Filmkritik: "Spectre" (2015)
Big (Step-)Brother is watching you

Man merkt, Bond hat was gelernt – aber Regisseur Sam Mendes nutzt dies in seinem zweiten Bond in Folge nicht etwa, um zu einem allzu verspielten Roger-Moore-Stil zurückzukehren, sondern um diesen Bond ausgerechnet da zu erwischen, wo er noch nicht so smart geworden ist: in seinem Kopf. Insoweit eine konsequente Entwicklung und ein stimmiges Aufeinandertreffen von Gegensätzen, die den Helden darum umso härter treffen. Dieser Mann, der scheinbar gelernt hat, alles mühelos zu bewältigen, der hat dennoch ein verbleibendes Riesenproblem. Und es gibt einen Superschurken, der sich dies zunutze macht: Ernst Stavro Blofeld, der jedoch zunächst nicht so heißt (Christoph Waltz). Nebenbei möchte dieser bewirken, dass sich die Geheimdienste von neun Nationen vernetzen, natürlich unter seiner Kontrolle. Bond-Filme waren schon immer gut darin, aktuelle Themen aufzugreifen (woraus sie dann gelegentlich herrlichen Blödsinn entwickelten, wie etwa bei "Der Mann mit dem goldenen Colt", der lose an die 1974er Ölkrise anknüpfte). Jetzt also die Gefahren von Big Data. Dass man zu einer stärkeren Geheimdienstvernetzung bereit ist, wenn in einem Land ein Anschlag passiert – da war dieser Film sogar aktueller, als er wissen konnte und als ihm lieb war. Aber keine Sorge: Weil Fiese und Gute, die wie bekloppt auf Computertastaturen um die Wette herumtippen, filmisch ziemlich unsexy sind, gibt es noch genug nichtvirtuelle, spektakuläre, teils herrlich bond-typisch hanebüchen-absurde und nicht immer ganz logische Action (nur ein Beispiel: Warum fliegt der Hubschrauber, den Bond am Ende mit einem Motorboot verfolgt, nicht einfach höher?). Mendes verknüpft dies geschickt mit seiner Geschichte einerseits und mit den Erwartungen an einen Bond andererseits, die es zu erfüllen, aber auch zu variieren und zu erweitern gilt. Dies ist ihm gelungen.

Dies ist auch ansonsten der Fall, in einem durchstilisierten Film des stilbewusst inszenierenden Sam Mendes. Ich habe bei diesem längsten Bond, den es je gab, keine Minute Langeweile empfunden, zumal es auch in den ruhigeren Szenen viel Interessantes zu erzählen gibt (und wir froh sein können, dass das Dauerfeuer zu irrer Schnittgeschwindigkeit eines "Ein Quantum Trost" nicht wiederaufgegriffen wurde). Und Skurriles! Das kam bei Bond schon öfter vor, aber noch nie so gewagt und so souverän, wie hier die Zwiesprache Bonds mit einer Maus (!) die Lösung voranbringt (ganz nebenbei mag dies eine Hommage an eine zum Ärger von Billy Wilder nie gedrehte Zwiesprache mit einer Kakerlake aus "Das Goldene Tor", 1940, sein). Bond scheint schon etwas gaga, wenn er das Tier bedroht, als wäre es der Feind. Aber dies scheint mir nicht nur ein weiteres Zeichen für Bonds Verwundbarkeit, sondern auch ein Hinweis, dass nur leicht Verrückte in einer mehr als nur leicht verrückten Welt bestehen können.

Zu diesem Film wird es übrigens noch eine direkte inhaltliche
Verbindung geben – erinnern Sie sich an die schreckliche Narbe, die die Maske
damals Donald Pleasance alias Blofeld verpasst hatte? Hier erfahren wir, wie
sie entstanden ist. Den zeitlichen Anachronismus seit "Casino Royale"
führt Mendes konsequent fort: Alle Craig-Bonds spielen in der Jetzt-Zeit und
bedienen sich modernster Accessoires und Technik – aber sie spielen auch in der
Vergangenheit und erklären, wie Bond zu dem wurde, was er ist. Sie dringen
weiter zu Bonds Wurzeln vor, so wie Blofeld mit und ohne Foltergerät in seinen
Kopf eindringt.
Diesmal dringt man auch zu Blofelds Wurzeln vor, der
bereits in mehreren Bonds der Superschurke war, bevor er in dem netten, aber
auch etwas albernen "Diamantenfieber" eher unspektakulär ums Leben
kam. Doch immerhin leitet er das weltweite Verbrecher- und Terrornetzwerk "Spectre",
welches in nicht weniger als sechs alten Bond-Filmen immer gewaltigere
Masterpläne schmiedete, bis Blofeld in "Diamantenfieber" die Welt zur
totalen Abrüstung erpressen und selbst beherrschen wollte. Schon damals keine
kleinen Brötchen – und wie monströs groß sie schon immer waren, können wir nun
erfahren. Von äußerlichen Zitaten einmal abgesehen, baut Mendes auch die
Geschichte auf früheren Bonds auf, vor allem auf denjenigen mit Daniel Craig.
Auch dies ist stringent, weil diese Filme eine konsequente Entwicklung des
ungeschliffenen Rohdiamanten Bond zeigen und teils inhaltlich stärker
zusammenhängen als frühere Filme (vor allem die ersten beiden, "Casino
Royale" und "Ein Quantum Trost", der erstmals in der Serie eine
direkte Fortsetzung war). Es wird sich zeigen, dass Blofeld die heimlich
lenkende Hand hinter allen Geschehnissen der drei Craig-Bonds war. Und da
passierte Bond und mit Bond so einiges, was unter die Oberfläche ging.
Beispielsweise war es in "Casino Royale" das erste Mal seit "Im
Geheimdienst ihrer Majestät", dass ihm eine Frau wieder etwas bedeutete,
nämlich Vesper Lynd. Und hinter dem für Bond-Puristen ungehörigen Satz "Die
Schlampe ist tot" verbarg sich in Wirklichkeit ein tiefer Schmerz. Wir
werden wieder von Vesper hören. Und Bond auch. Tiefen Schmerz zuzufügen, das
versteht Blofeld, der zu einer wahrhaft unheimlichen und ungeheuer peinigenden
Nemesis unseres Helden wird. Einer, die gerade wegen der ruhig-überlegt-überlegenen
Art des optisch eher unscheinbaren Christoph Waltz umso beängstigender ist.
Was wird daraus werden? Ein Bruderzwist Shakespeare'schen
Ausmaßes? Man darf gespannt sein: Weil Blofeld als späterer Blofeld in früheren
Bonds auftaucht, ist klar, dass der Schurke diesmal nicht sterben wird. Nette
Idee, ihn in Beamtenkorrektheit "gemäß des Gesetzes XY" verhaften zu
lassen (liebe deutsche Synchronautoren: Es heißt "gemäß DEM Gesetz",
nur mal nebenbei). So einem kommt man mit Beamtenkorrektheit natürlich nicht
bei. Aber das wird der nächste Film erzählen.
Bei aller stilsicheren Brillanz zwischen Seriengesetz und
Arthouse, bei allem Geschick in der Auswahl "unmöglicher" Orte und
Settings, bei allen gewohnt spektakulären Actionszenen fallen jedoch zwei Dinge
auf: Sam Mendes mag offensichtlich einen geringen Grad an Tiefenschärfe, und er
tut sich immer noch etwas schwer mit der obligatorischen Erotik.
Ersteres führt dazu, dass oft auch Personen, die nur in
geringer Entfernung zu einer anderen Person stehen und z.B. von hinten einen
großen Teil des Bildes füllen, nicht scharf zu sehen sind. Kann man machen und
entspricht auch dem Unvermögen des menschlichen Auges, alles gleichzeitig
scharf zu sehen. Aber die Leinwand ist nun mal zweidimensional und verschafft
dem Auge einen Gesamtüberblick, wie es ihn in der Realität nicht gibt. Anders
gesagt: Man sieht dasjenige, worauf man sich in der Realität nicht
konzentriert, nicht unscharf, sondern man sieht es gar nicht. Anders beim Blick
auf die Kinoleinwand, weswegen ich Tiefenschärfe als Mittel zum besten
Gesamtüberblick und zur Möglichkeit, sich selbst auszusuchen, was man
fokussiert, lieber mag (nach André Bazin ist Tiefenschärfe daher der
objektivste Filmblick, was Meister der Mise-en-scène wie William Wyler und Orson
Welles gern genutzt, aber mit nicht neutralen Bild(kom)positionen kombiniert
haben).

Hier hatte ich den Eindruck, die Produzentin hätte Mendes
irgendwann mal gesteckt, dass Bond pro Film nicht nur eine einzige Frau
flachlegen darf, und der Mann hat das dann pflichtschuldig statt
leidenschaftlich abgedreht. Die geheimnisvolle Frau "mit Vergangenheit"
(zum Glück sieht Belluci sehr schön, aber kein bisschen jünger aus, als sie
ist), die Verbindung mit dem Bösen und der Flirt mit dem Guten – eigentlich
Standardzutaten. Aber Mendes interessiert mehr das "Davor" als das "Währenddessen"
– und das "Danach" schon gar nicht: Lucia verschwindet einfach aus
der Geschichte. Sie hat ein kurzes Gastspiel, und der Film interessiert sich
nicht sonderlich für sie. Schade! Ein unmotivierter Einschub, fast ein
Fremdkörper im Film. Léa Seydoux alias Madeleine Swann hat es da schon besser,
und man merkt, dass Bond sie nicht nur anziehend findet, sondern dass so etwas
wie Liebe zwischen den beiden entsteht. Bemerkenswerterweise lässt sie ihn –
zunächst – nicht an sich heran, jetzt wo er wirklich will und nicht mal eben,
wie in der Eröffnungssequenz, eine Frau, die er sofort haben kann, stehen
lässt, "Ich muss nur mal kurz die Welt retten".
Hier zahlt sich die Erotikverweigerung einmal aus. Zumal es nicht bei ihr
bleiben wird…
Fazit: Bis auf sehr kleine Ausnahmen stimmt alles.
Stringente Handlung und Entwicklung, wobei Bonds neue und konsequent weiter
geführte Ernsthaftigkeit nicht allzu bleischwer auf dem ganzen Film lastet. Das
ist ein echter Bond mit Neuem, aber auch mit allem Alten, was dazugehört,
inklusive der obligatorischen humorvollen Einzeiler, aber ohne Klamauk. Und mit
einer interessanten Weiterentwicklung von Moneypenny und Q sowie einem neuen M,
in dessen Rolle Ralph Fiennes uns lange erhalten bleiben möge. Bond hat seit
1962 viele Gesichter gehabt und viele Erwartungshaltungen geweckt. "Spectre"
hat das Potenzial, sie alle zu erfüllen.
Tonio Klein
"Spectre", Großbritannien/USA 2015
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
Kamera: Hoyte van Hoytema
Musik: Thomas Newman
Produktion: Barbara Broccoli, Michael G. Wilson
Darsteller: Daniel Craig (James Bond), Christoph Waltz (Blofeld), Léa Seydoux (Madeleine Swann), Andrew Scott (Max Debigh, "C") Ralph Fiennes (M), Ben Wishaw (Q), Naomie Harris (Eve Moneypenny), Monica Bellucci (Lucia Sciarra)
Länge: 148 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 5. November 2015
Alle Abbildungen (c) Sony Pictures
Alle Abbildungen (c) Sony Pictures