"Nemesis" im Babylon

Knapp ein Jahr nach der Uraufführung bei den Hofer Filmtagen wird Nicole Moslehs Film "Nemesis" nun, am 6.10.2011, in Berlin im Babylon-Kino seine zweite Premiere erleben. Um 20.15 Uhr werden am Donnerstag neben der Regisseurin auch viele der Teammitglieder und Schauspieler anwesend sein: u.a. Susanne Lothar, Waldemar Kobus - nur einer wird schmerzlich fehlen: Ulrich Mühe.

Denn "Nemesis" ist der letzte Film des im Juli 2007 verstorbenen Schauspielers; und zusammen mit Susanne Lothar glänzt er in diesem Ehe-Kammerspiel-Thriller.
Der Film wurde schon 2006 gedreht, es gab einige - wenn ich mich nicht irre - rechtliche Probleme, bis der Film aufgeführt werden konnte. Uraufführung in Hof, auf Halde liegen, jetzt Berliner Aufführung - und die holprige Geschichte dieser Produktion geht weiter: weil einige Verleiher abgesprungen sind (teilweise, weil der Film erst so verspätet gezeigt werden konnte, weil daher die Zugkraft des Filmes als Mühes Nachlass nachließ) ist auch die weitere Zukunft ungewiss. Wahrscheinlich Fernsehen, kleine DVD-Auswertung und dann das Vergessen im Müllhaufen der Filmgeschichte. Was schade wäre, denn der Film ist nicht nur wegen seiner Schauspieler sehenswert. Und wer weiß, wie lange es dauert, bis der Film nochmal irgendwann, irgendwo vorgeführt werden wird...

Zitat aus meiner Hof-Berichterstattung vom letzten Jahr:

Das Ehedrama wird zu Krimi und Psychothriller, Mühe und Lothar spielen ein Ehepaar in Trauer, die Schwester der Frau wurde grausam ermordet, er hatte ein Verhältnis mit ihr gehabt, nun, Monate später, will er sie endlich verlassen, die ihre Trauer nie überwunden hat, das Haus soll verkauft werden; doch sie kommen nicht voneinander los, sie sind nicht frei: der Mörder wurde nie gefasst, die Vergangenheit nie bewältigt, so kann es keinen Weg in die Zukunft geben.

2006 schon gedreht, ist dies der letzte Film mit Ulrich Mühe, der herauskommt – und noch einmal zeigt sich sein unglaubliches Können, vor der Kamera völlig natürlich, unprätentiös, vollkommen glaubwürdig zu agieren. Was auch für Susanne Lothar gilt, die ihm in nichts nachsteht – weder als Schauspielerin noch in ihrer Rolle. Ein Kammerspiel für diese beiden, die mit größter Sensibilität und größter Intensität spielen. Und Nicole Mosleh weiß auch dramaturgisch Spannung und Atmosphäre zu schaffen und zu erhalten, verschachtelte assoziative Rückblenden tragen zur Suspense ebenso bei wie das Haus, in dem der Film spielt, wie auch die Musik, die sich einfügt, die Akzente setzt.
Leider ergeht sich der Film etwas zu sehr in der Verzweiflung wegen des unaufgeklärten Kriminalfalles; so dass er in seinem letzten Drittel eben doch zu vorhersehbar wird, was die Handlung angeht. Was das Spiel der Darsteller betrifft oder die subtilen Regieeinfälle: da bleibt es spannend bis zum Schluss.

Harald Mühlbeyer

23. bis 30. September in Wiesbaden: Atlantis Natur- und Umweltfilmfestival

Heute abend um 20 Uhr wird im Wiesbadener Caligari-Kino die fünfte Ausgabe des Atlantis Natur- und Umweltfilmfestival eröffnet mit dem Dokumentarfilm "Dem Himmel ganz nah". Drei Wochen vor dem offiziellen Kinostart wird Regisseur Titus Faschina zusammen mit seinem Kameramann Bernd Fischer und dem Protagonisten, dem Berghirten Dumitru Stanci, seinen bildgewaltigen Film über das Leben in den Karpaten vorstellen.

Das Festival bietet 15 Langfilme, die sich engagiert und staunend mit der Natur, mit Ökologie und dem Menschen in der Welt auseinandersetzen. Darunter sind einige Kinderfilme, zudem Dokumentationen über die Serengeti und die Nordsee, über die Lebensmittelindustrie, Ölkonzerne und Atomkraftwerke, über Norwegen, Rumänien und Russland, über Jane Goodall und Hannes Jaenicke bei den Affen.
Zu vielen Filmen sind die Filmemacher anwesend, die dem Publikum Rede und Antwort stehen.

Alle Infos und das Programm unter www.wiesbaden.de/atlantis.

Grindhouse-Nachlese: Ein Crime-Abend

Grindhouse-Doppelnacht, 17. September 2011, CinemaQuadrat, Mannheim:

„Jinzu burusu: Asu naki furaiha“ / „Jeans Blues: No Future“, Japan 1974, Regie: Sadao Nakajima. Mit Meiko Kaji und Tsunehiko Watase.http://www.blogger.com/img/blank.gif

„Un Condé“ / „Ein Bulle sieht rot“ / „Eiskalt und ohne Gnade“ , Frankfreich/Italien 1970, Regie: Yves Boisset. Mit Michel Bouquet, Françoise Fabian, Gianni Garko, Michel Constantin.


Irgendwann kauft sich Jiro einen schicken Anzug, englisches Tuch mit Karomuster und distinguierter Batschkapp; Hijiriko hat sich einen hautengen Lederdress zugelegt und trägt darüber einen beigen Trenchcoat. Wie sie so gekleidet durch die Gegend fahren: Da sind sie Bonnie und Clyde am ähnlichsten.

Das Geld, das sie auf den Kopf hauen, hat Jiro erbeutet bei einer skurrilen Killeraktion. Als Helfershelfer eines Yakuza schaufelt er ein Grab aus, das Opfer wird brutal mit Spitzhacken und Stöcken totgeschlagen – die erste und größte Gewalttat im Film, mit dem meisten Blut –, und Jiro angelt sich das Geld, mit dem die Killer diesen Knochenjob honoriert bekommen sollten. Und haut ab. Gleichzeitig langweilt sich in einem Swingerclub Hijiriko, die Empfangsdame, die Orgie im Hintergrund entlockt ihr ein Gähnen, sie schnappt sich Kohle aus der Kasse und ein Auto. Und haut ab. Beide treffen sich, weil ihre Autos aufeinanderknallen, und sie machen sich gemeinsam auf den Weg. „Jeans Blues: No Future“ heißt der Film, Jeans gibt’s zwar keine, dafür viel schöner instrumentaler Blues auf dem Soundtrack, und eine Menge keine Zukunft.

Mit der Gewalt und dem Sex zwingt Regisseur Sadao Nakajima in der Anfangssequenz des Films die beiden Hauptattribute des Exploitationkinos zusammen. All seine Figuren verhalten sich dabei cool, drücken ihre Rolle im Film – die jeweils einem bestimmten Typus des gesellschaftlichen Nebeneinanders entspricht: die desillusionierte Aussteigerin, das vom Leben gebrannte, neureiche Hallodrikind, die geldgierige Tussi, der brutale Stotterer, der hartnäckige Gangsterführer etc. – scharf skizziert aus. Und – auch damit muss man beim Grindhousekino rechnen: Man weiß zunächst nicht, wohin der Film eigentlich führen will, und das ist kein gewolltes retardierendes Element, sondern eine Schwäche der Dramaturgie; wie auch der Filmschnitt mitunter dilettantisch wirkt, und man bei den Gags und Witzen nicht so recht weiß, ob sie tatsächlich gagig und witzig gemeint sind. Erst langsam bekommt man ein Gefühl für den Film, wenn Jiro und Hijiriko on the road sind: Dann nämlich hat sich der Sex aus der Handlung verkrümelt, die Gewalt ist nicht mehr nur sinnlos als Augenkitzel eingesetzt, und die Komik – die, wie sich herausstellt, stets gewollt ist – bekommt zunehmend bittere Beigeschmäcke.

„Jeans Blues“ ist ein offenbar amerikanisch geprägter, aber durch und durch japanischer Roadmovie, zwei Außenseiter, Rebellen, Kriminelle auf der Flucht, auf ihren Fersen die Gangsterbrut, in der Tasche 5 Millionen Yen. Zu Anfang haben sie Spaß, wenn sie tun, was sie wollen – und sich auch leisten, sich dusslig anzustellen. Problematisch wird’s, wenn sie alles Geld verlieren; und spannend, wenn sie sich wieder welches beschaffen wollen. Da steht ein Angler am See, legt auf Enten an: Er hat einen unpassenden roten flachen Hut auf mit großem Lacoste-Krokodil drauf, die beiden überfallen ihn, knallen ihn mit dem eigenen Gewehr ab, mit dem sie fortan auf Raubzug gehen; Nach ein paar Schießübungen mit der japanischen Flagge als Zielscheibe. Eine Tankstelle, ein illegaler Spielclub – es hagelt Tote. Die beiden, zuvor eher Opfer der Umstände und auf der Flucht vor den Umständen, machen sich ihre Umstände jetzt selbst, weil ihnen jetzt sowieso alles egal ist.


Bemerkenswert ist der Kern des Films, das Pärchen on the run: er ist ein Nichtsnutz, ein Ausgebeuteter, einer, der glaubt, jetzt auf das große Glück gestoßen zu sein, und der es auch auskosten will; sie ist angekotzt vom Leben, alles langweilt sie, da kann sie ebensogut irgendwas anderes machen. Er ist ein Draufgänger, sie schweigt meistens, weiß aber genau, was sie will/was sie nicht will. Er lebt im Jetzt, sie sieht eh keine Zukunft: Sie sind Seelenverwandte, irgendwo im Dreieck von Perspektivlosigkeit, Nonkonformismus, Nihilismus. Und immer ist da das Gefühl, dass die beiden auch jederzeit ihre Verbindung zueinander kappen könnten – als Duo von Hauptfiguren ist diese Konstellation brüchig; und deshalb ungewöhnlich; und deshalb reizvoll. Wie sie zueinanderfinden, wie sie sich weiterentwickeln: Das ergibt die eigentliche Geschichte des Films, die sich unter der Oberfläche von Flucht und Action und Kriminalität abspielt. Und das ist doch schon mal doll, dass im Grindhouse-Kino ein Subtext, etwas Doppelbödiges drinsteckt.

Weshalb der Film – wiewohl billiges, auf reine Wirkung ausgelegtes Kino – gut passt in diesen Crime-Abend im Mannheimer CinemaQuadrat, der nach diesem Flucht-und-Gewalt-Film einen Rache-und-Gewalt-Film bot, der aber eigentlich gar kein Grindhouse sei, sondern tatsächlich ein Klassiker des Kriminalgenres, wie Boris Becker, Organisator der Reihe, betonte: Geht raus, sagt euren Freunden: Beim Grindhouse-Abend habt ihr Filmkunst gesehen! Und tatsächlich: Immerhin widmet Hans Gerhold in seiner Geschichte des französischen Kriminalfilms „Kino der Blicke“ eine ganze Seite dieser „kinematographischen Streitschrift“ wider Polizeiallgewalt: „So greift Yves Boisset in „Un Condé“/„Ein Bulle sieht rot“ die Austauschbarkeit von Polizei- und Gangstermethoden in einer Form an, die den Film zum Skandalereignis machte und ein zeitweiliges Verbot durch den Innenminister bewirkte, das auch einige Schnitte zur Folge hatte.“

Zunächst erleben wir den Tod eines Barbesitzers, der dem mächtigen Gangsterboss, genannt der Mandarin, kein Schutzgeld zahlen und keinen Schutzraum für Rauschgiftgeschäfte bieten wollte. Die Freunde des Ermordeten – Dan Rover und sein Kamerad aus der Fremdenlegion Viletti – begeben sich auf einen Feldzug gegen den Mandarin, der seine Finger überall in Stadtverwaltung und Polizei drin hat und deshalb juristisch unangreifbar ist. Nur einen anständigen Polizisten gibt es: Inspektor Barnero, der tut, was er kann, um den Mandarin und sein Killertrio zur Strecke zu bringen. Und der immer wieder gegen die Wand der Korruption bei seinen Vorgesetzten stößt. Sein Freund, Inspektor Favenin, unterstützt ihn – der sieht aus wie ein verklemmter Spießer, wurde aber schon disziplinarisch strafversetzt und ergeht sich in Zynismen. Als sich die beiden Parteien gegen den Mandarin kreuzen – anständige Polizei und anständige Unterwelt –, gibt es Tote: Der Gangster wird erschossen, und auch Barnero wird getötet, von Viletti. Barnero: der einzige, der das Gute verkörpert hat. Im weiteren Verlauf des Films ist jede Moral verdampft.

Favenin übernimmt die Methoden der Gangster, killt einen Killer kaltblütig, erpresst den anderen, um an den Mörder von Barnero zu kommen. Dan Rover auf der anderen Seite, der als Tatbeteiligter Schlimmstes befürchten muss, geht ebenfalls zum Angriff über – gegen die Gangster und voll Misstrauen gegen die Polizei. Misstrauen, das berechtigt ist. Denn nach der ersten wirklich verstörenden Szene, die über die übliche Gangster-Krimi-Gewalt hinausgeht – wenn Favenin ganz gemütlich eine Luger auspackt, den Schalldämpfer aufschraubt und kalt abdrückt auf den Killer des Mandarin, dem niemals etwas nachgewiesen konnte –, nach dieser mit kühler Selbstverständlichkeit daherkommenden Szene kommt eine zweite, noch bestürzendere. Dan Rover ist festgenommen, und wird oben unterm Dach gefangengehalten, da, wo es ruhig ist. Dort hängt er mit nacktem Oberkörper und blutüberströmt gefesselt an der Wand: Das war nicht Favenin in seinem Rächerrausch, das sind die üblichen Empfangsmethoden der Polizei.


Favenin ist nämlich nicht der Böse, obwohl wir seinen brutalen Racheanwandlungen folgen. Böse ist das gesamte System der Polizei, die sich mit Gangstern gemein macht. Vor diesem Hintergrund – weil von der Obrigkeit nichts zu erwarten ist – erzählt der Film zwei Revengestories, die quer zueinander verlaufen. Rache: Das ist eines der Hauptmotive im Grindhouse-Film. Wenn sie aber wie hier doppelt erzählt wird, in zweifacher Weise ineinander verschlungen und gegeneinander gesetzt: Dann wird daraus Kunst. Weil die Rache nicht mehr nur Handlung antreiben und Nervenkitzel generieren soll, sondern weil sie selbst zum Gegenstand des Films wird.

Dan Rover, der Killer der Killer, agiert vom Gefängnis aus, versucht, seine Kumpel zu schützen, lässt Favenin beschatten. Der seinerseits erschießt skrupellos Viletti, den Mörder von Bernero; und lässt auch danach nicht ab, verbittert vom Wissen über die Machenschaften der Partei- und Politikoberen. Es geht nicht „Dirty Harry“-like um einen Cop, der einen brutalen, aber (vom Film) letztlich gerechtfertigten Feldzug startet; sondern: Alle sind auf dem falschen Weg, und alle machen alles noch viel schlimmer.


Harald Mühlbeyer

Karlovy Vary 2011: Unbeschreiblich


46. Mezinárodní Filmový Festival Karlovy Vary (1.-9. Juli 2011)

Kälte, Hitze, Regen – das Wetter beim diesjährigen Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary (www.kviff.com) stand in seinem Abwechslungsreichtum dem Festivalprogramm in nichts nach. Und dennoch zeigten sich die Festivalbesucher weitgehend unbeeindruckt von den Naturgewalten. Tapfer hielten sie bei weniger als zehn Grad zur mitternächtlichen Vorführung von JANE EYRE (UK 2011, R. Cary Joji Fukunaga) im Letni Kino (Sommerkino) durch, zielbewusst zogen sie die Kinosäle den einladenden Sonnenstrahlen mit sommerlichen Höchsttemperaturen vor, unbeirrt übernachteten einige gar trotz Regen im Freien vor den Ticketboxen, um als Erste morgens ihre Wunschliste erfüllen zu lassen. Die gelebte Cinephilie der Festivalbesucher scheint jedes Jahr nicht mehr steigerungsfähig zu sein und übertrifft sich doch von neuem im Folgejahr.

Das tschechische Mezinárodní filmový festival Karlovy Vary (Internationale Filmfestival Karlovy Vary) ist eins von weltweit 13 Festivals der A-Kategorie und ist mit seiner Premiere im Jahr 1946 nach Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia (Internationalen Filmfestspiele Venedig) und Моско́вский междунаро́дный кинофестива́ль (Internationale Filmfestival Moskau) das drittälteste internationale Filmfestival überhaupt. Das KVIFF hat die lange Zeit, um Traditionen zu entwickeln, produktiv genutzt, und schon kurz nach seiner Ankunft hatte der wiederkehrende Festivalbesucher auch in diesem Jahr wieder das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Alles was wie immer: Die Kurgäste mit ihren Schnabeltassen schauten erstaunt auf die Festivalbesucher mit ihren umgehängten Festivalpässen, der in kommunistischer Tradition gebaut und seit Jahren trockengelegte Brunnen vor dem Thermal Hotel diente den erschöpften Besuchern als Sitzgelegenheit für das kühle Pivo zwischendurch und der am meisten gefeierte Star des ganzen Festivals war wie in jedem Jahr Petr Folprecht, der Microphon-Man, der im großen Saal des Thermal Hotels unter anderem dafür verantwortlich ist, nach den der Filmvorführung vorangehehenden Reden das Mikrofon auf der Bühne hinzulegen, so dass die Zuschauer freie Sicht auf die Leinwand haben. Für diese Tat wird er jedes Mal mit einem derart tobenden Applaus belohnt, das die eben noch gefeierten Filmemacher sich auf dem Weg zu ihren Plätzen verwirrt umschauen. Diverse Youtube-Videos bezeugen mittlerweile den Kultstatus von Folprecht, der die wiederkehrenden Festivalbesucher zu einer verschwörerischen Gemeinschaft zusammenschweißt.

Dieses fast schon familiäre Gefühl ist es, was das KVIFF so besonders macht und von so vielen anderen A-Filmfestivals unterscheidet. Flache Hierarchien, viel Selbstironie und die pure Liebe zum Kino sind für den Charme des Festivals verantwortlich. Und alle – sowohl Zuschauer, als auch Veranstalter und Filmemacher – erzeugen diese Atmosphäre gemeinsam. Ein deutliches Zeichen dafür sind die bis zum letzten Tag mit Applaus gefeierten Festivaltrailer (alle ebenfalls auf Youtube zu sehen), in denen sich unter der Regie von Werbefilmer Ivan Zachariás die vergangenen Gewinner des Chrystal Globe selbstironisch präsentieren und die ehrenvolle Statue zweckenfremden. Der ausgesperrte Andy Garcia bricht zum Beispiel mit Hilfe des Crystal Globe in sein Haus ein, Jude Law ersetzt mit ihm seine geklaute Kühlerfigur und Danny DeVito bringt mit Hilfe des massiven Preises seinen Wecker für immer zum Schweigen. Auch John Malkovich tritt in einem der Festivaltrailer auf. Für seine Outstanding Artistic Contribution to World Cinema wurde er 2009 ausgezeichnet. Der ihm gewidmete Festivaltrailer gehört zu den beliebtesten, weswegen der diesjähirge überraschende Kurzauftritt von Malkovich vor der Vorführung von Aki Kaurismäkis LE HAVRE mit tobenden Applaus des Publikums belohnt wurde. Malkovich war zur Präsentation seiner Modekollektion Technobohemian in die tschechische Kurstadt gekommen. Neben ihm waren Dame Judi Dench, Martin Donovan, David Morse, Christian Schmochow, Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, John Tuturro und seine Frau Katherine Borowitz, Sasson Gabai, Burt Young, Kim Ki-Duk und viele weitere Gäste anwesend. Die Jury wurde in diesem Jahr von dem Oscarprämierten ungarischen Regisseur István Szabó geleitet.



Mit COLLABORATOR, der in Karlovy Vary seine Weltpremiere hatte, feierte der US-Schauspieler Martin Donovan sein Regiedebüt und gab in dieser tragischen Komödie Schauspielkollegen David Morse die Plattform für eine der interessantesten Rollen seines Lebens. Für diese Leistung erhielt Morse von der Jury den Preis als bester Schauspieler. Eine ebenfalls herausragende Weltpremiere feierte der deutsche Jungregisseur Christian Schmochow (NOVEMBERKIND) mit seinem neuen Film DIE UNSICHTBARE/ CRACKS IN THE SHELL, in dem die dänische Schauspielerin Stine Fischer Christensen an der Seite von Ulrich Noethen brillierte und dafür als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.



Der Festival President’s Award ging in diesem Jahr an John Turturro, der neben seiner Frau Katherine Borowitz in der von Michael Di Jiacomo inszenierten schonungslosen und gleichzeitig liebevollen Tragikkomödie SOMEWHERE TONIGHT spielt. Neben diesen Weltpremieren wurden in Karlovy Vary in diesem Jahr unter anderem die neuesten Werke von Pedro Almodóvar (grotesk und verstörend: LA PIEL QUE HABITO/THE SKIN I LIVE IN), Aki Kaurismäki (zurückgenommen und intensiv: Le Havre), Jean-Pierre und Luc Dardenne (authentisch und verzweifelt: LE GAMIN AU VÉLO/ THE KID WITH A BIKE) und Nanni Moretti (frisch und mitfühlend: HABEMUS PAPAM/ WE HAVE A POPE) gezeigt. Gewinner des Crytsal Globe des diesjährigen Filmfestivals wurde der Film BOKER TOV, ADON FIDELMAN/ RESTORATION von dem israelischen Filmemacher Joseph Madmony. Der Film porträtiert den alternden Restaurator Fidelman (Sasson Gabai) der sich nach dem Tod seines langjährigen Freundes und Geschäftspartners im Umfeld der ihn umgebenden Menschen neu zurecht finden muss.



Es ist schwer bei der Beschreibung des Filmfestivals in Karlovy Vary nicht in eine bloße Aneinanderreihung von Superlativen zu verfallen. Jedes Jahr werden das Filmangebot breiter, die Entdeckungen spannender, die Gäste zahlreicher. Und dennoch bleibt die Atmosphäre familiär, ehrlich und entspannt. Es ist den Veranstaltern des Festivals hoch anzurechnen, dass das Festival auf dem Boden bleibt und kein Celebrity Hype den Besuchern die Sicht auf die Leinwand versperrt.

Renate Kochenrath

Lesung: "Auf den Spuren der Leinwandgöttin Jean Harlow"

Dass Verwaltungskräfte und Juristen verklemmte, verstaubte, pedantische, soziophobe Aktenschnüffler und Paragrafenreiter sind; oder dass in und um Hannover nichts los sei: Das stimmt so ja nun auch wieder nicht. Deshalb gibt es im Niedersächsischen Studieninstitut in Hannover eine schöne Möglichkeit, die Nase aus den Gesetz- und Vorschriftenbüchern rauszustrecken und mal über den Tellerrand rauszublicken: Bettina Uhlich, deren Jean-Harlow-Biographie auf diesen Seiten besprochen wurde, wird dort am 29.9. um 19 Uhr im Hörsaal 107 aus ihrem Buch lesen. Dazu gibt es eine Fotopräsentation über Uhlichs Hollywoodreise und eine Filmvorführung: "The Girl From Missouri", USA 1934.

FILMZ des Monats: "Die unendliche Geschichte"

Gab es eine Kindheit ohne Michael Endes Kinderbuchklassiker?
Im Oktober kann man wieder zurückkehren in eine Zeit, als das Träumen noch geholfen hat: In Wolfgang Petersens Kinder-Fantasy-Spektakel "Die unendliche Geschichte" von 1985 geht es um nicht weniger als die Rettung Fantasiens mit seiner Kindlichen Kaiserin. Gezeigt wird der Film im Rahmen der Reihe "FILMZ des Monats" im Mainzer Residenz&Prinzess-Kino, am 5. Oktober um 20 Uhr.

"FILMZ des Monats" zeigt monatlich einen Klassiker des deutschen Kinos der letzten Jahrzehnte, um die Vorfreude zu steigern auf das FILMZ-Festival Ende November: Dann werden ganz neue deutsche Produktionen gezeigt.

Saarbrücken braucht's


Der Max Ophüls Preis, wohl DAS deutsche Filmfestival für den Nachwuchs (und nicht nur den, sondern überhaupt den deutschen Film) will EURE Filme! Und if you make it there...

Hier die Mitteilung des MOP:

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Das 33. Filmfestival Max Ophüls Preis lädt den deutschsprachigen Filmnachwuchs herzlich ein, sich am Wettbewerb in Saarbrücken zu beteiligen und vom 16. bis 22. Januar 2012 in ein neues Festivaljahr zu starten. Beim wichtigsten Festival für den jungen Film werden über 100.000 Euro Preisgelder vergeben werden.

Bis zum 01. November 2011 werden Filmeinreichungen zu folgenden Kategorien angenommen:

Wettbewerb Max Ophüls Preis: Spielfilme ab ca. 65 Min.
Wettbewerb Dokumentarfilm: Dokumentarfilme ab ca. 50 Min.
Wettbewerb Kurzfilm: Spielfilme bis ca. 30 Min.
Wettbewerb mittellanger Film: Spielfilme ab ca. 30 Min. bis ca. 65 Min.

Unter http://www.max-ophuels-preis.de/prog/wett-filmeinreichung.php gelangen Interessierte zu allen Hinweisen rund um die Bewerbung für den Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2012.

Die beiden künstlerischen Leiter des Festivals Gabriella Bandel und Philipp Bräuer sind schon seit Wochen unterwegs, um auch im kommenden Jahr für das deutschsprachige Nachwuchsfilmfestival ein anregendes und aufregendes Programm zusammen zu stellen.

Alle weiteren Informationen finden Sie auf unseren Internetseiten: www.max-ophuels-preis.de für Ihre Fragen freuen wir uns über eine Nachricht.

Filmgeschichte neu gemacht – das neu gestaltete Frankfurter Filmmuseum

Neunte Klasse, das muss 1993 gewesen sein, Schulausflug nach Frankfurt: Damals war ich zum ersten Mal im Filmmuseum. Ausstellungsstücke, Sachen zum Ausprobieren, bisschen dunkel und verwinkelt – aber vor allem gabs da ein kleines Kino mit Dick und Doof-Filmen. Hat Spaß gemacht.
Jetzt wurde das Filmmuseum in fast zweijähriger Arbeit ganz neu renoviert, nur die Fassade der Villa am Frankfurter Schaumainkai – denkmalgeschützt – wurde beibehalten. Innen ist alles neu. Und hell. Und offen. Und groß und weit. Klar: Film hat mit Licht zu tun, und sehr licht ist das Foyer. An der Seite ein Licht- und Luftschacht, der keine Funktion hat, außer Platz zu bieten für eine Videoinstallation: Ein Mann, aufwärts- und abwärtsschwebend.

Richtig los geht es mit der ganz neu eingerichteten Dauerausstellung im ersten Stock: „Filmisches Sehen“ hat einen großen Raum für sich, die Gänge der vorherigen Raumaufteilung sind ein paar aufgemalten Linien auf dem Boden gewichen, die den Besucher lenken – ihn aber nicht gängeln, weil man sich frei bewegen kann zwischen Schaufenstern und freistehenden Vitrinen und Geräten zum Ausprobieren.
Schaulust heißt ein Bereich, es geht um die Bemühungen der Menschen, die Welt neu und anders sehen zu können mit Kaleidoskopen oder Zerrbildern oder Panoramabildern. Wie man diese Bilder in Bewegung versetzen kann, wie man sie festhalten kann, wie man sie vorführen kann: Das sind weitere Bereiche, veranschaulicht durch allerhand alte bis uralte Apparate. Und durch die Möglichkeit, an einigen dieser Apparate zu spielen, zu drehen, rumzudrücken… Daumenkino, Camera Obscura, Laterna Magica – bis hin zu einem der besten Exponate: Der Mechanismus eines Lumière-Filmprojektors in einem Glaskasten, in dem man den berühmten Zug der ersten Filmvorführung zum Rasen bringen kann – inklusive der dazugehörigen Geräusche, die aber von der lauten Apparatur rühren. Dazu ein kleines Kino mit uralten Filmchen aus der Anfangszeit des Films: der begossene Gießer natürlich, auch ein Max-Linder-Filmchen um die Probleme des Briefmarkenleckens, und ein paar Akrobatikstücke für das damalige Wintergarten-Varieté.

Ein Stockwerk höher: „Filmisches Erzählen“ – hier geht es tatsächlich um das, was Kino als Erlebnis ausmacht. Und beim Reinkommen schon wird man vom Kino eingefangen: Auf vier in U-Form aufgestellten Leinwänden läuft eine halbstündige Dauerschleife von Filmausschnitten, in thematischen Blöcken und zugleich ineinander überfließend: Geräusche und Filmschnitt, Emotionen auf der Leinwand und Ausstattung, Licht, Kamera, Musik umfangen den Museumsbesucher, der sich hier hinsetzen und das tun kann, was er tun soll: einfach nur schauen. Und sich freuen an der klugen Montage der Filmbilder, die manchmal auch – als Reminiszenz zu den Panoramas ein Stock tiefer – alle vier Leinwände, insgesamt sechzehn Meter umspannen.
OK: Eine Darth Vader-Maske oder der Maximilian-Schell-Oscar von „Das Urteil von Nürnberg“ (auf den das Filmmuseum sehr stolz ist) bieten keinen weiteren Erkenntnisgewinn, auch die Vitrine mit Autogrammkarten oder die mit Kostümentwürfen sind schnell zur Kenntnis genommen und abgehakt. Viel besser sind in diesem Bereich wieder die Sachen zum Machen, mit modernster Technik: Man kann Filmausschnitten verschiedene Musiken unterlegen und die unterschiedlichen Wirkungen erfahren, man kann am Greenscreen am Abgrund balancieren oder sich vor einer riesigen Spinne fürchten. Verschiedene Lichtstimmungen in einem kleinen Studio sind interessant, wären aber wirkungsvoller, säße man nicht vor einer neutral weißen Wand, sondern vor ein paar Requisiten (gab’s so was nicht auch in der Version 1.0 des Filmmuseums?). Höhepunkt hier: Die Möglichkeit des Filmschnitts. Für ein paar Szenen aus Dani Levys „Alles auf Zucker“ stehen vier, fünf Kameraeinstellungen zur Verfügung, die man in neuer Reihenfolge montieren kann – das verspricht langes Vergnügen, und die Erkenntnis, dass auch eine vollkommen zufällige Einstellungsreihenfolge besser ist als Levys originaler Filmschnitt…

Levy ist natürlich auch Teil der Wechselausstellung. Jim Rakete hat deutsche Stars und Talente fotografiert mit für sie wichtigen Requisiten oder Gegenständen ihres Berufs und ihrer Berufung – 100 Bilder sind das, eine Art Geschenk für das neue Filmmuseum. „Stand der Dinge“ heißt diese Porträtsammlung, der Titel ist eine Leihgabe von Wim Wenders und bezeichnet den schwebenden Moment, von dem man nicht weiß, wie’s weitergehen wird. Viele der Porträts sind treffend, witzig: Levy mit Zuckerwürfeln, die ihm um die Ohren fliegen; Burghardt Klaußner mit einem Joint in Gedenken an alte Tage – nämlich die von „Die fetten Jahre sind vorbei“. Oder Hannes Jaenicke mit einem BMW-Motorrad von 1928, das gar nichts mit Filmen, aber viel mit ihm selbst zu tun hat. Bei anderen Porträtierten – ich nenne keine Namen – erinnert man sich vor allem an die Filme, auf die sie verweisen, und erschrickt: Weil man diese Filme allzu oft erfolgreich verdrängt hatte und sie nun wieder vor dem geistigen Auge auftauchen wie böse Schemen… Nur zwei möchte ich besonders herausstellen: Till Schweiger mit der Regieklappe aus dem orthographisch falsch betitelten „Barfuss“: „Ich glaube, von allen Filmen, die ich bis dato selbst inszeniert habe, ist dieser am zeitlosesten“, erklärt Herr Schwaiger im kleinen Begleitheft zur Porträtreihe. Und wird in seiner Egomanie nur noch von Hannelore Elsner übertroffen, die es sich nämlich tatsächlich nicht nehmen lässt, mit sich selbst zu posieren.

Das neu gestaltete Filmmuseum – das auch ein schönes, neues (wenn auch wegen der Baustatik nicht vergrößertes) Kino in schönen Rottönen und mit bequemen Sesseln bekommen hat – soll ein Haus für die Zukunft sein, um die Vergangenheit erlebbar machen zu können. Das ist gelungen, man kann sich lange mit Vergnügen darin aufhalten. In der Tat fehlen eigentlich nur die Dick und Doof-Filme.

Harald Mühlbeyer



Übers Wochenende vom 12. bis 14. August finden eine Menge Eröffnungsfeierlichkeiten statt inklusive einem Kinoprogramm, bei dem deutsche Filmschaffende ihre Lieblingsfilme zeigen (Frau Elsner natürlich einen mit sich selbst, nämlich mit ihrem ersten Kinoauftritt…) Infos HIER.

Super gestrig




Zu GREEN LANTERN und CAPTAIN AMERICA

„Laterne, Laterne…“

„… Sonne, Mond und Sterne“ – ja, an denen geht es vorbei, auf der Reise des Hoppla-Jetzt-Komm-ich-Testpiloten Hal (nicht zu verwechseln mit dem 2001-Bordcomputer). Er ist auf dem Weg nach Oa (oder war’s Oha? Uiuiui?) und da hinbugsiert ihn sein grüner Zauberring. Ein sterbender Außerirdischer hat ihn ihm gereicht, oder besser: der Ring (zu dem noch die grüne Lampe gehört, an der man den Ring aufladen kann, jaha!) hat sich Hal ausgesucht, auf das der Menschling zum erlauchten Kreise der intergalaktischen Nachtwächter gehöre, die das All vor Unheil bewahren – das Green-Lantern-Corps, sowas wie die Marines des Universums.

Die Comichelden-Verfilmung von Martin Campbell (CASINO ROYALE, ZORRO) ist gar nicht so ununterhaltsam, wofür Tausendsassa Campbell und sein Team sorgen; Ryan Reynolds als Hauptdarsteller macht seine Sache sehr gut, vor allem aber auch Peter Sarsgaard als tragischer Schurke, dem viel Platz eingeräumt wird, und Blake Lively (THE TOWN) ist hier einfach zum Verlieben hübsch. Auch die 3D-Effekte machen richtig Spaß, funktionieren hier mal, mit all den Lichtkugeln etc.

Okay, die Story ist dünn wie ein Oblate und vergeht ebenso im Mund, das Finale ein hurtiger Witz – anspruchsloser grün-bunter Quark, gleichwohl zwar nicht schlauer, aber nicht so schlimm wie es der Trailer suggeriert. Was aber auf die Nerven gehen kann, ist das völlig überkommene Heldengetue und die Mentalität, die dahinter steckt.



Rein, edel, vor allem mannhaft und ohne Furcht muss man als rechtes Mitglied der Grüne-Leuchte-Schutztruppe sein. Die „gute“ Energie, die hier alles am Leben erhält und den Bio-Sparlampen ihre Kraft verleiht, das ist die des – Obacht! – Willens. Die alten Wesen haben sie sich zu Nutze machen gelernt, während einer der ihren, ein Abtrünnling, der nun zurückgekehrt Welten verschlingt, sich die (gelbe!) Energie der Furcht aneignete. Hal wiederum, dessen Papa als Pilot vor den Jungenaugen des Sohnemanns in einem Unfall ums Leben kam, versteckt sich hinter seinem verantwortungslosen Draufgängertum, weshalb ihn Ober-Feldwebel Sinestro (toll trotz Albernheit: Mark Strong) verachtet und im Training verhaut. Zuletzt aber, Thea-von-Harbou-mässig, ist Hal der wahre Held, der nicht Hirn und Hand qua Herz verbindet (siehe METROPOLIS), sondern seine Angst mit Mut überwindet, quasi die neue alternative Energie. Mit der kann er dann auch amorphe Furchtplanetenmasse verhauen, mit grünen Riesenfäusten und anderem Zeugs, das sein Ring materialisiert.

Ähnlich rückwärtsgewandt in Sachen Heldentum, Ehre Pflicht und Vaterland, freilich etwas ironischer und durch die Zeit der Story legitimiert ist CAPTAIN AMERICA, der erste Avengers-Film von Marvel. Während das Comic-Haus DC GREEN LANTERN als Popcorn-Bonbon für Zwischendurch gereicht hat, bis nächstes Jahr der neue BATMAN-Film von Christopher Nolan ordentlich Kasse macht, tummeln sich von THOR bis X-MEN die Superhelden des Stan-Lee-&Co.-Verlags heuer en masse auf der Leinwand, ehe 2012 nicht nur der neue neue Spider-Man kommt, sondern auch das Rächer-Klassentreffen, bei dem Iron Man, Hulk, Thor zusammenfinden, um die Welt gemeinsam zu retten. Und mit zu dem erlauchten Kreis gehört nun auch Captain America.

Den spielt Chris Evans (die „Fackel“ in den FANTASTIC FOUR-Filmen) und hält dabei die Balance zwischen dem typischen „amerikanischen“ Soldatenhelden mit gelassener Weltmachtsüberheblichkeit, reinem Herzen und naivem Blick sowie dessen ironischer Brechung. Sein Steve Rogers ist ein Hänfling, den die Army nicht will, ehe ihn der expatriierte deutsche Wissenschaftler Erskine (famos: Stanley Tucci) unter seine Fittiche nimmt und zum „Super Soldier“ macht, der dann gegen den Hyper-Nazi „Red Skull“ (ebenfalls ein Genuss: MATRIX-Mr. Smith-LORD OF THE RINGS-Elrond Hugo Weaving) antritt. Denn: Es ist Zweiter Weltkrieg, und Regisseur Joe Johnston macht diesen mit seinen Kommando-Abenteuern (Filme wie DIE KANONEN VON NAVARONE lassen grüßen), mehr aber noch das New York der 1940er zum ganz eigenen Schauwert wie es dieses Jahr schon X-MEN: FIRST CLASS mit den 1960ern rund um Kuba-Krise und Minirock tat.



Retro ist momentan in der Popkultur eben angesagt, siehe die Serie „Mad Men“, siehe SUPER 8, vielleicht weil wir uns an der Gegenwart oder der Science-Fiction-Zukunft, die mittlerweile auch immer mehr gegenwärtig geworden – ästhetisch in Architektur und Design, technisch mit Augmented-Reality-Smartphones –, satt- und schwindelig gesehen haben; vielleicht auch aus vereinfachender Nostalgie heraus, die immer auch eine des Kinos ist. CAPTAIN AMERICA kreiert unter der Regie des dahingehend ROCKETEER-erfahrenen Joe Johnston aber nicht nur hyperreale, teilweise aber auch großartig „taktile“ Museumsbilder der vergangenen Epoche im nicht ganz so funktionierendem 3D, sondern importiert aus der Vergangenheit ein überkommenes Modell vom Helden und „seiner“ Männlichkeit. Sicher, CAPTAIN AMERICA verulkt den Heroenpathos und seine Vermarktung auf brillante Weise selbst: Der wahre nationalwichtige Platz des Supermanns im Sternenbannerdress ist zunächst die Tingel-Tangel-Bühne, um Kriegsanleihen an den Mann zu bringen, oder in Comics oder auf der Schwarz-Weiß-Kinoleinwand in ulkigen Serials, um den Spirit des Volkes aufzupäppeln. Später wird aus dem billig-gehäkelten Anzug aber eine echte lederknarrende Kostümuniform, und gerade zum ermüdend überlangen Dauer-Action-Höhepunkt des Finales schert sich niemand mehr, auch der Film nicht, um all die moraline Mär der Marke „Kleine Leute sind die wahren Riesen“, mit der Anfangs noch amüsant der dünne Pimpf Rogers (Evans staunenswert digital verschmächtigt) charakterisiert wurde und die Story im angenehmen Vorlauf eine nette Note erhielt. Letztlich ist der Held doch nämlich nur mit Muckis und echtem Wumms in den Fäusten zu was nutze, Schneid oder Herz am rechten Fleck hin oder her. Dass Hayley Atwell als britische Offizierin Peggy Carter nur love interest und ansonsten bloß Staffage ist, ist da schon selbstverständlich. Und die Nazis sind eigentlich auch nur Bullies (hier von der Geheimorganisation Hydra mit magischen Walhalla-Stein) und gehören deshalb verhauen – Weltgeschichte und Weltpolitik der Marke Klischee-USA.

Das ist bei CAPTAIN AMERICA, wie gesagt, eben noch so selbstreflexiv witzig, weil es so zu dem Setting passt, der patriotischen Idee seiner Hauptfigur, die 1941 in die Welt kam, welche mit ihren bösen Deutschen, Japanern, Italienern, später dann Russen ihrer bedurfte. Nach Vietnam und heute in Zeiten von Irak-Schmuddeleien und Black-Water-Söldnern ist ein Captain America schlicht so nutzlos wie in Germany ein „Hauptmann Deutschland“ unmöglich.



Allerdings: Erst am Schluss wird der blonde Recke Rogers aus dem Eis aufgetaut und rennt über den Times Square von heute – der Zeit-, Kultur- und damit auch Ideologie-Clash der Figur mit dem Jetzt wird verschoben (und hoffentlich ordentlich nachgeholt, vielleicht eben im AVENGERS-Film). Das Konzept Comic-Superheld selbst jedoch gleicht hier wie in GREEN LANTERN tongue-in-cheek-affirmativ dem des ironisierten, so völlig gestrigen Soldaten-Leitbilds in CAPTAIN AMERICA. Er muss dem Schönheits- und Charakteridealen entsprechen, den normativen Herz- und Körpermaßen. Da war Stan Lee mit seinem linkischen Teenager Peter Parker alias Spider-Man schon ein bisschen weiter. Auch das Kino der letzten Zeit, weniger mit dahingehend nur vordergründigen und unergiebigen Filmen wie KICK-ASS oder WATCHMEN als mit sowas wie dem (letztlich natürlich auch nur dieselben Grundmuster reproduzierenden) SUPER von SLITHER-Regisseur und dereinstigem Troma-Mann James Gunn: Was ist denn die menschlichen Sorgen und Bedürfnissen, die Superhelden erst als Idee in die Welt bringen? wird da komödiantisch gefragt. Ist doch allemal spannender als was die anti-nietz‘schen Übermenschen denn für Schwächen und Probleme haben. Aber um dem nachzugehen ist man in der nostalgische Schau-Vergangenheit freilich auch am falschen Platz.


Bernd Zywietz

Screenshot REGION: ROCKABILLY RUHRPOTT im CinéMayence


Das CinéMayence hat zwar Sommerpause, aber ein Special geht da dann doch:

Am Freitag, den 12. August wird um 20:30 Uhr die Doku ROCKABILLY RUHRPOTT (2010) von Claudia Bach und Christin Feldmann gezeigt. Dabei geht es, der Titel verrät es, um die 50er-Style Rock'n'Roll-Szene zwischen Gelsenkirchen und Bottrop. (Zur Website des Films geht's HIER)

Als Vorfilm: GRAY HAWK von Linus de Paoli.

Die Sonderveranstaltung erfolgt in Kooperation mit "Rock 'n' Road", dem Fifties-Shop in der Mainzer Gautorstraße.