MOP 2014: Überrascht


Zum Filmfest Max Ophüls Preis 2014 (I)

Eigentlich fast schade: Erst die Schelte verleiht dem Lob seinen Wert. Und wer insbesondere als Kritiker und/oder Festivalberichterstatter immerzu nur positiv gestimmt daherkommt, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Sei es, weil er in den Ruch gerät, euphorischer Selbstblendung zu unterliegen, sei es, weil er als bewusster Claqueur verdächtigt wird. Beim 35. Filmfestival Max Ophüls Preis (MOP; 20.-26. Jan.) waren nun mal aber unter den Wettbewerbslangfilmen verblüffend viele gute Beiträge. Und selbst die, die nicht so geglückt waren (etwa DER BLINDE FLECKT, Daniel Harrichs Politthriller über das Oktoberfestattentat 1980 und die fragwürdigen Ermittlungshintergründe; mehr dazu demnächst hier) sind doch (zu was) gut.

Von den sechszehn Beiträge überzeugte also schon eine deutliche Überzahl; mehr als in einem der Vorjahre. Die neue Qualitätswelle des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Kinos setzt sich damit 2014 fort. Woran das liegt oder besser: wie genau sich das ausdrückt, versinnbildlichte das diesjährige Festivalplakat: Kein Küken, sondern ein ausgewachsener Greifvogel schlüpft da, die Klauen schon ausgestreckt, aus einem Ei mit MOP-Logo.

Das ist nun vielleicht insofern passend, als mancher der Filmemacherinnen und Filmemacher schon mit großen und kleinen Projekten in Saarbrücken war, sich dort entwickeln konnten. Mehr aber gilt: Die präsentierten Werke – MOP hin oder her – zeichnen sich durch eine bemerkenswerte kreative und handwerkliche Reife aus. Selbst wenn Thema und Ansatz (auf den ersten Blick) wenig Innovatives verheißen: diese wurden originell aufgegriffen, erzählerisch gekonnt verpackt und/oder ästhetisch umgesetzt. Von den vielen SchauspielerInnen-Entdeckungen ganz zu schweigen...

So kann man 2014 (wie sonst) natürlich streiten, ob dieser oder jener Film einem gefallen hat. Dass die meisten der Nachwuchsregisseure mit ihren Teams aber wissen was sie wollen und sich souverän darin zeigen, es auch (hin-) zu bekommen, dass dieses zusammen besehen erfreulich bunte Angebot so frisch und relativ unverbraucht ausfällt, das untergräbt gehörig das Bild von den selbstzentrierten, verkünstelt-irrlichternder Kinofeingeistern und unreifen Praxis-Dilettanten mit unfertigen Ideen, die die Filmhochschulen angeblich alljährlich auf den Markt spucken, auf dass sie deutsche Kinos verstopfen. Es mag auch als ein Zeichen für eine frische Brise nicht zuletzt in den Fernsehredaktionen sein, die ja viele der Projekte mitbetreuen bzw. (co-)finanzieren. Möglich allerdings auch, so die gegenläufige Lesart, dass ein neuer, rauer Wind bläst, dass es doch mit dem deutschen Nachwuchs en gros überhandnimmt, so dass gerade die Festivals ihre strikten Erstaufführungsregeln lockern (vor allen in Konkurrenz zu München und Berlin) und gerne auch (bzw. notgedrungen) jene Filme präsentieren, die es in sich haben, was sie woanders schon beweisen konnten. Schon das letzte FILMZ – Festival des deutschen Kinos (November 2013 in Mainz) und nun eben Saarbrücken präsentierte mit einigen ihrer Wettbewerbsbeiträgen keine Premieren. Beim MOP darunter der Hauptpreisträger LOVE STEAKS von Jakob Lass, der zuvor in München bereits alle Nachwuchsauszeichnungen erhielt.

Man kann es aber interpretieren, wie man will (sogar als Beleg für die Mut-, Saft- und Visionslosigkeit der allzu vielen deutschen Hochschulfilme, auf die langsam sogar die Festivals nicht mehr unbedingt Lust haben). Ein Gewinn fürs Publikum ist und war das Programm (in Mainz wie Saarbrücken) jedoch auf jeden Fall. Und was in Sachen „Chance“ und „Vielheit“ verloren gehen mag, das tut vielleicht – aber nur vielleicht – dem deutschen Film auch in dieser Ecke der Kinolandschaft ganz gut. Ein bisschen aufmerksamkeitsdarwinistischer Konkurrenz- und Selektionskampf. Weil es nicht nur dem Renommee des und der Geschmacksbildung hin zum hiesigen Films zuträglich sein mag (so wenn die wirklich sehenswerten Produktionen noch mehr aus dem Meer des Mittelmaßes hervorgehoben werden), sondern auch, weil es Filmemacher und Förderer auf richtige Weise anspornen könnte. Sprich: Wenn ein Preisregen für LOVE STEAKS geeignet ist, ihn in Sachen Zuschauerneugier und Besucherzahlen an FACK JU GÖTHE und KOKOWÄÄH heranwachsen zu lassen, dann ist nichts Schlechtes daran. In diesem Sinne war auch jedes Klagen über den „Hype“ um OH BOY verquer als Plädoyer fürs interessante deutschen Kino...    

Zurück nach Saarbrücken. Für die Beobachtung dieser (vieleicht doch nicht so neuen) Qualität im aktuellsten hiesigen Film hilft, dass nicht unbedingt das aufgegeben wurde, was man als „deutsche Filmfest-Genres“ zu bezeichnen wäre. Natürlich gab es auch 2014 die unvermeidlichen Comic-of-Age-Tragikomödie, die Boy-meets-Girl-Turbulenz, das enigmatische Drama in gepflegter Aufmachung, bei dem man auf den ersten Blick nie so recht weiß, um was es (ihm) denn so geht, der Historienfilm, oftmals um der deutschen liebste Katastrophe, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg. Der Emigranten-Problemfilm, die Ausländer- (oder Culture-Clash-)Komödie, der Lebenlustige-junge-Frau-in-existenziellen-Nöten-Film usw. Derlei gab es beim MOP erneut zu besichtigen, in diversen Variationen und Kombinationen – und nicht trotz, sondern gerade weil man von derlei Geschichten und ihren Verpackungen und Einfassungen schon so viel gesehen hat, war der 35. Max Ophüls Preis ein Genuss, hat man doch all die Jahre viel zu oft Beispiele serviert bekommen, die einen allzu oft die Achsel zucken ließen. Anders nun als dieses Jahr.


Was etwa die Wirren und Gräuel des Zweiten Weltkriegs als beliebtes (Filmförder-) Historiensujet betrifft, hat sich jenseits des Guido-Knoppismus sowieso schon viel getan. Der TV-Zweiteiler UNSERE VÄTER, UNSERE MÜTTER machte vergangenes Jahr schon viel richtig (wenn auch u.a. nicht unbedingt den Titel …). In Saarbücken kam nun Rick Ostermann (Buch u. Regie) und geht mit WOLFSKINDER (lief bereits in Venedig) noch ein gehöriges Stück weiter. Ohne Degeto-Seidenmattheit, ausgestellter Melodramatik und wohlfeiler Schreckenszelebrierung befasst er sich mit Thema, das angetan wäre, skeptisch zu werden: deutsche Kinder, die auf sich allein gestellt, von russischen Soldaten gesucht auf dem Balkan, durchschlagen müssen. Der Krieg ist zwar offiziell schon vorbei, aber weder sind für die Protagonisten derlei historische Großrahmungen von irgendwelcher Bedeutung, noch, so zeigt der Film, ist das große Wüten hier, das unbarmherzigen Ausputzen da, zumindest abseits der großen Schlachtfelder, sinnig zu trennen. Und zumindest, wenn für die kleinen Menschen die simple wie fürchterliche Formel gilt: Leben = Überleben.

Darum geht es nämlich in WOLFSKINDER, und darum geht der Film einem an die Nieren. Denn gezeigt werden weniger große Jungen- und Mädchenaugen, die leidend das Geschehen betrachten, seine Opfer werden. Sondern wie eben diese Jungen und Mädchen selbst mitspielen in diesem Fressen-vor-Moral-Spiel – eine unbehagliche Form der Adaption, einem funktionalen Erwachsenwerden. Bis hin, dass sich ein Mädchen, nachdem sich einer der Schutz bietenden Partisanen an ihr vergehen wollte, die braven Zöpfe mit dem Taschenmesser abschneidet.

Von zwei Brüdern handelt WOLFSKINDER (zunächst). Aber Ostermann kehrt die übliche Konstellation um, freilich, ohne sich dabei in einem lediglich spiegelverkehrten Schematismus zu ergehen: Nicht der Ältere, Hans (Levin Liam), muss als Vaterersatz dem Kleinen die Härte des Daseins anerziehen, es ist der jüngere Fritz (Patrick Lorenczat), der kühl und unter größter Gefahr ein Pferd stielt, um sich hernach anzuschicken, es zu erschießen, derweil der große Bruder das noch versonnen streichelt. Mit blutigen Fleischklumpen, herausgeschnitten aus dem toten Tier, laufen sie zur Mutter, die im Versteck auf dem Krankenlager liegt. Von dort aus trägt sie den Jungen auf: sich zu einem Bauernhof durchzuschlagen, wo sie schon mal Unterschlupf fanden, dabei ja nicht ihre Namen zu vergessen, nicht, wer sie sind. Am nächsten Morgen rüttelt Fritzchen den Hans wach und meint, knapp, sachlich-beiläufig, während er sich schon abwendet: „Die Mutter ist tot“. Es ist nicht der letzte Moment in diesem lakonischen Film, der einem einen Schauer über den Rücken jagt. Hans und Fritz machen sich auf den Weg, Hans verliert den kleinen Bruder, findet andere Gefährten, zwei Mädchen, ein Bub ohne Schuhe... WOLFSKINDER ist ein Film über eine Odyssee oder verheißendes Ziel. Bewegung heißt fliehen und zugleich: am Leben bleiben.

Wie Fritzchen gerade kein kleines Monstrum ist, wie Härme und Pragmatismus das Kindliche gerade nicht ausgelöscht haben, das zeigt Ostermann übertragen auf das wahrliche Grauen, jedoch tut er es mit einem neugierigen, bisweilen gar faszinierten Blick. Einer, der die Auflösung von Ordnung und Menschlichkeit weder hehr anklagt, noch allzu cool ausstellt, sondern der notiert, dazu den der Kinder ohne Naivität auffängt. Es ist keine Zeit (mithin kein Film) ausschließlich der guten und, auf der anderen Seite, der unbarmherzigen Herzen, der Geschäftsmäßigkeit oder der Güte, des Kalküls oder des barbarischen Wütens, der Verrohung oder der gesitteten Zivilisation – einer Zivilisation, deren Spuren die Kindern in Form von verdreckten Strickpullundern und Kleidchen noch fadenscheinig am Leib tragen. Es ist eine unheimliche Ambivalenz, die WOLFSKINDER auszeichnet, denn sie kommt ohne überdeutliche Brutalitätsdarstellungen aus, findet dafür oder stattdessen andere, eindringlichere Bilder und Situationen: Wie ein Bauer die kleinen Flüchtlinge aufnimmt – und stumm dreinschauend den Suppenteller nicht rüber reicht, ehe Hans versteht und die Puppe eines der Mädchen an die Tochter des Hausherren als „Bezahlung“ geht, die sich glücklich daran erfreut. Und nur einmal sieht man die geworfenen Kinder sich wirklich wie Kinder unterwegs freuen, lächeln, lachen: wenn sie sich die rohen, blutigen Fleischstückchen hungrig in den Mund stecken, die Hans ihnen von einem gefangenen und getöteten Huhn abschnippelt.

Weniger geht es Ostermann in diesem Sinne um den großen Handlungsbogen, sondern um Stationen, um das Episodische (und zugleich: nachgerade Märchenhafte), das hier ein realistisches ist, eines der existenziellen Krisendaseins. Ein Bauer kommt auf einen Karren vorbei. Deutet auf einen der Knaben. Der ihm prompt übergeben wird, gereicht in welche Zukunft auch immer, als Arbeitsknecht oder Ersatzsohn unter neuer Identität. Wie andere Figuren verschwindet der Bub damit aus der Handlung. Haben sie Glück gehabt, sind davon gekommen? Und auch die Fotografie des Films (Kamera: Leah Striker) fügen sich in diese Gesamtwahrnehmung, in dieses Weltbild. Sicher, Soldaten sehen wir, die auf Kinder schießen, knapp eine ermordete Bauernfamilie vor ihrem Haus, die Frau offenbar vergewaltigt. Aber auch wunderschöne Bilder, die der Balktikumlandschaft, idyllische Birkenwälder, Schilfufer in einem spätem Sommerlicht. Wie jene Natur in Terrence Malicks THE THIN RED LINE ist diese poetische Herrlichkeit, Kontrast zur und zugleich Ergänzung von menschlichen Verheerung, tröstlich in ihrer Pracht und schrecklich in ihrer Ungerührtheit. WOLFSKINDER ist ein prächtiger und zugleich karger, vor allem ein unheimlicher Film, macht er doch bisweilen eindringlich erfahrbar, was Krieg und Chaos innerlich anrichten; gerade: wie und wenn man sich damit arrangiert. Und insbesondere, wenn es (und weil es) innerhalb dieser (Post-)Kriegswelt nichts mehr zu beklagen gibt, sondern höchstens nur eine stumpfe Ahnung von Trauer. Allerdings: WOLFSKINDER ist kein grimmiger Film, einer der Hoffnung macht und das Humane nicht verloren gibt. Selbst wenn Hans seinen Fritz am Ende wieder findet und ihn doch schon verloren hat.

Der „Augenpippi“-Film des MOP 2014, bei dem auch gestandene Männer „was im Auge“ hatten, war Frederik Steiners (bereits in Hof gezeigter) Film mit dem etwas harschen Titel UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOD sowie mit einer glänzenden, ans Herz gehenden – nein, nicht Jasna Fitzi Bauer, sondern – Liv Lisa Fries, die in Saarbrücken prompt den Nachwuchsdarstellerinnenpreis gewann. Fries spielt die 22-jährige Lea, die an unheilbarer Mukosviszidose leidet, stets schnaufend und keuchend ihre Sauerstoffflasche dabei hat. Nach Zürich fährt sie, um dort ihrem Leben ein selbstbestimmtes und würdevolles Ende zu setzen. Ihre Familie, Mama, Schwester, Oma lässt sie per SMS nachkommen für den gemeinsamen Abschied, und dass ihre Mutter wenig freudig auf die Entscheidung der lebenslustigen, aber totgeweihten Tochter reagiert, ist ebenso verständlich wie dramaturgisch konfliktreich.

Dem Traurigen von Leahs Geschichte setzt der Film ihren Galgenhumor entgegen, wie überhaupt einen manchmal grimmigen, immer aber feinfühlige Witz. Dazu bieten Steiner und seine Autorin Barbara de Kock nicht nur glaubwürdige Einblicke in die Verfahrensweise der Sterbehilfe, sondern spielen auch mit den Handlungsstandards: Im kleinen Hotel lernt Leah den sarkastischen Moritz kennen, der psychologische Probleme hat; der Arzt, der sie entjungfert und ihr das Herz gebrochen hat, reist nach. Doch das sind nur dramaturgische Spielereien mit den Erwartungen, sogar Hoffnungen der Zuschauer auf eine wundersames Happy End. Für ein solches ist UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT, bei allen „manipulativen“ Griffen (wie der Musik, die manches Mal vielleicht ein bisschen zu sehr weiß, was sie emotional anrühren will), freilich zu ehrlich und konsequent. Nicht nur in seiner Form, sondern auch in seiner (offenen) Haltung.

So bleibt man tatsächlich bis zum Ende und darüber hinaus zwiegespalten, weiß man doch nicht, was man (sich) dieser liebgewonnenen Leah (er)wünschen würde, was das Beste für sie und ihre Familie (und: für sich als Zuschauer) wäre. Einwenden ließe sich, dass das Traurige in seiner Melodramatik den ambivalenten Blick aufs extreme Thema „Entscheidung für den Tod“ ein wenig verstellt. Aber wie Steiner und seine Darsteller im klugen „Mitternachtstalk“ zum Film verdeutlichten, ist die Auseinandersetzung damit ohnehin je eine des Augenblicks, jeweils ein Einzel- und deshalb UND MORGEN MITTAG BIN ICH TOT eben ein Glücksfall. Weil er sich selbst nicht nur einer eindeutigen Position verweigert, sich selbst seiner Antwortlosigkeit bewusst ist, sondern so warmherzig wie überzeugend in seinem dramaturgischen Changieren für beide Optionen „spricht“ und darin unaufdringlich und mit leichter Hand Respekt für Todgeweihte und ihren Entschluss, bei dem es per se kein richtig und falsch gibt, fordert.  


SITTING NEXT TO ZOE: Zwei pubertierende Mädchen, 15-jährige beste Freundinnen. Die türkischstämmige Asal ist die ruhige, etwas schüchterne, gut in der Schule, darf dafür aufs Gymnasium. Die andere, Zoe, ist pummelig, fährt ganz auf schrille Klamotten und ausgefallenes Make-up ab, wird von Mama genervt und mag deren neuen Freund nicht und sieht einer freudlosen Zukunft als Supermarktkassiererin entgegen. Dann entdeckt Zoe einen Fashion-Wettbewerb, dessen Gewinner eine Ausbildung in einer tollen Pariser Schminkschule winkt, und Asal verliebt sich in einen feschen Schweden-Boy, mit dem sie und Zoe zu einem Wanderwochenende aufbrechen.
Kennt man alles, die Probleme und Gefühlswirren, ob Junge oder Mädchen, vom eigenen Erwachsenwerden, mehr aber noch: von anderen Coming-of-Age-Filmen vor allen auf Festivals. Aber: Pustekuchen! Na ja, nicht ganz, denn tatsächlich, natürlich erzählt Regisseurin Ivana Lalović zusammen mit ihrer Co-Autorin Stefanie Veith im schweizerischen SITTING NEXT TO ZOE vom Immergleichen jener Reifungszeit, in der Eltern sowieso nie irgendwas kapieren. Aber wie beschwingt und zugleich zwingend, auf den Punkt hin, sie das tut, das nimmt ein. Hinreißend die hübsche Leah Bloch, für die Rolle der Asla ohne Kameraerfahrung von der Straße weg engagiert; wie sie im Spiel zurückgenommen und zugleich herzzerreißend leidet, wenn ihr nach der ersten (und einzigen) Nacht der schmucke Kai die kalte Schulter zeigt, und sie, notgedrungen, daran verzweifel und hernach wachsen muss, ohne dass die Seelenschrammen ganz verschwinden. Passgenau stimmungsvoll dazu die Songs (wie der herzschmerzwehmütige „Love is a Film“ von The Playgrounds), die Kamera, das Licht. In kleinen Szenen und Konflikten wie in den großen Entwürfen der Orientierungslosigkeit bleiben Veith und Lalović geerdet, humorvoll und ernst und doch auch immer – ganz passend – ein bisschen träumerisch, ein bisschen stürmisch. Die richtige Atmosphäre und Perspektive, den nicht neutralen, aber dafür umso glaubhafteren Blick für die Hormon- und Sehnsuchtswallungen, die einen in einer solchen Zeit um- und antreiben, solche, die rückschauend stets etwas albern und überzogen erscheinen, all der Kummer, all das Schmachten, all der Krach, die aber dafür umso klarer und reiner waren (was natürlich manch abgeklärten Erwachsenen heimlich neidisch macht oder traurig ob des Verlusts).

Dass SITTING NEXT TO ZOE, der viele Lebenssorgen und Glücksmomente einfängt, ohne konstruiert zu wirken, denn auch am Ende ein wenig melodramatischen Überschwang hat und sich ein kleinbisschen Zauber-Schluss nicht verkneifen kann (oder will), zeigt nur, wie hingebungsvoll sich die beiden erwachsenen Frauen selbst trauen, in der Welt ihrer zwei jungen Protagonistinnen ein- und aufzugehen. Und wie wissend-witzig dahingehend SITTING NEXT TO ZOE in seinem Sprachengemisch (Deutsch, Schwizerdütsch, Englisch, Türkisch, Schwedisch) gerät, belegt die – zunächst, und vor allem von Frauen im Kinopublikum belachte – „Rache“ Asals und Zoes an den zickigen hochnäsigen Klassenkameradinnenschönheiten, die auf die coole Party der Heldinnen wollen – indem diese dafür ihre hochhackigen Schuhe draußen lassen müssen. Wie sich das auf/für Jungs „übersetzen“ ließe, ist freilich, aller geschlechterübergreifender Kollektiverfahrung der Pubertät, eine andere Frage ...  

(Zum MOP 2014 hier demnächst mehr)

Bernd Zywietz

Illusion in Mannheim

"Illusion", der neueste Film aus der Roland-Reber-Factory, ist eine trashig-philosophische Mischung aus Traum und Erotik. Am 24.1. wird der Film im Mannheimer Cineplex gezeigt inklusive anschließender Diskussion mit der Darstellerin Carolina Hoffmann und Darstellerin und Produzentin Marina Anna Eich.

Eine Kritik zum Film von unserem Redakteur Harald Mühlbeyer HIER.

Festival-Nominierungen für NACHTSCHWÄRMER


Alexander Griesser und Michael Schwarz sind als Nachtschwärmer wieder auf Festivaltour; dies nominiert und obendrein mit gleich zwei Werken. 

Auf dem Landshuter Kurzfilmfestival wird im März PETER RIST, IDEALIST ins Rennen um den besten Dokumentarfilm gehen, während der zweieinhalbminütige Experimentalfilm COLOR VICTIM für den Kurzfilmwettbewerb ausgewählt ist.

Zuvor allerdings hat COLOR VICTIM noch seine Festivalpremiere: am 18. Januar auf den 15. Dresdner Schmalfilmtagen im internationalen Contest. Wenig verwunderlich, scheint COLOR VICTIM wie gemacht für das 8- und 16mm-Festival „für experimentelle Filmkunst, Heimkino, Trash und klassischen Independent-Film“. In allen diesen Bereichen dürfte sich COLOR VICTIM jedenfalls wohlfühlen mit seinen schön-schaurig nostalgischen Kodak-Heimimpressionen einer lang vergangenen Weihnachtsfeier, die mit modernen Heimschmuckbasteltipps auf der Tonspur sowohl unterlegt und wohlig ergänzt wie zugleich kontrastiert, irritiert und konterkariert werden.  

Darauf ein Prösterchen!
  
zyw

Februar im CinéMayence

Das CinéMayence (Schillerstr. 11, 55116 Mainz) präsentiert im Februar ein spannendes Programm. Inklusive dem formidablen DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN, der im November auf dem FILMZ - Festival des deutschen Kinos zu sehen war. Wer Ramon Zürchers überraschendes Werk dort verpasst hat, halt also vom 13. bis 19.2. noch mal die Chance...

Das Februar-Programm des CinéMayence:

Do, 30.01. – Di, 04.02., 20:30 h
Bosnien / Roma
»Aus dem Leben eines Schrottsammlers«
Spielfilm von Danis Tanović, Bosnien & Herzegowina 2012, OmU
Am Do, 30. Januar anschließend Diskussion in Kooperation mit Medinetz Mainz und Save Me

Mi, 05.02., 20:30 h
Die Welten des ersten Weltkriegs im Film (Teil 7)
»Çanakkale 1915«
Spielfilm von Yesim Sezgin, Türkei 2012, OmU
Referent: Prof. Dr. Johannes Paulmann

Do, 06.02., 18:00 h
Gedenktag
»Der Jude mit dem Hakenkreuz«
Dokumentation von Mathias Haentjes, D 2007
Anschließend Zeitzeugengespräch mit einem der Protagonisten

Do, 6. – Mi, 12.02. , 20:30 h
Film français
»Les Salauds (Dreckskerle)«
Spielfilm von Claire Denis, F/D 2013, OmU

Do, 13. – Mi, 19.02., 20:30 h (Fr, 14. 18:00 h)
Neues deutsches Kino
»Das merkwürdige Kätzchen«
Spielfilm von Ramon Zürcher, D 2013

Fr, 14.02. , 20:30 h
Psychoanalytiker stellen Filme vor
»Le Havre«
Spielfilm von Aki Kaurismäki, FIN/F/D 2011, DF
 
Do, 20. – Mi, 26.02., 20:30 h
Cinema Latino
»Tiempos menos Modernos (Nicht so moderne Zeiten)«
Simon Franco, ARG/Chile 2012, OmU


zyw

SHERLOCK 3.0

Achtung: moderate Spoiler!

SHERLOCK mag vielleicht nicht DIE beste Serie in der aktuellen Schwergewichtsarena des anglo-amerikanischen „Quality-TV“ sein, sicher aber eine der souveränsten. Zumindest, was die Selbstreflexivität anbelangt. Und es ist zu bemerken, dass es sich bei der von Mark Gatiss und Steven Moffat kreierten Serie eigentlich um eine Fernsehfilmreihe handelt. "Quality-TV", eher ein Genre-Begriff als eine Wertung, zeigt sich mithin ländertypisch in seinen Sendungsformaten (wie Deutschland setzt das britische Fernsehen, v.a. die BBC stärker als die USA auf Mini-Serien, Mehrteiler und Einzelfilme, auch wenn es hier wie da Gegenbeispiele gibt). 


Während sich Martin Freeman alias Watson und Benedict Cumberbatch aktuell noch im Blockbusterkino als Bildbo und Schmaug gegenüberstehen (Cumberbatch liefert im Original seine Stimme für den Drachen im zweiten HOBBIT-Teil), ist am Neujahrstag in der BBC der erste Part der dritten Staffel von SHERLOCK über die Leinwände geflimmert. Mit phänomenalen Einschaltquoten. Die zweijährige Wartezeit der Kultreihe, die Arthur Conan Doyles Meisterdetektiven grandios – und mit viel Selbstironie - in die Neuzeit verlegt hat sich gelohnt, insbesondere wegen des Endes der letzten Season.

Sherlock, man erinnere sich, stürzt sich, von Erzfeind Moriarty (im wahrsten Sinne ausgezeichnet: Andrew Scott) bedrängt und um seine Freund zu schützen vom Dach des St. Bartholomew Hospitals in den Tod, schlägt auf dem Bordstein auf, alles vor den Augen des entsetzten Watson. Doch, natürlich, Holmes lebt. Nur wie? 

Die lange Pause zwischen Staffel 2 und 3 vertrieb sich die glühende Fangemeinschaft mit Spekulationen, wie Sherlock wohl seinen „Reichenbach“-Fall überlebt hat. Wildes Spekulationen machten die Runde, und kurzzeitiges Aufsehen erregte Jonathan Creek-Darsteller Alan Davies, der eine Falltür im Boden als Idee anführte – entsprechend einem Plot-Einfalls aus seiner Serie. Doch von SHERLOCK-Produzentenseite her wurde der Einfall freundlich ins Abseits verwiesen. 

Gatiss, nicht nur Autor der ersten Folge der dritten Staffel, sondern auch Darsteller von Sherlocks Bruder Mycroft, wartetet nicht etwa mit einer besseren Auflösung auf, sondern mehr noch: mit praktisch gar keiner definitiven. Die ersten Minuten von THE EMPTY HEARSE liefern sofort eine Erklärung, eine freilich, die so haarsträubend in ihrer Mission-Impossible-Manier ist, dass man am liebsten abschalten möchte. Aber natürlich sind die SHERLOCK-Macher auf der Höhe der Zeit ... und so entpuppen sich die Version von Sherlocks vorgetäuschten Tod hanebüchene Spekulation innerhalb der Diegese, die, wie so oft bei derlei Spekulationen, am meisten eben etwas über den Spekulierenden aussagen.

Sogar homoerotische (Meta-)Varianten bekommen wir im Verlauf der Folge dargeboten (heißt: filmisch präsentiert): eine „Zusammenarbeit“ von Holmes und Moriarty inklusive Shlash-Fanfiktion-Liebeserkenntnis. Was sich freilich ebenso als Hirngespinste oder Erzählung innerhalb der Erzählung entpuppt, mithin: als unzuverlässig. So unzuverlässig, wie letztlich auch Sherlocks eigener Bericht. 


Hierin liegt freilich der Reiz von SHERLOCK – THE EMPTY HEARSE: Der Einbezug des Denkens über Sherlock in und als Fiktion selbst. Und gar die letzte, die plausibelste Version, bezieht das Medium Film/Fernsehen mit seiner Zweidimensionalität ein: Sherlocks Aufschlag auf dem Zement wurde schließlich von einem Gebäude verdeckt. Ein Gebäude, freilich, das als solches nicht auf der 2-D-Fläche des TV-Schirms wahrnehmbar wäre.

Letztlich sind aber all die Spekulationen ohnehin müßig, denn was die Theoretiker weithin übersehen ist, dass ja handlungslogisch Sherlocks Sturz nicht Watson galt, sondern Moriartys Scherken in die Irre zu führen, die ja von Gott weiß wo aus hätten zuschauen können... 

Aber SHERLOCK hantierte schon in der letzten Staffel mit Unwahrscheinlichkeiten und Plot-Löchern, die man angesichts der Screwball-Geschwindigkeit der Handlung und der geschliffenen Gewitztheit der Dialoge gerne und leicht übersah. Auch zum Auftakt von Season 3 sollte man nicht alles allzu viel auf den Plausibilitätsprüfstand stellen. Und am überzeugendsten sind ohnehin die Soap-Effekte. Holmes Wiederkehr und sein Arrangieren mit Watson, der immer noch um ihn trauert und anschließend gehörige Wut auf den Meisterdetektiv und Sozial-Autisten. Dabei gehen die Macher auch hier clever vor. Watsons Schnurrbart wird – wenn auch etwas zu Tode geritten – als Referenz an all die anderen Holmes/Watson-Verkörperungen thematisiert. Derweil in einem charmanten wie psychologischen interessanten Zug Watsons Verlobte Mary (Amanda Abington) gerade in dem Gegensatz und in Abgrenzung zur weiteren erfolgreichen S.H.-Neuauflage, den zwei Filmen mit Robert Downey jr. und Jude Law, Sherlock als Person durchaus mag. Man darf also gespannt sein, wie es in der Ersatzfamilientragikomödie weitergeht ...

Hier wie bezüglich der anderen Punkte SHERLOCK nicht nur auf das, was über die Figur auf Meta-Ebene diskursiv verhandelt wurde und wird, sondern eignet sich auch Kinoszenarien bis auf hin zu den Bildern an: Der – freilich dürftig daher erfundene Terrorplot – bedient sich lässig bei V FOR VENDETTA, und wenn Holmes bei seiner Rückkehr dramaturgisch unmotiviert und symbolstark den Blick über die Dächer von London streifen lässt, steht er an exakt derselben Stelle und tut dies genau wie Daniel Craigs James Bond in dem halbgaren SKYFALL, der 007 auch zwischen Reminiszenz und Neuausrichtung neu und zugleich alt-traditionell im direktesten Sinne verortete. So fragt man sich gar, ob nicht ein Cross-Over zwischen den James-Bond-Filmen und dieser SHERLOCK-Serie als den Exportschlager-Helden des Empires geboten wäre.

SHERLOCK, unter der Regie von Jeremy Lovering (IN FEAR), inszeniert denn auch nicht nur Sherlocks Ermittlungsgedanken visuell in erstaunlichem Retro-Look jenseits hipper visueller Griffe (sondern u.a. mit altmodischer Direktprojektionen auf den Darsteller): THE EMPTY HEARSE selbst inkorporiert die kooperative Tüftel-Welt des Web 2.0 und des „forensic fandoms“ gleich selbst, insofern hier die Interpretations-Fangemeinschaft selbst vorkommt wird, wie sie in und mit ihren „Verschwörungstheorien“ Realität in der Beschäftigung mit modernstem Fernsehen, mithin -serien, ist. 

SHERLOCK erweist sich in der ersten Folg der dritten Staffel denn auch zum einen in seinem Austarieren zwischen Krimi und Soap (letzteres mit größerer Überzeugungs- und Unterhaltungskraft), sowie in seinem Einbezug auf bzw. Positionierung im web- und popkulturellen Drumherum (um den eigenen „Markenkern“) als ein phänomenales Produkt eines Web 3.0, das nicht zuletzt in seiner amüsanten Lässigkeit gegenüber den postklassischen „Quality-Serien“ aus den USA einen enormen Vorsprung hat, ohne sich in transmedialen Erzähl-Mätzchen zu verlieren.

Cumberbatch ließ verlauten, nach dieser dritten Staffel sei für ihn Schluss. Eine Schande wäre es. Vielleicht kann ihn die Queen persönlich umstimmen? Sein SHERLOCK jedenfalls ist mehr als nur auf der Höhe der Zeit.  

zyw

Grindhouse-Nachlese November und Dezember 2013 – Fragmente an Sinn und Material

30. November 2013, Cinema Quadrat, Mannheim:

„Five Dolls for an August Moon“, Italien 1970, Regie. Mario Bava.

„Long de ying zi“ / „Bruce Lee - Der Unbesiegte“, Taiwan 1981, Regie: Bruce Li.


28. Dezember 2013, Cinema Quadrat, Mannheim:

„I crudeli“ / „Die Grausamen“, Italien/Spanien 1967, Regie: Sergio Corbucci (abgebrochen)

„Emmanuelle“ / „Emanuela“, Frankreich 1974, Regie: Just Jaeckin (nicht gezeigt)



Man hört so mancherlei über die neue digitale Kinotechnik. Hinter vorgehaltener Hand beklagt sich der Vorführer bei den Hofer Filmtagen heftig über die Schwierigkeiten mit dem Material, über das langwierige Überspielen auf Festplatte, über zu beschaffende Freischaltungsschlüssel, über den ganzen logistischen, organisatorischen, technischen Krams, der in der Hektik eines Festivals kaum zu schaffen sei. Und bei FILMZ in Mainz, so heißt es, sei ungefähr jeder Film verpixelt, verzerrt, flackernd gelaufen, weil die digitalen Daten sich nicht an das hielten, was die Filmemacher vorhatten.

Andererseits: Der Kurzfilmwettbewerb des diesjährigen Exground-Festivals verzögerte sich um gut zwei Stunden, weil – jawohl: Weil der einzige 35mm-Film im Reigen nicht laufen wollte. Den hatte man sinnigerweise mitten rein programmiert, um mit sportlichem Ehrgeiz möglichst viele Medienwechsel zu schaffen, von digital auf analog und wieder zurück… Allein: Der Ton wollte nicht, deshalb, haha, wurde der Film „Der Passagier“ von Marcus Reichardt schlussendlich profan von DVD durch den Saal auf die Leinwand gepfeffert.
Und beim Dezember-Grindhouse-Abend, auf den ich mich richtig gefreut hatte, da passierte was… ihr werdet’s kaum glauben: Da sollten 16mm-Filme abgespielt werden, als kommunales Kino ist es Ehrensache, einen passenden Projektor in petto zu haben; und weil es eines der ältesten kommunalen Kinoprojekte ist, und weil schon mehrere Generationen von Cineasten mitgearbeitet haben, finden sich im Keller, unter unwürdigen Lagerbedingungen, ein paar Dosen mit ein paar Rollen alten 16mm-Films, diverse Genres, diverse Level von Nieder- bis Hochkultur… vorzeigbar sind beispielsweise Corbuccis halbvergessener Western „Die Grausamen“ und der notorische „Emmanuelle“-Streifen.
Allein: Der Projektor ging kaputt, nach einem halben Western. Und wir wurden nach Hause geschickt.

Nun hätte dies hier eigentlich ein Text werden können mit tiefsinnigen Reflexionen über filmische Qualität und Vorführqualität, die oft genug in reziprokem Verhältnis zueinander stehen. Denn Ende November – rechtzeitig zur Grindhouse-Zeit – war im Cinema Quadrat ein überhypermäßiger4K-Projektor eingebaut worden, auf den das Kino zurecht stolz sein kann: Die Bildqualität ist absolut bestechend, insbesondere in dem kleinen Raum des 100-Sitzplätze-Saals.
Der Megabeamer freilich ist so riesig, dass das Projektionsfenster vergrößert und ein Holzverschlag-Vorbau gebastelt werden musste, weil das Sony-Gerät nicht in den Vorführraum passte. Und ach, könnte man hier metaphorisch werden, wie die neue Technik in die alten Säle eindringt, Raum und Zuschauer verdrängt, wie es den Mini-Kommunalen überstülpt wird. Wie die Technik immer mehr Platz einnimmt vor den Inhalten, wie der Gerätepark die Bedingungen vor Ort diktiert und sich das Kino als Raum anpassen muss etc.

Aber, Mann – hatte ich es schon erwähnt? Die Filme des November-Grindhouse-Abends, wiewohl von DVD abgespielt, sahen echt super aus, man glaubt es kaum: Trash in Hifi-Qualität!

Inhaltlich freilich mag es da knattern, rattern, flackern und reißen – vielleicht liegt es ja auch an mir, aber die Novemberfilme hab ich nicht geblickt. Der eine: Exemplar des Bruceploitation-Subsubgenres; der andere ein Giallo, die sich ja ohnehin mehr durch Style denn durch Content auszeichnen.

 
Da hat also einer namens Bruce Li beschlossen, einen auf Bruce Lee zu machen; und zudem eine Art selbstreflexives Kompendium des Kungfu-Eastern-Films zu kreieren. Nach dem Tod des echten Bruce Lee gab es ja eine Menge Avatare, Epigonen, Karnevalskämpfer – das Kriterium der Ähnlichkeit wurde um eines erhöhten Filmoutputs schnell vernachlässigt; Schlitzaugen und ein paar Moves reichen im Allgemeinen. Bruce Li aber, der hier einen Kungfuer namens Change Wei spielt, macht seine Sache recht gut, was Kämpfeactionstunts angeht. Freilich, die Story…

Da läuft also ein John – weiß, mit enormem Schnauzer und großer Klappe – in Asien rum und geht erstmal in einen Kungfu-Klub, um zu zeigen, wie man so richtig austeilt. Er führt sich auf wie ein Arsch, bis ihm Li/Wei zeigt, wo der Hammer hängt. Gleich darauf sind sie beste Freunde und wohnen beieinander. Wei freilich hat Geldsorgen und heuert, wie es halt so ist im Kungfugewerbe, bei einem Versicherungskonzern als Makler an. Hat da aber erwartungsgemäß wenig Erfolg, wird dafür immer wieder in Kämpfe verwickelt, einfach so, weil grad einer rumsteht und sich hauen will. Abends dann Handentspannung mit John – sprich: Man trainiert. Manchmal kloppt man sich auch gegenseitig freundschaftlich oben auf’m Hausdach, um dann postkoital ermattet aneinanderzusinken. Voll schwul, interessanterweise: Wie die kämpfende Männlichkeit sich (ungewollt?) in die homoerotischsten Zonen ergießt…

Im Versicherungskonzern ist natürlich Korruption und Betrug gang und gäbe. Weis Chef macht krumme Geschäfte mit einem Filmproduzenten, der sich sanieren will, indem er seinen größten Kungfustar auf zwei Millionen Dollar versichern und dann absichtsvoll ins Messer laufen lassen will. Irgendwie gerät Wei da rein mit dem Ergebnis, dass er sich erstmal mit dem Film-Kampfmeister prügeln muss. Um dann dessen Freund und Stuntman zu werden. Ab hier wird es konfus.

Der Versicherungsjob spielt fortan keine Rolle mehr. Stuntman bedeutet in dieser filmischen Logik, dass man auch mit Wei die Versicherung betrügen kann; mehrere Mordanschläge von unterschiedlichen Typen aus unterschiedlichen Gründen folgen und münden in, na was wohl, Prügeleien. Wobei auch Nunchakus zur Anwendung kommen, diese Stöcke, die durch Ketten miteinander verbunden sind und mit denen man so schön posen und rumwedeln kann. Das erfreut die Jugend der 1980er Jahre!

Lustig sind natürlich die Film-im-Film-Szenen, in denen die Tricks des kunstvollen Vorbeihauens und spektakulären DurchdieLufthüpfens ausgiebig vorgeführt werden – ein Blick in den Zauberkasten der Kampfeffekte. Doof nur, dass die Filmemacher zu doof waren, die Szenenreihenfolge korrekt zu schneiden, so dass Wei seinem Intimus John zuerst mal erklärt, wie Stuntmans zuhauen müssen – indem er rohe Eier auf der Dachterrasse aufhängt und knapp dran vorbeikickt –; aber dies bevor ihm von den Filmleuten erklärt wird, worauf man als Stuntman so alles zu achten hat…

Jetzt ist dies natürlich kein Enthüllungsfilm über die Tricks der Filmleute, wo ja am Set alles gar nicht echt ist und alles nur gefaked zum Vergnügen der Zuschauer, denen die Leinwand als Brett vorm Kopf eine erlogene Wirklichkeit vorgaukelt. Nein: Vielmehr wird hier das Handwerk des kunstvollen Kunstgriffs gefeiert, zuzuschlagen ohne zuzuschlagen, sprich: Der ist ein Superstar, der den Kämpfer so richtig gut mimen kann. Im Übrigen wird der Produzent von Thomas Reiner – sprich: Prof. Farnsworth aus Futurama – gesprochen, was einen noch surrealeren Touch verleiht. Denn der Film baut immer mehr Quatsch aufeinander, jeder hat jetzt immer irgendeinen Plan, um die Dreharbeiten zu sabotieren und Stuntmen und/oder Star und/oder Versicherung zubetrügen. Ein geheimnisvoller Superkungfuspezialist spielt auch eine Rolle, er wurde – vom Kungfufilmproduktionsveteranen – als Berater unter lauter Kungfufilmspezialisten engagiert und ist eigentlich ein Killer. Die Frau vom Star hat auch eine eigene Agenda. Es ist verwirrend. Am Ende eine Auflösung, die so gar nicht zum Rest des Films passt, weil plötzlich der Freund von Wei es auf ihn abgesehen hat; Anlass, sich in einem Haus zu prügeln und dabei die Wände einzureißen.

Mario Bavas „Five Dolls for an August Moon” hat einen seltsamen Titel (wie ja auch der vorherige „Bruce Lee – Der Unbesiegte“ eigentlich „Bruce Li“ heißen müsste) – was soll das heißen, Puppen, August, Mond? Aber, klar: Bei Bava sieht alles immerhin gut aus, mit großem Gespür fürs stimmige Design in Primärfarben, und das hypermoderne Haus aus Stahl und Glas, wo sich alles abspielt, ist halt auch ein dolles Filmset…
Wir sind auf einer Insel, ein paar reiche Schnösel verbringen hier ihre Ferien, die schönen Frauen sind auch dabei, drei Geschäftsleute wollen einen vierten dazu bringen, eine wichtige Geheimformel rauszurücken, und nach und nach werden sie gekillt von einem geheimnisvollen Mörder. Das ist an sich gut und schön, und wer Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ kennt, wird hier nochmal an der Nase rumgeführt (was denn auch zum Zuviel des Films führt). Zumal der Anfang ist effektvoll, eine schöne Frau streift durch die Dünen, während im Supermoderndesignhaus die Reichen und Schönen eine dekadente Party feiern, mit all der Ennui, die den oberen Zehntausenden so gut zu Gesicht steht. Leben in die Bude soll ein Mörderspiel bringen, eine der Frauen wird als Opfer ausgesucht, gebunden und ins Dunkle getrieben – zack, geht nämlich das Licht aus, grade als der Gastgeber ein anscheinend satanisches Ritual zelebrieren will, wir sind in höchster Spannung, wer ist der Mörder! Denn die Frau liegt da in ihrem Blut, ein Messer in der Brust – haha, es ist nur ein Scherz, sie zieht das Theatermesser weg, wischt das Ketchup ab, Erleichterung.
Bis am nächsten Tag der Diener tot auf der Yacht aufgefunden wird, eine der Damen hatte ein Verhältnis mit ihm, ist aber nicht schlimm, alle leben in offenen Beziehungen; und die junge Schöne streift noch immer durch die Dünen, und die Geschäftsmänner wollen noch immer hinter die Formel kommen. Und wieder wird einer umgebracht, und wieder wird – weil man nicht wegkann von der Insel – eine Leiche in die Kühlkammer verbracht. Dort werden sie an Fleischerhaken baumeln, mehr und mehr, es wird eng, weil immer mehr fallen. Warum? Das ist wurscht. Durch wen? Auch das interessiert nicht. Und die junge Frau in den Dünen, die sich immer absondert, die immer nur guckt? Die ist dem Film auch völlig wurscht, er zieht sie nie als Täterin oder Opfer in Betracht, und der Zuschauer ist irritiert.

Toll freilich eine Sequenz im Mittelteil, so gegen Ende des zweiten Drittels: Es sind noch zwei Männer und eine Frau übrig (plus die Junge in den Dünen, die aber aus unerfindlichen Gründen nicht zählt), und die Frau spricht auf ein Tonband: Sie ist auf der Insel gefangen, einer der beiden anderen ist der Mörder; dann trinken sie einen Cocktail; dann schlafen alle ein. Das Tonband läuft weiter.
Und dann sind alle weg. Just in dem Moment, als eine Schiffsmannschaft als Rettung eintrifft, das Haus durchsucht, aber niemanden findet. Alles ausgestorben. Der Zuschauer ist baff. Der Boden ist ihm unter den Füßen weggezogen. Zeitsprung? Parallelwelt? Traumebene? Plötzlich ist alles möglich, plötzlich schein alles erlaubt. Als Kapitän und Matrosen wieder abziehen, unverrichteter Dinge, sind die drei wieder da. Und schwupps: Wissen wir, wer der Mörder ist, weil er alles verrät. Er hat raffinierterweise die anderen in Schlaf versetzt, weggeschleppt, versteckt, damit die Retter nichts mehr zu retten haben – das wird alles ein bisschen zäh aufgefächert, und dabei vergisst Bava, was uns Zuschauern die ganze Zeit bewusst ist: Dass das Tonband mitgelaufen ist, dass man es einfach hätte abhören können, bevor der Herr Mörder die Oberhand gewinnt, bevor noch ein paar Leichen ins Kühlhaus verfrachtet werden… Exemplarisch zeigt sich, wie gute Ideen durch halbgare Logik innerlich wurmstichig und äußerlich faulig erscheinen können.

Zumal es sich Bava nicht nehmen lässt, einen blödsinnigen Epilog anzukleistern, in dem die naive Schöne plötzlich einigermaßen durchtrieben wirkt (ähnlich wie Carmen Sternwood in Chandlers „Tiefem Schlaf) und wundersamerweise einer der Toten wiederaufersteht – als Mörder in einem ganz anderen Fall, der gar nix mit diesem Film zu tun hat. Man kann halt alles übertreiben und überziehen!

Was Sergio Corbucci zweifellos auch macht, aber auf eine raffinierte Weise, und innerlich stringent. Da nimmt er in „Die Grausamen“ Joseph Cotten – den Joseph Cotten – und macht ihn zu einem obsessiven, rasenden Südstaatenfanatiker, der auch nach dem Bürgerkriegsfrieden „seine“ Staaten befreien will. Beten und massakrieren, zum Wohle seiner Nation – einem Hinterhalt mit Dynamit und gezielten Schüssen fällt ein 30 Mann starker Nordstaaten-Konvoi zum Opfer, ein böses Erschießen in schnellen, brutalen Schnitten, dann sind alle tot. Und fortan steht ein Sarg im Mittelpunkt des Films, in dem nicht wie im Vorjahres-„Django“ ein Maschinengewehr versteckt ist, sondern zunächst Patronengurt, Schnapsflasche und Galauniform von Oberst Jonas Morrison, und dann eine Menge Geld, das dieser im Namen der Südstaaten von den Nord-Soldaten geklaut hat. Geld, das nun auf einen langen Weg gehen muss, im Sarg, mit Passierschein für einen gefallen Soldaten, der angeblich überführt wird. Die Witwe hat Morrison auch parat, eine dumme blonde Säuferin, die konsequent bald das Zeitliche segnet, weil sie nur stört. Eine Neue muss her, der Passierschein verlangt eine Witwe, der Herr Sohn macht sich auf in den nächsten Saloon, da gabelt er Claire auf, durchtriebene Falschspielerin und mutmaßliche Hure, die in diesen Bund von vier selbstzerstörerischen Radikalkonföderierten aufgenommen wird, ein Bund, der vom Menschenhass zusammengehalten und zugleich innerlich zerfressen wird – das ist herauszulesen aus der ersten Hälfte von „Die Grausamen“, bevor ein popeliger Antriebsriemen im 16mm-Projektor riss und die Vorführung abgebrochen werden musste.
Weil alte Technik auch bei alten Filmen versagt, weil die „Grausamen“ zwar inhaltlich großartig sind, mit bösem Blick auf böse Männer – weil aber anscheinend der Projektionsapparat dies nicht aushält. Schade.

Vielleicht kann sich das Cinema Quadrat einen neuen Riemen leisten. Und einen Ersatzriemen dazu. Damit es nicht monopolisch angewiesen ist auf digitale Filmdaten, damit auch die Schätze aus dem Keller gezeigt werden können. Damit „Die Grausamen“, ausgebleicht und rotstichig, wie sie sind, noch eine Chance bekommen können,  in einer anderen Doppelnacht, in einem anderen Monat – und vielleicht mit einem anderen Filmpartner, weil „Emmanuelle“ halt wirklich total doof ist, 16mm hin oder her.


Harald Mühlbeyer

FILMZ 2013: Mainz fühlt sich Disco

Ranisch-Pinkowski-Festspiele


FILMZ 2013 ist vorbei und hat einen glücklichen, sehr guten Hauptgewinner. Nach DAS KALTE EISEN von Thomas Lauterbach als bestem Dokumentarfilm und DIE SCHAUKEL DES SARGMACHERS von Elmar Imanov als bestem mittellangen Film ist es Axel Ranisch mit seinem ICH FÜHL MICH DISCO, der das „Mainzer Rad“ mit nach Hause nehmen darf. Knapp war die Entscheidung – die FILMZ-Filmprämierungen sind alles Publikumspreise, und fast ebenso gerne wie DISCO mochten die Mainzer KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL von Aaron Lehmann und Michaela Kezeles Drama DIE BRÜCKE AM IBAR. Doch eben nur fast. Und gewonnen hatte Axel Ranisch zusammen mit Pinkowski auch darüber hinaus.



Neben ICH FÜHL MICH DISKO, in dem Pinkowski die zweite Hauptrolle spielt, präsentierten beide gleich noch einen weiteren Film auf dem Festival des deutschen Kinos: den ebenfalls ohne fertige Dialoge produzierten Kinderfilm REUBER, in dem Pinkowski mit seiner stattlichen Gestalt titelgebenden – des Schreibens und Lesens eben eher unkundigen – Wegelagerer gibt. Darüber hinaus war der Schauspieler noch in zwei weiteren Werken – KOHLHAAS und dem mittellangen STUFE DREI – zu sehen, so dass schon bei der Moderation von ICH FÜHL MICH DISCO gescherzt wurde, es handele sich beim FILMZ 2013 eigentlich innoffiziell um die Heiko-Pinkowski-Festspiele.

Tatsächlich war es eher ein Ranisch-Pinkowski-Festival, aller hervorragenden Filme vor allem im Wettbewerb zum Trotz. Allein schon, weil sich der fröhlich-herzliche „Spielleiter“ Ranisch zusammen mit seinen „Sehr-Gute-Film“-ProduktionsfirmenmMitbegründern Pinkowski und Produzentin Anne Baeker (es fehlte nur noch Kameramann Dennis Pauls) auf der Bühne des Capitol-Kinos wie Bolle nicht nur über die 1.500 Euro Preisgeld oder die Auszeichnung an sich freuten, sondern auch die erneut von Juwelier Richard Weiland gestiftete und von ihm höchst selbst kreierte Bergkristalltrophäe bestaunten und bewunderten. Bis hin, dass die Sorge aufkam, ob nicht die ICH FÜHL MICH DISCO-Produzentinnen Ansprüche auf die Skulptur erheben könnten. So gewannen Ranisch und Co. auch die letzten Mainzer Zuschauersympathien.
Juwelier R. Weiland (l.), A. Ranisch (m.) u.
H. Pinkowski (Bild: FILMZ)

Ranisch freilich konnte schnell beruhigt werden: Der Preis und mithin das kleine Kunstwerk ist für den Regisseur. Selbst wenn dieser sich wie Ranisch lieber als „Spielleiter“ sieht und tituliert. Denn das Filmen, erklärte er bei den Fragerunden zu seinen Filmen, mache ihm einfach so viel Spaß. Und da sowohl der „Sehr gute Film“-Film REUBER (der im Nachklapp zu Ranischs Überraschungserfolg DICKE MÄDCHEN entstand und wie dieser quasi an der No-Budget-Grenze ansiedelt) wie auch der von Arte und dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF geförderte ICH FÜHL MICH DISCO (mit zehn erstellten und schließlich allesamt weggeworfenen richtigen Drehbuchfassungen) lediglich ausgehend von einer (vor allem Figuren-) Skizze frei entstand, ist das Spiel der Darsteller mehr als üblich als ein eben solches zu betrachten: Ein Spiel, das sich entwickelt, das seine eigenen Regeln kennt und entfaltet und in dem der Schauspieler, wie Ranisch unumwunden zugibt, eher dem Regisseur etwas zu sagen hat als umgekehrt. „Zu 99 % hat der dann recht“. Schließlich wisse der Schauspieler, so Ranisch, ja viel besser über "seinen" Charakter Bescheid als er.

Ganz warm und freundlich wird’s einem in der Seele im traurig-grauen adventlichen Mainz, wenn Ranisch dort unten vor der Leinwand steht, schelmisch schmunzeln, das Mikro wie ein kleines Küken mit beiden Händen dicht unterm Kinn, dabei eine fröhlich Lust an seiner Arbeit und mitreißende Lebensfreude und -freudlichkeit verströmt. Entsprechend wachsen nicht nur auf der Leinwand mit und über Ranischs „Filmfamilie“ hinter und v.a. vor der Kamera – seine Oma Ruth Bickelhaupt etwa oder die „DICKEN MÄDCHEN“ Pinkowski und Peter Trabner (der in DISCO nur einen Kleinstauftritt hat, in REUBER aber mit Verve und Aberwitz den bösen Zauberer hinlegt) – die Filme zusammen und Einem ans Herzen: Dank Ranischs Auftritten, seinen Anekdoten und einnehmenden Art, die sich auf den unterschiedlichen Ebenen seiner Filme wie eine Weltsichtweise mit positiver Energie-Aura wiederfindet, schwappen eben diese Filme sozusagen von der Leinwand hinein in die Wirklichkeit, werden Oeuvre und grenzenloses Gesamtkunstwerk der besonderen Art.

Zumal sich diese Werke wiederum vieles aus der Realität fischen, den Neffen Tadeus als kleiner Held in REUBER, in ICH FÜHL MICH DISCO die Biografie. Auch Ranischs Schwimmmeister-Papa, dem der Film gewidmet ist, lehrte Turmspringen, doch anders als Florian (Frithjof Gawenda) hat der kleine Axel damals gekniffen. Die sagenhafte Postkarte mit dem denkwürdigen Lebensweisheit „Dicke Kinder sind schwerer zu entführen“, die in Florians Kinderzimmer an der Wand hängt, stammt aus Ranischs eigener Wohnung. Gänzlich frei erfunden, etwa in Sachen Unsportlichkeit ist ICH FÜHL MICH DISCO also nicht, aber das macht und sagt ja (noch) nichts, bleibt im Thematischen. Wie der Film mit der erwachenden Sexualität, mithin dem Schwulsein, umgeht, ist bestechend in seiner Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, weil der Film zugleich nicht die Unsicherheiten, die Risiken und Verletzungen ausspart, die Florian da mit dem rumänischen Jungen Radu (Robert Alexander Baer), Sprungturmschüler von Florians Papa Hanno (Pinkowski), machen und durch diesen erdulden muss. Dass derlei einfach „dazugehört“ zum homosexuellen Leben (ebenso wie ähnliche Schmerzlichkeiten überhaupt zu allen Herz- und Hormondingen) vermittelt ICH FÜHL MICH DISCO auch verblüffend bestechend: indem Liebe / Freundschaft zwischen Florian zum „uneindeutigen“ Radu schlicht nicht auserzählt bzw. zu keinem auch nur zwischenzeitigen oder moralischen Ende gebracht wird.

Eigentlich mehr geht es ja auch in ICH FÜHL MICH DISKO um Papa Hannos Verhältnis zu Florian, die miteinander nicht so viel anfangen können. Hier der Macher, der seinem Sohn das Familienmofa aufnötigen und einen ganzen Kerl aus ihm machen will, dort der pummelige Zartgeist mit dem Wunsch nach einem Klavier und ansonsten seiner Ruhe. Dabei hat Ranisch wohl daran getan, nicht den bösen harten, aber im Kern weichen Vater gegen einen unverstanden-leidenden Sohnemann zu setzen. Hanno macht von Beginn an in seiner polternden Hilf- und Tölpelhaftigkeit eine solch einnehmende Figur, dass man ihn auch noch dann drücken möchte, wenn er schnauffig-hadernd in der Schwimmhalle Radu oder Florian auf dem Zehner zusammenwettert. Ein voluminöser walrossbärtiger Klotz, der gestisch und mimisch hinter jedes Wutgezeter noch ein relativierendes „Is’ doch wahr...“ stumm zu setzen scheint.

Florian wiederum kann auch schon Kontra geben. Und überhaupt ist da ja noch Mutti (Christina Große). Und Christian Steiffen. Mit ersterer kann sich Florian herrlich unter der Disco-Kugel in tropisch-entspannende Gefilde träumen (während dem ersatzhaften Papa später zur Ausgestaltung des imaginierten Meer-Idylls ein Öltanker gerade mal einfällt, auf dem Weg nach Rotterdam). Oder Mama und Flori tanzen kostümiert zu den Songs von letzterem: Schlager-Comedian Steiffens famoses Stück „Sexualverkehr“ liefert das Intro des Films – und dass daraus ICH FÜHL MICH DISCO (auch so ein Steiffen-Titel) was für eine ausgelassen-warmherzige Mutter-Sohn-Nummer macht, kennzeichnet schon eine spezielle Güte des Films.

Aber Mutti bekommt einen Schlaganfall und fällt ins Koma. So müssen sich Hanno und Florian zusammenraufen, sich näher kommen, sich gegenseitig stützen. Auch hier mischt Ranisch wohldosiert Tragik mit großem Ulk und teils unwiderstehlich absurdem Witz: Erscheint Schnulzenbarde Steiffen Florian noch klar im Tagtraum, lässt er sich vom betrunkenen Papa in einem Asia-Restaurant verständnisvoll und souverän in die Fresse hauen, um ihm hernach ein Ständchen zu singen („Das Leben ist nicht immer nur Pommes und Disco, das sag‘ ich dir. Manchmal ist das Leben nur eine Flasche Bier“), sich mit ihm die Kante zu geben und abschließend Hanno eine Aufklärungsset in puncto „Schwuler Sohn, was nun?“. Ganz real also ist die enthaltene DVD aus den Händen des magischen Helfers Steiffen, die Hanno am nächsten morgen einlegt. Ein Ratgeberfilm von Rosa von Praunheim (einer von Ranischs Lehrern an der HFF-Potsdam, über den er u.a. mit Tom Tykwer und Chris Kraus die Doku ROSAKINDER gedreht hat). Und neben von Praunheim sieht Hanno sich plötzlich selbst sitzen, bei sich daheim, auf der Couch (siehe dazu auch den Filmtrailer HIER) ...


Improvisation hin, Skizzenhaftigkeit her: ICH FÜHL MICH DISCO präsentiert eine im Kern klassische, man könnte auch sagen allzu bekannte Geschichte. Umso überraschender, fast überrumpelnder ist es, was Ranisch daraus, ja,  überhaupt: wie viel Spaß der Film macht. ICH FÜHL MICH DISCO fabuliert sich schwungvoll wie irrwitzig, dabei mit der richtigen Menge an – auch stilistischen – Ecken und Kanten durch sein Familiendrama, umschifft auch die wichtigen, teils generischen Klippen der Tragödien mit Bravour, um am Schluss zwar nicht alles gut sein zu lassen, aber letztlich das Leben einen Partykeller mit Lichtorgel, Rüschenhemd und guter Laune, damit: alles ein bisschen besser. Auch die Stimmung und das Gemüt der Zuschauer, die sich schon auf den nächsten Streich Ranischs und Pinkowskis und vor allem beider zusammen freuen.


zyw

P.S.: Einen Beitrag über Axel Ranisch, seine Arbeit(sweise) und die anderer Vertreter des "German Mumblecore" finden Sie in ANSICHTSSACHE - ZUM AKTUELLEN DEUTSCHEN FILM.

FILMZ 2013: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN


Fehlerhaft und phänomenal

Happy Birthday, KONTRASTFILM! Die Mainzer Produktionsfirma, langjähriger Förderer und Wegbegleiter des FILMZ – Festival des deutschen Kinos, feierte gestern, am Freitag den 29.12., sein Zehnjähriges. Die Party war zugleich gesellschaftlicher Höhepunkt des FILMZ außerhalb der Kinos, wie schon die KONTRASTFILM-Feiern in den Jahren zuvor. Nach der alten Postpakethalle hinterm Bahnhof oder, beim letzten Mal (sprich: im vorletzten Jahr), der ausgedienten Schule am Cinestar lud Tidi von Tiedemann mit seinen Mitstreitern dem Jubiläum angemessen in den feinen Klinkerblock am Mainzer Zollhafen. In schickem Ambiente wartete im Südteil des Baus Büffet beim Empfang, ehe dann im Norden des Gebäudes Bummbumm- und andere Musik die FILMZ-Party so richtig startete.

Ein zweifellos gelungener Abend (bzw. Nacht bzw. Morgen) auf der Mole für KONTRASTFILM. FILMZ hingegen, für das dieses Event erneut den Endspurt (Samstag und Sonntag) einläutete, steht hingehen im Jahr seiner Wiederkehr unter keinem allzu guten Stern. Zumindest, was die Technik betrifft. Mehr als gemeinhin üblich wird man Zeuge (oder hört von) Vorführungsproblemen: Hier ein falsches Bildformat, dort stockt die BluRay. Das erinnert an den Max Ophüls Preis, bei dem die digitalen Projektionen auch solche Schwierigkeiten machten, dass die Festivalleiter ad hoc zu dem Thema ein Pressefrühstück anberaumte. 2006 war das.

Andererseits lacht Fortuna dem FILMZ und seinen Zuschauern hinsichtlich des Angebots in der Spielfilmwettbewerbsschiene. Selten, vielleicht sogar wie nie zuvor, finden sich so viele Perlen im zugleich bunten (und mutigen) Programm, dass die Verleihung des „Mainzer Rads“, des Haupt- und zugleich Publikumspreises, am Sonntag tatsächlich spannend wird. Kleiner Wermutstropfen nur: keiner der zwölf Kandidatenfilme feierte in Mainz seine Premiere; das war schon mal anders. Aber FILMZ hat ja auch ein Jahr pausiert, und Tiziana Calò, Kerstin Krieg, Cornelius Kern und Urs Spörri als Auswahljury der Langspielfilme ist herzlich zu danken, nicht zuletzt weil sie und das FILMZ demonstrieren, welches vorzügliche Jahr für den aktuellen deutschen Film hinter uns liegt.

Einer dieser grandiosen Filme neben KOHLHAAS, dem harten TORE TANZT u.a. ist DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher, dessen Publikum auch Pech in Sachen Projektion hatte: Die erste Vorstellung von Festplatte wies ein enges Lichtpunkteraster auf der Leinwand auf, und denjenigen, die sich daran störten, wurden Ersatzkarten für das zweite Screening offeriert – das dann allerdings auch, so war zu hören, seine Macken hatte. 

Ganz egal: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN stand und steht in seiner Brillanz über solchen technologischen Faxen, wurde durch diese vielleicht noch besonderer (zumindest besonders merkwürdiger, und man denke an seltene, begehrte, folglich teure Fehldrucke, -prägungen etc. -- vielleicht ein originelle Innovations- und Alleinstellungsidee für das FILMZ?). Auf der diesjährigen Berlinale erregte dieses seltsame Stück Kino jedenfalls Aufmerksamkeit und erntete Beifall. Für Rüdiger Suchsland auf artechock war es der „überraschendste Film“ und DER Geheimtipp der Berliner Filmfestspiele, aber schon, wenn man auch nur grob an so etwas wie eine Deutung oder auch nur Inhaltsangabe gehen will, wird es schwierig. Frédéric Jaeger von/auf critic.de erkannte „eine deutsche Gesprächskultur“ zelebriert, „wie sie selten in Spielfilmen erfahrbar wird“, eine Untersuchung in Sachen Kommunikation und eine Milieustudie im Berliner Altbau. Das kann man so auffassen, tatsächlich aber lässt sich DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN partout nicht auf derlei Themen und Inhalte festnageln oder runterbrechen, flutscht einem durch die Finger. Grob lässt sich die Handlung, wenn denn von einer solchen die Rede sein kann, beschreiben als der Tag eines Familientreffens zu Hause, und tatsächlich verbleibt der Film weitgehend in der Altbauwohnung, doch wer da wer bzw. was in der Familie ist, lässt sich zum großen Teil nur deuten (oder aus Paratexten wie dem Presseheft erschließen). Jenny Schily als „melancholische“ (Suchland), aber auch leise bissig-biestige Mutter, klar. Die große (MEIN FREUND AUS FARO-Anjorka Strechel) und die kleine Schwester, okay. Aber ist etwa der junge Mann, der da unvermittelt in der Küche auftaucht, nun der Bruder oder der Freund der älteren Tochter? DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN hilft einem nicht weiter, auch die Wohnung selbst muss man in Teilen zusammenreimen; plötzlich ist da irgendwie noch ein Zimmer ... ---

Als Rezensent rettet man sich, um diesem großartigen Film, zumindest ein kleinbisschen Herr zu werden, unweigerlich ins Metasprachliche. Zum einen weil DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN weniger ein Rätselspiel ist oder überhaupt narrativ, sondern in erster Linie eine Erfahrung. Zum anderen ist eben diese nicht nur, aber vor allem in Sachen Kino so ungewöhnlich, dass sie verführt, Oxymora auf einander zu schichten oder zumindest mit Widerspruchsmetaphern zu hantieren und mit bizarren Vergleichen. „[A]ls ob die strengen Autorenfilmer der »Berliner Schule« eine Familien-Soap inszenieren würden“, so Suchsland. Man könnte ebenso sagen: Wie wenn Jacques Tati WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? als sanfte, liebende, humorvolle und doch befremdende Vor-Vor-Vorgeschichte der Maniac-Familie aus dem TEXAS CHAIN SAW MASSACRE gedreht hätte. Nur eben in Berlin, im Altbau, mit Hund und Katze und mit roten Dielen. -- Hilfe!

DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist ein phänomenaler Film. Nicht nur im Sinne von „außerordentlich“ oder „grandios“, sondern auch von „phänomenologisch“. Zu den Sachen selbst; aber hier wie bei Husserl meint das keinen simplen Realismus oder falschen Positivismus. DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN beobachtet und ist zugleich hochgradig artifiziell in seiner Inszenierung, pickt mit Großaufnahmen und genau komponierten Einstellungen Figuren und Details heraus – schneidet sie aber auch nur an oder belässt im Off, begrenzt die Wahrnehmung. Dadurch und darüber wird ein feines Netz an Dingen, Handlungen, Worten, Blicken und Reaktionen geknüpft, dieses aber auch offen lässt, Verweisfäden des Nichterklärten, des Nicht-Nachvollziehbaren.

Zürcher betreibt so mit leichter Hand eine Pathologie des Normalen, (re)konstruiert den Surrealismus des Alltäglichen und Allgewöhnlichen bei allen bizarren Kleinigkeiten, wie einer leere Flasche, die in einen Topf gestellt, unaufhörlich wippt und kreiselt und damit schließlich auch einige der Figuren selbst amüsiert (womit jeder filmsymbolische Metaphern-Charakter sich schon wieder erledigt).

Mal notiert der Film in der Summe seiner Gestaltungsmittel zusammen mit diesem oder jenem Familienmitglied etwas, mal beobachtet er sie beim Beobachten; bleibt außen vor. Mal ist es ein eigenständiger umherschweifend-zufälliger, dann wieder genau interessierter, registrierender Blick (hier wird vor allem die rotbraune Katze zum heimlichen Protagonisten des Ganzen). Alles in statischen Einstellungen. Viele der kleinen großen Figurenreden, Anekdoten, zwei illustriert durch den Film, kommen in steifer Sprache daher – wer redet schon im Alltag im reinen Imperfekt? Dann wieder hingeworfenen, lautdenkende Dialogsätze, die sich an keinen richten, die durch den Raum und die Figuren wabern wie elektronische Wellen. Dabei bleibt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN, das ist das erstaunliche, so originell wie unforciert, schlicht beeindruckend in seiner Souveränität. 

Alles hat, vielleicht, auch seinen Sinn, seine Logik, sind die gestischen „Spielhandlungen“ der Figuren, mal heiter, mal leicht bedrohlich (so wenn die Mutter sich verträumt anschickt, der futternden Katze mit dem Fuß den Kopf in den Napf zu drücken). Weil wir aber nichts erklärt bekommen, weil Psychologie und Kausalitäten weitgehend ausgespart sind, stehen wir mal lachend, mal mit einem unheimlichen Gefühl, stets aber staunend vor den Dingen, die nicht oder nur bedingt eine „errettete Wirklichkeit“ ist. Über das Unausgesprochene, das Verweigern und das Geworfene, das Traumartige, das Verrätselte (eines, das keine Lösung kennt – darin ähnelt der Film dem Beobachten eines David Lynchs, bei allen Unterschieden), über das Andeuten, Anschneiden und das Periphere lehrt DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN nicht das Sehen neu, aber ein fremdartiges Sehen. Man kann auch sagen: DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ist vornehmster cineastischer Vertreter eines zärtlich magischen Autismus. Ein Film, der sich einem immer noch über die Augen legt und die Wahrnehmung verrückt, wenn man aus dem Kinosaal hinaus ist.

Kongenial und immer besser, immer treffender entlang des Filmverlaufs, tritt zur famosen Bildgestaltung des dffb-Kamerastudenten Alexander Haßkerl die Musik u.a. von Stephane Leonard hinzu. Freilich hätte man als Soundtrack ebenso gut Jazz-Meister Dave Brubecks „Take Five“ wählen können. Eleganz und doch neurotisch, leicht schizophren. E
rschienen ist das Stück auf dem Album von 1959 mit dem für DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN ebenso passenden Titel Time Out. „Gruppenbild mit Katze“, so lautet die Logline des Films von Zürcher, der, ebenfalls noch an der dffb studiert (Regie). Sein Film ist im Rahmen eines Kurses von Béla Tarr entstanden (wurde dabei inspiriert von Kafkas „Die Verwandlung“, ist mithin gedacht [gewesen?] als soziale Studie in puncto Raum), und eigentlich kann Herr Zürcher (Jahrgang 1982) einem fast ein bisschen leid tun. Die Latte für seinen Abschlusswerk hat er sich selbst jedenfalls mit DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN sehr hoch gelegt.  

zyw




FILMZ 2013: Summer's gone

Zum Auftakt des Festival des deutschen Kinos in Mainz

Juhu, es ist wieder da, das Mainzer FILMZ – Festival des deutschen Kinos, der Lichtblick in der spätherbstlichen Tristesse. Ein Jahr hat es pausiert, dabei aber nichts an seiner Frische verloren und macht, im Großen und Ganzen da weiter, wo es aufgehört hat. Gottlob. Sicher, der Spielfilmwettbewerb ist enorm gewachsen: Zwölf „Lange“ konkurrieren dieses Jahr, und es wird ein harter Kampf. Das Rahmen- und Reihenprogramm ist erneut üppig: Urs Spörri präsentiert in der Altmünsterkirche wieder das Stummfilmkonzert (Fr., 29.11., ab 20.00 Uhr), gezeigt wird heuer ORLACS HÄNDE von Robert Wiene aus dem Jahr 1927, Drehbuchpitching am Sonntag, lokale Dokus, lokale Kurze neben den Contest-Reihen – und chill-out-after-hour-FILMZirkel ab 20.00 Uhr, diesmal bei „Oma Else“.

Gelb-Schwarz-Weiß, FILMZ ist wieder da, inklusive einem 007-Titelsequenz-würdigen Festivaltrailer. Aber irgendwie ist auch ein klitzekleinwenig der Wurm drin. Das ist natürlich auch nicht neu, macht auch nichts: FILMZ wird gestemmt von Ehrenamtlichen, was in Mainz eben auch heißt: von Studierenden, und da ist soviel Wechsel und Fluss drin, dass sich FILMZ zumindest hinter den Kulissen ohnehin schon öfters neu erfunden hat. Und das auch bei der Eröffnung nicht alles ganz rund lief, ist folglich ebenso traditionell wie sympathisch (mithin: welches Filmfest ist dahingehend schon perfekt).

Mindestens ein Mikro fällt am Dienstag aus (obligatorisch), das Beamerbild mit den Sponsoren flackert und wird just in dem Moment abgeschaltet, als eben darauf verwiesen wird, die Moderation noch ein bisschen steif. Egal, mehr noch: das hat Charme, lockert auf, war immer schon so (überall!), muss so sein. Was jedoch mehr befremdet und intuitiv schwerer wiegt ist, dass zum Start im großen "Capitol"-Kino nicht, wie die Jahre zuvor, dasselbe rappelvoll war. Viele Plätze blieben leer; vielleicht wegen zu viel eingeplanter Ehrengästen. Aber man vermisste ihn schon, den Aufruf, sich doch bitte zu melden, falls noch ein Platz neben einem unbesetzt ist. Schlimmer noch: Gerade nach der einjährigen Pause drängte sich zumindest für eine Schrecksekunden der Gedanke auf, dass das Interesse an FILMZ nachgelassen haben könnte, das Mainz und die Mainzer und aller drum herum zwar das Festival des deutschen Kinos loben und lieben, es aber doch schnell aus Herz und Hirn verlieren, kaum dass es mal aussetzt. Treulosigkeit, Oberflächlichkeit, Entbehrlichkeit? Die nächsten Tagen werden zeigen, ach was, beweisen, dass dem nicht so ist! Denn FILMZ ist wieder da, und mit einer weiteren Tradition hat man auch zur Eröffnung auf verlässliche Weise nicht gebrochen, nämlich jene, nicht gerade mit dem dollsten Film des Wettbewerbs zu beginnen. Wer verschießt schon sein Pulver gleich zu Anfang – Spannungskurve, Dramaturgie, das gilt nicht nur für Filme, sondern auch für ihre Festivals.

Dabei war es gut geplant und stimmig getimed: Kaum wird es (mal wieder) so richtig kalt in Mainz, lockt FILMZ 2013 mit südfranzösischer humorvoller Leichtigkeit: STILLER SOMMER von Nana Neul (MEIN FREUND AUS FARO) hat eigentlich auch alles, was die Seele wärmen könnte – rustikale Idylle mit groben natursteinernen Bauernhäusern, Künstlertum und Rotwein, Katze, Trüffelschwein und Lamas, vitalen Franzosen, vor allem ein grandiose Dagmar Mantzel (NACH FÜNF IM URWALD; DIE VERLORENE ZEIT), der auch eine gelungene Storyidee, naja, quasi „in den Mund gelegt wird“: Ihrer Kristine ist die Stimme abhanden gekommen, und wie sie sich den größten Teil des Films nur mit Mimik und Gestik verständigen kann, so dass sich die Figuren ringsum an ihr abarbeiten können, hat große Klasse und besonderen Charme. Die kecke Tochter (frisch: Marie Rosa Tietjen) hat was mit einem feschen Einheimischen, auf den auch Mama ein Auge wirft (und umgekehrt, dieser auf sie), dann kommt Papa noch dazu (gespielt vom ebenfalls großen Ernst Stötzner; s. H.-C. Schmids WAS BLEIBT) ...

Doch statt es beim luftigen Liebes- und Beziehungsreigen zu belassen und ihn auszukosten, wartet STILLER SOMMER mit einer Volte auf, die ein ganz neues Fass aufmacht, Schuld und sexuellem Doppelleben, ein bisschen zu ausgedacht und teutonisch-tragisch in der Idee, als wäre Neuls Drehbuch ein bisschen zu sehr am Redaktionsbesprechungsthemen-Tisch konzipiert worden (und selbst wenn dieser Tisch nur im Kopf gestanden hat). In Rückblenden wird dann alles noch mal Vieles aus der anderen Perspektive gezeigt, und passé ist die Sommerfrische, die auch leider in den Bildern nicht so wirklich eingefangen ist, so blass und eng gehalten, aller Spontanität, allem Witz (inklusive Psychopilz-Naschen) zum Trotz.

STILLER SOMMER ist kein schlechter Film, kein verbiesterter Film, aber er steht sich selbst letztlich im Weg herum, weiß nicht wohin mit sich, macht sich seine Probleme selbst. Bei allem Flair und Schwung, Deutsche in Südfrankreich eben.

zyw

FILMZ 2013 in Mainz









Nach einem Jahr Pause mit der Gelegenheit zur Besinnung und Neuorientierung startet am 26.11. in Mainz das FILMZ - Festival des deutschen Kinos.

Bis zum 1.12. sind im Langfilmprogramm die in ANSICHTSSACHE behandelten Jungfilmer Axel Ranisch und Tom Lass zu sehen. Lass präsentiert seinen KAPTN OSKAR, Ranisch ICH FÜHL MICH DISCO - sowie in der Sparte "Märchenfilm" REUBER. Dem einzigen Film in dieser Rubrik, übrigens ...

Außerdem in Langfilmwettbewerb zu sehen: Katrin Gebbes TORE TANZT, NORDSTRAND von Florian Eichinger, Aaron Lehmanns KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL oder die Berlinale-2013-Überraschung DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher.

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zyw