FLUGTEN (2009)

Flüchtiger Terrorist

(Von unserer Partnerseite Terrorismus & Film).



Der Film kommt schnell zur Sache: Gerade noch geht die dänische Journalistin Rikke (Iben Hjejle) durch die afghanischen Straßen, das blonde Haar nur notdürftig unter einem Tuch versteckt, steigt ins Auto eines Dolmetschers. Plötzlich kommen schon die Taliban mit ihren Kalaschnikows. Die eben noch selbstbewusst lächelnde, in sich ruhende Rikke wird entführt, ein Tschador ihr übergeworfen.

In einem kleinen Bergdorf, halb Bauernstädtchen, halb Festung hält man sie gefangen. Das Video ist schnell gedreht, sie ist gezwungen, die Forderung zu verlesen: Dänemark soll sich aus Afghanistan zurückziehen. Zu Rikkes Bewachung wird der junge Nazir (Faegh Zamani) abgestellt, der von der hellhaarigen Fremden sogleich fasziniert ist. Nazirs Vater wurde, wie er ihr in einem schwachen Moment erzählt, von US-Soldaten erschossen; jetzt hat ihn sein Onkel zum Talib-Kämpfer erkoren, der Rache wegen.



Aber Nazir ist nicht ganz mit dem Herzen dabei. Als der Terroristenführer überlegt, Rikke zu töten, wendet der Junge ein, das würde nichts bringen: Nur ein toter Journalist mehr. Nicht mal BBC würde berichten. Das überzeugt den bärtigen Extremisten. Doch für Rikke und Nazir wird es trotzdem unangenehm. Um seine Männlichkeit zu beweisen, wird der Junge auserkoren, Rikke vor der Kamera einen Finger abzuschneiden. Er tut es, stützt nach draußen und übergibt sich.

Schließlich verhilft Nazir Rikke zur Flucht. Sie kehrt zurück nach Dänemark, wird ein Medienstar, schreibt ein Buch, tritt im Fernsehen. Auch die Liebe mit dem verheirateten Anwalt Thomas (Lars Mikkelsen) kommt wieder in die Gänge. Derweil gehen bei einem Bombenanschlag Nazir der kleine enge Zusammenhalt der Terroristengruppe verloren. Seinem toten Anführer nimmt er noch das Geld ab – und schlägt sich nach Dänemark durch. Rikke, die ihm ihr Leben verdankt, soll nun ihm helfen. Doch die wird als Heldin gefeiert, die sich – so war es Nazirs Bitte, um nicht als Verräter dazustehen – „selbst befreit“ hat.



Mit FLUGTEN nach Olav Hergels Roman „Flygtningen“ hat Kathrine Windfeld einen etwas Film gedreht, der vielleicht auch gar nicht anders konnte, als ein wenig unausgegoren zu sein und der nichtsdestotrotz eine spannende Story in seiner Kombination aus Flüchtlings- und Terrorismusdrama ist. Der Weg Nazirs nach Dänemark gerät leicht konstruiert, auch ist FLUGTEN gerade da schwach, wo er besonders stark sein müsste: wenn sich Rikke und Nazir in Dänemark wieder gegenüberstehen, er der nun als aus der Asylantenunterkunft entwichene Flüchtling, sie die engagierte Journalistin. Sofort ist sie bereit, ihm zu helfen, auch wenn sie weiß, dass es sie wegen ihrer kleinen – und trotzdem wohlgemeinten – Lügengeschichte ruinieren wird.

Doch beiden (oder zumindest dem Zuschauer) gönnt der Film keinen intensiven Moment vergleichbar dem des Anfangs, einer, in dem den zwei Welten und dieser hochdramatischen Konstellation der Umkehrung von Macht, Heimat und Abhängigkeit halbwegs ausgespielt würde. Nicht mal auf den abgeschnittenen Finger kommen sie zu sprechen. Auch weswegen Nazir sich genau nach Dänemark aufmacht – um aus Afghanistan rauszukommen, ein besseres Leben zu finden oder einfach Rikkes wegen –, bleibt unklar.



Vielleicht ist es aber von Vorteil, vielleicht tut der Film gut daran, keine Romantik aufkommen zu lassen, keine tiefe Seelenforschung zu betreiben und dem Gutmenschentum ein bisschen entgegenzuwirken – auch wenn er zum Schluss dann doch eine etwas zu bedeutsame Szene parat hält. Bei allen Schwächen, zu denen leider auch gehört, mit den großen drägenden Themen wie Afghanistan und Terrorismus, Einwanderung und Medienzirkus zwar leichthändig zu spielen, zugleich darin etwas achselzuckend „nur“ auf der Ebene des Personendramas und ihrem verschiedenen Formen des titelgebenden Entkommens zu bleiben: FLUGTEN weist drei große Vorzüge auf, die den Film sehenswert machen.

Da ist zum einen die „nordisch“ unaufgeregte Inszenierung, die mit der mittlerweile im Kino (und gerade dem des Terrorismusfilms) eingeübten, hier jedoch souverän und Bedacht eingesetzten Handkamera lakonisch, dezent und zugleich mitfühlend-interessiert gelingt. Weder Rikkes Verstümmelung, noch Nazirs Erbrechen werden ausgestellt. Im fahl orangefarbenen Licht Afghanistans oder dem kühlen winterlichen Blau Dänemarks widmet sich Windfeld ganz den Figuren und ihrer Geschichte, verbiegt sie nicht ästhetisch, fügt nichts über Gebühr hinzu.



Windfeld kann das auch, weil sie mit vor allem mit Iben Hjejle (MIFUNE; FLICKERING LIGHTS) eine nicht nur überaus talentierte, sondern auch einnehmende Schauspielerin hat. Dass deren Rikke dramaturgisch gesehen bisweilen wenig von sich preisgibt, ist dabei von Vorteil. Die stärksten Augenblicke von FLUGTEN ist auch nicht die Hauptstory um Nazir, es ist die unmögliche Beziehung zu Thomas, ihrem Ex-Freund und jetzigen wohlverheirateten Anwalt (von Lars Mikkelsen ebenfalls mit großer Präsenz verkörpert) und die der Film mit wenigen Federstrichen intensiv und komplex zeichnet.

Nicht zuletzt ist FLUGTEN ein origineller Beitrag zum internationalen „war-on-terror“-Kinos, in dem sich von Indien und Pakistan bis nach England und Deutschland jedes Land sich dem Aspekt des nun in doppelter Hinsicht transnationalen Terrorismus von al-Qaida und Co. widmet, der ihn zu Hause am meisten auf der Seele liegt. In Dänemark ist es u.a. die Debatte um den Umgang mit Migranten und Asylanten.

Natürlich denkt an die Mohamed-Karikaturen in der Jyllands-Posten, aber FLUGTEN wendet sich nicht – wie FREMDER FREUND in Deutschland oder SHOOT ON SIGHT in England – dem homegrown terrorism zu, den radikalisierten Muslimen, dem Verhältnis von echter und vermeintlicher Bedrohung und dem Problem der Toleranz und des Rassismus in diesem Kontext. Nein, FLUGTEN denkt zwei ansonsten weniger behandelte Problemfelder zusammen und regt zum Nachdenken an, wenn er den einstigen Terroristen nun zum arglosen Flüchtling macht.



Was also, wenn die Täter von dort zu Hilfesuchenden hier werden? Wie gesagt, der Film nimmt sich dem Thema nicht mit der Konsequenz an, die man im wünschen würde. Nur kurz, von einer Politikerin, mit der Rikke in einer Talkshow aneinander geraten ist, erfährt übers Fernsehen, dass Nazirs Terrorgruppe auch für einen Bombenanschlag auf einen US-Konvoi verantwortlich war. Nur eben dass der Film klar macht, dass und wie es eben nicht „Nazirs Gruppe“ ist. Natürlich muss der Film, für den Zuschauer, für das „Funktionieren“ seiner Geschichte, den jungen, buchstäblich blauäugigen Talib zu einem halbherzigen Mitläufer machen. Die Begründung dafür, der Tod des Vaters, gehört auch zum entschuldigenden Standard des Erzählens vom „tragischen Terroristen“.



Andererseits bietet FLUGTEN damit ein seltenes Gegen-Bild von den „fanatischen“ Taliban-Gruppen, die hier mal aus Jung und Alt, mal mehr, mal weniger Überzeugten zusammensetzen. Dass Mord und Verstümmelung nicht einfach und automatisch dem Glaubenskampf geschuldet und schlicht nicht jedermanns Sache auch auf der Seite der „Gotteskrieger“ ist, die eingebunden sind in ein komplexes Geflecht aus Tradition und Pflicht, Solidarität und Männlichkeitsdenken – dass wie knapp auch immer aufzugreifen ohne zu entschuldigen oder zu bejammern, ist gut.

Ebenso wirkt es überraschend „anderes“, wenn der Terrortrupp in die Stadt fährt und da selbst von einem Bombenanschlag als Kollateralschaden zum Opfer fällt: Es verdeutlicht das Problem vor allem im konkreten Anti-Terror-Krieg und im Namen einer Sicherheit, die auch am Hindukusch verteidigt wird, nicht einzelne Menschen und Ideologien bekämpfen zu müssen, sondern einer Unübersichtlichkeit und sich selbst generierenden Gewalt, die Ordnungsstrukturen auslöscht – und auch die des Denkens in Freund-Feind-Schubladen attackiert. Oder das von Heimat und Fremde.

In seinem Versteck, in dem ihn Rikkes Freunde nach seiner Flucht aus dem Heim untergebracht haben, betrachtet Nazir die im Hof zusammengepferchten Schafe. Zuhause, in der sonnigen Steinwüste am Rand der Berge hat er sie noch freilaufendend beim Ziegenhüten beobachtet. Wie für Rikkes und Thomas unterdrückte Liebe gilt eben: Manchmal ist das echte Freiheit nur im falschen Leben, wo (und wenn) der Tod ganz nah ist.


Bernd Zywietz


FLUGTEN (DK 2009)
R: Kathrine Windfeld
B: Mette Heeno, Rasmus Heisterberg
Nach dem Roman von Olav Hergel
Mit: Iben Hjejle, Lars Mikkelsen, Faegh Zamani, Sonja Richter, Henrik Prip
K: Jonas Alarik
SCH: Sofia Lindgren
M: Jean-Paul Wall
114 Minuten

Auf DVD erschienen.