24 x Wahrheit in der Sekunde? – Das 27. Mannheimer Filmsymposium
12. bis 14. Oktober 2012, Cinema Quadrat, Mannheim

Dass dieses – im Gegensatz zum letzten Jahr – nicht
überwältigend groß war, ist wohl dem Thema geschuldet: Fakt und Fiktion, Spiel-
und Dokumentarfilm und all die Schattierungen und Implikationen des
Wahrheitsbegriffs – das ist vielleicht nicht griffig genug, um mehr als 40
Interessierte anzulocken. Und gerade weil das Thema so ein großes Fass anzapfte,
gingen vielleicht die letzten Vorträge weg von der Frage fiktionalisierender
Dokus und dokumentarischer Spielfilme, und es eröffnete sich ein ganz neuer
Schwerpunkt: Die Frage, wie Spielfilm mit Zeitgeschichte umgeht.
Das ist eigentlich etwas Wunderbares: Wie in einem Symposium
sich das Thema wandelt, wie es mäandernd hinfließt, und wie dann neue,
unvorhergesehene Aspekte auftauchen. Aus dem fruchtbaren Miteinander von
Referenten und Publikum, von Vorträgen, Filmbeispielen und Berichten aus der
Praxis entsteht so ein gewinnbringendes, gemeinsames Nachdenken über Film und
über Wirklichkeit. Zumal ein abschließend-endgültiges Fazit natürlich von
vornherein nicht vorgesehen sein kann (sonst könnte man die Filmwissenschaft
einpacken); und ein strengerer Ablauf würde allzustark in eine Lenkung der
Diskurse münden, die nicht zielführend sein kann.

Wie Fiktion durch Manipulationen des Filmmaterials
„authentisch“ wirkt, stellte Marcus Stiglegger vor: Von der nachträglichen
künstlichen Alterung von (digital!) gedrehtem Material in Robert Rodriguez’
„Planet Terror“, die dem Film spielerisch den Look abgenudelten Zelluloids
verleihen sollte, bis zu den typischen Ikonographien des Holocaust mit
Farbentsättigung und Streicherklängen, mit Wolken und Schlamm: Das wirkt „echt“
und ist es natürlich ganz und gar nicht.
Auf der anderen Seite der Dokumentarfilm: Etwa das
unkonventionelle Firmenporträt „Ora et labora – Das Unternehmen Pöppelmann“ von
Anna Ditges, die einen mittelständischen Betrieb zeigt, der Blumentöpfe und
Pustefix herstellt und durch und durch katholisch geprägt ist. Die
Firmenleitung, die Mitarbeiter: Alle sind fromm, und langsam, unmerklich fast,
tastet sich Ditges an ein großes Geheimnis heran, an ein Tabu, an
Das-worüber-man-nicht-spricht, an den Tod des Firmengründers, der eigentlich
eine große geistliche Krise hervorrufen würde, würde er nicht verdrängt. Wirkt
das einstündige Werk zunächst so, als wüsste es nicht, was es erzählen wolle,
erschließt sich im Nachhinein das Kreisen um diesen einen wunden Punkt. Im
anschließenden Werkstattgespräch berichtete Ditges bedauernd, dass es
tatsächlich zum Konflikt mit dem Familienunternehmen kam – und auch innerhalb
der Familie des Unternehmens –, und dass deshalb der Film auch in seinem
„Stammland“, im Firmensitz in Lohne, Niedersachsen, eigentlich nicht richtig
veröffentlicht ist.
Das stellt die Frage nach der Integrität des Filmemachers –
zeigt er das, was er will, oder das, was der Auftraggeber/Filmpartner von ihm
erwartet? Und es stellt die Frage nach der Ethik des Filmemachers: Wieweit
darf/kann/soll man einen Protagonisten bloßstellen?
Zu letzterem hatte Thomas Frickel einiges zu sagen: Er macht
Dokumentarfilme, die Satiren sind, zuletzt etwa „Die Mondverschwörung“, in dem all
die absurden Esoteriker und abstrusen Paranoiker vorgestellt werden, die von
normalen Spinnern bis zu rechtsradikalen Wirrköpfen reichen. Er lässt dabei
seinen (inszenierten) Reporter Dennis R. D. Mascarenas, einen Amerikaner, auf
die Deutschen los, um zu sehen, wie die so ticken – ist das noch
dokumentarisch? Macht er sich über seine Protagonisten lustig? Ist das nicht
alles übertrieben? Frickel erklärte dazu ein Beispiel aus dem schulischen
Physikunterricht: Wenn man in eine gesättigte Flüssigkeit einen Faden hängt,
bilden sich an diesem Kristalle. Was unsichtbar war, kristallisiert sich an
einem Fremdkörper heraus – so auch latente Tendenzen der Wirklichkeit, wenn ein
Stück Fiktion sich hineindrängt.

Harald Mühlbeyer