln mit dem berndzywietzschen Terrorismuskino). Die krass-heftigen Szenen von Ajas Sadismus-Home-Invasion-Film aus dem Jahr 200e zeigte Stiglegger bewusst nicht, schließlich ist der Film in Deutschland wegen Gewaltverherrlichung indiziert und nur in geschnittener Form erhältlich…
„High Tension“ jedenfalls wurde interessanterweise ebenfalls vom Großteil des Publikums abgelehnt; allerdings nicht in Bausch und Bogen verdammt, sondern als Diskussionsgrundlage akzeptiert, auch als eine Art von Film, für die es eine bestimmte Affinität in bestimmten Arten von Kinogängern geben kann, vielleicht gar darf.

Auf Ernst Schreckenbergs Überlegungen zum filmischen Subtext ließen sich Maass’ Ideen ebenfalls schön übertragen – und dass der Staffelstab der Subthemen so elegant übergeben ließ, ist ein Glücksfall für dieses Symposium (und lässt sich wohl vor allem in dieser Atmosphäre des filmischen Denkens, in diesem Miteinander von Film, Vortrag, Diskussion und Publikum herauskitzeln). Subtext: Das ist für Schreckenberg ganz klar nicht etwas, was erst in einen Film hineininterpretiert werden muss, nichts, was irgendwo verborgen liegt und darauf wartet, ausgegraben zu werden, um dem Film eine neue Perspektive, vielleicht eine ganz andere Lesart zu geben. Subtext ist intendiert, wird auch deutlich gezeigt – nur achtet der Zuschauer nicht darauf, weil er im Daneben, im Beiläufigen und Unbeachteten abläuft.
Dieses Phänomen kann man Subtext nennen – einiges von dem, was Schreckenberg nennt, würde freilich bei Ralf Fischer, der über visuelle Spannungen und den innerfilmischen Dialog der Bilder referierte, vielleicht bildliches Leitmotiv oder symbolische Bildkomposition heißen. Das aber sind terminologische Fragen – und zeigt eigentlich vor allem nochmals, wie die Vorträge bei ganz verschiedener Thematik ineinander übergehen.

Schreckenberg nimmt als offensichtliches Beispiel „Oh Boy“ mit Tom Schillings vergeblicher Suche nach Kaffee, die symbolisch für sein Underachiever-Leben ist, in dem ihm nichts gelingt, weil er nichts erreicht (wie gesagt: über die Begrifflichkeit, dies als Subtext zu bezeichnen, kann man streiten). Vor allem aber nahm sich Schreckenberg Polanskis „Ghost Writer“ vor, in dem er nach eigener Aussage mindestens zehn Subtextlinien gefunden hat. Zum Beispiel die merkwürdigen Bediensteten – die undurchsichtige Asiatin, die in der Küche werkelt, ihr Mann, der im Dünenwind versucht, Blätter zusammenzurechen: geheimnisvolle Figuren, die ihre Geheimnis niemals offenbaren, ja, deren Geheimnis nie angesprochen wird.

Vor allem auf eins konzenentrierte sich Schreckenberg: Auf die BMW-Linie.
Wir erinnern uns: Der Beginn des Films zeigt eine Fähre, von der die Autos eins nach dem anderen runterfahren – bis auf ein wuchtiges Product-Placement-Gefährt, dessen Fahrer in der nächsten Einstellung tot an den Strand gespült wird (eine Reminiszenz an Fritz Langs „Testament des Dr. Mabuse“, in dem nach Ampelstopp alle Fahrzeuge weiterfahren bis auf das, in dem der soeben Ermordete sitzt…) Der Tote bei Polanski: Das ist der Ghostwriter des britischen Ex-Premiers, der auf seiner Ferieninsel an seinen Memoiren arbeitet. Ersatzmann wird Ewan McGregor, unwillig zuerst, dann neugierig, schließlich einem Geheimnis auf der Spur… Und immer wieder wird er in Autos gezwängt, immer wieder übernimmt BMW die Führung, leitet ihn weiter, voran im Plot, näher an den Abgrund heran, auf den der Ghost unweigerlich zusteuert. Das Auto als Motor einer Tragödie der Unausweichlichkeit – Dehumanisierung, so nennt es Schreckenberg. Und allein schon aus den Filmausschnitten mit diesem Motiv zeigt sich, wie perfekt, wie reich dieser Thriller ist.

Und wir entsinnen uns: Auf der Berlinale 2010 wurde der Film eher verhalten bis enttäuscht aufgenommen, als seichte Unterhaltung ohne Biss und Relevanz – ähnlich negative vibrations, wie sie in Mannheim „Lost Place“ entgegenschlugen. Wie ernst ist diese Ablehnung eines zugegebenermaßen nicht voll gelungenen Films also zu nehmen, wenn sie mitunter auch dem runden, dichten Werk eines der besten Regisseure überhaupt zuteil wird?

Was nicht nur die Frage aufwirft, in welchem Kontext welche Schwingungen für oder gegen einen Film generiert werden; oder die danach, wieweit ein Publikum von sich selbst zu abstrahieren vermag, sprich: nicht von sich ausgeht, sondern sich hineinversetzt in die Eigenansprüche des Films und in die Ansprüche des anvisierten Zielpublikums. Sondern auch die, inwiefern ein Film für seine von ihm selbst intendierte Wirkung alle Ebenen der gesamten Wahrnehmung jeder Dramaturgielinie erfüllen muss.

Zumal nämlich unter den während des Symposiums vorgeführten Filmen mit Fred Zinnemanns „The Day of the Jackal“ / „Der Schakal“ von 1973 und Tetsuya Nikashimas „Kokuhaku“ / „Geständnisse“ von 2010 zwei Filme waren, die ganz bewusst mit ihrer Wirkung auf den Zuschauer spielen. „Geständnisse“, die eiskalte Rachegeschichte einer Lehrerin an ihren Schülern, fährt jede Emotionalität der Figuren extrem herunter, Psycho- und Soziopathie bestimmen den alltäglichen, niemals liebevollen Umgang miteinander. „Der Schackal“ betont extrem die rationale Ebene mit ständig eingeblendeten Uhren, mit genauen Datumsangaben, mit der Verankerung des fiktiven Geschehens in der Realität: Nach dem tatsächlichen, gescheiterten Anschlag auf Präsident de Gaulle von 1962 beauftragt die radikal-rechtskonservative OAS einen auswärtigen Auftragskiller mit einem neuen Attentatsversuch, dessen minutiösen Vorbereitungen der Film exakt beschreibt; während als gegenläufiges Uhrwerk die Bemühungen von Polizei und Geheimdiensten geschildert werden, die das Komplott zerschlagen wollen. Klar, präzise, fast übermenschlich wird geplant und gegengeplant – und gottseidank kam keiner der Filmemacher auf die Idee, etwa die Ehegeschichte des Chefermittlers auszubauen, um seiner Figur mehr emotionales Gewicht zu verleihen!

Wenn bestimmte Wirkungsaspekte der Dreier-Dramaturgie bewusst heruntergedimmt werden, so wie Zinnemann und Nakashima die emotionale Schiene abschalten, dann wird damit ja auch eine Aussage getroffen. Ebenso wie in den von Ralf Fischer in seinem Vortrag über visuelle Spannungen angeführten Beispiele von Kubricks „2001“ oder Jacques Tatis „Playtime“. In beiden wird die rationale Ebene vernachlässigt, und zwar auf ähnlich unterschiedliche Weise, wie „Der Schakal“ und „Geständnisse“ die Emotionen übergehen, mit gänzlich unterschiedlicher Intention und Wirkung nämlich: Wo beim „Schakal“ ein mechanistisches Spannungsmoment vorherrscht, erklärt „Geständnisse“ den kalten Krieg zwischen den Figuren (und auch zwischen Leinwand und Publikum); „2001“ schraubt die logischen Handlungsfolgen von Ursache und Wirkung herunter, um per Verrätselung philosophisch zu erzählen, während Tati in „Playtime“ die Stringenz der Handlung auseinanderzerrt zu unverbundenen Absurditäten.

Alle dramaturgischen Schichten – die rationale, die sinnliche, die emotionale – aufzufüllen, ist, wie sich zeigt, nicht der Weisheit letzter Schluss. Unausgewogenheit in den erzählerischen Ebenen ist eben – siehe „Lost Place“ – nur dann ein Problem, wenn sie aus Nachlässigkeit oder Unvermögen entsteht, weil dann die potentielle Wirkung des Filmes nicht voll ausgeschöpft wird. Und selbst dann kann man bis zu einem gewissen Maße darüber hinwegsehen, wenn man vom Ideal, vom Absoluten wegrückt und das Relative, das Notwendige ins Sichtfeld rücken lässt: In dieser Perspektive ginge man nicht vom Bestmöglichen aus, von dem verschenkte Möglichkeiten subtrahiert werden müssen. Sondern vom Minimalen, davon, was unabdingbar vorhanden sein muss für den gewollten Effekt im angepeilten Markt, und würde sich über alles freuen, was darüber hinaus geboten wird. Diese Haltung ginge dann bis hin zum amüsiert-bewundernden Blick auf das Trashkino.


Harald Mühlbeyer

KVIFF 2013: Schmeichelhaft


Zum 48. Karlovy Vary International Film Festival (KVIFF) / 48. Mezinárodní Filmový Festival Karlovy Vary

„Kaum einer der Filme zielt darauf ab, der Seele des Zuschauers zu schmeicheln.“ Mit diesen provokanten Worten fasste Moderator Marek Eben die Filmauswahl für den internationalen Wettbewerb bei dem 48. Filmfestival in Karlovy Vary (Tschechische Republik, 28.6.-6.7.2013) zusammen. Das lag auch daran, dass zahlreiche Beiträge unbequeme Psychodramen waren – oft mit innerlich getriebenen männlichen Hauptcharakteren. So zeigt zum Beispiel Philippe Godeau in seinem französisch-belgischen Drama „11.6“ die Geschichte des Geldtransportraubes durch den Fahrer Toni Musulin und richtet sein Augenmerk dabei weniger auf die äußeren Umstände, als auf die Motivation und die innere Zerrissenheit des Verbrechers, für den das erbeutete Geld nur eine untergeordnete Bedeutung hat.

BLUEBIRD
R: Lance Edmands, USA, Sweden 2012
© Film Servis Festival KarlovyVary
Doch es sind nicht nur Männer, die (innerlich) leiden: In dem einfühlsamen US-amerikanisch-schwedischen Drama „Bluebird“ von Lance Edmans leidet die Schulbusfahrerin Lesley (Amy Morton) unter den Folgen eines kurzen Momentes der Unachtsamkeit, welche drohen, sie, ihre Familie und weiterer Mitglieder der kleinen, isolierten Stadt in Maine innerlich zu zerstören. „Bluebird“ besticht vor allem durch seine Schauspielleistung, weswegen zurecht die vier weiblichen Hauptdarstellerinnen – Amy Morton, Louisa Krause, Emily Meade und Margo Martindale – gemeinsam mit dem „Best Actress Award“ in Karlovy Vary ausgezeichnet wurden.
THE VALUE OF TIME  / O OURO DO TEMPO
R: Xavier Bermúdez, Spanien 2013
© Film Servis Festival KarlovyVary

Dem Trend der „unhappy guys“ (Marek Eben) folgt auch Xavier Bermúdez in seinem – freilich humorunterlaufenen – spanischen Drama „O ouro do tempo“ („The Value of Time“), das in Karlovy Vary seine Weltpremiere hatte und als „story of true love“ beworben wird. „Time, Love and Loneliness are sometimes not only friends but become allies“ so Bermúdez, der seinen Film auf einer grotesken Idee aufbaut: Die innig geliebte Ehefrau ist bereits im jungen Alter gestorben und „existiert“ nur noch in der Erinnerung des mittlerweile im Ruhestand lebenden Arztes (Ernesto Chao) und  seines Sohnes – sowie als eingefrorene Leiche im Keller.

Mit bissigem Humor stellt der spanische Regisseur Roberto Andò in seiner politischen Satire „Viva la libertà“ die aktuellen Unsicherheiten in Europa dar. Was wäre, wenn ein übermüdeter, kraftloser Parteiführer auf Grund eines Burnouts vor seiner Verantwortung flieht und der leere Platz von allen unbemerkt von seinem intelligent-naiven, beinahe verboten lebensfrohen eineiigen Zwillingsbruder besetzt wird? „There is no hope. You have to invent it“, so Andòvor zur internationalen Premiere seines Werkes.

Und auch in Vinko Brešans „Svecenikova djeca“ („The Priest’s Children“) wird die herrschende Ordnung durch den eigenwilligen Erfindungsreichtum Einiger auf den Kopf gestellt. Da in einem kleinen dalmatinischen Küstendorf die Geburtenrate beunruhigend zurückgeht, entscheidet sich Priester Fabian (Krešimir Mikić) mit Hilfe von Kioskbesitzer Petar (Nikša Butijer) – der das Dorf mit Verhütungsmitteln versorgt – dem Kinderwunsch der Dorfbewohner auf die Sprünge zu helfen. Trotz guter Intentionen zieht ihre Aktion bald ungeahnte und vor allem unkontrollierbare Kreise.
LE GRAND CAHIER / A NAGY FÜZET
R: JánosSzász, Ungarn, Deutschland, Österreich, Frankreich 2013
© Film Servis Festival KarlovyVary

Der Gewinnerfilm des diesjährigen KVIFF ist mit „A nagy füzet“ („Le grand cahier“, Ungarn, Deutschland, Österreich, Frankreich) der Festivalbeitrag des ungarischen Film- und Theaterregisseurs János Szász.  Mutet der Film anfangs noch wie eine Märchengeschichte an – zwei Brüder werden während des Zweiten Weltkrieges von ihren Eltern zu ihrer als Hexe verschrieenen Großmutter auf dem Land gegeben – entwickelt er sich schnell zu einer pervertierten Coming-of-Age-Geschichte, in der es die beiden Dreizehnjährigen nur durch das selbstauferlegte Abtrainieren ihrer Menschlichkeit schaffen, in einer Welt voller Hass, Gewalt und Verzweiflung zu überleben. Düster, nahe und zugleich greifbar ästhetisch gestaltet der Regisseur die Darstellung des Lebens im Exil der beiden Kinder, das entlang ihrer Tagebucheinträge erzählt wird.

Für Prominenz und politische Dimensionen war darüber hinaus gesorgt: Neben dem tschechischen Kostümbildner Theodor Pištěk und John Travolta wurde Oliver Stone Crystal Globe ausgezeichnet. Stone selbst, der für seinen künstlerischen Beitrag zum Weltkino geehrt wurde, erhielt zudem noch den Lifetime Achievement Award und stellte seine 10-teilige Dokumentarfilmreihe „The Untold History of the United States“ vor. Dabei nutzte er die Gelegenheit, statt über Film doch lieber über politische Aufklärung und vor allem entsprechende Verantwortung zu sprechen.

Überhaupt hatte das internationale Festival in Karlovy Vary dieses Jahr auch wieder mehr zu bieten als Leinwandkunst und Kinogeschehen. Da war natürlich einerseits die Kurstadt selbst, die mit ihren Kolonnaden, den überdimensionalen Hotelbauten und Thermalbädern den Besucher in eine andere Zeit versetzt. Der Kontrast zwischen den Kur-Touristen, die mit ihren Schnabeltassen durch die Stadt flanieren, und Festivalbesuchern, die zwischen zwei Filmen auf den Rasenflächen die Sonne genossen, war überraschend klein. Karlovy Vary ist ein Stadt der Entschleunigung. Fast gänzlich fehlen sowohl die Hektik anderer A-Filmfestivals, wie auch deren hierarchische Struktur mit ihren unzähligen verschiedenen Festivalpasskategorien. Das KVIFF, so bekam man einmal mehr das Gefühl, ist für alle, ob der Geldbeutel zum Campingplatz oder fürs Grandhotel reicht. 

Festivalzentrum im Thermalgebäude
© Renate Kochenrath, Screenshot

Zudem ist Festival nicht nur eines für die Augen und Ohren: Auf dem Festivalgelände selbst – das in den 70ern entstandene und der Architektur dieser Zeit geschuldete Hotel Thermal – werden diverse Nebenbühnen und Schauplätze geboten: An zahlreichen Ständen bekam man Einblick in die böhmische Küche und konnte sich nach einem erfolgreichen Festivaltag durch die verschiedenen tschechischen Biersorten probieren. Die Stadt Plzeň, nach der das Pils(ner Bier) benannt wurde, ist schließlich keine 100 km entfernt. 

Nicht zuletzt ist es das Leichthändige, scheinbar Improvisierte und doch so Mitreißende, das den Charakter des KVIFF auszeichnet: Die ganze Stadt steht Kopf und alles wird zum Zwecke des Festivals umcodiert. Die Schule gerät zur Herberge für filmbegeisterte Backpacker, Theater und Ballsäle werden Vorführräume und sämtliche Rasenflächen bei sonnigem Wetter trotz Verbotsschilder zur Liegewiese für Festivalbesucher aus aller Welt. Wen wundert es da, wenn die Bewohner der sonst so ruhigen Kurstadt sich in zwei Lager spalten: Die einen nehmen möglichst viele Eindrücke und Filme mit, werden sozusagen zu Touristen in der eigenen Stadt, die anderen fliehen wie die Pariser zur Sommerzeit und manche Mainzer an Fastnacht aus der eigenen Stadt und kommen erst wieder, wenn der Wahnsinn vorbei ist.

Die sympathische Herzlichkeit beschränkte sich aber dann doch nicht nur auf das Festival und sein Drumherum. Letztlich schlug das Herz eines Großteils der mehr als 12.000 akkreditierten Besucher (davon 375 Filmemacher, 855 aus der Filmindustrie und 643 Journalisten) auch für den tschechischen Film, jedenfalls für den Gewinner des Zuschauerpreises: Alice Nellis „Revival“, einer Komödie mit tschechischem Staraufgebot wie Bolek Polívka, Miroslav Krobot, Karel Heřmánek und Marián Geišberg. Der Film erzählt von eine Gruppe Männer, die trotz fortgeschrittenen Alters ihrer Jugendrockband ein Comeback zu beschert. Vom Ton her könnte „Revival“ gegenüber „Le grandcahier“ – dem Gewinnerfilm des Crystal Awards – nicht unterschiedlicher sein. 


Renate Kochenrath

Filmfest München 2013: Starker deutscher Jahrgang

Welch herausragende Filmauswahl das diesjährigen Münchner Filmfest geboten hat, mag der geneigte Leser daran ermessen, dass er hier an dieser Stelle von unserem Herrn Reporter Mühlbeyer kaum etwas davon mitbekommen hat. Der konnte nämlich schlicht wenig Zeit erübrigen, war er doch anderweitig fleißig: Mit dem Auftrag, für kino-zeit.de die Reihe Neues Deutsches Kino schreiberisch zu begleiten. Eine Reihe, von der unser Herr Mühlbeyer in diesem Jahr restlos begeistert war!

So gab es zwei wunderbare Genre-Filme zu sehen:
In „Harms“ spielt Heiner Lauterbach in der Titelrolle einen mythischen Gangster, der noch einmal einen letzten Coup wagt, immerhin lagern hundert Millionen Euro abholbereit auf Paletten in der Deutschen Bundesbank. Stur trottet Lauterbach durch die Handlung, während um ihn herum alles mehr und mehr in Scherben fällt, so dass nicht mal er, der sich mit all seiner Macht in jedes Gemenge stürzt, mehr helfen kann.
In „Der blinde Fleck“ spielt Lauterbach ebenfalls mit, in seitlich rasierter Altnazi-Frisur gibt er den Antagonisten, nämlich Dr. Hans Langemann, zweiter Mann im bayrischen Freistaat unter FJ Strauß. Vertuschung, Verschweigen, Ablenkung: Das sind seine Waffen, als der Journalist Ulrich Chaussy tiefer bohrt, als der Abschlussbericht zum Münchner Oktoberfestattentat von 1980 es zulassen wollte. Chaussy hat das Drehbuch geschrieben, Daniel Harrich Regie geführt – und zwar nicht, um ein Betroffenheitsdrama zu schaffen oder einen verfilmten Leitartikel, sondern um sich richtig reinzuknien in die Genremechanismen des Politthrillers, in dem nichts fehlt. Vor allem nicht Spannung.

Was „Love Steaks“ auszeichnet – das gelingt auch Axel Ranisch in gleich zwei Filmen: „Ich fühl mich Disco“ erzählt die Geschichte des Jungen Florian, der mit seinem Vater Hanno so gar nichts anzufangen weiß – der ihn formen will nach einem Männlichkeitsideal, wie es Hanno selbst – dick, laut, unsensibel – nie hätte erreichen können. Mit der Mama ist Florian glücklich – bis sie nach einem Hirnschlag im Koma liegt. Nun bleibt ihm nur noch die Fantasie, um das Glück mit Mutti genießen zu können – wobei er alsbald Radu kennenlernt, mit ihm Freundschaft schließt und auch durchaus mehr fühlt… Das Besondere des Films: nicht nur wird schlicht und einfach die erwachende Homosexualität von Florian geschildert, viel mehr noch des Vaters Umgang damit. Der nämlich nicht poltert und tobt, sondern die Übernachtung Radus im Zimmer seines Sohnes nutzt, um so richtig tolerant zu werden. Dabei hilft ihm der Schlagersänger Christian Steiffen, dessen Lieder („Ich fühl mich Disco“, „Sexualverkehr“) Sohnemann Flori verehrt, dem der Papa in der Kneipe ein paar runterhaut, der dafür mit einem Lied („Das Leben ist nicht nur Pommes und Disco“) und einer Aufklärungs-DVD belohnt wird. Eine DVD, in der Rosa von Praunheim himself dem verdatterten Papa Hanno eine Lehrstunde in Schwulsein und Analverkehr gibt. Es wird also nicht problematisiert – obwohl es der Probleme zuhauf gibt und auch nichts runtergespielt wird –, doch vor allem geht Ranisch sehr einfühlsam auf seine Figuren ein, erzählt über sie und aus ihnen heraus und bietet ihnen zudem fantastische Hilfestellung aus der Imaginationswelt an.

„Reuber“ ist der zweite Ranisch-Film, ein Kinderfilm freilich aus der Kinderfilmreihe: Eine irre muss auch etwas für die Älteren unter uns sein.
Geschichte von Robby, der vor dem Supermarkt seine kleine Schwester verliert und in den Wald abhaut. Wo er nicht nur einer merkwürdigen Pilzfrau begegnet oder einer guten, wenn auch alten Fee (Ruth Bickelhaupt, Ranischs Oma, die schon in „Dicke Mädchen“ so bezaubernd war). Sondern auch einem fiesen, bösen, so nett tuenden Zauberer und einem grimmigen, polternden, aber sehr hilfsbereiten Räuber. Ranisch zog mit seinem Team in einen Wald in Brandenburg, drehte in einer Woche den Film, wobei Abend für Abend neu überlegt wurde, wie die Story weitergehen könnte. Heraus kam ein toller Film für Kinder – und für Erwachsene. Denn so einfallsreich bösartig wie der Zauberer hat man selten einen Schurken agieren sehen; und ein Kinderfilm, der so sehr das Happy End einer heilen Familie vermeidet,

„Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder ist ein Beispiel dafür, dass deutsches Kino nicht mehr gleichgesetzt werden darf mit Eindeutigkeit und eingebauter moralischer Rückversicherung. Was Ironie ist, was reiner Comedy-Sketch, was ernsthafte Aussage, was These/Antithese oder gar, was die Botschaft des Autors sei – das ist in dieser Gewitterwolke von Hasspredigten und Keifereien, von Selbstsucht und langsam gedeihender Perversion nicht mehr auszumachen. Kein Wunder: Der Drehbuchautor ist Christian Kracht, Ehemann der Regisseurin; der genau weiß, wie er sich und seine Ansichten einzubringen hat, ohne sich und seine Ansichten einzubringen… Ein Episodenfilm um einen Pediküre-Künstler mit Fußfetischismus, um einen Polizisten, der gerne ein Eisbär wäre, um eine Dokumentarfilmerin, die zu selbstbezogen ist, um sich für irgendetwas zu interessieren, ein reiches Ehepaar, das über Deutschland abkotzt, eine Schülergruppe, die sich gegenseitig ankotzt, einen einsiedlerischen Waldläufer, der wild wird, als sein Rabe stirbt… Ein Panorama all der Dekadenz und Fäulnis, der man sich kaum entziehen kann, nicht in dieser und vor allem nicht in der Finster-Welt.

Höhepunkt des Filmfestes selbstverständlich: Die Premiere des neuen Helge-Schneider-Filmes „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“. Für Schneider war dies das erste Mal, dass er einen seiner Filme vorab auf einem Festival präsentieren durfte – einerseits eine große (längst überfällige) Ehrung, andererseits auch durchaus mit Risiko behaftet: immerhin exponiert man sich auf einem Filmfest, setzt sich schutzlos einem Publikum aus, das vielleicht ja, man kann es nicht wissen, auf Hochkultur getrimmt ist, auf klare Ernsthaftigkeit, und nicht auf das, was Schneider mit seiner Kunst vorhat. Nämlich hinter der Form von Nonsenskomödien und Clownerien die Ernsthaftigkeit der Anliegen so zu verbergen, dass sie dem gemeinen Zuschauer (und vielleicht auch dem gemeinen Schenkelklopfer-Fan) nicht direkt ins Auge springen. Der neue Kommissar-Schneider-Film immerhin bietet einige Ansatzpunkte, ein paar Haken, an die Exegeten und Analysten Interpretationsaufhänger befestigen können. Etwa die Zerrissenheit der Örtlichkeiten, in denen das reale Ruhrgebiet, wo an Originalschauplätzen gedreht wurde, direkt an der spanischen Küste liegt – im Film: „der spanische Teil der Stadt“; oder die Polizeigewalt, die sich nebenher abspielt, wenn in der Tiefgarage ein Verbrecher verkloppt wird und sich der Chief persönlich einen Popograpscher vorknöpft; oder das parodistische Element, das Einflüsse der gesamten Cop-Genre-Filmographie aufnimmt und nebenbei W.C. Fields und Dick und Doof einfließen lässt. Wobei, andererseits: Der Humor ist nach wie vor sehr speziell (was als höchstes Lob zu werten ist!), und manches geschieht auch einfach nur so – Sergej Gleithmann, den die Kameraperspektive als Zwerg darstellt, während Kommissar Schneider aus unerfindlichen Gründen das Gespräch laut rufend führt; oder die Tänzchen, in die der Kommissar ab und an verfällt… Warum nun ausgerechnet dieser Film aus Schneiders Œuvre sich dennoch so offen gibt auch für die, die bisher wenig mit ihm anfangen konnten? Nun: Der Film sieht ganz einfach verdammt gut aus: gedreht auf 16mm, perfekt stimmig ausgeleuchtet, mit ausgezeichneter Ausstattung und dynamischer Montage, in der sich die Ruhe der spanischen Küste gegen die Hektik im Polizeirevier stemmt. Und umwerfend komisch ist er noch dazu!

Die deutsche Kinoreihe des Münchner Filmfestes zeigte etwas, das hoffentlich zum Trend werden wird: Dass das deutschen Kino weit darüber hinaus ist, ein gesetztes Problem zu verfilmen – wie es in den Vorjahren in diversen deutschen Reihen auf diversen Filmfestivals zu beobachten war –, dass sie vielmehr tatsächlich eine Geschichte filmisch er- und begreifen. Das mag an veränderten Ansätzen bei den Filmemachern liegen; das mag auch daran liegen, dass die Kuratoren andere Werke – nämlich eben: tatsächlich Filme statt Bebilderungen – aussuchen (seit 2012 besorgt Christoph Gröner dieses Geschäft in München, und seine diesjährige zweite Amtszeit lässt für die Zukunft Großes hoffen); vielleicht aber, und das wäre langfristig gesehen die schlechteste Option, ist dies schlicht ein Ausnahmezustand, der schon im Herbst in Hof nicht mehr gilt. Immerhin aber: Diese Filme dieser Reihe dieses Festivals sind in der Welt. Und da bleiben sie auch.
Und jetzt muss nur noch das Publikum bemerken, dass sich hier Vieles und vielleicht Entscheidendes tut.


Harald Mühlbeyer

NOW YOU SEE ME: Kaputtgetwistet - oder: Das Elend mit der Billig-Surprise


Alexander Gajic auf seinem Blog „Real Virtuality“ hat angesprochen, was ich hier noch vertiefen möchte, etwas, das ihn – wie mich – eminent gewurmt hat und Anlass bietet für eine generelle Reflexion zu einem Phänomen, das gerne den Zuschauer und mehr noch die Erzähltheorie umtreibt: den Plottwist, also die überraschende Wendung, die die Lesart eines Films auf den Kopf stellt.

Naturgemäß spoilert dieser Text im Folgenden (wenn auch sehr diffus), und wer meint, die entsprechenden Filme (namentlich unter anderem DIE UNFASSBAREN / NOW YOU SEE ME oder THE TOURIST) „unbeleckt“ sehen zu müssen, sollte hier aufhören zu lesen. Andererseits kann dieser Text ärgerliche dramaturgische Möchtegern-Überraschungen ersparen, unerfreuliche Meta-Plottwists, sozusagen (die Überraschung, wie überraschend schlecht die Überraschung ist). Ist vielleicht auch was wert...  

 
Stein des Anstoßes ist der in den USA zum Publikumserfolg avancierte NOW YOU SEE ME, der tatsächlich – und das ist das unerfreuliche – bis zum letzten Drittel tatsächliche flotte und sympathische Unterhaltung unter der Regie des schwungvollen Franzosen Louis Leterrier bietet. Michael Caine spielt hier mit – und kein Film mit Michael Caine kann eigentlich, wegen Michael Caine, schlecht sein!

Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Isla Fisher und Dave Franco geben in NOW YOU SEE ME vier Schmalspurzauberkünstler, die von einem mysteriösen Mastermind zu den „Vier Reitern“ verschworen werden, die schließlich in Las Vegas, New Orleans und New York eine Wahnsinnsshow abziehen – eine, in der eine Bank ausgeraubt wird, ein Versicherungsfinanzier für die Hochwasseropfer von Louisiana bluten muss etc. David Copperfields als Robin Hood; eine starke Idee, und man ertappt sich dabei (einmal mehr und ein merkwürdiges Phänomen), sich den Film als eine neue Quality-TV-Serie der Marke LOST, BREAKING BAD oder THE KILLING zu wünschen, einfach, um den Einfallsreichtum und das Potenzial der Figuren in eine Mehr von Erzählzeit und Spannungsbögen aufgefangen und zur Geltung gebracht zu sehen. 

Zweierlei macht NOW YOU SEE ME aber letztlich kaputt.

Der eine Punkt hat schon kunst- oder medientheoretische, wenn nicht gar -philosophische Gründe bzw. Dimensionen. So sind Zaubershows live auf der Bühne ein Erlebnis, auf der Leinwand aber nur Behauptung, nicht mal Abklatsch. Das heißt, dass der echte Illusionist mit Kaninchen im Hut und durchgesägter Frau enorm dann von seiner Faszination einbüßt, wenn der Kinematograf mit seiner ganz eigenen Magie auftritt und diese im zuwiderläuft. Georges Méliès zauberte etwa mit Stopptricks, DER STUDENT VON PRAG beunruhigte qua Doppelbelichtung und damit der Evokation eines „Doppelgängers“.

Wenn nun aber Zaubertricks gefilmt und filmfiktional behauptet werden, heben sich die „Magien“ der unterschiedlichen Medien, der Live-Bühne und des Kinos, auf; die schwebende Isla Fisher in einer Seifenblase fesselt in NOW YOU SEE ME vielleicht das Publikum auf den Sitzen innerhalb der erfundenen Welt des Films, weniger aber uns jenseits dieses „Show-Rooms“ weil im Zweifelsfall doch nur läppische filmische Illusionsmittel, vom simplen Schnitt bis zur digitalen Bildretusche uns den Sense of Wonder zumindest im Kinosessel austreiben oder wenigstens nur erzählte Behauptung sein lassen.

Ein anderer, schwerwiegender „Fehler“ hängt eng damit zusammen. In NOW YOU SEE ME wird zwischen Magie, Zauberei und letztlich Gaunerei ein Unterschied gemacht, die ganze Philosophie und Botschaft des Films beruht bzw. zielt darauf. Das Problem ist jedoch, dass NOW YOU SEE ME selbst letztlich auf nichts anderem beruht als auf simplem, gemeinem und läppischen Betrug. Er verrät seine eigene Figuren und seine narrative Ethik, zudem: das Publikum. Er versetzt es am Ende nicht in Staunen oder betört es zumindest mit seiner Fingerfertigkeit, sondern führt es ganz unelegant in Irre, lügt ihm ins Gesicht. NOW YOU SEE ME ist letztlich zauberhaft wie ein Taschendieb.

Dass die Zaubertricks auf der Bühne der fiktionalen Welt für den Zuschauer vor der Kinoleinwand noch halbwegs interessant sind, mag noch angehen, insofern sie aufgeklärt und entlarvt werden. Wobei freilich die Realisierung dieser Tricks, die Vorbereitung, der Ablauf samt Timing, wundersamer anmuten als wenn man es mit echter, übersinnlicher Magie zu tun hätte. Geschenkt. Auch, dass der letzte Auftritt der „vier Reiter“ (deren Charaktere der Film schmerzlich zu kurz kommen lässt), den dramaturgischen Steigerungsbedingungen sehr lasch ausfällt und in Panorama-Shots belanglos gerät – sei’s drum.

Zum wahren Ärgernis wird NOW YOU SEE ME, wenn sich am Ende die für den Zuschauer qua emotionaler Anbindung und Erzählzeit unzweifelhafte Haupt- und Identifikationsfigur als geheimer Hintermann und Strippenzieher entpuppt, der hier nicht nur einen wackeligen Racheplan entwickelt, sondern diesen auch hanebüchen exekutiert sieht.

Ist das aber nicht auch Magie? Zauberei? Oder: Ablenkung hier, Fingerfertigkeit da? Nein. Denn die „Erzählpositionen“ bei jeder Magie-Vorführung sind klar verteilt, damit ein Vertrag geschlossen zwischen Zauberkünstler und Publikum. Ihr da unten, ich da oben – ich mit meinen Wunderstücken, ihr mit eurem skeptischem Blick. Die Frage hinter jeder Nummer, die beklatsch wird, lautet ja schließlich nicht: Wie kann es sein, dass da tatsächlich ein Hase aus dem Hut kommt? Wie ist es möglich, dass eine Frau entzweigesägt wird oder in einer Kiste verschwindet? Sondern: Warum schafft es der Illusionist, offenkundig, was rational unmöglich ist, so aussehen zu lassen, als würde es tatsächlich geschehen? WAS genau das ist, ist letztlich gar unerheblich.

NOW YOU SEE ME kündigt nun diesen Vertrag (der auch der klassische Erzählvertrag ist) einseitig auf, um sich hernach gleichsam – tataaa! – zu verbeugen, als habe er eine Leistung, das Staunen, der Kunst geliefert, eine, die er versprochen hat.

NOW YOU SEE ME hält sich nicht an die Regeln des eigene Showbiz, präsentiert einen unbefriedigenden Plottwist wie zuvor schon THE TOURIST von Florian Henckel von Donnersmark (der freilich dieses Thrillerwrack nur „geerbt“ hat). In beiden Filmen ist die (Haupt-)Figur (in NOW YOU SEE ME noch mehr als in THE TOURIST) nicht der, für den wir ihn halten. Das ist deshalb problematisch, weil wir schlichtweg ja nur jene Informationen über den Charakter erhalten, den der Film uns liefert! Wir investieren Emotionen in ihn/sie, kognitiven Aufwand, um ihre/seine Position, den Wissensstand, die Beurteilung der Lage nachzuvollziehen. Schließlich heißt es aber: ätschebätsch, die (fiktionale) Figur, der ihr folgtet, dachte, fühlte anders, wusste mehr, dann ist das schlicht unredlich, betrügerisch – vor allem aber: dumm.

Unredlich, weil uns der Film u.a. die Figur zeigt, wie sie gemäß unseres mentalen Bilds von ihr handelt – unbeobachtet, außer von uns (damit: nur für uns). Das ist Schlimmer als der von Gajic angeführte Traum in „Dallas“, der einfach die Serien-Geschichte von und Bobby Ewings Tod negierte, denn immerhin verwies der Zug auf eine, wenn auch ad hoc, eingefügte Erzähl- bzw. Interpretationsperspektive. So etwas wäre in NOW YOU SEE ME auch ohne Weiteres möglich gewesen – einfach, in dem man die reizende Interpol-Beamtin Alma alias Mélanie Laurent (INGLOURIOUS BASTERDS) zur Zentral- und Reflektorfigur gemacht hätte und nicht den sympathisch knautschigen Marc Grüffelo äh, Ruffalo, der am Ende des Film nicht mal die Größe hat, sich vor uns zu Verbeugen oder Schimäre (wie Keyer Soze).  

Dumm deshalb, weil die Filmgeschichte zeigt, wie man durchaus, mit erzählerische Lauterkeit und Finesse verblüffen kann, auch, was die Hauptfigur als Erlebnisträger und handlungserschließenden Stellvertreter des Publikum anbelangt. THE SIXTH SENSE von M. Night Shyamalan ist so ein Fall, den ich nicht nur deshalb liebe, weil der Film letztlich gar ohne finalen Plottwist ein würdiger, eigenständiger Film gewesen wären, sondern auch, da wir stets über den selben Wissensstand wie die Figur verfügen. Erst und nur zusammen mit dem Protagonisten erfahren, erleben wir, dass er ein Geist ist; wir sind mit seiner Verwirrung kurzgeschlossen, und die humanistische Botschaft erfährt ihre Doppelung hin auf die narrative, die strukturelle Ebene. Der Überraschungsfaktor hebt darauf ab, wie eng wir tatsächlich die ganze Zeit über mit dem Helden verknüpft waren – und: wie subjektiv.

Ein anderes Beispiel: THE USUAL SUSPECTS / DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN, in dem sich die (wohlgemerkt: Binnen-)Erzählung als derart unzuverlässig entpuppt, dass wir gar nicht mehr entscheiden können, was „erfunden“ ist und was wahr (innerhalb der fiktionalen Welt). Gerade dieser Film liefert genau das Gefühl eines magischen Tricks, denn NOW YOU SEE ME auf der Dialogebene feiert, selbst aber narrativ leichthin in die Tonne tritt.

Sicher, schlechte, sprich unmotivierte, selbstzweckhafte und (sowohl eigen- wie allgemein erzählerisch) unlogische Plottwists gab und gibt es immer wieder. Bisweilen denke ich auch, dass FIGHT CLUB besser ohne explizite mentale Doppelgängerei der Hauptfigur funktionierte. Schön auch, wie Anfang der 2000er in Filmen wie THE JACKET (2005) oder Marc Forsters STAY (2005) derartige Plottwists gar nicht mehr der „kognitiven“ Cleverness wegen verwendet wurden, sondern insbesondere – oder vor allem – rein der emotionalen, humanistische Valenz der Filme (der Effekt nicht als einer der Konstruktion, sondern des Affekts). Und dabei auch ihre Schlüssigkeit selbstbewusst und überaus einnehmend preisgaben. Etwas übrigens, das nur kleingeistige Ignoranten sich über das Ende der Serie LOST beschweren lässt, die nicht verstehen, dass die größte Überraschungswendung dieses TV-Hits eine ist/war, die letztlich (und: immer schon) nicht das Hirn mit seinem Genrewissen etc., sondern des „Herz“ zum Hauptzielpunkt der Narrativattacke erklärte.

Was nun NOW YOU SEE ME so fragwürdig macht, ist, dass die echten, solide und funktionierende Storyverblüffungen nach wie vor in der Filmlandschaft möglich und zu finden sind – wenn auch (wieder) an den Rändern oder jenseits des Mainstreamkinos. THE TALL MAN von Pascal Laugier, der zuvor mit MARTYRS intelligent schockte, gaukelt gar mit den Genreerwartungen selbst – so sehr, dass die läppischen 5,9 Wertungspunkte auf dem Idiotentummelplatz IMDB schon wieder eine Auszeichnung sind.

Wenn aber Alexander Gajic in seinem Blogbeitrag Danny Boyle mit SHALLOW GRAVE als Gewährsperson für die Unterwanderung der Publikumserwartungen heranzieht, ist das zugleich unglücklich wie bezeichnend, weil Boyle selbst mit seinem aktuellen Film TRANCE (Buch: Joe Ahearne u. John Hodge – letzterer Autor von SHALLOW GRAVE) bei aller visuelle Brillanz eine Erzählung vorgelegt hat, die aufs Enttäuschendste nur auf der Oberfläche und fern, gar über Gebühr entfernend, von den Figuren „twisted“ auf das jede der dramaturgischen Kniffe zur freudlosen Wendungsonanie oder gar -routine verkommen. Standard. Reine Akrobatik, ohne Herz und Hirn. Und ohne Körpergefühl. Man kann sie übrigens auch in anderen (nicht nur) dahingehenden Fehlzündungen der letzten Zeit beobachten: in dem erbärmlichen Untergang der ansonsten gloriosen DIE HARD-Reihe A GOOD DAY TO DIE HARD (wobei sich der Vergleich lohnt mit dem erfolgreich plottwistenden DIE HARD 2 – DIE HARDER). Oder dem modernen Derivat WHITE HOUSE DOWN. Ebenfalls abgenudelt und der ästhetischen Wucht unwürdig in seinem Pointilismus. STOKER von Chan-wook Park.

Entsprechend ist NOW YOU SEE ME vielleicht ein extremes, aber kein Ausnahme-Beispiel für den Schindluder, den man mit der Handlungsführung, dem eigenen Sujet und Thema, wie mit dem Intellekt (etwa der qua Filmwissen geprägten kognitiven Kompetenz) des Zuschauers derzeit in Hollywood und darüber hinaus treibt.

Mehr Innovation, zumindest aber Besonnenheit und Respekt von und im Umgang mit dem Plottwist tut Not – und damit auch mit dem Publikum selbst.

   
zyw

Filmfest München 2013: Jakob Lass und "Love Steaks"

Lustigerweise beginnt Jakob Lass seinen Film "Love Steaks" so, wie Brigitte Bertele "Grenzgang" anfangen ließ: Mit einem pinkelnden Mann. Bei Bertele: Jens Eidinger, der aus Frust über Studium, Professor und Freundin ein Goethe/Schiller-Plakat anpisst. Bei Lass richtet steht Clemens (Franz Rogowski) als Silhouette an einer Strandklippe, zunächst zusammengeklappt wie ein Taschenmesser, eher einem Felsen gleich, dann richtet er sich auf zum Wasserlassen und wandert mit seinem Rucksack auf dem Rücken in ein Hotel. Dort beginnt er seine Arbeit als Masseur im Wellnessbereich; doch das Mythische der ersten Bilder ist da schon gewichen zugunsten eines dokumentarischen Anstrichs - denn Lass hat mit seinen paar Darstellern und seinem kleinen Team tatsächlich in diesem Hotel an der Ostsee gedreht, während des laufenden Betriebs, mit den Hotelangestellten, die sich als Nebenfiguren selbst spielen.

Clemens nächtigt im Putzraum, wo Hausmädchen und Zimmerkellner jederzeit Zutritt haben; lernt die Techniken des Energiewegschaufelns kennen, die richtigen Duftessenzen für seine Kundinnen, wie man sich das Handtuch vors Gesicht hält, um sie diskret sich entkleiden zu lassen. Und allmählich lernt er auch Lara (Lana Cooper) kennen.
Die arbeitet als Azubi in der Küche, ist ins ruppige, neckende, eingespielte Team integriert, macht jeden Spaß der Kollegen mit, trinkt auch mal hier ein Schlückchen und da noch eins. Und bemerkt ebenfalls Clemens, der so ganz anders ist. Sie burschikos, draufgängerisch, energetisch; er sanft, aufrichtig, schüchtern, naiv.

Sie geht auf ihn zu. Sie nimmt ihn sich. Macht sie sich einfach über ihn lustig, den tollpatschigen Typen aus der Wellness, nuschelnd mit seiner Hasenscharte? Du strahlst den puren Sex aus, sagt sie, das ist ironisch gemeint, wie sowieso alles bei ihr ironisch ist, so ironisch, dass es ihr schon wieder ernst ist.

Jakob Lass schafft es, aus seinen dutzenden Stunden Filmmaterial genau diese eine Geschichte herauszuschälen, diese Story, diese Charaktere. In kleinen, subtilen Gesten und Momenten und in großen Aktionen, in raumgreifenden Späßen trifft er den Nerv seines Films: eine amour fou, mit dem, der straightforward und direkt ist und der, die alles als Spiel begreift, als uneigentlichen Unernst. Die den Polizisten ins Gesicht lacht, wenn sie sie wegen Trunkenheit am Steuer verhaften, die Clemens zur Verarsche des Hotelmanagers anstachelt, die anarchische Zerstörungsenergie in sich trägt.

Clemens, der Sanftmütige, will sie heilen, geht mit ihr eine Wette ein: Sie lässt den Alkohol. Er lässt die Angst. Tatsächlich öffnet er sich nach außen - doch ihre Überdrehtheit lässt sich kaum bändigen. Denn es geht um Energie, um das Umlenken von Energie, was Clemens ayurvedisch mit seinen Händen überm Bauch der Massagekundinnen vollbringt, was bei Lara nicht funktioniert. Meditation, Entspannung, zur Ruhe kommen ist nicht drin; und Lass führt diese Konstellation der zwei Extreme nicht nur zu glänzend komischen Momenten, sondern auch zu einem melodramatischen Finale, in dem Lügen und Missverständnisse, unendliche, aber fehlgeleitete Aufopferung und das spöttische Spiel sich auftürmen bis zum blutigen Kampf am Strand. Und zum blutigen Kuss, der sie endgültig aneinander bindet.

"Love Steaks" - das ist ein, ich sage es frei heraus, recht doofer Filmtitel. "Ein Luxushotel. Steaks werden gebrutzelt, Speckröllchen massiert. Clemens (zart) kommt als Frischling in den Wellnessbereich. Lara (gut durch) muss sich im Küchenrudel behaupten." - so lautet die offizielle Auflösung der Metapher, der Film käme gut ohne sie aus.
"Love Steaks" - konkret bezieht sich das auf eine der ersten Liebesszenen des Films, in der Küche, eine unvergessliche Annäherung über Bande der beiden. Lara, aufgedreht wie eh und je, interessiert sich für Penisse, hat Clemens einen Blut- oder einen Fleischschwanz? Sie will auch wissen, wie das mit dem Blasen ist, alles im kindlich-spielerischen Modus, steckt sich den Finger aus der Hose, Clemens auf den Knien - das erinnert an Friedkins "Killer Joe", letztes Jahr auf dem Münchner Filmfest. Dann nimmt sie Clemens nackt in die Kühlkammer, packt ihn mit vakuumverpacktem Steak ein; denn sie will wissen, wie das ist mit dem Schwanz und der Kälte. Ein Liebesakt ist das, wie er selten zu sehen ist; verdreht, aus dem Spiel heraus konsequent, auf extrovertierte Weise schüchtern, sehr fleischlich, erotisch, aber gar nicht sexuell. Und Beweis für Jakob Lass' Einfallsreichtum, wenn es um seine Charaktere geht, um das Formen einer Geschichte um sie herum


Harald Mühlbeyer