Grindhouse-Nachlese Oktober 2019 – Heiliger Horror und irrer Horror
28. Oktober 2019, Cinema Quadrat Mannheim:
"Alice, Sweet Alice" / "Communion" / "Holy Terror" / Communion – Messe des Grauens", USA 1976, Regie: Alfred Sole
"Misterios de ultratumba" / "Der Tote kehrt zurück", Mexiko 1959, Regie: Fernando Méndez

"Alice, Sweet Alice" spielt in Paterson, New
Jersey, und der Wahnsinn, wenn man die Stadt wiedererkennt aus Jim Jarmuschs
Film, der den Namen der Stadt (und seines Protagonisten) im Titel trägt! Viel
hat sich nicht verändert in den 30 Jahren zwischen den Filmdrehs, und auch der
Charakter der Stadt ist in beiden Filmen persönlich, dörflich geprägt, jeder
kennt jeden und guckt nach allen. Einmal als poetische Filmmeditation. Das andere
Mal als beunruhigender Horrorthriller.



Brooke Shields jedenfalls ist tot. Und der Tante wird vom Treppenabsatz aus ins Bein gestochen, mit einem langen, bösen Messer, wie es Alice immer wieder in den Händen hat. Und dem Zuschauer ist jeder Boden unter den Füßen entzogen: Es könnte sein, dass der Film ein Whodunnit ist, der dem Zuschauer eine mutmaßliche kindliche Mörderin präsentiert, es ist aber dann eben alles doch ganz anders. Es könnte aber genauso gut sein, dass dem Zuschauer eine tatsächliche kindliche Mörderin präsentiert wird und dass alles so ist, wie es scheint, dass hier das Böse aus dem scheinbar so nächstenliebenden katholischen Milieu entspringt und in dieser Beinahejugendlichen explodiert. Die gelben Regenmäntel verweisen auf Nicolas Roegs "Don't Look Now", die Traumata der Vergangenheit, die losbrechen im Schrecklichen, und einmal – bezeichnenderweise hinter einem Sarg – sehen wir ein Plakat, das den Kinostart von "Psycho" ankündigt.

Zwei der irren Ärzte nämlich schließen einen Pakt: Zur
Erforschung dessen, was nach dem Tode kommen wird, soll derjenige, der zuerst
stirbt, dem anderen aus dem Jenseits Hinweise geben, ja, womöglich
zurückzukehren versuchen. Dies nun geschieht, aus einer Seance kommen die
Hinweise: Drei Monate später wird sich eine Türe öffnen, die wird Einblick ins
Jenseits bieten. Dafür werden merkwürdige Dinge geschehen… Beispielsweise kommt
eine Nachtklubtänzerin ins Irrenhaus, nicht als Patientin wohlgemerkt; und ein
junger Mann, der sie aus seinen Träumen kennt, folgt ihr; und der Arzt, der
noch lebt, verliebt sich in die Frau etc., und eine wilde Irre bricht aus und
geistert höchst verwirrt und höchst aggressiv durch die Hallen, und ein
Schlüssel taucht auf, und ein Kästchen enthält einen Dolch, der zuvor in einem
anderen Zimmer gelegen war, und der Tote wandert immer wieder als Schimäre
durchs Bild, insbesondere durch den tollen Innenof der Anstalt, eine
dschungelartige Ansammlung von Pflanzen, die wohl kaum eine beruhigende Wirkung
auf die Nerven der Patienten haben dürfte, bei all den Schatten, die sie an die
Wände werfen!
Während zu dieser Zeit in Deutschland Edgar-Wallace-Krimis mit Horrorelementen bestückt wurden, in England die knalligen Hammerfilme ihren Klassikerstatus erlangten, kommt aus Mexiko dieser wunderbare E.A.Poe-mäßige Horrorfilm, man könnte auch Vincent Price um die Ecke lugen sehen: Dunkelheit und Schatten und Überweltliches und Wissenschaft und das Schicksal, das Schicksal! Denn dem entrinnt keiner, und wer die Schwelle überschreitet, kommt um in all seinen Obsessionen, in seiner zielstrebigen Halsstarrigkeit, im Versuch, umzukehren, was immer schon bestand – in tollen Volten spielt der Film sein Finale aus, nicht als Explosion eines großen Konflikts, sondern als
unausweichliches Verpuffen eines großen
Traumes, der nie hätte geträumt werden dürfen. Weil der diesseitige Arzt die
jenseitigen Tipps nicht richtig hat lesen können (wollen), weil dann über zig
Banden und nach allerlei Andeutungen, falschen Fährten und kleinen Schocks und
Wendungen jeden das Los trifft, das für ihn bestimmt ist: Tote gibt es, und ein
von schrecklicher Säure entstelltes Gesicht, und Verwechslungen, und ein
Todesurteil – und dann wird die Schraube nochmal weitergedreht, und tatsächlich
wandelt ein Toter auf Erden, nicht nur ein Geist, sondern körperlich habhaft.
Doch was für ein Körper, und welch ein Geist…
Während zu dieser Zeit in Deutschland Edgar-Wallace-Krimis mit Horrorelementen bestückt wurden, in England die knalligen Hammerfilme ihren Klassikerstatus erlangten, kommt aus Mexiko dieser wunderbare E.A.Poe-mäßige Horrorfilm, man könnte auch Vincent Price um die Ecke lugen sehen: Dunkelheit und Schatten und Überweltliches und Wissenschaft und das Schicksal, das Schicksal! Denn dem entrinnt keiner, und wer die Schwelle überschreitet, kommt um in all seinen Obsessionen, in seiner zielstrebigen Halsstarrigkeit, im Versuch, umzukehren, was immer schon bestand – in tollen Volten spielt der Film sein Finale aus, nicht als Explosion eines großen Konflikts, sondern als

Ach, ich will nicht zuviel
verraten. Wem der Film unterkommt – vielleicht läuft er ja auch mal in einer
der regelmäßigen arte-Trashreihen –, der soll sich’s angucken, möglichst bei
Kerzenschein.
Harald Mühlbeyer