Grindhouse-Nachlese November 2021: „Nacht der Gejagten“, „FBI jagt Phantom“ und „Mission Thunderbolt“

Grindhouse-Triple-Feature, 27. November 2021, Cinema Quadrat Mannheim:

 

„Nacht der Gejagten“ / „Die Nacht der Gehetzten“ /  „La nuit des traquées“, FRA 1980, Regie: Jean Rollin

 „FBI jagt Phantom“ /  „The Human Duplicators“, USA 1965, Regie: Hugo Grimaldi

 „Mission Thunderbolt“, Hongkong 1983, Regie: Godfrey Ho


Scheinwerfer in der Nacht, ein Auto auf kurviger Straße, eine Frau in weißem Nachthemd, verängstigt, gehetzt – das ist Brigitte Lahaie in ihrer Rolle als Elisabeth, die nun von Robert, dem Autofahrer, gerettet wird. Lahaie ist vollkommen unten durch, ein Nervenwrack – Robert stürzt auf sie zu, packt sie an, der Zuschauer ist einen Moment im Ungewissen, was er ihr antun will. Aber er will nur helfen!

Mitunter sind es solche Momente der Nachlässigkeit in Inszenierung oder Schauspielführung oder Darstellung, die „Nacht der Gejagten“ ins Grindhousemäßige abrutschen lassen – und natürlich die Tatsache, dass offenbar jeder Protagonist mit geladener Pistole in der Hosentasche rumläuft, mit der auch über 50 Meter Entfernung sicher getroffen werden kann, und dass Frauen sich baldmöglichst nach ihrem Leinwandauftritt ausziehen müssen. Diese filminszenatorischen Einschränkungen – wenn man sich die Mühe machen sollte, sie als solche anzusehen – müssen mitgedacht sein; aber das eigentlich äußerst Merkwürdige ist, dass sie nicht daran rütteln, dass wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun haben.

Jean Rollin gelingt dabei eine Besetzungstrinität: Er wählte seine Darsteller(innnen) offenbar danach aus, ob sie in die Rolle passen (tun sie), ob sie schauspielerische Qualitäten aufweisen (tun sie) und wie wohlgeformt ihre Brüste sind (sehr).

Brigitte Lahaie war damals Pornodarstellerin. Doch Jean Rollin hatte schon zuvor einige Nicht-Hardcorefilme mit ihr gedreht, er nutzt in „Nacht der Gehetzten“ auch ihre Körper – aber nicht, um den Zuschauer aufzugeilen. Bald, nachdem Robert Elisabeth in seinem Auto mitgenommen hat, merken wir: Sie leidet unter Gedächtnisverlust; was ein paar Minuten zuvor passiert war, entfällt ihr unweigerlich. Auch die nackte Frau, die durch den Wald zur Straße läuft, ihren Namen ruft, die verzweifelt sieht, wie Elisabeth mit Robert wegfährt, existiert kurz darauf für Elisabeth nicht mehr. Véronique heißt sie, irgendwie sagt der Name Elisabeth etwas, aber was? War es wichtig?

Mit Robert macht Elisabeth Liebe. Und das ist nicht ihrem Pornostatus geschuldet, denn Rollin inszeniert diese Liebesszene nicht als Bums-Akt, nicht für den Zuschauer. Vielmehr sehen wir zwei Körper, die sich vereinigen, mit ganz wenigen Schnitten quasi in Echtzeit, ein Verlangen, eine Zärtlichkeit, ein Ineinanderübergehen – und zwar eben nicht voyeuristisch, sondern sozusagen protokollarisch aufgenommen von der Kamera, die immer wieder die Gesichter ins Blickfeld nimmt und eben nicht Geschlechtsorgane, die keine „Ästhetik“ erzeugt, sondern von außen betrachtet, wie zwei sich einander hingeben. Diese Liebesszene ist gerade in ihrer Ausführlichkeit ungeheuer wichtig: Weil hier das Miteinander gefeiert wird von Elisabeth und Robert – und weil wenige Minuten später sie alles wieder vergessen haben wird.

Elisabeth, gedächtnislos, lebt im Moment, kann nicht anders. Sie wird aus Roberts Wohnung abgeholt von Dr. Francis und seiner Assistentin Solange; beide in Trenchcoats gekleidet, ohne jedes Mitgefühl in der Mimik, ja, ohne Gefühl überhaupt führen sie Elisabeth ab, führen sie in ihr Zimmer im 30. Stock eines dunklen Hochhauses. Dort wohnen eine Menge Leute, die an Amnesie leiden, und es könnte eine Klinik sein, dessen Personal bis hin zum Chefarzt Dr. Francis schlicht vollkommen überlastet ist von Patienten, die immer wieder ausbüchsen, ohne zu wissen wohin. Es könnte auch ein Gefängnis sein, das Menschenlabor eines sinistren Mad Scientist. Oder eine Selbsthilfegruppe von desorientierten Menschen, denen Reden und Medikamente möglicherweise helfen sollen… Catherine ist Elisabeths Zimmergenossin, ebenfalls ohne Gedächtnis; die beiden erfinden sich eine eigene Vergangenheit, eine Kinderfreundschaft, die es nie gab und die bei ihnen wiederum nur Verstörung hervorruft.

Im Flur stehen die weiteren Patienten, eine Frau sucht ihr Kind, sie ist sicher, dass sie mal eins hatte, eine andere blättert in einem Fotoalbum mit uralten Schwarzweißporträts, ob das mal ihre Verwandten waren?

Menschen, die nicht mehr sich selbst kennen, geschweige denn andere – torkelnde Männer; ein geiler Aufseher, der sich etwas darauf einbildet, Zimmernummern wiederzufinden und dafür von den Frauen belohnt werden will. Er führt eine junge Frau in einen Filmsaal, dort vergewaltigt er sie – sie wird sich danach ja nicht mehr erinnern können. Ein Mann taucht auf, er hat einen Hammer. Blut. Mord. Ein anderer wird von einer Frau angesprochen: zu zweit ist besser als allein. Nackt in der Sauna liegen sie aufeinander. Er erwürgt sie. Es geht nicht nur um Gedächtnisverlust, um Störungen den Gleichgewichtssinns: Die Menschen hier töten, sie sind gefährlich füreinander, für sich selbst… Sind es noch Menschen?

Véronique ist da. Sie und Elisabeth erkennen sich. Zwischen ihnen scheint etwas zu bestehen, was älter ist und tiefer geht als die normalen Erinnerungen. Sie wollen fliehen. Véronique sitzt am Fenster, sie kennt ihren Zustand, zumindest in diesem Moment kennt sie ihn, sie wird wenig später vielleicht alles wieder vergessen haben: „Wenn es Nacht wird, bleibt nur die Angst derer, die leiden in der Welt der Hochhäuser.“

Jean Rollin ist gewiss ein Erotomane. Am nackten Leib berauscht er sich, am weiblichen vor allem, wir hatten von ihm bereits „Die nackten Vampire“ im Grindhouse-Programm, der war ebenfalls verstörend, von einer merkwürdig abseitigen Erotik durchzogen; in „Nacht der Gejagten“ aber erzeugt Rollin eine ganz faszinierende Stimmung, der man sich nicht entziehen kann, die einen mit runterzieht in Verstörung und Verlorenheit: Immer wieder lässt er seine Protagonisten in den Statussymbolen der Moderne agieren, inmitten kalter Architektur, die Welt der Hochhäuser ist keine menschliche, sie ist fremd und übergestülpt, hier kann man verloren gehen.

Elisabeth schleicht sich an einen Wächter, stiehlt seine Pistole und erschießt ihn, ohne Mitgefühl, von hinten. Ein Schock – Elisabeth, die immer einfühlsam war, auch in der eigenen Verzweiflung, die Catherine mit ihren motorischen Störungen gefüttert hat, die so zärtlich ist und so unschuldig… Mit der Pistole in der Hand erkämpft sie sich einen Weg nach außen, sie schießt, wenn nötig; es gelingt auch, Robert zu benachrichtigen. (Auch hier wieder eine der Nachlässigkeiten: „Ich weiß nicht, wo ich bin, es ist ein schwarzes Hochhaus…“ – „Das kenne ich, ich bin in zehn Minuten da!“) Doch eigentlich ist klar, dass alles zu spät ist, denn die Gedächtnis-, die Denkfunktionen nehmen rapide ab.

Die Patienten sind nur noch Körper, und Rollin stellt sich mit seinem Film ganz deutlich in die Philosophiegeschichte: „Ich denke, also bin ich“ hat Descartes erkannt, ein Schlüsselsatz der Moderne, der Aufklärung – für Descartes gab es Geist und Körper, beziehungslos, aber miteinander verbunden, eine Dualität, in der der Geist das Menschsein ausmacht, in dem Denken, Fühlen, Seele sich finden, dem Körper entgegengesetzt, der rein mechanisch seine Funktionen erfüllt: „Nacht der Gejagten“ führt diese Thesen unerbittlich weiter dahin, wo das Unerträgliche lauert; denn er verlässt mit seinem Film nun die Welt der Hochhäuser, die Hypermoderne, die den Menschen kaputtmacht, verlässt das Hochhaus, das auch Gesellschaftsgleichnis war, wo die Geistlosen hausten, dieses System des überwachten Funktionierens, der Entindividualisierung – Rollin verlässt diese parabelhafte Kritik am menschlichen Zustand, um zurückzufinden zum ultimativ Unmenschlichen: Die verbliebenen Gedächtnislosen stehen zombiehaft in einem leeren Eisenbahnwaggon, sie werden nach und nach abgeholt, maskierte Ärzte mit Todesspritzen, ein Feuerloch als Krematorium: Faschismus, Holocaust sind die Endpunkte der düsteren Analyse, die Rollin der Descartes-Philosophie anlegt. Wer nicht denkt, ist nicht; er lebt nicht mehr, existiert nur noch, ist Körper, ohne Mensch zu sein – oder doch nicht?

Die Körper, die schönen filmischen Aktbilder, die Jean Rollin in seinem Film zeigt – es sind eben nicht die Obsessionen eines Erotomanen, der dem Voyeur im Publikum Futter bietet – es sind dies die einzigen Artefakte des Menschlichen, die den Protagonisten bleiben. Selten war Nacktheit im Film depressiver.

 

„FBI jagt Phantom“: So ein Quatsch. FBI? Phantom? Beides hat nichts mit Hugo Grimaldis Film zu tun, der Titel ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass Hauptdarsteller George Nader in Deutschland als filmgewordener Jerry Cotton Berühmtheit erlangt hat, damals, in den 1960ern, als man mit Abenteuerkrimithrillergenrefilmen noch Geld im Kino zu verdienen versucht hat. „FBI jagt Phantom“ entstand vorher und kam mitten in der Cotton-Reihe in Deutschland raus – doch Naders Figur Glenn Martin ist in diesem Film nicht „G-Man“, sondern Agent der NSA: Die NSA, das waren damals noch die Guten!

Aber beginnen tut der Film mit dem Weltall, und ein Ufo taucht auf, das wie ein Brummkreisel aussieht. Es ist nicht auszuschließen, dass wir tatsächlich einen sehen, der ein Ufo darstellen soll, und dass irgendwo ein Kind weint, weil ihm sein Spielzeug geklaut wurde, um es an einer Schnur vor einen nachgemachten Sternenhimmel zu hängen! Drinnen befindet sich der Beißer. Ja, der Beißer, also: Richard Kiel zehn Jahre vorher, er heißt im Film Koloss, weil er so ein Koloss ist, und wird von der Zentrale instruiert: Um die Menschheit zu infiltrieren, muss er sich an Professor Dornheimer ranmachen. Achtung: deutscher Name auch im Original – das heißt übersetzt, dass Dornheimer zwar eine Kapazität ist, aber auch eigentlich böse, weil mit einer Elite-Philosophie ausgestattet, die nur einen Führer anerkennt. Koloss wird zu Dornheimers Villa gebeamt (avant la lettre), als Dr. Koloss übt er sofort seine böse Macht über Dornheimer und seine beiden hübschen, jungen Assistentinnen aus, die unten im Kellerlabor – Labor im Keller, klar, wo sonst! –, jedenfalls –. Also. Es gibt auch noch Dornheimers Tochter, sie ist blind. Was aber wirklich passiert, darüber gab es bisher nur Andeutungen, und die NSA ist auch ratlos!

Der aufgeklärte Zuschauer von heute kennt das alles natürlich. Im Film aber muss lang und breit erklärt werden, was Androiden sind. Was die Körperfresser in den 1950ern mit außerirdischen Kokons vollbracht haben, das kann Koloss mithilfe von Dornheimers Laboratorium auf technischem Wege bewerkstelligen: Kopien erschaffen! Und dann passiert es immer wieder, dass hochrenommierte Wissenschaftler mit tadellosem Ruf in ihren Wissenschaftsinstituten einbrechen und hochsensible Gerätschaften stehlen, und das Wachpersonal kann nichts gegen sie tun, weil sie haben als Roboter übermenschliche Kräfte!!!

Einmal sehen wir, wie das Kopieren von Menschen geht. Es funktioniert überraschenderweise eigentlich genau so wie 40 Jahre zuvor in Fritz Langs „Metropolis“. Nur dass um den Androiden keine Lichtkreise auf- und abschwingen, das war wohl im Filmbudget nicht drin, vielmehr hängen kreisförmig Lichterketten runter, drinnen dann entsteht die Kopie, in diesem Fall einer Frau, was aber nicht heißt, dass es unzüchtig würde, wenn die Kleider noch nicht fertigkopiert sind.

George Nader als NSA-Agent Glenn Martin tappt lange im Dunkeln, weiß aber sofort bei Durchsicht der Fotos aller wichtigen Wissenschaftler, dass er diese eine Chinesin gerne mal persönlich beschatten würde. Weil er halt ein Mann ist! Ein Mann, der mehr ist als wie die Agentin Wilson, die eigentlich, also in Wirklichkeit, sehr flott viel mehr weiß als Martin und sein Chef, die aber immer rumkommandiert wird und auch mal in der Bibliothek vorbeischauen muss, wenn Nader was braucht: Sie ist eine Frau, der Film hat da klare Standpunkte, so ist das in den 1960ern. Agentin Wilson aber ist herzlich in Martin verliebt, der sie immer gerne mit Missachtung behandelt, sich aber auch mal zu einem Kuss herablässt. Irgendwie wohnen die beiden auch zusammen, oder so. Es ist halt nicht alles klar, der Film hat einige Geheimnisse.

Die androidischen Menschenkopien jedenfalls sollen nach außerirdischem Willen irgendwie die Invasion vorbereiten, das werden Klonkriege werden, Koloss muss alles irgendwie anstoßen mit der Dornheimer-Kopie in dessen Labor, das aussieht wie jedes Labor in einem B-Film, und es gibt immer wieder neue Menschenkopien und die Frage, wie man eigentlich einen Androiden erkennt. Und auch Glenn Martin wird kopiert! Aber nicht Lisa, des Professors blinde Tochter. Denn Koloss zeigt menschliche Züge, er ist blind in sie verliebt, als Außerirdischer. Und der Klon von Prof. Dornheimer baut sich seine eigene faschistisch-darwinistische Ideologie auf, denn: Koloss hat den wichtigsten wissenschaftlichen Grundsatz vergessen! Man darf nämlich die mechanischen Technikgehirne der Androiden nie mit dem ganzen Wissen des Originals ausstatten, sonst werden die Kopien die Originale irgendwann erledigen, denn sie sind sehr viel weiter als der bloße Mensch: Sie haben nicht den Fehler der Emotion!

Soweit der philosophische Überbau. Das Sein des Films ist jedenfalls sehr viel unterhaltsamer als sein Bewusstsein – weil der Film gar nicht weiß, wie doof er ist. Ich meine, hallo, der Plan der Außerirdischen könnte auch einem Ed Wood-Gehirn entsprungen sein! Irgendwann ist Glenn Martin, also das Original, eingesperrt, und die blinde Tochter muss ihm unbedingt seinen Talisman bringen, eine Münze, das ist unheimlich wichtig – als er sie hat, fummelt er an seiner Taschenuhr rum, er hat nämlich da ein James Bond-Gimmick: einen langen Draht, mit dem zersägt er mühsam die Eisenstäbe. Die Münze hat er dafür gebraucht, weil er sie dafür gebraucht hat. Punkt.

Kurz vor seinem Ausbruch gibt ihm Professor Dornheimer, das Original, einen Tipp: Die Androidengehirne funktionieren ja mechanisch, und die sind so sensibel, dass ein übergroßer Lichtschock – oder was weiß ich. Jedenfalls hat natürlich jede wissenschaftliche Kapazität, die etwas auf sich hält, eine Laserkanone im Labor liegen, und damit werden all die Klone des dornheimerschen Dieners – ungefähr sieben Stück! – total aufgewiegelt, so dass sie sich gegenseitig umbringen. Die Laserkanone ist eine Art Scheinwerfer-Spot, man muss das Licht halt scharf genug einstellen, weiß Prof. Dornheimer (der echte). Der gefälschte kann fliehen, aber nicht lange, jedenfalls gibt es einen Kampf, und eine filmgeschichtliche Erkenntnis: Nicht erst in „Blade Runner“ kann man Androidenaugen weinen sehen.

Ein höchst unterhaltsamer Film, der so gefangen ist in seiner Zeit, dass er davon gar nichts mitbekommt!

 

Aber immerhin ist „FBI jagt Phantom“ ein Film, also: ein Film, bei dem irgendwo klar ist, wer was will, warum wer wohin geht und was wer wann warum tut – auch wenn nach menschlichen Maßstäben alles blödsinnig ist. Godfrey Ho hat versucht, irgendwas zu machen, herausgekommen ist „Mission Thunderbolt“.

Nachdem der erste Film des Abends überraschend komplex und hochatmosphärisch den Menschen im Prozess seiner Entmenschlichung gezeigt hat, und der zweite Film sich auf seine Art mit dem herumgeschlagen hat, was den Menschen ausmacht und was passiert beim Kopieren, schlägt der dritte Film des Abends einen ganz anderen Weg ein im Themenbereich Identität: Denn er ist mit sich selbst nicht identisch. Das ist nämlich so: Da wurden zwei Filme ineinandergezwängt. Und zwar nach einem Geheimrezept, das so geheim ist, dass wir bei IMDb gerade mal erfahren, dass der Originalfilm „Bie ai mosheng ren“ heißt, eine taiwanesische Produktion von 1982. Die muss den hongkongerischen Produzenten in die Hände gefallen sein, die sie mit eigenen Szenen anreicherten, um den doppelt aufgemischten Film dann auf den Videomarkt zu schmeißen.

Am Anfang sieht man Stadtimpressionen von London; New York; Sidney. Dort nämlich passieren Dinge: Ein Mann steigt aus einem Auto, und dann rast ein Rollschuhfahrer herbei und hat eine Sichel in der Hand. Zwei Männer öffnen einen Lieferwagen, und drin ist keine Ware, sondern ein Mörder mit Maschinenpistole. Eine Frau liebkost den Bauch eines Mannes (ohne dass irgendwelche naughty bits gezeigt würden), knabbert an seiner Brustwarze, dann wendet sie ihren Kopf ab, hat plötzlich eine Rasierklinge zwischen ihren Lippen und ratsch, durchtrennt sie die Kehle des sich wollüstig Räkelnden. Und dann ist große Aufregung bei Interpol in Hongkong, der Stadt, in der der Film spielt: Weil diese drei weltbekannten Auftragskiller alle gleichzeitig hier angekommen sind.

Soweit, so klar. Nur sehen wir jetzt zwei junge Frauen miteinander in der Welt der Hochhäuser umeinandertollen, sie haben so richtig Spaß. Und dann wird eine Frau von ein paar gewalttätigen Jugendlichen auf Motorrädern bedrängt. Und bei Interpol soll ein Diavortrag die ganze Geschichte erklären: Es gibt da nämlich zwei Gangsterbanden, die miteinander um die Unterwelt konkurrieren, und ja. Irgendwie gibt es Morde. Eine Frau sieht, wie ihrer Schwester der Bauch aufgeschlitzt wird. Das sind, glaube ich, die, die zuvor herumgetollt sind. Aber da sind auch noch die Killer, die treffen ihren Auftraggeber in ihren Autos auf einer Brücke und bei Interpol wird viel telefoniert und es gibt verschiedene Anweisungen. Die Schwester, deren Schwester ermordet wurde, bietet sich als Schuhputzerin an, andere Schuhputzer wollen sie vertreiben, aber die Gangster der einen Bande laden sie für abends in ihren Nachtklub ein. Wo sie als Animiermädchen mit ihrer miesen Laune die Gäste verkrault und auch mal verhaut. Und dann sind da noch die Killer von auswärts! Die bringen auch Leute um. Und Interpol hat einen Agenten, der sich im Fitnessstudio stählt. Und auf dem Schrottplatz trifft sich die Schwester mit wem, und dann tauchen plötzlich hundert Leute auf und prügeln sich. Und später trifft sie sich nochmal mit wem, und wieder tauchen hundert Leute auf und prügeln sich. Und die Killer treffen ihren Auftraggeber, und der Auftraggeber trifft einen weiteren Auftraggeber, und der Mann aus dem Fitnessstudio prügelt auch herum.

Es ist hier nicht meine Aufgabe, Handlungszusammenfassungen von Grindhouse-Filmen zu liefern, aber bemerkenswert ist doch, dass nicht einmal „Mission Thunderbolt“ selbst seine eigene Handlung erzählen zu können scheint, weil der Film immer wieder über sich selbst stolpert. Und nahezu unmöglich ist es, die heitere Stimmung zu schildern, die dies wiederum auslöst, weil man als Zuschauer ja noch verlorener ist als der Film selbst, man sieht zu und versucht zu folgen, und das Interessante ist, dass man dabei nicht verwirrt wird, sondern dass man die Verwirrung als Teil des Ganzen empfindet, und das ist lustig.

Vielleicht so: Wenn Taube Freejazz spielten; und wenn diese Töne bei einem Publikum von Synästhetikern Farbempfindungen erzeugten; und wenn diese Farben von einem blinden Maler zu einem Landschaftsbild verarbeitet würden; und wenn der demente Opa dieses Gemälde beschriebe: Dann, möglicherweise… aber lassen wir das. Irgendwann im Film versteht man, dass wohl alle Szenen, in denen Asiaten auftauchen, aus dem einen, ursprünglichen Film stammen, in dem es möglicherweise um eine Rachegeschichte wegen des Mordes an der Schwester der Frau geht, die sich deshalb in der Unterwelt hochdient. Und dass alle Szenen mit nicht-schlitzäugigen Darstellern – also die Killer und Interpol – nachgedreht wurden. Und dass diese merkwürdige Rahmenhandlung absolut nicht rahmt, sondern eher alles verquirlt. Weil’s nichts miteinander zu tun hat. Godfrey Ho hat anscheinend ein paar Ideen für diverse ulkige Gewalt- und Mordszenen gehabt und diese dann einfach mal so gedreht und dem anderen Film einverleibt – einmal mit Armbrust! Einmal kopfüber in ein Fass gesteckt und Ratte mit rein und dann eine Katze! Zusatznutzen der Zusatzszenen: Die nicht-asiatischen Darsteller sollten wahrscheinlich dem auf diese Weise neu entstandenen Film ein Standing in westlichen Videotheken verleihen, in der Annahme, dass dort kein All-Asian-Cast goutiert würde. (Dies alles Spekulation meinerseits übrigens: am Film selbst können diese Annahmen nicht verifiziert werden, es gibt nichts Greifbares darin.)

Am Ende jedenfalls bietet der Film doch in einer Sache Klarheit. Da trifft sich unser weißer Interpolagent mit irgendeinem Gegner auf einem Staudamm. Welcher Gegner, weiß ich nicht, ich glaube nicht, dass er zuvor schon einmal aufgetaucht ist, und den Damm gab es vorher auch nicht. Der Gegner jedenfalls ist Asiate, die kaukasischen Auftragskiller hat unser Held nämlich zuvor schon auf einer Baustelle nacheinander getötet mit schönen Kampfmoves, das muss man ihm lassen. Beim Staudamm-Endkampf nun hören wir auf dem Soundtrack ein treibendes Bassmotiv, und dann Gitarrenakkorde: Die markanten Klänge sind eindeutig reinkopiertes „On the Run“ vom „The Wall“-Album, und damit ist nachträglich klargestellt, dass mich meine musikalischen Déja-vus bei der Filmmusik nicht getrogen haben und der Soundtrack kräftig bei Pink Floyd plündert; meines Erachtens hauptsächlich beim „Ummagumma“-Album.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2021: Tollwütige, Slaughter, ein rasender Planet

 11. September 2021: Grindhouse Triple Feature, Cinema Quadrat, Mannheim

 

Die Tollwütigen / I Drink Your Blood / Die Satansbande / Blood Suckers, USA 1970, R: David E. Durston

 

Slaughter, USA 2972, R: Jack Starrett

 

Ufos zerstören die Erde / Yōsei Gorasu, JAP 1962, R: Ishirô Honda


Es war Lockdown. Es gab kein Kino, und als Kino im letzten Herbst dann doch wieder möglich war und damit auch die Grindhouse-Abende im Cinema Quadrat, war wieder Lockdown.

Ich habe, und darauf weise ich jetzt mal einfach so hin, während dieser grindhouselosen Zeit das Buch Grindhouse-Kino. Schund – Trash – Exploitation deluxe! zusammengestellt, aus all den fantastischen Screenshot-Texten hier, und möchte auch betonen, dass bald Weihnachten ist!

Das Buch kann als eine Art haptischer Zwischenstand der Grindhouse-Nachlesen verstanden werden, aber natürlich kein Endpunkt, es geht weiter, und nach dem Lockdown ist vor dem Grindhouse – weshalb nun, als es wieder ging, das Cinema Quadrat gleich ein Triple-Feature geschmissen hat, eines, das tief hineinfährt in die filmischen Grundlagen des Bahnhofskinos. Und auf verblüffende Weise mit der Gegenwart korrespondiert.

 

„I Drink Your Blood“ heißt der erste Film des Abends im Original, und es kommt niemand vor, der Blut trinkt. Auf deutsch: „Die Tollwütigen“, das trifft es, und selbst der, laut IMDB, spätere Videotitel „Die Satansbande“ passt – letzterer zum ersten Teil des Films, ersterer zur zweiten Hälfte.

Im Wald sitzen ein paar, und der Obermotz von ihnen hält eine Predigt über Satan, über sich selbst als dessen Nachkommen, über die Freiheit des Tuns und das Loslassen des Bösen in einem, und drumrum sitzen seine Jünger. Wie wir allmählich erkennen, sind sie nackt, vor ihnen liegt eine Dame, und jemand hat ein Huhn, und der Satansschamane ein Messer, aber da! Hinterm Baum steht eine und guckt zu, fasziniert und abgestoßen zugleich. Als die Bande sie entdeckt, wird sie gejagt, sie stolpert, die Satanisten über ihr, Schnitt. Die brutale Vergewaltigung sehen wir in ihren Auswirkungen, als die junge Frau ins Dorf torkelt, körperliche und seelisch fertig, vollkommen traumatisiert.

Die Satanisten wollen sich in diesem Dorf niederlassen, und nachdem wir sie beim Ritual kennengelernt haben und bei der Grausamkeit gegen andere, lernen wir sei jetzt bei ihren internen Späßen kennen: Einer schläft im Lieferwagen und die anderen spielen ihm einen Streich, indem sie das Auto einen Abhang runterschubsen. Hahaha! Man ist also auch untereinander arschig.

Das Dorf ist so gut wie verlassen, nur wenige Einwohner gibt es, die Häuser sind verfallen, ein Geisterort für Satanisten, perfekt! Im alten Hotel nisten sie sich ein und jagen erstmal Ratten, das macht Spaß, und der Gewinner bei der Ratz-Hatz darf eine Nacht lang Boss sein. Das führt dazu, dass der Underdog im Team an den Füßen aufgeritzt wird und am Dachbalken aufgehängt, ja so ist das, wer mitmachen will, muss leiden!

Klar nehmen alle LSD.

Bemerkenswert ist, wie divers der Film besetzt ist. Der Boss ist Inder – ich dachte beim Gucken erst: Indianer, aber nein, laut Internet: Inder; eine Ostasiatin gibt es, einen Schwarzen, einen Hispanic. Bemerkenswert auch, wie der Film trotz (und aus) seiner Diversität untergründig Ressentiments schürt: Die Genannten sind die Bösesten, und der Gute unter den Satanisten ist ein blonder Weißer, der überläuft, der sich nämlich in die Vergewaltigte verliebt hat. Die übrigens anderntags eigentlich nix mehr spürt und sich zurückverliebt.

Nun haben wir aber nicht nur die Teufelsanbeter, die Terror machen, gegen die paar, denen sie begegnen, und gegen sich selbst, sondern wir haben auch noch Pete. Der ist vielleicht zwölf Jahre alt und der Enkel vom örtlichen Tierarzt – den gibt’s noch, außerdem eine Bäckerei, sonstige Bürger Fehlanzeige –, und der findet die Satanisten blöd, und weil er weiß, wie’s geht, erschießt er einen tollwütigen Hund, der plötzlich durchs Bild läuft, und dessen Blut impft er in die Hackfleischpasteten aus der Bäckerei als leckeres Mahl für die Bösewichter. Nun wird aus der Charliemansonploitation eine unglaubliche Sause, denn der Tierarzt erkennt ganz klar: Diese Tollwut macht ungeheuer toll und wütend, und die wildgewordenen Infizierten werden wild auf frisches Fleisch, und auch sonst verlieren sie einige Hemmungen, und sie haben großen Durst und zugleich Angst vor Wasser.

Der Virologe hat gesprochen, und die Krankheit breitet sich aus. Nach dem Nachtmahl nämlich schlachtet erstmal der Schwarze seine Teufelskollegen ab, hat ein Beil gefunden, Flucht in alle Richtungen, und oberhalb des Dorfes, da gibt es einen Staudamm. Der leitende Ingenieur will nix wissen von der Gefahr, die von den Satanisten ausgeht, und von der Tollwut weiß er da noch gar nichts! Schickt seine Leute trotzdem los, mal nach dem Rechten zu sehen, da, eine Anhalterin, eine der Verfolgten, sie geizt nicht mit ihren Reizen, und alsbald kommt’s zum Rudelbums im Staudammarbeitercamp. Tja. Weniger anregend als ansteckend.

Max, der Kurator der Grindhouse-Reihe, hat kurz vor Beginn des Abends bemerkt, wie passend ein Film über diese Seuchenausbreitung ist. Wollte er eigentlich gar nicht in dieser Weise machen, die Gegenwart kommentieren, aber so ist das mit guten Filmen: Auch 50 Jahre später passen sie wie die Faust aufs Auge. Ähnlich wie Zombies, nur lebendig und durchaus schlau, überrollen die Tollwut-Infizierten die noch Gesunden, in hochgradigem Blutrausch. Beine absägen und Köpfe abhauen: Kein Ding!

„Die Tollwütigen“ ist natürlich ein Reißer, der sich auf die Hippieundergroundszene stützt und auf die Satanisten, die da in Hollywood Polanski häckseln wollten, der auch noch Romeros „Nacht der lebenden Toten“ toppen will, das alles aber für billig Geld, und der aus seinem langsamen Beginn eine unglaubliche Dynamik entfaltet, Tollwut ist ja super ansteckend. Schaum am Mund und Mordlust im Auge!

 

„Slaughter“ ist ein früher Blaxploitationfilm mit Jim Brown in der Hauptrolle. Wer er eigentlich ist, weiß ich gar nicht mehr so recht, auf jeden Fall Vietnamveteran, und er will Rache, weil sein Vater in die Luft gesprengt wurde. Der hatte irgendwas mit der Unterwelt am Laufen, ist egal, ein Mordanschlag hat ihn erwischt, und auf jeden Fall gibt es da eine Dame, die sich zuerst als Reporterin ausgibt und dann nackig in Slaughters Bad auftaucht, und sie ist die Botin von Mr. Price. Schöner Name für einen, der’n hohen Posten beim Finanzamt hat! Mr. Price ist also so etwas wie die US-Version von Olaf Scholz (schönen Gruß! In zwei Stunden schließen die Wahllokale…), er hat eine Menge Agenten überall, die die Bösewichter der Welt überwachen, und weil Slaughter ebenfalls seinem Namen alle Ehre macht, hat Price ihn an den Eiern. Sie haben nämlich einen gemeinsamen Feind; Slaughter muss also nun die Finanzministeriums-Drecksarbeit machen, muss der bisher unfassbaren Gangsterbande nachsteigen, die so viele Schurkereien macht und jetzt irgendwas mit Computern vorhat. Ich hab nicht kapiert, was genau, weil wenn’s um Steuern geht, gehen bei mir die Schotten dicht, verstanden hab ich aber, dass so eine Lochkarte irgendwelche Daten enthält, damit sie als MacGuffin funktionieren kann und Slaughter was hat, an dem er sich festhalten kann, weil’s jetzt nach Südamerika geht.

Wohin genau hält der Film gegenüber dem Zuschauer geheim, weil der Dreh in Mexiko nur unter der Auflage genehmigt wurde, dass Mexiko nicht schlecht rüberkommt, sprich: nicht erwähnt wird. Dort aalt sich Slaughter am Pool, zusammen mit Sidekick Harry, der ist die lustige Figur im Film und der örtliche Finanzamtsgeheimagent, und die beiden ermitteln fleißig, indem Harry Frauen anbaggert und Slaughter Informationen bekommt.

Kurz und gut: Da gibt’s ein Casino, das dem Schurken gehört, aber es gibt nicht nur den einen Schurken, sondern auch noch den Oberboss-Schurken, der bleibt im Hintergrund und lässt seine Geschäfte laufen, aber sein Unterschurke ist wild und crazy, er hat auch die Autobombe für Slaughters Papa gelegt, er weiß, wie der Hase läuft, glaubt er, ist aber ein Heißsporn – Rip Torn spielt ihn, es ist unglaublich, ein totaler Psycho! Ein besitzergreifender, eifersüchtiger Laffe, der die Macht und den Anspruch hat, jeden zu killen, der ihm querkommt, der vor nichts zurückschreckt, egomanisch und fies und ehrgeizig, erzrassistisch sowieso. Also alles, was den Aufstieg garantieren mag, außer dass er ’n bisschen eine zu kurze Zündschnur hat und dann strategisch nicht so die guten Entscheidungen trifft, aus Sicht des Kriminalitätsnetzwerkes, in dem er sich hochkämpft. Seine Blonde wird zum love object von Slaughter, gut, das ist jetzt keine Überraschung, aber für Dominic, den Psychopathen, ein weiterer Trigger.

Im Ringen mit den Finanzministerium

Blaxploitation ist erstmal per definitionem cool, und wenn Jim Brown die Hauptrolle hat, dann sowieso. Der macht nicht so sehr auf Macho und Pimp, wie’s später zum Standard wird im Genre, sondern ist einfach ein Actionheld, Hautfarbe schwarz. In diesem Fall offiziell in Diensten des Finanzministerium (ich krieg mich immer noch nicht ein deswegen!), aber natürlich vor allem in eigener Mission. Ihm ist klar und er sagt es laut: „Mr. Price, you’re a prick!“; der lässt’s sich’s gefallen, weil er sich’s leisten kann, es sich gefallen zu lassen. Slaughter hat da nämlich schon zugestimmt, bei den Gangstern aufzuräumen, und dass er auf eigene Rechnung arbeitet, ist für den Herrn Finanzbeamten ja auch gut für die moralische Bilanz.

Eine ordentliche Schießerei rundet alles ab, aber vor allem knallt der Titelsong rein: Harter E-Gitarrenriff und funkiger Rocksound von keinem Geringeren als Billy Preston, der hat ja für die Stones und die Beatles georgelt und haut hier richtig drauf: „My advice to you is this: if you shoot at him, you better not miss!“

 

Wir hatten eine Seuche. Wir hatten das Finanzministerium auf Gangsterjagd. Es fehlt noch die globale Bedrohung und der Disput zwischen Wissenschaft, die weiß, was zu tun ist, und Politik, die grad so rumeiert. Es fehlt also „Ufos zerstören die Erde“!

Ein Titel, der Unfug ist, weil kein Wort von Ufos fällt, und Außerirdische gibt’s auch nicht, sondern den Planeten Gorath, der aus den Tiefen des Weltalls kommend Kurs auf die Erde genommen hat.

Zwei junge Frauen fahren im Auto ans Meer und wollen sich gerade ausziehen (und das ist so eine kleine Neckerei: Sie haben nämlich keine Badeanzüge dabei, Nacktbaden ist also angesagt!), aber da gucken sie in den Himmel: Denn eine Rakete steigt auf, darin von der einen den Papa, von der anderen der Verlobte. Die Mission ist ganz klar: Die Radialsphäre ist viel zu stark frequentiert! Oder so ähnlich, was Astrophysisches halt, auf jeden Fall muss man mal raus und nachsehen, sagt die Weltregierung.

Wir befinden uns, wenn ich die japanischen Zeitungsschlagzeileneinschübe richtig entziffert habe, irgendwann zwischen 1979 und 1981. Die UN regiert, die einzelnen Länder sind in einem föderalen System miteinander verbunden, die Ost- und Westblöcke sind überwunden. Das heißt aber nicht, dass die Borniertheit und der nationale Stolz keine Rolle mehr spielen! Japan bildet sich einiges darauf ein, dass die Rakete nach draußen der hiesigen Forschung zu verdanken ist, auf dem Weg ans Rand des Sonnensystems grüßen beim Saturn die amerikanischen und europäischen Raumstationen, doch was ist das! Gorath wird vom Computer berechnet, sein Kurs wird genau auf die Erde treffen – er ist zwar kleiner, aber 600 Mal mehr Masse! Oder Volumen, das wird im Film auch mal verwechselt, so wie Gorath mal Planet, mal Stern ist (von letzterem ist anzunehmen, dass „Fixstern“ gemeint ist); Astrophysik halt, da steigt man nicht immer durch als Filmemacher Schrägstrich Synchronregisseur.

Der heroische Untergang dieser ersten Rakete – mannhaft für das große Ganze! – erschüttert die Nation, vor allem aber die Wissenschaft, die mehr Daten braucht, und er stachelt die Brigade junger Astronauten auf, ein tolldreister Haufen verwegener Männer voll Abenteuerlust! Die Politik aber mauert, so viel Geld, und jetzt ist doch erst eine Rakete kaputtgegangen, und die Wissenschaftler mahnen, und dann wird aber quasi rumgemerkelt: „Politik ist das, was möglich ist“, und was möglich ist, bestimmt immer noch die Politik, und die Wissenschaft verzweifelt, kurz: Es ist ein Schauspiel wie zu Corona- und Klimakrisenzeiten 60 Jahre nach der Filmpremiere, schon wieder ein so visionäres Werk!

Die Rakete, die aussieht wie eine V2, nur nicht kariert, steht da, wird aber nicht abgefeuert, weil Gorath ist ja noch weit weg, aber die UN versammelt sich, die Weltregierung sagt: Doch, jetzt muss was getan werden, und mit Atomkraft soll der Planet weggesprengt oder vielleicht auch nur abgelenkt werden. Plan B gibt es auch, aber das verrate ich noch nicht.

In der Rakete ist der tolldreisteste Verwegene, ein junger Mann, der sich in die Frau vom Anfang verliebt hat, und da deren Verlobter ja im All geblieben ist, rechnet er sich Chancen aus. Eine Liebesgeschichte muss eben auch in einem Wissenschaftsfilm sein! Im All nähert sich die Crew Gorath, der junge Liebhaber steigt in eine Forschungsraumkapsel und kommt völlig derangiert wieder zurück, weil sein Gehirn vom Planeten Gorath gelöscht wurde, er jedenfalls derartige geistige Überwältigung nicht verarbeiten konnte. Man darf ihm nicht zu Nahe kommen. Sagt jemand „Solaris“?

Ein Weichei auf der Erde, dem keiner was zutraut, hatte aber zum Glück noch eine andere Idee: Man könnte ja die Erde vom Kurs abbringen. Die UN hat auch das beschlossen, und nach einigem Zögern stimmen die Länder der Erde zu, ihre Geheimnisse um Nuklearkraft, um Tritium und Deuterium nicht länger vor anderen zu verstecken, sondern für die gemeinsame Anstrengung zum Überleben des Planeten mitnand zu teilen. Auf der Antarktis werden in kürzester Zeit riesige Düsen gebaut, und hier wird klar, warum Regisseur Ishirô Honda der beste Mann für diesen Film ist: Wer „Godzilla“ kann, der kann auch diese Großbaustelle inszenieren! Es ist unglaublich schön, so liebevoll und detailliert, diese Modelllandschaft mit halbfertigen Gebäuden, riesigen Kränen, mit Schaufelbaggern, mit Transportbändern, mit Containern und kleinen Menschen, alles in Fitzelarbeit aufgebaut, und das nur, um es dann wieder zu zerstören, weil sich die Erde bewegt und vieles einstürzt!

Als alles doch fertig ist, und die Düsen gezündet werden, da passiert noch was. Plötzlich nämlich tut sich ein Riss auf, die Kommandozentrale ist im Eimer, und erstmal weiß keiner warum, nur wir Filmzuschauer sehen es: Da wurde offenbar ein riesiges Urzeitmonster aufgeweckt, eine Art Walrossungeheuer, das seinem Unmut freien Lauf lässt, wiewohl es noch etwas verschlafen wirkt!
Monster muss sein, daran haben wir bisher nicht gedacht!

Was uns dieser Film also lehrt, ist letztendlich optimistisch: Trotz größter Opfer, trotz unvorhersehbarer Ereignisse, trotz saumseliger Politiker kann die Menschheit zusammenwachsen, kann sich ihrer größten Bedrohung stellen, ob aus dem Weltall oder aus den Tiefen des antarktischen Eises. Aber es ist ein Kampf, ein Kampf gegen viele Widerstände, und am Ende ist doch noch nicht alles wieder an seinen Platz zurechtgerückt. Dass des Astronauten Gedächtnis wieder da ist, und seine Liebe zur Dame seines Herzens auch, ist aber ein Trost.

 

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Januar 2020: "Mosquito – Der Schänder" und "Der Krieger und die Hexe"

18. Januar 2020: Grindhouse Double Feature, Cinema Quadrat Mannheim:

"Mosquito – Der Schänder", Schweiz 1977, Regie: Marijan Vajda

"The Warrior and the Scorceress" / "Der Krieger und die Hexe", USA 1984, Regie: John C. Broderick


Die Schweizer! Dieses gemütliche Völkchen hinter den sieben Bergen, mit Schokolade und Alm-Öhi und brüderlicher Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden, und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr! Und natürlich diesen Film, der, man fasst es nicht, ohne Erwin C. Dietrich produziert wurde! Und dessen Titel "Mosquito – der Schänder" auch noch komplett wahr ist, obwohl er sich so reißerisch anhört wie tausend andere Filme: Die Hauptfigur nennt sich Mosquito. Und sie ist ein Schänder, von Frauen, besser: von Frauenleichen. Denn der Moskito steigt nachts ein in Beerdigungsinstitute, in Leichenschauhäuser, und dort sucht er sich eine aus, die da im Sarge liegt, und liebkost sie. Sticht auch mal mit dem Messer in ihre Brust, um ihr Blut zu sehen – rote Milch, die ihn nähren soll. Denn das ist sein Liebstes: Den roten Lebenssaft aus den toten Körpern zu trinken, und hui, wie das Blut fließt, als sei es noch frisch!

Jetzt: Wer hat's erfunden? Nein, nicht die Schweizer: Der Film geht ziemlich akkurat dem Fall des "Würgers von Nürnberg" nach: Kuno Hofmann hatte sich Anfang der 1970er bluttrinkenderweis' an weiblichen Leichen vergangen und später ein Liebespaar ermordet, um auch deren Blut zu saugen. "Mosquito" ist ein Film darüber, nur ganz leicht von der Wirklichkeit versetzt.

Die namenlose Hauptfigur ist taubstumm – und das macht den Film zum natürlichen Nachfolger, war doch in der vorherigen Grindhouse-Nacht die stumme "Ms. 45" zu sehen gewesen, als Opfer, das zum Täter wird; hier nun Werner Pochath in einer doch recht intensiven Darstellung des Täters, der stets auch Opfer ist. Ein Buchhalter, penibel und genau, er ist ja nicht abgelenkt vom üblichen, laut plappernden Bürogeplänkel seiner Kollegen und der Kollegin, er bekommt zu Filmbeginn eine Gehaltserhöhung, weil er mit den Tabellen der Prä-Excel-Zeit so gut umgehen kann. Zuhause dann sieht er die Nachbarin, die sich wie immer das Maul über ihre Mitmenschen zerreißt, das Nachbarsmädel – die wohl jung sein soll, vom Verhalten her vielleicht 13, 14, gespielt aber von einer Frau an die 30 –, und der Handwerker im Erdgeschoss prügelt seinen Sohn, keiner greift ein.

Rückgriff auf Mosquitos Kindheit. Der Vater prügelt ihn wegen einer Kleinigkeit, mit dem Gürtel in der engen Stube, halb kaputt liegt der Junge da, an der Tür dann die kleine Schwester: "Papa, Papa", er nimmt sie in den Arm, auf dem Sofa schmiegt sie sich an ihn, er schmiegt zurück, schmust, betatscht sie, und wie er ihr die Unterhose unterm Nachthemd auszieht, das sieht der Junge mit Angst, Ekel und vielleicht auch Lust… Das ist eine krasse Szene, und sie muss so krass sein: Sie ist der Schlüssel für Mosquitos Taten, für sein ganzes Erwachsenendasein. Psychologie, Psychologieeee!

Mosquitos Wohnung ist voll mit Puppen. Schön angeordnet im Regal. Die Nachbarin beschwert sich, weil seine Wohnung so dunkel ist, sie kann gar nicht richtig durchs Fenster reingucken. In das "junge" Nachbarsmädel ist er verliebt. Aus der Werkstatt des Handwerkers leiht er sich einen Hammer; und ein paar dicke Drähte. Aus denen formt er sich ein paar Dietrichs – wenn schon Erwin C. nicht dabei ist –, mit denen bricht er nächtens in Leichenhallen ein. Dazu läuft jazzig-psychedelische Orgelmusik, ja: Der Soundtrack des Films ist absolut bemerkenswert!

Was sich reißerisch anhört – Leichenschändung! Blutdurst! –, behandelt der Film als ein Porträt des Alltags: Er folgt schlicht dem Täter und ist damit anderen Filmen weit voraus; "Henry: Portrait of a Serial Killer" lief auch mal in der Grindhouse-Reihe… Marjan Vajda – den die Schweizer aus Kroatien importiert haben – beobachtet ganz ruhig die Untaten und kontrastiert die (psychische) Erlebniswelt des Mosquitos mit seinem gleichgültigen bis feindseligen gesellschaftlichen Umfeld: Ja, der Film ist tatsächlich Drama.

Aber auch Bahnhofskino. Blutrünstige Szenen mit den Leichen, ein brutaler Mord, zwischendurch fällt eine von Mosquitos Puppen vom Balkon und liegt zerstört auf dem Beton, grässlich anzusehen und ein Vorausblick auf das "junge" Mädchen, das irgendwann auf dem Dach tanzt und abstürzt – die Bestürzung darüber treibt Mosquito noch mehr an. Zwischendurch auch ein paar Sexszenen, weil Mosquito eine vom Strich aufließt, die dann sauer ist, weil er nichts mit ihr anfängt, später guckt er im Puff einer langen Lesbenszene zu, vernünftiges Sexleben hat er halt nicht. Dafür kauft er sich im Medizinerladen ein Glasröhrchen, das sich auf der einen Seite gabelt, damit sticht er in die Leichen ein, um noch besser Blutsaugen zu können – mit seinen Puppen hat er's zuhause geübt.

Mosqito ist einer der unauffälligen Menschen, einer der stillen Nachbarn, denen man "so etwas" nie zugetraut hätte.

Ruhig geht auch der zweite Film des Abends an: Felslandschaft, ein Mann in brauner Kutte, zwei Sonnen am Himmel. Ein paar kleine Gestalten lugen um die Steine. Das könnte ein Jediritter sein auf dem Weg in die Eremitage, beobachtet von ein paar Ewoks. Ist aber David Carradine, der Krieger, der in eine Stadt kommt, in der um einen Brunnen gestritten wird: Wir sind auf irgendeinem Planeten, und dort geht es mittelalterlich zu und gleichzeitig sci-fi-mäßig, und vor allem nackig. "Der Krieger und die Hexe" hört sich vom Titel her wie ein Disneyfilm an, sieht aus wie ein merkwürdiges "Star Wars"-Spinoff und ist in Wirklichkeit ein weiteres "Yojimbo"-Remake, in dem Regisseur John C. Broderick in eine an Leone angelegte Filmästhetik wieder den Kurosawa-Schwertkampf eingefügt hat, als Beitrag zum "Sword and Sorcerer"-Genre, das in den 80ern wieder mal aufkam: Mittelalter-Fantasy mit Kampf und Nackedeis.

Es geht um einen Brunnen, der liegt auf dem Dorfplatz, links und rechts die Herren, die das Dorf je zur Hälfte im Griff haben, der eine hat den Brunnen erobert, der andere hat Geld, es ist ein fragiles Gleichgewicht, dahinein platzt der Krieger Kain, der die beiden gegeneinander ausspielt… Wenn der Brunnen mal von der einen Seite erobert wird, kommen die gnomenhaften, in Säcken gehüllten Bewohner der Stadt aus ihren Höhlen gekrochen und holen Wasser, und am Brunnenrand tanzen nackte Damen im Tanga. Und der eine der Herrscher – der harte Zeg – hat eine Frau in seiner Gewalt, Naja heißt sie, die die ganze Zeit ziemlich nackig rumläuft, im Tanga, der auch mal die Farbe wechselt. Und irgendwie kennt Kain sie von früher, sie soll irgendeinen Zauber tun, es ist wurscht, Hauptsache ihre wohlgeformten Brüste sind schön im Bild.

Auf der anderen Seite des Dorfplatzes liegt Bal Caz in seinen Kissen, er ist fett und sieht aus wie der Kalif, hat aber die bösartige Seele von Isnogud. Und ein echsenartiges Maskottchen, das ist irgendwas Außerirdisches, so 'ne Art Schoßleguan, der aber zischend kommunizieren kann und ehrlich gesagt total lächerlich aussieht, wenn er aufrecht rumläuft. Auf dieser Seite der Macht gibt’s ne Menge nackter Damen, wohl so was wie ein Harem, aber nicht so prominent in Szene gesetzt wie unsere Busen-Naja. Eine vierbrüstige Dame macht mal 'nen Lapdance für Kain und will ihn mit einen Stachel, der aus ihrem Bauch rauskommt, töten.

Einen weisen Priester gibt's auch, der ist neutral, Clint Eastw David Carradine kommt bei ihm ab und zu unter, und irgendwann machen sie eine Klappe im Felsen (!) auf und verstecken sich dahinter und da ist der Zugang unter den Brunnen (!) und die Wasserversorgung kann gekappt werden, nach Bedarf. Einen Sklavenhändler gibt es auch, der hat auch viele schöne Frauen (nackt) dabei. Irgendwann wird dessen Gefolge vergiftet. Irgendwann fällt eine nackte Frau (ohne Tanga) in ein Aquarium, weil der böse Zeg sie töten will, und dort ertrinkt sie dann qualvoll, wir sehen das in ganzer Länge, Zeg will damit Kain beeindrucken. Zeg hat einen bösen Handlanger, der ist Kains Feind. Immer wieder mal wird gekämpft. Die nackte Naja und Kain heiraten am Ende nicht, weil Kain weiterziehen muss, nachdem die Bösewichter sich gegenseitig abgeschlachtet haben oder vom Sklavenhändler abgeschlachtet wurden oder dann am Schluss von Kain selbst.
Roger Corman steckt hinter dem Film, er hat ihn mit Argentinien coproduziert, weil er von dort so viele schöne nackte Frauen in den Film stecken konnte. Ein tolles Erlebnis.

Harald Mühlbeyer


Grindhouse-Nachlese Dezember 2019: Rape&Revenge, Söldnerquatsch und Weltuntergang


6. Dezember 2019: Grindhouse Triple Feature, Cinema Quadrat Mannheim:


"Ms. 45" / "Die Frau mit der 45er Magnum", USA 1981, Regie: Abel Ferrara

"Scorticateli vivi" / "Häutet sie lebend – Unternehmen Wildgänse", Italien 1978, Regie: Mario Siciliano

"Nosutoradamusu no daiyogen" / "Weltkatastrophe 1999? – Die Prophezeiung des Nostradamus", Japan 1974, Regie: Toshio Masuda



Ein Klassiker, keine Frage. Es gibt Bücher über Abel Ferrara, es gibt im Deutschen zumindest ein Buch über das Rape&Revenge-Genre, "Girls with  Guns" genannt von Julia Reifenberger, die sich recht ausführlich über "Ms. 45" aka "Die Frau mit der 45er Magnum" auslässt, diesem Film, in dem Ferrara explizit "eine omnipräsente Bedrohung von Frauen durch männliche sexualisierte Gewalt" inszeniert: Thana ist stumm, und deshalb schreit sie nicht, als sie im New Yorker Hinterhof bei den Mülltonnen vergewaltigt wird. Ist Schweigen Zustimmung? Scheint so, für die Männer in dem Film, denn gleichzeitig bricht auch einer in ihre Wohnung ein – das durch und durch kriminalisierte New York der frühen 80er! –, und als sie ihn erwischt, vergewaltigt er sie auch noch. Sie schreit nicht. Erwischt aber ihr Bügeleisen und erledigt ihn… Nach einigem Zögern und einigen Skrupeln zersägt sie ihn in der Badewanne und packt ihn stückweise in den Kühlschrank, um ihn nächtens Teilchen für Teilchen, so wie der Mörder in "Rear Window", in der ganzen Stadt zu verteilen.

Thana arbeitet bei einem Schneider, einem flamboyanten Modeschöpfer, dem das erratische Verhalten von Thana in Folge der erlittenen Widerwärtigkeiten nicht entgeht und der vorderhand freundlich sie bittet, sich zu öffnen, sich zu entspannen, in Wirklichkeit aber nur schwer verhohlen mit Entlassung droht, wenn sie nicht weiter am Schneidertisch funktioniert – ein perfekt gesetzter kleiner Seitenhieb auf den Kapitalismus, auf "Hire and Fire", auf Hierarchie und Abhängigkeit, auf ökonomische Bedrängung, die sich später nicht von ungefähr zu erotischer Zudringlichkeit ausweiten wird, das ist von Vornherein klar. Aber zuvor geht Thana einen Wandel durch. Sie ist ein schüchternes Ding, ein Mauerblümchen, nicht nur stumm, jetzt auch traumatisiert. Nachts aber legt sie Schminke an und geht auf Jagd. Sie hat ja die 45er des Einbrechers. Und nachts, wenn sie zur Mrs. Hyde wird, sind die Männer nicht sicher vor ihr, dann ist sie eine andere, sie ist hart und kaltblütig und zielstrebig.

Sie wird überfallen, das bekommt den Übeltätern nicht. Sie wird von einem notgeilen Fotografen angequatscht, folgt ihm ins Atelier, aber nicht er kommt zum Schuss. Aber auch: Sie folgt einem, der seiner Freundin nachrennt, und er entkommt, unwissentlich, nur knapp – da sind wir froh. Oder: Sie sitzt in der Bar, in Nylon und Make-up, und einer labert sie zu, erzählt seine Leidensgeschichte an den Frauen. Später, und das ist ein großartiges Bild, sitzen sie auf einer Bank an der Brooklyn Bridge, und nein: Abel Ferraras New York ist nicht das Manhattan von Woody Allen. Da sitzen sie, und sie zieht die Pistole, und sie hat Ladehemmung, und er nimmt die Waffe, setzt sie an die Schläfe, und PAM.

Thanas Weg ist klar gezeichnet. Den Kopf des Einbrechers, das letzte Körperteil, stellt sie in ihrer Garderobe ab, damit die neugierige Nachbarin ihn findet – was für eine Nachbarin! –, während sie auf dem Betriebs-Maskenfest, als Nonne verkleidet, ihr Finale absolviert. Alles, von Beginn des Traumas an, war ein von Leichen gepflasterter Weg in den erweiterten Suizid, nun, kostümiert, lässt sie sich vom Chef betatschen und gibt ihm Saures, dann gibt’s Amok, dann endet der Film.

Und der nächste beginnt. Ich bin ja generell der Meinung, dass Filme, die als "zynisch" charakterisiert werden, normalerweise nicht zynisch sind. Sei's Billy Wilder oder Quentin Tarantino: Allenfalls, was und wen wir auf der Leinwand sehen, sind Zyniker, die Zynisches tun; der Film selbst aber ist in der Regel nicht zynisch, er zeigt, aber er affirmiert nicht, zumindest nicht auf dem Grund seiner Ironieschichten. Ja: Die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Autorenrede fällt vielen nicht leicht, das Verstehen von Lakonie oder Sarkasmus, oder auch die Unterscheidung zwischen einem Täter und einem Boten der Tat – da wird leicht fälschlicherweise  das Gezeigte zur Eigenschaft des Films.
"Häutet sie lebend – Unternehmen Wildgänse" aber ist durch und durch zynisch, ein böser, böser Film, der es besser weiß, aber trotzdem das Böse schafft. Eine geradezu unerträgliche Story von italienischen Söldnern ist Afrika, die nichts als Verachtung vergießen, die gegen all die Paviane, die schwarzen Gauner, das Negergesocks mit äußerster Brutalität und Grausamkeit vorgehen, wie ein ungezogener Bengel Ameisen zertritt, und während draußen vor den Strohhütten das Massaker zu hören ist mit MGs und Schreien, da muss man zusehen, wie dem Kommandeur plötzlich der Blick starr wird vor geilem Begehren, wie er fies zu grinsen beginnt, und die Kamera bleibt bei ihm, wie er sich bereit macht, um dann, im letzten Moment, zur Seite zu schwenken, zur Frau in Todesangst, um dann die fällige Vergewaltigung in aller Ausführlichkeit zu zeigen, während draußen das Sterben ihres Dorfes zu hören ist.

Der Bruder des Söldnerchefs hat Trouble in Italien mit der Drogenmafia, hat wohl Geld unterschlagen und flieht in den Schwarzen Kontinent, und weil der Kommandeur, dieser Kriegsverbrecher, von den Einheimische gefangengenommen wurde – und nicht etwa gelyncht, sondern vor Gericht gestellt werden soll! –, zieht der Bruder mit dem Trupp durch die Lande, weiter kräftig mordend und vergewaltigend, zur Befreiung.

Wie der Film sich auf die Seite der Verbrecher mit den MPs schlägt! Wie er Unschuldige töten lässt! Wie er das auch ausweidet, wenn ein junges Pärchen dem Mördertrupp in den Weg gerät, der Junge direkt getötet wird, und dann im Eisenbahnwaggon ums Vergewaltigen des Mädchens geschachert und gestritten wird, mit tödlichem Ausgang. Und wie dann Horden von Negern, viele von ihnen Kinder, den Waggon angreifen, und wir sehen mit den Augen der Söldner nur wilde Tiere, die als Zielscheiben dienen, völlig entmenschlichtes Futter für die Handgranaten; dazu als Filmmusik eine Bassline, die von "In-A-Gadda-Da-Vida" geklaut ist, Psychodelic-Rock zum Gemetzel – er ist entsetzlich, dieser Film, und will dabei zwischendurch ganz heuchlerisch noch Gefühl und Romanze einbauen, wenn die Bruder-Hauptfigur an die Geliebte in Rom denkt, die er in der Anfangssequenz übrigens höchst degradierend behandelt hat…

Aber Schwamm drüber. Es geht ja besser, es gibt ja den Weltuntergang. "Weltkatastrophe 1999?" ist tatsächlich so etwas wie eine Literaturverfilmung! Nostradamus' Prophezeiungen werden in Film gegossen, in japanischen Film, aber nicht nur das: Man bringt auch noch tatsächlich faktische Lehren über das Ende des Wachstums unter und ein paar krasse Exploitationszenen – eine höchst eigenwillige und durchweg unterhaltsame Nummer! Auch – oder gerade? – wenn der Film von ursprünglich fast zwei Stunden Lauflänge auf 80 Minuten runtergeschnippelt und mit wer was wie genauer Synchro bedeckt wurde. Wurscht!

Am Anfang ein Labor, und der Oberwissenschaftler mahnt vor den neuen Pflanzenschutzmitteln, und seine Kollegen tun das als Gewäsch ab, und wer da nicht an Monsanto denkt! Später werden wir sehen, was draus werden kann, Riesenschnecken, derer die Feuerwehr nur mit Hilfe von Flammenwerfern Herr werden kann, zum Leidwesen unseres Wissenschaftlers, der die Schnecks ja sezieren will und der so gerne Nostradamus zitiert. Aber der Agrarstrang ist nur Nebensache, tatsächlich geht es um alles, um Sonne und Atome und um die ignorante, alles verharmlosende Regierung und um eine Liebesstory am Rande des Weltenabgrunds, man kann's gar nicht alles benennen.

Manches scheint durchaus wissenschaftlich unterfüttert, schön mit animierten Schaubildern, Stand Anfang der 1970er wohlgemerkt. Da wird dann der Treibhauseffekt beschrieben, mit (wenn ich mich recht erinnere) kleinem Denkfehler, dass nämlich die Atmosphäre die Sonnenstrahlung abhält und es daher immer kälter wird… Und dann gibt es da die Concorde-Maschine hoch oben fliegend, an deren Rumpf sich im Flug Eiskristalle bilden, die dann zerbirst und damit die Ozonschicht zerstört, weshalb unten alles ganz heiß wird und wer auf die Straße tritt unweigerlich verbrennt! Ja, ein ganzer Hafen fliegt deswegen in die Luft.

Und dann gibt's da den schönen Blödsinn einer Exkursion auf eine Dschungelinsel, die Forscher sind im Sumpf unterwegs und werden von riesigen, atomar mutierten Vampirfledermäusen angegriffen, hu, was für Biester mit was für Hauern im Maul! Und im Sumpf lauern Blutegel, ebenfalls atomar so verseucht, dass einem, der befallen wurde, das Gehirn wegschmilzt im nächtlichen Zelt. Und nicht nur das: Außen greifen Kannibalen an, und das gibt's eigentlich erst ein paar Jahre später im italienischen Film! In einer Höhle die Überreste der vorherigen Expedition, skelettierte Menschen, die aber noch einigermaßen leben, es ist furchtbar, was das Atom anrichtet!

Schließlich, einer der schönsten Momente: Durch die Erhitzung wird die obere Atmosphäre zum Luftparabolspiegel, und die Stadt spiegelt sich im Himmel auf so verzerrt-verbogene Weise, dass wir uns in "Inception" wähnen. Am Ende natürlich behält Nostradamus recht, auch weil vieles explodiert und, "99 Luftballons" vorwegnehmend, ein General 'ne Fliegerstaffel hinterherschickt, ach nee: Es öffnen sich die Schächte, die Raketen heben ab und bomben den Planeten in Grund und Boden, bis dann in der übriggebliebenen Felsenwüstenei zwei nicht mehr menschliche Wesen sich erheben, halb Gollum und halb Burli, und die Dystopie ist aus, mit der Mahnung, dass es so geschehen wird wie vor 500 Jahren schon geschrieben stund!

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Oktober 2019 – Heiliger Horror und irrer Horror

28. Oktober 2019, Cinema Quadrat Mannheim:

"Alice, Sweet Alice" / "Communion" / "Holy Terror" / Communion – Messe des Grauens", USA 1976, Regie: Alfred Sole

"Misterios de ultratumba" / "Der Tote kehrt zurück", Mexiko 1959, Regie: Fernando Méndez


Paterson: Dort leben dichtende Busfahrer gleichen Namens, Frauen mit kreativer Schwarz-Weiß-Obsession, der Wirt sammelt lokalhistorische Zeitungsausschnitte, und überhaupt haben, wie man weiß, dort alle Bewohner ihre liebevollen kleinen Macken, die sie pflegen und die sie als Personen ausmachen, die man also wertschätzen muss. Zumindest im Jahr 2016. Im Jahr 1961 – das Jahr, in dem "Alice, Sweet Alice" spielt, ein Film aus dem Jahr 1976 – habe auch alle ihre Macken, nur dass die in Mord, Terror und Horror durchschlagen.

"Alice, Sweet Alice" spielt in Paterson, New Jersey, und der Wahnsinn, wenn man die Stadt wiedererkennt aus Jim Jarmuschs Film, der den Namen der Stadt (und seines Protagonisten) im Titel trägt! Viel hat sich nicht verändert in den 30 Jahren zwischen den Filmdrehs, und auch der Charakter der Stadt ist in beiden Filmen persönlich, dörflich geprägt, jeder kennt jeden und guckt nach allen. Einmal als poetische Filmmeditation. Das andere Mal als beunruhigender Horrorthriller.

Alice ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Die kleine Schwester wird von Brooke Shields in ihrem Filmdebüt gespielt. Die Familie ist eng mit der katholischen Kirche verbunden, der Priester ist jung und menschlich zugewandt. Die Tante der Kinder ist fies und bösartig, aber nicht aus Absicht, sondern wohl eher aus Charakterschwäche. Der alte Monsignore ist gelähmt und anfangsdement. Der geschiedene Vater der Kinder würde gern seine Ex verführen und gleichzeitig mit seiner zweiten Frau ein unbeschwertes Leben führen. Der Nachbar im Erdgeschoss – und Vermieter für die Mutter und ihre Töchter – ist unglaublich fett, besitzt eine Menge Katzen, ist stets überall bekleckert und zumindest proto-pädophil.

Alice aber ist vollkommen verdreht. Sie ist fies zur Schwester, klaut ihr die Puppe und erschrickt sie gerne auf den Tod, sehnt sich nach dem Vater auf kindlich-naive Art und ist zugleich bedrohlich wie eine ungeahnte Gefahr. Im Keller hat sie eine Kiste, das ist ihr Schrein, Puppe darin und schrecklich anzuschauende Masken. Eine große Rolle im Film spielen die knallgelben Regenmäntel, die wurden von der Kirche an die Kommunionskinder ausgegeben, und der Mörder/die Mörderin trägt so einen. Jawohl: Mord. Während der Erstkommunionsfeier, in der Sakristei. Und Alice hat kein Alibi. Die Tante hat einen Verdacht. Die Mutter ist völlig überfordert. Der Priester versucht, den Überblick zu behalten. Die Mutter übrigens ist ihm sehr zugetan, nicht nur geistlich. Überhaupt hat jeder so seine Absichten und Motive im mentalen Hinterzimmer, geradeheraus ist keiner. Man redet und handelt mit Hintergedanken, das ist nur angedeutet im Film, aber das macht seinen Reichtum aus: Dass die Charaktere dermaßen ausgestaltet sind…!

Brooke Shields jedenfalls ist tot. Und der Tante wird vom Treppenabsatz aus ins Bein gestochen, mit einem langen, bösen Messer, wie es Alice immer wieder in den Händen hat. Und dem Zuschauer ist jeder Boden unter den Füßen entzogen: Es könnte sein, dass der Film ein Whodunnit ist, der dem Zuschauer eine mutmaßliche kindliche Mörderin präsentiert, es ist aber dann eben alles doch ganz anders. Es könnte aber genauso gut sein, dass dem Zuschauer eine tatsächliche kindliche Mörderin präsentiert wird und dass alles so ist, wie es scheint, dass hier das Böse aus dem scheinbar so nächstenliebenden katholischen Milieu entspringt und in dieser Beinahejugendlichen explodiert. Die gelben Regenmäntel verweisen auf Nicolas Roegs "Don't Look Now", die Traumata der Vergangenheit, die losbrechen im Schrecklichen, und einmal – bezeichnenderweise hinter einem Sarg – sehen wir ein Plakat, das den Kinostart von "Psycho" ankündigt.

Ein wirklich meisterhaft inszenierter Film, der in Deutschland sträflichst unbekannt ist. Und der den Auftakt für einen wunderbaren jahreszeitgemäßen Horrorabend gab, dessen zweiter Teil auf eine ganz andere Art faszinierend war: "Der Tote kehrt zurück" ist ein mexikanischer Gruselfilm von 1959, schwarz-weiß, gediegen klassisch, der im Irrenhaus spielt, wo die Irren genauso irre sind wie die Mad Scientists. Schön übernatürlich geht es zu, zu Anfang, und dann wird's zu 'nem fast schon putzigen Atmosphärenthriller.

Zwei der irren Ärzte nämlich schließen einen Pakt: Zur Erforschung dessen, was nach dem Tode kommen wird, soll derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen aus dem Jenseits Hinweise geben, ja, womöglich zurückzukehren versuchen. Dies nun geschieht, aus einer Seance kommen die Hinweise: Drei Monate später wird sich eine Türe öffnen, die wird Einblick ins Jenseits bieten. Dafür werden merkwürdige Dinge geschehen… Beispielsweise kommt eine Nachtklubtänzerin ins Irrenhaus, nicht als Patientin wohlgemerkt; und ein junger Mann, der sie aus seinen Träumen kennt, folgt ihr; und der Arzt, der noch lebt, verliebt sich in die Frau etc., und eine wilde Irre bricht aus und geistert höchst verwirrt und höchst aggressiv durch die Hallen, und ein Schlüssel taucht auf, und ein Kästchen enthält einen Dolch, der zuvor in einem anderen Zimmer gelegen war, und der Tote wandert immer wieder als Schimäre durchs Bild, insbesondere durch den tollen Innenof der Anstalt, eine dschungelartige Ansammlung von Pflanzen, die wohl kaum eine beruhigende Wirkung auf die Nerven der Patienten haben dürfte, bei all den Schatten, die sie an die Wände werfen!

Während zu dieser Zeit in Deutschland Edgar-Wallace-Krimis mit Horrorelementen bestückt wurden, in England die knalligen Hammerfilme ihren Klassikerstatus erlangten, kommt aus Mexiko dieser wunderbare E.A.Poe-mäßige Horrorfilm, man könnte auch Vincent Price um die Ecke lugen sehen: Dunkelheit und Schatten und Überweltliches und Wissenschaft und das Schicksal, das Schicksal! Denn dem entrinnt keiner, und wer die Schwelle überschreitet, kommt um in all seinen Obsessionen, in seiner zielstrebigen Halsstarrigkeit, im Versuch, umzukehren, was immer schon bestand – in tollen Volten spielt der Film sein Finale aus, nicht als Explosion eines großen Konflikts, sondern als unausweichliches Verpuffen eines großen Traumes, der nie hätte geträumt werden dürfen. Weil der diesseitige Arzt die jenseitigen Tipps nicht richtig hat lesen können (wollen), weil dann über zig Banden und nach allerlei Andeutungen, falschen Fährten und kleinen Schocks und Wendungen jeden das Los trifft, das für ihn bestimmt ist: Tote gibt es, und ein von schrecklicher Säure entstelltes Gesicht, und Verwechslungen, und ein Todesurteil – und dann wird die Schraube nochmal weitergedreht, und tatsächlich wandelt ein Toter auf Erden, nicht nur ein Geist, sondern körperlich habhaft. Doch was für ein Körper, und welch ein Geist…
Ach, ich will nicht zuviel verraten. Wem der Film unterkommt – vielleicht läuft er ja auch mal in einer der regelmäßigen arte-Trashreihen –, der soll sich’s angucken, möglichst bei Kerzenschein.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese September 2019: New York und Philippinen

Grindhouse Double Feature, 28. September 2019, Cinema Quadrat Mannheim:

"Willie Dynamite", USA 1974, Regie: Gilbert Moses

"The Twilight People", USA/Philippinen 1972, Regie: Eddie Romero

 

Purpurmantel wie ein überkandidelter König, goldenes Gewand, auch mal ein weißer Strampelanzug: Modisch lässt es Willie Dynamite krachen. Der Titelheld ist ein Pimp, wie er im Buche steht, und das muss er zeigen. In keinem der bisherigen Blaxploitations in der Grindhouse-Reihe im Cinema Quadrat war die Kleidung so sehr als Statussymbol inszeniert. Willie muss sowas tragen, und ein Blick in seinen begehbaren Kleiderschrank zeigt, dass er durchaus noch mehr Auswahl hätte. Seine Gewänder sind so was wie seine Uniform, seine Arbeitskleidung, ohne die er nicht aus seinem Haus kann. Ebenso sein grün-goldener Straßenschlitten. Man muss zeigen, was man ist, was man hat, sonst ist man nichts und hat bald nichts mehr.

Willie Dynamite hat, wie uns der Titelsong verrät, "seven women in the palm of his hand", die für ihn anschaffen. Er hat sie aus der Gosse geholt und damit an sich gebunden, jetzt bietet er ihnen als Arbeitsplatz ein Luxushotel, als Klienten Geschäftsleute, die sich abends, weit weg von zuhause, ein bisschen entspannen wollen. Ein Aufstieg, das flüstert er seinen Miezen immer wieder ein, sie sind Teil eines Produktionsprozesses, wie am Fließband, müssen Umsatz schaffen, und dafür haben sie diverse Annehmlichkeiten wie Sicherheit, Willies Zuneigung und einen Einigermaßen-Anteil am Erwirtschafteten. "Wir sind schließlich Kapitalisten!", ruft Willie beim Spitzentreffen der Zuhälter-Funktionäre von New York, als ein Konkurrent den Vorschlag macht, sich zusammenzutun, die Stadt aufzuteilen, füreinander einzustehen. Eine Art Kartell; oder, andersherum: die Einführung des Sozialismus in die Prostitution.

Willie will die Nummer 1 sein, und er ist auf dem besten Weg dahin. Aber wie das so ist, kommt ein dickes ABER. Und zwar in Form einer engagierten Sozialarbeiterin. Bzw.: einer aggressiven. Wir lernen sie kennen im Bett mit dem stellvertretenden Staatsanwalt, sie ist neckisch und fordernd und frei, lehnt einen Heiratsantrag ab und schüttet Cola über den Geliebten, der nicht aus den Federn will. Und sie geht hart Willie Dynamites Geschäfte an, und deshalb geht sie Willie Dynamite selbst hart an. Sie war früher selbst Bordsteinschwalbe, das betont sie gerne, das gibt ihr Street Credibility, und mit dem scharfen Auge der gelernten Hure macht sie das schwächste Glied unter Willies angeketteten Weibern aus. Deshalb wird gezielt die junge Passion verhaftet, gezielt dringt Sozialarbeiterin Cora in das Domizil der Damen ein und versendet vergiftete Pfeile, die den Nutten ihren sozialen Status und ihre Abhängigkeit klarmachen. Sie bricht bei Willie ein und kopiert seine diversen Sparbücher, und vor Gericht drängt sie sich Passion auf, als Hilfe, als Alternative.

Und für Willie geht alles den Bach runter. Sein stolzes Auto wird abgeschleppt, das ist ein Running Gag im Film. Er wird verhaftet, unter hanebüchenem Vorwand ("Du siehst einem Verdächtigen ähnlich: Mann in braunem Mantel", heißt's – als Willie gerade seinen weinroten Umhang spazieren führt); Polizeibrutalität, Willkür, Durchsuchung ohne richterlichen Beschluss: reine Schikane. Und fies noch dazu. Mit tollen Dialog-Streitigkeiten zwischen Pimp und Cops, und mit einem Zuschauer im Zwiespalt: Willie Dynamite ist ein schlimmer Finger, ein Großprotz, arschlochiger Turbokapitalist, ein Ausbeuter weiblicher Körper, der alle Tricks der Psycho-Manipulation beherrscht, um seine Ladies bei der Stange zu halten; und wird zugleich von Polizei und Sozialamt böse und gemein behandelt, wie man es sich nicht vorstellen kann. Der wird vom Staat fertiggemacht! Mitleid? Aber ja!

Gut: Die schauspielerischen Leistungen im Film sind jetzt oft nicht soooo; Willy hat sieben Nutten, davon zwei als Sprechrollen, die anderen als darstellerische Null-Staffage. Der Filmschnitt ist auch, sagen wir: originell. Bzw. vielleicht auch ungelenk. Jedenfalls: Die Ausstattung ist fantastisch: Der über-flamboyante Willie steckt in einer dreckigen Welt, die New York in den 70ern nun mal war, zwischen all den normalen Leuten, eine gelungene Dissonanz sind seine Kleider im Big Apple-Alltag. Und wie er von zwei Cops – die sich auch gegenseitig nix schenken, der eine ist schwarz und Moslem und wird vom anderen deshalb dumm angemacht –, wie Willie von den beiden angegangen wird, teils aus Langeweile, teils aus Bösartigkeit, teils aus persönlichem Hass; und wie Cora, die Sozialtante, das Gute für die Nutten will und dafür die fiesesten Mittel anwendet, wie ihr dann aber, als sie ihr Ziel fast erreicht hat, alles aus den Fingern gleitet und für ihren Schützling das Leben praktisch vorbei ist; wie ganz nebenbei die Story von Willie sich in der Story seines überdimensionierten Straßenkreuzers spiegelt, der nach vielerlei Abschleppen irgendwann ausgeweidet wird von den vernachlässigten Straßenkids, und auch in der Passion der Passion, die als unschuldige Hure alle Last tragen muss: Das ist unter einer Oberfläche, die Blaxploitation verheißt, richtig großes Kino.

Verglichen damit ist der zweite Film des Abends vollkommener Stuss, is' klar. "The Twilight People" – jawoll, so was wie eine Literaturverfilmung, von H. G. Wells' "Die Insel des Dr. Moreau", der Mad Scientist heißt hier Dr. Gordon, er hat einen Helfer wie es sich für einen ordentlichen Bösewicht gehört, der ist wild und blondiert und heißt Steinman, so eine Art Proto-HP Baxxter in der Rolle von Christopher Walken als Psychopath vs. James Bond, im Angesicht des Todes.

Der Film beginnt mit idyllischen Bildern zu idyllischer Musik, die aber alsbald total unheimlich wird, obwohl nichts Bedrohliches zu sehen ist. NOCH! Denn ein softer Typ mit weichen Wangen taucht in exotischen Gewässern und guckt sich Fische an, als PLÖTZLICH böse Hände ihn greifen, unter Wasser fesseln, und mit einem Kran wird er kopfunter an Bord einer Yacht gehievt, und aber seine eigene Yacht ist gar nicht mehr da. Vielmehr eine sehr hübsche Krankenschwester und Mr. Blondiepsychopath. Sie fahren zur exotischen Insel, durch den Dschungel hin zur Villa von Dr. Gordon, bewacht von allerhand philippinischen Handlangern. Der softe Typ ist ein Superforscher mit Supergehirn, und weil er so ein guter Mann ist, will Gordon ihn für seine Experimente. Und was für welche! Es geht um die Zukunft der Menschheit!

Eigentlich ist alles an dem Film reichlich egal; interessant nur, wie die Liebe zwischen Farrell – das ist der Held – und Neva – die Krankenschwester a.k.a. Gordons Tochter – fix behauptet wird, indem sie ihn mal fragt, wie es ihm geht, und danach sind sie verliebt. Fluchtplanung etc., dazu Steinman, der Psycho, der so gerne jagt, und Gordon, der für die Wissenschaft verrückt geworden ist: Um das Überleben der Menschen zu sichern, züchtet er eine Über-Rasse, die das Beste aus Mensch und Tier ineinander vereint! Hat bisher nicht so recht geklappt, deshalb soll Gordons Gehirn, also der Inhalt, die Software, irgendwie kopiert werden, dann gibt es da noch irgendwelche Organfetzen unter Käseglocken und so was wie eine Laserkanone im Labor nebenan. Eine Gehirn-OP an einem Nebendarsteller hamwer auch. Und vor allem, und darauf kommt es an: Wir haben TIERMENSCHEN!!!

Im Keller, im Käfig. Ein Antilopenmann, mit Hörnern auf die Stirn gepappt. Eine Wolfsfrau mit Bart. Einen Affenmann, einen Fledermausmann mit Flügeln; und Pantherfrau, gespielt von Pam Grier, die wahrscheinlich grad sowieso auf den Philippinen war. Sie darf katzig gucken und sich putzen und ab und zu ihre Fänge in Menschenleiber schlagen, so'n richtiger Panther halt.

Das ist schon super. Kinderkarneval mit bisschen Blut und Toten, mit einem Bat-Man, der auf dem Baum seine Flügel ausbreitet, als alle mitnand durch den Dschungel fliehen, und man bedauert die Leute: Wie muss man sich fühlen, als Schauspieler, wenn man ein tolles Angebot bekommt für einen Science-Fiction-Horror-Abenteuerfilm, und dann stellt sich raus: Dir werden Haare, Hörner oder Flügel angepappt, und du weißt, das sieht scheiße aus, und du weißt, dass damit ein persönlicher Tiefpunkt erreicht ist, aber du weißt auch, du musst das durchziehen, Vertrag ist Vertrag, und Mensch!, was wird die Nachwelt sagen! Naja, Frau Grier ist ja ganz gut aus der Sache rausgekommen, aber eine Karriere-Rakete war das wohl trotzdem eher nicht…

Fledermausmann hat am Ende noch seinen großen Auftritt, HUI! geht es durch die Lüfte, und durch einen geschickten Schnitt überlebt der Held auch, als er vor der Luger des Psychopathen steht. Wie er das angestellt hat, wissen wir nicht, wahrscheinlich ist es auch egal: Er darf nicht sterben, punktum, wie er entkommt, ist wurscht, Hauptsache ein Happy End mit ihm und seiner schönen Gespielin und dem Fledermausmann, idyllisch vor der Abendsonne.

Harald Mühlbeyer