Filmkritiker zeichnen aus

Am Abend des 12.2. prämierte der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) seine Besten des Jahres 2012.
In der Tube Station in der Berliner Friedrichstraße wurden „Barbara“ von Christian Petzold als bester Spielfilm und „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster als bester Debütfilm ausgezeichnet.

Die weiteren Preisträger: beste Darstellerin:

Alina Levshin („Kriegerin“),
bester Darsteller:  Lars Eidinger („Was bleibt“),
bester Schnitt:  Bettina Böhler („Barbara“),
bestes Drehbuch:  Bernd Lange („Was bleibt“),
beste Kamera:  Jakub Bejnarowicz ((„Der Fluss war einst ein Mensch“),
beste Musik:  The Major Minors und Cherilyn MacNeil („Oh Boy!“),
bester Dokumentarfilm:  „Das Ding am Deich“ (Antje Hubert).

Zum ersten Mal wurde ein Preis für den besten Kinderfilm vergeben. Er ging an Norbert Lechner für „Tom und Hacke“.

Den Ehrenpreis des Verbands der deutschen Filmkritik erhielten Christel und Hans Strobel für ihre Verdienste um den deutschen Kinderfilm.

Fred Kelemen wurde mit dem Innovationspreis ausgezeichnet für seine herausragende Bildgestaltung von Béla Tarrs „Das Turiner Pferd“.

BERLINALE 2013: gloriose GLORIAS

Kleiner Schnellschuss vor dem nächsten Film: GLORIA von Sebastián Lelio mit einer hinreißenden Paulina Garcia. Sie spielt die Titelfigur, eine geschiedene Endfünzigerin in Chile, die wir zu Beginn noch mit ihrer übergroßen Plastikbrille nach Anschluss suchen sehen. Gloria ist einsam, jedoch niemand, der entweder je gelernt hat, Spaß im Leben zu haben oder es mittlerweile vergessen hat. Linkisch, naiv aber nie denunziatorisch und dabei mit leisem, treffsicheren und genau beobachtenden Humor begleitet der 1974 geborene Lelo diese sozial unsichere und doch so sehnsüchtige Frau, wie sie ihrem erwachsenen Sohn auf den Geist geht, bei ihrer Tochter die Jogaklasse besucht - und schließlich auf einer der Ü-40-Veranstaltungen einen Gefährten findet. Doch Radolfo kommt nicht los von seinen Töchtern und seiner geschiedenen Frau, sodass sich Gloria versucht, sich in der zweiten Reihe einzurichten.


Ganz großes Kino mit kleinem Gestus und gewöhnlicher Geschichte ist es, wenn der Film mit leicht gesetzten, unaufdringlichen oder einsichtige Symbolismen Glorias Alltag zeichnet, ihr Changieren zwischen Hemmung und Lebensgier, ihre Suche nach Nähe, einem Halt oder den Zugang zu einem neuen Leben und einem ebensolchen Ich. Wie sie die kurzen Freunden des Joints entdeckt, zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und kleinem Zorn sich mit ihren Gefühlen und ihrer Selbstvorstellung (sowie der Nachbarskatze) arrangieren lernt. Eine, wenn nicht gar die berührendste und ganz unsentimentale Szene, wie der gesamte Film mit dezenter Handkamera intim, aber unaufdringlich gefilmt: Gloria bringt ihre Tochter zum Flughafen, wo diese ein neues Leben in Schweden erwartet. Nein, die Tochter will nicht von Gloria zum Gate begleitet werden, so verabschieden sie sich kurz in der Parkzone. Gloria fährt davon - und stellt das Auto eilig auf dem Parkplatz des Airports ab, hastet suchend durch die Warte- und Abflughalle, um versteckt, aus der Ferne noch einen Blick auf die junge Frau zu erhaschen und dort, heimlich, ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

Ganz einfach erzählt, unspektakulär und doch so treffend weiß Drehbuchautor und Regisseur Lelio die Figur und ihr Inneres samt Leben drumherum zu beschreiben, dass man nicht anders kann als GLORIA völlig ins Herz zu schließen, spätestens, wenn sie am Ende ein wenig zu sich selbst findet, Gelassenheit lernt - auf einer Hochzeit ist sie es am Schluss, die eine Tanzofferte ausschlägt. Um dann doch, ein wenig ungelenk, ein klein bisschen peinlich loszutanzen zum Song "Gloria" vom Umberto Tozzi, alleine und ganz sie selbst.

Viele Kritiker waren begeistert; offensichtlich auch angetan: Berlinale-Jury-Mitglieder Tim Robbins, hinter dem ich saß, und Andreas Dresen, der mit WOLKE 9 sich selbst der Liebe und dem Sex im Alltag (vor der Bebilderung scheut sich auch GLORIA nicht und gewinnt in der sinnlichen Darstellung der reifen Körper).

GLORIA - ein herzlicher Anwärter auf den Goldenen Bären, zumindest aber auf den Silbernen - für eine hinreißende, nuancierte Paulina Garcia.

zyw
 



Berlinale 2013: (Katzen-) GOLD

Thomas Arslans bemerkenswert uneindeutige Reise durch die Wildnis

Kein Western sei es, erklärte Regisseur und Drehbuchautor Thomas Arslan in der Pressekonferenz, sondern eher, als Subgenre, ein Treck-Film. Die Zeit der klassischen Frontier, der Cowboys und all der großen Zivilisations- und Eroberungsmythen ist auch eigentlich schon vorbei, in der Zeit, in der GOLD spielt: Es sind die 1890er Jahre, und der Goldrausch in Kanada lockt auch deutsche Emigranten. Darunter das ehemalige Dienstmädchen Emily Meyer, die sich einer kleinen Reisegruppe unter Führung des sich schließlich als windig herausstellenden Wilhelm Laser (Peter Kurth) anschließt, um 1.500 Kilometer durch das unbesiedelte Land zu den Goldfeldern des Klondike zu gelangen. Beginn eines strapaziösen Zugs und eines fordernden Films.


Thomas Arslan (DEALER, und zuletzt mit IM SCHATTEN gefeiert) zählt gemeinhin zur ersten Generation der (Neuen) Berliner Schule, und man kommt nicht umhin, GOLD als einen entsprechenden Klassenausflug nach Bad Segeberg zu betrachten. Was zumindest nicht ganz fair dahingehend ist, als Bildgestalter Dominik Orth (sowas wie der Hauskameramann der Berliner Schule) atemberaubende Aufnahmen der Berg-, Wald- und Steppenlandschaft British Columbias und der kanadischen Rockys eingefangen hat, die zudem auf der Berlinale-Leinwand wundervoll scharf präsentiert wurden und die in den ruhigen und wohl gewählten Einstellungen voll zur Geltung kommen. Darüber hinaus ist es aber schwierig, den Film einzuschätzen – oder zumindest, mit ihm so recht warm zu werden. Was, je nach Standpunkt Programm sein mag oder halb geglücktes Bemühen.

Nina Hoss, Berlinale-Dauergast und Bären-Gewinnerin des letzten Jahres für ihr Spiel in Christian Petzolds BARBARA, hat den Sattel eines DDR-Fahrrads gegen einen auf einem echten Pferderücken getauscht, und wie gemacht scheint die spröder leidensbegabte blonde Schönheit für den wilden (Nord-)Westen und seine Strapazen – schließlich heißt sie auch, auch nur mit dem Nachnamen, wie der dicke Cartwright-Sohn in „Bonanza“. Aber Kalauer hin oder her, GOLD fehlt es letztlich doch bei allem Existenzialismus und der Lust am Geworfensein im großen ehrfurchtsgebietenden Nirgendwo-Idyll als Hoffnungshölle auf dem Weg ins bessere Leben am notwendigen erzählerischen Surplus, um seine abgenutzten Situationen, Typen und Konflikte, mit denen der Film jongliert, zu legitimieren. So strauchelt, zumindest vordergründig, GOLD hin und wieder, schliddert auf blanker Drehbuchebene ins Metier eines TV-Westerns ab, selbst, wenn es ein anspruchsvoller und authentisch rauer sein mag.

Die Langsamkeit in ihrer Analyse, das distanzierte Beobachtende bei gleichzeitigem Einbezug des Zuschauers, das Berliner-Schulische (das freilich bei Arslan hier wie sonst nie so intellektuell-ästhetische geriet wie bei anderen, vor allem auch jüngeren Vertretern) kann und konnte seine enthüllende, analytische Wirkung wunderbar vor allem entfalten, wenn es wie ein Instrument auf die moderne Gegenwart und Oberfläche gerichtet war, um dahinter zu schauen, verdeckte oder nicht abbildbare Verhältnisse zu durchdringen und wenn auch nicht symbolisch-sichtbar, so doch erfahr- und begreifbar zu machen. In GOLD aber haben wir es mit einer anderen, fernen und fremden Zeit, ihren Menschen und Daseinsbedingungen zu tun, und das Spröde des Blicks geht so an den bisweilen museal hergezeigt wirkenden Westerndörfern, den immer etwas zu sauberen oder zu sorgfältig angeschmutzten Kostümen und Requisiten ins Leere – wenn er nicht zuvor von der Naturschönheit verschluckt wird.

Nach langer, fast lebensraubender Odyssee erwacht Nina Hoss so dezent wie geschmackvoll – und dennoch: – geschminkt, wie sie aus dem originalen Dampflockzug am Anfang steigt: die Brauen akkurat konturiert, die Lippen leicht kaminrot. Etwas irritierend Anachronistisches hat das Banjo von Lars Rudolph alias Rossmann, so hell, so viel Metall, nicht auch Plastik die Stimmdrehknöpfe?

Das ist keine Schluderigkeit der Ausstatter, auch nicht mit dem Verweis auf das mit zwei Millionen für einen solchen Film wie GOLD erstaunlich geringe Budget abzutun. Es hätte ein faszinierender künstlerischer Einfall sein können, der bewusste Einsatz von Unzeitgemäßem (vielleicht je mehr desto länger die Reise dauert). Auch die Elektrogitarrenklänge als Soundtrack gemahnen, zusammen mit der gesamten reduzierenden, getragenen Methaporikstimmung, auf Jim Jarmuschs (Konter?-, Satire?-, Mystik?-) Western DEAD MAN – auch wenn Arslan sich in der Pressekonferenz davon zurecht distanzierte. Was aber will er und GOLD sonst? 

Thomas Arslan (r.) mit Cast auf der Berlinale-Pressekonferenz (Bild: zyw)
Die reflexive, rekapitulierende Beschäftigung mit vielen hier gebündelten, realen Reise-Erlebnisse  deutscher Emigranten als arme Glückritter – sowas mag die Förderstellen und Produzenten überzeugt haben. Es ist aber keine geeignete, zumindest keine hinreichende Grundlage oder Ausgangsbasis für die gebotene gehobene Stilistik des Films und seines Typenpersonals. Der arrogante Reporter aus dem Osten, der sich zum Anführer aufschwingt und Emily anmacht (Uwe Bohm), der arme unsichere Familienvater (Rudolph), der schweigsame Packer (Marko Mandic), von dem wir schon bei der ersten Begegnung wissen, dass er und Emily, wenn auch recht spät und nur sehr kurz, zusammenkommen. Selbst Nina Hoss darf in ihrer Rolle deren biografisch einfallslosen wie folglich glaubwürdigen Hintergrund erzählen, aber auch sie bleibt seltsam figurinen-, bisweilen gar staffagenhaft (oder, nach anderer Lesart: symbolisch-abstrakt). Damit wie mit dem Misstrauen gegen die Indianer, dem Radbruch, der Verwundung bis hin zu nötigen Amputation, Irrsinn, Rache, das Abzählreim-Prinzip, nach die Gruppe vorauszusehend reduziert wird – mit all dem samt der ästhetischen Reduktion hätte man wunderbar Genre-Reflexion oder -Dekonstruktion betreiben können, eine Persiflage oder Hommage. Weil aber GOLD keine Erkenntnis oder zumindest kein überzeugendes Erkenntnisinteresse bietet oder spürbar macht, müht man sich als Zuschauer – vielleicht gar umsonst –, einen Sinn hinter dem dann Schleppenden, dem Leder-Zähen, dem Hölzernen zu finden. Die Reise mag hier für manchen im Publikum das Ziel des Films sein, für anderen nur der Nachvollzug des erschöpfenden Trecks in, manches Mal, gefühlter Echtzeit. 

Vielleicht ist das aber gerade gelungen sinnbildlich für das geheime Thema und den zugleich eindeutigen Titel: Verführerisches, gierweckendes, aber auch enttäuschende, verblendendes, gauklerisches GOLD.        

Ein sehenswerter, wiewohl oder gerade weil anstrengender und nicht garantiert lohnenswerter Film.
 
zyw

Berlinale 2013: Verbotete Liebesweisen


Schwule Priester und Polizisten, ein Pornojunkie und dicke Kinder aus Österreich

Eine ruhige Minute in einer Filmpause – auch wenn es hier im Grand Hyatt gegenüber dem Berlinale Palast, wo das Pressecenter der Internationalen Filmfestspiele untergebracht ist, vor lauter Berichterstattern aus allen Herren Ländern wimmelt und ein babylonischen Stimm- und Sprachgewirr konzentrationshemmende Kulisse ist.

"Verirrung" und "Verwirrung" hätten auch Themenbegriff des heutigen, zweiten Tages sein können – oder auch, vielleicht konkreter: "Verbotene Liebe". 

Den Auftakt machte heute morgen im Pressescreening W IMIĘ..., übersetzt IN THE NAME OF (POL 2013 - Wettbewerb) von Malgośka Szumowska, und während es draußen leicht, aber penetrant der Schnee fiel, herrschte auf der Leinwand Sommer auf dem polnischen Land. Dort, in einer Art Heim für Schwererziehbare sind Jungmänner untergebracht, und mit nackten Oberkörpern spielen sie Fußball, verausgaben sich beim Steinekloppen; überhaupt sprühen sie nur so von – nicht immer glücklicher – Virilität. Der katholische Priester Adam (Andrzej Chyra) ist hier zusammen mit einem Laien der Boss, ist Aufseher, Betreuer. Vor allem aber ein bodenständiger bärtiger Mann, der zupacken kann, eine natürliche Autorität genießt, bei den Jungs, bei den Landleuten. Dass ihn eine einsame Dame aus dem Dorf ihre Liebe gesteht, bringt ihn nicht aus der Fassung – er sei schon vergeben, so seine Antwort auf ihre Avancen.

Damit ist natürlich Gott gemeint, aber Adam hat auch ein anderes Geheimnis, das ihn nachts sich im Bett herumwälzen lässt und dem die Masturbation in der Badewanne nur kurze Erleichterung verschafft: Adam fühlt sich zu Männern hingezogen – vor allem zu einem Bauernburschen, einem Außenseiter aus der Nachbarschaft, der ähnlich empfindet. 

Er sei kein Pädophiler, sondern einfach nur schwul, erklärt er spät im Film seiner Schwester in Toronto per Skype, mit belegter Stimme, die Wodka-Flasche neben dem Notebook. Die versteht nicht oder will nicht verstehen, verdammt aber Adam auch nicht. Wie der gelungene Film selbst. Denn statt mit seinem Sujet ein schwertrübes Drama über Soutanen-Sex oder Prüderie und Schwulenfeindlichkeit im polnischen Hinterland zu inszenieren, geht Szumowska das Thema und die missliche Situation mit erstaunlich leichter Hand und gar entwaffnendem Fröhlichkeit an. Sicher, unter den Kindern wie den Jugendlichen geht es nicht gerade zimperlich zu (und „Jude“ fällt hier mehrfach als Schimpfwort). Aber weder erfahren wir, weshalb Adam tatsächlich von Warschau in die Provinz versetzt wurde, noch erscheint er als ein schwacher, zweifelnder Leidensmann, für den Mitleid beim Publikum eingeklagt würde. Genug Deutungsspielraum überlässt der Film uns, wenn der Kardinal die Sache in die Hand nehmen will, und Bauarbeiter in der Mittagspause sind auch recht entspannt über die Verdächtigungen um den nun ehemaligen Pater, der erneut die Gemeinde gewechselt hat: Sobald ein Priester den Schwarzrock ausziehe, sei er einer wie du und ich. 


In diesem Sinne rafft sich am Ende nicht nur Adams Geliebter auf, sondern gönnt der Film sich, uns und seiner Hauptfigur ein boshaft-witzig angedeutetes Happy End, eines, das die katholische Kirche für viele Gläubige wenig gut wegkommen lässt und das zugleich das Thema priesterlicher homosexueller „Veranlagung“ unaufgeregt wie politisch unkorrekt auf den Kopf, gegen die gängigen Klischees und verbreiteten Schreck- und Schimpfbilder stellt.

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Eine ganz andere Art von Sexualpräferenz ist bestimmend für das Leben von Jon, selbstbewusster, oberlässiger und köperkultivierter A-Klasse-Frauenflachlegeprofi aus New Jersey. Als ideales Macho-Schreckgespenst der aktuellen, allgegenwärtigen Brüderle-Seximus-Debatte scheinen sind für ihn die – von ihm und seinen Kumpeln benoteteten – Damen im Nachtclub nicht mehr als zu eroberndes vulgo zu fickendes Frischfleisch, aber seine wahre Befriedigung findet er nur im Second-Hand-Sex: in der Internet-Pornografie, der Jon noch zugetaner ist als dem Live-Geschlechtsverkehr. So stiehlt er sich entsprechend aus dem postkoitalen Bett hin zum Rechner. Das wiederkehrende Sound des Windows-Systemstarts wird über den Verlauf des Films zum grandios aufgeladenen Symbolklang. 

Joseph Gordon-Levitt (zuletzt vor allem mit THE DARK KNIGHT RISES und LOOPER im Kino) hat DON JON'S ADDICTION (Reihe "Panorama") geschrieben, als spritziges, wenngleich nicht ganz sentimentalitäten- und standarddramaturgie-freies Debüt ohne Studio im Rücken inszeniert und gleich noch die Hauptrolle mit bestechender Selbstironie übernommen. Als Unterschichten-Woody-Allen des Facebook- und YouPorn-Zeitalters kommentiert er sein Leben und seine Vorlieben, und insbesondere seine Erläuterungen, warum die expliziten Beischlaffilme per Datenleitung dem zwangsläufig enttäuschenden „real thing“ vorzuziehen sind, bieten Logik und nachvollziehbarer Argumente, wie der Film mit seiner Hauptfigur in ihrer Frechheit und Witzigkeit grundlegende und bedenkenswerte Einblicke in das moderne Beziehungs- als Warenverhältnis in Sachen Sex.

Denn natürlich handelt der Film nicht ausschließlich von Jons Onanie-Ritualen, die DON JON'S ADDICTION wie den Rest seines Alltags in kurzen, wiederholten Bildern verpackt: Er lernt seine Traumfrau (Scarlett Johansson) kennen, doch die hält ihn hin, drängt ihn zu gegenseitigen Familien- und Freundesbegegnungen, gar zur beruflichen Fortbildung. Und ringt ihm eine Porno-Abstinenz ab. Ein Versprechen, das Jon gerne gibt (schließlich tue er sowas nie, das sei für Loser, und das eine Mal war der Scherz eines Freundes...). Was jedoch weder lange, noch gut gehen kann.

Für DON JON'S ADDICTION hat Gordon-Levitt Star-Kollegen für Neben- und Kleinstrollen gewinnen können, neben einer etwas enervierenden Johansson Juliane Moore oder – großartig! - „Wer ist hier der Boß?“-Tony Danza als Jons italienischer Papa, der klar macht, woher der Sohnemann seine Lebenshaltung hat. Angesichts dieser Besetzung (Anne Hatheaway veräppelt sich und ihre Rom-Com-Rollen in einer kurzen Film-im-Film-Sequenz sogar selbst) und der schwungvollen Herangehensweise als Komödie (die Gordon-Levitt auf der Pressekonferenz als dahingehend bewusste Wahl ausgab) könnte man leicht übersehen, welches ernste, zeitgenössische und nicht nur medienkulturelle Problem hier verhandelt wird. Dass Jon und seine Kumpel in ihrem Sexismus, mit ihren frauenfeindlichen Sprüchen wenig realitätstauglich und -berechtigt sind, ist (auch auf der Leinwand, insbesondere der des moralischen Hollywoodkinos) längst kein Geheimnis mehr. Dass aber auch umgekehrt Barbara sich tatsächlich nicht wirklich für ihren Freund Jon interessiert, insofern sie ihn ihren Vorstellungen von Partnerschaft und Lebensplan zurechtmodelliert und ihn, als das nicht klappt, gänzlich und selbstverständlich als eine Art Fehlinvestition schnellst- und radikalstmöglich verabschiedet, sieht man im Kino so schon weniger häufig und problematisiert (weshalb sich DON JON'S ADDICTION diesem Aspekt  auch merklich vorsichtig und beiläufig widmet).

Vor diesem Hintergrund thematisiert der Film folglich nicht nur, sondern ist teilweise Ausdruck der Krise eines aktuellen modernen Möchtegern-Don-Juan. Einem, der sich lieber in hyperperfekten Sex-Virtualitäten verliert (und zu verlieren traut), als sich mit den Unwägbarkeiten, An- und Überforderungen der Wirklichkeit, ihren Unklar- und Unwägbarkeiten, Rollenpflichten und Leistungsanforderungen auseinanderzusetzen. In dieser Hinsicht erreicht in einigen Momenten das Reflexions- und Tarnungsniveau eines Judd Apatow.

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Ähnlich gefühls- und geschlechts(modell)verwirrt ist Marc (Hanno Koffler), der mit seinem Kollegen Kay (Max Riemelt als bleicher selbstzerstörerischer Verführer) eine homosexuelle Beziehung anfängt, derweil die Freundin (sehr gut: Katharina Schüttler) im engen Elternhaus von Marc schwanger ist. Pikant an der Liaison darüber hinaus: Marc und Kay sind beides Schutzpolizisten, und zwischen kernigen Kommentaren in der Gemeinschaftsdusche und Einsätzen in Körperpanzerung gegen Fußballrowdys ist derlei nicht nur trotz, sondern gerade wegen der weiblichen Kolleginnen (und ihren Hetero-Erwartungen) nicht sonderlich wohlgelitten. 

Sauber, auch ein wenig fernsehtauglich hat Stephan Lacant diese Geschichte mit dem Titel FREIER FALL (Reihe "Perspektiven Deutsches Kino") inszeniert und dabei ein Schicksal skizziert, das auch heute noch alles andere als alltäglich ist. Ungekünstelt sind die Dialoge, und das passt allein schon deshalb, weil wir Figuren zusehen, die gewöhnliche Normalität erleben, vortäuschen, wiederherstellen oder für sich selbst (er-)finden, zumindest erobern wollen. Auch Koffler ist eine gelungene Besetzung als Marc: Zum einen passt sein leicht dumpfes, wuchtiges Äußeres, seine Macher-Mimik und Arbeiter-Gestik – wie der Adam in W IMIĘ – wenig zum Stereotyp eines zärtlichen Schwulen, der sich diffizil mit seinem Inneren konfrontiert. Zum anderen ist es Kofflers Rollengeschichte als – natürlich bloß vordergründig - selbstverliebtes und gedankenflaches Macho-Großmaul mit dem Hang zum Affekt (zuletzt im bemerkenswerten TV-Film AUSLANDSEINSATZ), die hier einen gelungenen Hintergrund bildet. Freilich: als selbstsicherer Homosexueller war Koffler bereits auch schon zu sehen: 2004 in Marco Kreutzpaintners SOMMERSTURM ...

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Schließlich: Ulrich Seidl mit dem Abschluss seiner PARADIES-Trilogie, deren erster beiden Teile (PARADIES: LIEBE und PARADIES: GLAUBE) in Cannes und Venedig liefen. Nun also PARADIES: HOFFNUNG, in Berlin, und man kann hinsichtlich der überwiegend statischen, streng geometrisch ausgerichteten Bildern, in denen sich Menschen zum Affen machen oder zum Affen machen lassen, schon ein bißerl von einer Masche reden. Aber nachdem dieser Ansatz in LIEBE noch einen unguten Geschmack hatte, weil der Sextourismus älterer weißer Damen in Afrika an und für sich so schon etwas Groteske, Aberwitziges, mithin Traurig-Erbärmliches hatte, ohne dass es dazu noch die Seidlrismen gebraucht hätte, ist der außerirdische, so neutrale, distanzierte und darum so hundsgemeine Blick (den Seidl mit dem besseren Todd Solondz entfernt verwandt sein lässt) in HOFFNUNG ganz bei sich und am rechten Fleck. In einem Diät-Camp, das an ein Landschulheim aus den Spät-70ern mit Drillprogramm gemahnt, soll die 13-jährige Melanie (Melanie Lenz) zusammen mit anderen Adipositas-Jugendlichen überzählige Pfunde verlieren. Wobei sie sich in den Arzt vor Ort verliebt, der so prinzipiell der Aufmerksamkeit seiner liebesbedürftigen wie linkischen Verehrerin nicht abgeneigt scheint und sich gar zum einen oder anderen Doktorspiel hergibt.


Jeder mag sich selbst aussuchen, was er hier eher – wenn überhaupt was – angeprangert sieht: die Fettleibigkeit als Ausdruck einer generellen Modernitätstristesse oder das alberne müde, das aktionistische Streben gegen das Symptom, so wenn die pummeligen Jungen und Madel hintereinander weg durchs Bild beim Purzelbaum schlagen kugeln, marschieren oder „nordic walken“. Oder in Reihe an der Sprossenwand hängen wie arme Tröpfe. Egal, so schamlos und bitterböse darf man sich sonst wohl nirgends über dicke Kinder amüsieren, über intimen Erfahrungsaustausch in Sachen Sex von minderjährigen, pubertierenden Mädchen und sogar über eine (Beinah-?) Affäre eines Mitvierziger-Doktors in stets offenem Hemdkragen und feschen Jeans mit einer ebensolchen. Die Österreicher halt… Bei uns – und überhaupt, manch anderem außer Seidl –: ein Unding!

Aber weil das Lachen doch auch immer vom Publikum selbst gemacht ist und zumindest im Halse kratzt, so es dort nicht steckenbleibt, weil man Seidl vor allem jedoch eine Sympathie und seltene Offenheit gegenüber gerade seinen jüngeren Darstellern (bei denen einmal mehr die Grenze zwischen Rolle und Laiendarsteller-Person verwischt) zu attestieren ist: Deshalb ist PARADIES: HOFFNUNG unter der Firnis der Groteske ein bemerkenswert einfühlsames Stück. Eines, das nicht etwas – oder nur scheinbar – die zentralen jungen Figuren und ihre Akteure bloßstellt, sondern wenn jemanden, dann eigentlich den Zuschauer mit seinem geforderten Blick im Kinosessel selbst.


zyw

Stars auf der BERLINALE 2013

Morgen, am 7., beginnt die 63. Berliner Filmfestspiele, und um Ihnen eine wenig die Dimensionen dieses Weltereignisses zu verdeutlichen, hier die neben der prominenten Jury erwarteten Berühmtheiten und Stars laut ergänzter Berlinale Pressemitteilung:
Jane Fonda, Joseph Gordon-Levitt, Brigitte Lacombe, Isabella Rossellini, Maren Ade, Mario Adorf, Thomas Arslan, Emily Atef, Michael Ballhaus, Wolfgang Becker, Bibiana Beglau, Iris Berben, Senta Berger, Christian Berkel, Sebastian Blomberg, Hans-Christoph Blumenberg, Fred Breinersdorfer, Thomas Brussig, Christopher Buchholz, Inga Busch, Mareike Carrière, Didi Danquart, Pepe Danquart, Katja Eichinger, Nina Eichinger, Hannelore Elsner, Alexander Fehling, Veronica Ferres, Florian David Fitz, Inka Friedrich, Hans Fromm, Martina Gedeck, Hans W. Geißendörfer, Matthias Glasner, Frank Griebe, Valeska Grisebach, Michael Gwisdek, Fritzi Haberlandt, Hendrik Handloegten, Monika Hansen, Reinhard Hauff, Leander Haussmann, André M. Hennicke, Irm Hermann, Hannah Herzsprung, Sherry Hormann, Nina Hoss, Hermine Huntgeburth, Hannes Jaenicke, Vanessa Jopp, Daniel Kehlmann, Sibel Kekilli, Burghart Klaußner, Volker Koepp, Wolfgang Kohlhaase, David Kross, Steffi Kühnert, Günter Lamprecht, Alina Levshin, Dani Levy, Jan Josef Liefers, Peter Lohmeyer, Anna Loos-Liefers, Florian Lukas, Angelina Maccarone, Heike Makatsch, Pia Marais, Marie-Luise Marjan, Eva Mattes, Jeanine Meerapfel, Michael Mendl, Helke Misselwitz, Anna Maria Mühe, Harald Mühlbeyer, Ulrich Noethen, Christiane Paul, Franziska Petri, Nina Petri, Christian Petzold, Jürgen Prochnow, Katja Riemann, Max Riemelt, Oskar Roehler, Gernot Roll, Lars Rudolph, Udo Samel, Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli, Helma Sanders-Brahms, Katrin Sass, Andrea Sawatzki, Angela Schanelec, Tom Schilling, Hans-Christian Schmid, Maria Schrader, Rolf Schübel, Jessica Schwarz, Peter Sehr, Ulrich Seidl, Robert Stadlober, Ula Stöckl, Hannes Stöhr, Lena Stolze, Aylin Tezel, Anna Thalbach, Jördis Triebel, Elisabeth Trissenaar, Tom Tykwer, Nadja Uhl, Andres Veiel, Joseph Vilsmaier, Jürgen Vogel, Justus von Dohnányi, Vera von Lehndorff, Rosa von Praunheim, Mark Waschke, Hans Weingartner, Ina Weisse, Wim Wenders, Ronald Zehrfeld, Hanns Zischler, Bernd Zywietz.

Fragt sich nur, ob überhaupt soviel Platz ist auf dem roten Teppich.

MOP 2013: Der Gewinner und Genrestücke


Dass der kleine Bruder es gut und manchmal auch besser kann, hat sich schon in der Vergangenheit gezeigt. Auch heuer – also 2013 – ging der Haupt-, eben der Max Ophüls Preis wie schon im letzten Jahr (mit MICHAEL von Markus Schleinzer) an einen „Österreicher“:  DER GLANZ DES TAGES von Tizza Covi und Rainer Frimmel zeigt die beiden „Showleute“ Philipp Hochmair und Walter Saabel als – Philipp Hochmair und Walter Saabel, auch, wenn ihre Namen so keine Rolle spielen. Ersterer ist erfolgreicher Theaterdarsteller, der zweite der bislang unbekannte Onkel, ein ehemaliger Zirkusmann (v.a.: Bärenringer), der plötzlich vor der Tür steht. Beide freunden sich an, lassen den anderen an ihrem Leben und dessen Erinnerungen teilhaben; schließlich geht es noch um Hochmairs Nachbarn in Wien, einem osteuropäischen Flüchtling mit seinen Kindern, dessen Frau nicht wieder einreisen kann… Was in DER GLANZ DES TAGES passiert, ist nicht belanglos, aber schlecht oder doch nur falsch zu erzählen. Weil es weniger das Was als das Wie ist, das bestimmend ist, weil er ein Dokument der Beiläufigkeit im besten Sinne ist und darüber hinaus natürlich noch viel mehr bietet, etwa eine sich durchziehende Auseinandersetzung (wenn auch: ohne Konfrontation) mit dem Thema Erziehung in unterschiedlichsten Facetten.

DER GLANZ DES TAGES ist eine eigentümliche und vor allem durch seine beiden Hauptdarsteller, die sich selbst spielen (und sich dabei immerzu selbst bestaunen, befragen), einnehmende, sanft packende Mischung aus Fiktion und Dokumentation, aus Spiel und Ernst, Improvisation und Inszenierung. Saabel war wirklich Artist (und wurde für seine Spiel in DER GLANZ DES TAGES in Locarno vergangenes Jahr ausgezeichnet), Hochmair ist tatsächlich bekannter Bühnenschauspieler – einer, der bei der Vorführung in Saarbrücken zugab, sich redlich schwer getan zu haben, sich selbst sozusagen zu geben. Unaufgeregt und spannend zugleich liefert der Film einen Ausschnitt aus beider Leben, der zwar endet, als gerade die oder eine „richtig“ Story ins Rollen zu kommen scheint – der jedoch damit einen verblüffend gelungenen Ausstieg aus einer eingesehenen Lebenswelt findet, die auch ohne uns weiterzulaufen verspricht. 

Die Jury urteilte: „Es sind gewichtige gesellschaftliche Fragen, die der Film DER GLANZ DES TAGES auf poetische wie oft auch tragikomische Weise beleuchtet. Freiheit. Identität. Selbstfindung. Selbstinszenierung.“ Aber wenn Saabel und Hochmair sich in den momentverbundenen Reflexionen ergehen, durch den Winter über herrlich knirschenden Kies schreiten, mit der handgeführten Kamera rückwärts stets vor ihnen her im gleichen Schrittrhythmus, dann geht es nicht um „gesellschaftliche Fragen“ – man möchte dann einfach diese ohnehin lange Szene gerne noch viel länger dauern sehen. Des Momentes wegen. Weil DER GLANZ DES TAGES überhaupt, vor allem jedoch in solchen Augenblicken ein faszinierendes Beispiel dafür bietet, wie ein Film sich einerseits treiben lassen kann, ohne getrieben zu werden, zugleich eine souveräne Kontrolle hat, die man selten am Werk sieht. Und dabei: ein Vertrauen – und da hat die Jury Recht – auf die Figuren und, ganz wichtig: deren Geschichte.

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Ein Festival wie der Max Ophüls Preis verführt, gerade weil sich hier die junge deutschsprachige Filmszene versammelt, zur Suche nach Tendenzen und Strömungen, auch wenn so ein Erst- oder Zweitfilm meist einige Jahre Vorlauf hat und das behandelte Thema bereits während des Studiums den oder die Macher umtrieb (wie bei FÜNF JAHRE LEBEN – dazu später mehr). Und tatsächlich ließen sich gewisse „Cluster“ unterschiedlichster Art auch dieses Jahr in Saarbrücken ausmachen. Etwa, dass nach den starken Frauen und den ungestümen, dabei herzergreifend kindsköpfigen Jungmännern immer wieder eine dysfunktionale oder abwesende Mutter eine Rolle spielte. Etwa in dem Wettbewerbskurzfilm GASP (D 2012, R: Eicke Bettinga) oder in NERVEN BRUCH ZUSAMMEN (Ö 2012), der Doku des EXILE FAMILY MOVIE- und EIN AUGENBLICK FREIHEIT-Regisseurs Arash T. Riahi über ein Übergangswohnheim für Frauen in „Stresssituation“ (ein Film, der mich qua Thematik und Zugriff nicht so sehr mitriss wie Riahis Vorgängerfilme). In TALEA (Ö 2013, R: Katharina Mückenstein; Preis der saarländischen Ministerpräsidentin) war das der Fall, in dem die tolle Nina Proll eine Mutter spielt, die frisch aus dem Knast mit ihrer Tochter (Sophie Stockinger) zunächst wenig anzufangen weiß, während das Mädchen, an der Schwelle zur Frau, sich wiederum über sie und in ihr eine Art Ich-Findung und Wegweiserin erhofft. In SCHERBENPARK (D 2012, R: Bettina Blümner, nach dem Roman von Alina Bronsky) fehlt die Mutter, wurde erschossen vom nun inhaftierten Stiefvater, was sich die jungen Sascha (Jasna Fritzi Bauer) nicht verzeihen kann und sie zu einer Kratzbürste werden lässt, die sich durch drei merkwürdige Männerbeziehungen im Film bewegt (auch zu diesem Film, der den Drehbuchpreis in Saarbrücken gewann, ein andermal mehr). 

Ebenfalls in Saarbrücken zu beobachten: Ein Hang zum Genre. Dieser mag allerdings in den vergangenen Jahren nicht weniger ausgeprägt gewesen sein, 2013 gleichwohl deshalb so auffiel, weil er leider oft nicht ganz überzeugte oder geradewegs verunglückte. 

GREY SHEEP (D/USA 2012, R: Nicolai Schwarz) etwa huldigt und eifert dem Hollywoodkino nach, und wie der Film das mit Inbrunst und einer fast heiligen Großäugigkeit tut, ist so bestechend, wie die demonstrierte Freude am bzw. die Wahl des Sujets, dem Sentiment, dem Setting (gedreht tatsächlich denn auch in den USA, mit Darstellern von dort, auf Englisch) an sich schon Respekt abnötigt. Die Story: Slacker Lucas (Daniel Hayek) sucht seinen bis dato unbekannten Halbbruder, den in seinem Job verbiesterten Schönheitschirurgen Jonathan (Chase Hemphill) auf. Beider Vater liegt im sterben, aber Jonathan, ohnehin grantig auf den Papa, zu dem er keinen Kontakt hat, und auf dem Weg zu einem wichtigen Geschäftstermin, lässt sich gerade mal breitschlagen, den nervigen Familienneuzugang ein Stück des Weges im Cabrio mitzunehmen. Woraus sich natürlich prompt ein Odyssee nach bekanntem Muster entwickelt, die wenig Neues, geschweige denn Überraschendes, vor allem in puncto Charakterentwicklung und emotionalen Botschaft bereithält, die aber gleichwohl oft erstaunlich witzig gerät. Ein Feel-Good-Movie mit Odd Couple und Happy End, das warm ums Herz werden lässt, das aber, kaum dass man aus dem Kinosaal war, sich so schnell wieder aus dem Hirn verflüchtigte wie Zuckerwatte im Mund. Zumal der günstig produzierte GREY SHEEP bildästhetisch (Stichwort Video-Optik) wie darstellerisch sympathisch, aber zu unterversorgt ist, als dass man ihm in der Hinsicht hätte etwas dauerhaft abgewinnen können. Als Visitenkarte für das echte Hollywood aber vielleicht tauglich.

Mit ordentlich Furor und sicherer Hand blickt auch Murat Eyüp Gönültas mit seinem Kurzfilm HONEYMOON HOTEL über den Großen Teich, auf Rodriguez, Tarantino und Co. Eine überdrehte überästhetisierte Situationsminiatur, eine wildes Pärchen, ein Team von Polizeieinsatzkräften unter Führung eines vernarbten Fieslings und ein Priester mit Handgranate. Das hat deutliche Wumms, ist überbordend und lustvoll kopiert und zusammengestückelt – gleichwohl eben nicht mehr als eine Fingerübung ohne erkennbar Eigenes. Handwerklich bemerkenswert für einen Studentenzwischenfilm und zugleich gerade in dieser Perfektion schal, wirft HONEYMOON HOTEL als reine Pose doch die Frage auf, ob hier später auch das Zeug (oder der Zug) zu etwas Originellem mal zu finden sein wird. Insbesondere, wenn die großen Vorbilder nicht von anderen, sondern sich selbst, bereits ein wenig totkopiert wurden …

Zum Fremdschämen leider Daniel M. Harrichs EIN SCHMALER GRAD (D 2013), der Dialogduell und Psychodrama sein will, freilich in einer Art, als wäre das Sujet des psychisch maroden serial killers nicht längst bei so etwas wie der TV-Serie Dexter gelandet: Felicitas Woll als kindheitstraumatisierte Journalistin befragt den verurteilten Serienfrauenmörder, gespielt von Heiner Lauterbach. Auch Jürgen Prochnow mit einem Knautschgesicht, dass das eines Tommy Lee Jones in Nichts nachsteht, verspricht als Polizist, der den Killer zur Strecke brachte, eigentlich spannendes Kino. Doch unter den steif-gedrechselten Holzdialogen, dem Seelenpathos oder dem wahlweise Verbrauchten, Vorhersagbare, Überkonstruierten oder Unausgegorenen der Story wird das Schauspielpotenzial des Films ebenso zerquetscht wie von den ulkig frisierten, allem anderen die Show stehlenden Toupets der beiden männlichen Charakterköpfe.

Einen interessanten, mit Crowd-Funding-Unterstützung finanzierten Zwanzigminüter  präsentierte Philippe Weibel. TRAPPED (CH 2012) schielt nicht nur mit seinem Titel und der Besetzung auf den internationalen Markt, sondern kommt in englischer Sprache daher, hat auch eine tragfähige Idee für einen international tauglichen Gruselfilm samt solide funktionierender Auflösung. Die Story: Zwei Studenten und Freunde (Oliver Walker, David Osmond) wollen weitab der Zivilisation in nicht genauer bezeichneten Wäldern Wölfe für ihren Abschluss beobachten. Diese machen sich rar, dafür entdeckt der eine der beiden am Fluss ein hübsches Mädchen (erst nackert, dann im weißen Kleid), die ihm leider entschwindet. Phantom? Zauber? Samenstau? Der andere glaubt ihm natürlich nicht, bis sie eine Korb Äpfel als Geschenk vor den Zelten finden – und später bosartige Schnappfallen in der Umgebung, in die der eine prompt hineintappt. Eine spannende Prämisse also offeriert TRAPPED, leider aber dauert dieser Kurzfilm de facto 92 Minuten, wirkt also wie eine unselig aufgeblähte Adaption einer ansonsten gelungenen Kurzgeschichte – und braucht entsprechend ewig, bis er anrollt, schindet auch zwischendrin einfach so viel Zeit, so dass man schlicht die Geduld verliert. Zumal einfach viele Situationen allzu etablierter Bestandteil des Genre-Repertoires sind (der eine Bub, vorhersehbar wie Ostern, erschreckt nachts den anderen), um mit ihnen hinreichend die Lücken zu füllen. Der Wald mag zwar hübsch fotografiert und in Szene gesetzt sein, leider dann doch nicht genug, dass TRAPPED allein durch seine Atmosphäre (oder die beiden Darsteller) bei der Stange hielte. Und selten – etwa wenn die mysteriöse Fremde im Fluss erscheint – hat man einen eine(n) derart dysfunktionalen Musik(einsatz) zur Untermalung erleben dürfen. 
Gut, vielleicht bin ich zu ungnädig, vielleicht habe ich den Film auch in einer ungünstigen Aufführung gesehen. Es tanzten nämlich allzu oft fremde, störende Lichtflecken über die Leinwand. Von der sich öffnenden Kinosaaltür. Durch die während des Films immer wieder Zuschauer entschwanden, ohne zurückzukommen…

Das Eröffnungsspektakel des MOP, ROBIN HOOD (D 2013) von Martin Schreier, hingegen machte trotz seines doofen Titels geradezu verbotenen Spaß, weil er schamlos stylisches Action-Hollywood in Deutschland versucht, mit Ken Duken als Polizist Alex (Rolle u. Darsteller: Arsch und Eimer!) der in allernächster Zukunft mit einer Gruppe Bankräuber (und in dem Sinne professionals) gegen eine böse Über-Bank (bzw. deren Chef) in den Kampf zieht, denn Bank und Banker tragen bzw. trugen zur allgemeinen Volksverarmung, Wohnungslosigkeit und – in diesem Sinne – zum Selbstmord von Alex‘ Schwester kräftig bei. Das ist alles zwar hinreißend dämlich, hoppla-hopp und zusammenkolportierend dahinerzählt, macht aber gerade deswegen, mit seiner großen Geste und einem – das muss man schlicht unterstellen - Augenzwinkernd, so sinnlos Laune im ja recht „KaWUMM!!“-freien Kontext des deutschen Kinos, dass man ROBIN HOOD wie einem dicken Bernadiner-Jungtier, das in der Küche großes Chaos anrichtet, gar nicht böse sein kann. Noch dicker, platter, lauter! mochte man ihm zurufen (zwischendrin war’s wirklich ein wenig actionarm). Und sich anschließend auf eine mögliche Fortsetzung als Serie auf Pro7 oder sonst wo freuen, auf die der Film vermutlich und klugerweise spekuliert.    
  
Dass in Deutschland Genre aber auch auf hohem Niveau erdacht und produziert werden kann, zeigt sich, zumindest im Bereich des ernsten Politthriller (oder -dramas), an Stefan Schallers FÜNF JAHRE LEBEN (läuft hier und da auch, noch, unter: KURNAZ – FÜNF JAHRE LEBEN) (D 2013). Einer der mitreißendsten Filme des 34. Max Ophüls Preis (nicht nur des Themas wegen). Einer, der durchaus Weltniveau hat und von dem man in Zeiten von ZERO DARK THIRTY mal träumen darf, dass er 2014 den Auslands-„Oscar“ für Deutschland holt…

Zu diesem und weiteren bemerkenswerten Filmen hier aber erst demnächst mehr.

(zyw)



Grindhouse-Nachlese Dezember 2012 / Januar 2013: „Savage Streets“ und „Planet der Vampire“, „Die alles zur Sau machen“ und „Attack the Block“



Cinema Quadrat, 29. Dezember 2012:
„Savage Street – Straße der Gewalt“ / „Savage Streets“, USA 1984, Regie: Danny Steinman
„Planet der Vampire“ / „Schrecken im Weltall“ / „Terrore nello spazio“, Spanien/Italien 1965, Regie: Mario Bava

Cinema Quadrat, 26. Januar 2013:
„Die alles zur Sau machen“ / „Villain“, GB 1971, Regie: Michael Tuchner
„Attack the Block“, GB 2011, Regie: Joe Cornish


Doppelpack zu gleich zwei Grindhouse-Doppelnächten; wobei einer dieser Filme nur der aktuell laufenden Englischen Woche nicht bei Aldi, sondern im Cinema Quadrat geschuldet ist: „Attack the Block“ war eh nur Ersatz für „Cockneys vs. Zombies“, der nicht erhältlich war, und sei auch gar nicht richtig platziert im Grindhouse-Programm, und sowieso nicht richtig repräsentativ, weil zu neu, zu teuer produziert, netter Spaß, mehr nicht, so die Kuratoren der Reihe. Nein, ich schreibe nicht über diesen Film, nehme ihn aber als willkommenen Anlass, auf das tragische Dahinscheiden der verdienstvollen Linksammlungsseite filmz.de hinzuweisen, die wegen fehlender Leserzahlen nicht mehr weitergeführt wird. Immerhin kann man sich hier nach wie vor mit umfassender Kritikensammlung über „Attack the Block“ informieren.


Was das britische Kino an richtig originellem Genrewahnwitz liefern kann, zeigt der Eurocrime-Thriller „Villain“ mit dem sehr passenden deutschen Verleihtitel „Die alles zur Sau machen“ – außer, dass es nicht mehrere, sondern nur einer ist, der die Sau rauslässt, nämlich Richard Burton. Der spielt den Gangster Vic Dakin, der seine Mutter liebt, schwul ist, ein Sadist, Psycho- und Soziopath, größenwahnsinniger Narziss und Rampensau im kleinkriminellen Londoner Milieu. Seine Handlanger warten auf irgendeinen Typen in dessen Wohnung, mäkeln über seine Einrichtung, haben Hunger; Dakin macht ein Nickerchen im Schlafzimmer. Das Opfer tritt ein, in Begleitung einer Dame, die gleich zum Teekochen geschickt wird. Dann wird das Opfer zusammengeschlagen, hat ein bisschen zuviel geredet bei den Bullen, Burton haut ihm mit seinen ringbesetzten Fingern tiefe blutige Kratzer ins Gesicht, holt dann ein Messer hervor. Schnitt, wir sehen das Dämchen beim Wasserkochen und hören einen entsetzlichen Schrei aus dem Nebenzimmer. Schnitt: Fußboden, auf den Blut tropft, drei, vier Tropfen nur, vollkommene Antiklimax: So schlimm kann’s also nicht gewesen sein. Erst später, als die Gangster das Mietshaus verlassen, ganz am Ende der Szene, sehen wir das Geschehene: An einen Stuhl gefesselt hängt das Opfer kopfüber aus dem Fenster im vierten Stock.

Messer, Gabel, Schere, Licht...
Michael Tuchner versteht es, Emotionen, Informationen, Spannungslinien durchzurütteln, aufzubauschen, zu retardieren, umzukehren und dann wieder drastisch zur Schau zu stellen. Irgendwann betritt eine Figur namens Wolfe die Szene, der seine Freundin auf einem Partywochenende eines schwulen Grafen einem notgeilen Abgeordneten zur Verfügung stellt. Er verkauft alles und jeden, sein Geschäft ist das Überleben, heilig ist ihm nichts, eilig hat er es immer, irgendwo irgendein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Vic lässt ihn suchen, mit recht brachialen Mitteln, seine Männer holen ihn ab, als er gerade Drogen verticken will. Bei Vic scheint er Manschetten zu haben, der hat sowieso immer einen drohenden Unterton in seinem Gebaren; jetzt bedankt Vic sich erstmal freundlich, dass Wolfe letztens nach dem werten Befinden der Frau Mutter gefragt hat; ist das ironisch gemeint oder nicht? Es ist klar, dass jetzt alles passieren kann. Die beiden gehen in Vics Schlafzimmer, knöpfen ihre Hemden auf, erst jetzt wird Vics Veranlagung klar. „Sei nicht so laut diesmal“, ermahnt er Wolfe, seine Mutter schläft im Zimmer obendrüber. Und haut ihn zusammen, bevor er sich vollends auszieht. Gewalt ist halt geil, Wolfe ist seine große Liebe, und wieder hat Tuchner in einer Szene die Harmonie der Widersprüche eingefangen.

Ein spannender Film ist dies zumal, es geht in der Hauptsache um einen Überfall auf einen Lohngeldtransport, der einigermaßen schief geht; zwei Polizisten, die eh verbissen an Vic dran sind, kommen ihm so auf die Spur. Auch der Überfall übrigens: nicht mit Feuerwaffen, nein, mit Nah- und Handarbeit wird hier vorgegangen, die Geldboten mit Schlagstöcken, die Gauner mit diversen sog. dumpfen Gegenständen, ein Hauen und Stechen; einer, der ständig über sein Magengeschwür klagt, kriegts voll in den Bauch, er wird später als erster überführt: Alle zwei Stunden muss er was essen, und an den Eierschalen am Tatort waren seine Fingerabdrücke… Da scheint dann die Banalität des Gaunerhandwerks auf. Trockener, lakonischer, ironischer Humor, ganz ohne Gags und Komik, bestimmt den Film, den es im Übrigen auf deutsch gar nicht auf DVD o.ä. gibt.

Rabiat ging’s auch im Dezember zu, Linda Blair nicht von einem Dämonen, sondern von Rache besessen in „Straße der Gewalt“, einem 80er-Jugendfilm mit Revenge-Thematik, irgendwo zwischen Highschool-Film und Selbstjustizthriller. Die erste Szene: Ein Junge, adrett angezogen, verabschiedet sich an der Haustür vom Herrn Vater, „aber um 11 Uhr bist du zurück“ – und schon hier erhält man einen stupenden Eindruck vom Film, als völlig willkürlich, ganz unmotiviert mitten in den Satz eine ungewollt verstörende Großaufnahme auf den Vater einmontiert wird: Hier sind anscheinend rechte Dilettanten am Werk. Was auch im weiteren Verlauf immer wieder deutlich wird, was aber nicht unbedingt den Spaß verderben muss, dafür isses ja schließlich Grindhouse.
Der Junge jedenfalls entledigt sich hinter einem Busch seines Anzugs, zieht Lederklamotten an und mit seinen offenbar gewaltbereiten Kumpels los, Mädels anbaggern. Darunter an diesem Abend: Die Girlieclique um Brenda, in sexy Outfits und mit flotten Sprüchen unterwegs, und mit Brandas kleiner Schwester, Typ graue Maus hinterm Ofen, hochgeschlossene Bluse und verschüchterter Blick. Sie ist taubstumm. Muss man mehr sagen?

Sie wird das Opfer, in der Schulturnhalle, Gruppenvergewaltigung durch die Jungsgang. Die Mädels suchen sie: „Heather! Wo bist du?“ Tja, was soll man sagen: „Was schreit ihr so rum, sie ist doch stumm!“ Hier immerhin wird sich der Film seiner selbst bewusst. Weiter geht es mit Brendas Ermittlungen, wer die Bösewichter waren; und im übrigen, völlig an den Haaren herbeigezogen, ein blindes Motiv ohne jedes dramaturgische pay off: Die Jungs killen eine weitere Freundin von Brenda, was die freilich erst erfährt, als sie die ersten der Schurken umbringt.
Immerhin ist das eine entlarvende Szene: Wie der Gangleader das Mädchen von einer Brücke schmeißt und der jüngste Kumpel, der aus der Anfangsszene, der so gerne wichtigtuerisch dabei wäre und quasi als Lehrling mittut, voller Enttäuschung ausrufen lässt: „Ich hasse dich! Ich hasse dich!“ Wie es eben Verliebte tun, wenn sie sitzengelassen wurden. Denn offenbar von Regisseur Danny Steinman unbemerkt sind die vier Typen alle total schwul und verdrängen die Neigung durch affirmativ maskulines Auftreten, mit Tittenpacken an unbeteiligten Damen und Vergewaltigung. Bei diesem Gewaltgangbang ein zweiter entlarvender Moment: Der „Verrückte“ in der Truppe, mit pseudopunkig rotgefärbtem Haar, eine Mischung aus Clockwork-Droog, Mad Murdock und Lumpi von Schlotterstein, nimmt den Anführer im Überschwang der Gefühle mitten in der Taubstummenvergewaltigung in den Arm und küsst ihn offen auf den Mund. Hat Regisseur Steinman das mitbekommen?

Zynisch ist der Film obendrein, vielleicht ein Zynismus aus Dilettantismus, wer weiß das schon: Jedenfalls schneidet der Film unverfroren zwischen der brutalen Vergewaltigung und einem aufreizenden Catfight zweier nackiger Schülerinnen im Duschraum hin und her; offensichtlich ist es dem anvisierten Zielpublikum wurscht, woran es sich aufgeilen soll.
Während der Vergewaltigung...
Andererseits gehören derartige Reize natürlich zu den Versprechen, die ein Film wie dieser gibt; und Steinman hält auch einige davon. Lässt volle Brüste unter engen Tops wippen, die Damen beim Schulturnen zotige Witze reißen, die Lehrerin schickt dann alle unter die Dusche – und gleich darauf gleitet die Kamera an einer Reihe nackter Mädchenleiber entlang, dass es eine wahre Freude ist. Wenn die prallen Möpse hüpfen, dauert’s nicht lang, bis den Mädels das Oberteil runtergerissen wird. Nur am Ende bricht Steinman das große Versprechen: Brenda (die wir zuvor nackt in der Badewanne gesehen haben) kleidet sich in engem Leder ein, ein schwarzer Racheengel, der sich mit diversen Waffen ausstattet, unter anderem eine Armbrust – die dann aber doch nur so nebenbei, wenn überhaupt, zum Einsatz kommen. Das ist dann doch enttäuschend, dramaturgisch sowieso, weil viel zu glatt in einem Rutsch die Bösewichter gekillt werden; aber halt auch, weil man die hier servierte Rache doch zu sehr Fast Food ist.

Betrug natürlich auch der Titel „Planet der Vampire“; handelt es sich doch eher um so was wie Körperfresser, oder körperlose, feinstoffliche Zombies, geschult am 1956er „Forbidden Planet“. Diese Seelen, die sich der Psychen intergalaktischer Raumfahrer zu bemächtigen versuchen, werden halt mal von irgendwem im Film als Vampire bezeichnet, da hat man schnell einen catchy Filmtitel weg.
Mario Bava hat dieses große Science-Fiction-Werk geschaffen, die bunten Sixties gehen einher mit der untergründigen 50er-Paranoia – oder ist es schon die der 70er? Raumfahrer unterwegs, werden von einem geheimnisvollen Planeten angezogen, dort wabert der Nebel in schönster Gothic-Manier, bizarre Felsformationen stehen rum, merkwürdige Verhaltensweisen brechen auf, die Toten erstehen wieder aus ihren Gräbern auf, in einem Höhleraumschiff riesenhafte, tot erstarrte Außerirdische, und alles so schön bunt, in kräftigen Primärfarben, goldgelbe Helme, rotleuchtende Lichter vor bläulichem Hintergrund. Bava halt, der ein Meister des Designs ist. Und ein paar nette Spannungsmomente reinbringt, wenn sie auch wenig mit der eigentlichen Handlung zu tun haben – tote Lebensformen etwa auf sonarer Basis, wo alles per Schall funktioniert, Eingesperrte müssen das richtige Geräusch zum Öffnen der Türen finden. Das wird gerne mal lustig, wenn wieder und wieder irgendwer alleine zurückgelassen wird, um Wache zu halten… Dass er sterben wird, könnte nicht nur der Zuschauer, auch der Protagonist wissen.
Ein schöner Film jedenfalls, in ästhetischer Hinsicht sowieso; und mit einer der ganz grandiosen Schlusspointen der Filmgeschichte.


Harald Mühlbeyer

MOP 2013: Die Preisträger

Einmal mehr ist es rum, das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, nun zum 34. Mal. Wir gratulieren den Gewinnern! Und ehe wir in den nächsten Tagen Preisträger und weitere Filme des Festes vorstellen und besprechen, hier zunächst die Übersicht der Ausgezeichneten:

- Max-Ophüls-Preis: DER GLANZ DES TAGES (v. Tizzi Covi und Rainer Frimmel)
- Bester Kurzfilm: GRUPPENFOTO (v. Mareille Klein)
- Bester Dokumentarfilm: DRAGEN WENDE – WEST BERLIN (v. Dragan von Petrovic, Lena Müller)
- Publikumspreis Langfilm: KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL (v. Aaron Lehmann)
- Publikumspreis mittellanger Film: STUFE DREI (v. Nathan Nill)
- Publikumspreis Kurzfilm: MEINE BESCHNEIDUNG (v. Arne Ahrens)
- Fritz-Raff-Drehbuchpreis: SCHERBENPARK (Buch: Katharina Kress, Regie: Bettina Blümner)
- Beste Nachwuchsdarstellerin: Jasna Fritzi Bauer (SCHERBENPARK)
- Bester Nachwuchsdarsteller: Max Mauff (IN DER ÜBERZAHL v. Carsten Ludwig)
- Interfilm-Preis: FÜNF JAHRE LEBEN (v. Stefan Schaller)
- Preis der Jugendjury: FÜNF JAHRE LEBEN (v. Stefan Schaller)
- Förderpreis der DEFA-Stiftung: DER KAPITÄN UND SEIN PIRAT (v. Andy Wolff)
- Filmpreis der saarländischen Ministerpräsidentin: TALEA (v. Katharina Mückstein).

Screenshot REGION: Meisterschüler Michael Schwarz stellt aus

Der Mainzer Filmemacher Michael Schwarz, neben Alexander Griesser zweiter Kopf von Nachtschwärmerfilm, präsentiert seine Arbeiten: Am 8. Februar um 20.30 Uhr gibt es in Kooperation mit der Kunsthochschule Mainz seine Meisterschüler-Werkschau im CinéMayence (Schillerstraße 11, 55116 Mainz) zu sehen.

Gezeigt werden
- "Advent", Dokumentarfilm, 2009, 3 min.
- "Der König der Statisten", Dokumentarfilm, 2007, 19 min.
- "Dolce Vita", Dokumentarfilm, 2008, 13 min.
und der prämierte Festivalliebling "Kursdorf" (Dokumentarfilm, 2011, 15 min.).

Natürlich wird Michael Schwarz, zusammen mit Protagonisten seiner Filme, anwesend sein und zum Gespräch bereitstehen.

Nach dem Abitur arbeitete Schwarz bei zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen, unter anderem bei der Bavaria Film, für die ZDF-Serie "Siska" und im Auftrag der Neuen Münchner Fernsehproduktion als Script Supervisor und Regieassistent.

Von 2002 bis 2007 studierte er Film- und Theaterwissenschaften in Mainz, daneben arbeitete er freiberuflich als Regisseur und Regieassistent. Seit 2007 Studium an der Filmklasse der Akademie für Bildende Künste Mainz – im gleichen Jahr Gründung von "nachtschwärmerfilm" zusammen mit Alexander Griesser. Nach seinem Diplom 2011 wurde Michael Schwarz Meisterschüler bei Prof. Dr. Harald Schleicher (Kunsthochschule Mainz, Filmklasse) und arbeitet weiterhin als freiberuflicher Regisseur und Autor.


zyw

Max Ophüls Preis 2013 - mit KAPTN OSKAR


Bald startet es, zum 34. Mal: das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Auf dem Festival für den deutschen und deutschsprachigen Nachwuchs wird sich für uns, vor allem aber für SIE einmal mehr Screenshot-Redakteur und ANSICHTSSACHE-Co-Herausgeber Bernd Zywietz herumtreiben. Und er freut sich jetzt schon auf den neuen Streich von Tom Lass (PAPA GOLD), der neben 15 anderen Werken im Spielfilmwettbewerb laufen wird.

KAPTN OSKAR heißt der Film, in dem neben Lass selbst auch Amelie Kiefer (zuletzt weithin zu bestaunen als Jacob Matschenz‘ kleine Schwester in 3 ZIMMER/KÜCHE/BAD) und Martina Schöne-Radunski zu sehen sein werden. Uraufführung hat KAPTN OSKAR am Mittwoch, den 23.1. um 21.45 Uhr im Cinestar 3 (weitere Termine: Do., 24., um 20.00 Uhr im Filmhaus, am Freitag, den 25., um 13.00 Uhr im Cinestar 1 und am Sonntag um 18.00 Uhr um Cinestar 2).

Zum Inhalt:
Nachdem seine letzte Freundin Alex (Martina Schöne-Radunski) seine Wohnung angezündet hat, wohnt Oskar (Tom Lass) in einer Kellerabsteige und ist kurz davor, selber zu veröden. Eines Nachts trifft er auf Masha (Amelie Kiefer), eine Beziehung bahnt sich an. Wäre da nicht Oskars Ex-Freundin, die nicht bereit ist, die Trennung zu akzeptieren. Oskar flüchtet sich in die Überzeugung, Masha sei die Richtige, mit der Ahnung, dass ihre Vorstellungen vom Leben sie auseinander treiben wird.

Mehr zu KAPT OSKAR (z.B. den Trailer) finden Sie HIER

Die übrigen Wettbewerbskandidaten des MOP HIER

Und wer mehr über Tom Lass und der Entstehung von KAPT OSKAR lesen will, kann das bald im Beitrag „German Mumblecore“ von Bernd Zywietz in ANSICHTSSACHE – ZUM AKTUELLEN DEUTSCHEN FILM.