Cinema Quadrat, Mannheim, 31. Oktober 2015:
"Blutmesse für den Teufel" / "El espanto
surge de la tumba", Spanien 1973, Regie: Carlos Aured
"Die Nacht der reitenden Leichen" / "La noche
des terror ciego", Spanien 1971, Regie: Amando de Ossorio
Jetztzeit. Zwei Pärchen. Bisschen Liebesgetingel. Und eine Séance, ach, da wackelt der Tisch, und das Medium, einealte Frau, die wie ein Medium aussieht, fällt fast in Ohnmacht, weil da dieser geisterhafte Kopf des alten Alaric durch die Luft schwebt… In dem haben wir längst Paul Naschy erkannt, der sonst so gerne den Wolfsmenschen Waldemar spielt: Hier aber in einer Doppelrolle, denn er spielt auch Hugo, den Nachfahren des verfluchten Bruders des Hexenmeisters, im heutigen Paris… Sein Freund Maurice übrigens – dessen Vorfahr wurde anno dunnemals auch verflucht. Jetzt ist er Maler, und er sieht immer nur in seinen kreativen Visionen dieses grässliche Gesicht des eifernden, geifernden Satanisten… Huch, was schreckliches Gemälde!
Wobei nach wie vor unklar bleibt, wo denn die Pferde
herkommen. Andererseits: Ritter ohne Pferde, das geht natürlich gar nicht!
(Gruß an die Pythons zum 40. "Holy Grail"-Jubiläum!) Und um Ritter
geht es hier natürlich, um Tempelritter, legendenumrankte
Weltherrschaftsaspiranten, Großverschwörer, Machtansammler: Aus den Kreuzzügen
kommen sie, um ihre Herrschaft durchzusetzen, eine Herrschaft, die noch bis ins
Heute wirkt. Denn sie haben das Geheimnis ewigen Lebens entdeckt,
Jungfrauenblut ist eine Hauptzutat, ewige Jugend ist aber nicht Teil des
Ergebnisses… Und so steigen sie aus ihren Gräbern, jede Nacht ist die
"Nacht der reitenden Leichen"!
In diesem Film geht es also ebenfalls und wiederum um die
ins Zerstörerische gewendete Macht eines ewigen Katholizismus, einer
immerwährenden, immer neu aufbrechenden Unterdrückungs- und Gewaltmaschinerie.
In Form von Zombies natürlich. Zombies auf Pferden. Und es geht um eine rigide
Sexualmoral, die allerlei innere Neurosen und Hemmnisse bewirkt, eine
Moralstrenge, die total lebensfeindlich ist. Das wäre natürlich Anlass,
Nackedeis zu zeigen, doch Amando de Ossorio versagt sich das weitgehend in
seinem Film.
Obwohl er durchaus in Verführung hätte geraten können:
Beginnt er doch in einem Schwimmbad, eine Schönheit unter der Dusche neben dem
Becken, bevor sie eine alte Schulfreundin sieht, die sich in der Sonne räkelt…
Beiden ist die Begegnung etwas unangenehm, unbehagliche Erinnerungen an das
Früher scheinen irgendwie mitzuschwingen, die Unterhaltung zeigt frühere
Verbundenheit ebenso wie oberflächliche Unverbindlichkeit, bis Roger auftritt,
seines Zeichens Macker und Stecher und von sich überzeugt. Er ist der Freund
von Virginia, der unschuldigen Dame, die hier von Bella angesprochen wurde:
Virginia und Roger planen einen Kurzurlaub, auf Rogers Drängen kommt Bella mit,
ein schiefes, unharmonisches Dreieck, wie sich herausstellt. Weil Virginia eher
verhuscht ist, und Bella nicht mit ihren Reizen geizt, und Roger sowieso
aufgeschlossen ist für alles. Und weil diese Rückblende das Früher zeigt, als
Bella und Virginia in der Klosterschule ein Zimmer teilten, und als Bella
Virginia zu verführen suchte… Auch dies recht zurückhaltend gefilmt übrigens, es
ist wahrscheinlich noch der Frühzeit des Nacktheitskinos geschuldet, dass hier
nicht allzu viel Haut zu sehen ist. Tut aber dem Film gut, denn der ist von
erstaunlich hoher Qualität, was Spannung und Dramaturgie angeht – zumal damals,
Anfang der 1970er, ja all die Stereotypen und Standards erst mal etabliert
wurden, so dass dieser hier weniger epigonisch denn vorbildhaft erscheint;
auch, wenn die meisten filmischen Situationen inzwischen nun auch schon etliche
Male durchgekaut wurden.
Noch aber ist nichts passiert außer im zwischenmenschlichen
Bereich: Bella, Virginia und Roger sind unterwegs per Bahn, und weil Roger
heftig mit Bella anbandelt, und weil Virginia sich schämt ob ihrer früheren Bindung
zu Bella, ein paar giftige Blicke, ein bisschen Schmollen, und hops packt sie
sich ihr Reisetäschchen und springt aus dem Zug. Der Lokführer und der Heizer
(jawohl: Dampflok! Gute alte Zeit…) sind besorgt – denn gerade sind sie an
diesem Ruinendorf vorbeigefahren, das hinten in der Ferne von einem kleinen
Berge dräut… Weil wir mitten im Nirgendwo sind, wandert die junge Dame in die
Ruine, wo sie sich ein Nachtlager einrichtet. Und in der Nacht, da wackeln die
Grabsteine, da trappelt es wie von tausend Pferdehufen, da brechen die Hände
durch die Erde durch – zerfledderte, zerlumpte Gestalten machen sich auf, sie
spüren jedem Geräusch nach: Später erfahren wir, dass sie blind sind, sie
wurden durch Blendung gestraft, als der Templerorden aufgelöst wurde… Nach
einer kurzen Jagd holen die Reiter das Fräulein ein, zu Pferde, auf freiem
Feld, und sie stürzen sich auf sie…
Was natürlich die Polizei auf den Plan ruft. Eine Leiche auf
dem Feld – das muss der Herr Kommissar am nächsten Morgen untersuchen. Aber
natürlich ist nichts mehr zu finden… In der Leichenhalle dann wieder Bella und
Roger, zur Identifizierung – und zur filmischen Einführung dieses Faktotums, so
was wie der Hausmeister in der Pathologie, der mit sichtlicher Lust erstmal die
falsche Leiche vorzeigt, haha, reingelegt! Der im Übrigen ein Fröschlein sein
eigen nennt in einem Glas, in einem Käfig einen Vogel hat. Und nachts nicht
merkt, wie hinter ihm sich das Leichentuch bewegt – das war's dann für ihn,
Virginia ist wieder da. Und macht sich auch noch an Bellas Mitarbeiterin in
deren Fabrik für Schaufensterpuppen her. Die liegt übrigens direkt neben einem
Friedhof, was aber nichts zur Sache tut, denn das Grauen kommt aus dem
Mittelalter. Die tote Virginia schleicht zwischen den Puppen umher, und wir
lernen: Zombies brennen lichterloh.
Bella und Roger forschen nach. Ein alter Professor ist kurz
angebunden, was seinen Sohn angeht, der ist nämlich Schmuggler und von daher
prädestiniert für eine weitere Nacht in der Ruine. Zusammen mit seiner
eifersüchtigen Freundin. Die fängt alsbald Streit mit Roger an, während Bella
auf dem Templerfriedhof von dem Herrn Schmuggler vergewaltigt wird. Der ist
nämlich dauergeil. Zumindest solange, bis wieder die Grabsteine wackeln…
Die Vergewaltigung macht Bella erstaunlich wenig aus, das
liegt aber wohl eher daran, dass der Film jetzt zu einem Ende kommen soll. Und
dass er jetzt schon ziemlich alles gesagt hat über unterdrückte, ausbrechende,
begehrende und/oder gewalttätige Sexualität. Und natürlich über die
Mittelalter-Monster, die wir in einer Rückblende eine blonde Maid zerbeißen
sehen, im Rahmen des Ewiges-Leben-Rituals… Leben: Das ist halt ein kostbares
Gut, der Heizer bemüht sich deshalb, die fliehende Bella zu retten, auf Kosten
eines ganzen Zuges voller Menschenleben – ein schöner, abgründiger Schluss offeriert
uns dieser Film, wie es nur die Großen unter den Horrorfilmen – Polanski mit
tanzenden Vampiren oder Rosemarys Nachwuchs, Romero mit seinen Friedhofszombies
wenige Jahre vor, Herzog/Kinskis Vampir einige Jahre nach den reitenden Leichen
– zum Besten geben.
Harald Mühlbeyer










